4,99 €
Ein Interview im Lokalsender. Ein unbeliebter Reporter. Ein grausamer Mord.
Der Sender Braw Edinburgh stellt in seinem Podcast Menschen mit besonderen Berufen vor. Diesmal ist Finola zu Gast und berichtet über das Berufsbild Privatdetektivin. Eigentlich wollte sie gar nicht teilnehmen, doch das Gespräch im Studio verläuft überraschend angenehm.
Bis Stephen Pratt auftaucht. Der Reporter sorgt sofort für frostige Stimmung, und seine Ankündigung, einen gewaltigen Skandal aufzudecken, stößt auf Ablehnung und Skepsis.
Zwei Tage später ist Pratt tot - und Finola steckt mitten in einem neuen Fall.
Über die Serie: Finola MacTavish und Anne Scott sind die Lady Detectives von Edinburgh. Gemeinsam mit dem Computergenie Lachie lösen sie die erstaunlichsten Kriminalfälle - und machen mit Herz, Mut und ungewöhnlichen Methoden den Verbrechern der Stadt das Leben schwer. Seit Neuestem haben sie Verstärkung von einer dritten Detektivin. Doch auch in ihrem eigenen Leben geht es mitunter turbulent zu. Wie gut, dass Finola immer die passende Kräutermedizin ihrer Granny zur Hand hat. Und wenn die nicht hilft, dann ein frisch gebackener Cupcake!
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2025
Liebe Leserin, lieber Leser,
vielen Dank, dass du dich für ein Buch von beTHRILLED entschieden hast. Damit du mit jedem unserer Krimis und Thriller spannende Lesestunden genießen kannst, haben wir die Bücher in unserem Programm sorgfältig ausgewählt und lektoriert.
Wir freuen uns, wenn du Teil der beTHRILLED-Community werden und dich mit uns und anderen Krimi-Fans austauschen möchtest. Du findest uns unter be-thrilled.de oder auf Instagram und Facebook.
Du möchtest nie wieder neue Bücher aus unserem Programm, Gewinnspiele und Preis-Aktionen verpassen? Dann melde dich auf be-thrilled.de/newsletter für unseren kostenlosen Newsletter an.
Spannende Lesestunden und viel Spaß beim Miträtseln!
Dein beTHRILLED-Team
Melde dich hier für unseren Newsletter an:
Finola MacTavish und Anne Scott sind die Lady Detectives von Edinburgh. Gemeinsam mit dem Computergenie Lachie lösen sie die erstaunlichsten Kriminalfälle – und machen mit Herz, Mut und ungewöhnlichen Methoden den Verbrechern der Stadt das Leben schwer. Seit Neuestem haben sie Verstärkung von einer dritten Detektivin. Doch auch in ihrem eigenen Leben geht es mitunter turbulent zu. Wie gut, dass Finola immer die passende Kräutermedizin ihrer Granny zur Hand hat. Und wenn die nicht hilft, dann ein frisch gebackener Cupcake!
Ein Interview im Lokalsender. Ein unbeliebter Reporter. Ein grausamer Mord.
Der Sender Braw Edinburgh stellt in seinem Podcast Menschen mit besonderen Berufen vor. Diesmal ist Finola zu Gast und berichtet über das Berufsbild Privatdetektivin. Eigentlich wollte sie gar nicht teilnehmen, doch das Gespräch im Studio verläuft überraschend angenehm.
Bis Stephen Pratt auftaucht. Der Reporter sorgt sofort für frostige Stimmung, und seine Ankündigung, einen gewaltigen Skandal aufzudecken, stößt auf Ablehnung und Skepsis.
Zwei Tage später ist Pratt tot – und Finola steckt mitten in einem neuen Fall.
Reporter ohne Stimme
Finola MacTavish eilte die Albert Terrace entlang und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es war tatsächlich schon zwei Minuten nach neun! An diesem Montagmorgen waren Craig und sie einfach zu spät aufgestanden, aber nachdem sie das ganze Wochenende mit Renovierungsarbeiten und Reparaturen im neuen Haus verbracht hatten, waren sie beide so erschlagen gewesen, dass sie kaum aus dem Bett gekommen waren.
Eigentlich war es nicht schlimm, wenn Finola ein paar Minuten verspätet im Büro von MacTavish & Scott erschien, schließlich war sie – anders als noch vor einem Jahr – keine Angestellte der Detektei mehr, sondern eine der Inhaberinnen. Dennoch hatte Anne Scotts Sinn für Pünktlichkeit im Lauf der vergangenen zwölf Monate nachhaltig auf sie abgefärbt, und sie hatte ein schlechtes Gewissen.
Dreihunderteinundsechzig Tage, rechnete Finola schnell aus. Dreihunderteinundsechzig Tage, seit sie auf dem Weg zu ihrer neuen Arbeitsstelle mit Laurie und deren Cupcakes zusammengestoßen war. Fast ein ganzes Jahr arbeitete sie nun schon als Privatdetektivin, und Laurie war ihre Freundin geworden. Das schrie nach einer baldigen Feier!
Finola hatte die offen stehende Gartenpforte erreicht und blieb stehen, um einen stolzen Blick auf das dezente Schild zu werfen, das am Zaunpfosten angebracht war.
MacTavish & Scott – Private Investigations
Mit einem Lächeln auf den Lippen ging sie den Kiesweg entlang und stieg die Steintreppe hinauf zur weinrot gestrichenen Haustür. Sie sah zum ersten Mal seit Langem den Türklopfer wieder bewusst an. Er war aus Messing in der Form eines indischen Elefanten, und das eingravierte Muster am Kopf zeigte sich vom häufigen Darüberstreichen vieler Hände sichtbar abgerieben.
Wie nervös sie bei Ms Scott ihren Aushilfsjob angetreten hatte, auch weil ein Teil ihrer Entlohnung darin bestanden hatte, mietfrei im Haus wohnen zu dürfen! Es hätte ja leicht sein können, dass sie sich überhaupt nicht verstanden.
Das Gegenteil war der Fall. Anne stand Finola schon sehr bald näher als ihre eigene Mutter. Wobei das, wenn man Erin MacTavish kannte, natürlich kein Kunststück war. Dennoch. Die beiden Frauen verbanden eine ganz besondere Freundschaft und ein unbedingtes Vertrauen.
Finola zog den Schlüssel mit dem roten Herzanhänger aus der Hosentasche und ließ sich ins Haus. Zu ihrer Überraschung fand sie das Büro leer vor. Zwar wusste sie, dass Ùna heute erst gegen Mittag aus Aberdeen zurückkommen würde, aber wo war Anne?
Auch aus Lachies Büro gähnten ihr nur schwarze Computerbildschirme entgegen.
Sie blieb stehen, runzelte die Stirn und lauschte. Hinter der geschlossenen Küchentür war leises Stimmengemurmel zu hören. Aha!
Finola öffnete die Tür. »Guten Morgen. Ich will ja nicht meckern, aber …«
»Und schon tust du genau das!«, gab Lachie grinsend zurück.
Anne saß mit ihm am großen Küchentisch, ihren Lieblingsteebecher in der Hand und einen aufgeschlagenen Bildband vor sich.
»Hi. Möchtest du auch noch was?« Sie deutete auf den üppig gedeckten Frühstückstisch und die bauchige rote Teekanne mit weißen Tupfen.
»Hm. Ja. Einen Tee würde ich glatt nehmen. Ich habe mich ziemlich abgehetzt, um pünktlich zu unserer Montagsbesprechung hier zu sein.«
»Hörst du den Vorwurf in ihrer Stimme?«, fragte Lachie. »Ich fürchte, wir sind heute nicht gerade ein gutes Vorbild.«
Anne zuckte mit den Schultern. »Im Grunde haben wir nichts Neues zu besprechen, übers Wochenende sind schließlich keine weiteren Aufträge reingekommen, und auch sonst steht derzeit nichts an. Da dachte ich, wir können uns einfach kurz am Nachmittag zusammensetzen, wenn Ùna wieder hier ist.«
»Und dafür habe ich mich so beeilt!« Finola stöhnte und setzte sich ebenfalls an den Tisch. »Was schaut ihr denn da Spannendes an, was euch von der Arbeit abhält?«
Anne schloss das Buch, um das Cover zu zeigen, ließ allerdings einen Finger auf der Seite, die gerade aufgeschlagen gewesen war.
»Venedig«, las Finola laut. »Habt ihr also endlich konkrete Reisepläne?«
Anne und Lachie wechselten einen Blick und lächelten einander zu.
»Cool«, kommentierte Finola. »Wart ihr schon mal dort?«
»Ich noch nicht, aber Lachie«, antwortete Anne.
»Bleibt es bei Ende des Monats?«
»Ja. Außer du sagst, es ist zu schwierig, die Detektei allein mit Ùna am Laufen zu halten.«
»Glaub bloß nicht, dass ich dir eine Ausrede biete, die Reise weiter rauszuzögern!«
»Danke, Finola«, warf Lachie ein.
Anne schlug den Bildband wieder auf und blätterte langsam um zur nächsten Seite. »Das sieht wirklich alles faszinierend aus, aber ein bisschen Angst habe ich vor den Touristenmassen.«
»Immerhin ist keine Ferienhochsaison mehr«, erwiderte Lachie, »und durch den Eintritt für Tagestouristen kommen hoffentlich auch nicht ganz so viele Leute ›mal schnell‹ vom Festland rüber. Außerdem sind die großen Touri-Ströme hauptsächlich im Bereich Rialto-Brücke, Markusplatz und Dogenpalast. Das Hotel liegt in der Nähe der Vaporetto-Station Arsenale, das ist ein bisschen abseits von diesem Brennpunkt. Und wenn wir unseren ersten Spaziergang schon vor dem Frühstück machen, dürften wir nicht allzu vielen Leuten begegnen.«
Anne nickte und blätterte erneut um. »Aber die Rialtobrücke möchte ich natürlich trotzdem sehen. Und durch diese Gassen von San Marco schlendern – schaut mal, sieht das nicht romantisch aus?«
Sie deutete auf eines der Fotos, auf dem ein gepflasterter Weg an einem schmalen Kanal entlang verlief und eine gewölbte Brücke über das Wasser zum Eingang in ein altes Haus mit weißen Steinbalkonen und Säulen vor den Fenstern führte.
»Warte, bis du die Bilder von den kleinen Geschäften in den Gassen entdeckst«, sagte Lachie trocken.
Anne grinste. »Du tust gerade so, als wollte ich zum Shoppen nach Italien.«
»Wir werden sehen. Ich packe sicherheitshalber meinen Koffer nicht voll.«
Finola trank langsam ihren Tee aus und lauschte dabei dem Geplänkel der beiden. Dann stand sie auf.
»Ich schau schon mal in den heutigen Mail-Eingang, ob sich Arbeit ankündigt. Plant ihr ruhig noch ein bisschen weiter.«
Anne nickte und wandte sich der nächsten Doppelseite des Buches zu, auf der ein Kirchengebäude mit einem schmalen hohen Turm vor blauem Himmel abgebildet war.
»San Giorgio Maggiore«, hörte Finola Lachie sagen. »Basilika und Kloster heißen genauso wie die kleine Insel selbst.«
Sie schloss leise die Küchentür und begab sich ins Büro. Zwar gab es oben auch noch ihr eigenes Arbeitszimmer, doch jetzt konnte sie sich einfach auf Ùnas Platz setzen, den Laptop einschalten und warten, bis Anne genug von Venedig gesehen hatte.
Fast war sie ein ganz kleines bisschen neidisch.
Aber nur fast.
Da Anne üblicherweise schon am Sonntagabend den Posteingang checkte, um sich für die folgende Woche vorzubereiten, warteten tatsächlich nur drei ungelesene E-Mails auf die Detektivinnen von MacTavish & Scott. Bei der ersten handelte es sich um Werbung einer Elektronikfirma für eine neuartige Überwachungskamera.
Finola zögerte. Das Ding schien gut durchdacht zu sein, sah allerdings zu groß aus, um in der Detektei bei Observierungen von Nutzen zu sein. Aber vielleicht sollte sie einmal mit Craig darüber reden, irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen für das neue Haus in Betracht zu ziehen.
In der zweiten E-Mail bedankte sich ein Klient für die schnelle Abwicklung seines Falls und versprach, MacTavish & Scott weiterzuempfehlen.
Die dritte hatte den Betreff: Podcast. Absender war Braw Edinburgh, ein kleiner lokaler Radiosender, dessen Sitz in Bruntsfield ein auffälliges zitronengelbes Logo mit der angedeuteten Silhouette von Arthur’s Seat zierte. Bevor Finola mit Craig zusammengezogen war, hatte sie morgens nach dem Aufwachen immer gerne ein Weilchen Radio gehört. Braw Edinburgh bot um diese Zeit eine unterhaltsame Mischung aus Lokalnachrichten und vorwiegend schottischer Musik.
Was aber wollte ein Radiosender von der Detektei?
Rasch überflog sie den Text. Den Podcast People, auf den sich die E-Mail bezog, kannte Finola nicht. Dabei klang er ganz interessant: Vorgestellt wurden hier im Interview ungewöhnliche Menschen aus der schottischen Hauptstadt mit ungewöhnlichen Berufen oder Hobbys. Dazu gehörten ein Automechaniker, der aus alten Schrottteilen neue fahrbare Untersätze bastelte, eine Autorin, die mit zweiundsiebzig Jahren ihren ersten Fantasy-Roman veröffentlicht hatte, eine siebzehnjährige Schülerin, die stolze Siegerin eines Wissenschaftspreises geworden war. Eine Brautkleidschneiderin, ein Rettungstaucher und eine Tierpflegerin aus dem Edinburgher Zoo, die sich dort um die Pinguine kümmerte, waren ebenfalls schon zum lockeren Gespräch im Sender gewesen.
Und nun hatte die Redakteurin Isla McBaines sich überlegt, jemanden aus einem Detektivbüro einzuladen. Am liebsten eine Frau. Daher war ihre Wahl auf MacTavish & Scott gefallen.
Ob Ms MacTavish, Ms Scott oder eine ihrer Mitarbeiterinnen bereit sei, für People Rede und Antwort zu stehen?
Finola runzelte die Stirn. Diese Anfrage würden sie wohl ablehnen müssen. Es war für ihre Arbeit schließlich unabdingbar, als Personen unauffällig und anonym zu bleiben.
Andererseits war die Werbewirkung, die ein solcher Beitrag für die Detektei haben würde, nicht zu unterschätzen. Und auch wenn gerade alles recht gut lief, würden ein paar neue Aufträge ihnen natürlich gelegen kommen.
Vielleicht wollte Anne ja doch gerne zu diesem Interview gehen? Sie war hauptsächlich für Organisatorisches zuständig und übernahm selten einmal selbst einen Fall. Außerdem würde man sie bei einem Podcast nur hören und somit ihr Aussehen nicht wiedererkennen können. Was die Stimme betraf, die konnte eventuell auch verzerrt und verfremdet werden …
Sie musste sie fragen.
Finola öffnete einen neuen Tab und suchte die Website von Braw Edinburgh. Sie schaltete den Livestream des Senders an. Die Proclaimers sangen I’m gonna be, und Finola lächelte unwillkürlich bei dem Gedanken, dass jemand fünfhundert Meilen gehen würde, um zu seiner Liebsten zu kommen. Fünfhundert Meilen, das war ungefähr die Strecke von Aberdeen nach London. Wie lange wäre man wohl zu Fuß dafür unterwegs?
Sie gähnte. Dann klickte sie die Info über die Podcasts an. Außer People gab es noch einen zweiten mit dem Titel Auld Reekistory, offenbar eine Zusammensetzung aus dem Edinburgher Spitznamen Auld Reekie und dem Wort history, denn hier ging es um besondere Ereignisse aus der Stadtgeschichte.
Finola hatte sich gerade entschlossen, einmal in eine Folge von People hineinzuhören, als Anne das Büro betrat.
»Du kannst bald ein Radio-Star werden!« Finola strahlte ihre Kollegin an.
Anne blieb stehen und runzelte die Stirn. »Wovon sprichst du? Wenn es um irgend so einen dummen Wettbewerb geht, vergiss am besten ganz schnell wieder, was du gesagt hast.«
»Nein, nein«, versicherte Finola ihr. »Du musst fast gar nichts tun. Also weder singen noch dichten noch ein Instrument spielen. Nur einfach für einen Beitrag ein paar Fragen beantworten.«
»Hm«, machte Anne.
»Braw Edinburgh möchte dich beim Podcast People vorstellen.«
»Ausgerechnet mich? Ich male doch eigentlich bloß noch als Hobby.«
»Es geht nicht um deine Kunst …«, musste Finola zugeben.
Annes Stirnrunzeln wurde tiefer. »Sondern?«
»Um MacTavish & Scott natürlich. Detektivin ist schließlich ein außergewöhnlicher Beruf, und damit bist du allerbestens qualifiziert, eine eigene Sendung im Rundfunk zu kriegen.«
»Du weißt, dass das nicht infrage kommt. Wir müssen in unserer Arbeit so anonym wie möglich bleiben.«
»Aber es sieht dich im Radio ja niemand, und Lachie hat bestimmt irgendein Gerätchen, um deine Stimme zu verfremden. Ich stelle mir das sehr cool vor, wenn du über unsere Detektei plauderst und jede Menge neue Kundschaft generierst.«
Anne trat näher an Finola heran und blickte über deren Schulter auf den Bildschirm. »Zeig mal.«
Finola klickte zurück auf den Tab ganz links, und Anne starrte auf die geöffnete Mail des Radiosenders.
»Hm«, machte sie wieder. »›Ms MacTavish, Ms Scott oder eine ihrer Mitarbeiterinnen‹. So, wie ich das sehe, stehst du an erster Stelle.«
Finola schüttelte den Kopf. »Ich bin ja mehr für den Außendienst zuständig, da darf man mich erst recht nicht wiedererkennen.«
»Aber du könntest deine Stimme verstellen und zum Beispiel mit italienischem Akzent sprechen«, schlug Anne vor. »Das würde sicher sehr schick und sexy klingen, und vor allem die männlichen Klienten in Scharen in unser Büro treiben.«
»Du hast Ideen!« Finola rollte die Augen. »Schade, dass unsere einzige Mitarbeiterin noch so wenig Erfahrung hat, das hätte doch eine Aufgabe für Ùna werden können. Okay, dann lassen wir das eben. Soll ich Braw Edinburgh bedauernd absagen, oder willst du das tun?«
Anne ging hinüber zu ihrem Schreibtisch, setzte sich und schaltete ihren eigenen Computer an.
»Warte«, sagte sie. »Nicht so schnell! People ist wirklich gut gemacht, ich habe schon ein paar Folgen gehört, und du hast natürlich recht, dass es eine erstklassige Werbung wäre. Haben sie geschrieben, wann der Podcast ausgestrahlt werden soll? Wenn Lachie und ich dann gerade in Venedig sind und man uns nach der Ausstrahlung die Bude einrennt, ist der Detektei nicht geholfen.«
»Nein«, antwortete Finola. »Das hier ist nur eine ganz allgemeine Anfrage. Ich denke aber, dass man mit den Radioleuten darüber reden kann, wann genau das aufgenommen wird und mit welchen Sendeterminen wir einverstanden wären.«
»Klär das doch bitte kurz ab. Und du kannst natürlich nicht unter deinem echten Namen hingehen, sondern solltest als unsere Mitarbeiterin dort auftauchen. Adriana Ponte, wie klingt das?«
»Adriana Ponte? Du hast wohl ein bisschen zu lange in dein Venedig-Buch geschaut.«
»Nicht nur das.« Anne lachte. »Ich habe sogar angefangen, meine wenigen Brocken Italienisch aufzufrischen.«
»Und ich soll das jetzt ausbaden?«
»Si.« Anne grinste. »Ich bin mir sicher, dass du das ganz wunderbar hinkriegst.«
Finola schickte also umgehend eine freundliche E-Mail an Braw Edinburgh und erklärte, MacTavish & Scott sei natürlich gerne bereit, Auskunft zu erteilen, sofern der Termin für die Aufnahme und auch der für die Ausstrahlung der Podcast-Folge passten.
Keine zehn Minuten nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte, klingelte das Telefon. Anne nahm den Anruf entgegen.
»MacTavish & Scott. Anne Scott am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?« Sie lauschte, lächelte und winkte Finola. »Danke für Ihre schnelle Antwort, Ms McBaines. Ich stelle Sie gleich auf laut, wenn das okay ist, dann können Ms MacTavish und ich Sie beide hören.«
»Ja, gerne, natürlich«, klang Isla McBaines’ Stimme aus dem Lautsprecher. »Ich habe mich eben sehr gefreut, als ich die Mail von Ms MacTavish bekommen habe. Ich wollte mich immer schon einmal mit einer Privatdetektivin unterhalten. Und unsere Hörerinnen und Hörer werden begeistert sein. Schließlich zieht das Thema ›Krimi‹ in den Medien ausgesprochen gut.«
»Wobei ich betonen muss, dass wir hier, anders als im Fernsehkrimi, keine Mordfälle lösen«, warf Finola ein. »Das ist Sache der Polizei. Aber es gibt ja auch noch weitere Verbrechen. Und natürlich besteht ein großer Teil unserer Arbeit aus einfachen Suchen oder Observierungen verdächtiger Personen.«
»Damit meinen Sie wahrscheinlich betrügerische Ehemänner?« Isla McBaines lachte. »Das kann doch sicher spannend sein.«
»Kann, muss es aber nicht. Und es geht längst nicht so oft um eheliche Untreue, wie Sie sich das jetzt vielleicht vorstellen«, warf Anne ein und hob die Brauen.
Finola grinste und ergänzte: »Außerdem – stundenlang im Regen stehen und eine Haustür im Blick behalten – das ist nicht unbedingt sehr vergnüglich.«
»Ich verstehe. Darüber können wir gerne im Podcast sprechen. Und natürlich richten wir uns mit den Terminen ganz nach Ihnen. Die Folgen werden jeden Samstag online gestellt, da ist es leicht, sie ein bisschen hin- und herzuschieben und die Reihenfolge anzupassen. Für die Aufnahme sagen Sie mir einfach kurz Bescheid, wann es bei Ihnen passt. Die können wir auch schon bald machen, selbst wenn wir sie später erst veröffentlichen. Grundsätzliches ändert sich ja an Ihrer Arbeit nicht, oder?«
»Nein.«
»Sehr gut. Wann möchte denn eine von Ihnen vorbeikommen? Wir rechnen ein bis eineinhalb Stunden für das Aufnahmetreffen, die Folge wird dann etwa dreißig Minuten lang sein.«
»Leider sind wir beide zurzeit unabkömmlich«, übernahm Anne wieder die Gesprächsführung. »Aber Sie hatten ja geschrieben, dass auch eine unserer Mitarbeiterinnen infrage käme.«
»Sie wollen also eine Angestellte schicken?« In Isla McBaines’ Stimme war nun doch eine leichte Enttäuschung zu hören.
Anne schmunzelte, ließ sich jedoch nicht beirren. »Eine unserer erfahrensten Detektivinnen hätte zum Beispiel morgen oder am Mittwoch am späten Vormittag Zeit.«
»Ähm. Ja. Also. Ich bin immer montags bis mittwochs im Sender. Sollen wir sagen, morgen um elf? Oder müssen Sie erst noch Rücksprache mit ihrer Mitarbeiterin halten?«
Anne warf Finola einen fragenden Blick zu. Diese nickte grinsend.
»Ich trage den Termin in den Kalender ein«, antwortete Anne. »Falls doch etwas dazwischenkommen sollte, melden wir uns natürlich sofort.«
»Das wäre schön. Wen darf ich denn nun erwarten? Ich bräuchte noch den Namen Ihrer Mitarbeiterin.«
Anne gab Finola mit einer Geste zu verstehen, dass diese entscheidende Antwort bei ihr lag.
»Adriana Ponte«, sagte Finola schmunzelnd.
»Oh, das klingt aber nicht besonders schottisch.«
»Adriana wurde zwar in Italien geboren, sie lebt allerdings schon sehr lange als britische Staatsbürgerin hier in Schottland«, fabulierte Finola. »Ist das etwa ein Problem?«
»Nein, nein. Natürlich nicht«, versicherte Isla McBaines. »Und wenn Sie sagen, sie ist erfahren …«
»Sie hat unser vollstes Vertrauen«, bestätigte Anne.
Es ging auf zwölf Uhr mittags zu, als endlich Ùna auftauchte.
»Ihr glaubt nicht, was heute auf den Straßen los ist«, stöhnte sie. »Und irgend so ein Idiot hat an der Baustelle bei Forfar einen Unfall verursacht, und es gab einen Riesenstau. Ich war völlig verschwitzt, bis ich in Edinburgh war. Und dann wurde das Wasser in der Dusche nicht warm!«
»Du kannst hier das Bad benutzen«, bot Anne an.
»Nein danke, nicht nötig. Ich hab eben kalt geduscht.« Ùnas Grimasse zeigte deutlich, was sie davon hielt.
»Tee?«, fragte Anne und stand auf.
»Liebend gerne!«
Während Anne in die Küche ging, um dort eine Kanne Tee und ein wenig Milch zu holen, stellte Finola drei der bunten Becher aus dem Regal auf das Tischchen in der Sitzecke.
»Wir haben mit der Montagsbesprechung auf dich gewartet«, erklärte sie. »Viel los ist nämlich gerade nicht.«
»Keine neuen Aufträge?«, fragte Ùna überrascht und setzte sich auf einem der Sessel bereit. »In den letzten Wochen waren wir doch so gefragt.«
»Könnte eine Spätsommerflaute sein. Oder einfach Zufall. Warten wir’s ab. Immerhin kriegen wir bald eine super Werbung.« Finola nahm ebenfalls Platz.
»Was für eine …«
»Tee und Shortbread«, verkündete Anne und brachte beides herein. »Damit wir alle in den entsprechenden Arbeitsmodus finden. Ich hoffe, abgesehen von der Rückfahrt war dein Wochenende mit den Kindern schön, Ùna?«
Ùna nickte. »Wir haben uns richtig gut verstanden. Ich war sogar mit Sheena shoppen, ohne dass wir uns gestritten haben, und Tyrone hat mir auf dem Cello das Stück vorgespielt, mit dem er beim nächsten Musikwettbewerb gewinnen will. Von mir aus hat er schon gewonnen.«
»Klingt gut«, kommentierte Finola. »Hoffen wir mal, dass es so bleibt.«
Ùna lachte. »Daran glaube ich nicht wirklich. Sheena ist fünfzehn! Ich weiß ja nicht, wie du in dem Alter warst …«
Finola hob abwehrend die Hände. »Das erzähl ich dir besser nicht!«
Anne goss den Tee ein, und alle nahmen sich ein wenig Milch dazu. Zucker im Tee mochte keine von ihnen.
»Finola wollte mir gerade was von Werbung für MacTavish & Scott berichten«, sagte Ùna. »Macht die Auftragslage das wirklich notwendig? Ich dachte, nachdem ihr mich eingestellt habt …«
Sie atmete tief ein und dann langsam wieder aus, und Finola sah ihr an, dass sie besorgt war.
Anne lächelte beruhigend. »Nur weil uns drei Tage lang kein neuer Fall auf den Tisch geflattert ist, heißt es nicht, dass wir in Schwierigkeiten sind. Lachie ist zurzeit noch an einer größeren Sache dran.«
»Lachie? Wo ist er überhaupt?«
»Beim Friseur.«
»Ich dachte, du schneidest ihm die Haare«, wunderte sich Finola.
»Eigentlich ja, aber dieser Friseur steht unter Verdacht, mit Drogen zu handeln, und Lachie wollte sich seinen Salon mal persönlich anschauen.«
»Er könnte sich eine Dauerwelle machen lassen«, schlug Finola vor. »Dabei kann er besonders lange da rumsitzen und beobachten.«
Anne runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich das Ergebnis sehen will.«
Ùna lachte. »Also, was ist denn jetzt mit der tollen Werbesache. Finola, du weißt doch, wer gackert, muss auch ein Ei legen.«
»Wir sind zu einem Podcast im Lokalradio eingeladen worden. Ein Interview mit einer Privatdetektivin finden die spannend.«
Ùna nickte. »Klingt gut. Und das hören sicher viele, auch welche, die einen Auftrag für uns haben könnten.«
»Eben«, sagte Finola und nippte an ihrem Tee. »Wir haben deshalb beschlossen, dass ich morgen zur Aufnahme gehe, allerdings als unsere erfahrene Mitarbeiterin Adriana Ponte, damit ich anonym bleiben kann.«
»Dann wirst du dich also wieder verkleiden?« Ùna grinste erfreut.
»Nur ein bisschen. Schließlich wird man mich im Radio hören und nicht sehen. Und deshalb werde ich den heutigen Nachmittag dazu nutzen, mir einen leichten italienischen Akzent anzueignen.«
»Ottimo, mia cara!«, sagte Anne.
