Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
«Luzia Tokugawa, eine Frau will nach oben» Luzia Tokugawa ist die älteste Tochter eines japanischen Teehandelsunternehmens in Familienbesitz. Zum 150. Firmen-Jubiläum soll sie, im Rahmen der Unternehmensnachfolge, ihren Vater am Headquarter im schweizerischen Zug ablösen und das international tätige Franchisesystem managen. Ihr Vater hat sie lange dazu ermuntert, ist jetzt jedoch plötzlich gegen sie. Auch andere unbekannte Kräfte gibt es, die offensichtlich Female Leadership ablehnen. Luzia engagiert die Zuger Franchise-Detektive Loretta Lombardi und Lars Van de Velde um Sachverhalte aufzuklären und sie zu beschützen. In der Tat bekommen Loretta und Lars, unterstützt von ihrem multikulturellen Team, jede Menge zu tun. Spielorte sind diesmal: Ascona mit dem Monte Verità im Tessin sowie Zug, Luzern und Zürich.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
»Sag, Loretta, wird es niemals Frieden geben? Müssen sich alle Menschen immer gegenseitig bekämpfen?«
»Lars, ich weiß es nicht.«
»Eigentlich besteht die gesamte Menschheit doch aus einer einzigen großen Familie. Da müssten sich doch alle Familienmitglieder miteinander vertragen, sich lieben und in Harmonie leben können?«
»Glaubst du das wirklich, Lars? So, wie die Sache bisher gelaufen ist, das verspricht nichts Positives. Und letztendlich leben auch wir davon. Sonst wären wir nicht hier in London und hätten nicht diesen Detektiv-Kongress besucht.«
»Aber, es wäre schon schön, wenn alle Menschen sich akzeptieren und wertschätzen könnten. Welche Potenziale würden da für die Weiterentwicklung der Menschheit frei werden.«
»Lars, ich glaube, Wartehallen an Flughäfen bekommen dir nicht. Cheers, auf uns und die Detektei!« Loretta prostete Lars zu und nippte am Champagnerglas. Dabei ließ sie ihren Blick über die Menschenmenge schweifen, die sich gerade zum Onboarding am gegenüberliegenden Gate aufmachte.
»Wann geht nochmal unser Flug, Loretta?«
»Was sagt wohl meine neue Five-Sense-Watch dazu?« Loretta streckte Lars ihren linken Arm hin. Stolz betrachtete sie ihre neuste Errungenschaft, die sie während des International Detectives Meeting in London erworben hatte.
»In welcher Sprache und mit welcher Stimme hättest du gerne die Antwort?«, fragte sie Lars herausfordernd.
»Mit Moritas, auf Japanisch!« Prompt folgte die Ansage. Zur großen Verblüffung von Lars stimmte nicht nur die Uhrzeit, auch die Stimme von Morita war ziemlich gut getroffen und lebensecht wiedergegeben worden. Ein bisschen unheimlich war das schon, dachte Lars, behielt seine Bedenken aber für sich.
»Oh, das ist ja fantastisch. Darf ich mich neben Sie setzen?« Eine schlanke, gutaussehende Frau, mit mandelförmigen Augen, lächelte Loretta und Lars an.
»Aber sicher, gerne«, entgegnete Loretta und nahm ihre Jacke vom Barhocker zu ihrer Linken.
»Luzia Tokugawa«, stellte sich die junge Frau vor und nickte beiden zu.
»Sie haben mir damit gerade eine große Freude gemacht. Ich habe in der letzten Zeit, hier in London, nur englisch gesprochen. Japanisch ist meine Vatersprache. Muttersprache kann ich ja nicht sagen. Das wäre dann Schweizerdeutsch.«
Lächelnd bestellte sie sich ein Glas heißes Wasser.
»Loretta Lombardi und das ist mein Geschäftspartner Lars Van de Velde«, Loretta wies auf sich und Lars. »Das heißt, Sie fliegen auch nach Zürich?«
Sie nickte. »Dort werde ich bereits von meinem persönlichen Assistenten erwartet.« Dabei nahm sie eine mit Blumenmotiven verzierte Schatulle aus ihrer Handtasche, der sie einen hochwertigen Teebeutel entnahm.
»Ich habe immer meinen eigenen Grüntee dabei. Déformation Professionnelle«. Entschuldigend senkte sie ihren Blick und konzentrierte sich ganz auf ihre Teezubereitung.
»Es ist schwer auf Reisen einen guten Tee zu bekommen«, knüpfte Lars an.
»Speziell, wenn man zu hohe Ansprüche stellt«, erwiderte sie.
»Ich habe gerade mein Teestudium an der International Tea Academy London absolviert und mit dem Tea Master abgeschlossen. Das klingt jetzt vielleicht etwas ungewöhnlich für Sie, aber dieser Abschluss war seit meiner Kindheit mein größter Traum. Gleichzeitig verkörpert er meine Mission. Ich bin in der Teekultur aufgewachsen. Tee war sozusagen meine Muttermilch. Und diese Ausbildung, mit dem internationalen Abschluss, ist so etwas wie mein Bai Hao Yin Zhen.«
»Ein Silbernadeltee, der edelste Tee«, strahlte Lars mit wachsender Begeisterung.
»Haben Sie denn etwas mit dem Unternehmen Tokugawa zu tun?«
»Ja, unserer Familie gehört die Tokugawa Tea Company in Zug. Mein Vater führt sie schon seit Jahrzehnten. Er hat sie von seinem Vater übernommen. Bald werde ich die Nachfolge antreten. Dann wird sich dort einiges ändern. Auch, wenn es meinem alten Herrn nicht unbedingt alles gefallen wird.«
»Ich möchte das Unternehmen zukunftskompatibel machen. Digitaler, mit zeitgemäßen Technologien und künstlicher Intelligenz. Es soll nachhaltiger werden und für die Generationen Z und Alpha erlebnisreicher. Auch sollten mehr Frauen im Unternehmen arbeiten, nicht nur klassisch, im Service, sondern im gesamten Unternehmen und im Top Management. Ich werde dafür Mentoring-Programme etablieren. Vielleicht werde ich auch generell das Du einführen und offene Büros, statt verschlossener Türen. Wir brauchen einen kompletten Kulturwandel. Aktuell konzentriert sich das Unternehmen zu sehr auf Rituale und Traditionen, auf Premium Quality und Heritage. Das wollen die jungen Menschen so nicht mehr. Wie sagt man so schön, es reicht nicht allein die Glut zu hüten, wir müssen wieder ein Feuer entfachen.«
Lars lächelte. Ihm war das japanische Teehandelsunternehmen wohlbekannt, war es doch europäischer Marktführer und für ihn die unangefochtene Anlaufstelle für hochwertige Grüntees.
»Teekultur, ja das tönt spannend«, meldete sich Loretta wieder zu Wort.
»Unser Firmensitz ist übrigens ebenfalls in Zug.«
»Sorry, jetzt habe ich Sie regelrecht überfallen mit meinen Ambitionen. In welchem Business sind Sie tätig?« Luzia Tokugawa schaute Loretta interessiert an und strich sich über ihr langes, schwarzes Haar.
»Wir sind Detektive, Franchise-Detektive. Wir haben hier in London das International Detectives Meeting besucht.«
»Franchise-Detektive? Unser Unternehmen ist auch ein Franchisesystem. Aber ich kenne unter unseren Dienstleistern hauptsächlich Berater, Coaches, Trainer und Rechtsanwälte. Was machen denn Detektive? Die Konkurrenz ausspähen?«
»Nun, wir werden gerufen, wenn mal etwas im System schiefläuft und wieder in Balance gebracht werden muss.«
»Übrigens«, fuhr Lars fort, »sind wir am kommenden Wochenende mit unserem gesamten Detektei-Team zu einem Firmenausflug auf dem Monte Verità, dem Teeberg bei Ascona. Gehört der nicht auch zu ihrem Unternehmen?«
»Wirklich? Das ist ja wunderbar! Ich werde auch dort sein. Ich bin mit meinen Eltern verabredet. Dann sollten wir unser Gespräch ebendort fortsetzen. Ich könnte Ihnen den Berg zeigen, Sie etwas herumführen und eine kleine Teezeremonie organisieren. Hier ist meine Karte.« Loretta nahm sie dankend entgegen und zückte ihrerseits eine Karte, die sie Frau Tokugawa mit beiden Händen förmlich übergab.
»Nur im Falle eines Falles. Jetzt sollten wir aber einsteigen, sonst fliegen die noch ohne uns ab. Das Boarding scheint gleich beendet.«
»Hier spricht Skipper Pascal Bühler. Ich bin zurzeit auf dem schönen Lago Maggiore anzutreffen. Ab dem 4. Juni bin ich wieder eine Landratte und voll im Einsatz!«
»Pascal, wo bist du? Ich mach‘ mir langsam Sorgen. Auf meine gestrige WhatsApp hast du nicht geantwortet und jetzt bist du auch nicht hier, am Zürcher Flughafen. Hast du eine charming Skipperin kennengelernt? Melde dich bitte.« Luzia schickte die Nachricht ab. Danach tippte sie auf ein Kontaktfeld.
»Hi Mum, ich bin in Zürich angekommen. Ja, alles ist gut gegangen. Ich freue mich auch, euch wiederzusehen. Habt ihr etwas von Pascal gehört? Er wollte mich abholen und nach Hause fahren. Aber er ist nicht da und meldet sich auch nicht. Das passt gar nicht zu ihm. Ja, er hatte Ferien, aber er wollte spätestens gestern Abend vom Lago zurück sein. Nein, danke, du musst keinen Wagen schicken. Ich nehme ein Taxi oder Uber. Ihr habt also auch nichts von Pascal gehört? Gut, wenn du meinst, aber er ist immer zuverlässig. Immerhin arbeiten wir seit zwei Jahren intensiv zusammen. Er ist nicht nur mein Assistent. Er…« Luzia schluckte kurz.
»Ich fahre jetzt nach Hause. Wenn du etwas hörst, dann gib‘ mir bitte Bescheid. Danke, ja. Ich liebe dich auch, Mum. Bye.«
»Wir dachten schon, ihr habt keinen Appetit.« Freudig begrüßte Loretta Morita und Carmen, die gleichzeitig den Frühstückssaal des STELLADEL LAGO betraten. Morita schien etwas verlegen.
»Es war nicht gerade eine lange Nacht«, lächelte Carmen.
»Wart ihr denn gestern noch aus?« Regula war wie immer neugierig, als sich die beiden den leeren Tisch mit dem schönsten Blick auf den Lago Maggiore für ihr Frühstück aussuchten.
»Ja, Morita hat hier einen Freund, der mit uns gestern unbedingt ein paar angesagte Adressen besuchen wollte. Sowohl in Ascona, als auch in Locarno.«
Carmen wirkte aufgedreht, fand Lars, als hätte sie heute Morgen schon Prosecco getrunken. Er fragte sich, ob etwas zwischen ihr und Morita lief. Morita war noch ruhiger und introvertierter als sonst und konzentrierte sich stoisch auf sein Croissant.
»Also alle mal herhören!« Loretta war aufgestanden, um das nun vollständige Team für den Tag zu briefen.
»Um 10.00 Uhr sammeln wir uns vor dem Hotel. Dann laufen wir hoch, zum Monte Verità. Wir bekommen dort eine kleine Führung der Tokugawa Tea Company und nehmen anschließend an einer echten japanischen Teezeremonie teil. Mit etwas Glück, treffen wir auch Luzia Tokugawa, die demnächst die Unternehmensleitung von ihrem Vater übernehmen wird. Also benehmt euch und wahrt unser Image. Wir sind eine angesehene Detektei!«
Ein leises Murmeln war zu hören, während sich Loretta wieder setzte. Zu Lars gewandt ergänzte sie:
»Ich bin gespannt, ob Frau Tokugawa wirklich ein paar Minuten für uns erübrigen kann. Am Heathrow Airport wirkte sie auf mich sehr entspannt und souverän. Aber angesichts ihrer Ambitionen und der großen Aufgabe, die vor ihr liegt, wird sie sicherlich Wichtigeres zu tun haben.«
»Das wäre wirklich wünschenswert«, entgegnete Lars etwas monoton in Gedanken und mit festem Blick auf sein Handy, auf dem er herumtippte. Genauso monoton fuhr er fort.
»Ich freue mich auf jeden Fall wieder einmal den Monte Verità hinaufzulaufen. Ich mag den gemächlichen Anstieg, die überraschenden Ausblicke und die einnehmende Stimmung. Ich finde, der Berg hat etwas Meditatives.« Jetzt schien er gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte.
»Wusstest du, dass dort 2005 der Schweizer Teephilosoph Peter Oppliger eine Cultura del Tè aufgebaut hat?« Lars schaute kurz von seinem Handy auf, doch Loretta reagierte nicht.
»Er hat darüber ein sehr schönes Buch mit dem Titel Grüner Tee geschrieben. Das kann ich dir nur empfehlen. Ein richtiges Nachschlagewerk, mit vielen Fotos. Der Park war schon damals im Besitz einer kantonalen Stiftung. Davor gehörte das ganze Gebiet dem deutschen Bankier von der Heidt, der den Monte Verità 1964 testamentarisch dem Kanton Tessin vermachte.« Lars blickte nochmals auf, doch Loretta zeigte demonstratives Desinteresse. Er fuhr unbeirrt fort.
»Auf dem Gelände befindet sich auch heute noch ein Museums-Komplex mit dem Casa Anatta, Casa Selma und Casa dei Russi sowie dem Elisarion-Pavillon. Dann gibt es da ein internationales Kongresszentrum, ein Hotel und einen Park mit japanischem Teehaus, einen Zen-Garten, eine Teeplantage und den so genannten Teeweg. Die Teepflanze für den Grüntee nennt man übrigens Camellia sinensis.«
»Oh, Lars. Ich sehe schon, dass das ein harter Tag für mich wird. Schön, dass ich mich wenigstens hier beim Frühstück noch ausreichend mit Koffein dopen kann. Ich sollte eine Thermoskanne mit Espresso mitnehmen – oder besser eine Tube no normal coffee, dieser beiden jungen Outdoor-Schweizer.« Lorettas Handy vibrierte.
»Ich bin mal kurz draußen, Lars.« Schon verließ sie eilig den Frühstücksraum. Wenig später kehrte sie an den Tisch zurück.
»Wir haben einen Auftrag von Luzia Tokugawa erhalten. Wir treffen sie um 11.00 Uhr oben auf dem Monte Verità.« Loretta hatte sich wieder an den Tisch gesetzt, allerdings nur um ihre Tasche zu holen und Lars zu informieren. Der war gerade dabei, drei üppig befüllte Brötchen in einem Doggybag zu verstauen.
»Mein Gott, was hast du vor?«
»Hmm, was meinst du wohl? Wenn du zum Telefonieren rausgehst, kann das nur heißen, dass das Frühstück ausfällt! Zumindest besteht die Gefahr!« Loretta sah Lars amüsiert an.
»Ich hoffe, du hast auch ein Brötchen für mich vorgesehen.« Schon stand sie auf und ging zum Nebentisch.
»Regula, bist du so gut und übernimmst die Führung unseres Teams.« Loretta beugte sich zu Regula herunter, die mit Sara am Tisch saß und über Kalorien und Ernährung diskutierte.
»Na klar, was ist los?«
»Wir haben einen neuen Auftrag und sind um 11.00 Uhr mit Frau Tokugawa verabredet.«
»Meinst du, wir treffen uns später?«
»Ich kann es dir noch nicht sagen. Wir bleiben in Verbindung. Danke, Regula.«
»Keine Sache. Sara ist meine rechte Hand und Morita und Carmen kommen auch langsam wieder ins Fahrwasser. Wie auf ein Zeichen sahen beide auf und winkten Lars und Loretta zu, die sich aus dem gut besuchten Frühstücksraum verabschiedeten.
»Frau Lombardi, Herr Van de Velde. Ich danke Ihnen, dass Sie es einrichten konnten.« Luzia Tokugawa war kaum wiederzuerkennen. Ihre sprühende und energetische Ausstrahlung, die sie bei ihrer ersten Begegnung auszeichnete, war komplett verschwunden.
»Es ist etwas passiert.« Luzia stockte.
»Ich weiß, Sie haben nachher die Führung und die Teezeremonie gebucht, aber ich benötige Ihre Hilfe.«
»Aber sicher, Frau Tokugawa. Was ist vorgefallen?«, kam es anteilnehmend von Loretta.
»Ich habe Ihnen doch von meinem Assistenten erzählt, der mich am Flughafen Zürich abholen wollte, Pascal Bühler. Er wird mich nie wieder abholen. Pascal ist tot.« Eine Pause entstand. Luzia nahm ihr Handy vom Tischchen neben sich, öffnete den Artikel einer Regionalzeitung und zeigte ihn wortlos.
… bei dem Verunfallten vom 3.6.24 handelt es sich um Pascal B., 27 Jahre alt, aus Zug. Die Leiche wurde gestern, drei Tage nach dem Unfall mit dem Segelboot, von Tauchern geborgen. Wir berichteten vom Unfall im Zusammenhang mit dem schweren Gewitter auf dem Lago Maggiore. …
»Das tut mir sehr leid. Ja, wir haben auch gelesen, dass das Tessin von schweren Gewittern betroffen war.«
Lars hatte sich noch mit einem Plan B beschäftigt, falls das Wetter dem Teamausflug einen Strich durch die Rechnung machen sollte, dachte Loretta.
»Pascal hatte keinen Unfall. Er ist ein erfahrener Segler. Er … war umsichtig.« Luzia stockte abermals.
»Ich glaube, es hat jemand nachgeholfen.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Ich kann es auch nicht genau sagen, aber in der letzten Zeit habe ich das Gefühl, als hätte man es auf unser Unternehmen abgesehen. Mich will man dafür hier weghaben. Ich bekomme seit zwei Monaten vermehrt Jobangebote. Nicht, dass das etwas Außergewöhnliches ist. Mit meiner Erfahrung bin ich für Unternehmen unserer Branche sehr interessant. Aber, die Angebote kommen aus anderen Branchen, wie Design und Gastronomie. Von einer Anwaltskanzlei in London bekam ich sogar ein Kaufangebot für unsere Tokugawa Tea Company.«
»Wissen Sie, wer ein Kaufinteresse hat?«
»Nein, es war eine Non-Binding-Offer, der potenzielle Käufer war anonym. Ich habe dem keine weitere Beachtung geschenkt und abgesagt, weil ein Verkauf unseres Unternehmens vollkommen indiskutabel ist.«
»Das Interesse an Ihrer Person und an Ihrem Unternehmen begründet nicht zwingend die Motivation, jemanden aus dem Weg zu schaffen. Gab es einen Vorfall, der diesen Verdacht erhärtet?«, Lars versuchte die entstandene Sachlichkeit zu nutzen und bohrte nach.
»Ja, es gab noch etwas.« Luzia machte eine kurze Pause. Ich war in dem neuen Geschäft in London, das ich in wenigen Tagen eröffnen werde. Dort fand ich einen Brief mit einem Zeitungsartikel vor. In dem Artikel ging es um die Entführung einer jungen Frau, der ältesten Tochter eines Familienunternehmens. Der Fall lag zwei Jahre zurück, bezog sich aber darauf, dass man jetzt ihre sterblichen Überreste in einem Wald nahe dem Unternehmen fand. Ich hatte mein Team gefragt, wer den Brief dorthin gelegt hatte. Er lag neben einer anderen Eilsendung, war aber nur mit meinem Namen beschriftet. An dem Tag war ein ziemliches Chaos bei uns. Es waren Kisten mit den neuen Möbeln angekommen. Niemand hatte etwas bemerkt.«
»Können Sie uns den Brief zeigen?«
Luzia sah zu Boden. »Nein, leider nicht. Er muss in dem ganzen Trubel im Abfall gelandet sein. Ich fand das mit dem Artikel sehr makaber. Ich dachte mir, vielleicht war es ein Hater. Einer, der es auf Frauen abgesehen hat, die erfolgreich unterwegs sind.«
»Was war das genau für ein Fall, um den es da ging?« Lars hatte sein Notizheft parat.
»Es war nur ein kleiner Ausschnitt eines Artikels. Ich konnte weder die Quelle nachvollziehen, noch wo sich das Ganze zugetragen hatte. Ich weiß nur, dass der Name der Frau spanisch klang. Gomez oder so ähnlich.«
Lars war am Notieren.
»Mir ist bewusst, wenn ich davon berichte, dann klingt das alles etwas wirr. Ich möchte nur, dass Sie Pascals Tod aufklären. Für die Polizei ist es ein Unfall. Er ist gestürzt, über Board gegangen und ertrunken. Er hatte keine Schwimmweste an. Ich weiß, dass er nicht immer eine trug. Wir sind auch schon zusammen segeln gewesen. Aber bei dem Wetter kann ich es mir nicht vorstellen. Ich möchte einfach, dass Sie dem nachgehen. Das bin ich Pascal schuldig.«
»Wir werden dem nachgehen, Frau Tokugawa. Wissen Ihre Eltern von Ihrem Verdacht?« Loretta sah zu Lars und nahm sein Einvernehmen wahr.
»Nein, meine Eltern wissen weder von dem Kaufangebot noch von meinem Verdacht. Ich bitte Sie, nichts davon und von unserer Vereinbarung zu erwähnen, wenn ich Sie Ihnen vorstelle.«
»Selbstverständlich. Seit wann hat Herr Bühler bei Ihnen gearbeitet?«
»Seit zwei Jahren. Er war meine rechte Hand. Ich konnte ihm absolut vertrauen. Wir waren so etwas wie ein Dreamteam.« Luzia Tokugawa hatte wieder auf den geschäftlichen Modus umgestellt, nur ihr umflorter Blick stand im Kontrast dazu.
»Wenn es für Sie in Ordnung ist, dann treffen wir uns in einer halben Stunde draußen vor dem Hoteleingang, dann führe ich Sie zu meinen Eltern. Ohne eine Antwort abzuwarten war Luzia Tokugawa zur Tür gegangen, nickte Lars und Loretta zu und verließ den Raum.«
»Was meinst du, Loretta? Lars hatte, wie so oft in Ermittlungsgesprächen, neben seinen Notizen eine kleine Zeichnung angefertigt. Sie zeigte ein Segelboot und einen Mann der gerade von Bord fiel – oder wurde er geschubst? Lars verstaute das Heft und öffnete den Doggybag. Augenblicklich entströmte dem Behälter ein Duft von frischen Brötchen, Salami, Ziegenkäse und Gewürzen.
»Schwer zu sagen. Entweder wir haben es mit einer Anhäufung von Begebenheiten zu tun, die vollkommen für sich stehen. Oder es gibt einen Zusammenhang, der sich noch nicht erschließt. Jedenfalls sollte Carmen am Montag in diesem Entführungsfall Gomez recherchieren. Ich werde Renzo anrufen und fragen, was er weiß.«
»Ah, dein Commissario-Freund im Tessin.« Lars biss beherzt ins Käsebrötchen.
»Genau.« Loretta lächelte süffisant und nahm ebenfalls ein Brötchen aus dem Doggybag.
»Kennt ihr euch eigentlich schon lange?«, kam es beiläufig von Lars.
»Ja, schon. Bestimmt fünf Jahre – vielleicht auch mehr.« Loretta ließ sich noch zwei Rucolablätter schmecken, die im Doggybag lagen.
»Es gab in einigen Fällen Verbindungen ins Tessin. Das weißt du ja selbst. Oder was meinst du?«
»Ach, nichts. Ich frag‘ nur.«
»Wir sollten uns noch etwas frisch machen. Gleich geht’s zu den Tokugawas.« Loretta war aufgestanden, strich ihren anthrazitfarbenen Casual Suit glatt. Kombiniert mit einem klassischen roten Shirt, unterstrich es ihre attraktive Erscheinung.
»Ja, lass uns auf den Grüntee konzentrieren. So nah kommen wir seiner Seele so schnell nicht wieder.« Lars bekam wieder sein Teegesicht, bemerkte Loretta.
»So sehen also echte Detektive aus!«, scherzte Dr. Hirano Tokugawa, der ihnen schon am Eingang vom Hotel entgegengekommen war.
»Schön, dass Sie uns heute auf dem Monte Verità besuchen. Meine Tochter erzählte von Ihrem Zusammentreffen in London. Aber kommen Sie, ich möchte Ihnen meine Frau vorstellen. Meine Tochter Luzia hat Sie ja bereits begrüßt.« Dabei drehte er sich um und lief geradewegs auf eine Sitzecke in der Hotellobby zu. Eine zurückhaltend elegant gekleidete Frau erhob sich.
»Vreni, das sind die Detektive Herr Van de Velde und Frau Lombardi.« Mit einer Geste zeigte er kurz auf die beiden Detektive, dann auf seine Frau, die mit einem interessierten Gesichtsausdruck neben ihm stand.
»Frau Lombardi, Herr Van de Velde, das ist meine Ehefrau Vreni Tokugawa.«
»Aber bitte, wollen Sie sich nicht setzen?« Er wartete, bis alle Platz genommen hatten.
»Echte Detektive, die hatten wir noch nie in unserem Hause. Sie müssen erzählen, was Sie so tun und worin Ihre Arbeit besteht. Aber erst, Frau Lombardi, wie wäre es mit einem echten italienischen Espresso?«
Loretta musste lachen. Herr Tokugawa hatte durchaus Humor und Einfühlungsvermögen.
»Sie können scheinbar Gedanken lesen! Ich muss zugeben, dass mir schon seit einiger Zeit der Geruch von Espresso in der Nase liegt, verbunden mit den Geräuschen von Espressomaschinen und den Bildern gut gefüllter Espressotassen.«
»Sie machen Ihrem Namen alle Ehre!«, freute sich Dr. Hirano Tokugawa, dabei drehte er sich einem Bediensteten zu und bestellte auf Italienisch zwei Espressi, die dieser umgehend Loretta und ihm servierte.
Zu Lars gewandt fuhr er fort »Für Sie habe ich einen exklusiven Gyokuro-Grüntee, first flush.« Auf sein Zeichen hin erschien eine Angestellte in einem traditionellen Kimono, die einen Teewagen schob. Wortlos füllte sie den Tee für Vreni Tokugawa, Luzia Tokugawa und Lars in hauchdünne Teetassen. Lars begann eigentümlich zu lächeln, stellte Loretta erstaunt fest. Für ihn musste sich der Ort wie ein Besuch im Paradies anfühlen. Mit dem Espressogeruch in der Nase, der Tasse in der Hand und der gleich folgenden Wirkung der Koffeininfusion, begann auch Loretta sich allmählich zu entspannen.
»Ich bin beeindruckt von Ihrer Arbeit!«, Dr. Hirano Tokugawa schien nicht nur interessiert, sondern auch amüsiert über die Geschichten, die Loretta und Lars in groben Zügen zu ihrer Arbeit zu erzählen hatten.
»Was es nicht alles so in Zug gibt!« Dr. Tokugawa schüttelte lächelnd seinen Kopf.
»Aber, wenn wir schon beinahe Nachbarn sind, dann machen Sie uns doch bitte die Freude und besuchen Sie uns.« Dr. Tokugawa hatte zwar die Einladung für beide Detektive ausgesprochen, strahlte aber vor allem Loretta an.
»Ich würde Sie gern persönlich durch unsere Unternehmenszentrale führen, inklusive Verkostung der neuen Spitzen-Grüntees, natürlich. Wie wäre es am kommenden Dienstag, um die Mittagszeit? Da müssen auch Detektive eine Pause machen.« Wieder lachte Dr. Tokugawa.
»Das ist sehr freundlich, Herr Dr. Tokugawa. Ich denke, wir können es einrichten«, Lars hatte umgehend geantwortet, um sich die Chance nicht entgehen zu lassen.
»Auch ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn ich Ihnen meinerseits einen Einblick in die Welt der Camellia sinensis geben könnte, Frau Lombardi. Sie werden staunen.« Vreni Tokugawa wandte sich Loretta zu und lächelte geheimnisvoll als Loretta zustimmte.
Am kleinen Teehaus war auch kurz vor der Teezeremonie noch keine Zen-Ruhe zu spüren. Loretta und Lars waren gerade noch rechtzeitig hinzugekommen. Das bunte Treiben der naturnahen Alternativbewegung auf dem Monte Verità, von Ida Hofmann und Henri Oedenkoven um 1900 initiiert, hatte das Detektei-Team bei der Führung sichtlich überrascht und inspiriert. So staunte Carmen über den frühen Veganismus der Bewegung, Morita über deren Selbstversorgung und Regula über die vielen prominenten Besucher, wie Hermann Hesse und Paul Klee. Sara dagegen war über die hier damals gelebte Freikörperkultur, das nackte Umhertanzen auf dem Berg, entsetzt.
Still wurde es erst, als die Teemeisterin durch eine kleine Schiebetür erschien. Ihre Persönlichkeit breitete sich würdevoll im gesamten Teehaus aus. Langsam bewegte sie sich auf Knien in ihrem schwarzen Seidenkimono voran. Nur das Rascheln des feingearbeiteten Stoffs und das kochende Teewasser waren zu hören. Sie stellte sich als Yuraka Kikamoto, Teezeremonienmeisterin, vor und gab eine erste Einführung in die japanische Teephilosophie. Dafür reichte sie jedem eine kleine Köstlichkeit zu essen, maß das Matcha-Teepulver konzentriert mit einem Bambuslöffel ab, gab es zusammen mit dem angewärmten Wasser in eine Schale und rührte es mit einem kleinen Bambusbesen schaumig. Dann erst goss sie den Matcha-Tee rituell in feine, bläulich schimmernde, japanische Schälchen, um diese ebenfalls zu servieren.
Alles, was sie tat, wirkte leicht und perfekt. Ihre noch so kleinen Bewegungen faszinierten und strahlten Kompetenz aus. Sie verstand es Harmonie, Respekt, Reinheit und Gelassenheit, die vier Aspekte des japanischen Teeweges, fühlbar zu machen. Die Teemeisterin verschwand ebenso ruhig, wie sie gekommen war.
Erst ganz langsam ließ die Wirkung der Teezeremonie nach und alle erwachten wieder zum Leben, so schien es wenigstens. Sie hatten wieder Tee im Blut, wie man hier zu sagen pflegte, und ließen erneut ein buntes Stimmengewirr vernehmen.
»Guete Morge miteinand!« Regula Rhyser eröffnete, wie jeden Montag, auf die Minute genau das obligatorische Status-Meeting in der Detektei, in der Altstadt von Zug.
»Bevor wir beginnen, möchten wir uns, also das ganze Team, bei euch Loretta und Lars für den tollen Wochenendausflug bedanken. Ich dachte, ich wüsste schon einiges über Tee, aber es gibt so viel mehr. Die Teezeremonie und das ganze Ambiente waren so faszinierend. Wir haben uns alle sehr wohl gefühlt.« Regula schaute sichtlich gerührt von einem zum anderen. Loretta reagierte sofort.
»Das war uns eine Freude, stimmt’s, Lars?«
Lars prostete zustimmend, aber scheu, wie alle ihn kannten, mit seiner Grünteeschale in die Runde. Das waren die typischen Momente, in denen er sich eher raus in die Natur, auf sein Bike, wünschte, doch Loretta rettete souverän die Situation.
»Nun, bevor wir uns alle in den Armen liegen«, Loretta zog etwas aus dem Karton hervor, der unter dem Tisch stand. »Gibt es jetzt etwas auf die Ohren! Unser neuer Alarm.« Loretta war sichtlich erheitert. Ein überdimensionierter künstlicher Burger stand auf dem Tisch. Beherzt schlug sie mit der rechten Hand auf das Brötchen und ein sirenenartiger Ton erklang. Dabei begann die Käsescheibe zu flattern und Ketchup floss andeutungsweise heraus.
»Ein Burger-Buzzer«, wie cool ist das denn, kam es von Carmen. »Darf ich mal?« Carmen beantwortete sich die Frage bereits selbst und schlug zu. Ein lautes Bellen war zu hören.
»Nanu, das gehört nicht zum Programm.« Loretta war um den Tisch gegangen.
»Wer bist du denn?«
»Henry«, kam es kleinlaut von Sara, die aufgestanden war und den Dackel, der da schwanzwedelnd in der Tür stand, an der Leine wegführen wollte.
»Es tut mir leid, Loretta, er muss sich losgerissen haben. Ich, äh, ich habe Henry heute mitgenommen, weil meine Mutter einen neuen Job hat, wo Hunde nicht erlaubt sind. Wir haben noch keinen Platz für ihn. Sorry.«
»Er ist ganz ruhig und ein lieber Kerl, Loretta«, kam es von Regula.
»Wieso weißt du das, Regula? Kennst du Henry?« Loretta beugte sich zu dem Dackel herunter und sprach zu ihm.
»Ich kannte mal jemanden, der Henry hieß, weißt du das?« Dabei kraulte Loretta den Hals des Hundes.
»Und war es ein netter Henry?« Sara hielt noch immer die Hundeleine und lächelte verlegen, wobei ihr stark geschminktes Gesicht etwas Kindliches bekam.
»Nun, das kommt auf die Betrachtungsweise an. Wie hast du dir das vorgestellt mit dem Hund? Wir sind eine Detektei und kein Spieleparadies.« Alle blickten schmunzelnd auf den Burger-Buzzer.
»Ja gut, das ist eine Spielerei. Aber wer weiß, vielleicht wird das einmal ein neuer Fall.« Loretta sah in die Runde.
»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr das alle am Wochenende besprochen habt. Kann das sein?«
»Es gibt mehrere Studien, die besagen, dass das Arbeitsklima durch einen Bürohund positiv beeinflusst wird.« Carmen wollte gerade ihre Aussage durch die entsprechende Recherche im Internet bestätigen als Loretta unterbrach.
»Nun, ich würde sagen, wir beenden das hier, wir haben einiges zu besprechen. Sara, du suchst bitte eine Lösung für Henry. Solange kann er hierbleiben. Bring ihn doch bitte zu seinem Plätzchen und dann geht’s los.« Morita zwinkerte Carmen und Regula zu und deutete ein High five an.
»Damit eröffne ich das heutige Meeting.« Regula guckte streng in die Runde.
»Die Terminsachen im Falle des Fahrrad-Franchisesystems Big Tom
