Lübecker Rache - Henning Mützlitz - E-Book

Lübecker Rache E-Book

Henning Mützlitz

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Beschreibung

Lübeck 1377. Im Mühlenteich treibt die Leiche einer jungen Hure, wenig später wird ein zweites Freudenmädchen tot aufgefunden. Kaufmann Jacob Wallersen befürchtet, seine Geliebte Iken könnte das nächste Opfer sein. Gemeinsam mit der Waise Svanja versucht er, Licht in einen Strudel tödlicher Ereignisse zu bringen, der immer mehr Opfer fordert. Bald treten mächtige Gegenspieler auf den Plan, und Jacob erkennt, dass sein eigenes Schicksal davon abhängt, ob er die wahren Hintergründe aufdecken kann.

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Henning Mützlitz, geboren 1980, stammt aus dem nordhessischen Battenberg/Eder. Er studierte Politikwissenschaft in Marburg und ist seit einem Volontariat als freier Journalist und Schriftsteller tätig. Neben Veröffentlichungen in Tageszeitungen und Zeitschriften hat er verschiedene Romane und Sachbücher verfasst. Er lebt mit seiner Familie in Herzogenaurach bei Nürnberg.www.henning-muetzlitz.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Im Anhang befinden sich ein Glossar und ein Personenverzeichnis.

© 2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: mauritius images/Cristina Fumi/Alamy, photocase.de/CL., shutterstock.com/ilolab, shutterstock.com/leedsn Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Lektorat: Lothar Strüh eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-128-4 Historischer Kriminalroman Originalausgabe

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Rache trägt keine Frucht!

Sich selbst ist sie die fürchterliche Nahrung,

ihr Genuss ist Mord, und ihre Sättigung das Grausen.

Friedrich Schiller, »Wilhelm Tell«

PROLOG

Lübeck, 16. Lenzing im Jahr des Herrn 1377

Verstohlenheit zahlt sich aus!

Die Gedanken der Person, die sich aus der Mühle schlich, galten einzig den Münzen in ihrer Tasche. Pfennige, einige Scherf und sogar ein paar Witten beschwerten den Lederbeutel, den sie gut versteckt unter dem Gewand trug. Drüben schlugen die Glocken des Doms zur zwölften Stunde. Erst jetzt, zu mitternächtlicher Zeit, war ihr Tagwerk verrichtet. Während andere sich von früh bis spät den Buckel krumm schufteten und das Licht des Tages bis zum letzten Moment ausnutzten, schätzte ihre Profession das Dunkel der Nacht. Im Verborgenen offenbarte sich das Verlangen der Lübecker Einwohner nach mehr– nach mehr als dem demütigen Streben nach dem Wohlgefallen Gottes oder des Mammons, dem sich die meisten von ihnen verschrieben hatten. Neben dem allgegenwärtigen Alkohol, gleich ob billig oder edel, war sie eine der wenigen, die ihnen geben konnte, wonach sie sich wirklich sehnten.

Sie war eine Hure und noch dazu eine fleißige.

Ein Lächeln stahl sich auf ihre Züge, als sie den Mühlendamm hinter sich ließ und im Schatten der Stadtmauer in Richtung Mühlentor lief. Auf der anderen Seite spiegelte sich das Mondlicht im Wasser der Wakenitz, immer wieder von Wolkenfetzen beschattet. Der Fluss staute sich östlich der Lübecker Stadtinsel in Mühlen- und Krähenteich auf, bevor seine Wasser die niemals stillstehenden Schaufelräder der Mühlen am Damm passierten, um dahinter in die Trave zu münden.

Nicht mehr weit.

Die Hure wusste, dass man das Mühlentor nachts verschloss, doch es war beileibe nicht das erste Mal, dass sie zu später Stunde um Einlass bat. Die Müllersburschen am Damm verlangten regelmäßig nach ihren Diensten, und sie kam ihren Wünschen gerne nach. Sie waren verhältnismäßig höflich im Umgang, zudem halbwegs sauber. Ganz im Gegensatz zu den meist besoffenen Seeleuten an der Obertrave und in den Schenken der Gruben oben am Stadthügel, bei denen man sich Schläge oder –noch schlimmer– Krankheiten einfing, die diese mit den Koggen der Kaufleute aus ganz Nordeuropa nach Lübeck brachten.

Nein, sie ließ auf die Müller und ihre Gehilfen nichts kommen, besser als ihr erging es allenfalls manchen Kurtisanen der Ratsherren, aber mit denen wollte sich das einfache Mädchen vom Land nicht messen. Sie hatte es gut getroffen mit einem halben Dutzend Freier heute Abend, alle an einem Ort. Es gab schwierigere Arten, sich die nötigen Münzen zu verdienen. Gleichwohl war ihr bewusst, dass sie noch etwas zu entrichten hatte, denn auch die Stadtwachen am Tor waren einsam. Manchmal begnügten sie sich mit ein paar Pfennigen, zu anderen Zeiten ließ sich für die junge Frau unbezahlte Mehrarbeit nicht vermeiden.

Heute war es ihr einerlei, denn nichts konnte ihre gute Laune trüben.

Wieder dachte sie an den prall gefüllten Beutel. In Gedanken daran, was sie sich von dem kleinen Reichtum leisten konnte, bemerkte sie nicht, dass ihr ein Mann in den Weg trat. Erst im letzten Moment blieb sie stehen, sonst wäre sie geradewegs in ihn hineingelaufen. Er musste da aus dem Schatten der Mauer getreten sein, an der diese einen kleinen Knick beschritt. Dahinter befand sich der Dom mit den Kurien der Domherren, die man erst halb umrunden musste, um zum Mühlentor zu gelangen.

»Entschuldigung«, raunte sie dem Mann zu, dessen Gesicht sie nicht erkannte. Es lag im Schatten einer weiten Gugel, und der Mond stand ihm im Rücken, sodass sich lediglich die Konturen seines Körpers vor dem Himmel abzeichneten. Sie wollte weitergehen, doch er machte einen gezielten Schritt zur Seite, um sie daran zu hindern.

Irritiert blieb sie stehen. »Tut mir leid, Süßer, für heute bin ich fertig. Komm morgen Nachmittag zum Klingenberg, dann können wir uns sicher einigen.«

Statt einer Antwort packte er sie am Arm.

Ein schreckliches Gefühl stieg in ihr auf. Wollte er sich ihrer etwa mit Gewalt bedienen? Es wäre nicht das erste Mal, dass ihr so etwas passierte, aber das machte es nicht besser. Sie wollte schreien, doch kaum dass sie den Mund aufriss, presste sich seine andere Hand darauf.

Er will mein verdammtes Geld!

In den nächtlichen Schatten der Hansestadt trieben sich viele Menschen herum, die alles andere im Sinn hatten, als anderen zu ihrem Vergnügen zu verhelfen. Einbrecher, Diebe und Beutelschneider waren stets darauf aus, anderen das hart erarbeitete Auskommen zu entreißen, und brachten nichts als Unglück über Lübecks Bürger.

Der Verlust der heutigen Ausbeute trieb der Hure Tränen in die Augen. Doch als die Klinge in ihren Körper drang, wusste sie, dass nicht der Beutel mit den Münzen der Grund für die nächtliche Begegnung war.

Sie wand sich vor Schmerzen im Griff des Mannes. Dieser war unerbittlich, riss sie so brutal herum, dass er ihr beinahe den Arm ausrenkte. Sie versuchte, ihn in die Hand zu beißen, erwischte einen Finger, doch schon im nächsten Moment quetschte er ihre Backen zusammen und zwang ihren Oberkörper in die Beugung.

Wieder drang der Stahl in sie ein, diesmal weiter oben. Unvermittelt blieb ihr die Luft weg. Offenbar war die Lunge durchstochen. Ihre Beine gaben nach, und sie sackte zur Seite, doch er ließ ihren Arm nicht los.

Den dritten Stich spürte sie kaum noch.

Ein Stoß und sie stürzte nach vorne auf das Wasser des Mühlenteichs zu. Bevor sie aufschlug, schwanden ihr endgültig die Sinne.

Als sie starb, wurde der Mond von Wolken verdunkelt.

EIN KAUFMANN

Lübeck, 18. Lenzing im Jahr des Herrn 1377

»Margarethe wird keine Probleme machen, Herr Wallersen.«

Die Äbtissin hielt Jacobs schluchzende Schwester in den Armen. Sie standen im Kreuzgang des Johannisklosters, das sich im Osten der Stadt befand und sich hinunter bis zur Stadtmauer an der Wakenitz erstreckte.

»Das hoffe ich sehr, werte Frau Oberin«, erwiderte er. »Sie sollte es als Privileg auffassen, hier zu dienen. Ich danke Euch, dass Ihr uns diese Möglichkeit bietet.«

»Das Johannis-Jungfrauen-Kloster steht all jenen Seelen offen, deren Weg mit Steinen gepflastert ist, die sie nicht alleine beschreiten können. Wir nehmen ihnen die Last ab, sorgen dafür, dass sie nicht straucheln oder von ihm abkommen. Auch Eure Schwester werden wir auf den Pfad der Tugend zurückführen, sie mit Gottes Hilfe lenken und leiten, auf dass der Herr wieder Wohlgefallen an ihr finde.«

»Nicht weniger hatte ich im Sinn, als ich mich mit der Bitte an Euch wandte, sie hier aufzunehmen. All das Unglück, das im vergangenen Jahr über unsere Familie gekommen ist, hat sie tief in der Seele verletzt, sie beinahe zerbrochen. Sie wusste nicht mehr zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.«

»Selbst die Stärksten von uns verstehen es manchmal nicht, den Einflüsterungen des Teufels zu widerstehen, wenn sie von Gott geprüft werden. Aber auch dafür werden wir sorgen. Wir werden sie zurück ans Licht führen.« Die Äbtissin strich Margarethe zur Beruhigung über die Schulter. »Doch dazu ist harte Arbeit nötig. Arbeit, Disziplin und Gehorsam werden sie daran erinnern, wo ihr Platz im Leben ist.«

Jacob nickte. Er betrachtete seine Schwester, die wenig von der Arroganz an sich hatte, die ihr sonst eigen war. So klein und verletzlich sie gerade vor ihm stand, war sie ihm seit der Kindheit nicht mehr gegenübergetreten. Fast tat sie ihm leid, aber es brauchte nur einen winzigen Gedanken daran, wie sie ihn hintergangen hatte, um die Härte und Entschlossenheit aufrechtzuerhalten, die er schon seit Monaten ihr gegenüber an den Tag legte. Es kostete ihn nach wie vor viel Kraft.

Als sie seinen Blick erwiderte, drehte er rasch den Kopf weg.

»Dann darf ich davon ausgehen, dass alle Fragen geklärt sind?«, fragte er die Äbtissin.

Diese nickte.

»Die Zahlung habt Ihr erhalten. Möge der Herrgott dafür sorgen, dass sie nicht umsonst erfolgte.« Er blickte Margarethe an. »Darf ich noch einen Augenblick mit ihr sprechen, bevor ich sie Eurer Obhut übergebe?«

»Natürlich.« Die Äbtissin faltete die Hände, senkte den Kopf und zog sich in einen anderen Bereich des Kreuzgangs zurück.

»Du redest über mich, als wäre ich ein Kind oder vielmehr ein Stück Vieh, das es gewinnbringend zu verschachern gilt«, sagte Margarethe und blickte ihn aus tränenverschleierten Augen fest an. »Es ist nur eine weitere Abwicklung deines Geschäfts, wie du alle jene verschacherst und loswirst, die dir in die Quere kommen.«

Aus ihrer Stimme triefte die ganze Abneigung gegenüber Jacob, wie stets, seit er nach dem Tod von Vater und Bruder der Familie vorstand.

»Wir wollen nicht im Hass auseinandergehen«, erwiderte er dennoch. Er wollte nicht streiten, nicht erneut die Beherrschung verlieren, obgleich keine Vergebung möglich war. »Es hätte nicht so weit kommen müssen, und das weißt du. Wir haben beide unsere Entscheidungen getroffen. Der eine etwas bessere, die andere die schlechteren. Wir wollen es dabei bewenden lassen und im Frieden voneinander scheiden.«

Margarethe funkelte ihn böse an. »Mach dich nicht zum Heiligen, Jacob! Du bist ein noch größerer Heuchler, als der Vater es gewesen ist. Du hast mit Verbrechern gemeinsame Sache gemacht, es hinter dem Rücken deiner Ehefrau mit einer Hure getrieben, und nicht zuletzt hast du Gerhard in den Tod geschickt. Unser Bruder hat den Kopf für deine ›besseren Entscheidungen‹ hingehalten.«

Jacob ballte die Fäuste. Er wollte ihr etwas Wütendes entgegenschleudern oder, noch besser, sie bestrafen für ihre Frechheit, doch er beherrschte sich. Auch deshalb, weil ihm tief im Inneren eines bewusst war: Sie hatte recht.

»Meine Entscheidungen waren nicht immer richtig«, flüsterte er. »Aber sie dienten dazu, unsere Familie zu retten. Du hingegen hast den einfachsten Weg gewählt, nämlich den des Verrats. Du hast mich, hast die Familie wohlüberlegt und hinterlistig ans Messer geliefert, einzig und allein, um dein eigenes Wohl zu sichern. Des Teufels Wirken zeigt sich in vielerlei Dingen, doch mit dir hat er ein besonders perfides Spiel getrieben!«

Margarethe entgegnete nichts. Die Geschwister starrten sich nur mit zusammengekniffenen Augen an.

»Diese Frau«, sagte Margarethe irgendwann leise. »Sie wird dein Untergang sein, Jacob.«

Sofort wollte er ihr zornig widersprechen, ihr den Mund verbieten, doch ihr ruhiger Tonfall irritierte ihn. Diesmal lag kein Hass darin, nicht einmal die übliche Abneigung. Vielleicht das erste Mal, seit ihr Vater und ihre beiden Brüder einen gewaltsamen Tod gestorben waren, sprach sie in zugewandtem Ton mit ihm. Jacob hatte gar nicht bemerkt, dass er zu Boden blickte, fast verschämt, wie ein Kind, das bei etwas Verbotenem ertappt worden war. Als er den Kopf hob, traf ihn ihr Blick. Nicht mehr wütend, eher anklagend, fast traurig. Warnend.

»Du hast es selbst gesagt, Jacob. Der Teufel verbirgt sich in vielen Dingen. Sei auf der Hut und wappne deinen Geist gegen seine Einflüsterungen.« Was genau sie damit meinte, schien Margarethe nicht sagen zu wollen.

Jacob fühlte sich unwohl, er wollte dieses Gespräch nicht weiterführen.

»Nun geh, Schwester, und bete, dass Gott dich auf den rechten Weg zurückführt, wie es die Äbtissin erhofft. Ich bete ebenfalls dafür, dass er dich dein Fehlen erkennen lässt und du vielleicht irgendwann in Frieden mit ihm leben kannst.«

Ohne Margarethe noch einmal anzublicken, drehte sich Jacob um und verließ das Kloster.

Die warme Frühlingsluft strich dem jungen Kaufmann um die Nase, als er das Gebäude der Zisterzienserinnen verließ. Er trat auf die Johannisstraße und atmete tief durch. Allmählich fiel das Unbehagen von ihm ab. Es war, als sei eine zentnerschwere Last von seinen Schultern genommen worden. Wochenlang hatte er darum gerungen, was mit Margarethe geschehen sollte. Er hatte ihr kein Recht der Mitbestimmung über das eigene Schicksal eingeräumt, dafür war zu viel geschehen. Seine Schwester hatte ihn verraten, ihn schändlich hintergangen, ihn seinem Erzfeind ausgeliefert. Das konnte und wollte er nicht verzeihen. Vor allem wollte er künftig keinesfalls mehr unter einem Dach mit ihr leben.

Man holt sich keine Schlange unter die Bettdecke, die einen beißt, sobald man eingeschlafen ist.

Dennoch war es gar nicht so einfach gewesen, Margarethe irgendwo unterzubringen. Ihr Plan, den eigenen Bruder zu verraten, hatte sich in den besseren Häusern der Stadt herumgesprochen. Jacobs Vorhaben, sie mit dem nichtsnutzigen spätgeborenen Sohn eines Ratsherrn zu verheiraten, war damit zunichtegemacht worden. Einzig Ratsherr Darsow, ein alter Freund der Familie, hatte es in Erwägung gezogen, sie mit seinem jüngsten Sohn Dero zu verehelichen, doch Margarethe hatte ihn schon bei der ersten Begegnung einen »hässlichen Hurenbock« genannt und damit auch diese Möglichkeit vom Tisch gefegt.

Es blieb also nur das Kloster, doch da Margarethe ganz und gar nicht als gottesfürchtig galt und auch ihre Jungfernschaft von dem einen oder anderen zur Ehrbefleckung Jacobs ganz offen in Frage gestellt wurde, hatte es lange Gespräche mit der Äbtissin gebraucht, um Margarethe bei den Nonnen unterzubringen. Sie sollte zunächst eine Zeit lang in Lübeck in die grundlegenden Regeln des Klosterlebens eingeführt werden. Danach würde sie nach Mecklenburg gebracht, wo sie relativ abgeschieden in einem der Klosterdörfer der Zisterzienserinnen leben sollte, um in Einklang mit sich und Gott zu kommen. Jacob konnte sich keine bessere Lösung vorstellen. So wusste er sie in strenger Obhut außerhalb der Stadt, denn er rechnete noch immer damit, dass sie hinter seinem Rücken Pläne hegte, die nur zu seinem Schaden sein konnten. Es war unwahrscheinlich, dass sie aus eigener Kraft zur Einsicht gelangte und ihre Fehler bereute.

Während er den Stadthügel hinauf in Richtung von St.Marien lief, wanderten auch seine Gedanken. Mit der Übergabe von Margarethe war ein weiteres unrühmliches Kapitel beendet, ein weiterer Zopf des vergangenen Jahres abgeschnitten, der ihm Erleichterung brachte und ihn künftig ruhiger schlafen lassen würde.

Jacob tauchte in den Schatten der großen Hallenkirche ein, die durch die Spenden der Kaufleute errichtet worden war und selbst den Dom mit ihren Ausmaßen übertraf. Als Markt- und Ratskirche dominierte St.Marien nicht nur den sie umgebenden Hauptmarkt und das Rathaus mit seinen vergleichsweise winzigen Türmchen, sondern war selbst draußen auf dem Land von weit her zu sehen– als Sinnbild der Stadt Lübeck, des Hauptes der Hanse. Die hohen, mit ihren Turmhelmen spitz zulaufenden Doppeltürme verkörperten gleichermaßen Macht wie Anspruch der Lübecker Händlerschaft, sich in ihrem Streben keine Beschränkungen aufzuerlegen. Ihre gewaltige Backsteinfassade wirkte nicht nur auf diejenigen, die sie zum ersten Mal erblickten, höchst einschüchternd.

Jacob lief langsam am nördlichen Seitenschiff entlang, hatte jedoch heute keinen Blick dafür. Er war weiterhin in Gedanken über die Zukunft seiner Familie versunken. Dabei wäre ein Gebet, eine Zwiesprache mit dem Herrgott, vielleicht durchaus angebracht, denn er alleine wusste, was das angebrochene Jahr für die Familie Wallersen bereithielt. Bei dem Gedanken an »die Familie« verzog der junge Kaufmann betrübt das Gesicht. Aus wem bestand sie überhaupt noch? Vier ihrer Mitglieder waren im vergangenen Jahr gestorben, mit der Mutter, Margarethe und ihm lediglich drei übrig geblieben. Jacob zählte den alten Kontorverwalter Ludewijk zwar mit zu ihnen, allerdings nur im emotionalen Sinn.

Die Schwester war im Kloster, Jacobs Mutter eine gebrochene Frau, die sich im Winter ihres Lebens befand, und Jacob hatte seine Gattin Elisabeth an Gevatter Tod verloren, als er sie am meisten gebraucht hätte.

Man konnte es sich nicht schönreden: Den weitaus schlimmeren Fluch als die unheilvollen Allianzen, die der Vater mit der Unterwelt eingegangen war, stellte jener der Kinderlosigkeit seiner Nachgeborenen dar. Die Frau von Jacobs Bruder Hermann war gestorben, als sie den Stammhalter gebären sollte. Elisabeth hingegen war nicht in der Lage gewesen, Kinder von Jacob zu empfangen, und der junge Gerhard hatte nicht einmal geheiratet. Jetzt waren außer Jacob alle tot und hinterließen nichts als die Erinnerungen an die gemeinsamen Tage.

Umso heftiger wog es, dass auch Margarethe nicht zu verehelichen gewesen war. Sie war beileibe noch nicht zu alt, um Kinder zu bekommen, wenngleich die meisten ihrer Altersgenossinnen in den vergangenen sieben, acht Jahren niedergekommen waren und ihren Familien die Zukunft sicherten. Andererseits war es sicher auch besser, dass es vorerst kein von Margarethe erzogenes Familienoberhaupt geben würde.

Als Jacob aus dem Schatten der Marienkirche in die Morgensonne trat, blieb er abrupt stehen. Getroffen von einer Erkenntnis, der er sich lange verschlossen hatte, wenngleich sie auf der Hand lag. Es musste einen Neubeginn für die Wallersens geben, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, in Sachen der Redlichkeit gegenüber Handelspartnern und dem Herrgott. Auch die Familie benötigte frisches Blut. Kinderlachen sollte wieder die heimischen Hallen erfüllen, anstatt dass sich nur der alte Ludewijk gebückt durch die Diele des Giebelhauses an der Obertrave schleppte.

Allerdings musste er diesbezüglich besonnen vorgehen. Elisabeth war noch kein halbes Jahr tot. Solange nicht mindestens ein Jahr verstrichen war, durfte Jacob keine Anstrengungen unternehmen, nach einer neuen Ehefrau Ausschau zu halten. Alles andere würde ihn wieder in Verruf bringen, seine Demut gegenüber den Toten in Frage stellen und Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die ihn für einen moralisch verkommenen und gottlosen Gesellen hielten.

Auch sonst gab es Hindernisse auf dem Weg zu einem neuen Lebensbund. Jacob wusste, dass bei dieser Sache zwei Personen ein gehöriges Wort mitzureden gedachten. Zuvörderst seine Mutter, die den Gedanken sicherlich gutheißen, ihn darin bestärken und alsbald geeignete Kandidatinnen präsentieren würde. Allerdings würde ihre Einschätzung, wer eine gute Partie für ihn und die Familie darstellte, meilenweit von seiner entfernt sein.

Das größere Problem stellte aber zweifellos Iken dar. Die Magd war kurz vor dem Tod von Elisabeth in die Dienste der Wallersens getreten. Sie hatte Jacob bei der Bewältigung der Tragödien zur Seite gestanden wie keine zweite und ihm dabei geholfen, sich die skrupellosen Verbrecher rund um den Menschenhändler Gerlach Delfkoog vom Hals zu schaffen, die seine Familie bedroht hatten.

Doch Iken war viel mehr als eine Magd. Sie war seine Liebhaberin, seine geheime Affäre schon zu Zeiten, als Elisabeth noch gelebt hatte. Was ebenfalls niemand wusste: Iken war eine Hure gewesen, und Jacob hatte sie aufgesucht, weil sie durch ihre gottlose Profession über Verbindungen in die Unterwelt verfügte, die Jacob nützlich sein konnten. Sie würde es nicht gestatten, dass er erneut heiratete.

Sie wird es gutheißen müssen, dachte er, während er die Mengstraße hinunter in Richtung Hafen lief. Sie muss einfach verstehen, dass wir dem Untergang geweiht sind, wenn ich ohne Kinder bleibe.

Keine Frage: Er war abhängig von Iken und ihrer Bereitschaft, mit niemandem über ihre Affäre zu sprechen und über so manches, was sie sonst so über ihn wusste.

Es war ein beängstigendes, ein beklemmendes Gefühl, das er bislang verdrängt hatte. Irgendwann würde er sich dem stellen müssen.

***

Ein weiterer Neubeginn lag direkt vor Jacob, als er auf die Maste der Koggen und Kraier zulief, die an den Prähmen, den langen hölzernen Anlegeflößen auf der Trave, lagen. Dort befanden sich auch seine Schiffe, und es dauerte nicht lange, bis er die Kogge »Stolzer Jacob« entdeckte. Oben am Mast flatterte der Wimpel der Familie Wallersen mit dem zweigeteilten Wappenschild, auf dem der Lübecker Doppeladler im Verbund mit zwei Koggen zu sehen war.

Jacob lächelte, als er darauf zuging. Mit diesem Schiff fühlte er eine besondere Verbundenheit, nicht nur, weil sie seinen Namen trug. Die »Stolzer Jacob« war nach seinem Großvater benannt und befuhr seit Jahren die wichtigste Route für das Handelshaus Wallersen. Von Lübeck brachte sie Bier, Rohlinge aus Eisen und weiterverarbeitetes flandrisches Tuch nach Danzig. Von dort fuhr sie mit Erzeugnissen aus dem Hinterland hinauf nach Reval, wo sie wiederum wertvolle Pelze aus den Weiten der russischen Wälder aufnahm. Für diese kostbaren Waren wurden nicht nur in Lübeck, sondern im ganzen Reich Höchstpreise gezahlt.

Um diese für die Familie überlebenswichtige Strecke zu befahren, hatte Jacob eine der vertrauenswürdigsten Personen ausgewählt, die er kannte. Matthäus Gerwald hatte im vergangenen Jahr entscheidend dazu beigetragen, dass die Kogge ihren Weg nach Lübeck zurückfand. Ohne die Pelze aus Reval säße Jacob heute im Schuldturm, und die Reste des Hauses befänden sich im Besitz des raffgierigen Zygmunth Philpott.

Ebenjener Matthäus Gerwald stand gerade auf dem Oberdeck und prüfte das Steuerrad der Kogge, die unmittelbar davor war, auszulaufen. Sie lag tief im Wasser der Trave, ihr Bauch randvoll mit dem Besten gefüllt, was die Lübecker Schmiede und Braumeister in den vergangenen Monaten hergestellt hatten.

Es war wie jedes Jahr die wichtigste Fahrt für die Wallersens– und es war die erste von Matthäus Gerwald als Kapitän.

»Bitte an Bord kommen zu dürfen«, sagte Jacob lächelnd zu einem der Seemänner, die auf dem Deck damit beschäftigt waren, das Schiff zum Ablegen bereit zu machen.

»Natürlich, Herr Wallersen«, sagte der Seemann, der nach Jacobs Erinnerung auf den Namen Boldi hörte. Wie einige andere stammte er von Gotland und konnte sich in Lübeck nur mühevoll verständigen.

Auch Kapitän Gerwald entdeckte den Schiffseigner und kam rasch zu ihm heruntergelaufen. »Herr Wallersen! Schön, dass Ihr noch einmal vorbeischaut. Es ist fast alles bereit und dauert nicht mehr lang, bis wir ablegen.«

»Es gab hoffentlich keine Probleme?«

»Nein, alles gestaltet sich reibungslos. Ich bin guter Dinge, dass dies auch auf der Reise der Fall sein wird. Lasst mich ehrlich sein: Ich kann mich nicht erinnern, dass das Schiff in den letzten Jahren jemals in einem so guten Zustand gewesen ist.«

Jacob nickte. Auch bevor die Kogge im vergangenen Jahr durch den Angriff gotländischer Piraten Schaden genommen hatte, war sie keineswegs ein Schiff zum Vorzeigen gewesen. »Ja, das Geld, das die Lastadie für die Überholung genommen hat, war wahrlich gut angelegt.«

»Mir wird auch bei einem Sturm nicht bange, Herr Wallersen, glaubt mir. Der Rumpf wurde so aufwendig geflickt und kalfatert wie noch nie zuvor, Segel und Taue komplett erneuert, zudem haben wir mehr als genug Segeltuch an Bord, um jedweden Schaden auszubessern. Aber fast noch wichtiger: Endlich haben wir auch genügend Männer für solche Arbeiten.«

Der Gedanke an die Prisenzahlungen für die insgesamt sechzehn Mann an Bord der Kogge drückte Jacob nun doch auf den Magen. Tatsächlich war von den Gewinnen, die die »Jacob« im Jahr zuvor eingebracht hatte, nicht viel übrig geblieben. Dafür konnten sie jetzt auf eine eingespielte und verlässliche Mannschaft zählen und mussten das Schicksal von Schiff und Ware nicht wie früher einer Bande von Trunkenbolden überantworten.

»Und auch Piraten werden sich künftig zweimal überlegen, ob sie sich eine blutige Nase holen wollen«, fügte Gerwald hinzu. Er deutete auf die beiden mittschiffs angebrachten Bliden, katapultartige Schiffsgeschütze mit mittlerer Reichweite. Daneben waren an beiden Seiten ein halbes Dutzend Windenarmbrüste angebracht worden. Ein Arsenal an Speeren, Äxten und Entermessern sollte ihr Übriges dazu beitragen, um Enterversuchen einen Riegel vorzuschieben.

»Ich teile Euer gutes Gefühl«, sagte Jacob, während er die Waffen und Seeleute beobachtete, die mit fester Lederkleidung bekleidet waren. Auf der Brust prangte aufgestickt das Wappen der Wallersens. »Ihr transportiert unsere wichtigste Fracht, also sollte jede Mark guttun, um ihre sichere Beförderung zu gewährleisten.«

»Von Danzig fahren wir ohnehin im Konvoi mit Herrn Darsow, da sollte nichts passieren«, bestätigte der Kapitän. »Wie ich gehört habe, verfügt er bereits über einen schwer bewaffneten Holk. Ich bin gespannt darauf, dieses Schiff zu sehen.«

»Hoffentlich nur zur Abschreckung und nicht im Einsatz«, sagte Jacob. »Freundschaft hin oder her, Darsow lässt sich den Orlog gut bezahlen, aber das ist es mir wert. Lieber schmälere ich den Gewinn ein wenig, als den Verlust der kompletten Fracht zu riskieren.«

»Euer Wort in Gottes Ohr, schließlich hab ich dabei ja zum ersten Mal auch was zu verlieren.«

Als Kapitän war Gerwald am Ertrag der Fahrt beteiligt, wenngleich nur zum zehnten Teil. Er hatte Jacob zwar angeboten, darauf zu verzichten, doch der junge Kaufmann sah es als recht und billig an, sich gegenüber dem treu zur Familie stehenden Seemann mit den üblichen Beteiligungen erkenntlich zu zeigen.

»Dann hoffe ich, dass der heilige Nikolaus und der Herrgott ihr Auge auf Euch und das Schiff richten. Wir beten dafür, dass Ihr vor Martini in die Heimat zurückkehrt.«

»Natürlich, Herr Wallersen. Bis jetzt sind wir noch immer zurückgekommen.«

Die Männer schüttelten einander die Hände. Jacob warf auch den Seeleuten, die er persönlich kannte, aufmunternde Blicke zu, bevor er über die Prähme an Land zurückkehrte. Mit seinem letzten Blick hinüber zur »Stolzer Jacob« betete er im Stillen dafür, dass ihr eine Irrfahrt über die Baltische See wie im vergangenen Jahr erspart blieb.

***

Wenig später kehrte der junge Kaufmann nach Hause zurück. Das Giebelhaus der Wallersens lag an der Obertrave, nicht weit weg vom Holstentor, dem Hauptzugang von der Stadt zum Hafen. Als er die Stufen des Beischlags vor der Haustür emporstieg, war er weit ruhiger als bei seinem Aufbruch am Morgen. Er hatte das Gefühl, dass sich die Dinge allmählich fügten und seine Maßnahmen und Entscheidungen Früchte trugen. Er spürte bereits die Erleichterung, die damit einherging.

Es stimmt, was man sagt, dachte er. Ein paar Schritte an der frischen Luft klären den Geist.

Jacob betrachtete das neue Fenster, das sich rechts der Haustür in der Backsteinwand befand. Er hatte es vor dem Winter einsetzen lassen, und es symbolisierte die erfolgreiche Kehrtwende, die das Haus Wallersen vollzogen hatte. Als Jacob kurz vor dem Bankrott gestanden hatte, befand sich dort nur ein Bretterverschlag, der kaum den Wind abzuhalten vermochte. Der junge Kaufmann schüttelte den Kopf, ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Es kam ihm wie eine Ewigkeit her vor, dass er mit Ludewijk und seinem Bruder Gerhard nach einem feigen Anschlag auf das Kontor einen riesigen Haufen Exkremente aus der Dornse geschippt hatte.

Das neue Fenster im Steinrahmen eines gedrückten Spitzbogens enthielt farbliche Elemente als gestaltete Interpretation des Bußsakraments. Obwohl Jacob der Kirche nach dem Sündenablass bezüglich seines Ehebruchs keinerlei Geld mehr schuldete, hatte er es als seine Pflicht betrachtet, dem reinen Gewissen durch etwas für jedermann Sichtbares Ausdruck zu verleihen. Es sollte nicht nur die Bürger der Stadt daran erinnern, dass er für seine Verfehlungen Buße getan und geradegestanden hatte, soweit ihm dies in seinem irdischen Dasein möglich war, sondern auch ihn und seine Familie täglich gemahnen, dass sie beinahe dem tödlichen Wirbel aus Gewinnsucht, Maßlosigkeit und Lüge erlegen waren, in die sie der verstorbene Vater gebracht hatte. Moral und Anstand waren die Grundtugenden, denen sich die Familie und das Unternehmen vor allem anderen zu verschreiben hatte, dies hatte Jacob jedem von ihnen eingebläut, sowohl der Mutter als auch den Kapitänen der drei verbliebenen Koggen.

Was ein jeder von uns schließlich vor dem endgültigen göttlichen Gericht zu erwarten hat, möge er mit sich selbst ausmachen, dachte Jacob, als er das Haus betrat.

Im Flur gleich rechter Hand befand sich der Eingang der Dornse, die das Kontor des Handelshauses beherbergte. Deren Wiederherstellung, einschließlich des opulent ausgestalteten Fensters, war eine weitere kostspielige Unternehmung der vergangenen Monate gewesen. Das erwirtschaftete Geld war einzig in den Erhalt und die Stärkung des Unternehmens geflossen, nicht in Luxusgüter, die sich Margarethe oder die Mutter früher gerne gegönnt hatten. Mit Hilfe des Kontorverwalters Ludewijk hatten sie nunmehr Strukturen geschaffen, die das Unternehmen nicht noch einmal in eine so bedenkliche Schieflage manövrieren konnten wie zuvor. Drei Schiffe waren ihnen immerhin geblieben, sodass das Kerngeschäft der Familie fortgesetzt werden konnte. Es war schwierig genug gewesen, entsprechende Konzessionen wie diejenige in Reval zu erlangen, also durften sie um nichts in der Welt riskieren, die Beziehungen zu den Kaufleuten in weiter Ferne zu gefährden. Wenn die Koggen »Stolzer Jacob« und »Oldenbourg« ihre Fahrten erfolgreich abschlossen, war nicht nur das Überleben des Hauses gesichert, sondern im Herbst sogar eine Erweiterung der Geschäfte denkbar.

Aber Jacob wollte lieber nicht zu weit in die Zukunft blicken. Er war schon froh, wenn er die Fäden zu der unrühmlichen jüngeren Vergangenheit der Familie nach und nach durchtrennen konnte. Eine davon war das Schicksal seiner Schwester gewesen, das er an diesem Morgen besiegelt hatte. Bevor er aber erneut über diese untreue Seele brütete, wollte er sich lieber den Geschäften widmen. Doch vorher musste er unbedingt etwas zu sich nehmen. Sein Magen fühlte sich flau an, wenngleich er nicht wusste, ob dieses Gefühl tatsächlich vom Hunger herrührte.

Jacob betrat die Diele und sah die Magd Algrid, die gerade den Abzug des Ofens säuberte. Die etwas pummelige Frau diente der Familie, seit Jacob denken konnte, und obwohl sie oft missmutig gelaunt war, galt sie in der Familie als die gute Seele des Hauses.

Am Tisch hingegen saß die junge Svanja, die erst seit dem Herbst bei den Wallersens im Haus lebte. Auf dem Tisch vor ihr lag ein Kanten Brot und eine harte Wurst, und sie trank gerade aus einem Krug. Milch, wie Jacob an dem weißen Bart feststellte, als sie das Gefäß geleert hatte. In den wenigen Monaten, die sie in Lübeck lebte, war sie vom abgemagerten Straßenmädchen zu einer hübschen jungen Dame herangewachsen. Wobei das Wort »Dame« nicht wirklich zu der Waise passte, die ursprünglich aus der Region Semgallen an der Grenze zum Großfürstentum Litauen stammte. Sie war zwar als Tochter eines Gutsherrn aufgewachsen und gewissermaßen niederadliger Abstammung, konnte jedoch das Verhalten der Straße bislang nicht ablegen. Ihr mitunter ungehobeltes Verhalten sorgte nicht nur im Hause Wallersen regelmäßig für Irritationen. Jacobs Mutter war bereits nach kurzer Zeit dazu übergegangen, sie zu ignorieren.

»Bist du jetzt erst aufgestanden?«, fragte Jacob und klaute ihr die Wurst, was sie mit gerunzelter Stirn geschehen ließ.

»Nicht jetzt. Es ist schon eine Weile her«, gab sie schnippisch zurück.

Sie ahnte, was nun kam. Das war ihr deutlich anzumerken. Jacob schmunzelte innerlich, aber ohne Tadel wollte er das Mädchen nicht davonkommen lassen. »Heute wäre deine Lateinstunde gewesen, wenn ich mich recht erinnere. Warum hast du Meister Bechtold nicht aufgesucht, wie es mit ihm ausgemacht ist?«

»Der kann sich sein Latein in den Ar… sonst wohin stecken.«

»Es war nicht leicht, ihn davon zu überzeugen, einem Mädchen Unterricht zu geben, weißt du? Erst recht nicht einer geflüchteten Straßengöre, die keinen Benimm hat. Wenn es nach Leuten wie ihm ginge, gehörten Waisen wie du ins Kloster gesteckt. Es fällt auf mich zurück, wenn du ihn mit deinem Verhalten in dieser Meinung bestätigst.«

»Wenn ich nicht ins Kloster gehe, brauch ich auch kein Latein.«

»Aber wenn du in die Kirche gehst oder in der Bibel liest, Svanja. War das nicht der Hauptgrund, warum du es lernen wolltest?«

»Der Herr Jesus versteht mich auch ohne Latein.«

»Aber du verstehst das Wort Gottes nicht, wenn es gepredigt wird.«

»Seit wann braucht Gott eine so komplizierte Sprache, um zu uns zu sprechen? Wenn man wirklich an ihn glaubt, ist es egal, wo du herkommst oder was für eine Sprache du sprichst. Er findet dich.«

Jacob wusste nicht, was er antworten sollte. Er suchte nach den richtigen Worten, denn Svanjas Meinung entbehrte nicht einer gewissen Logik, hatte für ihn aber einen häretischen Beigeschmack. Er wollte lieber nicht weiter darauf herumreiten. »Jedenfalls kostet es mich Geld, das ich mir getrost sparen könnte. Ich bin dir dankbar für alles, was du für mich getan hast, aber auch die wenigen Schillinge würde ich lieber für etwas anderes ausgeben als für einen Lehrer, der vergeblich darauf wartet, dass du ihn mit deiner Anwesenheit beehrst.«

»Dann sag ihm, dass ich künftig nicht mehr komme.«

»Und dann? Was willst du stattdessen mit deiner Zeit anstellen? Ich glaube nicht, dass es förderlich für deine Zukunft ist, wenn du dich weiterhin in den Gassen herumtreibst.«

»Eigentlich bin ich ganz froh darum, mich etwas herumzutreiben«, erwiderte das Mädchen. »In den letzten Monaten war es zu kalt, aber jetzt habe ich endlich das Gefühl, zum ersten Mal seit Langem keinen Beschränkungen zu unterliegen, und kann die Stadt kennenlernen. Ich habe ein Dach über dem Kopf, genug Geld und keine Verpflichtungen.«

»Aber… du musst doch irgendetwas tun?« Jacob kam sich vor wie sein Vater, der noch vor wenigen Jahren ähnliche Gespräche mit ihm geführt hatte. Innerlich war es ihm peinlich, aber er konnte einfach nicht anders.

»Ich tue doch etwas. Auf der Straße lerne ich jeden Tag viel mehr als durch die drögen Vorträge alter Zausel. Außerdem hat er mir ohnehin die Hälfte der Zeit den Hintern versohlt, weil ich nicht aufgepasst habe.«

»So? Dann erhelle mich: Was lernt man denn, wenn man sich den halben Tag und die halbe Nacht herumtreibt? Ich glaube eher, dass man dir über kurz oder lang den Hals durchschneidet, wenn du weiterhin nach Einbruch der Dunkelheit durch die Gegend schleichst. Ich glaube, dir muss ich als Letzter erklären, was für ein Gesindel sich in den Schatten herumtreibt.« Jacob dachte mit Unbehagen an seinen Bruder Gerhard, den sein Umgang in den Kaschemmen der Beckergrube und anderer verrufener Gegenden das Leben gekostet hatte. Nein, verbesserte er sich, ich habe ihn zu den falschen Leuten geschickt, und dadurch ist er zu Tode gekommen. Er betete jeden Tag für Gerhard, denn noch immer plagte ihn sein Gewissen, weil er ihn bei den Nachforschungen zum Tod ihres Vaters und ihres ältesten Bruders in den Tod geschickt hatte.

»Zum Beispiel, dass man drüben am Klingenberg einen neuen Brunnen errichtet. Wusstest du, dass Ratsherr Travelmann sogar Ausrufer angestellt hat, um die große Neuigkeit zu verkünden? Er erwartet wohl, dass ihm die ganze Stadt zu Füßen liegt, weil er ein paar Münzen für eine Pfütze brackiges Wasser hat springen lassen.«

»Nein, das wusste ich nicht«, sagte Jacob. »Hat er es etwa auf ein Bürgermeisteramt abgesehen? Der Vater hat vor zwei Jahren ebenfalls einen Brunnen errichten lassen, ich glaube, bis heute weiß niemand, wer der Gönner war, dem die Mühlenstraße den besseren Zugang zum Wasser zu verdanken hat.«

»Vielleicht hätte er es einfach besser anpreisen müssen, dann würde man heute dir zu Füßen liegen.«

»Vielleicht…«, murmelte Jacob und spürte, wie seine Gedanken abschweiften. Mit Investitionen wie diesen waren die Schwierigkeiten des Familienunternehmens damals losgegangen.

»Ich wollte nicht…«, sagte Svanja. Sie musste bemerkt haben, dass er genauso betrübt dreinblickte, wie er sich in diesem Augenblick fühlte.

»Es ist schon gut.« Jacob versuchte zu lächeln, auch wenn es ihm mehr schlecht als recht gelang. »Was hast du denn noch so in Erfahrung gebracht?«

Svanja blinzelte verschwörerisch. »Ich glaube, nein ich bin mir sogar sicher, dass der Herr Pleskow seine Frau betrügt.«

»Tatsächlich?«

»Ja, ich habe ihn mit einer Dame, die ich nicht kannte, in der Kleinen Straße belauscht, als ich auf dem Weg zum Mühlendamm war. Wenn ich es richtig verstanden habe, haben sie sich zu einem Stelldichein verabredet, wenn die Gemahlin des Pleskow die Stadt verlässt.«

Jacob versuchte den Gedanken an sein eigenes Verhältnis während seiner Ehe zu verdrängen. »Das ist ja äußerst interessant. Ausgerechnet der Pleskow, einer der Bürgermeister der Stadt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein freundliches Wort von ihm gehört zu haben, wenn ich ihm begegnet bin. Angeblich hat er hinter dem Rücken des Herrn Rodenborch versucht, meine Begnadigung beim Rat anzufechten.«

»Warum?«

»Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich erhoffte er sich, etwas von den Überresten einzuheimsen, sollte ich endgültig bankrottgehen. Jedenfalls wäre es mir eine ganz besondere Freude, ihm dieses schäbige Vorgehen heimzuzahlen.« Jacob hielt einen Moment inne. Rachsucht war ihm eigentlich fremd, doch mittlerweile hatte er gelernt, wie das Spiel im Machtgefüge der Stadt funktionierte. Man konnte entweder mitspielen oder dabei draufgehen. »Und du weißt wirklich nicht, mit wem er sich dort getroffen hat? Sollte es sich um eine verheiratete Dame handeln, wäre das Wissen darum umso wertvoller.«

»Ein Ehrenduell vor den Mauern der Stadt? Das wäre Unterhaltung nach meinem Geschmack!«

»Ich weiß nicht, wie solche Sachen in Livland geregelt werden, aber das ist wohl eher etwas für die Edlen vom Lande. Nein, darauf wollte ich nicht hinaus, eher, dass dieses Wissen uns ein paar Möglichkeiten bieten könnte, um Einfluss auszuüben.«

»Wir reden also von Erpressung?«

»Natürlich nicht!«, entrüstete sich Jacob und wusste nicht, inwieweit es gespielt war. »Es geht mir eher um dezente Hinweise darauf, dass weiteres Opponieren gegen die Bestrebungen des Hauses Wallersen unter Umständen gewisse Heimlichkeiten ans Tageslicht befördern könnten.«

»Unter Umständen.«

»Unter Umständen, ganz recht.« Jacob schmunzelte. »Jedenfalls wäre es nicht von Nachteil, wenn du mehr darüber herausfändest.«

»Also ist meine Herumtreiberei doch nicht so nutzlos, wie der ehrenwerte Herr Wallersen angenommen hat.«

»Offenbar nicht. Es handelt sich ja hierbei auch nicht um Herumtreiben, sondern um… eine geschäftliche Tätigkeit für unser Kaufmannshaus.«

»Geschäftliche Tätigkeiten sollten entsprechend honoriert werden«, erwiderte Svanja und streckte die offene Hand aus.

»Du verstehst es aber wirklich, die Worte immer so zu drehen, dass für dich ein Gewinn dabei herausspringt!«

»Sollte das nicht die Kerntugend einer guten Geschäftsfrau sein?«

»Wahrscheinlich schon, ja. Aber wenn dein Ziel ist, Geschäftsfrau zu werden, solltest du außer Latein noch ganz andere Dinge lernen– zum Beispiel den Bischof davon zu überzeugen, dass auch Frauen auf diesem Gebiet tätig sein dürfen. Allerdings glaube ich nicht, dass die Welt schon bereit für eine Fernkauffrau Svanja Kristofson ist.«

»Stimmt, die Vertreter in den Kontoren müssen sich erst mal an den Kapitän Gerwald gewöhnen, der sie künftig regelmäßig heimsucht.«

Jacob lachte. So ganz hatte auch er sich noch nicht daran gewöhnt, dass der ehemalige Steuermann der »Stolzer Jacob« künftig Verhandlungen mit den Kaufleuten in Reval führen würde. »Ich bin gespannt und etwas nervös, wie er es bewerkstelligt. Vorhin habe ich die Mannschaft besucht, sie müssten bald auslaufen.«

Svanja sprang auf. »Was? Wieso hat mir das niemand gesagt? Ich habe mich noch gar nicht verabschiedet!«

»Ich glaube, es war seit zehn Tagen bekannt, wann Matt und Lidia aufbrechen«, gab Jacob zurück. »Wahrscheinlich hast du die Gespräche verschlafen, oder sie haben dich nicht interessiert.«

»Natürlich haben sie mich interessiert… Herr Jesus, meinst du, ich erwische sie noch?«

Jacob zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls solltest du dich beeilen. Vorhin wurden gerade die letzten Fässer geladen. Wenn sie vor der Dämmerung noch gute Fahrt machen wollen, müssen sie rasch aufbrechen, sonst verlieren sie ja fast den ganzen Tag. Sie sollten zumindest die Bucht heute noch erreichen.«

Das Mädchen rannte in eine Ecke der Diele und wühlte in einem Bündel Kleidung herum.

»Du weißt, dass du oben eine Truhe besitzt– die ist wahrscheinlich leer«, sagte Jacob.

Svanja zeigte ihm eine lange Nase. Dann fand sie, was sie gesucht hatte, und zog die Lederschuhe an, die sie erst vor wenigen Wochen hatte anfertigen lassen. »Wenn die schon weg sind, hau ich Matt eins auf die Backen, sobald er zurückkehrt«, murmelte sie und legte noch einen Gürtel an.

»Da musst du dich aber gedulden, denn vor dem Herbst sind sie sicher nicht wieder hier. Wer weiß, wie lange sie in Danzig auf die Waren aus Thorn warten müssen. Und welche Unwägbarkeiten der Handel in Reval mit sich bringt, muss ich dir ja nicht erklären.«

»Ja, ja, ja! Er kann sich trotzdem auf was gefasst machen.« Svanja rannte in den Flur, drehte sich aber noch einmal um. »Wartet nicht auf mich, es kann spät werden. Ihr seid also ungestört.« Das Mädchen zwinkerte und wartete nicht auf eine Reaktion von Jacob, sondern verschwand mit schnellen Schritten. Er hörte nur noch, wie sie die Haustür zuschlug.

***

Der Händler stand einen Augenblick lang etwas verdattert in der Diele. Svanja verstand es mit fast jeder Aussage, ihn an Dinge zu erinnern, über die er lieber einen Mantel des Schweigens breiten wollte. Er hatte nie mit ihr darüber geredet, aber ganz offensichtlich durchschaute sie, was ihn mit Iken verband, die ja erst wenige Tage länger als Svanja im Haus der Wallersens lebte.

Gerade als Jacob an seine Geliebte dachte, erschien diese auf der Treppe, in der Hand einen Korb mit Wäsche. Die hatte sie wohl von den Speicherböden geholt, wo sie Gewaschenes zum Trocknen aufhängten.

Sie lächelte, als sie die Stufen herunterstieg. Jacob vergaß sogleich alle schlechten Gedanken.

Die zweite Magd Algrid hingegen verzog wie meist das Gesicht, als sie Iken erblickte. »Was hast du so lange da oben gemacht?«, schimpfte die beleibte Frau. Ihre Arme waren rußgeschwärzt, und auch in dem von der Anstrengung gezeichneten Gesicht fanden sich dunkle Flecken. »Du hättest mir hier zur Hand gehen sollen. Stattdessen muss ich wieder alles allein machen.«

»Jetzt bin ich ja da«, sagte Iken beiläufig und ohne sie zu beachten.

»Ach! Ich bin hier längst fertig. Schau nur, wie ich aussehe!«

»Ich kann keinen Unterschied zu sonst feststellen«, gab Iken zurück.

Jacob sah, wie Algrid die Zornesröte ins Gesicht stieg. Er schritt ein, um die Situation zu beruhigen. »Lass gut sein, Algrid. Du hast dir eine Pause verdient. Warum wäschst du dich nicht und ruhst dich in deiner Kammer aus bis heute Abend?«

Die füllige Magd kniff die Augen zusammen und blickte von Iken zu Jacob. »Wie Ihr wünscht, Herr Wallersen. Ich hoffe nur, dass ich nicht wieder von vorn anfangen muss, wenn hier das Feuer für den Abendeintopf geschürt wurde.« Der mahnende Blick zu Iken verdeutlichte, was der jüngeren Magd dann blühte.

Dann verließ Algrid schnaufend die Diele.

»Ich weiß nicht, wie ihr es all die Jahre mit der ausgehalten habt«, sagte Iken.

»Bis du hierhergekommen bist, war sie eigentlich ganz umgänglich. Tu einfach das, was dir aufgetragen wird, und sie macht dir keine Probleme.«

Iken schüttelte den Kopf, wobei sich Strähnen ihrer braunen Haare lösten und ins Gesicht fielen. »Das wird nichts nützen. Sie konnte mich von Anfang an nicht leiden, Jacob, und das weißt du. Sie fürchtet um ihre Stellung, fürchtet, dass sie eines Tages überflüssig wird und auf der Straße sitzt.«

»Kannst du ihr das verdenken? Sie würde in der Gosse landen.«

Iken dachte nach. »Dort überlebt sie nicht lange. Einzig der Gang ins Kloster würde sie vor dem Verhungern oder einem schlimmeren Schicksal bewahren.«

»Ich kann wohl kaum jedes Weibsbild in diesem Haus ins Kloster schicken«, gab Jacob zurück. »Nein, Algrid mag spröde sein, aber sie ist wie ein Familienmitglied für mich.«

»Ja, du hast recht. Auf sie kannst du dich verlassen, und normalerweise täusche ich mich bei so etwas nicht. Sonst hätte sie uns schon längst verraten.«

Jacob sackte das Herz in die Hose. »Was? Meinst du, sie weiß von… uns?«

Iken kam lachend auf ihn zu und gab ihm einen Kuss. »Natürlich. Sie schläft in der Kammer nebenan. Oder, besser gesagt, sie kann wahrscheinlich oft nicht schlafen, wenn du mich besuchst.«

Jacob wurde rot.

»Jeder hier im Haus weiß es, Jacob.«

Verlegen blickte er an ihr vorbei und hielt sie fest. »Auch meine Mutter?«

Iken nickte.

»Ich weiß nicht, ob das gut ist. Es tut gut, zu wissen, dass Algrid und Svanja, Ludewijk, selbst meine Mutter nicht mit diesem Wissen hausieren gehen. Es brächte mich in Teufels Küche. Es würde mich in genau den Abgrund reißen, dem ich gerade erst entronnen bin.«

»Sei dir dessen immer bewusst, Jacob«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Aber solange ich bei dir bin, kann dir nichts geschehen.« Es klang beruhigend und gleichermaßen wie eine Drohung. Iken begann an seinem Ohrläppchen zu knabbern. »Die Dicke ist weg, und das Mädchen ist gegangen. Du weißt, dass sie lange unterwegs ist, bevor sie wiederkommt.« Sie blinzelte ihm verführerisch zu. »Das sollten wir nutzen.« Schon begann sie, sich aus dem hochgeschlossenen Kleid der Magd zu schälen.

»Iken, wir können nicht…«

»Wir können alles tun, was wir wollen, Jacob. Niemand hat die Möglichkeit oder gar das Recht, uns daran zu hindern.« Einen Augenblick später stand sie nackt vor ihm. »Vielleicht solltest du dich deiner Sachen ebenfalls entledigen, wenigstens der Beinkleider.«

Jacob zögerte.

»Ich warte.« Iken lehnte sich an den Esstisch und warf sich ins Hohlkreuz, als stünde sie für einen Bildhauer Modell.

Jacob entging nicht, dass die Knospen ihrer Brüste ihm steil und erwartungsvoll entgegenragten.

Iken war eine Göttin. Entstiegen dem Schlamm der Gosse, um ihn ins Licht zu führen.

Der junge Kaufmann warf die Schuhe in eine Ecke und riss sich die Hose herunter. Er wollte sie hier und jetzt. Auf dem Esstisch der Familie.

EINE WAISE

Lübeck, 18. Lenzing im Jahr des Herrn 1377

Svanja lief so schnell sie konnte. Sie hetzte an den Bauern und Mägden vorbei, die ihre Erzeugnisse hinunter vom Klingenberg fuhren, und biss sich vor Wut auf die Unterlippe.

Verdammt, wie konnte ich nur so vergesslich sein? Und warum hat Matt nichts gesagt?

Wie ein geölter Blitz schoss sie durch das Holstentor, vorbei an den gelangweilten Stadtwachen. Es war ihr egal, ob sie damit Aufsehen erregte, und sie hoffte, dass es für die Hellebardiere wichtigere Dinge gab, als einem vorbeihuschenden Mädchen außerhalb der Stadtmauer nachzustellen.

Svanja konnte diese Instinkte einfach nicht abschalten. Früher in Reval war sie täglich auf diese Art durch das Gewühl der Straßen gehuscht, meist, weil sie etwas ausgefressen hatte. Nie war sie erwischt worden, obwohl es Stadtwache, Ordensritter oder bestohlene Kaufleute oft genug versucht hatten. Allerdings erregte sie damals alleine schon durch ihre stinkenden Lumpen genug Aufmerksamkeit, um verdächtig zu wirken, selbst wenn sie gar nichts getan hatte. Hier in Lübeck war das anders. Sie trug Kleidung, die sie früher allenfalls bei den arroganten Söhnen und Töchtern von Adligen und Patriziern bestaunen konnte. Nun war sie selbst vermögend, und mit dem Geld und den Edelsteinen aus dem Fundus des Piraten Johan von Gotland war es ihr möglich, sich vieles zu kaufen, was für andere kaum vorstellbar war.

Vermeintlich von höherem Stand, dachte sie, als sie auf die Schiffe im Hafen zurannte. Sie beschleunigte ihre Schritte noch einmal, als sie erkannte, dass gerade die Vertäuung an der Prähme gelöst wurde, an der die »Stolzer Jacob« festmachte.

»Halt!«, rief Svanja und sprang mit einem Satz auf den Anlegekahn, der einem Feldhasen alle Ehre gemacht hätte. »Wartet!«

Ein grinsendes Gesicht blickte ihr vom Oberdeck entgegen. »Wusst ich’s doch. Du willst mitkommen!« Matt lachte. »Sehr gut, das bringt mir einen Doppelschilling von Janni ein.«

Svanja runzelte die Stirn. »Unsinn! Mich bringt so schnell nichts nach Reval zurück, da kannst du einen drauf lassen. Aber ihr könnt doch nicht einfach aufbrechen, ohne euch zu verabschieden!«

Gelächter war zu hören, diesmal von einer Frau. Schon erschien die rote Mähne von Lidia auf dem Deck. Matts Gefährtin strahlte sie an. Wie der neue Kapitän der Kogge trug auch sie die hochwertige Lederkleidung, die Jacob all seinen Seeleuten zur Verfügung gestellt hatte. Alleine dadurch würde man auch Lidia nicht aufgrund der äußeren Erscheinung abwiegeln.

»Sehr gut, Herzchen, die Münzen wandern jetzt in meine Tasche!«

»Verdammich, das Weib kostet mich noch den letzten Pfennig«, schimpfte Matt.

»Ihr seid unmöglich. Ihr wärt einfach so aufgebrochen, lasst mich hier zurück und wettet dann noch darauf, ob ich euch verzweifelt hinterherrenne? Vielleicht hätte ich lieber in die Lateinstunde gehen sollen.« Svanja war tatsächlich ein wenig enttäuscht, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. »Darf ich wenigstens kurz an Bord kommen, um euch zur Strafe eins auf die Backen zu geben?«

»Natürlich, Herzchen«, antwortete Lidia und begegnete ihr mit einem milden Blick. »Warte noch, Boldi.«

Der angesprochene Gotländer ließ das letzte Tau an seinem Platz und gab Svanja einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf, als sie an ihm vorbei auf die Planke lief, die hinauf aufs Deck führte.

Oben wurde sie sogleich von Lidia in die Arme geschlossen.

»Ich bin froh, dass du kommst«, sagte sie. »Willst du es dir nicht doch noch mal überlegen? Scheiß auf das Geld, mir ist lieber, wenn außer mir jemand mit ein bisschen Verstand auf dem Schiff ist. Monatelang mit diesen Idioten auf See zu verbringen– ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe.«

Svanja lachte. »Du hast doch Matt. Ich glaube, da wird dir nicht langweilig.«

»Der ist doch der größte Dummkopf von allen. Kapitän Gerwald. Der Herr Wallersen muss einen Anfall von Schwachsinn gehabt haben, als er auf diese Idee kam.«

»Das hab ich gehört!«, ertönte Matts Stimme aus dem Hintergrund. Er war die Stiegen vom Oberdeck heruntergekommen und stand hinter ihnen.

»Sieh es doch mal so: Ohne dich kann er keine zwei Schritte geradeaus laufen. Nur unter deiner Anleitung bringt er das Schiff nach Reval und zurück, mit allem, was dazugehört. Das macht eigentlich dich zur Kapitänin. Mehr kannst du dir doch nicht wünschen, oder?«

»Das ist auch wieder wahr.« Lidia blickte gespielt nachdenklich zur Stadtmauer hinüber, die den Lübecker Hafen von den Giebelhäusern der Kaufleute trennte. »Vielleicht war es doch keine so schlechte Entscheidung. Herr Wallersen weiß, dass Matt das tut, was ich sage, und er baut auf meine Weisheit, das Unternehmen zu einem guten Abschluss zu bringen.«

»Ich kann darin nichts Schwachsinniges erkennen«, bestätigte Svanja.

»Gott möge mir das vorschnelle Urteil vergeben«, sagte Lidia und sah ihr in die Augen. »Aber ganz im Ernst, ich werde dich vermissen, Herzchen.«

»Ich dich auch.«

Svanja musste sich beherrschen, um nicht loszuheulen, als sie Lidia, die in den vergangenen Monaten so etwas wie eine große Schwester für sie geworden war, noch einmal in die Arme schloss.

Das Gleiche wiederholte sie bei Matt.

»Du versprichst, dass du auf dich aufpasst«, sagte er. »Keine Finger in den Taschen reicher Leute, keine Kletterpartien über die Dächer. Und halt dich von zwielichtigen Gestalten fern!«

»Du meinst, von solchen wie dir?«

»Du weißt, was ich meine«, gab Matt zurück. Es schien ihm wichtig zu sein.

Svanja nickte und schluckte den Kloß im Hals hinunter. »Passt bitte auch auf euch auf.«

»Keine Sorge, wir haben unsere Aufseherin dabei«, sagte Matt und deutete auf Lidia. »Wir sehen uns im Herbst, so Gott will.«

»So Gott will«, bestätigte Svanja. Sie blickte Matt und Lidia noch einmal an und löste sich dann aus der Umarmung. Drei, vier Seeleuten, die sie von ihrer gemeinsamen Fahrt im vergangenen Jahr kannte, drückte sie zum Abschied die Hand, dann verließ sie die Kogge.

Von der Prähme aus beobachtete sie, wie Boldi die Planke hinauflief und das letzte Tau gelöst wurde, das er oben an der Reling fing und verstaute.

Mit Matt am Steuer drehte sich die »Stolzer Jacob« langsam in die Strömung der Trave. Lidia stand neben ihm und winkte, was Svanja erwiderte. Sie warf ihnen noch eine Kusshand zu, dann verschwand das voll beladene Handelsschiff langsam flussabwärts.

Svanja atmete tief durch. Es hatte sich doch die eine oder andere Träne auf ihre Wangen geschlichen, die sie nun rasch fortwischte. Sie blickte eine Weile aufs Wasser und wandte sich dann ab.

Ihre Freunde waren aufgebrochen, auf sie selbst hingegen wartete ihr erster Frühling in Lübeck.

Svanja hielt sich nicht mehr lange am Hansehafen auf. Sie wollte nicht den restlichen Tag darüber nachdenken, ob es die richtige Entscheidung war, zurückzubleiben, während Matt und Lidia über die Baltische See schipperten. Wer weiß, was sie diesmal alles erlebten, welche Abenteuer sie auf den Weiten zwischen Lübeck und Danzig und bis hinauf nach Reval erwarteten?

Beim Gedanken daran verspürte Svanja gleichermaßen Angst und Faszination. Vielleicht ging sie nächstes Jahr mit ihren Freunden auf große Fahrt. Im Moment konnte sie sich einfach nicht vorstellen, nach Reval zurückzukehren. Die Stadt des Deutschen Ordens, in der sie so viel Leid erfahren hatte und der sie letztlich nur durch eine glückliche Fügung entronnen war. Alles in allem hatte es der Herr Jesus am Ende nicht so schlecht mit ihr gemeint, überlegte sie, während sie am Traveufer in Richtung Süden lief.

Sie ließ das Holstentor hinter sich und schlenderte weiter am Binnenhafen entlang. Hier machten ungleich kleinere Schiffe fest als flussabwärts. Während die Fernkaufleute für ihre Unternehmungen vor allem auf die meerestauglichen und dickbäuchigen Koggen setzten, lagen hier kleinere Schiffe mit flachem Rumpf. Die Ewer mit ihren platten Böden und die behäbigen Schuten der Binnenhändler versorgten die Stadt vor allem mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus dem Hinterland.

Bei den Lehrstunden des alten Ludewijk hatte Svanja ungleich besser aufgepasst als im Lateinunterricht. Deshalb wusste sie, dass die Flussschiffe vor allem Getreide nach Lübeck brachten, von dem ein Gutteil zum Bierbrauen verwendet wurde.

Auch sie hatte sich inzwischen angewöhnt, ihren Durst vor allem mit Bier zu löschen, denn das brackige Wasser aus den städtischen Brunnen war oft ungenießbar und als Grund für Krankheiten aller Art verschrien.

Während linker Hand der Turm von St.Petri in der Vormittagssonne hinter ihr blieb, lag Svanjas Ziel hingegen südlich der Stadtinsel. Nachdem die Stadtmauer, dem Verlauf der Trave folgend, hier eine Biegung machte, kam neben den schon zuvor sichtbaren Doppeltürmen auch das Kirchenschiff des Lübecker Doms zum Vorschein. Mit seinen wuchtigen Türmen und den davon abgesetzten Turmhelmen, die für Svanja wie gigantische Dornen wirkten, bildete er den geistlichen Gegenpol zur Macht der Kaufleute an der Obertrave. Hier residierte der Bischof, und obwohl St.