Maddrax 529 - Science-Fiction-Serie - Simon Borner - E-Book

Maddrax 529 - Science-Fiction-Serie E-Book

Simon Borner

0,0
1,49 €

Beschreibung

Wer sind diese Fischwesen, die Aruula in der Unterwasserkuppel attackiert haben? Die Hydriten kennen eine Legende um die "Götter von Ham'Bay", die nun Wirklichkeit zu werden scheint. Matthew Drax, Aruula, Rulfan und Quart'ol wollen herausfinden, was es damit auf sich hat, und stoßen an der Südwestküste Australiens, ganz in der Nähe des falschen Uluru, auf Spuren dieser Spezies - und auf ein grausiges Geheimnis ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 150




Inhalt

Cover

Impressum

Was bisher geschah …

Die Götter von Ham’Bay

Leserseite

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Lektorat: Michael Schönenbröcher

Titelbild: Gehrke/shutterstock

Autor: Simon Borner

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-9703-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Am 8. Februar 2012 trifft der Komet »Christopher-Floyd« – in Wahrheit eine Arche Außerirdischer – die Erde. Ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Mensch­heit ist degeneriert. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, »Maddrax« genannt, dessen Staffel durch einen Zeitstrahl vom Mars ins Jahr 2516 versetzt wird. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula erkundet er diese ihm fremde Erde. Bis sie durch ein Wurmloch in ein Ringplanetensystem versetzt werden, während der Mond auf die Erde zu stürzen droht. Matt findet Hilfe und Verbündete und die Rettung gelingt in letzter Sekunde – aber etwas geht schief: Areale aus verschiedenen Parallelwelten manifestieren sich plötzlich auf der Erde…

Um diese fünfzig Kilometer durchmessenden Parallelwelt-Areale, die von hohen Dornenhecken umgeben sind, aufzuspüren, nutzen Matt und Aruula ein im Erdorbit installiertes Satelliten-Netzwerk. Mit einem Gleiter überwinden sie die Pflanzenwälle, begleitet vom Sauroiden Ydiel. Eine ihrer Reisen führt sie in ein paralleles Rom, das von einem zeitreisenden Archivar namens Patrem regiert wird, der in Agartha ein neues Machtzentrum errichten will. Doch auch das Königreich im Himalaja wurde in eine Parallelwelt versetzt. Patrem kommt ums Leben; zurück bleiben seine gefährlichen Artefakte. Matt will sie im Hort des Wissens deponieren, einer Enklave befreundeter Retrologen und Wissenschaftler.

Da taucht sein Erzfeind Colonel Aran Kormak auf. Im Kampf gegen ihn wird Ydiel von einer Artefaktwaffe auf Insektengröße verkleinert. Kormak kann entkommen, als ein weiteres Areal erscheint: die Stadt Coellen (Köln) – und mit ihr der Neo-Barbar Rulfan, ein in ihrer Welt längst verstorbener Freund.

Kormak nimmt derweil Kontakt zu den Reenschas in Glasgow auf, wird deren Chefexekutor und greift den Hort des Wissens an, scheitert aber und wird von seinen neuen Verbündeten in den Kerker geworfen.

Inzwischen wächst Ydiel langsam wieder zu seiner ursprünglichen Größe heran. Matt und Aruula bringen ihn zurück nach Yucatán. Zuvor müssen sie jedoch miterleben, wie Kormak mit einem Ballon aus der Festung der Reenschas flieht – und mit dem Miniaturisierer verkleinert wird! Rulfan schließt sich den Freunden wieder an.

Da empfängt Aruula einen Hilferuf von der Pflanzen-Entität GRÜN, die sie nach Neuseeland lockt, wo ein Volk nach den Büchern von J.R.R. Tolkien lebt. Dort treffen die Freunde auf eine botanische Seuche, die aus einer Parallelwelt herübergekommen ist und die Erde zu überwuchern droht. GRÜN, der, wie sich nun herausstellt, für die Dornenhecken rund um die Anomalien verantwortlich war, ist machtlos gegen die Rote Pest! Er verbindet sich mit Matthew Drax, um den Angriff vorerst zurückzuschlagen, wird dabei aber derart geschwächt, dass beide zu sterben drohen, wenn GRÜN sich nicht an einem Energiepunkt der Erde neu »auflädt«. Aruula schafft Matt dorthin, während die anderen eine bionetische Waffe gegen die Rote Pest entwickeln, die sie dank des wieder gesundeten GRÜN zünden können. Zuvor begegnet Aruula am Meeresgrund jedoch einer Spezies, die Quart’ol nur aus alten Legenden kennt…

Headline

von Simon Borner

Die Treppe führte nach oben, zurück ins Erdgeschoss. Dort tobte immer noch der Kampf der wenigen Überlebenden gegen die Übermacht der Monster. Die Geräuschkulisse ließ keine andere Annahme zu. Matt überlegte, was er jetzt tun konnte, als eine dunkle Gestalt am Treppenaufsatz auftauchte. Auch sie schien zum Gefolge der unheimlichen Götter von Ham’Bay zu gehören.

Da fiel schwacher Fackelschein auf ihr Gesicht – auf Züge, die Matt nur zu gut kannte. „Rulfan?“, fragte er ungläubig.

Der Neo-Barbar brüllte animalisch. Einen Sekundenbruchteil später griff er an!

Kelly-Anne kicherte. Mondlicht spiegelte sich auf ihren schon fast nackten Schultern, als sie mit langsamen Bewegungen einen weiteren Knopf ihrer Bluse öffnete.

„Willst du nur da sitzen?“, raunte sie leise. Jede einzelne Silbe war wie ein sündhaftes Versprechen, und ihr Augenaufschlag kündete von geheimen Freuden. „Oder willst du mehr?“

Ian schluckte. Der Sechzehnjährige saß im Sand, eine kühle Meeresbrise fuhr durch sein Haar, und ihm war, als würde er jeden Augenblick explodieren. Seit Wochen hatte er diesen Moment herbeigesehnt: einmal allein zu sein mit Kelly-Anne, einmal raus an den Strand zu schleichen und dann den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Im Traum hatte er die Szene wieder und wieder durchgespielt, in allen nur erdenklichen Details und mit sich selbst in der Rolle des zupackenden Eroberers. Doch nun, da der Traum tatsächlich wahr wurde, konnte er nichts weiter tun als zu glotzen. Und dem Pochen in seinen Lenden nachzuspüren, das ihn fast so sehr in den Wahnsinn trieb, wie es Kelly-Annes kleiner Striptease tat.

„Hey“, neckte die Blondine ihn. Sie war ein halbes Jahr älter als er; ihren zielsicheren Bewegungen nach zu urteilen hätten es aber auch zehn Jahre sein können. „Erde an Ian. Das hier ist die Sorte Show, an der ruhig zwei Leute teilnehmen dürfen. Wie sieht’s aus, Mister? Denkst du, du bekommst das hin?“

Ihre schmalen Finger hatten den letzten Knopf erreicht. Stoff raschelte, als Kelly-Anne das Oberteil auszog. Sie ließ es fallen, und der sanfte Wind trug es zu Boden. Bevor es im Sand landete, hatten ihre Finger schon den Bund ihrer Jeans erreicht und setzten ihre glorreiche Arbeit fort.

Ian hielt es nicht länger aus. Ruckartig sprang er auf und trat zu ihr. „Und ob ich das denke“, erwiderte er, und seine groben Hände strichen über ihre zarte Haut. „Wart’s nur ab.“ Dann erstickte er ihr Kichern mit einem Kuss, der seinen Selbstzweifeln von eben gehörig Hohn sprach.

Kelly-Anne erwiderte den Kuss. Und sie überließ es ihm, den Knopf der Jeans zu öffnen.

Das fahle Licht des Mondes schien auf das Wasser der Ham’Bay. Die abgelegene Bucht an der Südwestküste von Ausala war nachts wie ein verwunschenes Märchenland, in dem sich außer der üppig wuchernden Natur und dem endlos scheinenden Ozean nichts und niemand regte. Die alten Wege, die durch das Grün führten, waren seit Generationen überwuchert und der reinste Urwald. Es glich beinahe bösartiger Ironie, dass eines der verrosteten Straßenschilder sie als „Cosy Corner Road“ bezeichnete, denn allzu „cosy“, also gemütlich, kam dieses von allen guten Geistern verlassene Eckchen gewiss niemandem mehr vor. Jedenfalls keinem der Erwachsenen, die die Gegend ohnehin mieden.

Doch für hormongesteuerte Teenager war dieser vergessene Strand das reinste Paradies! Ian nahm Kelly-Anne an der Hand und zog sie hinunter in den warmen Sand. Hinter ihnen schlug das Meer sanft gegen das Ufer, und hier…

Ein schriller Schrei beendete das sinnliche Spiel. Panisch riss Kelly-Anne die Augen auf. Ihr Blick verlor sich irgendwo in Ians Rücken.

„Was…?“, stieß der Junge hervor. War er vielleicht doch zu forsch vorgegangen? „Was ist denn?“

Da hörte er es. Über dem Plätschern des Ozeans lagen plötzlich andere Geräusche; ein schweres Tappen in feuchtem Sand!

Nackte Angst verzerrte die Züge der jungen Frau, und noch immer starrte sie über seine Schulter ins Dunkel der Nacht. Ruckartig wandte Ian den Kopf.

Dann schrie auch er!

Zwei schemenhafte Kreaturen waren aus dem Meer gestiegen. Ihre Umrisse ließen breite Schultern und sehnige starke Glieder erahnen. Sie hatten seltsam unförmige Köpfe und Füße, die absurd schwer und klobig aussahen.

Angst wallte in Ian auf, stärker denn je.

Einen halben Herzschlag später zog die Wolke, die den Mond verdeckte, weiter, und er konnte die Gesichter der Unbekannten sehen.

Monster! Das waren Monster!

Kelly-Anne sprang auf. Von Panik getrieben, kam sie auf die Füße und rannte los – blindlings auf das Dickicht der Büsche zu.

Sie kam nicht weit. Kaum hatte sie die ersten Meter hinter sich gebracht, brachen drei weitere Ungeheuer aus den Schatten des Urwalds. Ian war, als sähe er die Jagdlust in ihren Augen, als sie der Flüchtenden den Weg versperrten. Kelly-Anne schrie, doch vergebens. Gierige Pranken griffen nach ihr und hielten sie fest.

„L-lasst sie los!“ Ian wusste nicht, woher er den Mut nahm. Auch er kam endlich auf die Beine. Seine Knie waren butterweich, sein Puls wild und ungestüm.

Da schlug eine der Kreaturen zu. Krallenartige Klauen bohrten sich in Kelly-Annes Fleisch. Blut spritzte in den warmen Sand.

„Neeeein!“ Das Entsetzen raubte Ian jede Angst. Er stürmte den Kreaturen entgegen, hatte nur noch Augen für seine Freundin, die noch immer von Unheimlichen gehalten wurde.

Doch er konnte ihr nicht helfen. Niemand konnte das mehr.

Die geballte Faust eines der Monster traf Ian an der rechten Schläfe. Er verlor das Gleichgewicht und fiel mit rudernden Armen zu Boden. Schon waren die Kreaturen über ihm, schlugen auf ihn ein, traten ihn mit ihren bizarren Füßen.

Kelly-Annes Schreie waren abrupt verstummt. Als die Wesen sie schulterten und forttrugen, war ihr Gesicht leer wie der Nachthimmel und blass wie der Mond.

Nein, dachte Ian. Lasst sie hier.

Tränen stiegen ihn in die Augen. Er lag wehrlos am Boden, und jeder neue Hieb brachte ihn ein Stück näher an die drohende Ohnmacht. Oder den Tod.

Irgendwann ließen die Wesen von ihm ab. Schluchzend vor Hilflosigkeit sah er den Monstern nach, wie sie mit Kelly-Anne in den Büschen jenseits des Strands verschwanden. Dann kam die Dunkelheit, die hinter seinen Lidern lauerte, über ihn. Sie begrub den Schmerz, das Grauen und die unbeantworteten Fragen.

Warmes Sonnenlicht fiel auf das Dach des Gleiters. Die Luft roch erdig und nach blühender Natur zugleich. Matthew Drax fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und trat an die offene Einstiegsluke, um ins Innere der RIVERSIDE zu blicken.

„Alles bereit?“, fragte er.

Aruula saß über die Anzeigen gebeugt. Nun drehte sie sich zu ihm um. „Der Gleiter ist startklar“, sagte sie. Die beleuchteten Monitore verliehen ihren Zügen einen fast schon märchenhaften Glanz, der im Widerspruch zu dem harten Funkeln in ihren Augen stand.

„Bleibt nur die Frage, ob wir es auch sind“, sagte Matt.

Die Ereignisse der vergangenen Stunden steckten ihnen allen noch in den Knochen. Vor allem Matt spürte sie mit jeder Faser seines Körpers, und obwohl es gut ausgegangen war, wusste er, dass sie ihr Glück nicht überstrapazieren durften.

Einmal mehr fragte er sich, wie es wirklich um seine Gefährtin stand. Aruula war stark, das wusste niemand besser als er. Die schöne Kriegerin hatte Schicksalsschläge und Situationen überstanden, an denen schwächere Menschen zerbrochen wären. Doch auch sie war nicht unzerstörbar, und die Angriffe der unheimlichen Kreaturen unter dem Meer, in GRÜNs Kuppel, hatten ihr mehr zugesetzt, als sie zugeben wollte.1)

Rulfan runzelte die Stirn. „Ich dachte, das wäre klar“, meinte er. „Wir suchen diese Ungeheuer. Oder hat sich das geändert?“

Matt hob abwehrend eine Hand. „Ich will nur nicht, dass wir von einer Gefahr in die nächste rennen. Wir wissen so gut wie nichts über diese Kreaturen.“

„Bis auf Quart’ol“, korrigierte Aruula, die das Cockpit verlassen hatte und zum Lukenausstieg gekommen war.

„Er sagt, sie wären nur eine Legende der Hydriten… gewesen. Bis jetzt.“

„Eben“, nickte Aruula. „Wenn wir mehr über diese Wesen erfahren wollen, müssen wir sie finden. Darüber waren wir uns doch einig!“

Sie hatte recht. Sie beide hatten das. Dennoch zögerte er. Die Zweifel blieben.

„Vielleicht kann ich weiterhelfen“, erklang eine Stimme in Matts Rücken. Quart’ol kam den Pfad entlang, der zum Gleiter führte. Der Hydrit wirkte wach und ausgeruht. Er hob die Hand zum Gruß.

„Du kommst spät“, begrüßte ihn Matt. „Hast du dich von Shin’loa und Ru’kor verabschiedet?“

„Nur von Ru’kor“, antwortete Quart’ol zu seiner Überraschung, als er sie erreichte. „Er ist eben mit der ersten Transportqualle nach Rymaris abgereist. Ich habe ihm eure Grüße ausgerichtet.“

„Und Shin’loa?“

„Die will noch bleiben und mit Hilfe des restlichen bionetischen Baustoffs die Halblinge beim Wiederaufbau unterstützen“, sagte Quart’ol. „Sie folgt Ru’kor dann in ein paar Tagen mit der zweiten Qualle.“ Übergangslos wurde er ernst. „Außerdem möchte auch sie wissen, was es mit diesen Meereswesen auf sich hat“, fuhr er fort. „Und ob sie auf die Hydriten zurückgehen.“

Aruula schüttelte den Kopf. „Diese Kreaturen hatten nichts mit deiner Rasse gemein“, sagte sie bestimmt. „Bis auf die Tatsache, dass sie unter Wasser und an der Luft leben können.“

„Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht“, gab ihr hydritischer Gefährte zu. „Mein Wissen über sie ist wirklich sehr rudimentär – aus gutem Grund. Mein Volk hält sie für ausgesprochen gefährlich; so gefährlich, dass sich seit Jahrzehnten kein Hydrit mehr in ihre Nähe wagt.“

„Und wo wäre man in ihrer Nähe?“, hakte Rulfan nach.

Der Hydrit seufzte. „Sie leben an der Südküste Ausalas. Ich könnte euch den Weg dorthin zeigen, wenn ihr es wirklich wollt.“ Mahnend hob er den Blick. „Aber ich kann euch nur davon abraten! Gegen diese Wesen sind selbst die Mar’osianer friedliebende Pazifisten.“

Aruulas Blick war von Entschlossenheit und Kampfeswillen erfüllt. „Sagen wir, ich habe noch eine offene Rechnung mit ihnen“, stieß sie hervor. „Nennt mich altmodisch, aber ich nehme es persönlich, wenn man mich umzubringen versucht.“

Wäre dies der einzige Grund gewesen, Matt hätte versucht, ihr die Sache auszureden. Aber diese Meereswesen waren eine Gefahr für die ganze Region. Was, wenn sie auf die Idee kamen, Neuseeland heimzusuchen? Dann wären die wenigen überlebenden Halblinge, gerade erst der Vernichtung durch die Rote Pest entronnen, erneut in tödlicher Gefahr.

„In Ordnung“, sagte er darum. „Wenn du den Weg kennst, Quart’ol, dann zeig ihn uns.“

Der Hydrit trat zur Einstiegsluke des Gleiters. „Ich hoffe, ihr wisst, worauf ihr euch einlasst“, warnte er ein letztes Mal. Dann ging er wie selbstverständlich an Bord.

„Du willst mitkommen?“, fragte Matt verwundert. Er hatte damit gerechnet, dass Quart’ol ihnen den Ort auf einer Karte zeigen würde.

Der Hydrit sah sie aus lidlosen Augen an. „Natürlich“, erklärte er. „Einer muss ja schließlich auf euch aufpassen.“

Matt und Rulfan betraten ebenfalls die RIVERSIDE. Während Matthew sich ans Steuer setzte und Aruula in den Sitz des Copiloten, schloss Rulfan die Luke. Bald hörten sie das leise Summen der aktivierten Triebwerke und spürten die vertrauten Vibrationen in den Deckplatten.

„Kurs Südküste von Ausala?“ Matt sah Quart’ol, der zwischen den Pilotensitzen stand, an. Der nickte knapp, und Matt gab Gas.

Der Gleiter hob ab, dem Ziel entgegen. Einmal mehr wartete auf sie eine ungewisse Zukunft.

Die Reise verlief ohne Zwischenfälle. Der Himmel über dem Meer war so blau, als könnte ihn nichts und niemand trüben. Quart’ol, der im Copilotensitz neben Matt Platz genommen hatte, bewunderte das Funkeln des Sonnenlichts auf dem Wasser des Ozeans, die sanften Wellen und die endlos anmutende Weite bis zum Horizont. Der Gleiter flog auf Autopilot dahin.

Der Tag zeigte sich von seiner schönsten Seite. Zumindest wenn man außer acht ließ, wohin die Reise ging.

Ausgerechnet die Götter von Ham’Bay! Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte Quart’ol keinen Gedanken mehr an die dort angeblich hausenden Kreaturen verschwendet. Warum auch? Sie waren Legenden gewesen, weiter nichts. Das Gegenstück zu den Ammenmärchen, die man sich in Matthews Kultur erzählte, um Kinder zu erschrecken oder für gruselige Atmosphäre am Lagerfeuer zu sorgen.

Erst Aruulas Erlebnisse am Meeresgrund hatten den Hydriten an sie erinnert – und gezeigt, dass selbst Märchen mitunter einen wahren Kern haben konnten. Einen Kern mit Reißzähnen und unersättlichem Hunger.

„Wie lange warst du nicht mehr hier?“, fragte Matt. Seine Stimme riss den Hydriten aus seinen Betrachtungen.

Quart’ol erschauderte innerlich. „Ob ich… Nein, ich war noch nie hier.“

Matt hob eine Braue. „Aber du sagtest doch…“

„Ich sagte, dass ich vermutlich weiß, wo diese Kreaturen der Legende nach zu finden sind. Aber nicht, dass ich schon mal hier war.“ Er zuckte mit den Schultern, eine durch und durch menschliche Geste, die ihm ganz natürlich vorkam. „Die Gegend gilt unter Hydriten als verbotene Zone, und das schon sehr, sehr lange. Niemand von uns wagt sich dorthin, aus Furcht vor dem, was in ihr haust.“

„Erzähl mir von ihnen“, bat sein menschlicher Bruder. „Von dem, was dein Volk über sie weiß.“

Quart’ol schluckte. „Das willst du so wenig hören, wie ich es erzählen möchte“, antwortete er leise.

Matt schwieg nur, wartete.

Und Quart’ol gab nach – aber erst, nachdem er sich zu Aruula und Rulfan umgedreht hatte. Sie saßen im hinteren Teil des Cockpits zusammen und diskutierten lebhaft. „Es… gibt wenig, was ich dir an gesicherten Informationen nennen könnte“, sagte er dann. „Die Geschichten sind mit einem gewissen… Stigma behaftet, mit dem Makel der Schande. Verstehst du?“

Matt blickte ihn irritiert an. „Nein, verstehe ich nicht. Es sei denn…“ Er zog die Brauen zusammen. „Willst du etwa andeuten, dass diese Bestien ein Zweig eures eigenen Stammbaums sind?“

„Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber auch das ist ein Aspekt der Legen-“

Quart’ol kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Ein lauter Schrei übertönte ihn.

Ruckartig sah der Hydrit nach hinten. Das Bild, das sich ihm eben noch geboten hatte, war nun drastisch verändert: Aruula, die den Schrei ausgestoßen hatte, lehnte halb zusammengesunken an der Bordwand und hielt sich das Kinn. Vor ihr stand hoch aufgerichtet Rulfan mit geballter Faust.

Hatte er sie geschlagen? Aber warum?

Quart’ol sah näher hin. Der Blick des Albinos war fiebrig, und sein Gesicht zu einer halb wütenden, halb panischen Fratze verzerrt.

„Du verstehst das nicht!“, zischte er, Spuckebläschen auf den Lippen. Seine breiten Schultern zuckten unkontrolliert, und seine Fäuste schienen jeden Augenblick erneut losprügeln zu wollen. Zu müssen. „Niemand von euch versteht das. Ihr… ihr seid das Böse! Ich sehe es euch doch an!“

Matt war längst aufgesprungen und ging auf Rulfan zu. Abwehrend hob er die Hände, und sein Tonfall war besorgt und ratlos zugleich. „Rulfan? Ganz ruhig, okay? Es ist alles in Ordnung. Was ist mit dir los?“

„Er hat mir eine verpasst, das ist los“, knurrte Aruula. Sie hielt sich noch immer das Kinn, und ihre Schultern zuckten. „Weil… weil er nicht auf unserer Seite steht, Maddrax! Er will nicht, dass wir diese Kreaturen finden. Er steckt mit ihnen unter einer Decke!“

Matt schüttelte den Kopf, sah von einem zum anderen. „Atmet mal beide tief durch, ja?“, bat er mit sanfter, beruhigend klingender Stimme. „Quart’ol, was geht hier vor?“

Quart’ol erhob sich nun auch. „Ich habe keine Ahnung.“