Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Lockenkopf 2 Das Lächeln einer Fledermaus Dies ist der Folgeband von "Lockenkopf 1, Warum weint man, wenn einem etwas gefällt? Locker, leichte, aber auch nachdenklich stimmende Lesekost. Geschichten aus dem Alltagsleben eines heranwachsenden Kindes (10 - 14 Jahre alt), die man mit einem lachenden und weinenden Auge liest. Jetzt haben wir die Nachkriegsjahre verlassen und steuern langsam dem "Deutschen Wirtschaftswunder" zu. In Kattenbach werden die Feste gefeiert, wie sie fallen. Auf dem Waldfest versackt der neue, junge Lehrer knapp nach seiner Hochzeitsnacht, und ansonsten passiert auch eine ganze Menge. Ein Zirkus überwintert im Ort, Ausgrabungen bei der Klosterruine bringen einen spektakulären Fund ans Tageslicht, Kinder wurden nach der Geburt vertauscht. Ja, der Ort vibriert nur so vor Lebendigkeit. Dazu tragen selbstverständlich die örtlichen Honoratioren und ebenso die örtlichen Klatschbasen in einer gerüttelten Maß bei. Nicht zu vergessen die immer noch gegenwärtigen Amerikaner, die ja auch Geschichten machen. Ulrike mischt bei den Naturfreunden mit und es geht auf Fahrt. Hier ist Mutterwitz und Einfallsreichtum sehr gefragt. Denn, was macht man beispielsweise, wenn man zwar genügend Zelte für die Gruppe, aber keinen einzigen Dosenöffner für die mitgebrachten Suppendosen dabei hat? Die Schule spielt auch weiterhin eine tragende Rolle. Das heißt, es wird auch Theater gespielt. Die Schüler heimsen Erfolge ein, ungeachtet der Pannen, die ebenfalls am laufenden Band produziert werden. Doch die Gemüter erhitzen sich, als ein Mädchen überfallen und schwer verletzt wird. Allgemein glaubt man, dass es sich um amerikanische Soldaten handelt, welche die Tat begangen haben. Doch die Täter werden nicht gefasst. Ein weiteres tragisches Geschehnis ist der Selbstmord eines Direktors der Kunstlederfabrik. Es spukt in Kattenbach!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ursula Essling
Lockenkopf 2
Das Lächeln einer Fledermaus
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Zum Buch
Figuren / Protagonisten
Treffpunkt Fröhlichkeit (1953)
Ich bin ein Ärgernis
Ein atemberaubendes Kunststück
Wahrsagen ist doch ganz einfach
Bei uns verrohen die Sitten
Taktgefühl
Eine kulturelle Bereicherung
Dreizehn Flaschen Coca Cola
Reservepflaster und kein Dosenöffner
Rosen für Hans Albers
Livia Liebling
Kalter Krieg
Ein bedeutender archäologischer Fund
Ein tödlicher Giftzettel
Das Universalgenie
Die schönste Radiosendung aller Zeiten
Das Lächeln einer Fledermaus
Rumkugeln, die es in sich haben
Robinson soll nicht sterben
Killekillewambo und die Csardasfürstin
Klara und das Pfänderspiel
Ein Freund zum Dauergebrauch
Das Gespenst auf dem Beifahrersitz
Starallüren
Abschiedstränen
Ich stehe im Abseits (1957)
Impressum neobooks
Dies ist die Fortsetzung von „Lockenkopf 1, Warum weint man, wenn einem etwas gefällt“. Jetzt haben wir die Nachkriegsjahre verlassen und steuern langsam dem „Deutschen Wirtschaftswunder“ zu (1953 – 1957).
Locker, leichte, aber auch nachdenklich stimmende Lesekost. Geschichten aus dem Alltagsleben eines heranwachsenden Kindes (10 – 14 Jahre alt), die man mit einem lachenden und einem weinenden Auge liest.
Die geänderten Namen von Personen, Firmen und Orten wurden aus „Lockenkopf 1“ beibehalten.
Wichtigste handlungstragende Personen
Ulrike Scholl: 10 – 14 Jahre alt, schreibt alles auf.
Inge Scholl: 7 Jahre älter, ihre Schwester.
Grete u. Walter Scholl: Die geplagten Eltern.
Ulrich Peters: Ein erhoffter Schwiegersohn.
Paul Wolf u. Edgar Mohr: Ulrikes Freunde.
Gisela Bollmann u. Rita Müller: Ulrikes beste Freundinnen.
Beate König: Eine Freundin auf Zeit.
Gisi Simoneit: Ulrikes Feindin.
Tante Lotte: Papas Stiefmutter mit dem Blick in die Zukunft.
Renate: Ihre Tochter.
Hans Albers: Filmstar.
Jakob Altmaier: Bundestagsabgeordneter.
Ein Filmregisseur
Ethelka Ungeheuer: Ein Zirkuskind.
Ursel Bender: Die eigentlich Livia heißt.
Herr Bollmann: Bürgermeister von Kattenbach.
Frau Bollmann u.
Frau Mühlbauer: Klatschbasen von Kattenbach.
Harald Grunz: Ein problematischer Naturfreund.
Herr Lorbach: Erfahrener Lehrer, ehemaliger Hauptmann
mit Silberplatte.
Frau Lorbach: Seine Frau und Hauswirtschaftslehrerin.
Ute und Klara: Zwei heimgesuchte Mädchen.
Ein Gespenst
Blasen u. Nieten: Uninteressierte und gelangweilte Mitschüler.
Mitschüler, Naturfreunde, Nachbarn und sonstige Kattenbacher.
Meine Schwester und ich wären beinahe im Bett unserer Eltern verschmort. Gottseidank hat Mama im Wohnzimmer, in welchem sie mit der Verwandtschaft zum Abschied noch einen Kaffee trank, etwas gerochen. Sie kam zu uns, riss die Bettdecke hoch und entfachte eine Stichflamme. Diese schoss aus dem Heizkissen und versengte Inges Bein. Dann schnurrte die Flamme wieder in sich selbst zusammen, denn unsere Mutter zog geistesgegenwärtig den Stecker raus.
Meine Mutter regte sich furchtbar auf. Nicht, weil sie uns mit dieser Maßnahme weckte, sondern weil Gott weiß was hätte passieren können. Dabei meinte sie es so gut. Inge hatte nämlich so ein Reißen im Bein. Tante Ria tippte auf jugendlichen Wachstumsrheumatismus und meinte, ein Heizkissen könnte nicht schaden. Nun hat es doch geschadet, das Heizkissen, aber in erster Linie sich selbst, denn es ist kaputt.
Schuld an allem ist natürlich das Wetter. Bei frühsommerlicher Wärme, wie das Mitte Juni normal sein sollte, hätte Inge kein Reißen gehabt und kein Heizkissen gebraucht. So war es zu kühl für die Jahreszeit und außerdem regnerisch. Wie immer, wenn wir den ganzen Tag im Wald verbringen müssen, um unsere Befreiung zu feiern.
Diese Befreiung liegt zwar schon über dreihundert Jahre zurück, weil sie im Dreißigjährigen Krieg stattfand, aber wir feiern sie trotzdem immer noch. Damals wurde Hanau von den Kaiserlichen belagert. Die Schweden, die die Stadt ein paar Jahre zuvor einer anderen kaiserlichen Besatzungsmacht entrissen hatten, verteidigten sie jetzt. Die normalen Hanauer halfen ihren Besetzern natürlich dabei. Die Schweden waren genau so evangelisch wie die meisten Hanauer, deshalb benahmen sie sich ganz ordentlich. Sie teilten mit den Bürgern ihr Brot, aber auch die Pest, welche die Soldaten des Kaisers als Gastgeschenk mitgebracht hatten. Der Chef von Hanau war damals der schwedische General von Ramsay, der sehr tapfer gewesen sein soll. Deshalb gibt es heute noch eine Ramsaystraße. Der Landgraf, welcher eigentlich die Stadt schützen sollte, weil sie ihm gehörte, war schon vor längerer Zeit abgehauen. Nach neun Monaten Belagerung war die Stadt reif zur Übergabe auf Gnade oder Ungnade. Der Hunger wurde all zu schlimm.
Da kam im letzten Moment die Rettung durch einen Kanonenschuss aus der Wetterau. Er wurde bei einem bestimmten Baum abgeschossen, der seither Wartbaum heißt und heute noch lebt (der Baum, nicht der Schuss). Er teilte, besser gesagt, er dröhnte den verzweifelten Bürgern mit: „Der Landgraf von Kassel ist im Anmarsch, um Euch zu befreien!“
Das steht alles auf einem Schild, welches an diesem Baum fest genagelt wurde. Wir mussten nämlich da mal einen Ausflug hinmachen. Zu Fuß! Wahrscheinlich sollten wir nachempfinden können, wie tapfer die Soldaten damals den langen Weg marschiert sind. Das waren die pädagogischen Gründe unseres Lehrers. Die wahren Gründe dürften aber das fehlende Busgeld gewesen sein.
Der Wartbaum sieht auch nicht anders aus als seine Baumkameraden, aber er ist berühmt. Der Kanonenschuss muss so laut gewesen sein, dass er die Einheimischen und ihre Schweden erreichte, aber auch die Belagerer. Die Einen freuten sich riesig, die Anderen rüsteten zum Kampf und nahmen anschließend Reißaus.
Es hieß, ihr General hätte vor Wut einen knallroten Kopf bekommen, sich auf das nächstbeste rumstehende Pulverfass gesetzt und es angezündet. Aber das glaube ich nicht so ganz, weil ich irgendwo mal gehört habe, dass dieser Mann noch in anderen Schlachten auftauchte. Außerdem bekam er trotz seiner Schlappe bei uns später einen Grafentitel. Sicher ist es wahr, dass er „Merde“ gesagt hat, was immer das auch heißen mag und ebenfalls abgehauen ist.
Bei uns in Kattenbach haben die Kaiserlichen auch extra Schanzen gebaut, nicht um zu schießen, sondern um ihren Proviant in Sicherheit zu bringen. Heute bilden diese Schanzen ein Wäldchen mit künstlichen Hügeln, die gleich neben unserem Haus anfangen und bei der Schanzenstraße aufhören. Ich liebe dieses Wäldchen, obwohl ich jeden Tag da durch zur Schule gehe. Im Sommer feiern die Kattenbacher hier ihr Waldfest, wohl auch wegen der Befreiung. Aber die Kattenbacher konnten damals überhaupt nicht befreit werden, weil es außer der Klosterruine noch gar kein Kattenbach gab.
Im Winter rasen unsere Schlitten von den einstigen Schanzen ins Tal. Diese Täler werden aber heutzutage von Häusern begrenzt. Denn jetzt gibt es ein Kattenbach. So passiert es leider immer wieder, dass ein Kind, (meistens ich) gegen eine der massiven steinernen Hauswände saust. Wie schön, dass es die Schanzen gibt!
Jedenfalls wird diese Befreiung, zu der die Leute Lampenwald sagen, von allen Bürgern und Exbürgern der Stadt mit schöner Regelmäßigkeit gefeiert. Seit über dreihundert Jahren gehen die Leute alljährlich mit Kind und Kegel in den Wald, um die Niederlage des Generals Lamboy zu feiern. Nur wenn der große Sieg durch einen neuen Krieg unterbrochen wird, gibt es kein Fest Überall sind lange Holztische mit passenden Bänken aufgestellt. Man trifft sich mit der Verwandtschaft, auch mit denen, die man nicht kennt. Alle verantwortungsbewussten Hausfrauen packen sofort bei ihrer Ankunft Kaffee, Kuchen und alles Mögliche zum Essen aus. Denn der Tag ist lang.
Alle Leute haben im Lampenwald ihren seit über hundert Jahren angestammten Platz. Unsere Familie trifft sich immer bei der „Fröhlichkeit“. Das ist ein Männergesangverein, bei dem es sehr ernst und würdevoll zugeht. Jedenfalls in den ersten Stunden. Im Festzelt stehen die Männer im Halbkreis und singen dreistimmige Lieder. Das sind sehr männliche Gesänge von harten Männern und Jägern, lieblichen Mädchen, Blut und Ehre. Auch die Heimat, egal wo sie ist, wird so besungen, dass man fast heulen muss.
Noch interessanter ist es, wenn man den Sängern zuschaut. Jeder Einzelne ist so von seiner Wichtigkeit durchdrungen, dass man ihn unwillkürlich anstarren muss. Ich finde das ganz spannend und warte regelrecht darauf, dass die Hemdkragen der Männer alle auf einmal platzen. Das wäre doch mal ein völlig neuer Ton.
Mein Vater spielt die Geige. Immer, wenn er sie aufschreien lässt, wirkt sein Gesicht furchtbar gequält. Bei meinem Onkel Jean ist das ganz anders. Er hat ein riesiges Akkordeon, das noch lange nicht abbezahlt ist. Das drückt und presst er zwischen seinen Armen derart stark, dass dem Instrument die Luft ausgeht. Dadurch entstehen die Töne. Diese werden aber erst zu einer Melodie veredelt, weil er zusätzlich in die Tasten greift und samt Akkordeon hin und her schwankt. Dabei bringt er es doch tatsächlich fertig, zwei steile Falten Nasen aufwärts zu produzieren und gleichzeitig breit zu grinsen.
Auch Papas Onkel ist bei der Fröhlichkeit. Er singt solo. Man merkt, dass das sehr, sehr anstrengend sein muss. Denn man kann nicht immer nach Luft schnappen, wenn einem danach zumute ist. Onkel Karl wohnt in der Stadt, weil er schon immer da wohnte und nicht ausgebombt wurde. Man kennt ihn, er ist nämlich Hofmarschall. Nicht von Beruf, sondern ehrenamtlich im Fasching. Dieses Amt hat Papas Onkel schon lange. Nur während des Krieges pausierte er. Da musste auch der Herr Hofmarschall die feldgraue Uniform des einfachen Soldaten tragen.
Wenn die Fröhlichkeit Feierabend hat, kommt der gemütliche Teil. Da gibt es richtige Musik. Ich meine Schlager, die man mitsingen kann. Die Erwachsenen tanzen dazu. Jetzt sind die Männer nicht mehr so steif, ja nicht einmal mehr so standfest.
Alle an unserem Tisch sind weggegangen. Inge ist mit ein paar Freundinnen Karussell fahren, die anderen Kinder treiben sich bei den Buden rum. Nur ich und meine Mutter sitzen da. Mama fühlt sich auch so, nämlich sitzen gelassen. Und ich habe kein Geld mehr für was Besseres. Das bedeutet, dass ich erst mal einen neuen Gönner finden muss. Aber die Leute, die was rausrücken könnten, sind entweder auf dem Tanzboden oder trinken ein Likörchen. Meine Mutter starrt in ihren Kaffee und rührt grimmig darin rum, obwohl er schon eiskalt ist. Ich glaube, sie rührt schon eine halbe Stunde.
„Hamse nich, hamse nich eine Frau für mich?“
Der frische moderne Schlager zerreißt mit einem Schlag unsere Langeweile. Ein mittelalter Mann steht plötzlich vor uns und schmettert das Lied. Dabei tänzelt er um uns rum und schwingt eine Bierflasche im Takt dazu. Der Mann gefällt mir, weil er so lustig ist. Da stören auch nicht die Bartstoppeln und die Knollennase. Deshalb mache ich mit, klatsche in die Hände und singe:
„Ja, ja, ja, wir haben viele da!“
Wir haben ja auch viele, die sind nur momentan in anderen Händen.
„Sie muss schick sein“, ruft er singend oder singt er rufend. Dann nimmt er einen großen Schluck Bier, rülpst und torkelt davon, während ich ihm noch nachrufe: „Darf nicht zu dick sein!“
„Kleines Fräulein ich komme wieder, versprochen ist versprochen!“
„Was fällt Dir ein, Ulrike“, fährt mich meine Mutter an und vergisst dabei ganz, in ihrem kalten Kaffee zu rühren. „Bist Du verrückt geworden? So einen hergelaufenen Kerl an unseren Tisch einzuladen!“
Na jetzt soll das einer mal kapieren, ich sorge für ein bisschen Unterhaltung und dann werde ich so angezischt. Und das von meiner eigenen Mutter. Ich bin beleidigt.
„Der Mann war doch nett und wir haben doch genug Frauen an unserem Tisch. Außerdem ist er allein.“
Ich hätte mir meine Verteidigungsrede sparen können, denn meine Mutter zeigt keinerlei Verständnis. Sie schweigt nur grimmig, zumal sie meinen Vater gerade mit drei Würstchen kommen sieht.
„Ich habe Euch was zu essen gebracht“, sagt er und stellt die dicken roten Würste auf den Tisch. „Rindswurst, die mögt Ihr doch so gern.“
Mama schnuppert misstrauisch an den Würstchen.
„Die hast Du wohl beim Leininger gekauft, was? Die kannst Du selber essen, ich esse keine Pferdefleisch.“
„Probier doch mal, die schmecken wirklich gut!“
Aber Mama zeigt meinem Vater nur noch die kalte Schulter, indem sie sich umdreht, in die entgegengesetzte Richtung schaut und eisig schweigt. Das scheint Papa aber nicht weiter zu stören. Gemächlich futtert er seine Wurst. Als die alle ist, verzehrt er auch noch die, die für meine Mutter gedacht war, und spült sie mit kleinen Schlucken Bier hinunter.
Währenddessen kämpfe ich mit mir. Einerseits duftet die Wurst verlockend, andererseits war sie vom Pferd und so was wurde bei uns „Trapptrapp“ genannt. Ein Pferd hatte also sterben müssen. Ein Pferd ist ein edles Tier. Ich habe zwar im Allgemeinen Angst vor großen Pferden, aber es gibt so viele rührende Geschichten über diesen treuen Freund des Menschen. Es ist also fast so, als ob man ein Stück von einem Hund isst.
Bei all der Grübelei ist die Wurst in den Dreck gefallen. Da es mittlerweile dämmrig ist, bemerkt niemand, dass ich sie unterm Tisch heimlich mit den Zehen packe und langsam zu mir hochziehe. Beim Abwischen fällt mir auch noch ein, dass die Leute sagen, beim Pferd ginge der Urin durch den Körper. Also ist das Fleisch wohl mit Pferdepipi durchtränkt. Igitt! Meinen Vater stört das nicht, der ist jetzt wohlig satt, aber ich habe Hunger.
Die Musik ist verstummt. Alles strömt wieder zum Tisch. Erhitzte Gespräche stören meine Überlegungen. Plötzlich taucht der Mann mit den Bartstoppeln wieder auf. Die Bartstoppeln kann ich zwar im Zwielicht nicht mehr erkennen, aber hören kann ich ihn. Und nicht nur ich. Jetzt klingt sein Verlangen nach einer Frau aber gar nicht mehr lustig, sondern eher wie Gegröle.
„Das kleine Fräulein hat mir eine Frau versprochen“, gurgelt er. „Se ham ja wirklich viele!“
Da stehen mein Vater, Onkel Jean und Herr Becker wie ein Mann auf und gebieten dem armen einsamen Knollengesicht, er solle sich wegscheren. Der hält sich an der Bierflasche fest und scheint ein bisschen zu schrumpfen. „Na, dann nicht, ist sowieso nichts Frisches dabei“, näselt er und verschwindet hinter den Bäumen.
Jetzt habe ich aus lauter Verlegenheit doch in die Wurst gebissen. Der Saft läuft mir übers Kinn, ich lecke ihn mit der Zunge ab. Es sieht ja niemand. Da merke ich, dass die Wurst wirklich gut schmeckt. Ich habe sie gegessen. Das Pferd musste sterben, das stimmt. Es ist aber nicht deshalb geschlachtet worden, weil ich eine Wurst von ihm gegessen habe.
Es wurde doch noch ein schöner Abend. Mama wurde wieder lieb, denn jetzt wurde sie auch dauernd zum Tanzen aufgefordert. Besonders von Herrn Becker und Herrn Zwilling, der auch extra aus Kattenbach kam, um sich „den Rummel“ einmal anzusehen. Das hatte natürlich auch sein Gutes für mich. Damit ich aus dem Weg war, griff Herr Zwilling tief in die Tasche und spendierte mir genügend Kleingeld zum Karussellfahren und Zuckerstangen kaufen.
Naja, als wir im Gefolge von Tante Ria, Onkel Jean und Herrn Zwilling dann mühsam auf die Fahrräder kletterten, waren wir alle guter Dinge.
Wie üblich gab´s noch Kaffee bei uns und ausnahmsweise das Elternbett und das Heizkissen für Inge und mich. Während wir uns zurechtkuschelten in nicht wissender Erwartung der Stichflamme, hörten wir, wie im Wohnzimmer noch mal der Tag durchgesprochen wurde. Über jeden, der abwesend war, haben die Anwesenden gelästert. Das ist aber auch ganz natürlich. Wann trifft sich die ganze Verwandtschaft denn sonst schon mal? Auch die, die man nicht leiden kann?
Nur am Befreiungstag!
Hinter Flörsbach gibt es zwei richtige Seen, einer ist links von der Straße, der andere rechts. Wenn wir im Sommer Zeit haben, gehen wir da gerne baden. Der linke See hat mehr Sand, der rechte ist dafür romantischer. Er liegt mitten im Wald und hat auch bewaldete Inselchen. Logischerweise ist es da schöner, wenn es richtig heiß ist. Wenn es aber wolkig ist und die Sonne nicht so richtig raus kann, ist es am Sandstrand besser. Jedenfalls sind diese Seen tief, aber nicht so wie unser Exer, der ja nur Panzertiefe hat, da die Amis ihn so hergestellt haben. Mit Panzern, meine ich.
Aber auch die Flörsbacher Seen sind nicht durch die Natur entstanden, obwohl sie so aussehen. Beide waren mal Bergwerke, die regelrecht ertrunken sind. Die Bergleute konnten sich damals alle retten, die Loren aber nicht. Sie liegen auf dem Grund und rosten.
Zuerst waren die Leute nicht so froh, als das Wasser ihre Arbeitsplätze verschlang. Jetzt sehen sie das aber bestimmt anders, weil die Arbeiter von damals entweder tot sind oder in Rente. Schließlich sind die Seen schon über vierzig Jahre alt.
Sonntags geht mein Vater oft mit uns zum Schwimmen. Die struwwelige Angelika Wolf und Inge gehen aber noch öfter allein. Manchmal müssen die beiden mich mitnehmen. Das machen sie aber nicht gern, weil sie dann auch auf mich aufpassen müssen. Sie schwimmen lieber über den See und zurück, als mich zu beaufsichtigen. Der Gerechtigkeit halber muss ich allerdings sagen, dass ich mich ungefähr so wie ein nasser Sack im Wasser bewege. Dabei gebe ich mir so viel Mühe!
Papa hat mir schon tausendmal gezeigt, wie man Arme und Beine bewegt. Ich übe auch sehr oft im Flachen. Entweder machen die Beine Froschbewegungen oder die Arme. Beides gleichzeitig klappt einfach nicht. Mein Vater hält mich in dem tieferen Wasser immer unterm Bauch fest, bis er die Geduld verliert. Er meint nämlich, dass man einem Hund am besten das Schwimmen beibringt, wenn man ihn ins Wasser wirft. Er könnte es ja mit mir auch eines Tages so machen, ich traue ihm da nicht so recht.
Meistens fahren wir mit den Rädern zum Baden. Ich sitze auf dem Gepäckträger und halte mich und unsere Sachen am Sattel fest. Da gibt es überhaupt keine Probleme. Die gab es neulich nur mal mit der Polizei. Da hielt uns doch tatsächlich ein Polizist an, weil er wissen wollte, wie alt ich bin. Ich habe die Wahrheit gesagt. Da bekam Inge einen Strafzettel und wir mussten den Rest des Weges auch noch laufen. Und der Rest war das größere Stück. Schade, dass der Polizist ein Fremder war. Wenn es unser Herr Malek gewesen wäre, hätte man ihm einfach sagen können: „Ihre Kinder fahren immer so Rad!“ Sie besitzen nämlich nur ein Fahrrad zusammen. Der Polizist hat uns die ganze Zeit nachgeguckt, dass wir auch ja laufen. Angelika, die natürlich dabei war, ist aus Freundschaft sogar abgestiegen und seufzend mitgetrottet.
„Warum hast Du gesagt, dass Du schon neun bist?“ zeterte meine Schwester. „Kein Mensch glaubt doch, dass Du auch nur einen Tag älter als sieben bist. Drei Mark hat mich das gekostet. Und jetzt dürfen wir Deinetwegen das Rad auch noch schieben. Bei der Hitze!“
Ich war tief in meiner Würde gekränkt. Mich für eine Siebenjährige zu halten!
„Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Man soll doch nicht lügen!“
Sie raunzte noch eine ganze Weile vor sich hin. Schließlich erreichten wir doch noch den See im Wald. Die Abkühlung nach der unfreiwilligen Wanderung tat uns allen gut.
Das Eklige nach so einem Tag ist das Umziehen. Wir hüllen uns dann immer in die Decke, auf der wir zuvor gelegen haben, und ziehen da drunter den nassen Badeanzug aus. Das ist gar nicht so einfach. Man muss nämlich dabei immer darauf achten, dass man die Decke gut festhält. Die ist auch noch voll Sand und der kratzt. Aber gleichzeitig festhalten, jucken und umziehen geht nicht. Sonst steht man im Freien. Wenn man den Badeanzug dann endlich runtergezogen hat, ist man aber immer noch nass. Dann will sich die Unterhose nicht richtig anziehen lassen. Ich bin immer schon froh, wenn ich mir mein Kleid über den Kopf gezerrt habe.
Als ich zum Strand gelaufen bin, um die Füße und den Badeanzug zu waschen, bin ich fast mit Annette Römer zusammengestoßen. Die ist ungefähr so alt wie Inge, aber trotzdem sehr nett. Sie hat einen großen Busen und ganz rote, herzförmige Lippen, die immer irgendwie feucht sind. Ihre schwarzen Haare sind schulterlang und so lockig wie meine, aber unecht, da der Friseur sie gemacht hat. Dafür sind die Locken aber auch so ordentlich wie bei Rita Hayworth und nicht so kreuz und quer wie bei Ulrike Scholl. Außerdem hat Annette einen Bruder, der ganz alleine nach Australien ausgewandert ist. Von dem, beziehungsweise von seinen Briefen gibt sie meinem Freund Paul immer die Briefmarken. Der sammelt nämlich welche. Das ist nett von Annette, besonders weil die Briefmarken von so weit herkommen.
„Hallo Ulli, bist Du aber braun!“ Sie lächelt mich wie immer freundlich an. Dabei sitzt sie halb im Wasser und dreht das Gesicht zur Sonne. „Sag mal, ich habe vorhin Angelika und Deine Schwester gesehen. Ich finde, Inges Badeanzug ist ihr eine Nummer zu groß. Jedenfalls oben rum. Mir würde er genau passen.“
„Ja, das finde ich auch. Sie hat ihn aber unbedingt haben wollen, weil er aus diesem tollen neuen Stoff ist. Da steht der Busen von selbst. Sie meint natürlich, dass das keiner sieht!“
Annette rekelt sich so, dass ihr ganzer Körper in Bewegung gerät. „Meinst Du nicht, Du könntest Inge dazu überreden, ihn mir zu verkaufen? Ich würde ihr fünfzehn Mark dafür geben, obwohl er ja nicht mehr neu ist.“
Ich blicke ein bisschen sinnend auf Annette herunter. Schließlich sitzt sie ja im Wasser und ich stehe und habe sogar schon meine Füße in die Sandalen gezwängt. Ich finde, der knallrote Badeanzug würde ihr viel besser stehen und er wäre auch besser ausgefüllt als bei meiner Schwester. Und das sage ich Annette auch.
„Ich frage sie mal, ob sie ihn Dir verkauft!“
„Ulrike! Wo steckst Du so lange? Wir müssen heim!“
Nervenaufreibend, diese durchdringende Stimme meiner Schwester.
Schnell sage ich Annette noch Auf Wiedersehen und dass ich ihr auf jeden Fall Bescheid gebe.
Auf dem Rückweg sind wir doch wieder gefahren. Ich musste nur dauernd angestrengt hinter mich gucken, ob irgendwo ein Polizist rumstand. In diesem Fall sollte ich sofort vom Gepäckträger springen. Wir hatten aber Glück, diesmal kreuzte keiner auf.
Meine Schwester vermisst ihren neuen Badeanzug. Sie hat überall danach gesucht. Mama meinte nur, sie solle ihre Sachen besser beisammenhalten.
„Wenn jemand so schlampig ist, muss er eben suchen. Auf diese Weise hast Du letzten Endes mehr Arbeit wie ein ordentlicher Mensch!“
Inge ballt die Hände und heult fast, halb vor Wut und halb vor Kummer.
„Verdammt noch mal, er lag ganz ordentlich in meinem Wäschefach. Hast Du ihn vielleicht rausgenommen, um ihn zu waschen?“
Mama schüttelt stumm den Kopf.
Da fährt Inge jäh herum und schnellt auf mich zu, genauso wie damals die Schlange. „Ulrike ...“ presst sie gefährlich leise zwischen den Zähnen hervor. Sie klingt wie eine Bühnenschurkin. Ich erinnere mich, neulich eine ähnliche Szene in einem Film gesehen zu haben. Nur ging´s da nicht um Schwestern, sondern um einen Mann und seine Frau. Es handelte sich auch nicht um einen Badeanzug, sondern um eine Scheidung. Die Frau wollte nicht geschieden werden, aber der Mann. Da hat sie ihm Gift ins Essen gestreut. Das fand ich aber doch ziemlich komisch. Auf diese Art hat sie ihren Mann doch auch verloren und obendrein noch viel mehr Scherereien als bei einer Scheidung gehabt. Jedenfalls hat die spätere Mörderin genauso gezischt wie meine Schwester jetzt. Dabei sitze ich brav am Tisch und male unschuldige Blumen.
„Gib es zu“, geifert sie. „Du hast ihn versteckt, um mich zu ärgern. Du tust ja immer alles, um mich zu ärgern, Du ... Du ... Ärgernis Du!“
Hatte ich bis dahin noch Herzklopfen, so wurde ich jetzt ganz kühl. Ich habe sie ganz offen angeschaut und ihr ehrenwörtlich versichert, dass ich ihren Badeanzug nicht versteckt hätte. Und das stimmt.
Ich habe ihn nämlich verkauft!
An Annette. Sie hat mir die versprochenen fünfzehn Mark dafür gegeben. Soviel Geld hatte ich noch nie zum Ausgeben. Ich habe es mir aber eingeteilt, damit ich lange was davon hätte. Jeden Tag bin ich zum Bäcker gegangen. Ich habe mir überlegt, ob ich fünf Päckchen Brause zu zwei Pfennig oder zwei Päckchen zu fünf Pfennig kaufe. Lakritze, Negerküsse und Salzstangen gönnte ich uns, das heißt Rita und mir, aber auch. Herrlich!
Meiner Schwester blieb schließlich nichts anderes übrig, als ihren alten Badeanzug anzuziehen. Den hat meine Mutter selbst gestrickt. Er passt ihr viel besser „oben rum“ und wartet nicht auf Zuwachs wie der moderne Badeanzug. Ich finde, dass Inge mir eigentlich dankbar sein müsste. Schließlich habe ich ihr doch einen Gefallen getan.
Am Flörsbacher See, dem mit dem Sand, ist es dann passiert, Papa war dabei.
Meine Mutter geht nie zum Schwimmen, sie kann es nämlich nicht und mag kein Wasser in Mengen. Höchstens zum Ansehen. Außerdem ist sie froh, wenn wir am Sonntagmorgen weg sind. Dann kann sie in Ruhe kochen.
Wir gehen aber nur dann baden, wenn Papas Fußballverein kein Spiel hat. Zu diesen Spielen muss er mich auch mitnehmen, obwohl ich die furchtbar langweilig finde. Wir laufen dann nach Hanau zum Fußballplatz. Wir könnten auch mit dem Bus fahren, aber die Ausgabe lohnt sich nicht. Denn es sind nur wenige Haltestellen. Normale Leute müssen allerdings auch Eintritt bezahlen, wenn sie ein Fußballspiel anschauen möchten. Deshalb bleiben wir außerhalb des Lattenzauns und suchen uns dort einen Platz. Der muss natürlich etwas höher gelegen sein, damit man auch sieht, was auf dem Spielfeld vor sich geht. Also kriechen wir so einen ekligen Abfallhügel hinauf.
Da hocken schon viele andere Leute. Außerdem sitzen sie massenweise in den Bäumen. Die meisten sind Männer. Und sie schreien, besonders wenn ein Tor fällt, das ihr Verein geschossen hat. Dabei haben sie doch gar nicht das Recht dazu (zum Schreien, meine ich), weil sie ja keinen Eintritt bezahlt haben. Wenn ein Polizist vorbeikommt, tut jeder so, als hätte er gar kein Interesse an Fußball. Dann machen die Leute ihren Sonntagspaziergang. Wir auch. Ausgerechnet in so einer verschlammten Abfallgegend.
Ich mag keinen Fußball. Ich kann auch nicht verstehen, warum da so viele Männer hinter einem Ball herrennen und ein regelrechter Kampf entbrennt. Würde jeder einen Ball bekommen, könnten alle Spieler in Ruhe kicken.
Letzten Sonntag spielte Papas Verein glücklicherweise mal wieder auswärts. Und zwar soweit auswärts, dass er nicht hinfahren konnte. Also musste er mit uns schwimmen gehen. Inge und Angelika breiteten ihre Decke ein ganzes Stück von uns entfernt aus, sie wollten nicht zu uns gehören. Auch im Wasser hielten sie Abstand. Schließlich war Papa jetzt für mich zuständig. An diesem harmonischen und schönen, sonnigen und lieben Sonntag habe ich es endlich begriffen.
Ich kann schwimmen!
Mein Vater machte mit mir ganze zwanzig Minuten Schwimmübungen. Deshalb hatte er es sich redlich verdient, selbst mal raus zu schwimmen. Nachdem mir befohlen worden war, am Ufer zu bleiben, übte ich weiter. Ich legte mich ins flache Wasser und probierte es, die Arm- und Beinbewegungen gleichzeitig zu machen. Dabei geriet ich unmerklich ins tiefere Wasser, das heißt, ich hatte mehr Tiefgang unterm Bauch.
Auf einmal schwamm ich!
Erst zwei Stöße, dann drei. Jetzt übte ich glücklich und brachte es an diesem wunderschönen Sonntagvormittag auf ganze sieben Schwimmstöße.
Endlich hatte ich schwimmen gelernt, obwohl mein Vater mich alleine ließ. Zuerst glaubte Papa mir das gar nicht. Aber ich führte ihm meine neuen Schwimmkünste vor. Sein Gesicht legte sich in kritische Falten. Sicher deshalb, weil seine eigenen Bemühungen zu nichts geführt hatten. Meiner Mutter erzählte er später, dank seiner Engelsgeduld könnte ich endlich schwimmen. Es wäre ja auch Zeit gewesen.
Unsere Inge hat es gut. Sie braucht nicht mehr in die Schule zu gehen. Bevor sie und ihre Klassenkameradinnen jedoch ins Leben entlassen wurden, veranstaltete die Schule noch einen Elternabend. Meine Mutter ist seufzend hingegangen. Nach all den salbungsvollen Reden der Nonnenlehrerinnen kam eine normale Frau, die den Eltern in kurzen, verschämten Worten die Aufklärung ihrer Töchter ans Herz legte. Zu diesem Zweck verteilte sie kleine Heftchen. Mama nahm ihres mit rotem Kopf entgegen und gab es kommentarlos an meine Schwester weiter. Obwohl die Weitergabe in meinem Beisein erfolgte, wurde es mir streng verboten, das Heftchen zu lesen. Also hat Inge es so gut vor mir versteckt, dass ich es beim besten Willen nicht finden konnte. Dabei hätte ich mich doch auch so gerne aufgeklärt!
Jetzt macht Inge eine sogenannte Lehre. Deshalb darf sie jeden Tag mit dem Zug nach Frankfurt fahren. Ich beneide sie, denn ich fahre ja auch so furchtbar gerne mit der Eisenbahn.
Ein paar Mal war ich auch schon in Frankfurt. Da haben wir meistens Tante Lotte und Renate besucht. Die wohnen in einem langen schmalen Flur unterm Dach eines alten Hauses. Das ist genau so solide gebaut wie unseres und genau so zugig. Der Wind verfängt sich in den alten Mauern. Das hört sich an, als würden Gespenster heulen. Schön gruselig ist das. Aber ich bin sehr gerne dort. In einer richtigen Wohnung im selben Haus wohnt eine Frau Kraus, eine Witwe, die das Glück hatte, nicht ausgebombt zu werden. Das alte Haus blieb wunderbarerweise sogar im dichtesten Bombenhagel stehen. Frau Kraus ist eine ganz liebe alte Dame, die mit dafür gesorgt hat, dass Renate was auf die Rippen kriegte. In der schlechten Zeit hatte sie nämlich immer was zu essen für sie. Mal eine Scheibe Brot mit Handkäse, der zwar stinkt, aber trotzdem gut schmeckt. Oder auch mal Suppe, in der sogar Fleisch gekocht worden war. Manchmal gab es auch eine Hühnerkeule mit den dazu gehörenden Bratkartoffeln. Als ganz besonderen Leckerbissen steckte sie Renate ab und zu ein Stück Kuchen mit Falläpfeln zu. „Frau Kraus hat Organisationstalent und ein gutes Herz“, sagte Tante Lotte damals immer. Dieser guten Nachbarin verdankte Renate also auch, dass sie am Leben blieb. Das gute Futter gab ihr Kraft, als sie sehr schwer krank war. Damals glaubte sogar der zuständige Pfarrer, dass das Kind sterben müsse. Deshalb taufte er sie nicht nur noch einmal richtig, nein, er gab ihr sogar die Notkommunion. Das erste Mal, als unwissendes Baby hatte man sie nämlich evangelisch getauft. Der Priester wollte nur das Beste für das Kind. Es sollte in den richtigen Himmel kommen, zum katholischen lieben Gott. Aber der liebe Gott verzichtete Gott sei Dank auf Renates vorzeitiges Erscheinen bei ihm. Ja, sie konnte sogar noch mal ihre Kommunion feiern. Diesmal die normale. Sie trug ein ganz süßes Kleid. Das hatte ihr ihre Mutter aus einem nicht mehr benötigten Fallschirm zusammengenäht. Das Gebetbuch in der einen, eine riesige Kerze in der anderen Hand, sah Renate lieb, blass und fromm darin aus. Naja, schließlich kam der Stoff für ihr Kleid auch direkt vom Himmel.
Inge und Renate unternehmen jetzt öfter mal was zusammen. Tante Lotte soll ja bald eine richtige Wohnung bekommen. Da kann Inge dann auch in Frankfurt übernachten. Das beruhigt meine Mutter, weil Inge nicht mitten in der Nacht heimfahren muss. Aufpassen auf Inge und Renate tut Tante Lotte schon. Sie ist nämlich sehr streng und hat so eine herrscherliche Würde an sich, dass man ihr einfach gehorchen muss.
Inge darf ja jeden Tag mit dem Zug fahren. Morgens fährt sie eine Stunde hin und abends eine Stunde zurück. Dabei hat sie entweder Gesellschaft oder ein Buch. Es kommt vor, dass Inge einschläft wenn sie allein ist. Dann fährt sie an Kattenbach vorbei. Wenn sie Glück hat, wacht sie schon in Flörsbach auf. Da muss sie aber immer fast zwei Stunden warten, bis ein Zug wieder zurück nach Kattenbach fährt. Das ärgert wieder meinen Vater, weil er dann Hunger hat und niemand ihm die Kartoffeln aufsetzt. Mama arbeitet nämlich jetzt von zwei Uhr mittags bis zehn Uhr abends. Sie geht ganz in ihren chemischen Versuchen auf. Ich habe dabei immer eine leise Angst im Hinterkopf. Schließlich könnte das Labor ja mal in die Luft fliegen. Und sie mit. Da bekämen wir gar nichts mehr zu essen. Sie bereitet doch immer alles vor, Inge macht das Essen dann nur fertig. Ich würde das ja auch tun, aber man lässt mich ja nicht an den Herd. Und Männer sind dazu offenbar nicht fähig.
Es ist auch schon vorgekommen, dass wir nach Frankfurt zum Einkaufen gefahren sind. In Hanau bekommt man zwar auch alles, meine Mutter meint nur, dass es in der Großstadt billiger sein muss, weil es da mehr Konkurrenz gibt. Papa meint aber jedes Mal, dass man schließlich das Fahrgeld dazu rechnen müsste. Da hört meine sparsame Mutter aber überhaupt nicht hin. Sie fühlt sich in Frankfurt wohl auch ein kleines bisschen zu Hause. Immerhin hat sie einen großen Teil ihrer Jugend dort verbracht. Die Zeit, bevor sie Papa kennenlernte. Eben eine schöne Zeit, trotz der Verhältnisse. Ich jedenfalls freue mich auf die Eisenbahnfahrt und das Rumlaufen. Es gefällt mir, die Straßenbahnen zu zählen und die vielen Menschen zu beobachten. Die Leute hasten da alle so. Man scheint in der Großstadt viel weniger Zeit zu haben als an normalen Orten.
Froh bin ich, wenn ich Schuhe brauche, und die brauche ich öfter. Erstens gehen die bei mir immer so schnell kaputt, zweitens wachsen meine Füße. Wir kaufen die Schuhe meistens in einem Geschäft, in dem ich einen kleinen Gummiball geschenkt kriege. Aber nur, wenn wir wirklich Schuhe kaufen. Die sammle ich dann und übe damit jonglieren. Nicht mit den Schuhen, sondern mit den Bällen. Mit solchen praktischen Kenntnissen kann ich später vielleicht mal zum Zirkus gehen. Ich fürchte nämlich, dass ich doch keine Tänzerin werden kann. Ich bin schon zu alt. Für Ballettunterricht war eben kein Geld da.
Mit Milchkannen kann man auch jonglieren. Das hat mir neulich Gisi Simoneit gezeigt. Ich habe sie bei Frau Pfeffer getroffen. Sie hat auch Milch holen müssen. Aber nur einen Liter. Ich habe eineinhalb geholt, weil Samstag war und Mama selbst kochen konnte. Sie wollte Reisbrei mit Zucker und Zimt machen. Der lässt sich wochentags nämlich nicht vorbereiten, weil er bei Inge anschließend anbrennen würde.
Vor dem Laden hat Gisi mich gefragt: „Was gibst Du mir, wenn ich Dir ein atemberaubendes Kunststück zeige?“
„Nichts“, habe ich geantwortet.
„Wollen wir wetten, dass ich meine Milchkanne so rumschleudern kann, dass kein Tropfen verloren geht?“
Ich habe blitzschnell überlegt. Ja, auf diese Wette könnte ich eingehen. Wunder kann schließlich nicht mal Gisi vollbringen. Ich habe in meinen Taschen gekramt. Da ich meine Latzhose mit den sechs Taschen anhatte, hat es etwas länger gedauert. Aber ich habe was gefunden. Da hatte ich doch noch einen nagelneuen Kaugummi noch kein einziges Mal gekaut!
„In Ordnung, ich wette um einen Dubble Bubble!“
Ich habe den Kaugummi Gisi gezeigt. Er war zwar etwas zerdrückt vom längeren Aufenthalt in meiner Hosentasche, aber noch original verpackt. Trotzdem hat sie ihn mir abgenommen und mit halb zugekniffenen Augen geprüft, ob der Kaugummi schon benutzt worden war und nur wieder eingepackt wurde.
„Na gut“, sagte sie, „ich nehme den Kaugummi.“ „Wieso? Den kriegst Du erst, wenn Du die Wette gewinnen solltest.“
„Ich gewinne die Wette, Du wirst sehen!“
„Und was ist, wenn Du die Milch ausschüttest? Was kriege ich dann von Dir?“
Gisi blickte mich so treuherzig an, wie sie das beim Flaschensammeln macht, wenn sie weniger Flaschen als die anderen gefunden hat. Da wird sie immer ganz fromm und sagt: „Es wird christlich geteilt!“ Hat sie aber mehr leere Flaschen als die anderen erbeutet, heißt es: „Jeder soviel, wie er hat!“ Und jetzt sagt sie doch tatsächlich: „Dann kannst Du Deinen Kaugummi behalten!“
Ich bin einen Moment sprachlos: „Der gehört mir doch sowieso. Du musst mir was von Dir geben, so ist das nun mal beim Wetten, wenn man verliert.“ Wir einigten uns schließlich auf eine Murmel, eine große, mit der man die kleinen abwerfen kann. Die hatte ungefähr den Gegenwert meines Dubble Bubble. Gisi bildet sich viel auf ihre angeblich von ihrem Vater ererbte Intelligenz ein. Ihr Vater war Offizier im Krieg, ist aber trotzdem gefallen. Außer der Intelligenz wird sie auch das Aussehen ihres Vaters geerbt haben, denn ihre Mutter ist hübsch! So dumm bin ich aber auch nicht, dass ich mich von Gisi übers Ohr hauen lasse.
Allerdings war ich gar nicht so wild darauf, die Wurfmurmel zu gewinnen. Ich war einfach furchtbar neugierig, ob Gisi wirklich die Milchkanne mit einem Liter Milch so schleudern konnte, dass nichts daneben ging.
„Na, dann los, zeig mir, ob Du es schaffst!“
Sie stellte sich kerzengerade hin und sah sich gründlich um, ob auch ja niemand in der Nähe war. Es war keiner da, bloß ich. Da befahl sie mir mit hoheitsvoller Miene, einen Meter wegzutreten, von wegen der Fliehkraft. Ich trat weg und grübelte darüber nach, was sie mit Fliehkraft meinen könnte. Als ich Gisi danach fragte, zuckte sie nur mit den Achseln. „Wenn ich es Dir erklären würde, könntest Du das doch nicht verstehen. Es hat was mit Schleudern zu tun. Jetzt pass auf, Du wirst was Tolles erleben!“
Es war wirklich toll. Sie packte die Kanne ganz fest und schleuderte sie blitzschnell herum. So schnell, dass die Milch gar keine Zeit hatte, herauszulaufen. Wirklich, sie hatte keinen Tropfen verschüttet. Ich war so beeindruckt, dass mich der Verlust des Kaugummis kaum schmerzte.
„Wirklich toll, Gisi, meinst Du, das könnte ich auch lernen?“
Sie nickte gönnerhaft, während sie den Kaugummi schälte. „Du kannst es ja versuchen, aber ich glaube nicht, dass Du nur halb so gut schleuderst wie ich. Ich meine damit, dass man eine bestimmte Technik gewissenhaft lernen muss und den nötigen Grips dazu, naja, den muss man halt haben.“ Dabei grinste sie mitleidig, seufzte und blickte himmelwärts.
Diese Angeberei, ich spüre richtig, wie ich das Kribbeln im Bauch bekomme. Das ist Wut. Der werde ich es zeigen! Ich hole innerlich tief Luft, um nicht zu platzen und sage so ganz nebenbei:
„Natürlich, Du hast Recht, Grips muss man haben. Ich wette jetzt mit Dir, dass ich genauso gut schleudern kann wie Du!“
„Von mir aus, aber ich wette, dass Du eine ganze Menge verschüttest!“
„Und ich, dass kein Tropfen verloren geht!“
„Um was wollen wir wetten?“
„Ich gebe Dir den Kaugummi zurück“, sagte Gisi, „das heißt, wenn die Milch drin bleibt!“
Ich habe mich breitbeinig hingestellt, damit ich einen sicheren Stand hatte und die Milchkanne fest gepackt. Dann habe ich sie, innerlich frohlockend, mit all meiner Kraft geschwungen. Fast im selben Augenblick wurde ich blind und klebrig. Nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, konnte ich zwei Dinge feststellen: Gisi lachte sich halb tot und ich hatte die Kanne gegen einen Baum geschleudert. Ich hatte vergessen, mich vorher genau umzusehen. Das erzielte eine Doppelwirkung. Die Milchkanne wurde total zerbeult und die Milch lief mir über den Kopf, um an meinem Körper zu versickern. Eineinhalb Liter!
Milch futsch, Geld für die Milch futsch, die Kanne kaputt und meine Frisur ist auch hin. Ach ja, da war ja auch noch der Dubble Bubble. Nur eins ist gut, Milch soll die Haut zart machen. Berühmte Kaiserinnen haben sogar täglich in Milch gebadet.
Leider interessiert sich meine Mutter nicht besonders für Hautzartmacher. Wie soll ich ihr das nur wieder erklären!?
Wenn das Wetter einigermaßen mitspielt, spielen wir Kattenbacher Kinder immer noch am liebsten draußen. Man trifft sich halt, mal hier, mal dort, mal anderswo. Da sind dann sogar große Mädchen dabei, die schon Busen haben. Aber auch pfiffige kleine Kinder, die daheim nur stören. Mit den Kindern in meiner Altersklasse lässt sich logischerweise am meisten anfangen. Wir sind normalerweise in einem gesunden Mischungsverhältnis vertreten. Nämlich Buben und Mädchen. Außerdem sind wir noch nicht so abgeklärt und müde wie die langweiligen Halbstarken. Gut, die dürfen auch so sein, denn für sie kommt sowieso bald der große Schock, den man das wirkliche Leben nennt. Wenn ich so etwas höre, frage ich mich immer: „lebt man bis dahin denn falsch?“
Am liebsten spielen wir „Bunter Abend“. Da kann jeder irgendwie mitmachen, denn da kommt es einzig und allein auf die Einfälle an. Und die haben wir.
