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Alle Aspekte des Gottesdienstes
Gottesdienst und Liturgie sind in den zurückliegenden Jahren wieder deutlich stärker in den Fokus der innerkirchlichen Wahrnehmung und wissenschaftlichen Diskussion getreten. Kurse zur Einübung einer stärkeren »liturgischen Präsenz«, die Wiederentdeckung von Geste und Ritual neben dem Wort oder das umfängliche Nachdenken über »Musik im Gottesdienst« sind hier nur Stichworte.
Dieses Lehrbuch bietet in ökumenischer Perspektive umfassendes liturgisches Wissen zur Geschichte und Gegenwart des Gottesdienstes, zu seinen verschiedenen Stationen und Gestalten sowie zu den Herausforderungen, vor denen liturgische Praxis heute steht.
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Seitenzahl: 1116
Veröffentlichungsjahr: 2021
Gottesdienst und Liturgie sind wieder deutlich stärker in den Fokus der innerkirchlichen Wahrnehmung und wissenschaftlichen Diskussion getreten. Die Frage nach der »liturgischen Präsenz«, die Wiederentdeckung von Geste und Ritual neben dem Wort oder die Entwicklung von Gottesdiensten im digitalen Raum markieren nur einige Themenfelder, auf denen gegenwärtig angeregt diskutiert und experimentiert wird. Dieser Band bietet die im Umfeld dieser Debatten und Bewegungen notwendige sachliche Orientierung. In ökumenischer Perspektive entfalten Alexander Deeg und David Plüss umfassendes liturgisches Wissen zur Geschichte und Gegenwart des Gottesdienstes, zu seinen verschiedenen Stationen und Gestalten sowie zu den Herausforderungen, vor denen liturgische Praxis heute steht.
Dr. Alexander Deeg ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der VELKD.
Dr. David Plüss ist Professor für Homiletik, Liturgik und Kirchentheorie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern/Schweiz und Co-Leiter des dortigen Kompetenzzentrums Liturgik
Lehrbuch Praktische Theologie
Herausgegeben von Albrecht Grözinger, Christoph Morgenthaler und Friedrich Schweitzer
Band 5Liturgik
Alexander Deeg und David Plüss
Liturgik
Lehrbuch Praktische TheologieBand 5
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Copyright © 2021 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81 673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-641-19549-6V001
www.gtvh.de
Inhalt
Vorwort
1. Einleitung
1.1 Ziel und Konzept dieses Lehrbuchs
1.2 Liturgik und Homiletik: eine vorläufige Verhältnisbestimmung
1.3 Liturgik und Liturgiewissenschaft: Begriffsklärungen
1.4 Genese, Geltung und Gestaltung
1.5 Gottesdienst und Konfessionalität
1.6 Sprach- und Kontextbezug
2. Methoden der Liturgiewissenschaft
2.1 Vielfalt liturgiewissenschaftlicher Methoden
2.2 Methoden der Wahrnehmung
2.2.1 Methoden qualitativer Religionsforschung
2.2.2 Quantitative Methoden
2.3 Methoden der Reflexion
2.3.1 Historische Methoden
2.3.2 Systematisch-theologische Methoden: Fundamentalliturgik
3. Wahrnehmungen
3.1 Gottesdienste im Plural
3.2 Wahrnehmungen
3.2.1 Beispiel 1: Leidenschaftliches Gebet und überraschende Feier – eine journalistische Gottesdienstwahrnehmung aus einem Hamburger Hochhausviertel
3.2.2 Beispiel 2: Sieben Brüder und die Macht der Liturgie – die Wahrnehmung einer katholischen Feier im Kloster Sant’Antimo
3.2.3 Beispiel 3: Liturgie, die trotz allem die Welt(-Wahrnehmung) verändert
3.2.4 Beispiel 4: Von der Herausforderung, als Liturg im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen
3.2.5 Vorläufiges Fazit aus den vier liturgischen Vignetten
3.3 Empirische Befunde
3.3.1 Entwicklung empirischer Forschung zum Gottesdienst
3.3.2 Ausgewählte Ergebnisse empirischer Gottesdienstforschung
3.3.3 Zur Rolle der Empirie in der Liturgiewissenschaft
4. Die Bibel und der Gottesdienst
4.1 Theologische und hermeneutische Vorbemerkungen
4.2 Die Gottesdienste der Bibel
4.2.1 Gottesdienstliche Phänomene im Alten Testament
4.2.2 Gottesdienstliche Phänomene im Neuen Testament
4.3 Biblische Gottesdienste
4.3.1 Die erste biblische Achse: Das Handeln Gottes und der Menschen
4.3.2 Die zweite biblische Achse: Die Gemeinschaft im Gottesdienst und die Beziehung zur Welt
4.3.3 Die dritte biblische Achse: Gottes Zeit in der Weltzeit
4.4 Die Bibel als Gottesdienstbuch
4.4.1 Die biblischen Lesungen im christlichen Gottesdienst
4.4.2 Gottesdienste als Inszenierung der Bibel
5. Geschichte der Gottesdienste
5.1 Alte Kirche
5.1.1 Aus der Lehre der 12 Apostel (Didache)
5.1.2 Brief von Plinius an Kaiser Trajan
5.1.3 Die Apologie von Justin dem Märtyrer
5.1.4 Traditio Apostolica
5.1.5 Die weitere Entwicklung der Gottesdienste in der Alten Kirche
5.2 Die westkirchlichen Gottesdienste des Mittelalters
5.2.1 Die religiösen und liturgischen Umbrüche im frühen Mittelalter (6.–11. Jh.)
5.2.2 Die liturgischen Reformen der Scholastik (12./13. Jh.)
5.2.3 Die Liturgien des Spätmittelalters
5.3 Die Gottesdienste der Reformationszeit
5.3.1 Die lutherischen Gottesdienste
5.3.2 Die reformierten Gottesdienste
5.4 Weitere Entwicklung des Gottesdienstes bis in die Gegenwart
5.4.1 Lutherische und reformierte Gottesdienste im Zeitalter von Orthodoxie und Pietismus (16. und 17. Jh.)
5.4.2 Aufklärung und Romantik
5.4.3 Liturgische Bewegungen, Bekennende Kirche und empirische Wende
6. Theologie der Gottesdienste
6.1 Modelle in Geschichte und Gegenwart
6.1.1 Situative Reflexionen zum Gottesdienst von der Bibel bis zur Zeit der Reformation und das Wechselspiel von Theologie und Liturgie
6.1.2 Gottesdiensttheologien der Reformationszeit
6.1.3 Theologien der Gottesdienste
6.2 Eckpfeiler einer Theologie der Gottesdienste
6.2.1 Versammlung
6.2.2 Präsenz und Absenz
6.2.3 WortKult
7. Anthropologie und Soziologie des Gottesdienstes
7.1 Gottesdienst und Religion
7.1.1 Cultus und Heilsversprechen: Martin Riesebrodt
7.1.2 Die fünf Dimensionen von Religion: Charles Y. Glock
7.1.3 Primäre und sekundäre Religion: Theo Sundermeier
7.2 Gottesdienst und Gesellschaft
7.2.1 Die Geburt der Gesellschaft aus der Religion: Emile Durkheim
7.2.2 Die Formen des Religiösen in der Gegenwart: Charles Taylor
7.2.3 Religiös-soziale Konkurrenz: Jörg Stolz, Judith Könemann
7.3 Gottesdienst und Anthropologie
7.3.1 »Wir spielen alle Theater«: Erving Goffman
7.3.2 Homo liturgicus: James K. A. Smith
7.3.3 Homo resonans: Hartmut Rosa
7.4 Gottesdienst und Ritual
7.4.1 Ritual und Urvertrauen: Erik H. Erikson
7.4.2 Ritual und Communitas: Victor Witter Turner
7.4.3 Ritual und emotionale Energie: Randall Collins
7.5 Gottesdienst und Erfahrung
7.5.1 Die Vielfalt religiöser Erfahrung: William James
7.5.2 Religiöse Rollenspiele: Hjalmar Sundén
7.5.3 Erfahrungen der Selbsttranszendenz: Hans Joas
7.6 Gottesdienst und Körper
7.6.1 Gesten und Mimesis: Gunter Gebauer und Christoph Wulf
7.6.2 Theater und Gottesdienst
7.6.3 Geschlechtertheorien
8. Die Wirkkräfte und Kontexte von Gottesdiensten
8.1 Die Bildungskräfte der Liturgie
8.2 Die seelsorglichen Kräfte der Liturgie
8.3 Gottesdienste und Gemeindeentwicklung
8.4 Die ökumenische Dimension von Gottesdiensten
8.5 Die kulturelle Dimension von Gottesdiensten
9. Liturgische Grundformen, Elemente, Rollen, Orte, Räume und Zeiten
9.1 Liturgische Feierformen
9.1.1 Messe
9.1.2 Predigtgottesdienst
9.1.3 Stundengebet
9.1.4 Freie Gruppenformen
9.1.5 Kasualien und Anlässe
9.1.6 Die verschiedenen Gestalten und der eine Gottesdienst
9.2 Liturgische Elemente
9.2.1 Eröffnung und Anrufung
9.2.2 Verkündigung und Bekenntnis
9.2.3 Abendmahl/Herrenmahl/Eucharistie
9.2.4 Sendung und Segen
9.2.5 Die Struktur der Gottesdienste
9.3 Liturgische Rollen
9.4 Orte und Räume
9.4.1 Heilige Räume?
9.4.2 Zur Geschichte des (Kirchen-)raumes
9.4.3 Gegenwärtige Herausforderungen und Fragestellungen
9.5 Zeiten und Zyklen
10. Praktiken des Gottesdienstes
10.1 Gottesdienste als Arrangements sozialer Praktiken
10.2 Was ist eine soziale Praxis?
10.3 Sich versammeln
10.3.1 Liturgische Vollzüge des Sich-Versammelns
10.3.2 Theologische Aspekte des Sich-Versammelns
10.3.3 Kriterien der Gestaltung
10.4 Beten
10.4.1 Liturgische Vollzüge des Betens
10.4.2 Theologische Aspekte des Betens
10.4.3 Kriterien der Gestaltung
10.5 Singen
10.5.1 Liturgische Vollzüge des Singens
10.5.2 Theologische Aspekte des Singens
10.5.3 Kriterien der Gestaltung
10.6 Lesen
10.6.1 Liturgische Vollzüge des Lesens
10.6.2 Theologische Aspekte des Lesens
10.6.3 Kriterien der Gestaltung
10.7 Auslegen
10.7.1 Elemente der Praktik des Auslegens
10.7.2 Theologische Aspekte des Auslegens
10.7.3 Kriterien der Gestaltung
10.8 Hören
10.8.1 Liturgische Vollzüge des Hörens
10.8.2 Theologische Aspekte des Hörens
10.8.3 Kriterien der Gestaltung des Hörens
10.9 Bekennen
10.9.1 Liturgische Vollzüge des Bekennens
10.9.2 Theologische Aspekte des Bekennens
10.9.3 Kriterien der Gestaltung des Bekennens
10.10 Opfern
10.10.1 Liturgische Vollzüge des Opferns
10.10.2 Theologische Aspekte des Opferns
10.10.3 Kriterien des Vollzugs des Opferns
10.11 Teilen, Essen und Trinken
10.11.1 Liturgische Vollzüge
10.11.2 Theologische Aspekte
10.11.3 Kriterien der Gestaltung
10.12 Senden und Segnen
10.12.1 Liturgische Praxis
10.12.2 Theologische Aspekte
10.12.3 Kriterien der Gestaltung
11. Medien
11.1 Die Sprache
11.1.1 Sprache im Gottesdienst und die Frage nach der Sagbarkeit Gottes oder: Das theologische Grundproblem
11.1.2 Sprache im Gottesdienst zwischen Kommunikationssoziologie, Sprechakttheorie und Rezeptionsästhetik
11.1.3 Sprachgestalt im Gottesdienst
11.1.4 Sprachpraxis im Gottesdienst
11.1.5 Kriterien für liturgische Sprache: »Simple, fresh, relevant, not too doctrinal in tone or unreal in expression«
11.1.6 Gesungene und gesprochene Sprache im Gottesdienst
11.1.7 Die Liturgiesprache im Katholizismus
11.1.8 Die Sprache des gemeinsamen Gebets im Judentum
11.1.9 Stille im Gottesdienst und Stille als Dimension des Gottesdienstes
11.2 Gesang und Musik
11.2.1 Gesang und Musik im evangelischen Gottesdienst
11.2.2 Funktionen und Wirkungen von Musik und Gesang
11.2.3 Gesang und Musik in der gegenwärtigen liturgischen Praxis
11.3 Die Symbole/Zeichen/Elemente
11.3.1 Die Wiederentdeckung von Symbolen, Zeichen und Elementen in evangelischer Liturgiewissenschaft und Gottesdienstpraxis
11.3.2 Ein kurzer Blick auf einige gottesdienstliche Symbole, Elemente und Zeichen
11.4 Herausforderungen für die Feier von Gottesdiensten im Zeitalter der Digitalität
12. Klangfarben des Gottesdienstes
12.1 Einleitung
12.1.1 Zwischen liturgischer Vielfalt und ›Beheimatung‹
12.1.2 Exemplarische Typologisierungen des Gottesdienstes
12.2 Gottesdienste als Klangräume
12.3 Die liturgische Klangfarbe der Klassik
12.4 Die liturgische Klangfarbe des Jazz
12.5 Die liturgische Klangfarbe des Rock und Pop
12.6 Die liturgische Klangfarbe der Volksmusik (inklusive Folk und Neo-Folk)
13. Liturgische Fragen im ökumenischen, christlich-jüdischen und interreligiösen Horizont
13.1 Ökumenische Liturgiewissenschaft
13.2 Liturgische Fragen im christlich-jüdischen und interreligiösen Kontext
13.2.1 Jüdische Liturgie und Liturgiewissenschaft im christlich-jüdischen Dialog
13.2.2 Liturgische Perspektiven im interreligiösen Kontext
14. Gottesdienstbücher, Hilfsmittel und Literatur
14.1 Gottesdienstbücher und Agenden (in Auswahl)
14.2 Lehrbücher, Handbücher und Einleitungen zum Studium der Liturgiewissenschaft
14.3 Liturgiewissenschaftliche Fachzeitschriften
14.4 Internetressourcen
Liturgiewissenschaftliches Glossar
Literatur
Abkürzungsverzeichnis
Register (Bibelstellenregister/Namensregister/Sachregister)
Vorwort
Ausgerechnet im Frühjahr 2021 erscheint unser Lehrbuch Liturgik – zu einer Zeit, in der die Corona-Pandemie das gottesdienstliche Leben seit etwa einem Jahr herausfordert. Vieles ist in Bewegung. Das gilt zunächst für die massive Ausweitung digitaler Gottesdienst- und Predigtangebote zwischen Livestream und Youtube, Instagram und Zoom. Aber auch überall dort, wo in physischer Kopräsenz gefeiert wurde und wird, haben sich Gottesdienste verändert: Sie mussten kürzer werden. Vielerorts durfte und darf nicht gesungen werden. Und das Abendmahl wurde in vielen Gemeinden seit dem März 2020 nicht mehr gefeiert. Vor allem in den Sommermonaten, aber auch an Weihnachten erfreuten sich Open-Air-Gottesdienste großer Beliebtheit. Hinzu kamen unzählige weitere kreative Formen wie Wandelgottesdienste, Gottesdienste unterwegs, Anregungen für Hausgottesdienste, Gottesdienste am Telefon etc. Noch ist es zu früh zu sagen, welche der Innovationen Bestand haben werden. Aber es scheint uns klar, dass es liturgisch kein einfaches Zurück zu einer Situation vor der Pandemie geben wird.
Ist das nun eine gute oder eine hoch problematische Zeit, um ein Lehrbuch zu allen Fragen des Gottesdienstes vorzulegen? Wir hoffen, dass sich unser Buch gerade jetzt als hilfreich erweisen kann. Denn die Krise macht sichtbar, welche Überzeugungen das gottesdienstliche Leben in unseren Kirchen prägen, und sie stellt grundlegende Fragen, die neu beantwortet werden müssen: Was macht eigentlich einen evangelischen Gottesdienst aus und was gehört unbedingt dazu? Warum ist es sinnvoll, das Abendmahl überhaupt zu feiern, und wie ist das in der Geschichte der Kirche geschehen? Welche Praktiken prägen das gottesdienstliche Geschehen? Welche sind verzichtbar und welche lassen sich auch im digitalen Raum gestalten? Wie bestimmen unterschiedliche Medien überhaupt die Feier von Gottesdiensten?
In diesem Buch verbinden wir gegenwärtige Wahrnehmungen und Fragestellungen mit historischen, theologischen sowie sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven. Wir haben uns bemüht, zugleich Grundwissen und Impulse zum Weiterdenken zu bieten – und freuen uns auf alle Rückmeldungen unserer Leser*innen, ob und inwiefern dies gelungen ist und dieses Lehrbuch Studierenden der Theologie, Pfarrer*innen und ehrenamtlich Verkündigenden, Fachkolleg*innen an Fachhochschulen und Universitäten, Dozierenden in den Einrichtungen der Aus-, Fort- und Weiterbildung und allen an Fragen des Gottesdienstes Interessierten hilfreich ist.
Etwa acht Jahre haben wir an diesem Buch gearbeitet. Es ist keine Frage: Hätte nur einer von uns das Buch geschrieben, wäre es schneller gegangen. Aber gerade durch die Zusammenarbeit eines Schweizer Reformierten und eines Lutheraners aus Deutschland ist das Buch perspektivenreicher und hoffentlich auch für die Leser*innen spannender geworden, als es dies gewesen wäre, wenn nur einer von uns geschrieben hätte.
In all den Jahren waren wir nicht allein bei der Arbeit an dem Buch. Wir danken all denen, die mit uns über Fragen des Gottesdienstes nachgedacht und einzelne Kapitel oder Vorentwürfe gelesen haben, besonders Ferenc Herzig (Leipzig), Katrin Kusmierz (Bern) und Kirsten Jäger (Bern). Die Runden der Doktoranden in Bern und Leipzig haben Impulse beigesteuert, eben-so Mitglieder der Liturgischen Ausschüsse der VELKD und UEK sowie Christian Lehnert vom Liturgiewissenschaftlichen Institut der VELKD in Leipzig.
Herzlich danken wir unseren ökumenischen Gesprächspartnerinnen und -partnern, exemplarisch erwähnen wir nur die Kollegen Angela Berlis (Bern), Albert Gerhards (Bonn), Stefan Kopp (Paderborn), Benedikt Kranemann (Erfurt), Martin Stuflesser (Würzburg), Stephan Winter (Tübingen). Bei Konferenzen der Societas Liturgica und der Societas Homiletica durften wir Überlegungen in einem internationalen Horizont vorstellen und Anregungen aus aller Welt aufnehmen.
Akribische Korrekturarbeit haben Annekathrin Böhner und Pfrin Susanne Mathis-Meuret geleistet und uns bei den letzten Schritten der Fertigstellung des Manuskripts wertvolle Anregungen gegeben. Die Register hat Benjamin Fuchs erstellt. Großen Dank für alles dies!
Unser Dank gilt auch den Reihenherausgebern für ihr Vertrauen in unsere Arbeit. Für ein stets offenes Ohr, anregende Hinweise und seine schier unermessliche Geduld danken wir Diedrich Steen vom Gütersloher Verlagshaus. Den Satz des umfangreichen Buches haben Stefanie Klingelberg und Gudrun Krieger erstellt. Danke!
Leipzig und Bern, im Februar 2021
Alexander Deeg und David Plüss
1. Einleitung
1.1 Ziel und Konzept dieses Lehrbuchs
Liturgische Bildung, Reflexions- und Handlungskompetenz erwirbt man nicht allein durch die Lektüre von Lehrbüchern, sondern mehr noch durch das Feiern von Gottesdiensten. Dies gilt für alle, die in einem Gottesdienst mitwirken, ob sie ihn vorbereiten, gestalten und anleiten oder nur teilnehmen. Wir alle wurden durch vielerlei Gottesdienste geprägt, die uns beeindruckt oder irritiert haben. Liturgische Bildung erwirbt man zunächst mittels mimetischer Prozesse: durch Wahrnehmen und Wiederholen, Variieren und Aneignen liturgischen Verhaltens. Prägender als Lehrbücher und Vorlesungen über liturgiewissenschaftliche Themen sind für die Vikar*innen ihre Ausbildungspfarrer*innen und deren liturgischer Habitus: die Art und Weise, wie sie den Gottesdienst eröffnen und sich der Gemeinde zuwenden, wie sie beten und predigen, wie sie das Abendmahl austeilen und den Segen spenden. Entscheidend für die liturgische Bildung und deren Entwicklung sind darüber hinaus die Rückmeldungen aus der Gemeinde, von der Ausbildungspfarrerin oder vom Kollegen.
Für die professionelle Bildung von Liturg*innen ist indes von entscheidender Bedeutung, dass sowohl die eigene biographische Prägung als auch die in sie eingeschriebenen körperlich-mimetischen Lernprozesse und Normen reflektiert und bearbeitet werden. Rückmeldungen aus der Gemeinde oder von Kolleg*innen gilt es auf deren Kriterien hin zu befragen und theologisch zu reflektieren. Dazu sind historische und systematisch-theologische, anthro-pologische und soziologische, materiale und gestalterische Kenntnisse in Bezug auf den Gottesdienst unabdingbar. Um diese soll es hier gehen. Sie sollen in einer verständlichen und zugleich hinreichend differenzierten Weise vorgestellt werden.
Und damit nicht genug. Denn wichtiger als die Vermittlung historischer Kenntnisse, theologischer Grundsätze und sozialwissenschaftlicher Theorien sind die Einübung und Schärfung liturgischer Wahrnehmungsfähigkeit. Darauf sind die folgenden Ausführungen letztlich ausgerichtet. Es geht uns um die Einübung in die Kunst der sensiblen und differenzierten Wahrnehmung und Reflexion liturgischer Vollzüge. Für den theologisch reflektierten Umgang mit Liturgie sind darum dichte Beschreibungen, die eine solche Wahrnehmung schulen, allemal dienlicher als Erklärungen. Wir werden deshalb die dargestellten Wissensbestände und Theorien immer wieder mit Beschreibungen exemplarischer Vollzüge verbinden.
Der Gegenstand dieses Lehrbuches ist die Gottesdienstkultur unserer Kirchen und Gemeinden, wie sie sich entwickelt hat und die liturgische Gegenwart bestimmt. Als Schweizer Reformierter und deutscher Lutheraner sind unsere Perspektiven beschränkt und zunächst auf die evangelische Gottesdienstlandschaft im deutschsprachigen Bereich bezogen (so sehr wir uns in diesem Buch immer wieder um Ausblicke und Seitenblicke in andere Gottesdienstkulturen bemühen). Aber bereits diese Landschaft ist vielfältig und umfasst nicht nur den traditionskontinuierlichen Sonntagsgottesdienst, sondern auch lebenszyklische Kasualfeiern (vor allem Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung) und jahreszyklische Festgottesdienste (Weihnachten, Ostern, Kirchweih), Stundengebete und Wochenpredigten, Gruppenfeiern und Segnungsgottesdienste, Schuleröffnungsgottesdienste oder eine Tsunami-Gedenkfeier. Die Liste wäre noch lange fortzusetzen. Es handelt sich um einen vielfältigen Gegenstand mit offenen Rändern. Diese liturgische Pluralität soll weder ignoriert noch vorschnell kritisiert und auf eine Normalform zurückgestutzt, sondern zunächst und vor allem aufmerksam wahrgenommen, reflektiert und evaluiert werden.
Wer vom Gottesdienst im Singular spricht, versieht den Singular mit einem doppelten Sinn: mit einer generischen und einer theologischen Bedeutung. Einerseits ist damit die Gattung Gottesdienst gemeint, die diesen als solchen beschreibbar und vergleichbar macht. Andererseits bringt die Rede vom Gottesdienst im Singular den Glauben oder die Hoffnung zum Ausdruck, dass die vielfältigen Gottesdienste verschiedener Kirchen, Denominationen und Gemeinden weltweit und durch die Jahrhunderte verbunden sind und eine theologisch bestimmbare Identität aufweisen.
Wir gehen in diesem Lehrbuch von der vorfindlichen liturgischen Praxis aus, identifizieren deren Eigenarten, Wirkkräfte und Problemlagen, reflektieren diese mit Bezug auf die biblischen Grundlagen und die Liturgiegeschichte, die Grammatik des Glaubens (Systematische Theologie) und die Anthropologie, um dadurch Kriterien zu gewinnen, die dazu verhelfen, den jeweiligen Gottesdienst, das liturgische Konzept einer Gemeinde oder liturgische Abläufe und Texte zu analysieren, zu beurteilen und gegebenenfalls zu verbessern.
Der Anspruch dieses Lehrbuchs ist somit bescheiden und ehrgeizig zugleich. Es verzichtet darauf, umfassend zu informieren, stellt aber den in der Liturgiewissenschaft erarbeiteten Wissensstoff in elementarisierter und konzentrierter Form dar. Wir schlagen in den folgenden Kapiteln Schneisen, die den kaum überblickbaren Wald christlicher Gottesdienste erkunden helfen und das Bewusstsein dafür schärfen, in welcher liturgischen Tradition eine bestimmte Feierform steht, welche theologischen Akzente realisiert und welche liturgischen Rollen wie besetzt und gespielt werden. Wer diesen Schneisen folgt, stößt auf historische und theologische, anthropologische und gestalterische Einblicke, Theorien und Analysen. Für die liturgische Bildung ist es unabdingbar, die erworbenen Kenntnisse und die verstandenen Theoriemodelle auf die konkrete liturgische Praxis zu beziehen. Wer darüber hinaus liturgiewissenschaftlich forschen und ins Unterholz historischer oder zeitgenössischer Liturgien eindringen will, muss weitere Literatur zur Hand nehmen und sich mit historischen, systematisch-theologischen oder sozialwissenschaftlichen Methoden der liturgischen Praxis annähern. Leseempfehlungen dazu geben wir in diesem Buch am Ende jeder thematischen Einheit.
1.2 Liturgik und Homiletik: eine vorläufige Verhältnisbestimmung
Liturgik, die Lehre vom Gottesdienst, und Homiletik, die Lehre von der Predigt, haben sich in der evangelischen Theologie der Moderne als zwei unterschiedene Disziplinen ausdifferenziert. Dies dokumentiert auch die Reihe, in der dieses Lehrbuch erscheint. Während sich die Homiletik mit der Predigt befasst, ist die Liturgik auf den Gottesdienst insgesamt bzw. auf sämtliche Teile desselben mit Ausnahme der Predigt bezogen. Allerdings hat sich im Protestantismus zunächst einzig die Homiletik als akademische Disziplin zu etablieren vermocht. Diese Fokussierung auf die Predigt hat historische Gründe, die bis in die Reformationszeit zurückreichen. Die Erneuerung des Gottesdienstes in Wittenberg und Zürich, Straßburg und Genf war von Anfang an weniger eine rituelle, als vielmehr eine theologische und hermeneutische. Das neue Verständnis des Evangeliums als Rechtfertigungsbotschaft, als Verkündigung der gottgegebenen Freiheit eines Christenmenschen, soll im Gottesdienst gehört, verstanden und beherzigt werden und bedarf somit der verständlichen Vermittlung. Die Predigt erhält dabei eine Zentralstellung. Das Abendmahl steht zwar im Zentrum des innerreformatorischen Streits zwischen Wittenberg und Zürich, erweist sich in der liturgischen Praxis der evangelischen Kirchen vielerorts aber als randständig und wurde bis ins 19. Jahrhundert in vielen Gegenden – lutherischen wie reformierten! – nur noch selten gefeiert. Eine gewisse Katechisierung und Pädagogisierung hielten Einzug in die Gottesdienstkultur Wittenbergs, aber auch in Zürich, Genf und Straßburg – mit Auswirkungen bis in die Gegenwart. Der Grundtypus des evangelischen Gottesdienstes war bis zu den konfessionellen Erneuerungen und liturgischen Aufbrüchen des 19. und 20. Jahrhunderts vielfach der Predigtgottesdienst und ist es in zahlreichen evangelischen Kirchen bis heute.
Diese protestantische Fokussierung auf die Verkündigung in Gestalt der Predigt wird nicht zuletzt daran deutlich, dass die Liturgik als praktisch-theologische Reflexion der rituellen oder sakramentalen Dimension des Gottesdienstes im etablierten Fächerkanon der theologischen Ausbildung bis vor wenigen Jahren kaum vorkam. Die protestantische theologische Grundbildung ist zunächst eine exegetische, historische und dogmatische. Sie soll die angehenden Verbi Divini Ministri bzw. Ministrae, die Diener und Dienerinnen des Wortes Gottes, zu schrift- und sachgemäßer Auslegung der Bibel befähigen. Dass diese Auslegung im Rahmen eines Gottesdienstes oder von Andachten und Unterrichtslektionen erfolgt, ist dabei so selbstverständlich wie – vermeintlich! – unproblematisch. Denn, so die Voraussetzung, wer den Inhalt erfasst hat, findet auch die passende Form der Vermittlung und der liturgischen Rahmung. Oder aber diese Rahmung ist als immer gleicher Ablauf behördlich erlassen und in Kirchenordnungen festgelegt.
Homiletische Seminare sind seit dem 19. Jahrhundert Bestandteil der meisten theologischen Curricula, allerdings als Appendix zur eigentlichen theologischen Bildung und als praktische Anwendung derselben – in Bern und Basel verantwortet durch den ersten Münster-Pfarrer oder den Inhaber eines exegetischen oder dogmatischen Lehrstuhls, je nach Fähigkeit, Neigung und Konstellation. Liturgik-Seminare dagegen gehörten bis vor Kurzem nicht zum Pflichtbestand evangelischer theologischer Bildung.
Seit dem 19. Jahrhundert hat sich die Höherschätzung der Predigt gegenüber dem Rest des Gottesdienstes auch insofern sprachlich verfestigt, als nicht selten »Predigt« und »Liturgie« als die beiden Teile des Gottesdienstes bezeichnet werden. Die Kanzelrede als eigentliche Mitte des Gottesdienstes wird gehalten, nachdem die Eingangsliturgie »abgesungen« ist. Es folgt eine kurze Schlussliturgie.
Demgegenüber erkannte etwa der evangelische Theologe Wolfgang Trillhaas (1903–1995) bereits in der ersten Auflage seiner »Predigtlehre« aus dem Jahr1935, dass »die christliche Predigt […] im Hauptgottesdienst nicht ein Gegenstück zur Liturgie, sondern ein wesentlicher Teil derselben« ist (Trillhaas1935, 11). Inzwischen ist diese Einsicht in der liturgischen Forschung weit verbreitet. So bezeichnet Peter Cornehl das Auseinanderfallen von homiletischer und liturgischer Reflexion als eines der größten Probleme einer evangelischen Lehre vom Gottesdienst (vgl. Cornehl2006, 12 f.), und Michael Meyer-Blanck legte 2011 eine »Gottesdienstlehre« vor, in der er aus der notwendigen Verschränkung von Predigt und Liturgie auch diejenige von Homiletik und Liturgik fordert.
Wenn wir hier dennoch nur ein Lehrbuch der Liturgik vorlegen, so hat das einerseits pragmatische Gründe: Das Lehrbuch »Homiletik« liegt in dieser Reihe bereits vor (Grözinger 2008). Andererseits aber weisen wir immer wieder auf das Miteinander und Ineinander von Predigt und Liturgie hin, die den evangelischen Gottesdienst prägen. Die Predigt ist Rede im Ritual und die liturgische Gestalt wird durch die Predigtrede auf markante Weise weitergeführt und unterbrochen (vgl. Deeg 2014b; 2014c; 2020b).
Dabei lässt sich das Wechselspiel von Predigt und Liturgie nicht zu schnell auf einfache Formeln verkürzen – etwa so, dass die Predigt für die Diskursivität, die Liturgie für das Ritual stünde. Auch die Predigt gehört zum Ritual des Gottesdienstes, und umgekehrt gibt auch die Liturgie zu denken. Ritualität und Diskursivität, Praxis und Deutung bestimmen wechselseitig das gesamte Geschehen des Gottesdienstes. Auch wenn wir daher kein weiteres Lehrbuch zur Homiletik vorlegen, ergibt sich aus diesen Überlegungen, dass die Predigt als Teil des Gottesdienstes in den folgenden Ausführungen immer wieder eine Rolle spielen wird (→Kap. 6.2).
1.3 Liturgik und Liturgiewissenschaft: Begriffsklärungen
Unter Liturgik verstehen wir die praktisch-theologische Reflexion des Gottesdienstes im oben genannten Sinn. Liturgik und Liturgiewissenschaft verwenden wir synonym, ebenso wie Gottesdienst und Liturgie. Diese Verwendungsweise unterscheidet sich von derjenigen der katholischen Theologie, in der fast ausschließlich von Liturgiewissenschaft die Rede ist, welche als solche sowohl die historische Erforschung als auch die systematisch-theologische Reflexion und die pastorale Gestaltwerdung umfasst (historische, systematische und praktische Liturgiewissenschaft). Liturgiewissenschaft ist in den römisch-katholischen Fakultäten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) ein Hauptfach mit eigenen, oft historisch ausgerichteten Professuren.
Aus der praktisch-theologischen Ausrichtung der Liturgik folgt in keiner Weise, dass es ihr nur um Anwendungswissen gehen würde, also um die Orientierung liturgischen Verhaltens. Historische Kenntnisse, theologisches Reflexionsvermögen und kulturwissenschaftliche Einsichten scheinen uns gleichermaßen unabdingbar für die sachgemäße Gestaltung eines Gottesdienstes. Zudem verfolgt auch jede historische und systematisch-theologische Beschäftigung mit dem Gottesdienst ein bestimmtes Erkenntnisinteresse, welches sich in der jeweiligen Gegenwart der Forschenden lokalisieren lässt und im besten Fall auf diese in erhellender und förderlicher Weise einwirkt. Der Zusammenhang zwischen aktuellem Erkenntnisinteresse und liturgiewissenschaftlicher Forschung soll nicht erst im Nachwort Erwähnung finden, sondern im Zentrum stehen. Darum wird gleich zu Beginn die liturgische Gegenwart in den Blick genommen, werden anthropologische, sozial- und kulturwissenschaftliche Theorien aufgenommen und ins Spiel gebracht und Fragen der liturgischen Gestaltung diskutiert.
1.4 Genese, Geltung und Gestaltung
Wir unterscheiden, wie bereits erwähnt, vier unterschiedliche Reflexionsperspektiven der Liturgik: eine historisch-genetische, eine theologisch-normative, eine anthropologisch-sozialwissenschaftliche und eine performativ-handlungsbezogene.
In historisch-genetischer Perspektive wird nach der Entstehung, Entwicklung und Veränderung liturgischer Gebete und Formen gefragt: nach den biblischen und religionsgeschichtlichen Vorformen des Gottesdienstes; nach den Vorformen und Modellen etwa der Taufe oder des Abendmahls; nach den jeweiligen Konstitutionsbedingungen und zentralen Vollzügen; nach den liturgischen Weichenstellungen, seien diese theologisch oder religionspolitisch begründet; nach der Entwicklung der großen Liturgiefamilien. Die historische Perspektive offenbart eine schier unüberblickbare Vielfalt liturgischer Entwicklungen und Formen. Sie verweist auf die Kontextualität und Kontingenz liturgischer Formsprachen. Selbst wenn die eigentliche Liturgie – wie etwa in der Orthodoxie – im Himmel lokalisiert wird, ist das irdische Abbild derselben eines, das nicht anders als in den Sprachen und Gestalten der jeweiligen Kultur erfolgen kann. Liturgien, so wird in dieser Perspektive deutlich, sind kulturelle Sachverhalte und nur vor dem Hintergrund der jeweiligen ästhetischen, religionspolitischen und mentalitätsgeschichtlichen Großwetterlagen zu dechiffrieren.
In theologisch-normativer Perspektive besteht die Aufgabe darin, theologische Wegmarkierungen für die Vielfalt historisch gewordener und gegenwärtig gefeierter Gottesdienste zu entwickeln. Schon seit biblischer Zeit gehört die Kritik am gefeierten Gottesdienst zu den ständigen Begleitern des gottesdienstlichen Handelns. Diese Kritik aber braucht Kriterien. Nach evangelischem Verständnis sind diese zunächst aus dem biblischen Zeugnis zu entwickeln, das allerdings in einem hermeneutischen Prozess erarbeitet und mit gegenwärtigen theologischen Weichenstellungen und Reflexionsperspektiven verbunden werden muss. Es ist ja nicht so, dass sich in der Bibel eindeutige Leitsätze für den Gottesdienst der Gegenwart finden ließen. Im Gegenteil wurden, durch die Geschichte hindurch, mit Hilfe der Bibel äußerst unterschiedliche Gottesdienste begründet. Uns scheint es hilfreich, das Bild eines theologischen Koordinatensystems zu verwenden, dessen Achsen Kriterien benennen (→ Kap. 4.3). Wichtig ist, dass der Gottesdienst in theologischer Perspektive sowohl als Gegenstand theologischer Beschäftigung betrachtet werden kann als auch als Quelle für die Theologie (vgl. Arnold 2008). Die Art und Weise, wie Gottesdienst gefeiert wird, die Lieder, die gesungen, die Worte, die gesprochen, die Gesten, die verwendet werden – all dies gibt der Theologie zu denken und prägt die Art und Weise, wie theologisch reflektiert wird. Manche sprechen auch davon, dass der Gottesdienst selbst gefeierte Theologie sei und in dieser Hinsicht als theologia prima bezeichnet werden könne, der dann die theologia secunda nur nachzudenken habe (→ Kap. 6.1).
Die theologisch-normative Perspektive bedarf der Ergänzung durch eine anthropologisch-sozialwissenschaftliche Perspektive. Diese Einsicht ist spätestens seit den 1970er-Jahren Gemeingut im praktisch-theologischen Diskurs. Weil es im Gottesdienst um menschliches Verhalten und Wahrnehmen geht und weil dieses immer den Bedingungen kultureller und gesellschaftlicher Prägungen und Entwicklungen unterworfen ist, erweist es sich als unabdingbar, soziologische und kulturanthropologische, psychologische und philosophische Perspektiven zu rezipieren und auf das Geschehen des Gottesdienstes zu beziehen. In den vergangenen Jahrzehnten waren es vor allem Theorien zu Ritualen und zum Gebrauch von Zeichen, die das liturgische Nachdenken herausgefordert und bereichert haben. So war und bleibt es anregend, die Ergebnisse der Ritualforschung oder etwa der Praxistheorie auf liturgische Vollzüge zu beziehen. Die Frage, was ein Ritual oder eine soziale Praxis sei und leiste, gehört ebenso dazu wie die Frage nach der Veränderung von Ritualen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Die Semiotik als Wissenschaft vom Gebrauch und Verstehen verbaler und non-verbaler Zeichen lehrte die Liturgik, das Geschehen jenseits der Worte als relevant zu betrachten und selbst das Wortgeschehen der Verkündigung nicht nur auf seine Inhalte, sondern auch auf seine Wirkungen hin zu befragen. In jüngerer Zeit kamen Performanz- und Praxistheorien hinzu, die helfen, die körperlichen und sozialen Aspekte des gottesdienstlichen Geschehens sowie die liturgischen Dramaturgien wahrzunehmen.
So öffnet sich der Blick auch auf die handlungsbezogen-performative Perspektive des Gottesdienstes, die auf die konkrete Gestaltung fokussiert. Dabei kann es – nach allem, was bereits ausgeführt wurde – nicht darum gehen, Handlungsvorgaben für einen gelingenden Gottesdienst zu machen (so lautete das erklärte Ziel mancher älterer liturgischer Lehrbücher). Es geht vielmehr darum, liturgische Gesten und Medien so wahrzunehmen, dass Einzelne zu verantwortlichen und begründeten Entscheidungen angeleitet werden und ihr eigenes Handeln vor dem Hintergrund historischer, theologischer und anthropologisch-sozialwissenschaftlicher Überlegungen reflektieren können.
1.5 Gottesdienst und Konfessionalität
Dieses Lehrbuch weist eine deutliche konfessionelle Prägung auf. Sein Gegenstand ist zunächst und in besonderer Weise der evangelische Gottesdienst, wobei »evangelisch« hier in einem konfessionellen Sinn gemeint ist. Die beiden Autoren haben evangelische Theologie studiert, sind aber in unterschiedlichen Liturgiekulturen aufgewachsen: der eine in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der andere in einer reformierten Kirche der Deutschschweiz. Die beiden Kulturen weisen erhebliche Unterschiede auf: Während sich die Liturgie des bayerischen Luthertums an der Grundform der Messe und am Kirchenjahr orientiert, hat die Messe für den reformierten Predigtgottesdienst der Deutschschweiz keine strukturierende und die Inhalte bestimmende Funktion, ebenso wenig wie das Kirchenjahr für die Sonntage zwischen den Festzeiten. In der Wahl der Lesungs- und Predigttexte, der Gebete und Gesänge sind die reformierten Deutschschweizer frei und nehmen diese Freiheit auch gerne in Anspruch. So orientieren sich die einen an der »Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder« von VELKD und UEK (→ Abkürzungsverzeichnis), andere an der Perikopenordnung der EKS und wieder andere wählen die liturgischen Texte anlass- und situationsbezogen. Die Kirchen des Reformierten Bundes Deutschlands und der Suisse Romande nehmen hier eine Mittelstellung ein, wie etwa an den Grundformen der Reformierten Liturgie (RL) deutlich wird.
Die Unterschiede dieser beiden Konfessionskulturen in einem Lehrbuch zu integrieren ist ein herausforderndes, aber auch anregendes Unterfangen.
Das Lehrbuch richtet sich in besonderer Weise an Theologiestudierende, Vikar*innen und Liturgieverantwortliche lutherischer, unierter und reformierter Kirchen, aber natürlich auch an weitere Interessierte.
Dieser Prägung und Ausrichtung eingedenk, ist es uns ein großes Anliegen, andere Gottesdienstkulturen wahrzunehmen und uns von ihnen anregen zu lassen. So nehmen wir insbesondere katholische, freikirchliche, orthodoxe und jüdische Gottesdienste mit ihrer Geschichte, ihren Theologien und Feierformen immer wieder in den Blick und bringen sie mit evangelischen Formen und Deutungen ins Gespräch. Denn die Vielfalt der Gottesdienstlandschaft verstehen wir als Reichtum, den es darzustellen und zu reflektieren gilt. Entsprechend werden wir – wo immer möglich – auf den generischen oder kollektiven Singular verzichten und von Gottesdiensten im Plural sprechen. Das ist manchmal etwas ungewohnt und umständlich, scheint uns aber der Mühe wert.
1.6 Sprach- und Kontextbezug
Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Unser Lehrbuch ist nicht nur konfessionell, sondern auch durch einen bestimmten Sprachraum geprägt. Wer schon frankophone oder englischsprachige Gottesdienste mitfeierte, weiß, wie sehr die Sprache die Liturgie prägt: sowohl Rhetorik und Prosodie (= Sprachmelodie und Wort- bzw. Satzbetonung) als auch Inhalte, Gesten und liturgischer Habitus. Wir sind uns dieser Differenzen bewusst und fokussieren darum auf den deutschen Sprachraum und seine Eigenheiten, seine Potenziale und Herausforderungen.
Allerdings ist es uns wichtig wahrzunehmen, dass andernorts anders gefeiert wird: mit stärkerem Traditionsbezug und Pathos oder mit charismatischer Emotionalität, spontaner oder mittels ausgefeilter und aufwändiger Musik- und Videotechnik, hochkirchlicher oder niederschwelliger. Solche anderen Gottesdienstkulturen finden sich auch in unseren Städten und Dörfern: Migrationsgemeinden und Hip-Hop-Kirchen, charismatische Bewegungen und Kommunitäten, die ein intensives liturgisches Leben pflegen. Insbesondere die weltweit stark wachsenden Pfingstkirchen feiern anders, als in diesem Buch beschrieben und reflektiert: emotionaler und weniger liturgisch geregelt. Darum wissen wir und wollen diese Vielfalt im Blick behalten, uns auch von ihr herausfordern und anregen lassen.
2. Methoden der Liturgiewissenschaft
2.1 Vielfalt liturgiewissenschaftlicher Methoden
Die Liturgiewissenschaft ist eine »Grenzgängerin zwischen den theologischen Disziplinen« (Kranemann 1999). Ihre disziplinäre Ausrichtung ist vielfältig und bisweilen umstritten. So auch ihr Methodenrepertoire. In der Liturgiewissenschaft werden sehr unterschiedliche Methoden verwendet. Die Methodenvielfalt hat in den letzten Jahren nochmals beträchtlich zugenommen. Denn Gottesdienste sind Gegenstand aller theologischen Disziplinen: der exegetischen wie der historischen, der systematischen wie der praktischen(vgl. exemplarisch die exegetischen Arbeiten von Lang 1998; Wick 2003). Entsprechend kommen exegetische und historiographische, hermeneutische und sozialwissenschaftliche Methoden zur Anwendung. Die Erforschung der Gottesdienste profitiert zudem von der Ausdifferenzierung des Methodenrepertoires der einzelnen theologischen Fächer.
Diese Vielfalt methodischer Zugänge entspricht aber auch dem Gegenstand. Denn Gottesdienste sind eine komplexe Praxis, die nicht nur durch Texte bestimmt ist, sondern ebenso sehr – wenn nicht noch mehr – durch Gesten und Rituale, durch Rollen und Räume, durch Gegenstände und Gewänder, durch Musik und Gesänge. Die liturgiewissenschaftliche Forschung muss auch in methodischer Hinsicht dieser Mehrdimensionalität und Multimedialität der Gottesdienste Rechnung tragen.
An römisch-katholischen Fakultäten, wo sich die Liturgiewissenschaft seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als Hauptfach etabliert hat, sind die Professuren für Liturgiewissenschaft mehrheitlich historisch ausgerichtet. Entsprechend stehen Methoden der historischen Forschung im Vordergrund. Einige Lehrstühle haben einen systematisch-theologischen oder einen pastoraltheologischen Zuschnitt. In der evangelischen Theologie dagegen werden liturgiewissenschaftliche Fragen vor allem in der Praktischen Theologie behandelt, zumindest im deutschen Sprachraum. So auch in diesem Lehrbuch. Da wir die Praktische Theologie nicht (deduktiv) als Theorie der Anwendung vorgängig bestimmter dogmatischer Grundsätze verstehen, sondern als theologisch-kritische Wahrnehmungswissenschaft gelebter Religion (Grözinger 1995), geht es in einer praktisch-theologischen Liturgik zunächst um die präzise Wahrnehmung und Analyse der vorfindlichen liturgischen Praxis und Problemlagen, sodann um deren Reflexion in Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungen und Bedingungen, theologischen Grundsätzen und sozialwissenschaftlichen Theorien, um daraus Kriterien zu gewinnen für die Orientierung liturgischen Handelns. In der römisch-katholischen Liturgiewissenschaft wird dieses Verständnis des Faches als »Kritische Liturgiewissenschaft« bezeichnet und entfaltet (Meßner2001, 25 f.; Gerhards/Kranemann2008, 45). Der Dreischritt von Wahrnehmung, Reflexion und Orientierung kennzeichnet das genuin praktisch-theologische Vorgehen (vgl. Browning 1991) und bringt dessen Methodenrepertoire in einen systematischen Zusammenhang und eine bestimmte Abfolge.
Im Folgenden stellen wir einige wichtige Methoden liturgiewissenschaftlicher Forschung vor. Dabei geht es nicht darum, in die Anwendung einzelner Methoden einzuführen. Das Ziel besteht vielmehr darin, einen Überblick zu vermitteln über gegenwärtig in der Liturgiewissenschaft verwendete Methoden, aber auch ein Verständnis für die Eigenart, die Leistungskraft und die Grenzen der jeweiligen Herangehensweisen zu gewinnen. Beides soll dazu verhelfen, sowohl liturgiewissenschaftliche Forschung besser verstehen und interpretieren zu können, als auch das Methodenbewusstsein in Bezug auf eigene Fragestellungen und Forschungsvorhaben zu schärfen.
2.2 Methoden der Wahrnehmung
Empirische und kulturwissenschaftlich ausgerichtete Zugangsweisen gehören erst allmählich zum Methodenkanon der Liturgiewissenschaft. Allerdings scheinen sie uns für eine praktisch-theologische Liturgik unverzichtbar. Albrecht Grözinger hat die Praktische Theologie insgesamt als Kunst der Wahrnehmung beschrieben (Grözinger 1995). Mit der aufmerksamen, präzisen und zugleich kritisch-analytischen Wahrnehmung der jeweiligen religiösen Gegenwart setzt jedes praktische-theologische Bemühen ein. Die Qualität praktisch-theologischer Arbeit erweist sich daran, ob sie ihre religiöse Gegenwart in ihrer Eigenart und ihren Ambivalenzen adäquat zu erfassen und in Bezug auf eine ›Verbesserung‹ der jeweiligen religiösen Praxis – in Bezug auf die theologische Sachgemäßheit, die Plausibilität und die Relevanz für die Beteiligten – zu orientieren vermag. Wenn wir von diesem Verständnis von Praktischer Theologie ausgehen, besteht die Aufgabe einer praktisch-theologischen Liturgik zunächst darin, die Konturen einer bestimmten Gottesdienstkultur zu erheben und ihre implizite Handlungslogik und Normativität herauszuarbeiten. Ihr Ziel besteht darin, die Grundordnung, die Grammatik und die Bedeutung dieses eigenwilligen und vielgestaltigen Verhaltens, das wir ›Gottesdienst‹ nennen, besser zu verstehen, um es theologisch zu reflektieren, zu orientieren und entsprechend zu gestalten.
2.2.1 Methoden qualitativer Religionsforschung
Qualitative Methoden sind hermeneutische und rekonstruktiv verfahrende Methoden, wobei wir Hermeneutik hier in einem weiten Sinn verstehen und nicht auf die Auslegung von Texten beschränken. Ethnographisch verfahrende Religionsforscher*innen beobachten ein Ritual, sie führen Interviews und versuchen, sich einen Reim auf das Beobachtete, Erlebte und Gehörte zu machen (zur Religionsethnographie vgl. Knoblauch 2003). Sie nehmen beispielsweise an einem Gottesdienst teil, protokollieren ihr Erleben und ihre Beobachtungen und werten das Protokoll aus, indem sie nach der Eigenart und der impliziten Logik dieses Geschehens fragen und es mit anderen Gottesdiensten vergleichen (Methoden der teilnehmenden Beobachtung und der dichten Beschreibung: Scholtz 2007; Knecht 2007a). Oder sie sprechen mit der Liturgin und dem Kirchenmusiker und protokollieren das Gespräch oder transkribieren die Aufnahme für ihre Auswertung (Experten-Interview). Oder sie führen Interviews mit einzelnen Gottesdienstbesucher*innen, befragen sie über deren Erleben der Liturgie (z. B. Leitfadeninterview; Gruppeninterview: Söderblom 2007) und transkribieren diese, um sie mit einer geeigneten Methode auszuwerten. Oder sie zeichnen Gottesdienste mit einer Kamera auf und rekonstruieren die impliziten Regeln, welche für das liturgische Handeln der Akteure maßgeblich sind (z. B. ethnographische Videoanalyse: Schnettler und Knoblauch 2009; im Gottesdienst: Walti 2016).
Qualitative Methoden setzen grundsätzlich die Sinn- und Regelhaftigkeit von Verhalten und Äußerungen voraus (»order at all points«, vgl. Schegloff und Sacks1973, 290). Die Analyse zielt darauf ab, den jeweiligen Eigensinn und die Bedingungsfaktoren eines Verhaltens oder einer Aussage zu ergründen und mit anderem Verhalten oder anderen Aussagen zu vergleichen. Es wird weiter davon ausgegangen, dass sich die Sinnhaftigkeit der untersuchten Handlungen und Lebenswelten in der Art und Weise offenbart, wie gehandelt und gesprochen wird. Wirklichkeit wird je und je kommunikativ hergestellt (im Sinne der Wissenssoziologie, vgl. Knoblauch 2005), und wer sie ergründen will, muss die kommunikativen Konstruktionsprozesse ins Auge fassen und untersuchen.
Qualitative Forschung ist nicht repräsentativ. Sie zielt nicht in die Breite, sondern bohrt in die Tiefe, indem sie an wenigen, überlegt gewählten Fällen typische Strukturen und Regeln zu erheben versucht, von denen mit Gründen vermutet werden kann, dass sie auch für andere vergleichbare Fälle gelten. Die Zusammenhänge werden nicht wie bei statistischen Verfahren errechnet, sondern diskursiv analysiert und argumentativ begründet. Sie ergeben sich nicht ›von außen‹, sondern gleichsam ›von innen‹: durch Rekurs auf implizite Regeln, aber auch auf Bedingungsfaktoren, Motivationslagen und Deutungsmuster, die sich im Datenmaterial analytisch erheben lassen. Am Ende eines Forschungsprojekts stehen nicht Zahlen, Tabellen und Graphiken, sondern dichte Beschreibungen, Typologien und handlungsleitende Kategorien. Erstrebt wird keine statistisch operationalisierbare Reduktion von Komplexität, sondern die Berücksichtigung möglichst vieler der für die untersuchte Praxis oder Lebenswelt relevanten Einflussfaktoren und Zusammenhänge. Die Voreinstellungen der Forschenden werden nicht ausgeklammert, sondern mit in Rechnung gestellt und offengelegt, ebenso die Beeinflussung des Untersuchungsgegenstandes durch den Forschungsprozess.
Qualitative Verfahren zeichnen sich durch eine große Offenheit im Vorgehen aus. Zwar müssen Untersuchungsgegenstand, Forschungsinteresse und methodisches Vorgehen vorgängig bestimmt werden; doch kann sich etwa der Forschungsgegenstand im Laufe des Forschungsprozesses leicht verschieben, oder es werden weitere Methoden hinzugenommen, von denen sich die Forschenden wichtige Erkenntnisse versprechen. Qualitative Forschung ist nicht gänzlich theorie- und hypothesengeleitet. Theorien und Hypothesen spielen eine gewisse Rolle, aber sie begrenzen das qualitative Vorgehen nicht, sondern orientieren und strukturieren es und bringen es voran. Es werden nicht, wie in statistischen Verfahren, aus der bisherigen Forschung abgeleitete Hypothesen überprüft, sondern die Theorie – etwa die Theorie des religiösen Erlebens oder eine Ritualtheorie – dient der Strukturierung des Forschungsprozesses und der Interpretation der Daten.
Die Qualität qualitativer Verfahren ist nicht die der repräsentativen Stichprobe und des hohen Rücklaufs, sondern die der hinreichend differenzierten und überzeugenden Analysen exemplarischer Fälle. Es wird eine »Sättigung« der Interpretation angestrebt: Wenn mit der Auswertung weiterer Datensätze keine neuen Deutungsmuster und Kategorien gefunden, sondern die bereits erhobenen verdichtet und differenziert werden können, deutet dies darauf hin, dass der untersuchte Gegenstand hinreichend präzis rekonstruiert wurde.
Literatur zur Vertiefung
Dinter, Astrid/Heimbrock, Hans-Günter/Söderblom, Kerstin (Hg.) (2007): Einführung in die Empirische Theologie. Gelebte Religion erforschen, Göttingen.
Flick, Uwe/Kardorff, Ernst v./Steinke, Ines (Hg.) (2003): Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek.
Knoblauch, Hubert (2003): Qualitative Religionsforschung. Religionsethnographie in der eigenen Gesellschaft, Paderborn/München/Wien/Zürich.
Walti, Christian (2016): Gottesdienst als Interaktionsritual. Eine videobasierte Studie zum agendenfreien Gottesdienst im Gespräch mit der Mikrosoziologie und der Liturgischen Theologie, Göttingen.
Wohlrab-Sahr, Monika (2018): Qualitative Methoden in der Religionssoziologie, in: Detlef Pollack/Volkhard Krech/Olaf Müller/Markus Hero (Hg.): Handbuch Religionssoziologie, Wiesbaden, 233–254.
Drei qualitative Methoden stellen wir im Folgenden näher vor: die Ritualanalyse, die Performance-Analyse und die Semiotik.
2.2.1.1 Ritualanalyse
Ritual- und Performance-Theorien werden in Kapitel 7 ausführlicher behandelt. Da beide Diskurse in den letzten 20 Jahren in der Liturgiewissenschaft erheblich an Bedeutung gewannen, ist an dieser Stelle danach zu fragen, in welcher Weise und mit welchem Anspruch sie in die liturgiewissenschaftliche Diskussion eingebracht werden.
Mit Ritualtheorie wird ein weites Feld sehr unterschiedlicher Modelle bezeichnet, die zur wissenschaftlichen Analyse liturgischen Verhaltens eingesetzt werden. Dabei geht es zunächst um eine strukturierende Wahrnehmungshilfe, um eine begrifflich reflektierte Rekonstruktion der Gestalten, Typen und inneren Logik liturgischen Verhaltens. Es gibt derzeit eine kaum zu überblickende Vielzahl von Definitionen und Kriterien rituellen Handelns. Sie differieren je nach disziplinärer Ausrichtung und Interesse der jeweiligen Forscher*innen. Diese Interessen sind nicht ausschließlich wissenschaftlich-analytischer, sondern zunehmend auch therapeutischer und seelsorglicher Art. Rituale sollen mitunter dazu beitragen, Krisen zu bewältigen, Übergänge zu gestalten und Identitäten zu stabilisieren. Es wird nach der »Lebendigkeit« und der »Wirksamkeit« von Ritualen gefragt. Und es werden Kriterien diskutiert, die erfüllt sein müssen, damit ein Ritual die intendierten Wirkungen erzielt. Diese Melange aus analytischen und normativen Interessen prägt auch die Rezeption von Ritualtheorien in der Liturgik. Methodisch scheint es uns daher wichtig, darauf zu achten, in welcher Absicht auf Ritualtheorien zugegriffen wird. Für uns steht die Funktion der Wahrnehmungshilfe im Sinne einer begrifflich reflektierten Analyse des liturgischen Geschehens im Vordergrund. Bei einer Ritualanalyse geht es darum, die impliziten oder expliziten Regeln, die formulierte, verkörperte oder affektive Sinnhaftigkeit und Normativität dieses Verhaltens kritisch in den Blick zu nehmen. Wenn sich die Liturgiewissenschaft darüber hinaus von ritualtheoretischen Überlegungen zur Ritualkritik, wie sie etwa Ronald Grimes oder Paul Post vornehmen, anregen lässt, ist dagegen nichts einzuwenden (Grimes 1990; Post 2019). Allerdings scheint es uns unabdingbar, die verwendeten Kriterien offenzulegen und theologisch zu reflektieren.
Literatur zur Vertiefung
Caduff, Corina/Pfaff-Czarnecka, Joanna (Hg.) (2001): Rituale heute. Theorien – Kontroversen – Entwürfe, Berlin.
Grimes, Ronald L. (1990): Ritual Criticism. Case Studies in its Practice, Essays on its Theory, Columbia (SC).
Post, Paul (2019): Ein Panorama der Ritualdynamik. Bereiche und Trends, in: Ulrike Wagner-Rau/Emilia Handke (Hg.): Provozierte Kasualpraxis. Rituale in Bewegung, Stuttgart, 21–43.
2.2.1.2 Performance-Analyse
Bei einer Performance-Analyse steht nicht so sehr der analytische Vergleich des Gottesdienstes mit anderen religiösen oder alltäglichen Ritualen im Vordergrund, sondern mit Performances in einem weiten Sinn: mit Theater und politischen Auftritten, popkulturellen Happenings und alltäglichen Selbstinszenierungen (Goffman 2002; Schechner 2002). Statt von Performance oder Performanz ist im selben Zusammenhang auch von Inszenierung, Aufführung oder Theatralität die Rede (Fischer-Lichte 2004; Roth 2006; Plüss 2007).
Die Performance-Studies und Inszenierungstheorien geben Liturgie-wissenschaftler*innen ein begriffliches Instrumentarium zur Hand, das sie insbesondere darin unterstützt, die in der Liturgik meist vernachlässigten, aber für die liturgische Kommunikation grundlegenden Aspekte der Körperlichkeit und der gestisch-mimetischen Interaktion, des Raumes und des Lichts, der Klänge und des Rhythmus, der Materialität und der Atmosphäre in der unauflösbaren Verschränkung von Herstellung, Vollzug und Wahrnehmung zu reflektieren. Die Performance-Analyse verfährt strikt deskriptiv und phänomenbezogen. Sie intendiert eine dichte und differenzierte Beschreibung. Die Gefahr einer Vermischung von Deskription und Normativität ist bei der Performance-Analyse geringer als bei der Ritualanalyse.
In eine ähnliche Richtung wie die genannten Ansätze zielt die in den letzten Jahren in der Praktischen Theologie stärker rezipierte Praxistheorie (oder Praxeologie; vgl. Schmidt 2012). Sie untersucht routinisierte Praktiken des Alltags in Bezug auf Handlungsvollzüge, Handlungssubjekte, Körperlichkeit, Materialität, Kontextualität und Prozessualität. Wir werden sie in Kapitel 7 eingehender vorstellen und in Kapitel 10 auf den Gottesdienst anwenden.
Literatur zur Vertiefung
Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen, Edition Suhrkamp2373, Frankfurt a. M.
Merzyn, Konrad (2011): Ritual und Inszenierung. Zur Performativität der kirchlichen Trauung, in: PTh 100, 396–412.
Plüss, David (2007): Gottesdienst als Textinszenierung. Perspektiven einer performativen Ästhetik des Gottesdienstes. Christentum und Kultur 7, Zürich.
Roth, Ursula (2006): Die Theatralität des Gottesdienstes, Gütersloh.
Schmidt, Robert (2012): Soziologie der Praktiken. Konzeptionelle Studien und empirische Analysen, Berlin.
2.2.1.3 Semiotik als Methode
Vor bald vierzig Jahren wurden Homiletiker*innen und Liturgiewissen-schaftler*innen auf die in den Literaturwissenschaften entwickelte Theorie der Semiotik aufmerksam. Predigten und Gottesdienste insgesamt wurden in der Folge als ›Texte‹ analysiert, wobei nicht die Produktion oder die Struktur dieser ›Texte‹ im Zentrum steht, sondern deren Rezeption. Denn die Bedeutung einer Predigt oder eines Gebetes ist nicht schon mit der Textgestalt gegeben, sondern entsteht je und je neu durch die von den Hörer*innen und Mitbetenden vorgenommenen Deutungsprozesse. Mit der Aufnahme der semiotischen Perspektive verbindet sich die sogenannte »rezeptionsästhetische Wende« in der Praktischen Theologie (Martin 1984). Die Predigt entsteht, so gesehen, letztlich im Kopf der Zuhörenden und ist abhängig davon, in welcher Weise sie die sprachlichen Zeichen des Predigtvortrags verknüpfen und interpretieren (Engemann 1990). Gottesdienste zeigen sich in semiotischer Perspektive als komplexe Zeichenprozesse, die es in ihrer Vielschichtigkeit zu entziffern gilt.
Wer semiotisch zu Werke geht, interessiert sich für die Bedingungen und Prozesse der Interpretation von Zeichen. Man unterscheidet und identifiziert zunächst die für den Mitvollzug und die Bedeutung eines Gottesdienstes relevanten ›Texte‹ bzw. ›Sprachen‹: Die verbale Sprache und die Körpersprache, die Raumsprache und die Klangsprache der Musik und der akustischen Gestaltung. Sodann wird nach den konventionellen Verknüpfungsregeln in Bezug auf die Deutung der Zeichen, nach den Codes gefragt (vgl. Bieritz 2004b, 36–57).
Die Leistung der semiotischen Methode besteht insbesondere darin, einerseits die Mitarbeit der Hörenden an der Interpretation vor Augen zu führen und zu reflektieren und andererseits die Vielsprachigkeit der Liturgie theoretisch greifbar zu machen.
Die Semiotik ist zunächst eine deskriptive Methode, eine Methode der Wahrnehmung. Für den Semiotiker Umberto Eco (Eco1987, 1998) sind Kunstwerke und Texte Zeichenträger und als solche grundsätzlich offen für Deutungsprozesse. Gleichwohl ist es nicht nur in Bezug auf die Predigt, sondern etwa auch in Bezug auf Gebete möglich, den Aspekt der Offenheit normativ zu wenden und als produktionsästhetisches Kriterium ins Feld zu führen, wie dies in der Homiletik programmatisch von Gerhard Marcel Martin und Wilfried Engemann unternommen wurde (Martin1984, Engemann 1990). Gebete sollen so formuliert werden, dass sie Raum bieten für unterschiedliche Anliegen und Befindlichkeiten. So können die Einsichten semiotischer Analysen mit Gewinn auch für die Formulierung und Evaluation liturgischer Gebete verwendet werden. Und es kann z. B. gefragt werden: Wie sind diese zu formulieren, so dass sie für Menschen unterschiedlicher Milieus verständlich und relevant werden können? Wie kann es gottesdienstlicher Sprache gelingen, konventionelle Weltwahrnehmungen zu unterbrechen und so ›Gott‹ zur Sprache zu bringen? – (Vgl. zur Semiotik als Bezugswissenschaft das ausführlichere → Kap. 7.3.)
Literatur zur Vertiefung
Bieritz, Karl-Heinrich (2004): Liturgik, Berlin/New York.
Martin, Gerhard Marcel (1984): Predigt als »offenes Kunstwerk«? Zum Dialog zwischen Homiletik und Rezeptionsästhetik, in: EvTh 44, 46–58.
Meyer-Blanck, Michael (2001): Semiotik und Praktische Theologie, in: IJPT 5, 94–133.
Neijenhuis, Jörg (2007): Gottesdienst als Text. Eine Untersuchung in semiotischer Perspektive zum Glauben als Gegenstand der Liturgiewissenschaft, Leipzig.
Volp, Rainer (Hg.) (1982): Zeichen. Semiotik in Theologie und Gottesdienst, München/Mainz.
2.2.2 Quantitative Methoden
Quantitative Methoden sind solche des Messens und des Zählens. Das Ergebnis soll möglichst objektiv, repräsentativ und präzise den untersuchten Forschungsgegenstand abbilden. Um dies zu erreichen, werden Hypothesen formuliert, die aufgrund der bisherigen Forschung und Theoriebildung sowie eigener Beobachtungen und Vermutungen entwickelt wurden. Quantitative Forschung verfährt strikt theorie- und hypothesengeleitet. Sodann wird eine möglichst große, nach dem Zufallsprinzip erhobene (»randomisierte«) oder nach Kriterien ausgewählte Stichprobe bestimmt und ein standardisierter Fragebogen mit vorformulierten Aussagen (sog. Items) erstellt. Die Eigenart eines standardisierten Fragebogens besteht insbesondere darin, dass die Antwortmöglichkeiten vorgegeben sind und nur angekreuzt werden müssen. So sind etwa die eigenen Erwartungen an einen Sonntagsgottesdienst auf einer Skala zwischen »sehr hohe Erwartungen« und »keine Erwartungen« anzukreuzen. Die Ergebnisse der Befragung werden mittels einer Computer-Software errechnet, welche statistische Zusammenhänge und Differenzen bestimmt. So kann beispielsweise die Verteilung der Antworten einer Gottesdienstbefragung auf unterschiedliche Milieus und Altersgruppen oder auf engagierte und distanzierte Mitglieder vorgenommen werden.
Quantitativ können somit nicht nur das Teilnahmeverhalten, sondern etwa auch die Erwartungen an einen Gottesdienst und die Erfüllung dieser Erwartungen erhoben werden (Plüss 2000). Der von Stefan Huber entwickelte und bereits in vielen Studien bewährte Religiositäts-Struktur-Test (R-S-T) ermöglicht darüber hinaus eine differenzierte Wahrnehmung unterschiedlicher Dimensionen und Intensitäten subjektiver Religiosität (vgl. Huber2007, 19–29).
Quantitative Methoden werden auch in der Sozialstrukturforschung zur Errechnung sozialer Milieus angewendet, die in den letzten zwanzig Jahren in der Kirchenmitgliedschaftsforschung zunehmend an Bedeutung gewonnen haben (→ Kap. 3; vgl. Borgstedt/Diethelm/Krieg 2012).
Der Vorteil quantitativer Methoden liegt in der methodischen Exaktheit und Nachvollziehbarkeit des Vorgehens sowie in der Repräsentativität der Ergebnisse. Die größeren religionssoziologischen Erhebungen der letzten vierzig Jahre, die sich entweder mit dem Teilnahmeverhalten der Kirchenmitglieder (z. B. Engelhardt/Loewenich/Steinacker 1997; Koll/Kretzschmar 2014) oder mit der subjektiven Religiosität von Einzelnen befassten (z. B. Dubach/Campiche 1993), wurden in Bezug auf den Gottesdienst seitens der Liturgik aufmerksam wahrgenommen und vielfältig kommentiert. Gleichwohl gehören quantitative Methoden bislang nicht zum etablierten Methodenkanon der Liturgiewissenschaft. Dies dürfte vor allem zwei Gründe haben: Einerseits kennen sich die meisten Theolog*innen mit statistischen Verfahren kaum aus und trauen sich deren Anwendung für die eigene Forschung nicht zu. Andererseits scheinen für die Wahrnehmung und Interpretation des Gottesdienstes als eines komplexen Vollzugs andere methodische Zugangsweisen näherzuliegen als standardisierte Erhebungen. Dies könnte sich in naher Zukunft aufgrund der zunehmenden Vertrautheit von Theolog*innen mit quantitativen Methoden ändern.
Qualitative und quantitative Methoden schließen einander nicht aus, sondern lassen sich kombinieren (sog. Triangulation bzw. mixed methods). Bei größeren Forschungsprojekten wie den im nächsten Kapitel vorgestellten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen in Deutschland (KMU) hat sich eine solche Kombination bereits vielfach bewährt (z. B. Huber/Friedrich/Steinacker 2006; Morgenthaler 2011). Sie hat den Vorteil, entweder mittels einer standardisierten Befragung Fallbeispiele für eine qualitative Vertiefung gezielt auswählen, qualitativ erhobene Daten in Bezug auf deren soziodemographische oder religionskulturelle Verortung interpretieren oder durch eine qualitative Untersuchung Hypothesen für eine quantitative Befragung generieren zu können.
Literatur zur Vertiefung
Huber, Stefan (2007): Der Religionsmonitor 2008: Strukturierende Prinzipien, operationale Konstrukte, Auswertungsstrategien, in: Bertelsmann Stifung (Hg.): Religionsmonitor2008, Gütersloh, 17–52.
Stolz, Jörg/Könemann, Judith (2014): Religiös-säkulare Konkurrenz in der Ich-Gesellschaft, in: Jörg Stolz/Judith Könemann/Mallory Schneuwly Purdie/Thomas Engelberger/Michael Krüggeler (Hg.): Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Vier Gestalten des (Un-)Glaubens, Zürich, 20–64.
Pickel, Gert/Müller, Olaf (2018): Quantitative Methoden in der Religionsforschung, in: Detlef Pollack/Volkhard Krech/Olaf Müller/Markus Hero (Hg.): Handbuch Religionssoziologie, Wiesbaden, 255–281.
2.3 Methoden der Reflexion
2.3.1 Historische Methoden
Historische Methoden bilden wie die Methoden der Wahrnehmung den Entdeckungs-, nicht aber den Begründungszusammenhang der Liturgik. In historischer Perspektive fragen wir nach der Genese christlicher Gottesdienste: Wie sind sie entstanden? Was waren die Vorformen, Vorbilder und Inspirationsquellen? Wie sahen erste Ausprägungen aus? Welche kulturellen Einflüsse bestimmen sie – von den Anfängen bis in die Gegenwart? Welche kultischen Formen und Deutungen aus der spätantiken jüdischen bzw. paganen Umwelt wurden übernommen, und wogegen grenzen sich die frühen Christengemeinden ab? Was waren die zentralen Elemente der Gottesdienste und was die wichtigsten liturgischen Abläufe? Wie wurde getauft und wie das Herrenmahl gefeiert? Lässt sich eine Typologie der unterschiedlichen Gottesdienste der ersten Jahrhunderte, der Reformationszeit oder des Zeitalters der Aufklärung erstellen? Wie haben sich diese an den verschiedenen Orten und über die Zeiten entwickelt und ausdifferenziert? Wie wurden Gottesdienste durch die Jahrhunderte politisch bedeutsam – z. B. als Kriegsgottesdienste in den Weltkriegen oder als Friedensgebete in den letzten Jahren der DDR? Diese und viele weitere Fragen stehen im Raum, wenn wir historisch zu Werke gehen.
Dabei ist zu beachten, dass die historische Methode keine Urform ›des‹ christlichen Gottesdienstes zu Tage befördert, sondern zunächst eine unabsehbare Vielfalt und Komplexität liturgischen Handelns (Bradshaw 1992). Die Historiker*innen, die sich mit dem Gottesdienst der ersten Jahrhunderte oder des Mittelalters befassen, sind gezwungen, aufgrund weniger Quellen die jeweilige liturgische Praxis zu erwägen. Dabei beschränken sich die Quellen mehrheitlich auf Texte: auf Taufkatechesen oder mystagogische Traktate, Modellliturgien oder Sammlungen von Gebeten, Homilien oder liturgische Anweisungen (vgl. Meyer-Blanck 2009). Wir können meist nur vermuten, in welcher Weise und in welcher Verbindlichkeit diese zur Anwendung gelangten. Aufgrund dieser oft zufällig erhaltenen Quellen wird die jeweilige liturgische Praxis rekonstruiert, wobei jede Rekonstruktion prinzipiell unsicher bleibt. Wir können historisch über die Liturgien der ersten Jahrhunderte – aber auch weit darüber hinaus! – nur Mutmaßungen anstellen. Die konkrete und komplexe liturgische Praxis, das Verhalten der Vorsteher und der Gemeinden, die Gesten und die Riten, welche die Gebete und die Gesänge, die Gruß- und die Segensformeln, die Homilien und die Doxologien begleiteten, wie auch das liturgische Erleben der Menschen bleiben uns weitgehend verborgen.
Die historische Methode führt uns (1.) zur kaum bestreitbaren Einsicht in die Vielfalt und Veränderbarkeit des Gottesdienstes im Laufe der Geschichte. Darin kommt ihr eine ausgesprochen kritische Funktion zu. Eine historisch informierte und orientierte Liturgiewissenschaft hat immer wieder daran zu erinnern, dass es den einen Gottesdienst der Urkirche, die liturgische ›Urgestalt‹ ebenso wenig gibt wie eine organische Entwicklung der Liturgie hin zu einer vollgültigen Gestalt.
Anton Baumstark (1872–1948) ging in seiner vergleichenden Liturgiewissenschaftsforschung davon aus, dass die Liturgie einen der Evolution des Lebens verwandten Entwicklungsprozess durchlaufen habe, der sich aufgrund historischer Ablagerungen rekonstruieren lasse (vgl. Baumstark1923, 1939). Dabei ist es ihm vor allem darum zu tun, liturgiespezifische Entwicklungsgesetze zu bestimmen. Bezeichnenderweise spielen in seinen vergleichenden Rekonstruktionen des liturgischen Evolutionsprozesses die liturgischen Umkodierungen der Reformation des 16. Jh. keine entwicklungsrelevante Rolle. Sie rücken nicht einmal ins Blickfeld der Betrachtung. Damit soll die historiographische Bedeutung von Baumstarks Arbeiten in keiner Weise in Frage gestellt werden. Allerdings scheint uns das Paradigma der Evolution wenig hilfreich. Es erweist sich vielmehr als anfällig für normative Engführungen und ideologische Besetzungen. Ein offenes und ökumenisch anschlussfähiges Modell vergleichender Liturgiegeschichtsforschung vertritt hingegen etwa Robert Taft (Taft 1997).
Die Vorstellung einer organischen Entwicklung des Gottesdienstes ist nicht das Ergebnis historischer Forschung, sondern heilsgeschichtlicher Konstruktion bzw. Spekulation. Eine historisch reflexive Liturgiewissenschaft hat daran zu erinnern, dass die Theologien des Gottesdienstes in der Geschichte der Kirche schon immer vielfältig und großen Veränderungen unterworfen waren und dass historische Erkenntnisse nicht mit theologisch-normativen Geltungsansprüchen vermengt werden dürfen. Ein eucharistisches Gebet wird für die liturgische Praxis nicht bedeutsamer allein aufgrund seines Alters. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass in unterschiedlichen Kontexten und Zeiten bewährten Riten und Gebeten eine besondere Bedeutung in der Gegenwart zuwachsen kann. Aber diese Bedeutung muss sich je und je erweisen.
Die historische Methode führt uns (2.) zur Einsicht in die kulturelle Bedingtheit und Komplexität des Gottesdienstes. Die Bedingungsfaktoren, die zu einer bestimmten liturgischen Form führen, sind unabsehbar vielfältig. Am Anfang steht nicht das Dogma, das liturgisch umgesetzt und in einen kultischen Ablauf gegossen worden wäre, sondern am Anfang steht eine bestimmte Praxis oder genauer: stehen unterschiedliche Praktiken, die sich in unterschiedlichen Zentren aufgrund unterschiedlicher Faktoren herausgebildet und bewährt haben, aber auch immer wieder verändert wurden.1 Diese Faktoren sind nicht nur solche des theologisch-kirchlichen Binnenraumes – falls von einem solchen überhaupt gesprochen werden kann –, sondern es sind auch und in besonderer Weise Faktoren des kulturellen und (religions-)politischen Umfeldes. Oder anders gesagt: Die Abgrenzung zwischen Christentum, Judentum und Hellenismus ist für die ersten Jahrhunderte nicht trennscharf möglich. Die christlichen Gemeinden wachsen erst allmählich aus dem sich seinerseits neu orientierenden und organisierenden Judentum heraus und sind vielfältig auf die pagan-hellenistische Umwelt bezogen und mit dieser verflochten. Energische Abgrenzungsgesten, wie wir sie im Neuen Testament oder bei den Kirchenvätern finden, weisen gerade auf die tatsächliche und weitgehend selbstverständliche Verflochtenheit hin, die zuweilen als Problem empfunden wurde und Grenzziehungen verlangte.
Der historisch ausgerichtete TRE-Artikel des Hamburger Praktischen Theologen Peter Cornehlzum »Evangelische[n] Gottesdienst von der Reformation bis zur Gegenwart« von 1985 scheint uns in historiographischer Hinsicht nicht nur besonders informativ und lesenswert, sondern methodisch durchaus innovativ. Cornehl rekonstruiert die verschiedenen Epochen der Gottesdienstgeschichte jeweils unter drei Perspektiven: »Drei systematische Fragestellungen stehen im Vordergrund: (1) nach den Intentionen und Konturen der im Gottesdienst vermittelten Weltdeutung, (2) nach den Strukturen der gottesdienstlichen Kommunikation und (3) nach den Merkmalen des gottesdienstlichen Angebotes und dem Teilnahmeverhalten der Kirchenmitglieder« (Cornehl1985, 54). Der Gottesdienst kommt dadurch als theologisch bestimmtes und zugleich kulturelles Phänomen in den Blick, das sich in einer bestimmten kultischen Praxis realisiert und in seiner Relevanz seitens der Gemeinden grundsätzlich strittig ist. Erst in dieser komplexen Mehrdimensionalität kommt er als kulturell bedingter und historisch sich verändernder Vollzug angemessen zur Darstellung.
Die historische Methode führt (3.) aber auch zur Einsicht, dass jede Geschichtsschreibung unsicher ist, vorläufigbleibt und sich mit bestimmten Erkenntnisinteressen verbindet. Die Geschichtsschreibung ist keine objektive Wissenschaft. Historiographie erfolgt aufgrund der vorliegenden Quellen. Dabei kann die Quellenlage schmal oder so vielfältig sein, dass eine Auswahl getroffen werden muss. Die Auswahl und Interpretation der Quellen erfolgt immer in einer bestimmten Hinsicht. Dabei muss eine profanhistorische Erforschung des Gottesdienstes nicht unbedingt zu anderen Ergebnissen führen als eine liturgiewissenschaftliche. Aber in der Regel ist dies der Fall, weil die Rekonstruktion und Darstellung der jeweiligen Geschichte in unterschiedlicher Absicht erfolgt.
Worin besteht also das Forschungsinteresse liturgiewissenschaftlicher Geschichtsschreibung? Zunächst geht es darum, die Genese, die Herkunft und die historischen Varianten unserer Gottesdienste zu kennen und diese darum besser zu verstehen. Es geht darum, historische Tiefenschärfe zu gewinnen. Und zwar nicht, um eine bestimmte Praxis zu legitimieren und eine andere zu kritisieren, sondern um deren Bedeutungsvielfalt und Praxisvarianten zu kennen, aber auch verborgene Potenziale und mögliche Gefahren. Wissenschaftlich betriebene historische Recherchen legitimieren die gängige Praxis nicht, sondern irritieren diese – in heilsamer, weil erhellender Weise. Vermeintlich selbstverständliche Grundsätze, Zuschreibungen und Handlungen werden in Frage gestellt. Historische Forschung dient der Komplexitätssteigerung und darin der Aufklärung, welche sich mit Freiheitspotenzialen und Möglichkeitsräumen theologisch verantworteter Gestaltung verbinden. Darüber hinaus kommt der historischen Methode aber auch orientierende Funktion zu, indem sie maßgebliche Zusammenhänge herausarbeitet, die innere Logik von etablierten und bewährten liturgischen Handlungsformen analysiert oder die Wirkungsgeschichte liturgischer Sequenzen und Elemente ans Licht hebt. Oder indem sie hilft, zwischen Solidem und Kurzlebigem, zwischen gangbaren Wegen und Holzwegen zu unterscheiden.
Damit sind heilsgeschichtliche Darstellungen der Gottesdienstgeschichte nicht grundsätzlich ins Unrecht gesetzt. Aber sie sind nicht Ergebnis historischer Forschung, sondern theologischer Interpretationen, welche sich historisch immer wieder befragen und korrigieren lassen müssen.
Literatur zur Vertiefung
Bradshaw, Paul F. (1992): The Search for the Origins of Christian Worship. Sources and Methods for the Study of Early Liturgy, New York.
Stringer, Martin D. (2005): A Sociological History of Christian Worship, Cambridge, 1–25.
Bärsch, Jürgen/Kranemann, Benedikt (2018) (Hg.): Geschichte der Liturgie in den Kirchen des Westens. Rituelle Entwicklungen, theologische Konzepte und kulturelle Kontexte, 2 Bde., Münster/W.
2.3.2 Systematisch-theologische Methoden: Fundamentalliturgik
Die Systematische Theologie fragt nach denjenigen Begründungszusammenhängen des Gottesdienstes, die für die jeweilige Gegenwart Plausibilität und Relevanz beanspruchen können. Sie fragt nach den je aktuellen Prinzipien liturgischen Handelns. Dies kann nicht anders geschehen, als dass sie zwei Perspektiven aufeinander bezieht: die theologisch-dogmatische und die empirische. Den Gottesdienst theologisch zu reflektieren heißt, ihn in dieser doppelten Perspektive zu reflektieren. Dabei ist zu beachten: Auch eine empirische oder historische Rekonstruktion ist sachgemäß nicht möglich, ohne dass die jeweiligen religiösen Deutungen und normativen Aspekte des Predigens, des Betens oder des Segnens berücksichtigt und in die Interpretation einbezogen werden. Die Leistung systematisch-theologischer Reflexion besteht darin, über die empirische oder historische Rekonstruktion hinaus den Anschluss an die Wissenschaftskultur und Plausibilitätsstruktur der jeweiligen Gegenwart zu gewinnen.
Die Verschränkung der beiden Perspektiven – der theologischen und der empirischen – kann in unterschiedlicher Weise erfolgen: Der konkrete Gottesdienst als kollektive religiöse Praxis fungiert entweder als Ursprungserfahrung, als Gegenstand oder als Anwendungsfall theologisch-dogmatischer Bemühungen.
(1) Als Ursprungserfahrung des Glaubens wie des theologischen Nachdenkens wird der Gottesdienst vor allem in der katholischen Liturgiewissenschaft verstanden. Nach Romano Guardini ist es »die lebendige, opfernde, betende, die Gnadengeheimnisse vollziehende Kirche, in ihrer tatsächlichen Kultübung und ihren auf diese bezüglichen, verbindlichen Äußerungen«, welche die »systematische Liturgiewissenschaft« zu explizieren und in einer Lehre zu systematisieren habe (Guardini1921, 104). Nach Guardini kommt in der liturgischen Praxis und deren verbindlicher Regelung durch die Kirche – beides im Singular! – Gottes »übernatürliche Offenbarung und Lebensmitteilung« in authentischer, ursprünglicher und unverfälschter Weise zum Ausdruck. Die systematische Liturgiewissenschaft ist folglich Reflexions- und Explikationsagentur dieser Ursprungserfahrung des Glaubens. Einer so verstandenen Liturgiewissenschaft kommt eine hohe, apodiktische Normativität zu. Denn sie geht aus von der und bleibt bezogen auf die überlieferte »übernatürliche Wahrheit« und die sakrosankte kultische »Lebensordnung« der Kirche (Guardini1921, 104).
(2) Auch für Friedrich Schleiermacher (→ Kap. 6.1.3.2.1) stellt der Gottesdienst die religiöse Ursprungserfahrung des Glaubens par excellence dar, allerdings in einem ganz anderen Sinne als bei Guardini: Nach Schleiermacher bieten Gottesdienste den kultischen Rahmen dafür, dass der religiös virtuose Prediger das »Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit« in inspirierender Weise darzustellen, die »Circulation des religiösen Bewusstseins« in Schwung zu bringen und die Gläubigen zu eigener religiöser Produktivität anzuregen vermag. Die Methode der Liturgik besteht nach Schleiermacher darin, den Zusammenhang zwischen religiösem Bewusstsein, liturgischer Darstellung und traditioneller Glaubenslehre systematisch zu reflektieren und daraus Kriterien für die Orientierung liturgischer Vollzüge zu gewinnen. Damit wird der Gottesdienst nun allerdings auch zum Gegenstand systematisch-theologischen Nachdenkens.
(3) Für Karl Barth stellt der Gottesdienst vor allem einen Gegenstand theologischen Nachdenkens dar. In seinem 1921 vor deutschen Pfarrern gehaltenen Vortrag »Not und Verheißung der christlichen Verkündigung« (Barth 1922/1990) schildert er den Gottesdienst am Sonntagmorgen als eine Szene, in der die existenzielle, ja verzweifelte Sinnsuche der Menschen und die befreiende Kraft des Evangeliums in dramatischer Weise aufeinander stoßen. Seine ganze Theologie, so bekennt er an einer anderen Stelle, sei und bleibe eine Pfarrer-Theologie, welche die Aufgabe dessen reflektiere und orientiere, der auf die Kanzel steige, um vor und für eine Gemeinde zu beten, aus der Bibel zu lesen und zu predigen. Barth geht in seiner Theologie sowohl von der Erwartung der Menschen als auch von der Aufgabe der Verkündigung aus und bleibt auf beide bezogen. Er betreibt insgesamt eine kritische Gottesdiensttheorie, wobei er seine theologische Orientierung nicht aus der liturgischen Situation, sondern aus der systematisch-theologischen Reflexion gewinnt. Barth verfährt theologisch deduktiv.
Ein anderes Verfahren schlägt Alexander Deeg in seiner Fundamentalliturgik vor: nämlich ein abduktives (Deeg 2012a, 65–71). Denn weder ist es möglich, in induktiver Weise aus der Wahrnehmung und Analyse der vorfindlichen liturgischen Praxis die Theorie und normativen Grundsätze des Gottesdienstes abzuleiten, noch lässt sich deduktiv allein aus den Grundsätzen, die wir in der Tradition und in der Dogmatik vorfinden und systematisch reflektieren, auf Kriterien für eine stimmige liturgische Praxis schließen. Hilfreiche und theologisch sachgemäße Kriterien ergeben sich vielmehr im immer spannungsvollen Gegenüber von Dogmatik und liturgischer Situation, von Theologie und Empirie. Oder genauer: Sie ergeben sich aus diesem Gegenüber nicht zwangsläufig, sondern erscheinen, tauchen auf, werden kreativ erwogen. Denn das Verhältnis von dogmatischer Tradition und Situation ist kein stabiles und eindeutiges, sondern ein wechselndes und fragliches. Fraglich und strittig sind sowohl die Beschreibung und Analyse der Situation als auch die ihr entsprechenden theologischen Prinzipien sowie der Modus der Entsprechung. Kriterien für den Gottesdienst lassen sich nur in einem hermeneutischen Zirkel gewinnen, indem abduktiv Zusammenhänge und Regeln erwogen werden, welche in der Folge deduktiv abgeleitet und induktiv überprüft werden, um sie zu bestätigen, zu differenzieren oder zu modifizieren.
Literatur zur Vertiefung
Härle, Wilfried (1995): Dogmatik, Berlin/New York.
Hofheinz, Marco (Hg.) (2019): Die Tradierung von Ethik im Gottesdienst. Ethik im theologischen Diskurs, Band 26, Münster/W.
1 Martin Wallraff hat darauf hingewiesen, dass sich in den ersten Jahrhunderten bis zum Ende des Mittelalters die Gebetsformeln weit stärker und schneller verändert haben als die Riten. Das liturgische Verhalten hat offenbar ein stärkeres Beharrungsvermögen als die verwendeten Formulierungen (vgl. Martin Wallraff (2006): Eucharistie oder Herrenmahl? Liturgiewissenschaft und Kirchengeschichte im Gespräch, VF 51(2), 55–63).
3. Wahrnehmungen
3.1 Gottesdienste im Plural
Den Gottesdienst gibt es nicht. Vielmehr sind überaus vielfältige Phänomene im Blick, sobald Menschen von Gottesdienst reden. Und bereits das Wort »Gottesdienst« ist mehrdeutig: Je nachdem, wie der Genitiv verstanden wird, geht es um den Dienst, den Gott tut, oder um den Dienst für Gott (vgl. Meyer-Blanck 2011b, 9). Die Reformatoren setzten den Akzent – in Abgrenzung zu mittelalterlichen Entwicklungen – entschieden auf Gottes Handeln; Gottesdienst ist für sie beneficium Dei (Gottes Wohltat), nicht aber sacrificium hominis (menschliches Opfer).
