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Lockenkopf I Warum weint man, wenn einem etwas gefällt? Die Erinnerungen entsprechen den Gegebenheiten der Nachkriegsjahre und wurden aus der Sicht und dem Rückblick eines zehnjährigen Kindes aufgeschrieben. Ein Stück erlebte Zeitgeschichte (1946 – 1953), die bei dem erwachsenen Leser ein Kaleidoskop der Gefühle hervorruft. Warmherzig und humorvoll erzählt, fesselt es bis zur letzten Seite. Die Namen von Personen, Firmen und Orten wurden geändert. Im November 1946 zieht Ulrike mit ihrer Familie, Federvieh, erfrorenen Kartoffeln und notdürftig zusammengebasteltem und geschenktem Mobiliar nach Kattenbach. Die Familie, froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, integriert sich in dem kleinen Industrieort vollkommen. Hier setzen auch Ulrikes Erinnerungen ein. Sie, zu diesem Zeitpunkt dreieinhalb Jahre alt, erzählt aus ihrer Sicht die Alltagsgeschichte des Ortes und seiner Menschen in der Nachkriegszeit. Die Ereignisse entsprechen der Wahrheit, Personen- und Ortsnamen natürlich geändert, jedoch munter und witzig erzählt. Lachen und Weinen liegen beim Leser dicht nebeneinander. Umzug und neue Nachbarn, die in dieser Zeit noch mehr miteinander leben und sich gegenseitig helfen, spielen am Anfang der Geschichte noch eine große Rolle. Ebenso die Allgegenwärtigkeit der Amerikaner. So hat z. B. fast jede zweite Familie im Ort ihr "Amimädchen". Einige heiraten ihren amerikanischen Freund, bekommen ein Kind und gehen mit ihm ins "Gelobte Land". Andere bekommen nur ein Baby und werden verlassen. Auch das übersteigerte Misstrauen der Besatzer den Einheimischen gegenüber wird vermittelt. Nicht zu vergessen den Schwarzhandel, Care Pakete und viele andere Berührungspunkte mit den Amerikanern. Ulrike kommt zur Schule (1949), ein neues, aufregendes Leben beginnt mit der Schultüte, die vor allem viel Zeitungspapier enthält. Jetzt begegnen wir kauzigen Lehrern, aufmüpfigen Kindern und vielen anderen Bewohnern Kattenbachs mit ihren kleinen und großen Eigenheiten und Schwächen. Diese Leute glauben zum Glück noch fest daran, dass Kinder "das ja doch noch nicht verstehen" und deshalb munter drauflosreden. Es passiert immer etwas. Kleine und große Katastrophen. Ob ein Klassenkamerad die Scheune seines Vaters anzündet, oder der verhasste Lehrer der Spionage verdächtigt wird, langweilig wird es nie in Kattenbach. Die Zeiten waren alles andere als rosig. Das Geld war in den meisten Fällen sehr knapp. Spielzeug war ein Luxus, den sich nur Wenige leisten konnten. Aber, wenn ein Kind raus ging, um auf dem Hof, der Straße oder im Wald zu spielen, fand es immer Gleichaltrige. Man bastelte sich aus Zigarettenpackungen Spielkarten und spielte Räuber und Gendarm oder Bootchen fahren. Das hatte zwar mitunter fatale, aber doch reparable Folgen. Die Mütter hatten immer etwas zu stöhnen. Aber die Kinder waren glücklich und sie waren zufrieden. Es konnte ja nur besser kommen!
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Ursula Essling
Lockenkopf 1
Warum weint man, wenn einem etwas gefällt?
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Zum Buch
Warum fragst Du nicht?
Die Männer arbeiten alle „Hinten“
Ungeahnte Köstlichkeiten
Unser Mann aus Texas
Ausgesetzt
Überfall in unserer Küche
Geben Sie mir 75 Pfennig die Stunde
Der Lack ist ab
Eine Schiffskarte nach Brasilien
Warte, bis es dunkel ist
Sprüche für den Nikolaus
O Isis und Osiris
Jedes Jahr ein neuer Kopf
Eis und Feuer
Das Haus der sieben Sünden
Der kopflose Rächer
Blick in die Zukunft
Eine zurückgelassene Erinnerung
Alle warten auf den großen Knall
Richtiges Benehmen
Klapperschlange und Brunzenickel
Ich wäre so gern katholisch
Hilflos ausgeliefert
Falsche Hoffnungen
Warum weint man, wenn einem etwas gefällt?
Es wird christlich geteilt
Ein Bild mit Kuss
Ein deutsches Heim mit Spitzendeckchen
Wer kauft schon Mutterschaftsorden?
Müttergenesungsrosen
Sternenzeit
Ich kenne meine Pappenheimer
Der Horcher an der Wand
Pfeffer in die Augen von Herrn Pfeffer
Blut und Spucke
Dramatischer Abgang mit Beifall
Schnittmuster fürs Lagerfeuer
Fünf Päckchen Brause
Wilde Küsse
Verbrannter Staub
Brandstiftung
Galgenmännchen
Warum kriecht der Wurm?
Der erste Feuerwehreinsatz
Spionage
Ich glaube nicht mehr an Traubenzucker
Bäche aus glühendem Stahl
Lebendige Zahlen
Leben auf einem Pulverfass
Doch der Segen kommt von oben
Ein Forschungsauftrag
Wir forschen weiter
Rock oder Hose?
Geburtstag in Timbuktu
Der letzte Tanz
Die Stimme des Gewissens
Farbiges Glas
Impressum
Zum Buch
Die Erinnerungen entsprechen den Gegebenheiten der Nachkriegsjahre (1946 – 1953) und wurden aus der Sicht und dem Rückblick eines zehnjährigen Kindes aufgeschrieben.
Ein Stück erlebte Zeitgeschichte, die bei dem erwachsenen Leser ein Kaleidoskop der Gefühle hervorruft.
Die Namen von Personen, Firmen und Orten wurden geändert.
Ursula Essling, Jahrgang 1943, lebt heute in der Nähe von Frankfurt am Main.
Figuren / Protagonisten
Wichtigste handlungstragende Personen
Ulrike Scholl: 4 – 10 Jahre alt, schreibt alles auf.
Inge Scholl: 7 Jahre älter, ihre Schwester.
Grete und Walter Scholl: Die geplagten Eltern.
Paul Wolf, Edgar Mohr: Ulrikes Freunde.
Angelika Wolf: Pauls struwwelige Schwester und beste Freundin
Inges.
Gisela Bollmann und Rita Müller: Ulrikes beste Freundinnen.
Gisi Simoneit: Ulrikes Feindin.
Tante Lotte: Papas Stiefmutter mit dem Blick in die Zukunft.
Renate: Ihre Tochter, die doppelt Getaufte.
Herr Bollmann: Bürgermeister von Kattenbach.
Frau Bollmann und
Frau Mühlbauer: Klatschbasen von Kattenbach.
Tante Ruth: „Amimädchen“.
Onkel Bob: Ihr amerikanischer Freund.
Frieda und Ulla: Ebenfalls „Amimädchen“ und Schwestern.
Harald Grunz: Ein Brandstifter.
Herr Löwer: Unsicherer Junglehrer, frischgebackener Ehemann.
Herr Lorbach: erfahrener Lehrer, ehemaliger Hauptmann
mit Silberplatte.
Herr Weiß: Alter Lehrer, als Spion verdächtigt.
Blasen und Nieten: Uninteressierte und gelangweilte Mitschüler.
Warum fragst Du nicht?
Auf einem Hofgut in der Wetterau, Herbst 1946.
Papa stand vor dem Spiegel und rasierte sich. Er rasierte sich gern; denn dann musste er in den Spiegel gucken und Mama konnte ihm seine Eitelkeit nicht vorwerfen. Der Spiegel war klein und rund und hing an der Tür.
Außer dem Spiegel hatten wir noch ein richtiges Bett mit weiß gestrichenen eisernen Pfosten und eine Pritsche aus geflochtenem Schilf. In das schmale Zimmer, das eigentlich ein Flur war, ging noch ein Stuhl rein und ein kleines Waschbecken. Wollte einer von uns mal ans Fenster gehen, musste ein anderer, der vielleicht rumstand, sich aufs Bett oder die dahinter aufgestellte Pritsche setzen. Das Fenster ging zu dem mit Kopfsteinen gepflasterten Hof hinaus. Hier war immer was los. Frauen unterhielten sich von Fenster zu Fenster oder hingen Wäsche im Hof auf. Es gab auch eine Menge Kinder; denn das Haus war ein Gutshaus und es wohnten viele Familien darin.
Papa seifte sich ein. Dann nahm er das Rasiermesser und schabte sorgfältig seine Stoppeln ab. Ich saß auf dem Bett und schaute dieser Prozedur interessiert zu. Immer wieder tauchte er das Rasiermesser in die henkellose Tasse mit Wasser.
Plötzlich sagte er: „Wir ziehen nach Kattenbach!“ Das sagte er einfach so. „Freust Du Dich, Ulli? Wir bekommen dort eine richtige Wohnung mit zwei Zimmern. Und Mama hat eine Küche und Inge kriegt ein Bett ganz für sich allein!“
Papa hatte seine Rasur beendet und widmete sich nun seinen Locken. Das heißt, er machte seinen Kamm nass und drückte und kämmte seine Haare so lange, bis er einige Wellen auf seinem Kopf hatte. Das nannte er dann Locken. Er behauptet auch, dass ich meine Locken von ihm hätte. Aber ich drehe meine Haare nie so in Formen und trotzdem sind sie ganz kraus. Wenn es allerdings stimmt, dass ich die Locken von ihm habe, kann er sie gerne wiederhaben. Dann hätte er morgens nicht so viel Arbeit und ich hätte so schöne Zöpfe wie meine Schwester Inge.
Meine Haare wachsen auch nicht wie bei anderen Kindern. Wenn sie wirklich länger werden, ringeln sie sich noch mehr zusammen. Immer ziept es beim Kämmen. Aber die Erwachsenen haben kein Verständnis, sie wissen ja nicht, was ich dabei immer durchmachen muss. Nein, sie streichen mir über den Kopf und sagen: „Was hast Du für schöne Locken. Gibst Du sie mir?“ Oder: „Du hast es gut, Du brauchst nie zum Friseur zu gehen, um Dir teure Dauerwellen machen zu lassen.“ Ich kann das nicht leiden, die Großen tun immer so. Auch angefasst werden kann ich nicht leiden.
Nur von Mama will ich angefasst und auf den Schoß genommen werden. Das ist kuschlig und weich und Medizin, wenn ich hingefallen bin. Von Papa mag ich das manchmal auch. Aber andere Leute meinen immer, sie tun einem einen Gefallen, wenn sie so unnatürlich mit mir reden. Dabei ist ein Kind ja auch ein Mensch und versteht die Erwachsenen auch oft, wenn sie sich untereinander unterhalten.
Ich gebe ja zu, dass Kinder nicht immer alles verstehen. Die Großen verwenden oft so komische Wörter. Wenn ich dann frage, was das heißen soll, heißt es immer: „Das verstehst Du noch nicht.“ Aber wenn ich sage: „Das verstehe ich nicht“, sagen die Erwachsenen: „Warum fragst Du nicht?“ Und das kapiere ich einfach nicht.
„Ich habe Dich gefragt, ob Du Dich freust, Ulrike!“ Oje, Papa hat meinen Namen ganz ausgesprochen, das heißt, er verliert die Geduld. Ich weiß aber nicht, was ich ihm antworten soll. Also sage ich: „Ich weiß es nicht.“
„Du weißt es nicht?“ Er hat sich neben mich gesetzt und nimmt mich in den Arm. Heute ist er kuschlig und riecht nach dem Rasierzeug. Das mag ich. „Denk doch mal, wir haben dann Platz und ich hab’s nicht mehr so weit zur Arbeit. Bin also früher zu Hause und nicht erst, wenn Du im Bett bist.“
Eigentlich finde ich gerade das ganz gut, dass Papa immer erst heimkommt, wenn ich schon im Bett liege. Dann kann er nämlich nicht mehr schimpfen, nachdem ihm Mama erzählt hat, was ich wieder angestellt habe. Aber das kann ich ihm nicht sagen. Ich denke auch an Peter und die Stolle-Minna. Die ziehen sicher nicht nach Kattenbach. Das sage ich ihm. Da lacht Papa: „Aber Ulli, willst Du lieber bei der Stolle-Minna bleiben, oder bei Mama, mir und Inge?“
„Natürlich bei Euch!“ Aber ganz so überzeugt bin ich eigentlich nicht. Die Stolle-Minna hat einen Laden und einen riesigen Busen. Und wenn Peter und ich zu ihr kommen, gibt sie uns immer ein Bonbon. Meine Eltern haben keine Bonbons. Sie sagen immer, sie sind schon froh, wenn sie überhaupt was zu essen haben.
„Glaubst Du nicht, dass es in Kattenbach auch eine Menge Kinder gibt? Da findest Du bestimmt neue Freunde!“ Typisch Erwachsene. Neue Freunde vielleicht, aber bestimmt niemand wie Peter.
Ich liebe Peter. Wir wollen später mal heiraten. Wir halten gegen alle zusammen. Die Erwachsenen sagen ja manchmal, einer von uns sei schon schrecklich genug, aber zusammen seien wir eine Plage. Das ist auch so was. Wenn wir Kinder uns zanken, heißt es: „Vertragt Euch!“ Keiner verträgt sich besser wie Peter und ich. Dann heißt es aber wieder: „Die Zwei stecken schon wieder zusammen.“
Meine Schwester ist auch immer mit ein paar Mädchen zusammen, die streiten sich aber oft, genau wie die Erwachsenen. Peter und ich streiten uns nie.
Inge muss manchmal auf mich aufpassen. Das macht sie aber nicht gern. Wenn sie nicht auf mich aufpassen muss, laufen wir ganz gern hinter ihr und ihren Freundinnen her. Es könnte ja interessant werden, was die großen Mädchen unternehmen. Neulich ist sie ganz wütend geworden und hat Mama gesagt, sie wolle nicht immer auf die Babys aufpassen, sie hätte schließlich ein eigenes Leben.
Da habe ich uns gerächt und ihr bewiesen, dass wir keine Babys mehr sind.
Im Hof gibt es einen riesigen Stall, da waren früher mal Schafe drin. Aber die sind schon lange aufgegessen worden. In dem Stall haben die Leute jetzt Kartoffeln und Kaninchen, jede Familie hat so eine eingezäunte Ecke.
In diesen Stall habe ich Inge geschickt. Ich habe ihr mitgeteilt, Mama hätte gesagt, sie solle Kartoffeln holen. Unsere Ecke ist ziemlich hinten, also brauchte Inge einige Zeit. Der Schlüssel steckte draußen an der Tür. Ich kam nur dran, weil ich mich auf einen Hackklotz gestellt habe. Deshalb konnte ich den Schlüssel umdrehen. Dann warf ich ihn fort.
Das war am späten Vormittag. Zum Mittagessen rief Mama nach uns. Ich kam ganz brav hoch, aber Inge nicht. Meine Mutter verlor die Geduld und meinte: „Wenn sie nicht will, soll sie sehn, was übrig bleibt.“
Am Nachmittag hörten wir einige Leute im Hof ärgerlich durcheinanderreden. Sie standen vor der Stalltür und wollten ihre Kaninchen füttern, aber der Schlüssel war weg. Sie suchten lange herum, fanden ihn aber nicht. Währenddessen war Inge vor lauter Angst wie gelähmt und gab keinen Mucks von sich. Mama hatte sich inzwischen auch furchtbar um Inge gesorgt, die sonst doch immer so pünktlich und zuverlässig ist. „Hoffentlich ist dem Kind nichts passiert, hoffentlich ist dem Kind nichts passiert!“
Weil mir Mama leidtat und die Kaninchen auch, habe ich dafür gesorgt, dass die Leute den Stallschlüssel gefunden haben.
Ich bin zu Peter gegangen und habe ihn eingeweiht. Ich habe ihm auch genau erklärt, wo ich den Schlüssel hingeworfen hatte.
Da half er suchen und fand ihn.
Als eine verheulte Inge aus dem Stall kam, haben die Erwachsenen Peter nicht gelobt, dass er den Schlüssel gefunden hat. Nein, sofort haben sie gegeifert, dass wir dahinter stecken müssten.
Peter hat eisern geschwiegen und mich nicht verraten. Es kam trotzdem alles raus, weil Inge mich verpetzte. Und ausgerechnet war Samstag und Papa war früher zu Hause. Er hat mich übers Knie gelegt und verhauen. Das ging ja noch, aber Mama hat für Inge extra Kartoffelpfannkuchen gemacht und mich nicht mehr gekannt.
Das wäre das Schlimmste, wenn ich eine Fremde für meine Mutter würde. Die Welt ist nicht in Ordnung, wenn sie mir böse ist. Ich versuche dann alles, bis sie mir endlich verzeiht. Das dauert immer lang und ich verspreche ihr auch immer, dass ich es nicht mehr tun werde. Das ist die Wahrheit. Ich will es ja auch nie wieder tun. Am besten ist es, wenn ich Mama zum Lachen bringen kann. Dann muss sie mir gut sein und ich bin glücklich.
Die Männer arbeiten alle „Hinten“
Wir sind umgezogen. Mit einem Lastwagen. Das Bett, die Pritsche und der Stuhl waren drauf. Außerdem unser Kartoffelvorrat, der aber erfroren ist. Und alle unsere Tiere. Kaninchen, Gänse, Enten und Hühner. Wir waren auch in dem Lastwagen.
Es war November und schon sehr kalt. Die neue Wohnung war auch sehr kalt. Ein paar Fensterscheiben sind kaputt. Das käme noch vom Krieg, sagten die Nachbarn. Wir haben Zeitungspapier dazwischen gestopft, damit der Wind nicht durch kann. In der Küche ist ein alter Eisenherd, da drin macht meine Mutter morgens immer Feuer, bevor wir aus dem Bett kommen und uns waschen.
Zu der Wohnung gehört noch eine Mansarde, aber die muss erst noch hergerichtet werden. Wir wohnen Parterre und haben nur zwei Treppen zum Keller. Papa ist glücklich, dass wir einen Keller haben. Die Kellerfenster gehen zum Hof. Über den Fenstern sind Pfeile gemalt. Im Hof ist unser Klo. Neben dem Hühnerstall. Auch die anderen Leute haben ihre Klos und ihre Ställe dort. Aber sie haben nur Hühner.
Unsere Hühner haben's gut, bis sie geschlachtet werden. Mein Vater hat ihnen nämlich noch einen Zwinger gebaut, damit sie in Sicherheit Würmer fressen können.
Vor dem gepflasterten Hof ist Rasen, da bleichen die Frauen ihre Bettwäsche und hängen sie auch zum Trocknen auf.
Wir haben die Nummer A, aber zum Haus gehört noch ein weiterer Eingang, und der hat die Nummer B. Zwischen den beiden Hauseingängen liegt die Waschküche. Da ist ein riesiger Kessel drin, unter dem man Feuer machen kann.
Außerdem haben wir noch drei Nachbarn. Die dazugehörigen Männer arbeiten alle „Hinten“, bei meinem Vater. „Hinten“, das ist die Kunstlederfabrik, in der alles Mögliche hergestellt wird.
Jetzt ist mein Vater wirklich viel früher daheim, weil er es zur Arbeit nicht so weit hat. Das hat auch seine Vorteile. Denn wenn er abends nicht mehr aus dem Haus zu gehen braucht, darf ich ihn kämmen. Mir gelingt es nie, solche Locken zu drehen, wie er selbst, aber er sieht trotzdem immer sehr abenteuerlich aus. Dabei sitzt er auf dem Fußschemel und liest aus der Zeitung vor. Ganz besonders gern liest er von Verbrechen. Dann empören sich die Erwachsenen immer so. Papa bringt nämlich öfter mal einen Kollegen mit heim. Dann trinken die Männer Bier und Mama hofft im Stillen, dass der fremde Mann heimgeht, bevor wir zu Abend essen. Aber die Leute fühlen sich bei uns immer wohl.
Ein Kollege von Papa, der Herr Zwilling heißt, obwohl er gar keiner ist, kommt besonders oft. Er redet nicht viel, hört nur zu, wenn Papa aus der Zeitung vorliest, und sieht meine Mutter an.
Wenn schlimme Sachen passieren, sagen die Erwachsenen meistens: „Das hat es unter Hitler nicht gegeben!“ Ich frage mich oft, wer dieser Hitler war, aber wenn ich frage, dann bekomme ich zu hören: „Das verstehst Du noch nicht.“ Wenn wir in die Stadt gehen, (mit dem Bus ist es zu teuer und außerdem ist Laufen gesund), kommen wir an der Vorderfront eines kleinen Tempels vorbei. Die Hinterfront gibt es nicht mehr. Meine Mutter erklärte mir, dass dies einmal das Stadttheater gewesen sei. Sie muss es ja wissen; denn meine Eltern haben in dieser Stadt gewohnt, bis sie ausgebombt sind.
Langsam glaube ich, dass dieser Hitler der Herrscher der Stadt war und in diesem Tempel vor sein Volk getreten ist.
Ungeahnte Köstlichkeiten
Es ist eiskalt. Wir haben viel Schnee. Inge geht mit mir Schlitten fahren. Sie hat Kohleferien. Wenn Inge dabei ist, darf ich auch vom Damm an der Eisenbahnbrücke runterfahren. Für mich allein ist das sonst zu gefährlich. Wir frieren. Mein Mantel ist aus einer gefärbten amerikanischen Wolldecke. Meine Mutter hat ihn selbst genäht.
Bald ist Weihnachten, aber Inge sagt, dass sie sich gar nicht so richtig darauf freuen kann. Mama ist nämlich sehr krank und wir haben solche Angst. Wir besuchen sie ja zweimal in der Woche im Krankenhaus. Da liegt sie da, ganz dünn und blass. Wir bringen ihr auch immer etwas mit, was wir so zusammenbasteln können. Papa bringt ihr ein Buch aus der Stadtbücherei. Sie holt immer was zum Essen für Inge und mich aus ihrer Nachttischschublade raus. „Das sollst Du selbst essen, Gretel“, sagt mein Vater dann immer. „Du musst doch wieder zu Kräften kommen.“ Aber Mama will unbedingt, dass wir das Essen wegtun, damit es die anderen Frauen nicht sehen.
Ich kann nur bis fünf zählen, aber ich habe schon mehr als zweimal bis fünf gezählt und es sind noch mehr Betten in diesem Krankensaal. Und überall sind Frauen drin, die Nachthemden anhaben. Die meisten haben auch Besuch.
Gestern waren wir am Bahndamm zum Schlittenfahren. Aber es war uns doch zu kalt und Inge meinte, wir sollten lieber heimgehen. Außer uns waren nur noch zwei Kinder am Damm. Die wollten auch nach Hause.
Da rief uns plötzlich jemand. Wir drehten uns um und sahen, dass da ein Mann stand, der einen schwer beladenen Karren hinter sich herzog. Er langte danach, zog ein Paket heraus und gab es uns. Als er „Frohe Weihnachten“ sagte, merkten wir, dass er Amerikaner war, obwohl er ganz normal aussah. Die anderen Kinder bekamen auch ein Paket. Inge wurde knallrot, aber sie bedankte sich höflich, setzte mich auf den Schlitten und befahl mir, das Paket gut festzuhalten. Dann sauste sie, den Schlitten hinter sich herziehend, nach Hause.
Wir rissen das Paket auf - und zum Vorschein kamen unbekannte, ungeahnte Köstlichkeiten. Als Papa heimkam, war er ebenfalls total überrascht. Da gab es Schokolade, die ich noch nie gesehen hatte. Kaugummi, bei dem wir gar nicht wussten, was wir damit anfangen sollten und viele andere herrliche Sachen. Was würde sich Mama über die Dosen mit Wurst und Schinken und besonders über den Kaffee freuen. Außerdem gab's zu Papas Freude noch richtige Zigaretten in dem Paket.
Heute Mittag haben wir Mama im Krankenhaus besucht. Sie hat sich auch riesig über all die guten Sachen gefreut. Und uns hat sie die größte Freude gemacht, sie kommt nämlich übermorgen aus dem Krankenhaus raus. Jetzt kann es Weihnachten werden. Wenn uns die Amerikaner wirklich vom Fleisch befreit haben, dann tut es ihnen sicher leid und sie geben uns wieder etwas zurück.
Unser Mann aus Texas
Wir haben unsere Betten jetzt im Wohnzimmer stehen. In den zwei großen eisernen, schlafen meine Eltern und ich. Inge hat ein eigenes Bett. Das hat Papa selbst gebaut und weiß gestrichen.
In unserem Schlafzimmer wohnt jetzt Tante Ruth. Sie ist noch ganz jung, furchtbar lieb und wunderschön. Mama sagt, sie hätte Schlafzimmeraugen. Ihre Augen sind auch wirklich sehr groß und dunkelgrau, mit tollen Wimpern. Tante Ruth ist Mamas Cousine und kommt aus Brasilien. Sie wartet darauf, dass sie wieder nach Brasilien zurück kann. Inzwischen wohnt sie bei uns. Das hat meine Mutter jedenfalls so gesagt. Ich hoffe aber, dass Tante Ruths Vater nie eine Schiffskarte schickt, sie soll immer bei uns bleiben.
Tante Ruth hat auch eine Mutter, die kommt manchmal zu Besuch und wartet auch auf eine Schiffskarte. Sie wohnt aber woanders, sogar in einem richtigen Schloss, bei anderen Verwandten.
Die Mutter kam zu Besuch nach Deutschland mit Tante Ruth. Sie war damals noch ein kleines Mädchen. Sie waren ja Deutsche und hatten in Deutschland Verwandte. Dann kam der Krieg und sie mussten hierbleiben. So ist das gekommen.
Wir verdanken Tante Ruth auch unseren eigenen richtigen Ami, weil der ihr Freund ist. Er heißt Onkel Bob und ist auch sehr schön. Zwar hat er die übliche Uniform an, aber wenn man ihm ins Gesicht schaut, sieht er lieb und ganz so wie andere Leute aus. Nur sehr hübsch.
Er bringt meinem Vater Zigaretten und meiner Mutter manchmal echten Kaffee mit. Für Inge und mich hat er immer Candy und Mounts, das ist eine mit Kokosnuss gefüllte Schokolade. Das Innere davon esse ich besonders gern. Er hat auch Kaugummi und ganz himmelblaue Augen.
Ich habe auch schon Englisch von ihm gelernt. Neulich habe ich zu ihm gesagt: „Do you have so nice eyes.“ Da hat Mama gedacht, ich würde ihn um Eiscreme anbetteln und war richtig zornig. Aber er stellte selbst klar, dass ich ihm nur gesagt hätte, er hätte schöne Augen. Da lachte sie wieder. Eiscreme ist auch so was herrlich amerikanisches.
Als Onkel Bob das erste Mal zu uns kam, hatte er Durst. Mein Vater gab ihm ein Glas Wasser. Er nahm das Glas und gab es Papa zurück. „Du erst trinken“, sagte er. Papa tat es und Onkel Bob trank dann das ganze Glas aus.
Ausgesetzt
Über uns wohnen Mohrs, sie haben drei Buben und auch eine Untermieterin im Schlafzimmer. Deshalb haben sie es auch gut, die Buben meine ich; denn durch die Untermieterin haben sie auch einen Ami.
Jetzt ist das Wetter wieder schön, da haben sie draußen auf der Wiese Fotos gemacht, mit unseren Amis, Tante Ruth und der Helga von Mohrs. Sie haben sich hingestellt, als würden sie sich gegenseitig erschlagen. Dabei haben sie aber gelacht. Papa hatte eine Axt in der Hand, Herr Mohr einen Stock und Onkel Bob ein Küchenmesser. Das fanden sie lustig, aber ich fand das nicht. Im Gegenteil, es hat mir Angst eingejagt, obwohl sie lachten.
Ich bin jetzt nicht mehr so verzweifelt, wenn Papa mich verhaut. Ich brülle dann immer viel stärker, als es wehtut. Dann holt mich nämlich Tante Ruth in ihr Zimmer, tröstet mich und gibt mir Mounts und andere Candys, manchmal auch Eiscreme. Mama ist natürlich dahintergekommen, aber sie hat Papa nichts verraten.
Wenn Onkel Bob am Sonntag dienstfrei hat, nimmt er Tante Ruth und mich oft zur Osterwiese im Wald mit. Das ist eine wunderschöne Wiese mit vielen wilden Blumen, Bienengesumm und viel Sonne, wenn sie scheint. Dort machen wir Picknick. Es gibt herrliche Sachen aus der eisernen Ration. Dann legen wir uns in die Sonne. Das heißt, die Großen legen sich in die Sonne, ich spiele herum und bin ganz glücklich und zufrieden. Ich bin ganz dunkelbraun, obwohl ich das nicht so schön finde. Aber Tante Ruth sagt, sie beneide mich darum. Sie bleibt nämlich ganz weiß und Onkel Bob hat sowieso eine Haut wie Milch. Das stimmt, obwohl er aus Texas ist und was „Indianisches“ haben soll.
Die Indianer haben eine rotbraune Haut, so habe ich es jedenfalls in einem Buch von Edgar Mohr gesehen. Er hat mir das mit den Indianern und Cowboys auch genau erklärt. Die wohnen auch in Amerika und kämpfen dauernd gegeneinander. Mich wundert es da nur immer, warum noch so viele Amerikaner in Deutschland sind, wo sie doch zum Kämpfen in Texas gebraucht werden.
Edgar ist immer Cowboy, wenn wir spielen, und ich und sein kleiner Bruder Dieter müssen Indianer sein. Wir verstecken uns dann und fallen Edgar aus dem Hinterhalt an. Der Hinterhalt sind die Bäume beim Haus. Manchmal gehen wir auch in den Wald. Der ist ganz nah, aber wir dürfen nicht hin ohne Wilfried, den Großen von Mohrs oder Inge, die Große von uns. Die haben aber keine Lust auf uns aufzupassen. Also müssen wir doch alleine gehen. Hinterhalt spielen ist im Wald viel, viel schöner; denn bei unserem Haus weiß Edgar immer, hinter oder auf welchem Baum wir sind. Außerdem kann man im Wald in viel lauteres Kriegsgeschrei ausbrechen, da uns niemand hört.
In unserem Wald fließt auch ein Bach. Der hat ganz braunes Wasser, deshalb heißt er auch Biergraben. Ganz weit weg gibt es sogar einen Fluss. Dort wachsen uralte Eichen und Weiden lassen ihre Zweige bis ins Wasser hängen. Da kann man herrlich baden, soll aber nicht, weil da Strudel sind. Wir sind jedoch ganz vorsichtig.
Einmal war Edgar auf mich böse, aber er tat so, als wäre er es nicht. Wir gingen zusammen zum Fluss. Ich war damals noch nie dort gewesen und er gefiel mir gleich sehr gut. Da versteckte sich Edgar. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht mehr. Bis mir klar wurde, dass er mich absichtlich hierher gebracht hatte und längst auf und davon war.
Ich bekam es mit der Angst, denn ich war ganz fremd hier. Natürlich fand ich nicht heim. Es verging furchtbar viel Zeit, bis auf einmal Mama erschien. Ich war so froh, so froh wie nie und weinte trotzdem. Mama war furchtbar lieb und wir gingen heim. Ich bekam rote Grütze mit Rhabarber, das esse ich nämlich für mein Leben gern. Und dann hörte ich Edgar wie am Spieß schreien, er wurde nämlich von seinem Vater ganz schlimm versohlt. Danach sind Edgar und ich gute Freunde geworden. Wir können uns auch aufeinander verlassen und er hat sich nie wieder so an mir gerächt.
Bei uns gibt es zwei Geschäfte, wo man Lebensmittel kaufen kann. Außerdem einen Bäcker und einen Metzger.
In das eine Geschäft geht meine Mutter nicht mehr einkaufen, nur Inge und ich. Sie wollte nämlich mal Zucker auf Marken kaufen. Herr Braun, der auch im Kirchenchor ist, sagte, er habe keinen. Später fand sie jedoch heraus, dass er anderen Leuten Zucker verkaufte, von unter der Ladentheke. Da war sie ganz wütend. Beim anderen Laden holen wir immer Milch. Da sitzt die dicke Frau Pfeffer und verkauft stöhnend Käse und was es gerade so gibt. Sie erinnert mich an die Stolle-Minna, nur ist sie noch dicker. Mama sagt, in diesen Zeiten gäbe es keine dicken Leute, sie hätte wohl die Wassersucht, weil sie sich auch kaum bewegen kann. Aber sie ist eine gute Frau und ich habe sie gern. Sie ist freundlich zu Kindern und behandelt sie nicht so süßlich, wie andere Erwachsene das tun. Wenn sie was hat, schenkt sie uns auch ab und zu eine Süßigkeit.
Ihr Mann ist dünn und ich habe gehört, dass keine Frau vor ihm sicher sei. Deshalb bedauern die Leute auch Frau Pfeffer. Zwei Kinder sind da noch, die sind schon so groß, dass sie beim Milchverkaufen helfen müssen.
Beim Bäcker holen wir unser Brot. Neulich gab mir Mama mal einen Fünfpfennigschein und eine Zuckermarke, dafür durfte ich mir ein Bonbon kaufen. Die Bäckersfrau schenkt einem nie was. Sie ist die zweite Frau vom Bäcker und hat eine Tochter mit in die Ehe gebracht. Sie heißt Marianne und ist schon achtzehn Jahre. Die Leute sagen, dass die Marianne den Gerhard, den älteren Sohn vom Bäcker heiraten soll, damit alles in der Familie bleibt.
Überfall in unserer Küche
