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Drei Schicksale, ein Tresen, hundert Geschichten In Frank Goosens neuem Roman reisen wir durch die Lebensgeschichten von drei unkonventionellen Frauen und kehren dabei immer wieder an den Kneipentresen zurück, an dem sich die Schicksale kreuzen. Gewohnt urkomisch beschreibt der Autor ein langsam verschwindendes Biotop und erzählt voller Wärme eine große Geschichte. Die legendäre Kneipe Haus Himmelreich, eine der letzten ihrer Art im ganzen Ruhrgebiet, soll schließen – ein Jammer! Das nimmt der Erzähler zum Anlass, die finalen Stunden in der Kneipe zu verbringen: Bei seiner Recherche für einen Artikel begegnet er vielen skurrilen Stammgästen, die so einiges zu erzählen haben. Aber der wahre Geist der Kneipe ist die Wirtin Rita Urbaniak, die den ganzen Abend über gar nicht persönlich auftaucht und doch gehörig von sich reden macht: Sie betreibt das Haus Himmelreich schon seit den 1970ern, auch wenn sie eigentlich mal was ganz anderes machen wollte. Außerdem hat sie die Tochter ihrer Schwester Chris, die sich irgendwann in die weite Welt verabschiedet hat, aufgezogen. Aber wo bleibt Rita überhaupt? Sie darf doch das Finale nicht verpassen!
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2026
Frank Goosen
Roman
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Über Frank Goosen
Über dieses Buch
Inhaltsverzeichnis
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Frank Goosen veröffentlicht seit 2001 erfolgreiche Romane und Kurzgeschichten, darunter »Liegen lernen«, »Sommerfest«, »Sweet Dreams« oder zuletzt »Spiel ab!« Einige der Bücher wurden verfilmt oder für die Bühne adaptiert. Frank Goosen ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt nach wie vor in seiner Geburtsstadt Bochum.
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Die legendäre Kneipe Haus Himmelreich, eine der letzten ihrer Art im ganzen Ruhrgebiet, soll schließen – ein Jammer! Das nimmt der Erzähler zum Anlass, die finalen Stunden in der Kneipe zu verbringen: Bei seiner Recherche für einen Artikel begegnet er vielen skurrilen Stammgästen, die so einiges zu erzählen haben.
Aber der wahre Geist der Kneipe ist die Wirtin Rita Urbaniak, die den ganzen Abend über gar nicht persönlich auftaucht und doch gehörig von sich reden macht: Sie betreibt das Haus Himmelreich schon seit den 1970ern, auch wenn sie eigentlich mal was ganz anderes machen wollte. Außerdem hat sie die Tochter ihrer Schwester Chris, die sich irgendwann in die weite Welt verabschiedet hat, aufgezogen. Aber wo bleibt Rita überhaupt? Sie darf doch das Finale nicht verpassen!
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Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln
© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln
ISBN978-3-462-31416-8
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1 White Blues Woman
2 Boyfriend im Herrgottswinkel
3 Rotomat Regent 100
4 Fäuste voll Trost
5 Das Rennpferd des Aga Khan
6 Der Luftdruck im Sommer
7 Draußen nur Kännchen
8 Weißt du?
9 NSM Prestige 120 c
10 Zahlen und freundlich sein
11 Gottes Werkzeugkasten
12 Fromme Hunde
13 Wieso hat der Elvis keine Kinder?
14 Trinkhalle
15 Menetekel
16 Edda Seippels Mädchentraube
17 Probleme mit der Nasenscheidewand
18 Schröder
19 Vollmond
20 Ein bisschen viel
21 Französisches Frühstück
22 Nach dem Goldrausch
23 Zoppot oder: der Stein
24 In Flip-Flops nimmt dich keiner ernst
25 Möbel aus Pappe
26 Mister Jones oder: das Feeling
27 Hopper
28 Grüße an Lars
29 Schampus für alle
30 Achterdeck des Schiffs
Dank
Feinsahnig und weißstrahlend schwillt die Blume über den Rand der Tulpe und türmt sich zu einem kleinen Gebirge auf, erinnert wahlweise auch an Kumuluswolken an einem strahlend blauen Himmel. Hier aber spiegelt sich der Schaum nur im Chrom der Zapfanlage, dazu hängt der würzige Duft von Hopfen und Malz in der Luft, Hopfen und Malz, Gott erhalt’s, denke ich und finde, dass es absurd klingt, wenn man sagt oder denkt, dass eine Blume über eine Tulpe schwillt, aber das Glas heißt nun mal Pilstulpe und die Schaumkrone Blume, wobei sie in anderen Regionen auch Hut, Kappe, Häubchen oder Haube genannt wird, bildhafte Begriffe, die den kunsthaften Charakter des Zapfvorgangs betonen, denke ich weiter. Die stämmige Frau in der weißen Bluse hält ein weiteres Glas schräg unter den Auslauf und lässt das Bier hineinlaufen, und dann ein zweites, drittes, viertes und fünftes, ohne den Hahn zwischendurch zu schließen, eine Bewegung, die flüssig und selbstverständlich, ja nachgerade elegant wirkt, aus einem lockeren Arm kommend, der diese Kunst bereits unzählige Male zelebriert haben muss, und auch wenn ich schon oft gesehen habe, wie ein Bier gezapft wird, ist dieses Schauspiel hier wirklich bemerkenswert, und als sie das neunte Glas unter den scheinbar niemals versiegenden, goldenen Strom hält, sieht sie mich an und sagt: »Watt meinze, soll ich dafür Eintritt nehmen?«
Ich nicke in stummer Bewunderung, und sie gießt neun Klare ein, immer exakt bis zum roten Strich, alte Schule auch hierbei.
Drei Männer sehen mich an. Sie heißen der Lange, der Käpt’n und Willi Trommer, und sie sitzen hier schon immer, ihr Geburtstag ist der 23. April 1516, der Tag, an dem das Herzogtum Bayern jene Landesordnung erließ, die als das deutsche Reinheitsgebot in die Geschichte eingegangen ist.
»Vor Publikum ist die Gisela immer am besten«, meint der Lange, der nicht nur fast eins neunzig groß ist, sondern auch so heißt, also nicht Einsneunzig Groß, sondern Lange, Dieter Lange. Er trägt einen dezent mit einigen kleinen Flecken gesprenkelten Blaumann über einem olivfarbenen T‑Shirt, und seine sehr hohe Stirn wird bald eine vollgültige Glatze sein. Trotz seiner Länge hat er die meiste Zeit seines Berufslebens auf dem Boden zugebracht, er ist, behauptet er, der einzige Fliesenleger ohne kaputte Knie.
Gisela also. Im Kopf habe ich sie aber schon ganz anders getauft. Weil ich auch mit Ende fünfzig nur Blödsinn im Kopf habe und weil sie eine weiße Bluse trägt, nenne ich sie White Blues Woman. Mit meinem Humor bin ich manchmal sehr einsam.
Der Käpt’n macht eine kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger. »Gisi, mach doch mal was klar hier, der Neue gibt seine Einstandsrunde.«
Ach ja?
»Immer schön langsam mit die jungen Pferde«, brummt die White Blues Woman, »erstmal sind die hinten dran.«
Mittlerweile hat der Schaum in den Tulpen sich gesetzt, sie zapft nach und stellt die fertigen Kunstwerke auf ein rundes Tablett zu den Schnäpsen und trägt alles zum Hinterzimmer, öffnet die Schiebetür und schließt sie hinter sich, als sei der Serviervorgang ein zu schützendes Geheimnis.
Erst jetzt fällt mir die Musik auf, die die ganze Zeit im Hintergrund dudelt. Ich bin angetrunken genug, um mir einen etwas albernen Reim durch den Kopf gehen zu lassen: Natürlich läuft hier: WDR 4. Das vierte Programm des Westdeutschen Rundfunks hat früher ausschließlich Schlager gespielt. Das Motto war: Schönes bleibt. Mittlerweile hat man sich, der Demografie des Publikums gehorchend, dem Englischen geöffnet. Wir spielen die Achtziger und die größten Klassiker, von den Beatles und Queen bis Herbert Grönemeyer, heißt es nun. Gerade behauptet Albert Hammond, dass es in Südkalifornien niemals regne.
»Zahlen und freundlich sein heißt das hier«, sagt der Käpt’n, dessen Augen in glasigen Teichen schwimmen wie Gewebeproben in einer Petrischale. Sein massiger Oberkörper steckt in einem schwarzen Hemd mit umgeschlagenen Ärmeln, die oberen drei Knöpfe stehen offen und geben den Blick frei auf ein zartgliedriges Goldkettchen, das in einem ergrauten Wald aus Brusthaar ruht. Untenrum trägt er eine Jogginghose mit Tarnfleckmuster und grüne Crocs. Seine Stimme klingt wie Sand, der über eine Kartoffelreibe rieselt.
Gisela kommt aus dem Hinterzimmer zurück und sieht mich über die Zapfanlage hinweg an. »Also wie is getz, Junge?«
»Ja, klar, ich schmeiß ’ne Runde.«
Gisela nickt zufrieden. »Richtige Entscheidung. Herrengedeck oder Sparversion?«
»Na, hömma«, meldet sich der Käpt’n, bevor ich antworten kann. »Bei Einstand immer Gedeck. Der Bengel soll froh sein, dass wir nicht Stiefelsaufen machen.«
Ich nicke. »Gedeck muss sein.«
»Der Junge hat Kinderstube«, sagt Willi Trommer, während sich Gisela an die Arbeit beziehungsweise an die Kunst macht. Willi Trommer war mal Friseur und wirkt nicht so zerstört wie der Käpt’n. Er ist der Kleinste von den dreien und scheint eine Vorliebe für bunte Hemden mit floralem Muster zu haben.
»Du kommst mir irgendwie bekannt vor«, sagt der Lange.
»Ich wüsste nicht, woher.«
»Hast du nicht mal was mit der Verena gehabt?«
»Äh, nein.«
»Aber du hättest gerne was mit der Verena gehabt«, vermutet der Käpt’n.
»Das kann man so nicht sagen.«
Kann man wohl, denke ich, aber das geht hier niemanden was an.
Der Lange schlägt sich vor die hohe Stirn. »Du bist der Sohn vom Brücken-Werner!«
Brücken-Werner, das war der Spitzname meines Vaters, der als Elektriker im Ruf stand, alles überbrücken zu können.
»Mit deinem Vatta hatte ich paar Baustellen zusammen. Und ich hab bei euch das Badezimmer gemacht. Diese bescheuerten Spiegelfliesen!«
»Spiegelfliesen?«, wundert sich Willi Trommer.
Ich nicke. »Einmal rundherum. Da hatte man auf dem Klo immer das Gefühl, beobachtet zu werden.«
»Ich hab dich mal in der Zeitung gesehen, und da hab ich noch gedacht: Das ist doch der Sohn vom Brücken-Werner, der sich beim Scheißen immer selbst über die Schulter geguckt hat.«
»Die Verena hat dich abblitzen lassen, was?«, vermutet der Käpt’n.
Das geht hier aber mächtig hin und her, denke ich.
»Auch das würde ich so nicht …«
»Der wird rot!«, bemerkt der Lange.
»Ja, ja«, sagt die White Blues Woman und baut die Biere und Schnäpse vor uns auf. »Noch zwei Runden und dann isser blau.«
»Und wenn er kotzen muss, läuft er grün an«, sagt der Lange.
»Junge, wir kriegen dich hier durch die ganze Farbpalette«, sagt Willi Trommer.
Ich hebe meine Tulpe an, sage: »Na denn mal prost«, und will trinken, aber da schreit der Käpt’n: »Ey!«
Ich halte in der Bewegung inne, das Glas so dicht vor meinen Lippen, dass ich das Pilsener schon riechen kann.
»Hast du keine Manieren, du Flappmann?«
Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe, und wage nicht, mich zu bewegen.
»Lass ma«, sagt Willi Trommer freundlich. »Der ist Frischling, der hat noch Käseschmiere hinter seine Kellen. Aber auch für Neugeborene gilt: Vor dem Saufen muss geerdet werden.«
»Damit die Suppe nicht quer runtergeht«, sagt der Lange.
»Ansaufen ohne Erden bringt Unglück«, fügt der Käpt’n hinzu.
Willi Trommer hebt sein Glas ein paar Zentimeter an, setzt es mit einem dumpfen Fump kurz wieder ab und hebt es dann auf Gesichtshöhe. »So wird geerdet.«
Der Käpt’n brummt: »Wir sind doch hier nicht bei den Paselacken.«
Ich erde, dann trinken wir. Erst Bier, danach den Schnaps. Dann fragt Willi Trommer, was ich eigentlich hier mache, und ich erzähle ihm, dass ich einen Artikel schreiben soll über die letzten Tage dieser Kneipe.
Die Herrschaften zeigen sich überrascht.
»Wie jetzt, schreiben?«, fragt der Käpt’n.
»Kennst du nicht«, sagt der Lange. »Dafür muss man lesen können.«
»Hör mal«, sagt Willi Trommer, »an der Kneipe hängt so viel dran, so viele Geschichten. Und die Rita, die kriegst du ja praktisch nicht erzählt ohne die Chris. Also, Christa, aber das hat schon lange niemand mehr gesagt.«
»Die Schwester«, präzisiert der Lange.
»Da musst du ja zurück bis in den Kriech«, sagt der Käpt’n.
»Wegen dem Albert und der Edith«, präzisiert der Lange. »Ohne den Kriech wären die ja nie hier gelandet.«
Sie sagen Kriech, wie meine Omma.
»Die Rita«, sagt Willi Trommer, »die kannst du ja nicht verstehen ohne die Chris. Und die Verena nicht ohne die beiden.«
Der Käpt’n nickt. »Und den Kriech.«
»Ich wollte anfangen mit dem Tag, an dem die Rita die Kneipe übernommen hat. Die Verena meinte, das sei ein guter Anfang.«
Die drei anderen überlegen.
»Ja, ja«, sagt Willi Trommer dann, »da kann man natürlich anfangen, aber der Kriech und der Albert und die Edith und der Walter, die müssen da auch schon rein.«
»Ohne den Kriech wären die Edith und der Albert nicht hier gelandet«, sagt der Käpt’n.
»Das wissen wir doch schon«, stöhnt der Lange.
»Und wegen dem Walter hat die Rita überhaupt die Kneipe übernommen, obwohl sie das nicht wollte.«
»Und warum hat sie die dann so lange behalten?«, frage ich.
»Da musst du die Rita selber fragen«, sagt Willi Trommer.
»Das hat alles mit der Chris und der Verena zu tun«, sagt der Lange.
»Und mit dem Kriech«, sagt der Käpt’n schon wieder. »Alles, was passiert ist und was nicht passiert ist mit denen, hat mit dem Kriech zu tun.«
»Ich werde mit allen möglichen Leuten sprechen«, sage ich.
Gisela hat den Ellenbogen auf die Zapfanlage gestützt, sieht mich an und sagt: »Ich sag dir, ein Zeitungsartikel wird da nicht reichen.«
Kann sein, denke ich. Ist ja oft so: Der Redakteur will einen Artikel, aber das Leben einen Roman.
Am späten Vormittag des 3. Juli 1971 verlässt die Anfang des Jahres volljährig gewordene Rita Urbaniak die Mansarde, in der sie seit drei Jahren lebt, steigt drei Stockwerke hinunter und betritt die Gaststätte ihres Onkels und Ersatzvaters durch die Hintertür. Sie setzt sich an den Tresen, zündet sich eine Selbstgedrehte an, sieht sich um und denkt: Das alles gehört jetzt mir, was soll ich damit?
Seit den Dreißigern hat sich hier nichts geändert. Einmal im Jahr hat Walter die Wände gestrichen, aber die quadratischen Holztische, die einfachen braunen Stühle, der Tresen mit dem Handlauf aus schwarzem Bakelit und der metallenen Fußstütze, der Aufbau dahinter mit den Schnapsflaschen – all das ist jetzt ein knappes halbes Jahrhundert alt. Nur den Fernseher im Eck über dem Stammtisch, den gibt es erst seit letztem Jahr. In der Luft hängt der Geruch von Bier und Schnaps und Nikotin.
Ich mache das nicht lange, sagt sie sich. Ein, zwei Jahre, bis ich jemanden gefunden habe, der das hier in Walters Sinne weiterführt. Die Kneipe, das ganze Haus mit der Wirtswohnung und den Fremdenzimmern, die vor allem von Arbeitern auf Montage genutzt werden, und der Mansarde, die nun mal ihr Zuhause ist, jetzt gleich zu verkaufen, bringt sie nicht übers Herz, nach allem, was Walter für sie getan hat. Und auch sie selbst, wird ihr klar, kann sich von alledem jetzt noch nicht lösen, immerhin ist sie hier aufgewachsen, hat in der Kneipe laufen gelernt, am Stammtisch ihre Hausaufgaben gemacht, im Keller neben den Bierfässern ihren ersten Kuss bekommen und auf der Mansarde das verloren, was man so dämlich Unschuld nennt. Klar, eine Frau, die Sex hat, ist schuldig.
Auch die wenigen Erinnerungen an ihre Eltern hängen alle mit diesem Haus zusammen. Nein, sie kann hier nicht weg, noch nicht. Aber irgendwann. Bald. Kneipenwirtin zu sein, ist in ihrer Lebensplanung nicht vorgesehen.
Sie hat gerade ihren Zigarettenstummel im Aschenbecher ausgedrückt, als es an der Tür klopft. Sie sieht auf die Uhr. Halb zwölf, da kann es einer nicht abwarten. Sie schließt auf, und vor der Tür steht Harald, mit dem sie jetzt nun gar nicht gerechnet hat. Gestern auf der Beerdigung hat er sich gnadenlos volllaufen lassen, so dass sie ihn nach Hause und ins Bett bringen musste, dabei hätte er eigentlich ihr Beistand sein müssen an diesem schweren Tag, sie hätte jedes Recht gehabt, sich die Lichter auszuschießen, stattdessen hat sie sich um ihren stammelnden, sabbernden, jammernden Boyfriend kümmern müssen. Sie half ihm die Treppe hinauf, schubste ihn auf sein Bett und starrte ihn ein paar Minuten an und ging allein nach Hause. Auf der Mansarde weinte sie dann ein bisschen, bis sie sich vor ihrem eigenen Selbstmitleid ekelte und einschlief.
Harald riecht wie ein Labor, in dem völlig neue alkoholische Mixturen ausprobiert werden. Er trägt dieselbe Jeansjacke wie gestern, aber darunter immerhin ein mehr oder weniger frisches T-Shirt.
»Guten Morgen, Schöne!«
Innerlich schließt sie kurz die Augen. Er hat recht, aber wenn er es sagt, ist es nichts wert, findet sie mittlerweile.
Harald drückt ihr einen Kuss auf den Mund, was in Anbetracht seiner säuerlichen Fahne den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt.
»Mann, ich habe Durst, sage ich dir!«
Er geht hinter die Theke, obwohl er da nichts zu suchen hat, und stellt enttäuscht fest, dass die Zapfanlage noch nicht in Betrieb ist.
»Ich dachte, du willst wieder aufmachen.«
»Heute Abend, Harald.«
Er durchquert den Raum, lässt sich auf einen der Stühle am Stammtisch fallen und zeigt auf den Fernseher, der darüber in der Ecke auf einem extrastarken Brett steht, das Walter dreieckig zugeschnitten hat. »Ist das nicht irre?«
»Was denn, Harald?«
»Bei uns steht ein Fernseher, wo sie in Bayern den Herrgottswinkel haben.«
Rita setzt sich wieder an den Tresen und dreht sich noch eine.
»Television«, sagt er und spricht es deutsch aus, »der neue Gott. Auch nur Opium fürs Volk.«
»Ja, klar, Harald, du weißt Bescheid.«
Sie hatte ihn an der Uni kennengelernt in einem Seminar über die Grundlagen des Marxismus. Dass Harald nichts davon begreift, fiel ihr erst auf, als sie sich nach ein paar Monaten fragte, ob hinter der gut gebauten Fassade auch etwas steckt, mit dem man sich nicht nur unterhalten, sondern auch reden kann. Mittlerweile muss sie die Frage verneinen.
Er streicht sich die langen, in der Mitte gescheitelten Haare hinter die Ohren, streckt die Beine aus und seufzt. »Ich fürchte, ich habe eine schlimme Lederallergie.«
Rita pickt sich ein bisschen Tabak von der Zunge. »Wie kommst du darauf?«
Er zeigt auf seine Füße. »Ich bin in meinen Stiefeln aufgewacht und hatte tierische Kopfschmerzen.«
Immer dieses Zeigen, denkt Rita, leckt das Blättchen an und rollt die Zigarette zu Ende. Auf den Fernseher, auf seine Füße, jetzt auf seinen Kopf. Und dann dieses Lachen. Sie beneidet ihn fast darum, dass er von sich selbst so begeistert sein kann.
»Jetzt mal Tacheles«, sagt er und schaltet in den Ernsthaft-Modus. Er sitzt sehr breitbeinig da. Seine Jeans ist sehr eng, denn Harald ist stolz auf seinen Schwanz. »Wann verkaufst du den Bums hier?«
Feuerzeug nehmen, Zichte anzünden, tief inhalieren, ausatmen.
»Harald?«
»Ja, Schöne?«
»Verpiss dich.«
Noch während die Tür zufällt, vergisst sie ihn. Erst sechs Jahre später wird Rita ihn wiedersehen.
Sie raucht weiter und denkt: Walter ist Wirt mit Leib und Seele gewesen, der hat es geliebt, hinterm Tresen zu stehen und jeden Tag mit den Leuten hier zu quatschen. War der jemals im Urlaub? Nee, der hat geackert und die Chris und mich großgezogen, obwohl wir nicht seine eigenen Kinder waren. Ich kann die Bude hier nicht an den Nächstbesten verhökern.
Sie hört Schritte auf der Treppe, dann die Tür, die aus dem Treppenhaus in die Kneipe führt. Die Chris trägt ein T-Shirt mit einer ausgestreckten Zunge drauf. Sonst hat sie nichts an. Der rote Lack an ihren Zehennägeln blättert ab, ihre Haare stehen in alle Richtungen, sie blinzelt ins Licht. Sie kommt zum Stammtisch herübergeschlurft, setzt sich auf die Bank, greift nach Ritas Tabak und dreht sich eine.
Nach einer Weile sagt sie: »Wann willst du verkaufen?«
Rita drückt ihre Kippe aus. »Das hat der Harald vorhin auch gefragt.«
»Wer ist Harald?«
»Der Typ, mit dem du vor ein paar Tagen gevögelt hast. Mein Exfreund.«
»Ich wusste nicht, dass er dein Exfreund ist.«
»War er da auch noch nicht.«
»Verstehe.«
Rita möchte wütend sein, wütend, dass ihre ältere Schwester mit ihrem Freund geschlafen hat, wütend, weil sie sich so wenig Gedanken macht, was andere von ihr denken und welche Folgen ihr Tun und Lassen hat. Chris ist es völlig egal, ob Freiheit wirklich bedeutet, dass man nichts mehr zu verlieren hat, wie Janis Joplin singt.
Sie rauchen eine Zeit lang. Rita meint das Holz der Tische und des Tresens, die Mauern dieses Hauses, die den Krieg überstanden haben, und das Metall der Zapfanlage arbeiten zu hören, es ächzt und stöhnt und seufzt und atmet schwer.
»Hörst du das?«, fragt sie.
»Nee, was denn?«
Rita nickt. »Ich schmeiß das hier nicht einfach weg«, sagt sie. »Das kann ich dem Walter nicht antun. Ich suche jemanden, der das hier zu schätzen weiß. Ein Jahr, vielleicht zwei.«
Chris lacht kurz auf. »Ja, klar.«
Rita weiß, es hat keinen Sinn, ihrer Schwester zu erklären, warum sie das tut, also fragt sie sich, wie lange Chris diesmal bleiben wird. Denn seitdem sie vor ein paar Jahren abgehauen ist, war sie nur zwei- oder dreimal für wenige Tage hier. Diesmal nur wegen Walters Beerdigung, immerhin. Üblicherweise hält sie sich an Orten auf, an denen immer die Sonne scheint und die Zikaden in den Zypressen zirpen. Vorgestern ist sie angekommen, hat sich umgesehen und gesagt: »Man kriegt hier immer noch keine Luft.«
Als sie Kinder waren, hat Chris sich mit den Jungs geprügelt, ist auf jeden Baum und jedes einsturzgefährdete Dach geklettert, von Kanalbrücken gesprungen und auf Eisenbahnschienen balanciert, obwohl der Zug hinter ihr schon hektisch gepfiffen hat. Den Respekt der Jungs hat sie sich dadurch allerdings nicht erarbeitet. Die waren eher sauer, weil Chris mutiger war als sie selbst. So sollte kein Mädchen sein. Jungs können es nicht ertragen, wenn Mädchen mutiger sind als sie. Sie fühlen sich dann klein. Wenn Jungs sich klein fühlen, versuchen sie, größer zu tun, als sie sind, und das geht dann oft nicht gut aus für die Mädchen.
Rita tastet in der Hosentasche nach einem Stein, den sie seit zwölf Jahren bei sich trägt. Das Ding ist rau und scharfkantig, und wenn sie es besonders fest umschließt, hat sie hinterher kleine Abdrücke in der Handfläche. Sie drückt die Kippe im Aschenbecher aus und schaltet das Radio hinterm Tresen ein. In Paris ist Jim Morrison gestorben.
»Na, was drin ist, muss raus, oder?«
Es war ein Fehler, sich an eines der Urinale zu stellen, anstatt in die kleine Kabine zu gehen. Unmittelbar nachdem ich mich hier hingestellt habe, ist ein Mann eingetreten, der die ganze Zeit an einem der Tische saß, als hätte er nur darauf gewartet, irgendwem aufs Herrenklo folgen zu können. Er stellt sich neben mich und macht sofort klar, dass er mit Publikum beim Wasserlassen kein Problem hat.
Ich starre die gelben Kacheln vor mir an. Ich blicke zur Seite auf den weißen Kondomautomaten mit vier Schächten, über dessen Schubladen hinter durchsichtigem Kunststoff die Etiketten der angebotenen Waren zu sehen sind. Mein Blick schweift weiter auf den ziegelrot und mörtelfarben gefliesten Boden, und ich frage mich, ob der Lange hier verlegt hat, aber wahrscheinlich sind die Fliesen tatsächlich noch älter. Es sei denn, die drei Strategen waren wirklich früher hier als die Kneipe.
Ich gebe auf, ziehe meinen Reißverschluss hoch und stelle mich ans Waschbecken.
»Gibt nur kaltes«, ruft der Mann.
Auf dem Waschbecken steht ein Spender mit Flüssigseife aus dem Supermarkt. Ich wasche mir die Hände und registriere einen von der Seife ausgehenden Blumenduft, der sich redlich, aber vergebens bemüht, gegen den Geruch der Klosteine anzukämpfen, die großzügig in den Urinalen deponiert sind.
»Kommt nicht mehr so viel«, informiert mich der andere. »Prostata, weisse?«
Ich ziehe zwei grobe Papierhandtücher aus dem Metallkasten an der Wand, trockne meine Hände und werfe die Tücher in eine hohe, schmale Metalltonne ohne Deckel.
Ich will schon rausgehen, da sagt der Mann: »Ich bin der Dieter.«
Er wäscht sich die Hände und nimmt dabei besonders viel Seife. »Riecht gut, was? Aber die Pinkelsteine gewinnen immer.«
Ich muss lachen.
»Du bist doch der mit den Büchern, oder?«
»Einer von denen.«
»Schreib mal was über den Laden hier.«
»Genau das habe ich vor.«
Dieter nickt. »Dann komm mal mit, ich will dir was zeigen.«
Ich folge Dieter vorbei an der Tür zur Damentoilette durch den schmalen Gang Richtung Schankraum und hinüber zu der Säule, die mitten im Raum steht und offenbar statischen Zwecken dient. Dieter zeigt auf den Spielautomaten, der hier hängt.
»Der Rotomat Regent 100«, sagt Dieter. »Ein schönes Stück, nicht wahr?«
Ich nicke und sehe mir das Ding genau an. Ohne so einen Automaten ist eine Kneipe wie diese nicht denkbar, das ist mir schon klar. Fünf Walzen hinter Glas, angeordnet wie die Fünfer-Seite eines Würfels, oben das Profil eines Königs, wie die Rückseite einer Münze. Über die rote Abdeckscheibe sind Symbole und Textzeilen verteilt, zum Beispiel DM 2,– und SUPER-SPIELE, BEI VERSAGEN KNOPF DRÜCKEN oder ACHTUNG! EINWURF NUR FÜR DM 2.00, DM 5.00. Außerdem sind die entsprechenden Münzen auch noch abgebildet, wahrscheinlich für Leute, die nicht lesen können oder der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Weiter unten sind zwei farbige Zahlenreihen, von 1 bis 10 und 11 bis 20, die Ziffern alle weiß, aber unterschiedlich grundiert, mal blau, mal grün, mal rot oder orangefarben.
»Der Rotomat Regent 100 kam 1974 auf den Markt«, informiert Dieter mich. »War der erste der Firma Wulff, an dem man 100 Sonderspiele und mehr gewinnen konnte.«
Ich nicke. »So eine Art Mercedes unter den Spielautomaten also.«
Dieter lacht. »Mercedes! Der war gut! Nein, aber auch wenn es sich beim Regent 100 um ein 20-Pfennig-Gerät handelt, kann eine Serie mit Verlängerung bis 20 im Tableau in Verbindung mit den Stopp-Serien selbst ohne Einstieg in die 50er- oder 100er-Serie einen Gewinn im dreistelligen Bereich bringen.«
Ich verstehe kein Wort.
»Ich hab die Dinger früher aufgestellt. Und später auf Euro umgerüstet. Du kannst den noch spielen.«
Ich begreife das als Aufforderung und fische einen Euro aus der Münztasche meiner Five-Pocket-Jeans.
»Nee, Junge, zwei Euro müssen das schon sein. Wir sind doch nicht bei arme Leute, oder?«
Ich lasse ein Zwei-Euro-Stück in den Münzeinwurf gleiten, aber nichts passiert.
Dieter seufzt und zeigt rechts unten auf einen roten Schalter. Darüber steht START und STOP. Ich drücke drauf, der Regent erwacht zum Leben. Es lebe der König, denke ich. Die Walzen drehen sich, es blinkt und piept allenthalben. Dann stehen die Walzen wieder still. Ich starte ein neues Spiel. Plötzlich legt Dieter eine Hand auf das Sichtfenster der mittleren Walze und murmelt: »Manchmal hilft das.«
Das Spiel endet wieder unspektakulär.
Dieter schiebt mich zur Seite. »Lass mich mal.« Er stellt sich breitbeinig vor das Gerät, drückt auf START und ein paar Sekunden später mehrmals kurz hintereinander auf STOP. Der rote Schalter blinkt, sonst passiert wieder nichts.
»Mist!«, zischt Dieter, legt beim nächsten Spiel seine Hände an die seitlichen Schutzbleche und streichelt das Gehäuse. Er kommt mir ein bisschen vor wie der blinde und taubstumme Tommy in der gleichnamigen Rockoper von The Who, der Pinball Wizzard, aber über den heißt es ja in dem Song, dass er immer ein Freispiel bekomme, und das scheint bei Dieter nicht der Fall zu sein.
Als meine zwei Euro abgespielt sind, sagt er: »Der König will heute nicht.«
Er setzt sich wieder an seinen Tisch. Ich kehre zurück zum Tresen.
Seit einer Stunde warte ich jetzt. Wahrscheinlich hat Verena 19:00 Uhr gemeint, und ich habe mir 18:00 Uhr notiert, weil ich mich mittlerweile gern früher verabrede, um auch früher zu Hause zu sein.
Die Schiebetür zum Hinterzimmer geht auf, eine Frau in einem Jeanskleid hält die Türen auseinander, als sei sie als weibliche Jesus-Karikatur an den Flügeln festgenagelt, und ich denke: Jeanskleid, lange nicht gesehen, und sind das Clogs an ihren Füßen, diese groben Dinger, die in den Siebzigern modern waren? Die Frau ruft: »Gisi, eine letzte Runde, dann ist es aber auch gut!« Sie zieht die Tür etwas zu schwungvoll wieder zusammen, die beiden Enden krachen zusammen und federn leicht zurück, so dass ein schmaler Spalt offen bleibt, durch den Gerede und Gelächter dringen.
»Die sind ja schon gut drauf«, sage ich. »Dabei ist es gerade mal sieben.«
»Ist ’ne Beerdigung«, sagt Gisela und beginnt ihre Zapfperformance. »Die bechern schon seit drei Uhr.«
»Der Verstorbene scheint beliebt gewesen zu sein.«
»Der Günther war zirka zweihundert Jahre Vorsitzender vom Ortsverein«, brummt der Lange.
Umständlich rutscht der Käpt’n vom Hocker. »Ich geh mal dem kleinen Mann die große Welt zeigen. Obwohl, bei mir isses ja eigentlich umgekehrt.«
Gisela grinst. »Der kleine Mann zeigt dir die große Welt?«
»Hä, was? Nein, die Welt ist klein, vor allem dadrinne, und der Mann …«
»Hör auf«, sagt Willi Trommer, »da liegt kein Segen drauf.«
Der Lange nickt. »Auf dem sein Ding liegt ein Fluch. Frag mal seine Alte.«
Ich sehe der Tarnfleckhose und den Crocs nach, wie sie den Käpt’n zum Klo bringen. Crocs und Clogs sind sich phonetisch so ähnlich, es liegen aber Jahrzehnte dazwischen, und wo Clogs immer was Organisches hatten, bieten Crocs heute nur noch seelenloses Gummi.
»Der Günther«, setzt Willi Trommer noch mal an, »der war Ortsvereinsvorsitzender von der SPD. Früher hat sich dahinten immer nur der Vorstand getroffen, heute passt da der ganze Ortsverein rein.«
»Wahrscheinlich fangen die gleich auch noch an zu singen«, vermutet der Lange. »Am Ende singen die immer.«
»Was singen die denn?«, will ich wissen.
»Immer die alten Hits«, sagt der Lange.
»Oldies but Goldies«, fügt Willi Trommer hinzu.
»Lieder von Sehnsucht und Fernweh?«, frage ich.
»Klassenkampf!«, ruft Dieter von seinem Tisch herüber. Der ist also auch noch da.
Das Gerede über Musik bringt mich dazu, mal wieder darauf zu achten, was gerade im Hintergrund läuft. Wind of Change. Manchmal hat man einfach Pech. Also beobachte ich wieder Gisela, deren Fertigkeiten an der Zapfanlage für mich nichts an Faszination eingebüßt haben. Neun Fäuste voll Trost füllt sie da für die Trauergemeinde ab, achtzehn genauer gesagt, denn die klaren Schnäpse sind ja auch wieder dabei. Schließlich trägt sie das volle Tablett zum Hinterzimmer, schiebt die Türen mit dem Fuß auseinander und wird mit einem kollektiven Ausruf des Entzückens empfangen. Auf dem Rückweg schließt sie die Tür nicht so stürmisch und unvollständig wie die Frau im Jeanskleid vorhin, sondern ebenso sanft wie komplett, trotzdem hört man kurz darauf Gesang: »Wann wir schreiten Seit an Seit / und die alten Lieder singen / und die Wälder widerklingen / fühlen wir, es muss gelingen / Mit uns zieht die neue Zeit.«[1]
Die meinen es ernst, denke ich und erinnere mich an Partys in irgendwelchen WGs in den Achtzigern, wenn zu vorgerückter Stunde irgendjemand Hannes Wader auflegte, erst Heute hier, morgen dort, eine zeitlose Ode an das Fernweh und das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, später dann das Einheitsfrontlied, weil es so guttat, Gerechtigkeit und Gleichheit zu besingen, für die Geknechteten und Unterdrückten einzutreten, wenigstens für die Länge einer durchzechten Nacht. Auch den Partisanenschlager Bella Ciao haben wir damals draufgehabt, die ganz eifrigen sogar auf Italienisch, und was war es für eine Freude, den über den Netflix-Klopper Haus des Geldes an die nächsten Generationen weiterzugeben!
Als die Sozen im Hinterzimmer zum dritten Mal schmettern, dass mit ihnen die neue Zeit ziehe, kommt der Käpt’n zurückgeschlurft. Mit dem, denke ich, zieht gar nichts mehr, nicht mal die alte Zeit.
Mühevoll schiebt er sich wieder auf seinen Hocker und ruft: »Kär, Gisi, mach mal voran, mein Hals fühlt sich an wie Schmirgelpapier, 18er-Körnung, mit meiner Zunge kannst du Geländer abschleifen!«
»Was ist eigentlich mit der Rita?«, frage ich. »Kommt die heute auch noch runter?«
Gisela, Willi Trommer und der Lange sehen mich an. Der Käpt’n starrt gierig auf das Pils, das den Zustand seines Rachenraums beheben soll.
»Wohl nicht«, sagt Willi Trommer.
»Die ist weg, die Rita«, brummt der Käpt’n.
Ich bin verwirrt. »Wie weg?«
»Die hat wieder ihren Rappel gekriegt und ist abgehauen. Da weiß man nie, wie lange das dauert.«
»Aber morgen wird sie doch wieder da sein, oder? Morgen ist hier Zapfenstreich, Ende Gelände, Schicht im Schacht.«
»Vielleicht ist sie genau deshalb abgehauen«, sagt der Lange.
»Hat die über die Jahre immer wieder gemacht«, bestätigt Gisela. »Wir müssen alle mal raus.«
Sie stellt frische Biere vor uns hin, obwohl nur der Käpt’n bestellt hat.
»Ah!«, ruft dieser voller Begeisterung. »Gisela, du bist wie eine Mutter zu mir.«
»Wenn du mein Sohn wärst, hätte ich dich als Kind im Stadtpark ausgesetzt.«
Der Käpt’n trinkt und lässt sich einen Schaumschnäuzer stehen. »Dann hätte mich eine reiche Arztfamilie gefunden und aufgezogen. Wär vielleicht nicht verkehrt gewesen.«
»Du könntest jedenfalls medizinisches Personal in der Familie brauchen«, sagt der Lange.
Im Radio läuft jetzt California Dreaming. Im Hinterzimmer wird nicht mehr gesungen. Ich meine jemanden weinen zu hören. Kurz darauf gleitet die Schiebetür auseinander, und die Jeanskleidfrau kommt heraus. Sie wirkt, als trage sie eine schwere Last.
»Gisela, die Rechnung.«
Aus dem Hinterzimmer tröpfeln die Trauergäste. Ein Mann, dem Anschein nach hoch in den Achtzigern, weiße Haare, Anglerweste, orthopädische Schuhe, Brille mit Kassengestell, bleibt, auf einen Stock gestützt, neben dem Tresen stehen und sagt zu Willi Trommer und seinen zwei Kumpels: »Ihr hockt da wie die drei Affen.«
»Was für Affen?«, fragt der Lange.
»Nix sehen, nix hören, nix sagen. Aber saufen, das geht immer.«
»Mach mal halblang«, grunzt der Käpt’n. »Fanta habt ihr da auch nicht auf dem Deckel.«
Der Alte hebt den Stock. »Du weißt gar nichts, Jon Schnee!«
Ich bin begeistert. Ein Greis, der Game of Thrones zitiert!
»Habt ihr den Günther überhaupt gekannt?«
Ich erkenne keinen Zusammenhang.
Willi Trommer fragt: »Wo ist denn da der Zusammenhang?«
»Lass ma«, sagt der Käpt’n, »der Harry kommt nicht drüber weg, dass die Revolution auch diese Woche wieder ausfällt.«
»Geh kacken, Horst!«
»Hab ich zu Hause erledigt, Harry, und da muss jetzt renoviert werden. Hier lasse ich einfach nur ablaufen. Denn wer Liebe für das Größte hält, war noch nie nach zehn Bier pinkeln.«
»Verschon uns mit deinen Uralt-Sprüchen«, brummt Harry.
Die Frau im Jeanskleid legt Harry eine Hand auf die Schulter. »Komm, Papa, wir gehen. Haben die dich aufgeregt?«
Harry lacht kurz. »Da gehört mehr zu.«
Harry und seine Tochter verlassen den Ort des Geschehens, kündigen aber an, morgen zur großen Abschiedsfeier noch mal vorbeizuschauen.
»Der Harry«, erklärt mir Willi Trommer, »der fand das nicht gut, wie das mit seiner Partei gelaufen ist, als die erstmal wieder an der Macht war. Also nicht die letzten Jahre, sondern 98, als der Schröder drankam. Neue Mitte, Genosse der Bosse, Hartz IV, Kosovo-Krieg. Das hat dem Harry alles nicht gepasst. Aber er ist dabeigeblieben.«
»Der Harry kann sich an mehr erinnern, als wir vergessen haben im Leben«, sagt der Lange.
Eine Zeit lang schweigen wir. Der Rotomat Regent 100 macht ein paar Geräusche, als falle ihm auch nichts Substanzielles mehr ein. Im Radio läuft jetzt Juliane Werding. »Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst: ein Mädchen kann das nicht …«[2]
Und plötzlich fängt Gisela an mitzusingen: »Schau mir in die Augen, und dann schau in mein Gesicht.«
»Sie haben eine schöne Singstimme«, sage ich, weil es stimmt.
»Jetzt hör mal damit auf.«
»Das meine ich ehrlich.«
»Ich meine diese Siezerei. Wir sind doch hier nicht bei den Hohenzollern. Und dass ich singen kann, weiß ich selbst.«
In meiner Hosentasche vibriert mein Handy. Eine Nachricht von Verena. Sie verspätet sich. Ich soll schon mal Freundschaften schließen.
