Lotusschwur & Fuchsmagie - Janina Schneider-Tidigk - E-Book

Lotusschwur & Fuchsmagie E-Book

Janina Schneider-Tidigk

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Beschreibung

Als May merkwürdige Fähigkeiten an sich entdeckt, wird sie in eine versteckte Realität voller Legenden, dämonischen Feinden und magischen Verstrickungen gezogen. An ihrer Seite ist der junge Krieger Damien, der sie nicht nur beschützen, sondern auch unterrichten soll. Dabei kribbelt es zwischen den beiden mehr, als es sollte, doch May weiß nicht, ob sie ihm wirklich vertrauen kann. Ablenkungen kann sie nicht gebrauchen, denn May muss eine uralte Kreatur aufhalten, die ihr nach dem Leben trachtet.

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Seitenzahl: 450

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Lotusschwur & Fuchsmagie

JANINA SCHNEIDER-TIDIGK

Copyright © 2023 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

https://www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat & Layout Ebook: Stephan R. Bellem

Korrektorat Michaela Retetzki

Umschlag- und Farbschnittdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-823-7

Alle Rechte vorbehalten

Triggerthemen:

Blut, Verfolgung, Verlust, Tod, sexueller Übergriff, Erbrochenes

Inhalt

Playlist

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Danksagung

Drachenpost

Für Maria, meine Seelenschwester

Wir kennen uns seit … immer und ich könnte es mir ohne dich

nicht vorstellen. Du warst von der ersten Sekunde Feuer und Flamme

für meine Geschichten und hast keinen Moment daran gezweifelt,

dass ich es schaffen würde, in den Drachenmond Verlag zu kommen.

Und siehe da, hier ist mein drittes Buch. Es ist für dich. <3

Für dich Leni

Den besten vierbeinigen Schreibbuddy,

den man sich überhaupt wünschen konnte.

Du fehlst mir. <3

Für Teen Wolf

Für Scott, Stiles, Lydia, Allison, Jackson, Liam, Derek,

Isaac, Erica, Boyd, Kira, Malia, Theo, Aiden, Ethan, Peter,

Parrish, Hayden, Sheriff Stilinski, Mrs. McCall, Mr.Argent,

Dr.Deaton und den Coach

Weil ihr mir gezeigt habt, was Freundschaft bedeutet. <3

Playlist

U Got Me – DHALI & BLOODLINE

I See Red – Everybody Loves an Outlaw

Monster – Coopex, NOIXES & Neoni

Easier (feat. Lowes) – CamelPhat

Gloves Up – Little Mix

My Happy Ending – Avril Lavigne

I’m Ready – Demi Lovato & Sam Smith

Head Shoulders Knees & Toes (feat. Norma Jean Martine) –

Ofenbach & Quarterhead

Midnight Sky – Miley Cyrus

Orchestra – Drew Ryn

Play with Fire (feat. Yacht Money) – Sam Tinnesz

Chosen One – Valley of Wolves

Friday Night – Vigiland

Keeping Me Alive – Jonathan Roy

Blurry Memory (feat. Zina Ida) – Max + Johann

Hotter Than Hell – Dua Lipa

MC Thunder – Electric Callboy

Ready for War – Joznez, 2WEI & Kataem

Lady in Red – FJØRA

Hold My Heart (feat. ZZ Ward) – Lindsey Stirling

Watch Me Burn – Michele Morrone

Prolog

Er sah, wie sie langsam starb. Direkt vor seinen Augen. Sein Herz schien in seiner Brust zu implodieren, und der Schmerz vergiftete seinen Körper in wenigen Sekunden. Ihr röchelnder Atem klang zu laut in seinen Ohren. Er wollte schreien, als er dort auf dem Boden kniete, seine Hose sich mit ihrem Blut vollsog und er die Tränen sah, die aus ihren Augen liefen.

»Nein«, wisperte er. Die Gedanken wirbelten in seinem Kopf umher, und er musste sich zwingen, für einen Moment zur Ruhe zu kommen. Denn sonst wäre er unfähig zu handeln. Er erinnerte sich daran, was er tun sollte. Was er tun musste. Es war seine verdammte Aufgabe. Er sollte sie beschützen. Doch es machte den Anschein, als würde er versagen. Die braunen Augen der Frau, in die er sich verliebt hatte, hielten seinen Blick gefangen.

»Tu mir einen Gefallen«, wisperte sie.

»Alles, was du möchtest«, sagte er mit krächzender Stimme. Der Schmerz schien ihn zu ersticken. Er konnte sehen, wie das Lotusmal an ihrem Handgelenk verblasste und den magischen Schimmer mit sich nahm. Während ihr Gesichtsausdruck entschlossen war, die Worte auszusprechen, wollte er nicht hören, was sie ihm sagen würde.

»Töte mich«, hauchte sie bestimmt. Es war eine Bitte. Ein Befehl. Und er wusste, er musste ihm Folge leisten.

Kapitel1

Ich übergab mich mit einem lauten Würgen in die Mülltonne hinter dem Diner. Meine Finger bebten unkontrolliert am dreckigen Plastik der Tonne. Zum Glück hatte ich mir vorhin die Haare zusammengebunden, sonst hätten sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Müll gehangen. Oder in der Kotze.

Der Gestank nach Erbrochenem ließ mich erschaudern. Als ich mir sicher war, dass nichts mehr hinauswollte, stemmte ich mich mit steifen Fingern hoch. Die frische Luft, die um meine Nase strich, war wunderbar. Mit geschlossenen Augen atmete ich ein paarmal tief durch. Dabei verdrängte ich den Geschmack, der sich in meinem Mund breitgemacht hatte. Hinter mir wurde die Tür des Diners geöffnet. Sie quietschte protestierend in ihren Angeln, und jemand machte zwei schwere Schritte in den Hinterhof.

»Verdammt, May, wo bleibst du denn? Wir haben einen Berg an Bestellungen, die warten.« Jonas, der Koch des Diners, klang genervt. Ich konnte das verstehen, da ich meine Kollegen im Stich ließ. Trotzdem wollte ich nicht unbedingt mitten in den Diner kotzen. Meine Nerven lagen blank. Vor allem, wenn ich an die letzten vierundzwanzig Stunden dachte. Nachdem ich gestern kaum Essen bei mir behalten konnte und keinen Schlaf fand, war mir seitdem mehr schlecht als recht. Krank zu sein war ätzend. Doch ich brauchte das Geld. Wir brauchten das Geld.

»Ja, ich bin sofort da«, sagte ich.

»Jetzt wäre mir lieber«, blaffte Jonas und ging wieder hinein. Er hatte recht. Heute war – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hölle los. Das war gut für den Diner, aber für mich in der jetzigen Verfassung eher weniger. Ich wollte nur nach Hause. Aber selbst wenn sich der Diner plötzlich auf magische Weise leeren würde und ich früher gehen könnte, wartete heute Abend eine Schicht im Club auf mich. Diesen Monat war das Geld einfach so verdammt knapp. Ich schleppte mich wieder hinein, machte davor einen kurzen Halt in dem Toilettenraum, um mir den Mund am Waschbecken auszuspülen und die Hände zu waschen. Mit einem unguten Gefühl im Bauch trat ich wieder hinter die Theke. Ich sah meine Freundin, Rose, von einem Tisch zum anderen hechten. Sofort meldete sich mein schlechtes Gewissen. Ich mochte es nicht, Menschen im Stich zu lassen, die mir wichtig waren. Kaum war ich mal fünf Minuten weg, platzte der Laden aus allen Nähten.

»Sag mal, hörst du mir zu?«, fragte mich Rose besorgt. Mein Blick schärfte sich, bis ich die Brünette vor mir erkennen konnte. Sie stand vor dem Tresen und musterte mich aufmerksam. Rose hatte ihre geschwungenen Augenbrauen hochgezogen. Entschuldigend lächelte ich sie an.

»Sorry, was hast du noch mal gesagt?«

Rose streckte mir einen Zettel hin. Darauf stand eine lange Bestellung, die von dem Tisch am Eingang kam. Sofort drehte ich mich zum Fenster um, durch das ich in die Küche sehen konnte, und rief die Bestellung durch: »Drei Cheeseburger mit Pommes, einmal Salat und Chili Cheese Nuggets.«

Steve hinter dem Fenster streckte seinen wulstigen Daumen nach oben. Ich drehte mich wieder zur Theke um, nur um festzustellen, dass ich acht weitere Zettel vor mir liegen hatte. Auch diese Bestellungen reichte ich weiter und machte mich anschließend daran, die Getränke schnellstmöglich zuzubereiten. Rose wartete hibbelig neben dem Tablett, auf dem schon einige Gläser standen.

»Sag mal, May …«

»Ich hab’s gleich.«

»Nein, das meinte ich nicht, sondern …«

»Einen Moment, ich beeile mich ja.« Während ich mit geübten Handgriffen die Gläser befüllte, sah ich immer wieder zu meiner Freundin, die mich kritisch musterte.

»Was ist?«, fragte ich sie.

Sie schloss, verzog und öffnete ihren Mund.

»Kann es sein, dass es dir heute nicht so gut geht?«

Verwirrt betrachtete ich sie. »Wie kommst du denn da drauf?«, fragte ich mit einem Stirnrunzeln. Mit ihrem Finger deutete sie vor mich, und als ich dort hinsah, fluchte ich leise vor mich hin. Anstatt Milch für den Milchshake zu nehmen, hatte ich die Erdbeeren mit Cola in den Mixer geworfen.

»Oder vielleicht willst du auch nur ein neues Getränk auf die Speisekarte bringen«, rätselte Rose weiter und zuckte mit den Schultern. Ich war erstaunt, wie viel Zeit sie sich für diesen Moment nahm, um ihre gesamte Aufmerksamkeit auf mich zu richten und jegliche Spur der Hektik abzulegen.

Ich griff frustriert nach dem Mixer und schüttete den Inhalt weg. Das hatte Rose mir also sagen wollen. Ein wenig enttäuscht von mir selbst, atmete ich tief durch und fuhr mir einmal über die Haare, bevor ich mich erneut daranmachte, einen Erdbeershake zu mixen. Dieses Mal mit den richtigen Zutaten. Als ich ihn ohne Zwischenfälle auf das Tablett von Rose stellte, begegnete ich erneut ihrem prüfenden Blick. In dem Moment wurde mir wieder bewusst, wie übel mir war, und ich presste meine Lippen fest aufeinander. Der Blick aus ihren blauen Augen huschte über mein Gesicht, bei dem ich versucht hatte, mit ein bisschen Make-up lebendiger zu wirken. So ganz hatte ich die dunklen Schatten unter meinen Augen jedoch nicht abdecken können.

»Wenn du jemanden zum Reden brauchst, du weißt, dass ich für dich da bin, oder?«

»Ja, natürlich weiß ich das. Danke.«

Rose brummte unterstreichend, bevor sie ging und den Leuten ihre Bestellungen brachte. Mein Sichtfeld verschwamm, und es schien, als würden meine Augen vibrieren. Ich sah meine Hände an und kam mir absolut betrunken vor. Ich stützte mich an der Theke ab. Die Übelkeit stieg in mir hoch.

Dann, mit einem Schlag, war sie vorbei. Die Übelkeit und der Schwindel verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren, und ließen nur ein flaues Gefühl im Magen zurück. Verwirrt sah ich mich um. Prüfte, ob mich jemand gesehen hatte. Würden meine Kollegen mich nach Hause schicken, wenn sie mitbekamen, wie es mir ging? Doch dann würde ich nicht auf meinen Tageslohn kommen.

Panik brach in mir aus, und ich richtete mich gerade auf. Es war so, als wäre nichts gewesen. Was passierte denn bloß mit mir? Erst ging es mir so richtig schlecht und auf einmal nicht mehr. Ich hatte absolut keine Ahnung, jedoch auch keine Zeit, darüber nachzudenken.

Ich reichte Rose weitere Bestellungen über den Tresen und sah dabei zu, wie Leute kamen und gingen. Mittlerweile konnte ich sogar wieder etwas essen, obwohl es mir zuvor noch so beschissen gegangen war.

»Du arbeitest heute Abend im Blacklight, oder?«, wandte Rose sich an mich und stellte ein Tablett mit leerem Geschirr ab, das ich ergriff und durch das kleine Fenster in die Küche weiterschob.

Bei der Erwähnung des Clubs wurde mein Herzschlag augenblicklich schneller, als ich mich fragte, wie ich die heutige Schicht dort überstehen sollte. Ich wischte meine Hände an der Schürze ab und sah dann wieder zu Rose. Sie schob eine Erklärung hinterher. Hatte ich so lange nicht geantwortet?

»Im Blacklight.«

Sie hatte recht. Es war der dritte Job, mit dem ich meine Nana und mich über Wasser hielt. Zwar gehörte uns mein Elternhaus, doch da Nana nicht mehr arbeiten konnte, war ich die Einzige, die Geld verdiente. Nana brauchte außerdem ihre Medikamente.

»Ich bin schon so gespannt, was du sagst. Heute ist ja der erste richtige Tag mit Gästen, oder?«

»Ja, ich habe noch mal an der Schnelligkeit des Cocktailmixens gefeilt.«

Rose klatschte begeistert in die Hände und fing an, breit zu grinsen. »Du wirst dich bestimmt super machen.« Dabei klang sie so überzeugt, dass ich schmunzeln musste.

»Gehst du heute auch hin?«, fragte ich und räumte die sauberen Gläser ins Regal. Rose sah auf die Uhr, die links von uns an der Wand hing. Meine Schicht dauerte noch zwei Stunden.

»Ja, auf jeden Fall. So um zehn. Ungefähr. Ich muss noch warten, was meine Freunde sagen.«

»Dann sehen wir uns bestimmt kurz.«

»Hoffentlich.« Rose nickte und ging wieder zu den Gästen.

Der gesamte Diner wollte etwas bestellen, und es sah so aus, als würde sie in zwanzig Minuten noch nicht fertig sein, die Bestellungen aufzunehmen. Deshalb schnappte ich mir schnell einen der Blöcke und machte mich selbst auf den Weg, um die neuen Gäste abzuklappern, während Rose kassierte. Wir nannten es liebevoll die Geldwelle. Ich sah, wo Rose noch nicht gewesen war, und nahm die Bestellungen an zwei neuen Tischen auf. Dann ging ich weiter. Mein Blick blieb in der hintersten Ecke hängen. Dort saß ein Mann und starrte mich an.

Es war so, als würden alle Geräusche um mich herum ein wenig leiser werden und in den Hintergrund rücken. Mein Fokus lag einzig und allein auf ihm. Eigentlich hätte ich vermutet, dass mir sein Blick ein unangenehmes Gefühl bereiten würde, aber im Gegenteil. Er war in den letzten Wochen immer wieder hier gewesen, aber ich hatte ihn noch nie bedient. Dabei fiel mir etwas ganz anderes auf. Saß dort etwa ein Wellensittich auf seiner Schulter?

Verwirrt kniff ich die Augen zusammen und ging langsamer auf den Tisch zu. Als hätte der Vogel mein Starren bemerkt, fuhr er mit seinem kleinen hellblauen Kopf in meine Richtung, während er seinen gelblichen Schnabel aufriss.

Verdammt! Ich musste gestehen, dass er mich ein wenig einschüchterte. Wenn er jetzt zehnmal so groß gewesen wäre, hätte ich wirklich Angst gehabt. Mir war gar nicht aufgefallen, wann der Mann mitsamt dem Vogel hereingekommen war.

Komisch. Eigentlich waren hier keine Tiere erlaubt.

Normalerweise hatte ich alle Menschen im Blick, die das Eggies betraten. Ich ging weiter. Den Vogel ließ ich nicht aus den Augen. Als ich bei dem Mann ankam, bemerkte ich zuerst, wie gut der Kerl aussah. Er hatte weizenblondes Haar und graue Augen, mit denen er mich weiterhin unverhohlen musterte.

»Was kann ich dir bringen?«, fragte ich und fixierte den Block in meiner Hand, denn nun wurde mir das intensive Gestarre von ihm und dem Vogel doch zu viel.

»Uns.«

Ich blickte auf und musterte den Typ vor mir. »Was?«

»Nicht was, sondern wie bitte«, korrigierte er mich frech und sprach dann weiter, während ich mit geöffnetem Mund vor ihm stand. »Und ich sagte, uns.«

Er deutete auf den Vogel, der mich ebenso beäugte wie sein Herrchen. Wer hatte denn bitte einen Wellensittich in einem Diner dabei? Die Grenzen meines verrückten Lebens schienen mir nun komplett zu entgleisen.

»Und was wollt ihr?«, fragte ich und betonte das Wort so stark, dass mein Gegenüber eine Augenbraue hochzog.

»Einen Kaffee und einen Toast«, sagte er, und ich fragte mich, wie ich eine einzelne Scheibe Toast abrechnen sollte.

»Okay«, antwortete ich und ging.

Rose hatte eine Rekordleistung hingelegt, denn sie war bereits am Tresen und griff nach den Tellern, die dort standen. Mehrere Zettel lagen wieder vor mir.

Ich fing an, die Bestellungen vorzubereiten. Der Kaffee kam zum Schluss dran. Als dieser in einer schönen Tasse angerichtet war, war der Toast an der Reihe. Eigentlich konnte man nur belegte Toasts bestellen, aber das war für den Vogel nicht notwendig. Für den Vogel …

Ich sah zurück. Ja, er saß definitiv noch immer dort. Der Blick aus seinen kleinen schwarzen Äuglein war weiterhin auf mich gerichtet. Es wirkte so, als könnte der Vogel schlauer sein als mancher Mensch. Die Art, wie er seinen Kopf schief legte, als würde er etwas erkennen. Er war aufmerksam. Aber auf eine gruselige Art. Der Toast schoss aus dem Toaster nach oben und riss mich aus meinen Gedanken. Ich legte ihn auf einen Porzellanteller, verabschiedete ein paar Kunden, die den Diner verließen, und ging dann wieder zu dem Tisch mit dem Mann und seinem gefiederten Gefährten.

Als ich die Bestellung abstellte, begegnete ich erneut den grauen Augen des Mannes, doch dieses Mal hatte ich das Gefühl, etwas anderes darin zu sehen als zuvor.

Etwas Merkwürdiges.

Für einen Moment vergaß ich komplett, wo ich war oder was ich hier tat. Das Einzige, was mich in diesem Moment anzog, war der Ausdruck in seinen Augen. Es lag etwas darin, was mich auf eine bestimmte Weise fühlen ließ.

Eine Art Macht.

Von meinem Unwohlsein war keine Spur mehr. Ich schreckte zusammen, als der Vogel auf der Schulter plötzlich kreischte. Der Blick des Fremden zuckte zu seinem gefiederten Begleiter. Bevor er mich erneut ansehen konnte, drehte ich mich um. Was auch immer er in mir auslöste, es war so fremd, dass ich es nicht einordnen konnte. Doch eines war mir klar, es gefiel mir nicht. Ich war erleichtert, als ich bei einem der anderen Kunden ankam, um von dort einige dreckige Gläser mitzunehmen. Mein Handgelenk brannte für einen Moment, bis ich darüber kratzte. Heute war einfach nicht mein Tag. Der aktuelle Andrang brachte einen positiven Aspekt mit sich: Ich hatte keine Zeit mehr, um nach dem Kerl zu sehen. Denn als ich mit den nächsten Bestellungen fertig war, bemerkte ich, dass er verschwunden war. Alles, was er zurückgelassen hatte, war eine gefaltete Serviette, in der ein Zehndollarschein steckte. Sie sah aus wie eine Lotusblume.

Kapitel2

Ich zog die Haustür hinter mir zu, streifte die Schuhe ab und schloss kurz die Augen. Ein erleichterter Seufzer entfuhr mir. Bis zu meinem ersten Abend im Blacklight waren es noch ein paar Stunden, die ich bei Nana verbringen konnte. Alles an mir fühlte sich verdammt schwer an, und ich brauchte einige Momente, bis ich mich dazu aufraffen konnte, in die Küche zu gehen.

»Nana?«, rief ich etwas lauter, damit sie mich hörte. Keine Ahnung, ob sie ihr Hörgerät trug.

»May? Bist du schon da?«

»Ja«, antwortete ich und betrat die helle Küche mit der Marmorkücheninsel.

Nana schenkte sich gerade grünen Tee in eine kunstvoll verzierte Tasse ein und holte eine zweite, nachdem sie ihre gefüllt hatte. Als auch diese voll war, schob sie mir eine Tasse herüber und reichte mir die Zuckerdose. »Ich weiß doch, dass du ihn brauchst.«

»Danke, Nana.«

Sie winkte ab, nahm ihre Tasse in die Hand und ging in den Wohnbereich, um sich auf der Couch niederzulassen. Dabei verschüttete sie etwas von dem heißen Tee, doch machte keinerlei Anstalten, auch nur einen Schmerzenslaut über ihre Lippen zu lassen.

»O nein, Nana! Hast du dich verbrannt?« Mir zog es die Adern zusammen, als ich die heiße Flüssigkeit auf ihrer Hand sah. Es war nicht viel, aber dennoch nicht angenehm. Schnell griff ich nach einem Küchentuch und tupfte damit vorsichtig ihre Haut ab.

»Es geht schon, meine Liebe. Ich habe mir nichts getan.« Sie schüttelte den Kopf, wobei ihre schwarzen Haare, die bereits einige graue Strähnen aufwiesen, wild hin und her wirbelten, als wäre eine Windböe durch das Wohnzimmer gefegt.

Ich wusste, dass es wehgetan hatte, immerhin war es heißes Wasser. Doch sie wollte nicht, dass ich mir Sorgen machte. Vielleicht dachte sie, dass ich sie als Last empfand, was aber absolut nicht stimmte.

Aus dem Gefrierschrank holte ich einen Beutel mit eingefrorenem Rosenkohl und legte ihn Nana vorsichtig auf die Hand.

Sie räusperte sich und rutschte ein wenig auf der Couch herum. »Danke«, sagte sie und tätschelte meine Wange mit ihrer faltigen Hand. Ihr liebevoller Blick legte sich auf mich und umwickelte meine Seele wie eine flauschige Decke. »Ich bin froh, dich zu haben, meine Liebe.«

»Ich bin auch froh, dich zu haben, Nana.«

»Komm, hol dir deinen Tee und setz dich zu mir. Die Quizshow fängt gleich an.«

Ich nahm meine Tasse von der Kücheninsel und verharrte in der Bewegung, als mir die Tablettendose mit den durchsichtigen Plastikfenstern ins Auge fiel. Was sollte das denn? Mit zusammengezogenen Brauen griff ich danach und betrachtete das Fach für heute. »Nana?«, fragte ich und zeigte ihr die Dose.

Ihr Gesicht wurde starr, bevor sie mich sanft anlächelte, beinahe wie ein kleines Kind, das genau wusste, was im Argen lag. So musste ich auch geguckt haben, als ich damals die Wände mit meinen Wasserfarben umgestaltet hatte.

»Du hast nur eine halbe Tablette genommen? Du weißt, dass der Arzt dir eine ganze verschrieben hat. Eine pro Tag, nicht mehr, nicht weniger.«

Nana seufze. »Ja, das weiß ich doch, aber ich dachte, wenn ich sie teile, dann reichen sie länger und du hättest mehr Geld und müsstest es nicht immer für mich ausgeben. Verstehst du?« In ihren braunen Augen schimmerten Tränen. »Ich hänge dir wie ein lästiger Klotz am Bein.«

Ich schüttelte energisch den Kopf, setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. »Bitte sag so etwas nie wieder! Wirklich. Das habe ich noch nie gedacht und werde es auch nicht. Es ist selbstverständlich, dass ich mich um dich kümmere, du bist meine Nana.« Ich sah sie ernst an.

»Eigentlich sollte ich mich um dich kümmern«, murmelte sie niedergeschlagen und wandte den trostlosen Blick ab.

»Weißt du, das Leben macht, was es will, daran kann niemand etwas ändern. Aber man kann das Beste daraus machen. Und es ist das Beste. Du bist das Beste. Für dich würde ich alles tun, Nana. Und nur weil du dich nicht auf diese Art und Weise um mich kümmerst, heißt es keinesfalls, dass du nicht für mich da bist. Wenn es mir schlecht geht oder ich Sorgen habe, hörst du mir zu, gibst mir Tipps und hältst mich im Arm. Du umsorgst mich, und mehr brauche ich nicht!«

Sie zog mich zu sich und legte ihre Arme um meinen Körper. »Das weiß ich, aber ich will das nicht. Ich möchte viel mehr tun können.«

Ich verstand Nana und ihre Gefühle, doch sie brauchte ihre Medikamente, und dafür musste man genügend arbeiten. Da sie das nicht mehr konnte, lag es an mir. Sie trug keine Schuld an ihrer Situation, und das würde ich ihr auch nie in irgendeiner Weise vorwerfen.

»Das verstehe ich, aber du musst mir versprechen, dass du deine Tabletten regelmäßig nimmst, okay? Ansonsten helfen sie dir nicht.« Ich sah Nana tief in die Augen, bis sie nickte.

Sie griff nach der Tablettendose und holte die halbe Tablette heraus, um sie hinunterzuschlucken. Den grünen Tee trank sie hinterher.

»Ich wollte dir keinen Kummer bereiten, May.«

»Ist schon gut, Nana.«

Sie betrachtete mich, strich meine Wange entlang und seufzte. »Lass uns über etwas anderes sprechen. Hast du schon das von Christy gehört?«

Ich runzelte die Stirn. Was sollte ich bitte über die Nachbarstochter erfahren haben? »Nein.«

»Sie hat jetzt einen Freund, den alle ganz bezaubernd finden. Sie beschreiben ihn als zuvorkommend und herzlich. Hast du nicht vielleicht auch jemanden im Auge?«

Den grünen Tee in meinem Mund hätte ich beinahe ausgespuckt, so unvorbereitet traf mich die Frage. Schnell schluckte ich ihn hinunter und schüttelte den Kopf. »Äh, nein. Ich habe niemanden im Blick.«

»Dann solltest du mal ausgehen.«

»Nana«, sagte ich schockiert. »Das geht nicht einfach so.«

»Na ja, wenn man es nicht probiert, funktioniert es nicht. Da hast du recht.«

Sie bemerkte meinen entrüsteten Ausdruck und lächelte mich an. »Ich möchte doch nur, dass du deine Jugend lebst. Abenteuer erlebst und ein bisschen rauskommst aus dem ganzen Alltag.«

Wie sollte ich ihr sagen, dass es nicht möglich war? Immerhin musste ich wegen des Geldes arbeiten, das wir brauchten. Da konnte ich nicht einfach feiern gehen, wie es die anderen in meinem Alter machten.

»Ich weiß. Irgendwann mache ich das. Sollte nicht jetzt gleich die Quizshow beginnen?«, fragte ich und wandte mich zum Fernseher.

Das wissende Lächeln auf Nanas Lippen konnte ich aus dem Augenwinkel genau erkennen. Mit Ablenkungen war ich noch nie gut gewesen.

»Ja, du hast recht.« Sie schaltete den Fernseher ein, griff nach einem Bastkorb, der neben der Couch stand, und holte etwas heraus.

»Was ist das?«, fragte ich und deutete auf die Wolle in ihren Händen, die sie mit zwei Stricknadeln verband.

»Wolle.«

»Ja, aber für was?«

»Ich stricke Socken, die kann ich dann in der Nachbarschaft verkaufen oder auf einem der Handarbeitsmärkte. Obwohl dort bestimmt Leute sind, die das viel besser als ich können.«

Die orangene und blaue Wolle ergab einen kräftigen Farbverlauf in ihren Händen.

»Das wird schön, die Menschen werden sie lieben«, sagte ich und deutete auf die halb fertige Socke in ihren Händen.

Nanas Augen leuchteten freudig auf. »Glaubst du?«

»Da bin ich mir ganz sicher.«

»So kann ich dir vielleicht einen kleinen Teil abnehmen, auch wenn es nicht viel sein wird.« Niedergeschlagen stoppte sie in der Bewegung.

»Aber es ist vollkommen genug«, erwiderte ich und drückte ihren Arm.

Wir lächelten uns an, und ich war froh um die Zeit mit meiner Nana. Wenn ich sie nicht hätte, gäbe es niemanden mehr, deshalb kostete ich jeden Moment mit ihr aus. Sie war das Wichtigste in meinem Leben, und ich würde alles dafür tun, damit es ihr gut ging.

Kapitel3

Der Bass des Clubs donnerte in meinen Ohren. Über die Bar hinweg konnte ich Rose und ihre Freundinnen sehen. Sie tanzten in der Mitte, umringt von mehreren Menschen, die ihnen bewundernd zusahen. Als Rose meinen Blick bemerkte, winkte sie mir zu. Ich schenkte ihr ein Grinsen und sah dabei zu, wie sie sich an einer ihrer Freundinnen zu Boden sinken ließ, um dann mit einem eleganten Haarschwung wieder aufzusehen.

Bis jetzt lief es recht gut, ich war froh, dass ich zuvor schon einige Barjobs gehabt hatte und nun hier im Blacklight anfangen konnte. Es gab zwei Tanzflächen, den oberen Bereich und den unteren. Zu Letzterem musste man sich aber im Vorfeld anmelden und außerdem einiges an Geld draufzahlen. Außer man arbeitete hier.

Die Netzstrumpfhose bohrte sich in meine Oberschenkel, als ich mich nach dem Eisfach bückte und mit der Schaufel einige Würfel herausfischte.

»Eyyy«, grölte jemand. Als ich aufsah, erkannte ich einen Kerl mit rot unterlaufenen Augen und verschwitztem weißen Shirt.

»Drei Tequila.« Er klatschte mir einen Geldschein auf den Tresen und versuchte aufrecht stehen zu bleiben. Doch er wankte wie ein alter Fischkutter auf See.

»Alles klar.« Ich stellte ihm die fertigen Shots hin und nahm das Geld. Mit offenen Haaren wurde mir langsam zu warm, deshalb band ich sie mir zu einem Pferdeschwanz zusammen. Über den Abend hinweg reichte ich weitere Bestellungen über die Theke und sah immer mal wieder prüfend zu Rose. Ich würde heute nicht bis zum Schluss arbeiten, da es mein erster Tag war.

Jonathan, der Chef des Blacklight, war freundlich und vor allem human. Konnte ich nicht von den meisten Chefs behaupten, mit denen ich zusammengearbeitet habe.

»He, Neue. Ich übernehme jetzt. Gute Arbeit.« Ein breit gebauter Kerl mit Tanktop trat neben mich. Um den Kopf hatte er ein Bandana gebunden, genauso wie um sein Handgelenk. Seine braunen Haare waren ein wenig zu lang, sodass sie ihm in die Augen fielen.

»Okay. Danke«, rief ich über den Lärm hinweg und trat hinter der Bar hervor. Ich hatte meine Sachen hinten in einem Spind eingeschlossen. Doch zuvor musste ich mich durch die Menge der tanzenden Menschen kämpfen, die alle dicht an dicht gedrängt waren. Die Luft war so stickig und muffig, dass ich mich erst daran gewöhnen musste.

Ein Schatten erregte meine Aufmerksamkeit. Rechts an der Wand entdeckte ich eine Person, die stocksteif dort stand und sich nicht bewegte. Der Kerl aus dem Eggies, nur dieses Mal ohne Vogel. Er betrachtete mich über die Menge hinweg. Starrte mich an und setzte sich dann in Bewegung. Nicht in meine Richtung, sondern von mir weg. Ich könnte ihn einfach ignorieren und nach Hause verschwinden, weil ich fertig und müde war. Oder aber ihm folgen und ihn zur Rede stellen, was das sollte. Immerhin tauchte er immer dort auf, wo ich arbeitete.

Er blickte über seine Schulter, um sicherzugehen, dass ich ihn sah. Das tat ich. Mit schwitzigen Händen entschied ich mich dazu, ihm zu folgen. Mit schnellen Bewegungen schlüpfte ich durch die Masse hindurch, darauf fokussiert, den blonden Mann nicht aus den Augen zu verlieren. Ich wurde mehrmals angerempelt und weggedrängt, doch ich sah, wo er hinging. In den unteren Bereich des Clubs. Zwei Männer standen vor der Treppe, die nach unten führte, und betrachteten mich.

»Ich arbeite hier.«

Die Männer nickten. Wahrscheinlich hatten sie mich hinter der Bar gesehen, ansonsten konnte ich es mir nicht erklären, weshalb sie mich durchließen.

In mir zog sich etwas zusammen, als ich die Treppe nach unten ging. Das Licht hatte einen bläulichen Schimmer, und die Luft war sogar noch stickiger als zuvor. Ich sah strahlend weiße Zähne, Farben und Leuchtstäbe. Eigentlich sehr cool, wenn ich selbst nicht hier wäre. Das war doch eine blöde Idee gewesen, hier hinunterzugehen. Wie hätte ich den Mann auch zur Rede stellen wollen? Ihn anschreien, denn sonst würde er kein Wort verstehen von dem, was ich sagen würde? Zwar hielt ich nach ihm Ausschau, aber ich hatte es bereits aufgegeben.

Eine Welle der Übelkeit überrollte mich, und ich beschloss, wieder nach oben zu gehen. Jemand griff nach meinem Handgelenk. Als ich aufsah, erkannte ich ein blondes Mädchen, das UV-Make-up trug. Es sah cool aus.

»Oh, wow, das ist ja schön!«, sagte sie.

Was meinte sie? Mit ihrem pink lackierten Nagel deutete sie auf meinen Arm. Verwirrt runzelte ich die Stirn. Dann hielt ich die Luft an. Schloss meine Augen und öffnete sie wieder. Das war unmöglich. Was sollte das sein? Ich griff an mein Handgelenk und betrachtete eine Blütenknospe, die in verschiedenen Rottönen leuchtete. Es sah aus wie ein Tattoo.

Doch ich würde mich niemals tätowieren lassen. Das ließ meine Nadelphobie nicht zu. Also wie zur Hölle war das dann an mein Handgelenk gekommen?

»Ich hab von solchen Schwarzlicht-Tattoos gehört, die sind echt cool!«

»Danke«, wisperte ich, und als ich aufsah, war das Mädchen verschwunden. Ich betrachtete wieder die Knospe auf meiner Haut. Hatte ich vielleicht einen Stempel des Clubs bekommen?

Nein, ganz sicher nicht. Plötzlich fühlte ich mich nicht gut. Meine Atmung beschleunigte sich, und mein Herz glich dem Hufgetrappel einer wilden Horde Pferde. Hektisch strich ich mir über die Haut, in der Hoffnung, dass das Mädchen und ich uns das nur eingebildet hatten.

Doch die Knospe verschwand nicht, auch nicht nach dem unzähligsten Mal, als ich über sie strich. Sie schien nur noch mehr zu leuchten. Wurde heller.

Sofort sah ich mich um, ob mich irgendjemand beobachtete. Gleichzeitig hielt ich mir die Hand über die Blütenknospe, damit niemand das Glühen sah, das davon ausging. Was sollte das denn jetzt schon wieder?

Neben mir hörte ich ein Mädchen lachen. Kurz darauf rempelte mich jemand an, und als ich nach oben sah, erkannte ich ein knutschendes Pärchen.

Ich verzog das Gesicht. Schnell wandte ich mich von den Menschen ab und ging in Richtung der Treppe, über die ich zuvor hierhergelangt war. Das Ding auf meiner Haut leuchtete weiterhin, als ich meine Hand zur Seite bewegte und das glühende Rot betrachtete.

Verdammt, ich wurde verrückt. Das Bedürfnis, hier herauszukommen, wurde mit jeder Sekunde größer. Der blonde Mann war schon längst vergessen. Ich rannte die Treppe nach oben, nur um an den verwunderten Türstehern vorbeizukommen, die mich misstrauisch musterten. Doch ich ignorierte sie und fing an, mich erneut durch den Pulk der sich bewegenden Leiber zu quetschen.

Die Luft schien knapper zu werden, denn ich hatte das Gefühl, nicht mehr genug davon in meine Lunge zu bekommen. Schneller drängelte ich mich an den Leuten vorbei, die mir teilweise doofe Bemerkungen hinterherbrüllten, aber das war mir in dieser Situation vollkommen egal. Ich musste nur hier raus.

In Windeseile holte ich meine Sachen von hinten und war froh, dass ich niemandem begegnete, der mich aufhielt. Die kühle Luft schlug mir bereits entgegen, als ich kurz vor der Tür war. Sie schien meine erhitzte Haut zu beruhigen, ebenso wie meinen Geist. Als ich wieder vor dem Blacklight angekommen war, ging ich ein paar Schritte taumelnd nach vorn und lehnte mich dann gegen die Mauer eines Geschäfts.

Ich schloss die Augen und fuhr mir übers Gesicht. Vorsichtig sah ich nach, ob das Tattoo noch da war. Doch die Knospe war weg. Ich starrte auf meine Haut und fragte mich erneut ernsthaft, ob ich verrückt wurde. Wo sollte das Tattoo jetzt auf einmal hin sein?

Oder was auch immer das war.

Ich rieb weiter über die Haut, doch es blieb verschwunden.

Ich richtete meinen Blick auf die Straße vor mir und erkannte die vielen Autos, die zumeist Taxis waren. Sah dabei zu, wie noch mehr Menschen Richtung Blacklight gingen. Unweigerlich fragte ich mich, wie sie dort noch Platz haben sollten. Ein weiterer Blick zum Handgelenk.

Nichts.

Bevor ich mich in Bewegung setzte, atmete ich tief ein und aus. Ich hatte die Hoffnung, dass sich meine Gedanken klären würden. Je weiter ich mich vom Blacklight entfernte, desto ruhiger wurde es. Ich sah und vor allem hörte ich keine Menschen mehr. Nur eine schwarze Katze mit giftgrünen Augen kreuzte meinen Weg, wobei sie mich anfauchte, bevor sie in der Dunkelheit verschwand. Ich schüttelte den Kopf und ging weiter. Die Ruhe um mich herum ließ mich ein wenig entspannen. Ein Schrei zerriss die Nacht und ich blieb erschrocken stehen. Sah mich nach allen Seiten um, woher die Stimme gekommen war.

»Lass mich los!«

Ich folgte der hysterischen Frauenstimme und bog in eine kleine Seitenstraße ein.

»Eyy, wir haben uns doch gut unterhalten«, sagte der Kerl, der sich an eine Frau heranpresste.

»Ja, trotzdem sollst du mich loslassen! Ich will das nicht!«

Der Mann lachte und griff mit seiner Hand unter ihr Shirt. Sie schlug nach ihm. Wut entflammte in mir und ließ mich meine schlechte Verfassung und die Tatsache, dass ich ein ominöses Tattoo hatte, vergessen.

»Hey!«, rief ich so laut ich konnte. Der Typ trat einen kleinen Schritt zurück und betrachtete mich.

»Hallo, Süße, willst du dich uns anschließen?«, fragte er und grinste mich an. Anhand der roten Augen vermutete ich, dass er betrunken oder high war.

»Nein. Außerdem hat sie zu dir gesagt, dass du sie in Ruhe lassen sollst.« Die Frau sah mich an und rutschte von dem Kerl weg.

»Das geht dich doch gar nichts an«, rief er, und sein Gesicht verzog sich zu einer wütenden Fratze.

»Sobald ich sehe, dass jemand ungerecht behandelt wird, geht es mich sehr wohl etwas an. Ich werde keiner von den Menschen sein, die einfach wegsehen.«

Der Kerl lachte, wobei er kurz das Gleichgewicht verlor und taumelte. Die blonde Frau war beinahe bei mir angelangt, als der Mann ihre Flucht bemerkte. Er trat auf sie zu. Ich lief nach vorn, packte die Frau am Handgelenk und zog sie hinter mich. »Lass sie in Ruhe«, wiederholte ich ihre Worte.

»Du hast kein Recht, dich hier einzumischen«, grollte der Kerl. Der Atem der Frau strich über meinen Hals. Sie war aufgeregt und ihre Hand zitterte in meiner.

»Und du hast kein Recht, dich über eine andere Person hinwegzusetzen«, erwiderte ich wutentbrannt. Mir war klar, dass er mindestens einen Kopf größer und dreimal so breit war als ich. Das hielt mich trotzdem nicht davon ab, der Frau beizustehen. Egal, was er vorgehabt hatte. Nein hieß Nein. Ich sah, wie der Kerl mich fixierte, als wollte er auf mich zustürmen.

Die Wut kochte in mir hoch und verteilte sich in meinen Adern. Fachte mich dazu an, stark zu sein. Und als sich der Kerl in Bewegung setzte, riss sich etwas in mir los. Als würden alle Dämme brechen. Grenzenlose Energie und Macht schienen mich zu durchspülen. Ich fühlte mich unbesiegbar. Und mit diesem Gefühl kam das Selbstvertrauen, das meine ängstlichen Gedanken übertönte. Sie verbannte und mich fokussiert handeln ließ. Ich ließ die Frau los und bedeutete ihr mit einer schnellen Handbewegung, nach hinten zu gehen.

Seine Faust kam in die Nähe meines Gesichtes, und als hätte eine höhere Macht von meinem Körper Besitz ergriffen, schnellte mein Arm nach vorn und ich packte den des Mannes. Dann trat ich einen Schritt vor, drehte im selben Moment den Arm von meinem Gegenüber ein, sodass er leicht ins Hohlkreuz gehen musste. Diese verletzliche Position nutzte ich und schlug mit meinem Handballen gegen seinen Kehlkopf. Augenblicklich röchelte er, und als wäre das nicht genug, trat ich ihm mit einer Kraft, die ich niemals von mir erwartet hätte, gegen das Knie. Er sank keuchend in sich zusammen. All diese Moves kannte ich aus den Marvel-Filmen und -Serien, die ich mir ununterbrochen ansah.

»Ach du heilige Scheiße, was stimmt denn mit dir nicht?«

Ich glaubte, dass ich mich verhört hatte.

»Was mit mir nicht stimmt? Die Frage kannst du dir selbst stellen, du Arsch!«, rief ich und tauchte unter seinem Arm hinweg, mit dem er mich erneut packen wollte.

Ich hätte nicht gedacht, dass er trotz Alkoholeinfluss so schnell war, denn im nächsten Moment hatte er meinen Kopf zwischen seinen Armen eingeklemmt. Ich machte einen Ausfallschritt zurück, stellte mein Bein hinter das seine und warf ihn mit einer Bewegung aus der Hüfte über meinen Rücken, direkt auf den Boden. Am liebsten hätte ich ihm noch in die Weichteile getreten. Ich entfernte mich von dem Kerl, und als ich mir sicher war, dass er so bald nicht aufstehen würde, griff ich nach der Frau und rannte mit ihr aus der Straße hinaus.

»Sollen wir die Polizei rufen?«, fragte ich sie, als ich in ihre hellblauen Augen blickte.

Sie schüttelte den Kopf und wurde langsamer. »Nein, ich bin nur froh, dass du gekommen bist. Danke. Wirklich. Ich sollte das nächste Mal nicht ohne meine Freundinnen den Club verlassen.«

Ich lächelte sie an. Die blonden Haare waren ein wenig durcheinander und das Make-up war verschmiert.

»Das ist ein guter Vorsatz«, sagte ich und grinste.

»Sag mal, hast du einen Kampfsportkurs belegt oder so?«, fragte sie und betrachtete mich.

Ich überlegte, und erst jetzt wurde mir bewusst, was ich dort getan hatte. Diesen großen, breiten Kerl hatte ich zu Boden gebracht. Einfach so, als wäre ich im Kampfring aufgewachsen.

Ich hatte noch nie Kampfsport betrieben, trotzdem antwortete ich: »Ja.«

Waren das Reflexe gewesen? Eigentlich nicht, aber was sonst?

»Cool. Das sollte ich vielleicht auch mal probieren.«

Ich antwortete nicht, da das Thema mich unsicher machte, weil ich keine Ahnung hatte, was es damit auf sich hatte. »Wohin soll ich dich bringen?«

»Ich glaube, ich nehme mir ein Taxi, das reicht. Wirklich, ich danke dir für deine Hilfe. Wenn du nicht gewesen wärst …« Sie ließ das Ende offen und lächelte mich an. Da in Chicago beinahe überall Taxis zu finden waren, dauerte es nicht lange, bis wir eines entdeckten.

»Komm gut nach Hause«, sagte ich zu ihr. Die Frau schnallte sich an und musterte mich.

»Steig ein, die Fahrt geht auf mich. Ich lasse dich jetzt nicht allein laufen.«

Abwartend betrachtete ich sie, als mir jedoch bewusst wurde, dass sie es ernst meinte, stieg ich ein.

»Danke dir«, sagte ich.

»Sehr gern. Ich bin übrigens Susan.« Sie reichte mir ihre schlanke Hand.

»Ich bin May, schön, dich kennenzulernen.«

»Gleichfalls.« Ich nannte dem Taxifahrer meine Adresse und wir fuhren los. Eine Bewegung aus dem Augenwinkel ließ mich erstarren. Dort in der dunklen Gasse erkannte ich den blonden Mann. Er lehnte gegen eine der Wände und sah mir hinterher. Das war doch nicht die Möglichkeit. Und direkt hinter ihm konnte ich leuchtende Augen in der Dunkelheit erkennen. An meinem Handgelenk brannte es, und als ich dort hinsah, leuchtete die Knospe erneut auf. Schnell legte ich meine Hand darüber und hoffte, dass Susan es nicht gesehen hatte.

* * *

»May?«

Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Nana hörte schlecht, deshalb versuchte sie, alles zu sehen, was sich in ihrer Umgebung abspielte. Und manchmal, so wie heute, blieb sie wach, bis ich nach Hause kam, weil sie wusste, dass sie es nicht hören würde.

Ich zog die Schuhe aus und ging in die dunkle Küche. Einzig und allein eine kleine Lampe gab ein schummriges Licht von sich.

»Nana, was machst du denn hier? Solltest du nicht längst schlafen?«

Sie zog ihren Frotteebademantel zurecht und schüttelte den Kopf. »Ich muss doch sichergehen, dass es dir gut geht. Immerhin tust du nichts anderes mehr, außer zu arbeiten.« Sie seufzte und stellte ihre dampfende Tasse ab. »Willst du einen Tee? Ich könnte dir einen machen.« Nana griff nach meinen Händen und strich zärtlich darüber.

»Das ist sehr lieb, aber nein, ich bin wirklich hundemüde.«

Ein Brief zog meine Aufmerksamkeit auf sich, der auf dem Küchentresen lag. Wenn wir Post erhielten, hieß das meistens nichts Gutes. Ich griff danach, doch Nana schnappte sich den Brief und legte ihn weg.

»Du solltest schlafen gehen. Es war ein anstrengender Tag für dich.« Sie wollte mich vor dem beschützen, was darin stand, doch ich konnte es mir bereits denken.

Eine Rechnung oder eine Mahnung.

Kapitel4

Ich gähnte ausgiebig und rieb mir über die müden Augen. Gestern hatte ich zu wenig Schlaf bekommen, da sich meine Gedanken um die Geschehnisse der Stunden zuvor gedreht hatten. Seit wann sollte ich denn bitte solche Kampfmoves können? Noch nie in meinem Leben hatte ich irgendeinen Selbstverteidigungskurs besucht oder gar jemanden geschlagen. Wieso konnte ich gestern diesen Kerl zu Boden bringen?

Der ganze Tag war schrecklich, und nachdem ich die letzten Nächte beinahe kein Auge zubekommen hatte, war ich nun dementsprechend fertig. Ich erinnerte mich auch an den seltsamen Mann, der mich aus der Gasse heraus beobachtet hatte. Mit seinen weizenblonden Haaren und dem stechenden Blick. Eventuell hatte ich mir das nur eingebildet und in Wirklichkeit war er nicht einmal dort gewesen. War das alles bloß Einbildung? Wurde ich verrückt?

Ich stieß den Atem aus und ging weiter die Straße entlang. Seit der Nacht im Club ging ich nur noch auf vielbesuchten

Straßen, auch wenn ich mich dort ebenso wenig sicher fühlte nach dem, was ich mitbekommen hatte. Aber ein Auto, mit dem ich fahren konnte, besaß ich nicht, und Mitarbeiterparkplätze bot keine meiner Arbeitsstellen. Das Eggies konnte ich in der Mittagssonne gut erkennen. Da fiel mir ein, dass Rose mir gestern noch geschrieben hatte. Mist, ich hatte ganz vergessen zu antworten.

Als ich durch die bodentiefen Glasfenster sah und Rose entdeckte, wäre ich am liebsten wieder gegangen, weil ich so fertig von allem war. Mit Rose hatte ich kein Problem, sondern eher mit dem Rest des Lebens, aber ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass meine Laune ihre Schuld war. Ich presste die Lippen fest aufeinander und trat ein.

»Hey, May. Ich dachte, du würdest nach deiner Schicht noch ein wenig bei uns bleiben«, sagte Rose und lächelte mich an, als ich den Tresen erreichte. Ich drückte sie kurz an mich und sie legte ihre warmen Hände an meinen Rücken.

»Ich war müde.« An gestern zu denken, war keine gute Idee.

Sie betrachtete mich eingehend, dann schob sie mir eine Tasse über den Tresen, die sie hinter einem der Tabletts versteckt hatte.

»Vielleicht nächstes Mal. Hier, der ist für dich.« Es war ein Chai Latte. Mein Lieblingsgetränk.

»Danke«, sagte ich und nahm einen Schluck. Ich brachte meine Sachen nach hinten und atmete einmal tief durch, bevor ich hinausging. Mit den Fingern fuhr ich über mein Handgelenk.

Noch immer keine Blütenknospe.

Missgelaunt verschaffte ich mir vorn erst einmal einen Überblick, was anstand und was bereits erledigt war. Von da an arbeiteten wir in unserem üblichen Rhythmus – ich nahm die Bestellungen auf und Rose gab sie an die Küche weiter, während sie die Getränke zubereitete. Mit dieser Routine wechselten wir uns regelmäßig ab. Mal war sie dran, dann wieder ich.

Die Stunden vergingen, und viele Gäste verließen den Diner und andere traten dafür ein. Irgendwie hatten heute alle den Drang dazu, Pancakes mit Ahornsirup zu bestellen. Doch der Geruch störte mich nicht im Geringsten. Ich liebte alles, was süß und klebrig war. Langsam wurde es draußen dunkler, und während Jonas, der Koch, die Musik ein wenig zu laut drehte, fingen Rose und ich an herumzublödeln, bis wir die Aufmerksamkeit einer älteren Dame auf uns zogen, deren Gesichtsausdruck zu sagen schien: »Die Jugend von heute. Ts, ts, ts.«

Ich musste mir fest auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen, und Rose schien es nicht anders zu gehen. Wenn ich mit ihr zusammen war, fühlte ich mich gut. Besser als heute früh, als gestern Nacht. Nachdem sie ihre Mimik wieder im Griff hatte, sagte sie: »Ich geh mal kurz in die Küche, wir brauchen frische Gläser, die gehen uns aus.«

Dabei deutete sie auf das Regal links neben mir. Es sah ziemlich leer geräumt aus.

»Alles klar.« Als ich die kleine Glocke über der Tür hörte, drehte ich mich herum, um mich dem neuen Gast zuzuwenden. Mein Atem stockte. Weizenblondes Haar und ein hellblauer Wellensittich auf der Schulter. Verdammter Vogeldreck!

Zuerst stand ich wie versteinert da und musterte seine markanten Gesichtszüge und den harten Ausdruck um den Mund herum. Er setzte sich in Bewegung, und ich löste mich aus meiner Versteinerung. Er sah mich nicht an, sondern ging auf die hinterste Ecke zu. Bevor ich den Mut verlor, schob ich mich hinter dem Tresen hervor und ging auf die Sitzecke zu, die er ausgewählt hatte. Meine Schritte klangen laut in meinen Ohren, obwohl sie sich mit dem Besteckklirren und den Gesprächsfetzen der Leute mischten. Ich war entschlossen, ihn darauf anzusprechen, weshalb er dort auftauchte, wo ich arbeitete, dass sich mein Puls vor Wut beschleunigte.

Ohne ihn zu begrüßen, setzte ich mich auf die gegenüberliegende Bank und starre ihn an. »Was willst du hier?«

»Einmal Pancakes mit Ahornsirup und Speck. Gern auch noch eine Extraportion dazu.«

»Eine Extraportion wa… nein, halt. Ich meine, weshalb du immer da bist, wo ich bin?«

Er richtete seine grauen Augen auf mich, und aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich der Vogel mir zuwandte. Da kam in mir wieder die Frage auf, wer denn bitte schön einen Vogel mitschleppte. Und vor allem, weshalb der Vogel heute keinen Toast bekam.

»Weil ich gern Pancakes mit Ahornsirup und Speck essen würde. Und natürlich eine Extraportion.«

Eine verdammte Extraportion von was? Aber das sollte mich im Augenblick nicht stören. Ich wollte meinen Mund öffnen, als er mir zuvorkam.

»Und einen Toast für Ricky«, sagte er und deutete erklärend auf den Vogel, der seinen Schnabel leicht geöffnet hatte. Ah, da war der Toast für den Vogel … schon wieder.

»Getoastet«, fügte er noch hinzu. »Das hast du aber mit Sicherheit nicht vergessen.« Seine feinen Lippen verzogen sich zu einem belustigten Grinsen und die Augen funkelten amüsiert.

Ich verspürte keine Angst vor dem Kerl, sondern nur Wut.

»Wieso warst du dann gestern Abend in dem Club, in dem ich arbeite, und heute im Eggies? Schon wieder?« Es war ein Wunder, dass er noch nicht im Cleos aufgetaucht war.

»Na ja, weil ich eben gern Kaffee trinke und Pancakes esse. Was ist daran verwerflich?« Zu dem Club sagte er nichts.

»Und wieso warst du im Blacklight?«, hakte ich nach.

»Was soll das sein?«

»Das ist ein Club, mitten in Chicago, in dem ich dich gestern gesehen habe.« Ich musterte ihn abwartend.

»Noch nie gehört und noch nie betreten. Da musst du dich irren.«

Er log!

»Und was machst du sonst den ganzen Tag? Arbeitest du nicht?« Meine Nana hätte mir für diese unhöfliche Frage auf die Finger gehauen und mich mit japanischen Flüchen überschüttet. Ich erwähnte vor meinem Gegenüber nicht, dass ich das Gefühl hatte, er würde mich stalken. Aber es konnten nur Zufälle sein.

Oder?

Er zog seine linke Augenbraue hoch, wodurch feine Wellen auf seiner Stirn entstanden. »Wir sind hier aber noch nicht bei einem Date, oder? Ich würde dir raten, mit solchen persönlichen Fragen zu warten, bis es so weit ist«, sagte er und zwinkerte mir zu.

Zwinkerte … mir zu? Völlig überrumpelt von seiner direkten Art stand mir plötzlich, und ohne dass ich es hätte kontrollieren können, der Mund offen. Obwohl ich nicht besser war, hatte mich seine Reaktion überraschend getroffen.

Sein Gesicht veränderte sich.

»Ach so, du hast gerade nicht mit mir geflirtet?« Er war ernsthaft davon überzeugt gewesen? Mein Mund schloss sich … und im nächsten Moment stand er wieder sperrangelweit offen, als er hinzufügte: »Schade aber auch.« Jetzt war er derjenige, der flirtete. Und das nicht zu knapp. »Hat es dir die Sprache verschlagen? Ja, ich weiß. Das ist die häufigste Reaktion. Egal, ob von Männern oder Frauen.« Nun zog ich die Augenbrauen zusammen. Was war denn mit diesem Kerl los?

»Heißt das, dass du mich nicht verfolgst?«, platzte es aus mir heraus, ungeachtet der möglichen Folgen und dem Vorwurf darin. Sein Blick schien an meinem Mund hängen zu bleiben, und seine Augen weiteten sich vor Überraschung.

»Ich dich verfolgen?« Dabei deutete er mit seinem Finger auf mich und sah mich nochmals an, als würde er überprüfen, ob ich das Gesagte ernst meinte. Entweder er war ernsthaft schockiert über meine Annahme oder ein verdammt guter Schauspieler.

»Aber natürlich, ich habe ja nichts anderes zu tun«, murmelte er und starrte auf sein Handy, das auf dem Tisch vor ihm lag. Den Sarkasmus in seiner Stimme hörte ich mehr als deutlich heraus.

»Anscheinend ja nicht, wenn du den ganzen Tag nur Dinge machst, die dir Spaß machen«, erwiderte ich und schenkte ihm ein übertriebenes Grinsen. Aufgrund meiner Aussage sah er wieder auf, und ich hörte, wie er den Bildschirm des Handys schloss.

»Hast du bedacht, dass ich eventuell an bestimmten Tagen arbeite, jeden Monat zu unterschiedlichen Uhrzeiten oder dass es noch andere Arbeitsmodelle gibt?«

Mir reichte es, das war einfach nur nervenaufreibend, und ich würde bei ihm nicht weiterkommen. Ich zog Bilanz. Der Typ war ein komischer Vogel, der gern all dem dort nachging, wo ich angestellt war. Okay. Na ja, immerhin waren Essen und Feiern durchaus Dinge, die junge Erwachsene so taten.

»Schönen Tag noch.« Ich stand mit meinem Block auf und verließ den Tisch. Seine Bestellung merkte ich mir nicht. Ich hörte, wie er sich auf der roten Sitzbank umwandte, um mir hinterherzusehen, doch ich ignorierte ihn. Rose war mittlerweile wieder da und musterte mich komisch, als ich zu ihr hinter den Tresen trat.

»Tust du mir einen Gefallen?«, fragte ich prompt, und Rose’ blaue Augen sahen fragend aus.

»Könntest du heute die Bestellungen bitte aufnehmen? Und gleich mit ihm anfangen? Bitte!« Es klang in meinen eigenen Ohren sehr verzweifelt. Vielleicht, weil ich mit jeder weiteren Begegnung nur noch mehr durchdrehte. Ich wollte einfach nur vergessen.

»Ich werde nicht fragen warum«, sagte sie und nahm mir den Block aus der Hand.

»Danke, du bist ein Schatz.«

»Das weiß ich doch, May.« Ich fing an, die Gläser ins Regal zu räumen. Erleichtert atmete ich auf, als sie sich auf den Weg zu seinem Tisch machte. Kurz danach kam sie wieder zurück und rief etwas durch das kleine Fenster zur Küche.

»Einmal Pancakes mit Ahornsirup und Speck. Ein getoasteter Toast und eine Extraportion.«

Was denn für eine verdammte Extraportion?

Kapitel5

Es war Speck gewesen. Mit der Extraportion meinte der Kerl Speck.

Noch immer gestresst von den vergangenen Tagen und deren teils verrückten Ereignissen, ließ ich die kühle Nachtluft dankbar über mein Gesicht streichen. Ich hob die Nase, um den Duft des klaren Abends in mich aufzunehmen. Ruhe legte sich über meine Gedanken. Ich bemerkte, wie sich meine Schultern nicht mehr so schwer wie bei der Arbeit anfühlten. Auf den Straßen war es erstaunlich still geworden, obwohl Chicago nur so von Menschen wimmelte. Das mochte ich fast am meisten daran. Es war jederzeit etwas los, und man hatte niemals das Gefühl, allein zu sein. Meine Gedanken konnten sich ausbreiten. Meine Finger fanden wie von selbst den Weg zu meinem Handgelenk. Die leuchtende Knospe war nicht mehr aufgetaucht, vielleicht hatte ich sie mir wegen all des Stresses nur eingebildet.

Ich ließ meinen Blick über die Straße schweifen, als ich einen Schatten bemerkte. Auf einen zweiten Blick war dort aber nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Ich ging weiter und ignorierte das komische Gefühl in meinem Bauch, das sich gegen meinen Willen sofort breitmachte. Das musste daran liegen, dass ich in den letzten Tagen nicht wirklich gute Erfahrungen mit einsamen Straßen gemacht hatte. Da ich mich gerade stetig von der Stadtmitte entfernte und nicht in dem Viertel unterwegs war, in dem die meisten Touristen zu finden waren, blieb es relativ still hier.

Dann sah ich den Schatten erneut. Dort war jemand. Die Person stand in der Dunkelheit der Bushaltestelle, aber ich konnte die Umrisse genauestens erkennen. Vielleicht wartete derjenige nur auf den Bus. Doch ich spürte sein Starren auf mir, und eine Gänsehaut breitete sich über meinen Rücken aus. Ungewollt ging ich schneller und bog direkt in die nächste Nebenstraße ein.

Als ich dort ankam, stieß ich den angehaltenen Atem aus und schloss kurz die Augen. Dann hörte ich Schritte hinter mir. Ich riss die Augen auf und drehte mich um. Doch ich sah niemanden.

Auf meiner Stirn hatte sich kalter Schweiß gebildet und meine Finger kribbelten vor Aufregung.

»Ein- und ausatmen«, sagte ich zu mir selbst, wobei meine Stimme so zittrig klang, dass ich realisierte, wie viel Angst darin mitschwang. Ich ging keinen Schritt weiter, als sich etwas hinter einem großen SUV bewegte. Wie angewurzelt stand ich dort, nicht fähig, mich aus meiner Starre zu lösen, geschweige denn einen Schritt nach vorn zu treten. Ich versuchte mich zu rühren, meine Finger zu bewegen, doch mein Körper war wie vereist. Nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Ob ich überhaupt atmete, wusste ich nicht. Eigentlich sollte ich rennen oder um Hilfe rufen. Wieso konnte ich mich nicht bewegen? Die Frustration über mich selbst lief durch meine Gliedmaßen, rüttelte die Angst fort und legte etwas anderes frei.

Die Wut.

Sie brodelte immer mehr, als ich endlich erkannte, wer auf mich zukam. Es war unfassbar!

»Verdammt, was machst du hier?«, rief ich und starrte den blonden Kerl mit dem blauen Wellensittich an.

»Obwohl ich versucht habe, nicht aufzufallen, hast du mich trotzdem entdeckt«, faselte er vor sich hin und musterte mich dabei aufmerksam. »Interessant«, fügte er noch hinzu und kratzte sich kurz am Kinn, was der Wellensittich mit einem hohen Geräusch kommentierte.

»Wieso verfolgst du mich?«, fragte ich. Meine Gedanken rasten. Also stalkte er mich doch.

»Das ist eine Sache, die ich gern in Ruhe mit dir bereden möchte. Würdest du mich begleiten, damit ich dir alles erklären kann?«

Kaum hatte er ausgesprochen, platzte ich.

»Ich«, dabei deutete ich mit meinem rot lackierten Finger auf meine Wenigkeit, »soll mit dir mitgehen«, mein Finger deutete nun auf ihn, »obwohl du mich wie ein Triebtäter verfolgst? Du kannst mir nicht sagen, dass du mich nicht stalkst!«

Er presste die Lippen zusammen, sodass sie zu einem harten Strich wurden.

»Wir sind hier draußen nicht sicher«, wich er meiner Frage aus und sah mich bittend an.

Schöne Augen konnte der Typ schon machen. Aber darauf hereinfallen würde ich nicht.

»Nein, nein und nochmals nein!« Damit drehte ich mich um und wollte davongehen, als seine Hand hervorschoss und er mich am Unterarm packte. In meinem Körper wurden Angst und Wut angefacht. Ich wirbelte herum und die angestaute Energie in mir brach aus, flutete meine Venen und ließ mich mächtig fühlen. Im nächsten Moment drehte ich meinen Arm um seinen eigenen, sodass er meinen loslassen musste, um keinen Bruch zu erleiden.

Woher kam das denn schon wieder? Und weshalb wusste ich, dass er sich sonst den Arm brechen würde?

Verwirrt blinzelte ich und runzelte die Stirn, während ich seinen und anschließend meinen Arm betrachtete.