Verlag: Ideenbrücke Verlag Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Lob des Irrtums und der Fehler - Dirk Müller

"Nützliche Irrtümer aus vielen Gebieten Auch Genies irren manchmal. Doch erweisen sich ihre Fehler manchmal als nützlich. Und selbst normale Menschen haben in der Geschichte mit ihren Irrtümern Brauchbares geschaffen. Aus dem Inhalt: Was Genies und Regenwürmer gemeinsam haben Fehler? Wie lecker! – Kartoffelchips und Blumenkohl Im Wein ist Irrtum Kopernikus oder: eine rundere Rundung Nur relativ richtige Annahmen: Relativitätstheorie Kandinsky oder: der richtige falsche Blick Amerika entdecken mit Aristoteles El Dorado Kreative Missverständnisse in der Literatur Schlamperei rettet Millionen das Leben Können falsche Prophezeiungen nützlich sein?

Meinungen über das E-Book Lob des Irrtums und der Fehler - Dirk Müller

E-Book-Leseprobe Lob des Irrtums und der Fehler - Dirk Müller

Produktive und sinnvolle Missgeschicke in der Geschichte der Wissenschaft, Kultur und Küche

Dirk Müller

Inhalt  

Einleitung.3

Nur negative Irrtümer?.5

Irren als Programm? Trial and error oder: Was Genies und Regenwürmer gemeinsam haben8

Fehler? Wie lecker! – Kartoffelchips und Blumenkohl 11

Die missratenen Bratkartoffeln..12

Käse, Tofu, Wein & Co. 15

Mehr Küchenlatein: Blumenkohl und was danach kommt 20

Im Wein ist Irrtum..24

Kopernikus oder: eine rundere Rundung.26

… und Kepler 33

Amerika entdecken mit Aristoteles.37

El Dorado: die Fata Morgana der Gier 47

Traum, Lüge und Literatur: Schliemann.55

Kreative Missverständnisse in der Literatur 64

Kandinsky oder: der richtige falsche Blick.69

Nur relativ richtige Annahmen: Relativitätstheorie.74

Der Fehlversuch als Meisterleistung: das Michelson-Morley-Experiment 80

Ein bisschen Theorie über den Irrtum..84

Schlamperei rettet Millionen das Leben..86

Können falsche Prophezeiungen nützlich sein?.97

Schluss.103

Literatur 105

Einleitung

Irren ist menschlich – das ist eine Binsenweisheit. 

Irren ist nützlich – was soll das bitte heißen?

Der erste Satz stimmt offensichtlich. Der zweite nur manchmal. Dennoch ist an ihm mehr Wahres, als man gewöhnlich denkt. Davon handelt dieses Buch: vom im Boden herumirrenden Regenwurm, von im Regenwald herumirrenden Eroberer, vom im Dschungel der Theorien herumirrenden Wissenschaftler. Nicht alle finden am Ende ihr Ziel, manche wissen nicht einmal so recht, wonach sie suchen sollen. Doch alle haben etwas gemeinsam: Am Ende steht irgendein Nutzen für irgendwen – nicht immer für den (Herum)Irrenden selbst, oft für einzelne Gruppen, manchmal jedoch für die gesamte Menschheit.

Die Wahrheit ist oft genug gerühmt worden. Es ist an der Zeit, endlich auch einmal den Irrtum zu loben. Und das ist – anders als bei Erasmus von Rotterdams berühmtem „Lob der Torheit“ – gar nicht immer so ironisch gemeint.       

Ich bin nicht der Erste, der sich auf dieses eigenartige Terrain wagt. So veröffentlichte der Berliner Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß einen Aufsatz mit dem Titel „Vom Nutzen des Irrtums in der Wissenschaft“. Ichverdanke ihm wesentliche Anregungen und einige Beispiele. Mir geht es jedoch zum einen um eine möglichst allgemeinverständliche Darstellung. Darüber hinaus möchte ich zeigen, an welch unterschiedlichen Stellen, auch fernab der Wissenschaft, produktive Fehler und Missverständnisse zu finden sind.

Nur negative Irrtümer?

Verführerisch funkeln die glatten, schwarzen Kugeln dem erschöpften Anführer Hork im Nachmittagslicht entgegen: dunkel glänzende Früchte an einem üppigen Strauch. Tagelang hatten er und seine Sippe auf ihrer Wanderung zu den neuen Jagdgründen nur knorrige Wurzeln gegessen. Doch nun: ein Festmahl! Er ruft seine Familie zu sich und beginnt, sich so richtig satt zu essen.

Seine Frau Ondu jedoch zögert. Irgendetwas ist ihr unheimlich an dieser unbekannten Frucht – so glänzend und so dunkel zugleich, wie von Geistern verzaubert … Und diese fünf Blütenblätter rund um jede Frucht, wie Krallen, die jeden packen wollen, der der Pflanze ihre Pracht nimmt …                             

Kurze Zeit später windet sich Hork in Fieberkrämpfen, fantasiert von Monstern und Dämonen, die ihn verfolgen. Er fällt in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwacht. Die Dosis der Alkaloide in den Früchten der Schwarzen Tollkirsche war tödlich. Seine Familie jedoch sollte überleben – vielleicht gehört sie zu unseren Vorfahren.

Es gibt Irrtümer, die für denjenigen, der sie begeht, ausschließlich negative Wirkung haben: zum Beispiel der Verzehr einer tödlich giftigen Pflanze durch einen Menschen der Steinzeit. Für die Hinterbliebenen des Toten war die missglückte Mahlzeit jedoch schon nicht nur negativ: Zwar verlieren sie einerseits einen Angehörigen. Andererseits sind sie davor gefeit, den gleichen Fehler zu machen – vorausgesetzt, das Gift wirkt schnell genug, um eindeutig zugeordnet werden zu können. Schleichende Vergiftungen hingegen können über Jahrhunderte hinweg unbemerkt bleiben: Schon die alten Römer pflegten ihren Wein mit Bleiacetat (früher wegen seiner Geschmackswirkung Bleizucker genannt) zu „veredeln“. Das Gift wirkte so langsam, dass die Ursache nicht erkannt wurde. Noch der Weinliebhaber Ludwig van Beethoven ist vermutlich an einer solchen Bleivergiftung gestorben.

Allerdings müssen wir uns über eines klar sein: Unser heutiges, umfangreiches medizinisches Wissen basiert zu einem nicht geringen Teil auf den oftmals tödlichen negativen Erfahrungen, die unsere Altvorderen gemacht haben. Umgekehrt werden künftige Generationen vermutlich von so manchen Irrtümern profitieren, die wir heute begehen – sofern sie lernfähig bleiben.

Solche Irrtümer sind also für andere nützlich. Der Mensch erzielt dabei Vorteile aus seiner einzigartigen Fähigkeit, kulturelles Wissen über viele Generationen aufzubewahren, zu vererben. Doch die Natur kennt in gewisser Weise ähnliche Techniken, davon später mehr.

Findige Leser haben es übrigens vielleicht bemerkt: In gewisser Weise enthält die Geschichte von Hork einen weiteren Irrtum, sogar einen doppelten, aber einen, der der Irrenden selbst nützt. Denn auch Horks Frau sitzt einem Irrtum auf, dem Glauben, man könne aus Farben und Formen der Natur auf Geister und Dämonen schließen und daraus wiederum, unmittelbar, ohne Prüfung, Gefahren vorhersagen. In diesem einen Fall hat Ondu zwar recht behalten. Insofern ist der Irrtum sehr nützlich, weil er ihr und ihren Kindern das Leben rettet. Wenn Ondu – oder ihre Sippe – jetzt jedoch glauben sollte, sie sei eine Hellseherin, kann das bei anderen Gelegenheiten wiederum zu tödlichen Fehlern führen.

Es sollten schon hinreichend viele Voraussagen zutreffen, und zwar im Verhältnis zur Zahl der gemachten Prognosen, bevor man irgendjemandem besondere Fähigkeiten zuschreibt. Ganz überwiegend richtige Vorhersagen werden in heutiger Zeit von Meteorologen selbstverständlich erwartet, bei Börsen-Gurus jedoch wird dieser Anspruch eigenartigerweise nicht selten vergessen. Da genügt es oftmals schon, einmal einen Crash richtig „prophezeit“ (in Wahrheit: glücklich erraten) zu haben, damit einem gierige Anleger fast alles glauben …  

Irren als Programm? Trial and error oder: Was Genies und Regenwürmer gemeinsam haben

Im Jahr 1881 erschien in London ein Buch mit dem Titel The formation of vegetable mould through the action of worms (Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer). Verfasser war niemand Geringerer als der Naturforscher Charles Darwin, zu diesem Zeitpunkt längst weltbekannt durch seine entscheidenden Beiträge zur Evolutionstheorie. Die Arbeit über die Würmer im Erdboden sollte Darwins letztes Werk sein. War es feiner britischer Sinn für Humor, dass der weißbärtige alte Herr sich gegen Ende seines Lebens ausgerechnet mit einer alles andere als spektakulären, „niederen“ Spezies wie dem heimischen Regenwurm befasste? Dass er ihnen – übrigens zu Recht – großen Nutzen für die Landwirtschaft und somit für das Überleben der Menschheit zuschrieb? Wie dem auch gewesen sein mag, Darwin wusste vermutlich noch nicht, dass Regenwürmer eine Eigenschaft besitzen, die lange Zeit nur Menschen und wenigen höheren Tieren zugetraut wurde: Sie sind lernfähig.      

Der US-amerikanischer Psychologe und Zoologe Robert Yerkes unternahm folgendes Experiment mit Regenwürmern: Er ließ sie durch einen wie ein T geformten Gang vom unteren Ende aus zu dem Querbalken kriechen. Bei einer Wendung nach links musste der bedauerliche Regenwurm zunächst über Sandpapier kriechen und erhielt anschließend einen leichten elektrischen Schlag. Bei der Wendung nach rechts konnte der Wurm das Ziel ohne Schwierigkeiten erreichen. Anfangs wandten sich die Würmer in gleicher Häufigkeit nach rechts oder links. Nach etwa zwanzig bis hundert Experimenten hatten die Kandidaten gelernt, dass sie an der Gabelung nach rechts kriechen müssen, um der unwurmlichen Behandlung im anderen Gang aus dem Weg zu gehen. Dieses Verfahren ist in der Verhaltensforschung als „trial and error“ oder „Versuch und Irrtum“ bekannt geworden. Das Nervensystem des Regenwurms ist ausgereift genug, um eine solche Lernleistung zu vollbringen. Was der Wurm kann, können höher entwickelte Lebewesen im Allgemeinen auch – noch höher entwickelte, sollte man sagen, denn Regenwürmer gehören zur großen Gruppe der chronisch unterschätzten Tiere.

Der Wurm verhält sich, so gesehen, nicht anders als der Steinzeitmensch, der irgendwann merkt, dass er von bestimmten Knollen Durchfall bekommt, wenn er sie nicht vorher kocht. Oder als der moderne Mensch, der nach der soundsovielten Steuererhöhung merkt, dass er möglicherweise die falsche Partei gewählt hat. Oder als ein Wissenschaftler, der nach etlichen gescheiterten Experimenten eine radikal neue Theorie entwirft. Je nachdem, wie erfolgreich er bei der Formulierung dieser Theorie ist, kann das durchaus für den Nobelpreis reichen – sogar dann, wenn diese Theorie ihrerseits in Teilen auf irrigen Annahmen basiert. Darum wird es in mehreren Kapiteln gehen, auch in dem zur Relativitätstheorie

Fehler? Wie lecker! – Kartoffelchips und Blumenkohl

Vielleicht wird in kaum einem anderen Raum so viel geirrt wird wie in der Küche. Was kann man dort nicht alles falsch machen! Nicht korrekt abgemessene Zutaten, die Temperatur zu hoch oder zu niedrig, das falsche Fett, die Hefe im Salz erstickt, mal schnell telefoniert zwischendurch …

Ganz schlimm kann es werden, wenn pflichtbewusste Köche versuchen, auf vermeintlich „gesunde“ Ernährung zu achten und womöglich gleichzeitig etwas Essbares oder gar Wohlschmeckendes zustande zu bringen. Selbst wenn dieser Spagat mit viel Mühe gelungen sein sollte, kommt einige Jahre später oft die nachträgliche Enttäuschung … zum Beispiel wenn man erfährt, dass das all die Zeit hindurch wider den eigenen Geschmack verwendete Öl nicht halb so gesund ist wie von sogenannten Experten angenommen und auf allen Kanälen propagiert wurde.

Ist es ob all des Irrens nicht tröstlich, dass es auch im kulinarischen Sektor produktive Irrtümer gibt, vielleicht weit mehr, als stolze Meisterköche zugeben?

Die missratenen Bratkartoffeln

Die Geschichte der Erfindung der Kartoffelchips ist in zwei unterschiedlichen Versionen überliefert.                                                                             

Nummer eins: