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Mit dem Oldtimer – und einer Mord-Drohung – zu den malerischsten Orten der Provence »Madame le Commissaire und die tödliche Rallye« ist der 13. Urlaubskrimi um Isabelle Bonnet von Bestseller-Autor Pierre Martin. Madame le Commissaire Isabelle Bonnet hat eine heimliche Leidenschaft: Sie begeistert sich für Motorräder und schnelle Autos. Das weiß auch ihr Chef – und macht sie kurzerhand zur Personenschützerin für die Frau eines Ministers. Denn die will an einer Oldtimer-Rallye teilnehmen, obwohl sie eine Morddrohung erhalten hat. Der Mut der Frau gefällt Isabelle. Dass sie selbst auf dem Beifahrersitz Platz nehmen soll, findet sie dagegen weniger erfreulich, auch wenn es durch die schönsten Orte der Provence gehen wird. Am mythischen Mont Ventoux wird es zum ersten Mal gefährlich: Die steile Straße eignet sich perfekt für einen Anschlag. Zwar bleibt dieser dort aus, aber später ist Isabelle gleich mehrfach gefordert, das Leben ihrer Schutzbefohlenen zu retten. Doch die Beifahrerin eines anderen Oldtimers hat weniger Glück, sie wird vergiftet. Eine Verwechslung? Provence-Krimi mit traumhaftem Urlaubsflair, sympathischen Figuren und einer Prise Witz Begleiten Sie Isabelle Bonnet auf Mörder-Jagd von Avignon über die duftenden Lavendelfelder bei Abbaye Notre-Dame de Sénanque und das malerische Bergdorf Gordes bis nach Saint-Tropez. Der Wohlfühlkrimi bietet spannendeUrlaubslektüre für alle Frankreich-Fans. Die atmosphärische Krimi-Reihe um Kommissarin Isabelle Bonnet und ihren liebenswerten Assistenten Apollinaire ist in folgender Reihenfolge erschienen: - Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer - Madame le Commissaire und die späte Rache - Madame le Commissaire und der Tod des Polizeichefs - Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild - Madame le Commissaire und die tote Nonne - Madame le Commissaire und der tote Liebhaber - Madame le Commissaire und die Frau ohne Gedächtnis - Madame le Commissaire und die panische Diva - Madame le Commissaire und die Villa der Frauen - Madame le Commissaire und die Mauer des Schweigens - Madame le Commissaire und das geheime Dossier - Madame le Commissaire und die gefährliche Begierde - Madame le Commissaire und die tödliche Rallye Entdecken Sie auch Pierre Martins zweite Urlaubskrimi-Reihe aus Südfrankreich, »Monsieur le Comte«, der Auftragsmörder wider Willen.
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2026
Pierre Martin
Ein Provence-Krimi
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Madame le Commissaire hat eine heimliche Leidenschaft: Sie begeistert sich für Motorräder und schnelle Autos. Das weiß auch ihr Chef – und macht sie kurzerhand zur Personenschützerin für die Frau eines Ministers. Denn die will an einer Oldtimer-Rallye teilnehmen, obwohl sie eine Morddrohung erhalten hat. Der Mut der Frau gefällt Isabelle. Dass sie selbst auf dem Beifahrersitz Platz nehmen soll, findet sie dagegen weniger erfreulich. Am mythischen Berg Mont Ventoux wird es zum ersten Mal gefährlich: Die steile Straße eignet sich perfekt für einen Anschlag. Zwar bleibt dieser dort aus, aber später ist Isabelle gleich mehrfach gefordert, das Leben ihrer Schutzbefohlenen zu retten. Doch die Beifahrerin eines anderen Oldtimers hat weniger Glück, sie wird vergiftet. Eine Verwechslung?
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Premier Prologue
Deuxième Prologue
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
Épilogue
Nachbemerkung
Madame le Commissaire – alle bisher erschienenen Bände
Seine Hand zitterte. Das durfte nicht sein, wollte er sich nicht gleich in die Luft sprengen. Er atmete tief ein und langsam wieder aus. Dabei erinnerte er sich an Paris, an einen frühen Morgen am Seine-Ufer. Auch da war es ihm schwergefallen, seine Nervosität zu bekämpfen. Mit dem Ergebnis, dass er jämmerlich versagt hatte. Dabei wäre es so einfach gewesen. Er hatte hinter einer niedrigen Mauer Position bezogen – und gewartet. Seine Aufregung konnte er nicht ablegen. Trotzdem hatte er keine Zweifel am Erfolg seiner Mission.
Schon sah er die Joggerin näher kommen, der er gleich eine Kugel in den Kopf jagen würde. Der Leibwächter, der sie begleitete, würde es nicht verhindern können. Die Joggingstrecke führte direkt an seinem Versteck vorbei. Eine Angelegenheit von Sekunden. Mit entsicherter Pistole schätzte er die Entfernung ab. Noch wenige Schritte, dann war es so weit: Er richtete sich auf und feuerte aus unmittelbarer Nähe.
Die Frau war eigentlich nicht zu verfehlen, aber seine Kugel ging an ihr vorbei und streifte den Leibwächter. Der ging zu Boden und riss seine Schutzbefohlene mit sich … Das war es dann gewesen. Mission gescheitert! Ihm blieb nur noch, die Flucht anzutreten. Als er außer Sichtweite war, riss er sich die Sturmhaube vom Kopf. »Merde, merde«, fluchte er. Das Miststück hatte überlebt.
Das war erst wenige Wochen her. Und jetzt? Jetzt bekam er seine zweite Chance. Auf die hatte er geduldig gewartet. Er musste nur noch seine Aufregung unterdrücken und einen kühlen Kopf bewahren. Er kauerte hinter einem Oldtimer und überzeugte sich, dass er alleine war. Dann lief er geduckt zu einem roten Ferrari. Er wusste genau, wem er gehörte: nämlich der verhassten Joggerin vom Seine-Ufer, einer Frau im mittleren Alter, die viel Schuld auf sich geladen hatte.
Noch konnte nichts passieren, denn die Granate in seiner Hand war gesichert. Auf der Fahrerseite des Sportwagens legte er sich flach auf den Boden. Wie war es um seine Nerven bestellt? Egal, jetzt kam es darauf an. Wenn er einen Fehler machte, war das sein Ende. Und die fürchterliche Person würde ihrer gerechten Strafe entgehen. Er zog den Sicherungsstift aus der Eierhandgranate, jetzt war sie scharf. Sobald er den Bügel losließ, würde sie Sekunden später explodieren.
Er hörte Stimmen näher kommen. Putain, jetzt geriet er sogar noch unter Zeitdruck. Vorsichtig klemmte er die Granate unter den Vorderreifen des Ferraris – und zwar so, dass der Bügel fest angedrückt blieb. Langsam ließ er die Granate los. Jetzt entschied es sich: Sollte sie abrutschen, wäre er geliefert. Er hielt die Luft an. Nichts passierte. Er schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel … Dieu merci!
Eilig trat er den Rückzug an. Er musste so schnell wie möglich einen ausreichend großen Sicherheitsabstand herstellen. Denn sobald die Frau, die er so abgrundtief hasste, in ihr Auto stieg und nur leicht das Lenkrad bewegte, würde sie sich in die Luft sprengen. Nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Beifahrerin, die nichts dafürkonnte. Wie auch alle anderen Menschen, die nicht weit genug entfernt waren. Es würde ein Blutbad geben. Aber das würde er kalt lächelnd in Kauf nehmen.
Isabelle sollte nicht hier sein. Darüber war sie sich im Klaren. Und doch konnte sie nicht anders. Sie saß auf einer Bank im Jardin du Luxembourg und blickte ins Leere. Was um sie herum geschah, nahm sie nicht wahr. Weder bemerkte sie die spielenden Kinder noch ein knutschendes Liebespaar. Isabelle hatte eine dunkle Sonnenbrille auf und trug einen schwarzen Hosenanzug. Dass sie barfuß war, wollte nicht dazu passen. War aber der Not geschuldet: Die neuen Pumps drückten und lagen neben ihr auf der Bank.
Eigentlich sollte sie nicht hier sein, ging ihr immer wieder durch den Kopf. Wobei der großartige Jardin du Luxembourg nichts dafürkonnte. Sie faltete die Hände und presste sie so fest, dass sie schmerzten und die Knöchel weiß hervortraten.
Der Pariser Schlosspark war so gut wie jeder andere Ort – und gleichzeitig genauso falsch. Denn es ging nicht darum, wo sie sich gerade befand, sondern darum, wo sie gerade eben nicht war, nämlich auf dem Cimetière Père Lachaise. Vor einer guten halben Stunde war sie bereits dort gewesen und hatte sich in die Schlange der eintreffenden Trauergäste eingereiht. Plötzlich hatte sie eine Panikattacke bekommen. Sie war zitternd stehen geblieben, ihr wurde schwindlig, und sie bekam keine Luft.
Kurz entschlossen hatte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und die Flucht angetreten. Sie hatte ein Taxi angehalten und dem Fahrer gesagt, er solle sie möglichst schnell von hier wegbringen. Das Ziel war ihr egal. Am besten auf die andere Seite der Seine. Rive gauche statt Rive droite. Der Fluss als emotionaler Wassergraben. Wie wäre es mit dem Jardin du Luxembourg, hatte der Fahrer vorgeschlagen. Pourquoi pas!
Und jetzt? Jetzt saß sie hier und wusste, dass sie auf dem Friedhof vermisst wurde. Ihr Platz wäre in der ersten Reihe vor dem Mausoleum der ehrwürdigen und überaus vermögenden Familie Mardrinac. Viele Berühmtheiten hatten auf dem Cimetière Père Lachaise ihre letzte Ruhestätte gefunden. Frédéric Chopin, Oscar Wilde, Jim Morrison, Marcel Proust – auch Édith Piaf.
Je ne regrette rien? Nein, für Reue gab es für Isabelle keinen Anlass. Mit Rouven Mardrinac verband sie eine lange Freundschaft, wobei der Ausdruck Liebschaft zutreffender wäre. Da gab es nichts zu bedauern, ganz im Gegenteil. War es ein Fehler gewesen, den milliardenschweren Kunstmäzen nicht zu heiraten? Er hatte es sich gewünscht. Aber sie war nicht bereit gewesen, ihr Leben in der Provence und ihren Beruf als Kommissarin der Police nationale aufzugeben. Sie sah ihre Zukunft nicht in der Welt der High Society. Dass Rouven nicht ewig Junggeselle bleiben würde, war ihr klar gewesen. Folglich hatte es sie nicht überrascht, als er seine Verlobung mit Angela d’Agostin bekannt gab. Es hatte sie gefreut, dass er mit der prominenten Bürgerrechts- und Opferanwältin eine gute Wahl getroffen hatte.
Ein roter Fußball rollte vor ihre Bank. Isabelle kickte ihn zurück. Immerhin hatte sie sich so weit gefangen, dass sie die Kinder zur Kenntnis nahm. Sie machte Fortschritte.
Ihre Gedanken schweiften erneut zu Rouven Mardrinac und Angela d’Agostin. Der Hochzeitstermin hatte schon festgestanden. Isabelle hatte versprochen, an der Feier teilzunehmen. Auch wenn aus dem Ort ein Geheimnis gemacht wurde. Sie wäre überall hingekommen – im Zweifelsfall in Rouvens Privatjet. Wie so häufig in der Vergangenheit.
Isabelle atmete tief durch. Sie erinnerte sich an den Schock, als sie vom Absturz seiner Maschine erfahren hatte. Und an die Nachricht, dass es keine Überlebenden gab.
Die Leichen wurden an einem Berg in den Pyrenäen geborgen, an dem der Jet zerschellt war. Noch immer war unklar, wie es zu dieser Katastrophe hatte kommen können. Ein Pilotenfehler? Ein technischer Defekt? Oder … oder ein Attentat? In den Boulevardmedien, und nicht nur dort, überschlugen sich die Spekulationen.
Isabelle langte sich an die Stirn. Obwohl heute ein sommerheißer Tag war, fühlte sie sich kalt an. Genauso war ihr auch zumute.
Ihr war klar, warum sie auf dem Cimetière Père Lachaise die Flucht ergriffen hatte. Nach einem Bombenattentat, bei dem sie vor Jahren fast ums Leben gekommen wäre, hatte sie sich geschworen, nie mehr an einer Trauerfeier teilzunehmen. Denn immer wieder würde sie an die toten Kollegen erinnert werden. Psychologen hatten ihr ein schweres Trauma attestiert.
Doch heute hatte sie sich fest vorgenommen, keine Schwäche zu zeigen. Das glaubte sie Rouven Mardrinac schuldig zu sein. Aber sie hatte es nicht geschafft.
Wie lange würde die cérémonie funèbre dauern? Isabelle vermutete, dass sie gerade dem Ende zuging. Ihr Handy hatte sie ausgeschaltet. Sie nahm die schwarzen Pumps in die Hand und stand auf. Barfuß lief sie am großen Bassin vorbei zum Ausgang am Boulevard Saint-Michel. Dort würde sie sich ein Taxi nehmen und zurück ins Hotel fahren. Sie würde duschen, die Vorhänge zuziehen und sich aufs Bett legen – mit einem schlechten Gewissen. Aber es war nicht zu ändern.
Die Provence war für Isabelle Bonnet eine Sehnsuchtsregion, in der sie das Privileg hatte, leben zu dürfen. Reflexartig dachte sie an blühende Lavendelfelder, sie hörte das Zirpen der Zikaden, der Duft von Rosmarin stieg ihr in die Nase. Thymian, Basilikum, Majoran. Das Glitzern des Meeres. Das magische Licht, das Künstler wie Picasso, van Gogh, Renoir oder Matisse inspiriert hat.
Isabelle, die auf ihrer kleinen Dachterrasse im Schatten eines Sonnenschirms ihren Gedanken nachhing, musste lächeln. Denn natürlich waren das Klischees, die üblicherweise mit der Provence verbunden wurden. Und wie alle Klischees entsprachen sie nicht unbedingt der Wirklichkeit. Zum Beispiel gerade jetzt auf ihrer Dachterrasse. Da blühten keine Lavendelfelder. Immerhin hatte sie Terrakotta-Töpfe mit Rosmarin und Thymian. Statt dem Zirpen der Zikaden hörte sie einen Hund bellen. Doch wenn sie sich auf die Zehen stellte, konnte sie über die Dächer der Altstadt hinweg in der Ferne das azurblaue Meer sehen.
Sie dachte, dass der Ort Fragolin, wo sie wohnte und sich auch ihr Kommissariat befand, seine besonderen Vorzüge hatte. Zum Beispiel war er in der Saison weniger von Touristen überlaufen. Im Hinterland des Massif des Maures gelegen, hatte sich Fragolin den Charakter eines typischen provenzalischen Dorfes bewahrt. Umgeben von Korkeichen und Kastanienbäumen, galt Fragolin als village de caractère.
Für Isabelle war Fragolin vor allem auch ein Ort der Entspannung: un village de détente. Hier hatte sie schwer traumatisiert wieder zu sich selbst gefunden. Viele Jahre war das bereits her.
In Paris, das hatte sie gerade erneut erfahren, kamen die alten Ängste wieder hoch, quälten sie die Geister der Vergangenheit. Kaum war sie zurück in der Provence, geriet ihr inneres Gleichgewicht schnell wieder ins Lot.
Natürlich war das Leben auch hier nicht immer einfach. Es gab Rückschläge. Aber sie hatte den festen Vorsatz, sich nicht unterkriegen zu lassen und die schönen Momente zu genießen. Ihre Tätigkeit als Kommissarin der Police nationale stand dem nicht entgegen. Sie war sogar eine Voraussetzung, denn sie brauchte die Abwechslung. Nur in den Tag hineinzuleben wäre ihr auf Dauer zu langweilig. Außerdem war sie mit Leidenschaft Polizistin. Und es gab nichts, was sie besser konnte.
Eine Stunde später machte sie sich auf den Weg zum Kommissariat. Dort wartete zwar keine Arbeit auf sie, aber sie wollte nach ihrem Assistenten Apollinaire sehen. Erstens sollte er wissen, dass sie an ihn dachte, selbst wenn nichts zu tun war. Das war eine Frage der Wertschätzung. Apollinaire hatte einen sensiblen Charakter. Und zweitens wollte sie wissen, womit er sich beschäftigte. Er hatte ein Talent, sich die unsinnigsten Projekte auszudenken. Es war noch nicht so lange her, da hatte er einen blechernen Sanitätskasten in die Luft gesprengt und dabei die kleine Küche im Kommissariat verwüstet. Gerechtfertigt hatte er die Aktion mit einem forensischen Experiment. Es durfte als gescheitert angesehen werden. Vergleichsweise harmlos hatte sich die Umgestaltung ihrer Büroräume nach den Grundsätzen der chinesischen Harmonielehre Feng-Shui erwiesen. Apollinaire war davon überzeugt, dass sich auf diese Weise ihre Ermittlungsergebnisse verbessern ließen. Einfach deshalb, weil sich im Kommissariat die Gedanken jetzt ungestört bewegen könnten. Der Beweis für seine Theorie konnte nicht erbracht werden. Denn schon vor dem großen Stühle- und Tischerücken hatten sie eine Aufklärungsquote von hundert Prozent. Daran hatte sich auch danach nichts geändert.
Isabelle lief gemächlich durch die Gassen Fragolins. In weißen Baumwolljeans, T-Shirt und Ledersandalen aus Saint-Tropez. Nur kurz dachte sie an den schwarzen Hosenanzug, den sie in Paris getragen hatte, und an die unbequemen Pumps. Sie begrüßte den Dorfpfarrer, der ihr Gottes Segen wünschte. Que Dieu vous bénisse … Sie kam an dem Souvenirladen ihrer Freundin Clodine vorbei. An der Tür hing ein Schild: Fermé!Jesuis à la plage. Am Strand wäre sie jetzt wohl gerne, dachte Isabelle, aber für eine Mittagspause war er zu weit entfernt.
Vor dem Rathaus, in dem ihr Kommissariat untergebracht war, stand eine schwere Harley-Davidson. Im absoluten Halteverbot, aber jeder in Fragolin wusste, dass das ihr Motorrad war. Niemand würde es wagen, sie deshalb anzuzeigen – nicht einmal die Gendarmerie. Isabelle hatte sich immer noch nicht für ein neues Auto entscheiden können. Noch trauerte sie ihrem alten Mustang Cabrio nach.
Im Vorbeigehen strich sie über den Ledersattel der Maschine. »Bald machen wir wieder einen Ausflug«, flüsterte sie. Très bientôt. Sie wusste auch schon, wohin.
Bevor sie den Gedanken weiterverfolgen konnte, wurde sie von einer hoch aufgeschossenen, hageren Gestalt abgelenkt, die gerade aus dem Hôtel de ville kam. In einem weißen Overall, wie er normalerweise von Kriminaltechnikern getragen wurde, wenn sie an einem Tatort Spuren sicherten.
Kurz schoss ihr durch den Kopf, dass im Rathaus etwas passiert sein könnte. Weil sie aber Apollinaire erkannte, der einen seltsamen kleinen Käfig in der Hand trug, verwarf sie den Gedanken.
»Bonjour, Madame, bitte lassen Sie sich nicht durch meinen Overall irritieren«, begrüßte er sie.
Sie hob amüsiert eine Augenbraue.
»Ihre Kostümierung wirft tatsächlich einige Fragen auf. Aber ich hoffe, sonst geht es Ihnen gut.«
»Mir geht es sogar sehr gut, und ich mache Fortschritte.«
»Fortschritte? Wobei?«
Er deutete auf die Drahtbox.
»Unsere ungebetenen Mitbewohner im Rathaus auszuquartieren.«
Isabelle beugte sich zur Box. Eine kleine Maus starrte sie aus großen Augen an.
»Sie fangen Mäuse? Ich wusste gar nicht, dass wir im Rathaus welche haben.«
»Sie erinnern sich an den Internetausfall vor einigen Wochen? Damals hatten Mäuse ein Kabel durchgenagt. Ich finde, damit sind sie zu weit gegangen. Außerdem verweist unsere Bürgermeisterin auf gefährliche Krankheiten, die durch Mäuse übertragen werden.«
»Wie zum Beispiel die Pest?«, sagte sie im Scherz.
Er hob einen Zeigefinger. Die Geste kannte sie. Gleich würde er ihr einen Vortrag halten.
»Da muss ich Sie korrigieren«, sagte er prompt. »Die Pest wird durch Flöhe oder Läuse übertragen. Auslöser ist das Bakterium Yersinia pestis. Mäuse und Ratten sind als Wirtstiere nur indirekt beteiligt. Allerdings sind wir in Südfrankreich besonders gefährdet. In Marseille und Umgebung sind erst kürzlich fünfzigtausend Menschen an der Pest gestorben.«
»Kürzlich?«
»Nun ja, in zeitgeschichtlicher Dimension, die Epidemie war 1720. Übrigens die letzte große in ganz Europa. Aber was sind schon dreihundert Jahre?«
Isabelle lachte.
»Ist jedenfalls lange genug, sodass ich mir keine aktuellen Sorgen mache.«
»Dafür besteht tatsächlich kein Anlass. Aber unsere Bürgermeisterin hat zu Recht auf aktuelle Gefährdungen hingewiesen. Durch Mäuse können Krankheiten wie Typhus oder das Hantavirus übertragen werden. Wäre nicht gut, wenn sich unsere Bürger und Bürgerinnen ausgerechnet im Rathaus infizieren. Das würde ein schlechtes Licht auf die kommunale Verwaltung werfen.«
»Und Chantals Wiederwahl gefährden. Jetzt verstehe ich aber immer noch nicht, warum Sie diesen dünnen Overall tragen. Ich glaube kaum, dass er vor Mäusebissen schützt.«
»Darunter trage ich meine Uniformhose und mein weißes Hemd mit Krawatte«, erklärte er. »Ich will sicherstellen, dass sie nicht beschmutzt werden.«
»Sie könnten auch in Freizeitkleidung kommen.«
Apollinaire sah sie zweifelnd an.
»Das widerspräche unseren Dienstvorschriften. Als Brigadier der Police nationale muss ich allzeit korrekt gekleidet sein.«
Isabelle dachte an seine Marotte, zur Uniform grundsätzlich verschiedenfarbige Socken zu tragen. Das widersprach vermutlich auch den Vorschriften, aber gehörte zu seiner Persönlichkeit.
Erneut deutete sie auf den kleinen Käfig.
»Sie haben die Maus lebend gefangen, was machen Sie jetzt mit ihr? Wollen Sie sie im Freien aussetzen und darauf warten, dass sie wieder zurückfindet? Und wie hoch schätzen Sie eigentlich die Mäusepopulation im Rathaus? Scheint mir eine Sisyphusarbeit zu sein.«
Apollinaire fuhr sich nervös durch die Haare.
»Madame, das ist eine überkomplexe Fragestellung. Wie soll ich darauf eine einfache Antwort geben? Und wo soll ich anfangen? Erlauben Sie mir die Vorbemerkung, dass der griechische Sisyphus die Götter verärgert hatte und ihm deshalb die Strafe mit dem riesigen Stein auferlegt wurde. Ich aber mache den Job freiwillig. Nun zum Punkt, warum ich die niedlichen Tiere am Leben lasse: Wie Sie wissen, bin ich ein Gegner der Todesstrafe und befürworte einen humanen Strafvollzug. Dieses Grundrecht billige ich auch unseren kleinen Nagern zu. Ich ködere sie in Lebendfallen, den größten Erfolg habe ich übrigens mit Schokoriegeln, und entlasse sie weit außerhalb von Fragolin in einer alten Ruine. Dort können sie sich ein neues Zuhause schaffen. Insgesamt habe ich bereits dreiundzwanzig Mäuse umquartiert. Als weitere Maßnahme habe ich im gesamten Rathaus elektronische Geräte platziert, die Ultraschallwellen aussenden. Bei Mäusen und Ratten wirken sie direkt aufs Nervensystem und schlagen sie in die Flucht. Das ist wissenschaftlich erwiesen und deckt sich mit meinen vorläufigen Untersuchungsergebnissen …«
Isabelle winkte ab.
»Sie haben mich überzeugt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Unsere Bürgermeisterin wird es Ihnen danken.«
»Ich bemühe mich, das Projekt mairie sans souris zeitnah zum Abschluss zu bringen …«
Isabelle schmunzelte. Rathaus ohne Mäuse klang lieb. Und war auf charmante Weise doppeldeutig, denn die Verwaltung war chronisch unterfinanziert.
»Anschließend«, fuhr Apollinaire fort, »kann ich mich wieder uneingeschränkt auf unseren nächsten Kriminalfall konzentrieren.«
»Vorläufig haben wir keinen«, stellte sie fest.
»Ich weiß, aber wie ich Sie kenne, wird es nicht lange dauern.« Apollinaire zögerte. »Darf ich Sie was fragen? Sie müssen mir auch keine Antwort geben. Wie war es in Paris? Wie ich weiß, hassen Sie Trauerfeierlichkeiten.«
»Ich muss keine Antwort geben? Dann lassen wir es bitte dabei. Nur so viel: Ich wäre besser nicht hingefahren.«
»Habe ich mir fast gedacht«, sagte er mit zerfurchter Stirn.
Trotz der ernsten Thematik hätte Isabelle bei seinem Anblick fast lachen müssen. Vor ihr stand mit sorgenvoller Miene ein hoch aufgeschossener Mäusefänger im weißen Overall und mit einem kleinen Käfig in der Hand. Ein Bild für Götter. So nah lagen Freud und Leid beieinander.
»Dann halte ich Sie nicht weiter auf«, sagte sie. »Ich gehe nur kurz ins Kommissariat und sehe den Posteingang durch. Dann bin ich wieder weg.«
»Wir haben keine Post. Den Weg können Sie sich sparen.«
Isabelle wunderte sich nicht wirklich, denn ihre Außenstelle der Police nationale war so klein und scheinbar unbedeutend, dass sie in keinem Postverteiler vorkam. Das war ein unschätzbarer Vorteil.
»Ach so«, fiel Apollinaire noch ein, »es gibt eine Mail von der Zentrale in Toulon. Commandant Richeloin drängt darauf, zukünftig über all unsere Aktivitäten zeitnah und umfassend informiert zu werden. Dies sei eine offizielle Dienstanweisung.«
Den Versuch machte Richeloin nicht zum ersten Mal, dachte Isabelle. Wie immer würde er damit keinen Erfolg haben. Zwar gehörte Fragolin zur Region Provence-Alpes-Côte d’Azur und damit nach Verständnis des Commandant in seinen Zuständigkeitsbereich, aber ihr Kommissariat unterstand direkt dem Innenministerium in Paris. Ihre Anweisungen bekam sie von Maurice Balancourt. Nur ihm war sie Rechenschaft schuldig – ob es dem Commandant in Toulon nun passte oder nicht. Aber der Stachel saß tief.
»Denken Sie, wir sollten darauf antworten?«, fragte sie.
Apollinaire schwenkte seinen kleinen Käfig hin und her. Hoffentlich wurde der Maus dabei nicht schlecht.
»Auf keinen Fall. Richeloin ärgert sich am meisten, wenn man ihn ignoriert. Ich schlage vor, Sie schieben die Mail direkt in den Papierkorb.«
»Das ist ein sehr konstruktiver Vorschlag. Jedenfalls werde ich seine ›Dienstanweisung‹ nicht zur Kenntnis nehmen.«
»Alternativ könnten Sie die Mail an Balancourt weiterleiten, dann bekäme er von ganz oben einen Rüffel.«
»Die Aufmerksamkeit hat der Commandant nicht verdient. Papierkorb ist definitiv besser.«
Wenn es im Leben, überlegte Isabelle, nur immer so einfach wäre. Alle Probleme und Sorgen einfach anklicken, in eine corbeille verschieben und nicht mehr daran denken? Ihre Freundin Clodine konnte das, aber sie hatte auch ein sonniges Gemüt.
Eine halbe Stunde später stand Isabelle am Fenster des Rathauses und beobachtete, wie Apollinaire seinen 2CV startete. Beim dritten Versuch sprang er an. Sie wusste, wo er hinwollte: zur Ruine im Wald, um dort die gefangenen Mäuse auszusetzen. Auf so eine skurrile Idee konnte auch nur er kommen. Der Einfall war sympathisch, aber als Geschäftsmodell völlig untauglich.
Weil es im Kommissariat tatsächlich nichts zu tun gab, schaltete Isabelle den Computer aus, entrichtete dem gerahmten Bild von Charles de Gaulle einen militärischen Gruß und schloss hinter sich ab. So etwas wie Bereitschaftsdienst gab es nicht. Für etwaige Zwischenfälle war die Gendarmerie nationale zuständig. Sie sorgte in Fragolin für Recht und Ordnung – hatte aber auch nur wenig zu tun.
Vor dem Souvenirladen Aux saveurs de Provence war die Markise ausgerollt. Clodine schob den Postkartenständer an die gewohnte Stelle neben den herzförmigen Seifen, die nach Lavendel und Zitronen dufteten. Die cœurs waren ihre Spezialität. Einheimische kauften nur selten welche, aber bei Touristen waren sie ein Verkaufsschlager. Beliebt waren auch die Stoffsäckchen mit getrocknetem Lavendel, ihre Kräuter der Provence und verschiedene Parfums aus Grasse. Von den Strohhüten hatte sie gleich nach ihrer Mittagspause einen verkauft. Mit der Aufschrift: Vive la vie. Tatsächlich war das Clodines Maxime. Es lebe das Leben! Und die Kundin, eine ältere Dame aus Brighton, hatte ihr augenzwinkernd versichert, dass sie genau aus diesem Grund jedes Jahr an die Côte d’Azur fuhr. Es gebe keinen besseren Ort dafür. Nur habe sie früher mehr Verehrer gehabt.
Clodine sah Isabelle näher kommen.
»Salut, ma chère«, begrüßte sie ihre Freundin. »Du kommst im richtigen Moment, ich wollte mich gerade hinsetzen und eisgekühlten thé à la menthe trinken.«
Isabelle lächelte.
»Um dich von deiner Mittagspause zu erholen?«
»Ich war bei Jacques im Bistro. Das Ratatouille war gut wie immer. Aber der Rosé ist mir irgendwie in den Kopf gestiegen.«
»Du bist doch hoffentlich nicht krank?«
»Nein, war höchstens ein Glas zu viel.« Clodine umarmte Isabelle. »Ich freu mich so, dich zu sehen. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.«
»So lange war ich nun auch nicht weg, gerade mal drei Tage.«
»Aber du warst in Paris, und ich wusste, dass es dir da nicht gut gehen wird.«
»Stimmt. War aber mein Fehler. Ich hätte nicht versuchen sollen, an der Trauerfeier teilzunehmen.«
»Aber hast du ja auch nicht«, stellte Clodine fest.
Isabelle sah sie überrascht an.
»Woher willst du das wissen?«
»Aus einer Fotostrecke in einer Illustrierten. Dort wird groß über die Beerdigung auf dem Cimetière Père Lachaise berichtet. Kein Wunder bei den vielen Prominenten unter den Trauergästen. Auf einem Bild ist die erste Reihe zu sehen. In der Mitte ist ein Platz frei. Ich denke, der war für dich vorgesehen.«
Isabelle hob die Schultern.
»Gut möglich. Aber ich war ja keine Angehörige, weiter hinten hätte ich mich wohler gefühlt.«
»Nicht wirklich«, sagte Clodine. »Auch dort hätten dich deine traumatischen Erinnerungen eingeholt. Wäre wirklich am besten, wenn du nie an einer Trauerfeier teilnimmst.« Clodine lachte. »Mit einer Ausnahme natürlich, falls ich vor dir sterben sollte.«
»Ist bei meinem Beruf unwahrscheinlich. Aber okay, versprochen!«
Clodine legte den Kopf nachdenklich zur Seite.
»Du warst auf dem Friedhof zwar keine Angehörige, aber es gab zwei unmittelbar betroffene Männer, die hätten deine Unterstützung gebraucht.«
Isabelle wusste, dass ihre Freundin recht hatte. Aber sie war keine gute Seelentrösterin. Tatsächlich hätte sie vor dem Mausoleum ihren Platz zwischen zwei Männern gehabt. Auf der linken Seite Morgan Dumas, der Halbbruder von Angela d’Agostin, ein prominenter Filmschauspieler, gerade genesen von einer schweren Herzoperation – und ihr Lover. Und auf der rechten Seite? Ein Mann, den sie mindestens ebenso hätte stützen müssen. Auch mit ihm verband sie eine langjährige Liaison: Rouven Mardrinac!
Isabelle erinnerte sich an den Moment, als sie nach dem Absturz erfahren hatte, dass er nicht an Bord seines Flugzeugs gewesen war. Die Erleichterung war unbeschreiblich groß gewesen. Aber seine zukünftige Frau Angela hatte bei dem Absturz den Tod gefunden. Ihr hatte die Trauerfeier gegolten, nicht ihm. Es war Rouvens ausdrücklicher Wunsch gewesen, Angela auf dem Cimetière Père Lachaise im Mausoleum der Mardrinacs beizusetzen. Schließlich wäre sie wenige Monate später genau das gewesen: eine Mardrinac. Gattin eines der reichsten Männer Frankreichs.
»Wie verkraftet Rouven den Tod seiner Verlobten?«, fragte Clodine.
»Nicht gut. Es belastet ihn zusätzlich, dass Angela ausgerechnet mit seinem Privatjet abgestürzt ist. Er fühlt sich irgendwie schuldig.«
»Ist doch Quatsch.«
»Natürlich, aber Rouven ist empfindsamer, als er sich nach außen gibt. Außerdem sind bei dem Unglück noch weitere Menschen ums Leben gekommen: die beiden Piloten, eine Stewardess und Angelas Anwaltsgehilfin.«
»Ja, tragisch. Aber er kann nichts dafür. Was ist mit Morgan Dumas? Immerhin war Angela seine Halbschwester.«
»Er soll sich nach seiner Herz-OP schonen. Angelas Tod kommt da zum falschen Zeitpunkt. Außerdem hat er sie sehr gemocht. Und er hat nicht viel Familie. Nur noch seine kleine Tochter Naomi, aber die lebt die meiste Zeit bei ihrer Mutter auf Martinique.«
»Jetzt hat er ja dich«, stellte Clodine fest.
»Wir sind zusammen, deshalb bin ich aber noch lange nicht seine Familie. Und wir leben an getrennten Orten: er auf seinem Weingut Château Palmier und ich in Fragolin. Das wird auch so bleiben.«
Clodine nahm einen Schluck vom Minztee.
»Wenn ich es mir recht überlege, bist du in einer beneidenswerten Situation …«
»Das finde ich nun gar nicht.«
»Doch, bist du. Ich zum Beispiel bin derzeit Single und lerne nur Idioten kennen. Du dagegen hast nicht nur einen Traumtypen wie Morgan Dumas, um den dich die halbe Frauenwelt beneidet, gleichzeitig könntest du deine alte Liebe zu Rouven wieder aufleben lassen und ihn über seinen Verlust hinwegtrösten.«
Isabelle schüttelte empört den Kopf.
»Bist du verrückt? Wie es scheint, hast du bei Jacques wirklich zu viel Wein getrunken. Das wäre das Letzte, was Rouven jetzt braucht. Und für Morgans Herz wäre das auch nicht gut.«
»Ich würde es tun«, sagte Clodine leise.
»Aber du bist nicht ich.«
»Ja, leider. Malheureusement.«
Noch am selben Nachmittag bekam Isabelle drei Anrufe – wobei der dritte alle vorherigen Pläne über den Haufen werfen sollte. Zunächst war Rouven in der Leitung. Seiner Stimme war nicht anzumerken, wie mies er sich fühlte. Er erzählte, dass er Morgan auf seine Jacht eingeladen habe. Sie würden einige Tage herumschippern und gemeinsam Angelas gedenken. Immerhin waren sie fast verschwägert. Dann machte Rouven einen überraschenden Vorschlag: Er würde sich freuen, wenn Isabelle dazustieße. Vielleicht erst nach ein, zwei Tagen, denn anfänglich würden sie sich wahrscheinlich beide betrinken.
Das mit dem Betrinken sei keine gute Idee, sagte Isabelle. Trauer könne man nicht in Alkohol ertränken, das wisse sie aus eigener Erfahrung. Außerdem solle Morgan nach seiner Operation möglichst abstinent leben.
Für einen Schauspieler, der sich mit dem Château Palmier gerade ein Weingut gekauft habe, sicherlich eine Höchststrafe, stellte Rouven fest.
»Weiß Morgan davon, dass du auch mich aufs Schiff einladen möchtest?«, fragte Isabelle zögerlich. Unwillkürlich dachte sie an Clodine – und daran, dass das Leben schon so kompliziert genug war.
»Mais oui, er hält das für einen ausgesprochen guten Einfall. Du kennst die Dora Maar, die Jacht ist groß genug und hat viele Kabinen.«
Ja, sie kannte die Jacht, sehr gut sogar. Von vielen gemeinsamen Stunden, Tagen und Nächten. Das machte die Entscheidung nicht leichter.
»Ich muss darüber nachdenken«, sagte sie.
»Wir würden uns freuen. Gib mir Bescheid. Die Dora Maar liegt in der Bucht von Antibes. Wir könnten in den nächsten Tagen den Anker lichten.«
»Du hörst von mir. Pass auf dich auf.«
»Comme toujours.«
Als ob sie sich abgesprochen hätten, bekam sie kurz darauf einen Anruf von Morgan. Mit keinem Wort erwähnte er ihr Fernbleiben auf der Trauerfeier. Auch Rouven hatte sie darauf nicht angesprochen. Noch in Paris hatte sie beiden die Gründe erklärt und sich entschuldigt. Beide hatten Verständnis gezeigt. Dafür war Isabelle dankbar.
Morgan erzählte, dass er gerade einen ausgedehnten Spaziergang durch seine Weinberge absolviert habe. Jeden Tag steigere er die Distanz. Er sei kurz davor, sich zum Nizza-Marathon anzumelden.
»Ich mag deinen Humor«, sagte sie lachend. »Vorher lade ich dich auf meine Joggingstrecke in Fragolin ein. Zur alten Chartreuse und zurück. Aber im Schritttempo. Dann sehen wir weiter.«
»Einverstanden. Ich habe einen Fitnesstracker und kontrolliere alle lebenswichtigen Parameter. Es geht wirklich aufwärts mit mir. Wirst sehen.«
»Freut mich. Und wie geht’s dir seelisch?«
»Wegen meiner Schwester Angela? Nun, ich muss viel an sie denken. Wir hätten mehr Zeit miteinander verbringen sollen. Aber wir hatten beide unsere Berufe. Sie war als Anwältin eingespannt und hatte anspruchsvolle Mandate. Und ich hab auf der ganzen Welt Filme gedreht. Da gibt es nur wenig Gelegenheiten, sich zu treffen. Wahrscheinlich sind wir über dem Atlantik oft aneinander vorbeigeflogen.«
»Mich hat vorhin Rouven angerufen. Er hat einen ungewöhnlichen Vorschlag.«
»Ich weiß, aber du kennst ihn ja, er hat immer ungewöhnliche Vorschläge. Deshalb müssen sie aber nicht schlecht sein. Ich kann mir gut vorstellen, für einige Tage einfach aufs Meer hinauszufahren, um nachzudenken und um Abstand zu gewinnen. Ich mag den Kerl … und soviel ich weiß, hast du auch nichts gegen ihn.«
»Wäre das ein Problem für dich?«
»Dass du mal mit ihm zusammen warst? Nein, natürlich nicht. Wir haben alle unser Vorleben.«
»Stimmt, sonst wären wir ganz schön langweilig. Aber ich sag dir das Gleiche, was ich schon Rouven gesagt habe: Ich muss darüber nachdenken.«
»Was hältst du davon, wenn du morgen auf mein Weingut kommst? Dann könnten wir gemeinsam nachdenken. Oder hast du gerade viel Arbeit?«
»Ganz im Gegenteil, ich bin vorübergehend arbeitslos.«
»Ich dachte, das Verbrechen schläft nie?«
»In Fragolin schon, und solange ich aus Paris keinen neuen Auftrag bekomme, interessiert mich nicht, was sonst auf der Welt passiert. Um es kurz zu machen, ich habe Zeit und komme gerne.«
Dass Isabelle gerade einem Irrtum aufgesessen war, erfuhr sie wenige Minuten später von einem dritten Anrufer, von Maurice Balancourt in Paris. Schon die Uhrzeit ließ sie Verdacht schöpfen. Zu dieser Stunde war ihr Chef normalerweise nicht mehr im Büro.
»Bonjour, chérie«, begrüßte er sie vertraulich. Er durfte das, er war ihr väterlicher Freund, eigentlich längst im Pensionsalter und glücklich verheiratet.
»Salut, Maurice. Schade, dass es mit unserem geplanten Treffen in Paris nicht geklappt hat. Aber ich musste überraschend weg.«
»Ja, schade. Ich hatte mich schon gefreut, dich mal wieder in die Arme schließen zu können. Außerdem wollte ich mit dir etwas Wichtiges besprechen. Aber das eilt nicht, geht genauso gut noch in einigen Wochen.«
»Etwas Wichtiges?«
Maurice hustete. Nach Isabelles Einschätzung aus Verlegenheit, nicht wegen seiner Zigarren.
»Du gehst in den Ruhestand? Habe ich recht?«
»Wie kommst du denn auf diese absurde Idee?«, protestierte er.
»Du musst mir nichts vormachen. Ich rechne schon seit Jahren damit.«
Ein erneutes Husten.
»Du bist eine scharfsinnige Detektivin«, gab er schließlich zu. »Offenbar habe ich mein Verfallsdatum überschritten. Deshalb hat man mir nahegelegt, mich zu schonen und mehr Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen. Aber das entscheide ich immer noch selbst. Morgen treffe ich mich zum Mittagessen mit dem Innenminister und werde ihm eine Übergangsregelung vorschlagen.«
Isabelle schluckte. Sie konnte sich ihren Job ohne Maurice Balancourt nicht vorstellen. Ihm hatte sie alles zu verdanken, auch ihr Kommissariat in Fragolin. Er hatte es extra für sie eingerichtet. Und Maurice war es, der immer hinter ihr stand und ihr den Freiraum ermöglichte, den sie brauchte.
»Übergangsregelung klingt gut«, sagte sie mit belegter Stimme.
»Musst dir keine Gedanken machen, ich lass mich nicht aufs Abstellgleis schieben. Mir schwebt eine Beratertätigkeit vor. Und was dich betrifft, habe ich mir auch schon was überlegt.«
»Ich komm nicht zurück nach Paris, das weißt du.«
Balancourt lachte.
»Ich hab’s begriffen, obwohl ich die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben habe. Nein, es zeichnet sich eine andere Lösung ab, die dir gefallen dürfte. Aber wie heißt es so schön: Über ungelegte Eier soll man nicht reden. Sobald ich klarsehe, sollten wir uns treffen. Dann können wir alles besprechen. Am Telefon ist mir das sowieso zu unpersönlich.«
»Das machen wir«, sagte sie. »Wie du weißt, habe ich gerade toujours Zeit. Es gibt nichts zu tun.«
»Da täuschst du dich. Das ist der eigentliche Grund meines Anrufs. Ich brauch dich für einen ungewöhnlichen Job. Ist eher Erholung als Arbeit. Sollte dir Spaß machen.«
Isabelle hatte sich schon gedacht, dass der Anruf zu ungewohnter Zeit mit einem neuen Auftrag zu tun hatte.
»Jetzt bin ich aber neugierig«, sagte sie.
»Du liebst doch alte Autos. Übermorgen beginnt in Avignon eine Oldtimer-Rallye durch die Provence. Da sollst du mitfahren.«
Das war tatsächlich ein ungewöhnlicher Job, dachte sie. Hörte sich kaum nach Arbeit an.
»Wo ist der Haken?«, fragte sie.
»Nun ja, du müsstest mit dem Beifahrersitz vorliebnehmen …«
»Ich bin keine gute Beifahrerin.«
»Und du müsstest deine Augen offen halten. Dein Job ist es, auf deine Fahrerin aufzupassen.«
»Es handelt sich um eine Frau? Warum muss ich auf sie aufpassen? Fährt sie so schlecht Auto?«
»Ganz im Gegenteil, sie ist schon bei der Mille Miglia und bei diversen anderen Rallyes mitgefahren. Nein, es liegt eine ernst zu nehmende Morddrohung vor, und sie hat Anspruch auf Personenschutz.«
»Um wen handelt es sich?«
»Um die Ehefrau eines Ministers. Den Namen und alle für dich relevanten Details schickt dir Jacqueline morgen früh per Mail.«
Jacqueline hütete sein Vorzimmer und war eine langjährige Freundin von Isabelle. Unwillkürlich dachte sie, dass sich bei einem Rückzug von Maurice auch für Jacqueline einiges ändern würde.
»Ich hätte einen Vorschlag«, sagte Isabelle. »Wäre es nicht am klügsten, wenn diese ominöse Person einfach auf die Rallye verzichtet. Warum sich der Gefahr eines Anschlags aussetzen?«
»Die Idee hatten wir natürlich auch schon. Aber Bernadette …«
»Bernadette?«
»Ja, das ist ihr Vorname. Bernadette ist Mitte fünfzig und hat schon einiges erlebt. Sie ist nicht bereit, sich einschüchtern zu lassen. Das käme einer Kapitulation gleich. Ihr Mann, der Minister, ist zwar entschieden anderer Meinung, aber sie besteht darauf, bei der Rallye mitzufahren. Wir haben zur Bedingung gemacht, dass wir ihr eine erfahrene Personenschützerin zur Seite stellen, die sie auf der ganzen Fahrt begleiten wird.«
»Und da hast du an mich gedacht?«
»Natürlich. Also, was ist? Bist du dabei?«
Bei der Police nationale gab es klare Befehlshierarchien, dachte Isabelle. Da wurde nicht gefragt, ob eine Kommissarin bereit war, einen Auftrag zu übernehmen – sie musste es einfach tun. Auch in diesem Punkt genoss sie einen Sonderstatus, den sie in Zukunft womöglich verlieren würde. Allerdings konnte sie sich nicht erinnern, je einen Auftrag abgelehnt zu haben. Also spielte es keine wirkliche Rolle.
»Was für ein Auto fährt die Dame?«, fragte Isabelle.
»Davon willst du es abhängig machen?«
»Natürlich nicht«, erwiderte sie lachend. »So oder so, ich bin dabei.«
»Habe ich nicht anders erwartet. Bist bei der Rallye bereits als Co-Pilotin angemeldet. Könnte ein vergnüglicher Ausflug werden.«
»Oder auf uns wird geschossen …«
»Ich sagte ja, könnte vergnüglich werden.«
Sein Humor, konstatierte Isabelle, wurde mit dem Alter immer sonderbarer.
Vor dem Zubettgehen googelte Isabelle noch die Rallye, die übermorgen in Avignon ihren Anfang nehmen sollte. Sie stellte fest, dass nicht nur sündhaft teure Oldtimer zugelassen waren, die Automobilgeschichte geschrieben hatten, sondern sympathischerweise auch ältere Fahrzeuge, die weniger ins Geld gingen. Entsprechend reichte das Spektrum von alten Bugattis und Bentleys über Peugeots und Renaults aus der Nachkriegszeit bis hin zu einem Mini Cooper aus den Sechzigerjahren. Jedenfalls waren all diese Fahrzeuge in der Fotogalerie der letztjährigen Tour de Provence Avignon–Saint-Tropez zu sehen. Zielankunft war nach einer guten Woche auf der Place des Lices in Saint-Tropez. Das sollte auch in diesem Jahr so sein. Den genauen Streckenverlauf der Rallye bekämen die Teilnehmer aber erst am jeweiligen Tag der Etappe mitgeteilt. Aus Isabelles Perspektive war das eine gute Nachricht. Demzufolge könnte ein etwaiger Attentäter nicht vorausplanen, er müsste spontan agieren – was ihn anfälliger für Fehler machen sollte.
Natürlich war es keine Rallye im herkömmlichen Sinn. Bei der Rallye Monte Carlo zum Beispiel wurde mit Höchstgeschwindigkeit durch die französischen Seealpen gebrettert. Bei der Tour de Provence dagegen stand die entspannte Freude am Fahren im Vordergrund. Zur Auflockerung gab es kleine Sonderprüfungen wie Slalomfahren. Es waren auch plötzliche Stopps mit Quizfragen vorgesehen. Versprochen wurden Etappen durch die schönsten Regionen der Provence. Zudem durften die Teilnehmer kulinarische Highlights erwarten, so stand es jedenfalls in der Ausschreibung.
Ihr wäre, dachte Isabelle, eine Rallye sympathischer gewesen, bei der es mehr zur Sache ging. Mit rauchenden Reifen und brüllenden Motoren. Auf »kulinarische Highlights« und alberne Quizfragen legte sie keinen Wert. Aber das konnte sie sich nicht aussuchen. Vielleicht wurde es auch so ganz nett. Was zunächst und vor allem von ihrer Schutzbefohlenen abhing. Balancourts Mail mit den versprochenen Hintergrundinformationen kam erst morgen früh. Ganz schön knapp das alles. Sie sollte sich darauf einstellen, schon am Nachmittag nach Avignon zu fahren. Dann blieb nur ein Abend, um sich kennenzulernen. Was, wenn ihr die Gattin des Ministers zutiefst unsympathisch war? Das durfte keine Rolle spielen. Immerhin gefiel Isabelle, dass sie den Mut hatte, trotz einer Morddrohung an der Rallye teilzunehmen.
Bevor Isabelle einschlief, ging ihr durch den Kopf, dass sie Morgan und Rouven schon wieder enttäuschen musste. Nichts würde es werden mit ihrer Teilnahme am geplanten Törn mit der Dora Maar. Sie würde auf dem Schiff genauso fehlen wie bei den Trauerfeierlichkeiten auf dem Cimetière Père Lachaise … Doch vielleicht war es besser so.
Es gelang ihr selten, aber am nächsten Morgen war sie früher im Kommissariat als Apollinaire. Sie brühte sich einen Kaffee auf und setzte sich an den Schreibtisch, den sie mit einem mitgebrachten Croissant vollbröselte. Aufmerksam las sie Jacquelines Mail. Am spannendsten fand sie zunächst die Person, mit der sie die nächsten Tage verbringen würde. Die Frau hieß Bernadette Cadiou und war mit dem prominenten Politiker Cédric Cadiou verheiratet, der im aktuellen Kabinett ein Ministeramt innehatte. Jacqueline hatte einige Fotos angehängt. Bernadette Cadiou war ein burschikoser Typ mit kurz geschnittenen braunen Haaren. Keine grande dame, wie man es sich vielleicht von einer ministeriellen Gattin erwarten würde. Sie wirkte selbstbewusst und energisch. Was zu ihrer Entscheidung passte, trotz einer Morddrohung an der Rallye teilzunehmen.
Aber warum wollte sie jemand umbringen? Und wie ernst war die Drohung zu nehmen? Aus einem Protokoll ging hervor, dass auf Bernadette erst kürzlich geschossen wurde. Beim Joggen am Ufer der Seine. Die Kugel hatte sie verfehlt, aber einen Personenschützer gestreift, der sie begleitet hatte. Der Täter konnte unerkannt entkommen.
Isabelle nickte. So viel zur tatsächlichen Bedrohungslage. Sie sollte sie ernst nehmen.
Im Protokoll wurde ein anonymer Brief zitiert, in dem der Minister Cadiou ultimativ aufgefordert wurde, ein nicht näher genanntes Gesetzesvorhaben zu stoppen. Anderenfalls werde er die Konsequenzen tragen müssen. Im nächsten Monat wolle er mit seiner Frau den zwanzigsten Hochzeitstag feiern. Dazu werde es nicht kommen, sollte er der Aufforderung nicht nachkommen.
Isabelle wunderte sich, dass der Absender des Schreibens so gut über Cadious Privatleben informiert war. Aber vielleicht war ein großes Fest geplant, und die Einladungen waren schon verschickt? Jedenfalls ermittelte die Police nationale, so stand esim Protokoll,in alle Richtungen. Das war eine Floskel. Nach Isabelles Erfahrung bedeutete dies nichts anderes, als dass die Polizei keine Ahnung hatte und völlig im Dunkeln tappte.
An der Tür rumpelte es. Apollinaire stolperte mit einer großen Einkaufstasche ins Kommissariat. Er sah sie überrascht an.
»Quelle surprise, Sie sind schon da?«
»Ich wünsche Ihnen auch sehr herzlich einen schönen Morgen«, erwiderte sie lächelnd.
»Pardon, je vous souhaite bien sûr une bonne journée«, erwiderte er ihren Gruß. Er stellte die Tasche ab, in der es schepperte und klapperte. »Meine Mäusefallen«, erklärte er. »Sind alle leer und gewaschen. Mit meiner Freundin Shayana hatte ich deshalb Stress, weil ich das in unserem Geschirrspüler gemacht habe. Nun ja, ich hätte vielleicht vorher unsere Kaffeetassen rausnehmen sollen.«
»Und jetzt wollen Sie sie wieder mit ihren Schokoriegeln bestücken und im Rathaus verteilen?«
»Exactement. Dabei folge ich einem ausgeklügelten Netzplan. Wollen Sie ihn sehen?«
»Sonst immer gerne, aber gerade habe ich andere Prioritäten.«
»Deshalb sind Sie schon im Büro, ich verstehe. Gibt’s einen neuen Mordfall?«
»Nein, und es wird hoffentlich auch keinen geben. Genau darum geht es in Balancourts neuem Auftrag.«
Apollinaire runzelte die Stirn.
»Wir ermitteln also in einem Mordfall, der noch gar nicht eingetreten ist? Das ist mal wirklich vorausschauend. Da fällt mir ein Film ein, bei dem es darum geht, mit übersinnlichen Fähigkeiten Taten vorherzusehen und auf diese Weise Verbrechen zu verhindern. Aber ich glaube kaum, dass sich die Police nationale dieser fortschrittlichen Methode bedient. Wäre aber interessant …«
»Apollinaire, zügeln Sie Ihre Fantasie. Es ist viel einfacher: Ich soll als Personenschützerin auf eine gefährdete Person aufpassen.«
»Ah, je comprends. Da hätte ich auch von selbst draufkommen können. Zwei Bodyguards sind besser als einer. Ich werde Sie selbstverständlich begleiten und mich einem möglichen Schützen in den Weg stellen.«
Genau das, dachte Isabelle, würde er im Zweifelsfall auch tun – und sich hinterher wundern, dass er tot war.
»Tut mir leid, daraus wird nichts werden. Die Umstände lassen es nicht zu.«
»Welche Umstände könnten das sein? Da fehlt mir nun tatsächlich die Fantasie.«
Isabelle forderte ihn auf, sich erst mal hinzusetzen. Dann erklärte sie ihm alles. Verbunden mit dem Hinweis, dass auf der Rallye pro Fahrzeug nur ein Beifahrer zugelassen war.
Apollinaire spielte nachdenklich mit seinem Lineal.
»Ich könnte bei der Rallye mit meinem Deux Chevaux mitfahren«, schlug er vor. »Mein CV ist Baujahr 1985, also definitiv ein Oldtimer. Auf diese Weise könnte ich Ihnen Rückendeckung geben.«
Isabelle sah ihn amüsiert an.
»Wie viel PS hat Ihre Ente, und wo liegt die Höchstgeschwindigkeit?«
»Die Pferdestärken weiß ich nicht, aber sie sind bestimmt ausreichend. Mich haben sie noch überall hingebracht. Und was die Höchstgeschwindigkeit betrifft: Im Windschatten eines Lastwagens komme ich locker auf hundert Stundenkilometer.«
»Bei der Rallye nehmen keine Lastwagen teil«, stellte sie fest. »Außerdem ist die Meldefrist längst abgelaufen. Und zwischen all den Bentleys und Ferraris wäre Ihre Ente auch viel zu auffällig.«
»Schade, aber ich verstehe Ihre Argumente. Doch was soll ich also in der Zeit tun?«
»Zunächst können Sie in aller Ruhe den Bestand der Mäuse weiter dezimieren. Parallel können Sie für mich Hintergrundrecherchen durchführen. Schließlich würde ich gerne wissen, wer Bernadette Cadiou nach dem Leben trachtet und wie ernst die Bedrohung wirklich ist.«
»Das mache ich umgehend und mit größtmöglicher Intensität. Trotzdem bin ich enttäuscht, dass ich nicht mitfahren kann. Ich war noch nie in Avignon.«
Isabelle dagegen war schon mal dort gewesen, aber das war Jahre her. Damals hatte sie mit ihrem Einsatzkommando eine Terrorzelle hochgehen lassen. Zeit, sich in der Stadt umzusehen, hatte sie naturgemäß nicht gehabt. Von Jacqueline hatte sie die Adresse, wo sie sich heute Abend mit Bernadette Cadiou treffen sollte. Um acht Uhr in einem Restaurant auf der Île de la Barthelasse. Die Insel lag vor Avignon in der Rhône. Immerhin, dachte Isabelle, lernte sie bei ihrem neuen Auftrag die Provence besser kennen.
Sie erinnerte sich, dass sie Maurice nach Bernadettes Auto gefragt hatte, mit dem sie an der Rallye teilnehmen würden. Mittlerweile wusste sie es: ein offener Ferrari Dino 246GTS, Baujahr 1974, Heckantrieb, Schaltgetriebe. Ein wunderschönes Auto mit einer Karosserie von Pininfarina. Unter Puristen wurde er früher nicht als echter Ferrari anerkannt, denn der Wagen hatte »nur« einen Sechszylindermotor. Deshalb trug er auch nicht das Ferrari-Logo mit dem sich aufbäumenden Pferd. Heute ist der Dino eine Ikone, benannt nach Enzo Ferraris Sohn »Dino« Alfredo Ferrari, der 1956 an Muskelschwund gestorben war.
Sie hätte es, dachte Isabelle, schlechter treffen können. Blieb als Wermutstropfen, dass sie nicht selber fahren würde. Aber vielleicht ließ sich Bernadette überreden, ihr zwischendurch das Steuer zu überlassen? Die Statuten der Rallye ließen es zu. Das hatte Isabelle überprüft.
Sie musste über sich selber lachen. Würde sie ihren Job wirklich ernst nehmen, dürfte das keine Rolle spielen. Und natürlich nahm sie ihre Arbeit ernst, sehr sogar. Aber Maurice war selber schuld. Er hatte ihr viel Spaß versprochen.
Nachdem sie Apollinaire leicht frustriert im Kommissariat zurückgelassen hatte, lief sie nach Hause und packte die nötigsten Klamotten ein. Viel Platz hatte sie nicht, denn sie würde später mit dem Motorrad nach Avignon fahren. Die Satteltaschen der Harley waren zwar groß, aber im Verhältnis doch wieder klein. Denn auf den Fotos der letztjährigen Tour de Provence hatte sie gesehen, dass die Teilnehmer bei den Abendveranstaltungen chique gekleidet waren. Da wollte und konnte sie nicht mithalten, aber ganz aus dem Rahmen wollte sie nun auch nicht fallen. Außerdem wusste sie nicht, wie das mit dem Gepäck auf der Rallye geregelt war. Musste alles in den Ferrari passen? Oder gab es dafür einen Shuttleservice? Plötzlich fiel ihr ein, dass sie einen Denkfehler begangen hatte. Was wurde aus ihrer Harley in Avignon? Apollinaire konnte sie nicht bitten, die Maschine abzuholen, er hatte keinen Motorradführerschein. Und prompt hatte sie eine Lösung. Sie wollte später sowieso einen kurzen Stopp einlegen, nämlich auf dem Weingut Château Palmier. Und Morgan Dumas liebte ihre schwere Harley. Er würde sich bestimmt bereit erklären, die Maschine bei Gelegenheit in Avignon abzuholen.
Isabelle mochte keine Handtaschen. Und doch würde sie diesmal eine mitnehmen. Rouven hatte ihr mal eine trendige Gürteltasche von Louis Vuitton geschenkt, die sie sich schräg über die Schulter hängen konnte. Cross-over nannte man das wohl. Sie war groß genug für ihre Pistole, eine Spezialwaffe, die in Frankreich den Sondereinsatzkommandos vorbehalten war. Sie hatte sie noch von früher. Ihre Durchschlagsfähigkeit war legendär. Isabelle ging davon aus, dass sie die Pistole auf der Rallye nicht benötigen würde. Dennoch wäre es leichtfertig, den Job als Personenschützerin unbewaffnet anzutreten. Apollinaire würde sagen, das verstoße gegen die Dienstvorschriften. Nun waren ihr diese meistens egal, aber sie wollte sich später keine Vorwürfe machen müssen.
Gegen drei Uhr nachmittags erreichte sie das Weingut Château Palmier. Es befand sich auf einer Halbinsel am Cap Bénat und damit fast auf ihrer Strecke nach Avignon. Noch zu Hause hatte sie die voraussichtliche Fahrzeit kontrolliert. Von hier sollte sie kaum mehr als zwei Stunden nach Avignon brauchen. Kein Grund also zur Eile.
Morgan erwartete sie in der Vinothek, lässig an der Theke lehnend. Er war braun gebrannt und sah wirklich nicht so aus, als ob er gerade eine schwere Herz-OP überstanden hätte. Auch die Trauer um seine Schwester Angela war ihm nicht anzumerken. Aber Morgan war Schauspieler und gut darin, einen falschen Eindruck zu erwecken. Das wusste sie.
Sie umarmten sich herzlich. Isabelle nahm ein Glas Crémant entgegen, um mit ihm auf ihr Wiedersehen anzustoßen. Sie würde nur daran nippen, schließlich musste sie noch Motorrad fahren. Und Morgan hatte vermutlich sowieso Wasser im Glas. Sie erklärte ihm, dass sie Rouvens Einladung auf die Dora Maar leider ablehnen müsse. Auch könne sie heute Nachmittag nicht lange bleiben. Sie habe einen neuen Auftrag und müsse deshalb nach Avignon.
»Kenne ich vom Theaterfestival«, sagte Morgan. »Ist aber schon Jahre her. Bleibst du länger dort? Dann komme ich dich besuchen. Wenn es sein muss, verkleidet und undercover, um deine Arbeit nicht zu behindern.«
»Das würde mir gefallen«, sagte sie lachend. »Aber ich denke, du begleitest Rouven bei seiner Schiffstour?«
»Ich werde absagen. Mittlerweile halte ich das für keine gute Idee.« Zum selben Schluss war sie auch schon gekommen, aber wohl aus anderen Gründen. »Das mit dem Besuch in Avignon klappt trotzdem nicht«, erklärte sie.
Dann erzählte sie ihm von der Oldtimer-Rallye, an der sie teilnehmen müsse. Als Personenschützerin für die Frau eines Politikers. In einem Ferrari Dino 246, Baujahr 1974.
»Du bist zu beneiden«, sagte er. »Ich wollte immer eine Rolle, in der ich den Dino fahren darf. Wie Tony Curtis in der Fernsehserie Die Zwei und Robert Wagner in Hart aber herzlich. Hat aber nicht geklappt.«
»Was ist mit Tom Selleck in Magnum?«, fragte sie.
»Nein, Tom fuhr einen Ferrari 308GTS. Auch nicht schlecht, aber der Dino gefällt mir besser.«
»Jedenfalls sind wir eine knappe Woche unterwegs. Die Rallye endet in Saint-Tropez auf der Place des Lices.«
»Ich werde dort sein und dich empfangen.«
»Kannst du mir meine Harley mitbringen?«, fragte sie. »Ich muss sie in Avignon stehen lassen.«
»Super Idee. Ich lass mich von unserem Kellermeister hinbringen, seine Mutter lebt in Avignon. Hast du den Kilometerstand kontrolliert?«
»Nein, warum?«
Morgan lachte.
»Weil ich mit der Harley jeden Tag herumkurven werde.«
»Aber bitte vorsichtig.«
»Hast du Angst um dein Motorrad?«
»Nein, um dich.«
Avignon ist die Hauptstadt des Départements Vaucluse und befindet sich im Westen der Provence an der Rhône. Auf der anderen Flussseite beginnt die angrenzende Region Languedoc-Roussillon. Über siebzig Jahre war Avignon das Zentrum der katholischen Kirche. Als der Erzbischof von Bordeaux 1305 zum Papst gewählt wurde, entschied er sich als Clemens V. gegen Rom als Sitz des Heiligen Stuhls. Sieben Päpste folgten dieser Tradition. Erst mit dem Papst Gregor XI. kehrte der Vatikan 1377 nach Rom zurück. Weil er aber kurz darauf starb, folgten Jahre des Schismas, mit gleichzeitig jeweils einem Papst in Avignon und Rom. Erst 1417 gelang eine Einigung. Mit Martin V. wurde Rom wieder der alleinige und unumstrittene Sitz des Papstes.
Die Zeit der Päpste hat Avignon geprägt. Der Palais des Papes, der Papstpalast, zählt heute zu den bedeutendsten Touristenattraktionen Frankreichs. Auch sonst hat Avignon viel zu bieten. Zum Beispiel eine fast komplett erhaltene mittelalterliche Stadtmauer. Die Kathedrale Notre-Dame-des-Doms. Und natürlich die berühmte Brücke aus dem Lied »Sur le pont d’Avignon«, die eigentlich Pont-Saint-Bénézet heißt. Bei einem Hochwasser wurde sie 1660 zerstört – übrig blieben nur drei Rundbogen, die im Nichts enden. Bekannt und beliebt ist auch die Île de la Barthelasse. Die Insel liegt mitten in der Rhône und gilt als größte Flussinsel Europas. Sie ist ein beliebtes Naherholungsgebiet.
Warum sich Bernadette Cadiou ausgerechnet dort in einem Restaurant verabredet hatte, war Isabelle nicht klar. Als einzige Erklärung fiel ihr ein, dass Bernadette hier kaum anderen Teilnehmern der Rallye begegnen würde. Denn diese begann am morgigen Tag gut zwanzig Kilometer östlich von Avignon in der luxuriösen Auberge de Campagne. Dort würden sich alle Fahrzeuge zusammenfinden. Nach einer Präsentation des Tourprogramms war ein Prolog vorgesehen.
Isabelle fuhr über die Brücke Édouard Daladier zum direkt am Fluss gelegenen Restaurant. Tatsächlich stand vor dem Eingang ein roter Ferrari Dino. Ein Auto zum Verlieben. Isabelle schmunzelte. Eh bien, so weit war sie noch nicht, dass sie sich in ein Auto verliebte … Sie parkte ihre Harley direkt neben dem Sportwagen. Die schweren Satteltaschen aus Büffelleder waren mit einem Schloss gesichert. Trotzdem nahm sie ihre Pistole raus. Bei der Polizei gab es kaum etwas Schlimmeres, als wenn einem die Dienstwaffe gestohlen wurde.
Mit der umgehängten Gürteltasche schlenderte sie in das Lokal. Von den Fotos wusste sie, wie Bernadette Cadiou aussah. Ob sie umgekehrt auch ein Foto von ihr hatte? Isabelle sah sich auf der Terrasse um. Von dort hatte man einen schönen Blick auf die Pont-Saint-Bénézet. Aber dafür interessierte sie sich im Moment wirklich nicht. An einem Ecktisch erhob sich eine brünette Frau und winkte ihr zu. Damit war die Frage beantwortet: Ja, auch sie hatte ein Foto.
Isabelle ging zu ihr und reichte ihr förmlich die Hand.
»Madame Cadiou, wie ich vermute?«
Bernadette drückte fest zu. Das gefiel ihr schon mal.
»Und Sie sind Isabelle Bonnet, meine neue Co-Pilotin. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Bitte nehmen Sie doch Platz.«
