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Zwei Prinzen. Ein altes, magisches Abkommen.
Drei Männer, in die ich mich auf keinen Fall verlieben darf
Alle drei Jahre fordert das magische Königshaus des Nordens seinen Tribut: Um das Bündnis mit dem Nightcastle College zu erneuern, werden in einem gefährlichen Wettstreit zwei Studentinnen erwählt, die den Prinzen Loras und Tarabas als Schattengeliebte an deren Hof folgen. Halbvampirin Lark hält von dem ganzen Spektakel nichts, doch dann wird ihr Name bei der Auswahlzeremonie verlesen! Auf die Außenseiterin warten nicht nur tödliche Prüfungen, sie gerät auch in ein Machtspiel aus Intrigen, verbotenen Versuchungen und dunklen Geheimnissen zwischen den royalen Brüdern. Plötzlich stehen nicht nur ihr untotes Leben und ihre Zukunft auf dem Spiel - sondern auch ihr Herz ...
»Ein grandioser Auftakt voller Dunkelheit, Vampire, Magie und knisternder Spannung am Nightcastle College! Christina Rain erschafft eine Welt mit unvergesslichen Charakteren, in die man sofort eintaucht.« marybooksworld
Band 1 der düster-romantischen BLOOD-AND-MAGIC-Reihe von Christina Rain, Erfolgsautorin der KNIGHTSTONE ACADEMY
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Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2026
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Widmung
Playlist
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Siebenunddreißig
Achtunddreißig
Neununddreißig
Vierzig
Einundvierzig
Zweiundvierzig
Dreiundvierzig
Danksagung
Die Autorin
Die Romane von Christina Rain bei LYX
Impressum
CHRISTINA RAIN
MAGIC DROWNED IN BLOOD
Roman
Alle drei Jahre fordert das Königshaus des Nordens seinen Tribut. Dank eines uralten Abkommens zwischen der magischen Krone und der Vampir-Elite findet dieses Semester am renommierten Nightcastle College erneut der gefährliche Wettstreit um die Auswahl der Schattengeliebten statt. Die zwei talentiertesten Studentinnen werden den Prinzen Loras und Tarabas als Siegerinnen an deren Hof folgen – und ihnen dienen! Für die Halbvampirin Lark sind die sogenannten Spiele nichts als ein grausames Spektakel und eine weitere Gelegenheit, ihr vor Augen zu führen, dass sie nie zur Vampir-Elite dazugehören wird. Nicht auffallen und ihr Studium so schnell wie möglich beenden, ist alles, was sie will. Doch als ausgerechnet ihr Name bei der Auswahlzeremonie verlesen wird, zerbricht dieser Plan für immer. Gegen ihren Willen findet die Außenseiterin sich nicht nur inmitten tödlicher Prüfungen wieder, sondern auch in einem Netz aus Macht, Intrigen und dunklen Geheimnissen, das die beiden royalen Brüder umspinnt. Aber da ist auch noch Leibwächter Payne, der Lark viel zu schnell viel zu nah kommt. Und plötzlich stehen nicht nur ihr untotes Leben und ihre Zukunft auf dem Spiel – sondern auch ihr Herz!
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
Das Buch gehört zudem dem Genre Dark New Adult Fantasy an, was die klassische Romantasy mit Dark-Romance-Elementen kombiniert und mit einer Leseempfehlung ab 16 Jahren einhergeht.
Die Protagonistin mag dem Bösewicht dieser Geschichte verfallen (vielleicht sogar mehreren) und die Charaktere in moralischen Grauzonen agieren – das heißt nicht, dass wir im echten Leben nicht die Green Flag wählen würden.
Wir wünschen uns für euch alle
das bestmögliche Leseerlebnis.
Eure Christina und euer LYX-Verlag
Für alle, die sich in der Welt draußen manchmal fehl am Platz fühlen und stattdessen lieber eine magische Akademie oder ein dunkles Vampircollege besuchen würden.
Royalty – Egzod, Maestro Chives
What It Sounds Like – HUNTR/X, Ejae
Favorite – Isabel LaRosa
Dangerous – Sleep Token
Masquerade – Euphoria, Bolshiee
Last Resort; Reimagined – Falling In Reverse
We All Got Our Demons – BOGA
Let The World Burn – Chris Grey
Between Wind and Water – Hael
Baby – Elvis Drew, Avivian
Aphrodite – Sam Short
You Ruin Me – The Veronicas
Become the Beast – Karliene
Vampirismus, der: Eine magische, hoch ansteckende Krankheit, die durch sämtliche Körperflüssigkeiten übertragen wird. Sie verbessert kurzzeitig die Selbstheilungskräfte des Wirts, schwächt seine mentale Barriere und verläuft darüber hinaus meist symptomfrei (Ausnahme vgl. Werwolf). Der Vampirismus verbleibt nur wenige bis maximal vierundzwanzig Stunden im Körper des menschlichen Wirts, danach gilt die Infektion als abgeklungen. Stirbt die erkrankte Person nach der Inkubations- und während ihrer Krankheitsphase, besteht eine hohe Chance, als Vampir wiederzuerwachen.
Vampir, der; Plural Vampire: Ein ums Leben gekommener Mensch, der zum Zeitpunkt seines Todes mit Vampirismus infiziert war. Fortan gilt er als untot. Er kann weder altern noch auf natürlichem Wege sterben. Ein Vampir verfügt über enorme Selbstheilungskräfte, übermenschliche Stärke und Schnelligkeit sowie verschärfte Sinneswahrnehmungen. Er ernährt sich von menschlichem Blut und hat die Fähigkeit, seine infizierten Opfer mental zu manipulieren oder ihr Gedächtnis zu löschen. War der Vampir zuvor ein Magier, verliert er durch seinen Tod seine früheren Kräfte. Vampire können keine lebende Magie wirken.
Aus Grundlagen I, Magie und ihre Träger
Lark
Eine dunkle Mauer aus Untoten rollt wie eine Lawine auf uns zu. Die Luft ist erfüllt von Schmerzensschreien und panikerfüllten Stimmen. Doch für einen Herzschlag verstummt alles. Ich sehe unserem sicheren Untergang nicht entgegen, sondern drehe mich nach rechts zu meinem Vater. Meinem Helden aus Kindheitstagen. Meinem Vorbild. Meinem Beschützer. Er schmettert Zauber gegen die Vampirfront, die uns angreift. Wild gestikulierend sieht er in meine Richtung. Schrecken breitet sich in seinen weit aufgerissenen Augen aus, da spüre ich bereits die kalten Finger, die nach mir greifen. Einen scharfen Schmerz in meiner Halsbeuge.
Ich habe keine Zeit, mich zu der Bestie umzudrehen oder mich zu verteidigen. Blut spritzt auf, färbt meine Sicht rot. Doch es ist nicht das meine. Das Gesicht meines Vaters ist verschwunden. Eine der schwarz vermummten Gestalten hat ihn sich geschnappt.
»Papa, nein! Papa! Taylor!« Mein eigener Schrei schrillt mir in den Ohren, als ich mich hektisch atmend umsehe. Kerzengerade sitze ich in meinem Bett, die Finger in das Laken gekrallt, welches die schmale Matratze umspannt.
Ich bin nicht auf dem Schlachtfeld.
Ich kämpfe gegen keine Vampirhorde.
Der Schmerz in meiner Halsbeuge ist nicht meiner, rede ich mir gut zu. Versuche, mich zu beruhigen.
Es ist der meines Bruders Taylor, als er vor zwei Jahren starb. Er und Vater.
»Achte nicht auf sie. Unsere Mitbewohnerin leidet unter Albträumen«, säuselt eine weibliche Stimme.
»Papa, nein. Papa!«, äfft mich eine zweite weibliche Stimme nach, die fast identisch klingt. Poppy und Rose, die Zwillinge, mit denen ich mir seit dem ersten Semester das Zimmer teile.
Ich presse die Lippen aufeinander und atme kontrolliert aus. Anfangs war es mir unangenehm, wenn sie mich im Schlaf sprechen hörten oder von meinen Albträumen geweckt wurden. Ach fuck, wem mache ich etwas vor? Unangenehm ist es mir nach wie vor, aber mittlerweile gebe ich einen Scheiß auf ihre Meinung und ihre unlustigen Witze darüber. Es ist nun mal nicht zu ändern, dass ich – wenn ich überhaupt schlafe – verdammt beschissen schlafe. Am liebsten würde ich komplett darauf verzichten, doch da ich kein vollwertiger Vampir bin, muss ich mich im Gegensatz zu meinen untoten Kommilitonen öfters hinlegen. Und jene Nacht aus der Sicht meines großen Bruders immer wieder und wieder durchleben. Als wäre ich in den Sekunden vor seinem Tod in seinem Körper gefangen.
Hinter dem dunkelblauen Stoff, der mein Bett vom Rest des Zimmers abschirmt, erklingt Gelächter.
»Rose, hör auf. Sie ist wach und kann uns hören«, raunt Poppy.
Und wie ich das kann. Dafür braucht es nicht einmal ein Vampirgehör. Welches übrigens im Vergleich zu meinen anderen übermenschlichen Fähigkeiten durchaus vernünftig funktioniert. Es genügt voll und ganz, dass ich mehr schlafen muss, dass ich neben dem Blut echte Nahrung brauche und um einiges langsamer und schwächer bin als alle anderen, die aufs Nightcastle College gehen. Zumindest, was den untoten Teil der Studierenden angeht. Es gibt auch eine rund zwanzigprozentige Quote an lebenden, nicht magischen Studenten, die hier zugelassen werden, um …
»Gott, ja, dieses Blut ist so köstlich«, stöhnt Poppy. Oder Rose. Ich kann sie anhand ihrer Stimmen immer noch schlecht auseinanderhalten.
Ein metallischer, mittlerweile ziemlich vertrauter Duft strömt zu mir herüber. Ich knie mich ans Fußende des Bettes und schiebe mit zwei Fingern den blickdichten Vorhang einen Spalt auf. Die Zwillinge hocken mit einem halb nackten Kerl zwischen sich auf Poppys Himmelbett. Das Blut rinnt seine bleiche, muskulöse Brust hinab, die eine der Schwestern gierig ableckt, während die andere sich genüsslich mit der Zunge über die Lippen fährt. Sie muss ihre Fangzähne soeben noch in seinem Hals versenkt haben.
Ihre rot glühenden Augen richten sich nun auf mich, und ich erkenne, dass es Rose ist. Die Unerträglichere der beiden. Sie und ich sind das Gegenteil von Best Roomies. Wären wir nicht unsterblich, hätte eine von uns die andere im Schlaf sicher längst mit einem Kissen erstickt.
Sie lächelt mich an und entblößt dabei ihre spitzen, blutbenetzten Reißzähne. »Na, auch endlich wach? Wir dachten schon, du verschläfst den Semesterstart.«
Poppy dreht sich zu mir um. »Möchtest du etwas abhaben?«
»Hey, das ist unser Leckerbissen. Willst du wirklich mit der Irren teilen?«, schnauzt Rose sie alles andere als leise an.
Ich lege mir eine Hand auf den brummenden Schädel. Noch etwas, das andere Vampire nicht kennen: Kopfschmerzen. »Ich will nichts, danke«, erwidere ich, weil ich keinen Nerv für einen Streit habe. Oder für eine Diskussion darüber, dass es strengstens untersagt ist, Blutspender mit in die privaten Schlafgemächer zu nehmen. Es gibt überall auf dem Campus öffentliche Blutspenderäume, die die Sicherheit unserer menschlichen Spender gewährleisten sollen. In der Theorie.
»Vielleicht wäre sie dann etwas lockerer. Oder nicht dauernd so müde«, hält Poppy ihrer Schwester vor.
Ich rolle mit den Augen und habe gar nicht erst vor, in dieses Gespräch einzusteigen. Ein Blick auf meine Smartwatch verrät, dass die beiden recht haben und ich den Semesterstart tatsächlich fast verschlafen hätte. Die Willkommensrede von Grace beginnt um zwanzig Uhr, was in sage und schreibe fünfzehn Minuten ist. Für andere Vampire, die es schaffen, den halben Campus innerhalb von drei Minuten zu umrunden, mag das noch eine Ewigkeit hin sein, aber ich muss mich sputen, wenn ich halbwegs pünktlich sein möchte. Auf ein Frühstück kann ich gut verzichten – so verlockend der Duft auch ist, der meine Sinne einzig auf den hämmernden Puls des menschlichen Spenders lenken will –, auf eine Dusche allerdings nicht. Ich muss mir den Schweiß meines Albtraums vom Körper waschen und hoffen, dass die Klauen meiner Erinnerungen unter dem warmen Wasserstrahl ein wenig locker lassen. Dass sie mein Herz freigeben, welches sich unter den Bildern meines Traums noch immer zusammenkrümmt.
Mit nackten Füßen schlüpfe ich aus dem Bett und suche mir aus dem schmalen Eichenschrank eine frische weiße Bluse heraus. Wenigstens habe ich diesmal nur geträumt und nicht gleich den Wohntrakt verlassen. In den letzten Semestern habe ich das Schlafwandeln mit niederer Runenmagie einigermaßen in den Griff bekommen. So sieht der dunkle Steinboden rund um mein Bett herum auch aus – überall finden sich mit Kreide gemalte Symbole, Teelichter und Edelsteine. Demnach ist es wohl kein Wunder, dass Poppy und Rose mich dieIrrenennen.
Ich fische die Nightcastle-Uniform aus dem Schrank, die aus einem weinroten Blazer und einem karierten Faltenrock besteht, und lasse die Zwillinge mit ihrem Leckerbissen allein, den sie deutlich zu leicht bekleidet verschlingen.
Unser Zimmer liegt nur wenige Schritte vom gemeinschaftlichen Waschraum entfernt, den sich die weiblichen Studierenden unseres Jahrgangs teilen. Zum Glück sind die Duschen um diese Zeit leer. Hastig schäle ich mich aus meinem Pyjama und schnappe mir von einem Stapel ein frisches Handtuch, bevor ich in einer der gefliesten Nischen das Wasser aufdrehe.
🩸
Mit noch feuchten, zu einem unordentlichen Dutt hochgebundenen Haaren flitze ich in meiner Uniform durch die dunklen Korridore. Während ich die vielen Wendeltreppen hinunterhechte, verfluche ich nicht zum ersten Mal, dass die Wohneinheiten der Studierenden in den zwei hohen Türmen auf der Nordseite der Burg untergebracht sind.
Im Erdgeschoss angekommen bin ich völlig außer Atem und hasse mich so sehr für diese Schwäche meines Körpers, dass ich unwillkürlich die Luft anhalte, als ich mich einer Gruppe männlicher Vampire nähere. In gedrosseltem Tempo wohlgemerkt, weil meine Kräfte nach diesem kurzen Sprint bereits an ihren übernatürlichen Grenzen kratzen. Ich benötige eine Verschnaufpause, die ich mir um keinen Preis anmerken lassen will. Es reicht, dass so ziemlich alle mein schneller schlagendes Herz hören können, sie müssen nicht auch noch mitbekommen, wie ich verzweifelt nach Atem ringe.
Natürlich drehen sie sich trotzdem zu mir um. Und es sind ausgerechnet Maliks hellblaue Augen, die mir entgegenblitzen. Scheiße, verdammt. Ich war ganz froh darüber, dass er in den Winterferien seine Familie in Toronto besucht hat und ich ihm die letzten vier Wochen nicht über den Weg laufen musste. Das ist nun wohl vorbei.
Grüßen oder weitergehen?
Die Entscheidung wird mir abgenommen. »Alles okay, Lark?«, fragt er beinahe besorgt. Die Sorge kann er sich in seinen untoten, blasierten Arsch schieben.
»Hat da jemand über die Winterpause etwa noch ein paar Pfund zugelegt? Ich dachte, Vampire können nicht zunehmen. Ein Wunder, dass die überhaupt die Uniform in deiner Größe haben.« Reece, Arschloch Nummer eins vom Nightcastle, feixt in meine Richtung. Seine Freunde lachen hämisch. Und Malik hat dem natürlich nichts entgegenzusetzen außer einem unsicheren Schnauben.
Gott, und mit dem war ich mal im Bett? Kaum zu fassen. Nicht nur einmal versehentlich, sondern ein halbes Jahr lang. Weil ich ernsthaft dachte, ich wäre verliebt. Zumindest in die Version, die Malik vor einigen Monaten noch gewesen ist. In seine menschliche Version.
»Halt die Fresse, Reece«, warne ich den Vollidioten, der mich schon seit anderthalb Studienjahren terrorisiert. Dass Malik sich nach seiner Verwandlung ausgerechnet mit ihm und seiner versnobten Clique abgeben muss, fühlt sich immer noch wie ein Dolchstoß ins Herz an. Etwas, das Vampire in der Regel nicht nachempfinden können, da ihre Herzen kalt, taub und tot sind. Und das ist in dem Fall keine Metapher.
Manchmal beneide ich diese Eisskulpturen, weil sie nicht nur so tun müssen, als würde sie nichts verletzen, sondern weil sie wirklich kaum etwas juckt. Einige von ihnen haben ihre Gefühle komplett abgestellt.
Reece, blondgelockt, hochgewachsen und mit der Statur eines griechischen Gottes, tritt an Malik vorbei auf mich zu. Ich weiche nicht zurück, weil ich keine Angst zeigen will, was allerdings den Nachteil mit sich bringt, dass er sich das Stoffende der dunkelroten Schleife schnappen kann, die um den Kragen meiner hochgeschlossenen Bluse geschlungen ist.
»Was sonst, Lark?« Er spielt mit dem Stoffband und wickelt es sich um Zeige- und Mittelfinger. »Wirst du mir eine reinhauen? Dafür müsstest du schneller sein als ich. Und wir wissen doch, dass du es nicht so mit Schnelligkeit hast.« Binnen eines Wimpernschlags hat er die Schleife um meinen Hals gelöst und hält das rote dünne Band über meinem Kopf in die Höhe.
In mir brodelt es, doch ich bemühe mich inständig, ruhig zu bleiben. Zehn, neun, acht … Wenn ich eins in den letzten Semestern gelernt habe, dann, dass es Reece umso mehr Freude bereitet, je mehr ich mich von ihm provozieren lasse. Es hat lange gedauert, bis ich seine blöden Sprüche oder das Sticheln gegen meine Figur von mir abprallen lassen konnte. Auch wenn ich zuvor immer fein mit meinem Körper war, ist es nun einmal nicht der eines richtigen Vampirs. Es scheint ein ungeschriebenes Naturgesetz zu sein, dass alle nach ihrer Verwandlung mit makelloser Haut, flachen Bäuchen und keinem überflüssigen Gramm Fett oder Cellulite gesegnet sind. Unter all den gertenschlanken Supermodels um mich herum fühle ich mich auch ohne Reece’ Kommentare oft genug wie das hässliche Entlein – oder an schlechten Tagen wie ein gestrandeter Wal. An guten Tagen weiß ich meine Kurven zu schätzen. Verdammt, die ein oder andere Vampirin würde für meine Oberweite mit Sicherheit morden. Und ich weiß, dass auch Malik diese Attribute vor einigen Monaten noch angebetet hat wie ein fleißiger Kirchgänger.
»Gib mir die Schleife zurück, Reece«, fordere ich so gelassen wie möglich. Will mir nicht anmerken lassen, dass seine bloße Gegenwart mir immer wieder aufs Neue den Magen verknotet. Tag für Tag. Woche für Woche.
»Hol sie dir doch.«
Sieben, sechs, fünf … Nein, ich werde nicht wie ein Hündchen vor ihm auf und ab springen, bis ich an das Band komme. Fuck, wenn ich meine Magie noch so nutzen könnte wie früher … Ich war vor meiner Verwandlung in einen Vampir gewiss nicht die mächtigste Magierin, aber es hätte gereicht, um Reece ein wenig Feuer unterm Hintern zu machen – wortwörtlich. Auch heute noch kann ich im Gegensatz zu anderen Vampiren einen Teil meiner Kräfte anzapfen, keine Ahnung, warum. Nur ist dieser Teil winzig und kaum brauchbar. Jeder hier weiß, dass ich zu keiner dieser Welten gehöre. Halb Vampirin, halb Magierin und doch im Grunde nichts von beidem.
Ich beiße die Zähne zusammen und tue das einzig Sinnvolle: weitergehen. Den Idioten den Rücken kehrend lasse ich sie stehen. Soll Reece sich auf meinem Schleifenband halt einen runterholen, interessiert mich nicht.
Hinter mir höre ich ihre Stimmen. Malik diskutiert mit Reece, aber es ist mir egal, was er sagt. Er hatte eben alle Zeit der Welt, mir zur Seite zu stehen, und hat stattdessen beschlossen, seinen mickrigen Schwanz einzuziehen.
Ich stoße eine der alten, verzierten Holztüren auf, die mich in den Innenhof des Hauptgebäudes führt, und werde von einem eisigen Wind empfangen. Die klirrend kalte Luft bändigt die Hitze in meinem Inneren und lockert den Knoten in meinem Magen. Wie andere Vampire bin ich recht unempfindlich, was kalte Temperaturen angeht, es bedeutet allerdings nicht, dass ich sie nicht spüre. Vor allem, wenn sie sich in den Minusgraden bewegen.
Weiße Flocken stieben durch die Luft, und ich halte zwischen den blühenden Rosenbeeten kurz inne. Den ganzen Dezember über hat es nicht geschneit, und jetzt, Anfang Januar … Ich schließe die Augen und fühle den Schnee auf mir. Er schmilzt nach der Berührung mit meiner Haut, wenn auch langsam, und ich wünschte, ich könnte hier so lange stehen bleiben, bis ich über und über mit dem weißen Pulver überzogen wäre. Wie eine der unzähligen roten Rosen, die den Innenhof bevölkern und der Kälte trotzen. Auch sie sind in Magie geboren und in einer kalten, toten Welt ausgesetzt worden. Sie gehören hier nicht hin. Genauso wenig wie ich.
Ich hebe die Augenlider und blinzele gegen die Flocken an, die sich auf meine Wimpern gelegt haben. Ein schwarzer Rabe fliegt über mich hinweg und lässt sich auf einem der ausladenden kahlen Äste eines Baumes nieder, schüttelt den Kopf und putzt sein Gefieder.
Ich lächele. Das sanfte Rieseln des Schnees hat mir einen Moment Frieden beschert, den ich an diesem College nur selten empfinde. Dabei liegt das nicht einmal an Reece und seinen bescheuerten Freunden oder den anderen Studierenden, die mich meiden wie eine Seuche. So lange ich denken kann, war es mein Traum, in die Fußstapfen meiner Eltern und die meines großen Bruders zu treten, die legendäre Knightstone Academy für Magier zu besuchen und meine Fähigkeiten zu trainieren. Ich wollte auf diesem Campus leben, auf dem Mom, Dad und Taylor einst auch gewohnt hatten. Die Kurse belegen, von denen sie mir immer erzählten. Eine herausragende Magierin werden. Dazugehören.
Stattdessen bin ich vor zwei Jahren gestorben.
Obwohl die Knightstone auch Vampire annimmt, wäre es nicht mehr dasselbe gewesen. Außerdem habe ich den Aufnahmetest ohnehin vergeigt. Um als Untote an einer Magierakademie zu studieren, muss man ein hohes Maß an Kontrolle vorweisen. Etwas, zu dem ich damals nicht fähig war, und selbst heute habe ich unter schlechten Bedingungen noch meine Schwierigkeiten damit. Also teilte man mir einen Platz am Nightcastle zu und sagte mir, ich solle mich glücklich schätzen, an dem renommiertesten College für Vampire studieren zu dürfen. Hier würde ich alles lernen, was man als neugeborene Untote wissen muss, ohne ausgegrenzt zu werden. Wie ironisch.
Das Läuten der Glocken katapultiert mich aus meinen Gedanken. Zwanzig Uhr. Verdammt. Ich reiße mich aus meiner Starre und lasse den blühenden Innenhof zusammen mit längst zerplatzten Träumen hinter mir. Wenn ich eins in den letzten drei Semestern gelernt habe, dann, dass zurückblicken alles nur noch schwerer macht.
Ich sehe dich, ma belle. Die weißen Flocken, die auf dein schwarzes Haar rieseln. Die auf deine bleiche Haut fallen. Auf deinen langen Wimpern perlen.
So, wie du da im Schnee stehst, mit geschlossenen Augen, das Gesicht zum anbrechenden Nachthimmel gerichtet, brennt dein Anblick sich nicht nur tief in mein Hirn. Er brennt sich auch in meine Brust. Wie ein glühendes Stück Eisen.
Du hast dich verändert seit dem letzten Mal, als ich dich gesehen habe. Ein Vampir dürfte nicht altern, aber du tust es. Kaum wahrnehmbar, und doch scheint aus einem viel zu jungen Mädchen irgendwann in den letzten zwei Jahren eine Frau geworden zu sein. Oder liegt das an dem anderen Licht, in dem ich dich heute betrachte? Hat sich in all der Zeit etwas in mir verändert und gar nicht an dir?
Nur noch wenige Tage, bis wir uns wieder gegenüberstehen könnten. Hätte ich damals gewusst, dass dieser Moment einmal kommt, hätte ich vielleicht anders entschieden.
Es war nie geplant, dir erneut zu begegnen, ma belle.
Es war nie geplant, dass du mich aus den lauernden Schatten treten siehst.
Doch seit du an dieses College kamst, wusste ich, dass es eines Tages passieren wird. Dass es nun so weit ist, tränkt meinen ansonsten klaren Verstand mit einer Dunkelheit, die selbst ich nicht durchdringen kann. Ich sehe nicht, was am anderen Ende auf uns wartet. Ich sehe gar nichts, außer eine viel zu schöne untote Frau, der mein ewiger Hass gebührt.
Lark
Die Willkommensrede zum Start eines neuen Semesters beginnt stets damit, die Freshmen zu begrüßen. Viele der älteren Jahrgänge stoßen erst später dazu oder skippen die Einführungsveranstaltungen ganz. Ich bin jedes Mal anwesend. Jedes Mal gleitet mein Blick über die Erstsemester, die neu am Nightcastle zugelassen wurden, während die Collegeleitung ihnen unsere Regeln erklärt.
So auch jetzt. Nur zwei Minuten zu spät schlüpfe ich in die große, runde Halle mit der kuppelartigen Decke, die von steinernen Pfeilern gestützt wird und mit filigranen Ornamenten verziert ist. Düstere Malereien alter Vampirlegenden prangen an den kalten, grauen Mauern. Ich setze mich möglichst unauffällig auf einen Platz in der hintersten Reihe und kann es nicht lassen. Als würde ein Teil von mir immer noch glauben, dass er nach zwei Jahren plötzlich hier auftaucht. Mein Verstand weiß, dass es lächerlich ist, auf einen Toten zu warten. Dennoch poltert mir das Herz bis zum Hals, als ich die bleichen Gesichter der Neuankömmlinge mustere, die sich auf dem runden Podium unter der Kuppel versammelt haben.
Keines davon gehört meinem Bruder.
Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich im Sommer vor anderthalb Jahren ebenfalls dort oben gestanden und der Dekanin gelauscht habe. Mit zittrigen Knien und schweißnassen Händen. Es war Dr. Grahams letzte Begrüßungsrede, bevor sie ihrer Ziehtochter Grace die Leitung übergeben hat.
»Alle Studierenden, die ein Blutstipendium bekommen haben, erhalten zusätzlich zu ihrer Uniform eine Plakette, die sie am rechten Ärmel ihres Jacketts und auf Höhe der Brust zu befestigen haben. Sie kriegen nach jedem Quartal des regelmäßigen Spendens in den dafür vorgesehenen Zeiten und Räumen ein Abzeichen. Wer alle vier Abzeichen gesammelt hat, darf sich verwandeln lassen und erlangt einen voll finanzierten Studienplatz.«
Das Stipendienprogramm für Menschen – den sogenannten Knowern, die zwar von unserer Existenz wissen, selbst aber keinerlei magischen Hintergrund haben – ist ein Versuch, die Ausbreitung der Vampire, vor allem unüberlegte, gefährliche Spontanverwandlungen, einzudämmen. Wer ein Jahr lang freiwillig sein Blut spendet, sich mit unseren Regeln befasst und danach immer noch verwandelt werden will, kann dies hier am Nightcastle in kontrolliertem Umfeld tun.
Wie Malik letztes Semester.
Ich schüttele jeglichen Gedanken an meinen Ex sowie die anderen Stipendiaten ab, die ihr normales Leben nur allzu bereitwillig gegen Fangzähne und Unsterblichkeit tauschen, und konzentriere mich stattdessen auf Grace. Sie macht das super, stelle ich fest. Sie wirkt so souverän, dass man ihr nicht anmerkt, dass sie erst vor anderthalb Jahren die Collegeleitung übernommen hat. Als ihre Mutter dem Ruf folgte, in den USA an der Knightstone Academy für Magier und Zwielichtkreaturen auszuhelfen, trat Grace in ihre Fußstapfen, dabei ist sie kaum älter als ich. Zumindest ihrem Äußeren nach. Sie sieht aus wie zwanzig, das allerdings schon seit sechs Jahren.
Vor meinem Tod waren wir eine Zeit lang befreundet, da wir in derselben Nachbarschaft wohnten und unsere Mütter schon Freundinnen waren. Nach meinem Tod gab es ein paar dunkle Wochen, in denen Grace die einzige Person war, die es schaffte, zu mir durchzudringen. Dank ihr habe ich mich nicht selbst aufgegeben. Doch ihr neuer Posten hat uns in den letzten Semestern unweigerlich auseinandergetrieben. Während ich studiere und an meinen Fähigkeiten arbeite, an schlechten Tagen noch um Kontrolle ringe oder um mein altes Leben trauere, ist sie längst voll ausgebildet und hat eine Stellung, in der sie die Verantwortung für Hunderte andere Vampire trägt. Wir leben vielleicht auf demselben Campus, aber in unterschiedlichen Welten.
Grace spricht jetzt über die zu erwerbenden Credit Points und die möglichen vertiefenden Studiengänge, auf die man sich als Vampir in den letzten beiden Jahren spezialisieren kann, aber ich höre nur noch mit halbem Ohr zu. Stattdessen zücke ich mein Handy, um im Online-Portal nach den aktualisierten Kursplänen zu suchen.
Wie jedes Semester habe ich mich für deutlich mehr Seminare und Vorlesungen eingeschrieben, als die Regelstudienzeit vorsieht. Bisher bin ich auf einem guten Weg, mein vierjähriges Studium vorzeitig abzuschließen. Als ich sehe, dass fast all meine Kursanfragen genehmigt wurden, triumphiere ich innerlich. Meine Chancen für ein Halbjahr weniger, in dem ich mit Reece und all den anderen versnobten Eisskulpturen hier festsitze, stehen gut.
Das hier mag zwar weltweit die beste Hochschule für Unseresgleichen sein, ein Elite-College, welches einzig für Vampire von Vampiren konzipiert wurde und in dem kein Untoter ausgeschlossen oder gefürchtet werden muss, doch dafür bin ich die Außenseiterin. Und ich habe es so satt, mich ständig fehl am Platz zu fühlen oder der Fußabtreter für Reece und sein Gefolge zu sein.
Mein Studium abzubrechen und aufzugeben, kommt aus mehreren Gründen nicht infrage. Mom und Dr. Graham haben sich schließlich so vehement dafür eingesetzt, dass ich hier sein darf. Allerdings rackere ich mich gerne ab wie eine Besessene, wenn das bedeutet, ein Halbjahr weniger schikaniert und für meine Andersartigkeit ausgelacht zu werden. Ein Halbjahr weniger, in dem ich immer wieder versuche, mich anzupassen, aber letztendlich doch nur am Rand stehe.
Sobald ich meinen Abschluss in der Tasche habe, der mir draußen ein paar wichtige Türen öffnet, bin ich weg. Und wer weiß, vielleicht bekomme ich dann doch noch meine Chance, zumindest den Master an der Knightstone Academy zu machen und ein wenig mehr über meine magische Seite zu erfahren.
Plötzlich geht ein nervöses Raunen durch die Aula. Eine seltsame Stimmung hängt in der Luft und lässt meinen Nacken kribbeln. Was habe ich verpasst?
Ich löse den Blick von meinem Handy und hefte ihn auf Grace, die in ihrem eleganten schwarzen Jumpsuit auf dem Podium steht und die Hände feierlich vor ihrem Körper gefaltet hat.
»Diesen Januar ist es wieder so weit, und unseren Studentinnen wird die Ehre gebühren, sich für einen der Prinzen als Schattengeliebte zur Wahl zu stellen. Wie Sie alle wissen, reicht der Tribut der Schattengeliebten in der kanadischen Geschichte bereits etliche Jahrhunderte zurück. Auf diese Weise haben wir früher das Königshaus des Nordens für seinen Schutz bezahlt, für das Land und die magischen Barrieren, die unser College vor den Menschen verbergen. Heute ist es eine fest verwurzelte Tradition, mit der wir alle drei Jahre aufs Neue unser Bündnis feiern.« Das Kribbeln in meinem Nacken wird zu einer Gänsehaut, die sich über meinen gesamten Körper zieht. DerTributderSchattengeliebten. Im Laufe meines Studiums habe ich so einiges über diesen Pakt erfahren, von dem ich zuvor als Magiertochter immer nur am Rande etwas mitbekommen habe. Allerdings habe ich völlig verpeilt, dass es dieses Jahr wieder so weit ist. »Heute leben wir friedlich Seite an Seite mit den Magiern und anderen Zwielichtkreaturen, aber es war ein langer Weg, bis man uns als ebenbürtig ansah«, fährt Grace fort. »Wir danken der magischen Königsfamilie De Cruor, die uns auf diesem Pfad stets unterstützt hat, und sehen den Tribut nicht mehr als Opfer an, sondern als Symbol unserer Vereinigung. Die Rolle der Schattengeliebten hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Es gilt heutzutage als große Ehre, von einem Angehörigen der königlichen Magierfamilie erwählt zu werden, und öffnet einem sämtliche Türen in unserer Welt. Von den Reichtümern ganz zu schweigen, mit denen man mittlerweile für die drei Jahre entlohnt wird.«
Ich frage mich, ob Grace ernsthaft an ihre Worte glaubt. Dass es eine Ehre ist, von der magischen Krone als Hure verschleppt und drei Jahre in einem Palast gefangen gehalten zu werden.
Die Aufregung in der Aula ist inzwischen beinahe greifbar. Das Gemurmel und Getuschel schwillt an, und mir wird bewusst, dass viele meiner Kommilitoninnen im Gegensatz zu mir diesen Tag vielleicht sogar herbeigesehnt haben.
»Das Nightcastle College hofft ebenso wie das Königshaus auf viele Freiwillige unter Ihnen. Wie Sie wissen, sind es dieses Jahr wieder die zwei Prinzen persönlich, die sich nach einer Reihe von Prüfungen jeweils eine Schattengeliebte aussuchen.«
Die Brüder De Cruor, die aktuellen Thronfolger des Nordens. Der König hob schon vor mehreren Jahren das Recht des Erstgeborenen auf, weil er seinen Zweitgeborenen als Nachfolger favorisiert. Das ist kein Geheimnis. Und dennoch gilt bis zu einer Hochzeit, dass beide ihren Anspruch geltend machen können. Obwohl ich das Leben der Royals nicht akribisch verfolge, gehört es als Magier oder Zwielichtkreatur zur Allgemeinbildung, alles über die vier magischen Königshäuser Kanadas zu wissen – vor allem über das des Nordens, in dessen Herrschaftsgebiet das Nightcastle liegt.
»Oh Gott, hast du gesehen, wie heiß Loras bei der Weihnachtsgala letzten Monat aussah? Ich schwöre, ich habe mir den Stream seinetwegen mindestens zehn Mal angeschaut«, raunt eine Studentin in der Sitzreihe vor mir ihrer Freundin zu.
»Ich sammle jeden Zeitungsartikel mit ihm, seit ich dreizehn bin. Ich würde sterben, wenn er mich erwählt. Zum Glück hat er noch nicht geheiratet!«
Super, an Freiwilligen wird es dieses Jahr wohl nicht mangeln.
Nichts gegen ihren Traum, sich von dem Lichtmagier-Prinzen flachlegen zu lassen – auch ich habe den ein oder anderen Celebrity vor Augen, den ich mit Sicherheit nicht von der Bettkante stoßen würde –, aber mich für ein völlig überholtes Bündnis drei Jahre an einen Fremden binden, den ich nur aus den Medien kenne? Egal wie heiß und reich er ist, Thronerbe hin oder her, das kann gehörig nach hinten losgehen.
»Am Ende der Woche werden die Prinzen mit ihrer Leibgarde anreisen. Ich bitte Sie daher alle, sich bis dahin Gedanken zu machen, ob Sie an dem diesjährigen Contest für die Schattengeliebten teilnehmen möchten, und sich dementsprechend darauf vorzubereiten«, fährt Grace fort. Wenigstens ist der ganze patriarchalische Humbug inzwischen freiwillig. »Nur die Stärksten und Begabtesten unter Ihnen können erwählt werden.« Natürlich. Wollen die Prinzen mit Hulk im Bett schlafen? Oder sichergehen, dass die Vampirinnen sämtliche experimentellen Sexualpraktiken überleben? Ich gebe mir Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. »Die Prüfungen, die dafür durchlaufen werden müssen, sind kein Spaziergang. Es ist meine Pflicht, Sie darauf hinzuweisen, dass einige der zu erfüllenden Aufgaben lebensgefährlich sein können, selbst für unseresgleichen. Die Teilnahme erfolgt auf eigene Gefahr.«
Ich runzele die Stirn, während die meisten meiner Kommilitoninnen über die Warnung lachen. Der Großteil der Vampire nimmt den Tod nicht mehr sonderlich ernst, seit sie eben diesem von der Schippe gesprungen sind. Sie scheinen zu verdrängen, dass sie zwar unsterblich, aber nicht unbesiegbar sind. Manche Dinge lassen sich auch durch die besten Selbstheilungskräfte nicht kitten – zum Beispiel, wenn man enthauptet wird. Ich glaube zwar nicht, dass uns die Prüfungen wortwörtlich den Kopf kosten könnten, doch wenn Grace diese Warnung ausspricht, wird schon etwas dran sein.
Neugierig schaue ich mich um. Wie viele der weiblichen Studierenden wohl ihr Leben riskieren würden, um mit einem der Prinzen im Bett zu landen? Um sich drei Jahre lang wie seine Geliebte zu fühlen? Vielleicht tun es manche aber auch für den Reichtum oder die Aufstiegschancen, die einem danach winken. Ich will darüber nicht urteilen, denn ich weiß, wie hart es für Vampire in der magischen Welt da draußen zugehen kann. In den Augen vieler sind wir immer noch untoter Abschaum oder potenzielle Kriminelle, die erst das Gegenteil beweisen müssen. Unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist, gilt für Wesen mit rot glühenden Iriden und messerscharfen Reißzähnen nicht.
Wenn man allerdings drei Jahre lang im königlichen Palast gelebt hat und die Krone für einen bürgt, poliert das unseren Lebenslauf ziemlich auf.
»Ich wünsche allen Neuankömmlingen sowie den älteren Studierenden einen erfolgreichen Start ins Frühlingssemester. Herzlich willkommen am Nightcastle!«, beendet Grace ihre Rede und applaudiert in Richtung der Freshmen. Der Rest der Aula tut es ihr gleich.
Ich hebe meine Hände nur halbherzig, während sich ein seltsamer Knoten in meinem Magen zusammenzieht. Nun heißt es also auf in ein neues Semester voller Abendkurse in dunklen Seminarräumen, Lauftraining im Mondschein und Tutorien zum richtigen Beißen, ohne seine Nahrungsquelle umzubringen. Nur diesmal mit königlichen Argusaugen im Nacken. Das kann ja heiter werden.
🩸
»Ich hasse es, wie aufgeregt alle plötzlich wegen dieses Tributs sind«, murmele ich genervt und knibbele die Mandarinenschale aggressiver als nötig von der Frucht. Saftig-süße Spritzer fliegen durch die Luft.
Aire sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und klappt die kleine Tischplatte an seinem Platz herunter, auf die er sein iPad und ein paar Schreibutensilien drapiert. Er zelebriert jeden Semesterstart mit dem Vorsatz, alles vorbildlich mitzuschreiben und seine Notizen zu strukturieren. Ich gebe ihm eine Woche, bis seine Mitschriften wieder im Chaos versinken. »Wenn du sowieso nicht vorhast, mitzumachen, kannst du es nicht einfach ignorieren? Du bist doch auch sonst gut darin, das Gerede der anderen auszublenden.«
Das muss ich auch, sonst wäre ich längst versucht gewesen, vom höchsten Turm des Nightcastle zu springen. Nicht, dass es bei mir etwas gebracht hätte.
»Das ist etwas anderes. Die momentane Stimmung auf dem Campus ist wie in einem aufgescheuchten Hühnerstall. Spürst du es nicht?« Diese Nervosität, die seit Grace’ gestriger Ansprache in der Luft surrt, färbt auf mich ab. Es ist nicht nur nervig, sondern macht einen innerlich auch ganz wuselig.
Aire zuckt mit den Schultern und schaut sich in dem dunklen, von steinernen hohen Wänden umfassten Hörsaal um, in dem wir auf unseren Dozenten warten. »Das wird sich legen, sobald die Prinzen erst einmal ein paar Tage hier sind. Mute deine Gefühle doch einfach. Emotionen stummschalten stand im ersten Halbjahr auf dem Programm. Oder hast du damit immer noch Schwierigkeiten?«
Ich gebe mir Mühe, nicht ertappt zusammenzuzucken. Als Vampirin im vierten Semester sollte ich mittlerweile so einiges können. Manchmal glaube ich allerdings, das großartige Los gezogen zu haben, nur die negativen Begleiterscheinungen des Vampirseins mitbekommen zu haben: den Blutdurst, die kalte Körpertemperatur, das verdammte Totsein. All die Vorteile wie die makellose Haut, der perfekte BMI, unerschöpfliche Energie und Schnelligkeit haben einen großen Bogen um mich gemacht. So auch die Fähigkeit, meine eigenen Emotionen oder die anderer zu manipulieren.
»Meistens gelingt es mir ja. Aber das ganze Getuschel und die Schwärmereien für die Prinzen lassen sich kaum ausblenden«, grummele ich und zupfe die weiße Haut von einer Mandarinenspalte, ehe ich sie mir in den Mund schiebe. »Dieser ganze Contest ist doch nur eine Farce, um es den Frauen besser verkaufen zu können, für einen fremden reichen Bastard mit zu viel Macht und Gottkomplex als Edelnutte herzuhalten.«
Aires Mundwinkel kräuseln sich zu einem schmutzigen Grinsen. »Früher waren die Schattengeliebten auch ganz offiziell ihre Lustsklavinnen.« Er schiebt sich das Ende seines Apple Pencils zwischen die Lippen und kaut nachdenklich darauf herum. »Ich würde mal schwer behaupten, dass es bestimmt mehr kritische Stimmen gäbe, wären die Prinzen potthässlich. Aber so …«
Ich schnaube. Prinz Loras, der jüngere Bruder, der einem verdammten blonden Engel gleicht, mag ja für den Großteil der weiblichen Bevölkerung dieser Erde als Traummann durchgehen, doch der Ältere? »Keiner weiß, wie Prinz Tarabas aussieht. Er versteckt sein Gesicht schon etliche Jahre hinter dieser halben Maske. Und das, was man von der anderen Hälfte hin und wieder sieht, lässt nicht darauf schließen, dass er ein Schönling ist. Um ehrlich zu sein, ist er mit dieser Maske und den langen schwarzen Haaren verdammt creepy.«
Aire setzt eine vielsagende Miene auf. »Kein Masked-Man-Fetisch? Also ich finde den mysteriösen Schattenprinzen durchaus heißer als seinen Bruder. Er kann seine Maske ruhig anbehalten, wenn er –«
Ich kicke mit meinem Fuß nach seinem Schienbein. »Perversling!«
Er lacht auf. »Leider sind die beiden bloß auf Frauen aus. Bin gespannt, wann es den ersten Homo-Prinzen oder Lord gibt, der sich eine männliche Hure in den Palast holt.«
»Dann bist du direkt am Start, oder was?«
»Nur, wenn er eine Maske trägt.«
»Gott!« Ich schüttele halb lachend, halb gequält den Kopf, um die Bilder zu verscheuchen, die dort nacheinander aufploppen.
Aire ist der einzige Untote auf diesem Campus, den ich gern als Sitznachbarn habe. Leider haben wir auch dieses Semester nur zwei Kurse zusammen. Und in der Freizeit ist Aire viel zu sehr damit beschäftigt, irgendwelche dubiosen Typen zu daten oder außerhalb des Campus als Barkeeper zu jobben, weil er für den Großteil seiner Studienkosten selbst aufkommen muss. Seine Eltern – beide Luftmagier – haben sich von ihm abgewandt, als er starb und seine Magie verlor. Auch wenn die Vampire noch so viele Jahrzehnte um Gleichberechtigung gekämpft haben, für manche altmagischen, elitären Familien werden wir immer nur blutsaugende Monster sein.
Zum Glück habe ich diese Art von Ausgrenzung von meiner Familie nie zu spüren gekriegt. Mom, die Einzige, die mir geblieben ist, liebt mich auch als das, was ich heute bin. Sollte sie wohl auch, da sie mit für das verantwortlich ist, was aus mir geworden ist. Hätte sie mir Patrizia Grahams Blut damals nach dem Einsturz unseres Hauses nicht eingeflößt …
Ich atme tief durch. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um in vergangenen Tragödien zu schwelgen. Hätte sie es nicht getan, würde ich schließlich längst unter der Erde verrotten.
Mr Morin betritt den Hörsaal und schreitet die Treppen hinab zu seinem Pult. Er ist der einzige Dozent, den ich kenne, der wie ein klischeehafter Vampir aussieht. Seine Haut ist weiß wie Schnee, seine Haare pechschwarz, und mit der hochgewachsenen Statur und dem dunklen Anzug ist er eine Erscheinung, bei der man instinktiv die Luft anhält und die Schultern strafft. Im Gegensatz zu den meisten Lehrkräften am Nightcastle hat er auch äußerlich schon ein paar Jahre auf dem Buckel, was ich ganz erfrischend finde. In den ersten Monaten fand ich es ziemlich skurril, hauptsächlich von Leuten unterrichtet zu werden, die aussehen, als wären sie gerade der Highschool entsprungen. Klar gibt es auch ältere Vampire, doch erstens funktioniert der Vampirismus besser als Botox, um sein wahres Alter zu vertuschen. Und zweitens meine ich, dass es ältere Menschen viel seltener durch eine Verwandlung schaffen. Die meisten Älteren sterben eher, als dass sie wieder auferstehen.
»Seid ihr bereit für ein wenig dunkle Alchemie?«, fragt Mr Morin in die Runde.
»Jetzt mal im Ernst«, flüstert Aire und beugt sich zu mir rüber, wobei ihm seine silber gefärbten Haare bis auf die Nasenspitze fallen. »Du bist mit Sicherheit nicht die Einzige, die den Tribut an die Krone für kritisch und überholt hält. Wir sind auf die ganzen Schutzbarrieren der Magier nicht mehr so angewiesen wie früher, und was damals als Zahlungsmittel normal war, ist heute wohl klar gegen jegliche Menschenrechte. Nur weil wir untot sind, gehören wir nicht als Bezahlung eines alten Pakts an jemanden verkauft. Vermutlich sind diejenigen, die das Ganze hinterfragen, nur leiser als die gackernden Fangirls mit ihren feuchten Höschen. Sei einfach froh, dass das Spektakel auf freiwilliger Basis erfolgt. Ein, zwei Wochen werden die Prinzen hier herumstolzieren und ihre Show abziehen, danach haben wir wieder unsere Ruhe.«
Ich hoffe, Aire hat recht. Die Ruhe ist das Einzige, was ich innerhalb dieser hohen dunklen Mauern schätze. Wenn man sich irgendwo vor der Welt verstecken will, dann funktioniert das am besten in einer alten, riesigen Burg, die von der Zivilisation abgeschottet ist.
»Wir beschäftigen uns in dieser Vorlesung mit der Lehre der natürlichen Elemente«, beginnt Mr Morin seinen Vortrag, und das Getuschel um uns herum verklingt allmählich. »Allerdings gehen wir dieses Semester einen Schritt weiter, als uns nur mit den traditionellen vier Elementen zu befassen. Es geht vielmehr um das Erkennen und Extrahieren magischer Essenz aus natürlichen Stoffen sowie die Wirkung von bestimmten Materialien und Molekülen auf Magie und uns Zwielichtwesen. Wie kann es sein, dass uns Sonnenlicht, Feuer und Wasser schwächen und menschliches Blut uns stärkt?«
Ich wickele die abgepulte Mandarinenschale in ein Papiertaschentuch und verbanne es an den Rand des kleinen Tisches, um Platz für meinen Laptop zu schaffen. Mein Magen knurrt noch immer, aber das bin ich gewohnt. Um Mitternacht gibt es im Speisesaal ein üppiges Buffet, auch wenn die meisten Vampire nur noch aus Gewohnheit oder um des Geschmacks willen essen. Für mich sind die mitternächtlichen Gelage allerdings die Rettung vor einem grausamen Hungertod. Bis dahin versuche ich mich meist mit Obst oder Müsliriegeln über Wasser zu halten. Auf einem Campus voller Untoter sind die Möglichkeiten leider begrenzt, wenn man nicht gerade in die Mensa der Blutstipendiaten platzen will. Und ohne triftigen Grund kann man das Nightcastle nicht einfach verlassen. Es thront wie eine in Stein gehauene Festung in der Eliaskette an der Grenze zu Alaska, umgeben von nichts als schneebedeckten Bergen und dem Pazifik. Mit anderen Worten: Man sitzt am Arsch der Welt fest, gäbe es nicht die magischen Portale, die einen binnen eines Wimpernschlags den halben Kontinent überqueren lassen. Die Nutzung dieser Portale wird jedoch streng überwacht, und man bekommt innerhalb des Semesters als Student nur selten eine Genehmigung.
»Auf den Folien der heutigen Präsentation sehen Sie eine inhaltliche Gliederung für dieses Halbjahr.«
Ich klicke mich durch die hochgeladene Datei und öffne ein weiteres Dokument für meine Notizen.
»Da Sie die Grundlagen traditioneller Alchemie bereits letztes Semester abgeschlossen haben, beginnen wir mit einer Einführung in das inoffizielle, fünfte Element: Blut. Das Blut transportiert die unterschiedlichsten Botenstoffe durch einen Organismus, und für uns Vampire ist es in zweierlei Hinsicht wichtig. Wir unterscheiden zwischen dem Blut eines lebenden Wesens und Vampirblut.«
Plötzlich blinkt oben in der rechten Ecke meines Bildschirms eine eingegangene Nachricht auf.
Grace: Wollen wir uns nachher treffen? Ich bringe Blooduccinos mit.
Überrascht öffne ich unseren Chat und stelle fest, dass unser letzter Nachrichtenaustausch schon eine ganze Weile zurückliegt. Und dass wir gemeinsam Blooduccinos getrunken haben, ist noch länger her, mindestens ein paar Monate. Ich erinnere mich, wie sie mich damals vor fast zwei Jahren mit ihrer Eigenkreation dieses Eiskaffeegetränkes aufmuntern wollte, weil ich mich weigerte, von einer menschlichen Quelle zu trinken. Sie hat mir ein Glas voll mit Crusheis, Kaffee, Sahne, Schokosirup und geschäumter Milch vor die Nase gestellt, in das sie gekühltes Blut aus einer Konserve untergemischt hat. Irgendwann wurde es zu unserer Tradition, dieses überzuckerte Zeug zu trinken, wann immer wir uns zum Quatschen verabredeten.
Grace: Wie lange hast du heute Kurse?
Ich: Bis zwei. Danach wollte ich aber noch ein paar Bahnen ziehen.
Grace: Hoffentlich nicht, weil du Dampf ablassen musst? Hat Reece dich wieder fertiggemacht? Soll ich seinem untoten Arsch einen Verweis verpassen?
Ich muss schmunzeln. Sie würde ihn, ohne zu zögern, in hohem Bogen rauswerfen, wenn ich ihr einen guten Grund dafür liefere, völlig egal wie viel seine Familie jährlich ans College spendet.
Ich: Nein, einfach so. Wie du weißt, liebe ich Schwimmen nun mal.
Grace: Du bist echt komisch. Kein Vampir zieht freiwillig einfach so Bahnen.
Da hat sie durchaus recht. Die meisten Untoten meiden das Wasser, weil es ihre Vampirschnelligkeit hemmt. Sie fühlen sich darin verletzlicher. Schwächer. Deshalb ist die Schwimmhalle so gut wie immer leer und wurde somit schnell zu meinem Favourite Place auf dem Campus.
Ich: Dann bin ich eben komisch Sollte keine Neuigkeit für dich sein.
Grace: Sehen wir uns danach? Halb vier?
Ich halte inne. Für die meisten Studierenden hier beginnt um die Zeit erst ihr Tag – beziehungsweise ihre Nacht. Bei mir wird dann vor allem eins eingeläutet: meine Schlafenszeit. Auch wenn ich nun schon in mein viertes Semester starte, habe ich mich noch nicht an den Nachtrhythmus gewöhnt. Und das werde ich möglicherweise auch nie. Aber Grace und ich kommen so selten dazu, etwas gemeinsam zu unternehmen, dass ich ihr ungern absagen will. Zwar habe ich mich mit meinem Eigenbrötlerleben mittlerweile ganz gut abgefunden, doch es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich unsere Freundschaft nicht manchmal vermisse.
Und vielleicht geht es ihr ja genauso.
Ich: Alles klar. Halb vier an den Klippen?
Sie willigt ein, und ich presse die Lippen aufeinander, um einen Seufzer zu unterdrücken.
Auf eine weitere schlaflose Nacht!
Hoffentlich haben ihre Blooduccinos eine Extraportion Koffein intus. Etwas Gutes hat es ja: Auf diese Weise bleibe ich zumindest von meinen wiederkehrenden Albträumen verschont.
Loras
»Statt nur dumm herumzustehen, könntest du langsam meine Koffer packen. Wir reisen in zwei Tagen ab«, blaffe ich Payne an. Zu Unrecht, wohlgemerkt, doch das ist mir egal.
Ich muss Payne nicht ansehen, um zu wissen, dass er die Zähne zusammenbeißt. »Ich bin Soldat deiner Leibgarde, kein Kammerdiener.«
»Dennoch bist du ein Diener der Krone«, weise ich ihn zurecht. Nur ein Vampir. Mehr nicht.
Es hat etwas Befriedigendes, mir das in Erinnerung zu rufen. Klare Grenzen zu setzen. Egal wie lange ich Payne schon kenne, egal wie brüderlich wir hin und wieder miteinander umspringen, er gehört nicht zur Familie. Er gehört nicht zu meinesgleichen. Eine Wahrheit, die ich wie Mauern um mein Herz ziehe, während ich mir das weiße maßgeschneiderte Leinenhemd zuknöpfe und aus dem Fenster sehe. Die Morgensonne schimmert auf der Wasseroberfläche des kleinen Teichs, auf dem trotz der winterlichen Jahreszeit die Seerosen blühen. Rosa und weiß. Unsere Gärtner geben mit ihrer Erdmagie alles, um sich gegen die natürlichen Witterungsverhältnisse zu behaupten und Mutters Vermächtnis zu erhalten.
»Ich ignoriere das mal großzügig, weil ich weiß, dass dich die kommende Auslese an sie erinnert«, durchbricht Payne meine Gedanken. »Du bist gerade nicht du selbst.«
Allein dafür, dass er sich traut, sie mir gegenüber zu erwähnen, sollte ich ihm die Zunge herausschneiden. Der Drang danach wallt in mir auf wie eine heiße Lawine. Eine Feuersbrunst. Er hat ja keine Ahnung, wie sehr ich gerade ich selbst bin. Aber wenn ich eins kann, dann meine wahren Gefühle verbergen. Eine Maske aufsetzen. Meine Lippen kräuseln sich, als ich dabei an meinen Bruder denken muss. Wir sind uns so viel ähnlicher, als die Öffentlichkeit annimmt. Nur ist Tarabas’ Maske ein dunkles Stück Kunststoff und eine Extraportion finsteres Schweigen, während meine Maske das strahlende Licht ist. Ein Lächeln hier, ein Augenzwinkern dort, zuckersüße Komplimente, die mein Gegenüber einlullen wie der Gesang einer Sirene.
Genauso locke ich alle, die mir zu nah kommen, in ihr Verderben.
Es ist sicherer für Payne, wenn ich ihn auf Abstand halte. Vor allem nach einer Nacht wie dieser. Das Mädchen hat er mit gelöschtem Gedächtnis längst fortgeschickt, aber ihr Duft hängt noch in meinem Schlafzimmer. Hat sich in den Laken verfangen, mit den schweren Vorhängen verwoben. Obwohl ich bereits geduscht habe, haftet er auch an mir: der Geruch blumiger Freiheit. Sie ist so schwer einzufangen und festzuhalten wie ein Schmetterling. Für ein paar Flügelschläge betäubt sie einen mit ihrer Schönheit – und danach ist sie wieder fort.
»Wenn du meine Koffer nicht packen willst, ruf mir Bastien. Und es reicht, wenn du vor meiner Tür herumlungerst und nicht in meinem Zimmer«, schicke ich Payne weg. »Wir wollen doch nicht, dass mein Vater misstrauisch wird.«
Der König würde es nicht dulden, dass ich mir mit meinem untoten Leibwächter gelegentlich ein Mädchen teile. Als Prinz steht es mir nicht zu, mich mit irgendwelchen Frauen von außerhalb zu vergnügen, geschweige denn, sie in den Palast zu schmuggeln. Gut, dass mein Leibwächter jeden Geheimgang sowie jeden Schichtwechsel kennt und sich so schnell und lautlos fortbewegen kann, dass nicht einmal Tarabas ihn in den Schatten ausmachen könnte.
Ein wenig Spaß sollte man sich als Thronfolger schon hin und wieder gönnen dürfen, nicht wahr?
»Natürlich. Wie Ihr wünscht, Eure königliche Hoheit«, erwidert Payne zynisch. Einen Herzschlag später fällt die Tür ins Schloss, und ich bin allein.
Mit geschlossenen Augen hole ich tief Luft. Wahrscheinlich sollte ich das Alleinsein genießen, solange ich noch kann. Nicht mehr lange und eine neue Schattengeliebte wird mir jede Nacht und jeden Morgen am Arsch kleben. Dann kann ich mir solche Spielchen wie das mit Payne und der Kleinen von gestern, deren Namen ich nicht einmal kenne, nicht mehr erlauben. Dann wird es drei Jahre lang nur noch sie geben, die ich spüre, schmecke und rieche. Deren Duft meine Laken tränkt. Ob wir beide wollen oder nicht. Drei Jahre.
Und nur wenige Wochen später wird ihr Duft wieder verflogen sein. Als hätte er nie existiert.
Lark
Als ich wach werde, dröhnt mir der Schädel. Wo bin ich? Wie spät ist es?
Nach ein paar langen Sekunden wird mir bewusst, dass die Finsternis vor meinen Augen nicht weichen wird, solange ich die Schlafmaske nicht von meinem Gesicht ziehe. Dahinter ist es tatsächlich taghell – zumindest so hell, wie es innerhalb dieser Mauern überhaupt werden kann. Sämtliche Fenster der Burg sind magisch verdunkelt, sodass sie lediglich einen verschwindend geringen Bruchteil des Sonnenlichts hindurchlassen. Höchstwahrscheinlich ist dieses ständige Zwielicht mit ein Grund für meinen seltsamen Schlafrhythmus.
Ich halte mir das Handgelenk vors Gesicht, um auf meine Smartwatch zu linsen. Die weißen Ziffern blenden mich, als wollten sie mir die Netzhaut weglasern. Sechzehn Uhr.
Gestern Nacht wurde es spät. Oder früh, wie man es nimmt. So langsam lassen sich meine Erinnerungen wieder sortieren. In Grace’ Blooduccinos war zwar keine Extraportion Koffein, dafür aber ein Schuss Wodka. Vampire können sich nicht wirklich betrinken oder einen Kater bekommen, doch mit genügend Alkohol spüren sie zumindest ein kurzes Hoch.
Nun, da ich nicht wie alle anderen Vampire bin, spüre ich auch das Tief. Trotzdem hat es mich nicht davon abgehalten, gestern mit Grace mitzuhalten. Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so einen Spaß hatte. Wann wir uns das letzte Mal so losgelöst und befreit von allem gefühlt haben. Ich bin mir sicher, dass auch sie diesen Abend bitter nötig hatte. Vermutlich wollte sie sich deshalb mal wieder mit mir treffen. Grace ist keine Person, die sich bei anderen ausheult oder offen zugeben würde, wenn sie jemanden zum Reden braucht. Aber nach dem dritten Blooduccino hat sie durchblicken lassen, wie viel sie im Hintergrund wegen unseres royalen Besuchs und den anstehenden Prüfungen vorbereiten muss. Meiner Nachfrage, was sie von dem Tribut der Schattengeliebten in Wahrheit hält, ist sie mehr oder weniger geschickt ausgewichen. Es folgte nur das oberflächliche, politisch korrekte Geschwafel darüber, was für eine tolle Chance es für uns Vampirinnen doch sei, sich mit dem Magieradel zu verbünden. Sie hat sogar ernsthaft und ganze drei Mal gefragt, ob ich an dem Contest nicht auch teilnehmen will. Dann würde ich hier wenigstens rauskommen.
Sie weiß, dass ich mich am Nightcastle niemals wirklich heimisch gefühlt habe. Aber zu welchem Preis würde ich dem hier entfliehen? Wenn ich meine Seminare weiter in dem Tempo durchziehe, bin ich in zwei Jahren auch so durch. Zwei Jahre mit Reece und den anderen Vollidioten, die mich fast täglich runtermachen.
Oder drei Jahre an einem Königshof, nächtelang mit einem der Prinzen vögeln.
Na gut, wenn man es so sieht, wäre es vielleicht sogar eine Überlegung wert. Scheiße. Das ist mit Sicherheit noch der Wodka, der aus mir spricht. Ich brauche dringend eine frische Blutspende, um meine Heilkräfte anzukurbeln und den Restalkohol schneller abzubauen. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal etwas getrunken habe – direkt von der Vene und nicht in einem Mixgetränk aus neunzig Prozent Eis, Sahne und Hochprozentigem.
Ich ziehe die dunkelblauen Vorhänge des Himmelbetts auf und stelle fest, dass ich unser Zimmer für mich allein habe. Wenigstens kann ich mich so in aller Ruhe umziehen und zurechtmachen, ohne den kritischen und bohrenden Blicken der Zwillinge ausgesetzt zu sein.
Als ich mir vor dem Spiegel die weiße Bluse zuknöpfe, verharren meine Finger für einen Moment über meiner linken Brust. Die schwarze Farbe auf meiner ansonsten bleichen Haut ragt heute knapp über den Rand meines BHs heraus. Es gibt Tage, da ist das Mal so groß, dass es mir bis zum Hals reicht und ich es kaum unter meiner Kleidung verstecken kann. Meistens dann, wenn ich besonders aufgewühlt bin, mich in verschwommenen Erinnerungen meiner Vergangenheit verliere oder verstärkt versuche, meine Magie zu nutzen. Dann wächst das schwarze Zeichen über meinem Herzen, als würden dunkle Ranken daraus hervorsprießen und meine Kehle hinaufklettern wollen. Seit ich gar nicht mehr erst versuche, meine Magie anzuzapfen, hat es sich beruhigt.
Ich schüttele über meine Gedanken den Kopf. Sicher doch. Als ob das Symbol auf meinem Körper lebendig wäre. Ich weiß zwar, dass es irgendeine Art dunkle Magie sein muss, mit der ich als Kind markiert wurde, damit hat es sich allerdings auch schon. Manchmal denke ich, ich wurde mit einem Fluch belegt. Ich erinnere mich nicht. Und auch meine Eltern konnten mir das Mal nie erklären. Kurz danach zogen wir um und lebten für ein paar Jahre in den USA. Sie schleppten mich eine Zeit lang zu unzähligen Heilern und den talentiertesten Magiern in ganz Nordamerika, aber niemand konnte das Mal entfernen. Nicht einmal mein Tod und die Wiederauferstehung zum Vampir haben meinen Körper davon befreit. Mittlerweile habe ich mich an das schwarze Zeichen gewöhnt – und daran, es zu verstecken. Ich hasse nichts mehr, als den Leuten noch einen Grund mehr zu geben, um mich auszugrenzen oder als nicht normal zu bezeichnen.
Dass ich es nicht bin, ist mir selbst klar. Ich weiß nur nicht, wieso.
🩸
»Deine Augen …«, stammelt der rothaarige Typ vor mir, in dessen Unterarm vor wenigen Sekunden noch meine Zähne steckten. »Sie sind ja gar nicht rot. Sie sind … lila.«
»Ich weiß«, sage ich bloß. Auch wenn ich sie in solchen Situationen eher purpur- oder magentafarben finde, aber okay, nicht jeder hat ein üppiges Vokabular für verschiedene Farbtöne. Außerdem bin ich zu sehr damit beschäftigt, kontrolliert ein- und auszuatmen.
Um meinen Händen eine Beschäftigung zu geben, tupfe ich mir mit einem Papiertaschentuch vom Stapel links neben mir die Mundpartie ab. Versuche, mich nicht auf den süßen, metallischen Geschmack zu fokussieren, der noch immer auf meiner Zunge haftet und mich um den Verstand bringen will. Es war genug. Ich bin satt. Ich brauche nicht mehr.
Die Schwester ist bereits damit zugange, die Bisswunde am Arm des Stipendiaten zu verbinden. Nicht, dass es nötig wäre. Die zwei Löcher, die meine Fangzähne hinterlassen haben, werden sich innerhalb weniger Minuten von selbst schließen und innerhalb eines Tages als zwei kleine blassrosa Punkte zurückbleiben. Zum Glück ist wenigstens auf die Heilkraft in meinem Speichel Verlass. Mein eigener Körper heilt schwächer und langsamer, als es für Vampire üblich ist, aber das wirkt sich nicht auf die Menschen aus, die ich infiziere.
»Krass! Ich habe noch nie einen Vampir mit dieser Augenfarbe gesehen. Bist du die Einzige oder haben die noch andere?«, bohrt der Typ neugierig weiter. Kein Wunder. Normalerweise sollten die Augen eines Vampirs während des Trinkens rot leuchten, nicht in einem strahlenden Magenta. Als wäre das Rot nicht stark genug, das Blau meiner Iris zu überlagern. Trotzdem treffen seine Fragen meinen wunden Punkt.
»Lark ist eben etwas Besonderes«, antwortet die ältere Schwester für mich und wirft mir einen freundlichen Seitenblick zu. Auch sie ist ein Mensch, aber sie ist nicht hier, um ein Blutstipendium zu absolvieren.
Ich lächele ihr dankbar zu, als plötzlich ein spöttisches Lachen von dem benachbarten Bett ertönt. Dort liegt ein anderer Spender, und vor ihm steht einer meiner untoten Kommilitonen. Er sieht in unsere Richtung – in meine – und lacht so hämisch, dass mir das frisch hinzugewonnene Blut sofort in den Kopf schießt.
»Etwas Besonderes? So nennt man das also heutzutage. Lark ist wohl einfach eine Vampir-Missgeburt.«
Undduwirstdirwünschen,niemalsgeborenwordenzusein,wenndunichtgleichdeineKlappehältst. Die Wut bringt das Blut in meinen Adern zum Kochen und droht den rationalen Teil meines Verstandes auszuschalten. Ich kenne den Wichser nicht einmal, ich weiß nur, dass er ein Freund von Reece ist. Und er nimmt sich dennoch heraus, so über mich zu sprechen.
Weil es nun mal stimmt. Du bist keine richtige Vampirin.
Die Schwester zieht den Vorhang zwischen unseren Betten energisch zu und schenkt mir einen entschuldigenden Blick. Doch sie kann nichts dafür. Es ist egal, wo ich mich am Nightcastle aufhalte, es findet sich immer ein Idiot, der mir einen dummen Spruch reindrückt. Nur weil ich nicht ihrer Norm entspreche. Weil ich etwas bin, das sie nicht kennen. Das sie nicht verstehen.
»Was meint der Typ damit?«, fragt mein Blutspender leicht panisch. »Gibt es etwa auch minderwertige Vampire? Was muss ich beachten, damit ich ein richtiger werde?«
»Nicht jeden Quatsch glauben. Und jetzt hau ab, Junge«, schickt die Schwester ihn fort.
Besser wäre es für ihn.
Er weicht unseren Blicken aus, murmelt ein »Sorry« und schnappt sich seine Ledertasche und das weinrote Jackett der Nightcastle-Uniform, ehe er mit eingezogenen Schultern durch den Vorhang schlüpft.
Ich hebe eine Augenbraue und räuspere mich. »Sollten Stipendiaten nach ihrer Spende nicht noch mindestens fünf Minuten liegen bleiben?«
»Ich bin mir sicher, dass es ihm gut geht.« Die Frau legt den Kopf schief und mustert mich, während ihre Hände routiniert den kleinen Tisch abräumen und das Verbandszeug in der Glasvitrine verstauen. »Und dir? Geht es dir auch gut?«
Erst jetzt merke ich, dass ich meine Finger ein wenig zu fest in die Armlehnen des Stuhls gekrallt habe. »Natürlich.«
Hat sie es gesehen? Meine Wut. Meinen Durst. Meine Angst.
»Das Violett in deinen Augen ist noch nicht verschwunden. Soweit ich mich erinnere, hattest du bei deiner Ankunft blaue Augen.«
Shit. Ich blinzele mehrmals und wende mein Gesicht ab. Normalerweise leuchtet die Iris eines Vampirs nur unmittelbar während des Blutrausches oder bei Mordlust. Oder anderweitiger Lust …
»Ich sollte jetzt gehen«, sage ich leise und packe meine Sachen.
»Hm. Ich sehe dich selten hier«, spricht sie weiter, als hätte sie mich nicht gehört, und beginnt damit, die Liege zu desinfizieren.
Unsicher lache ich auf und ziehe den Zettel heran, auf den ich noch meine Unterschrift setzen muss. »Tja, vielleicht hat der Typ von nebenan recht. Ich bin nicht wie andere Vampire. Ich brauche weniger Blut und muss dafür auch normale Nahrung zu mir nehmen, deshalb bin ich nicht so oft hier.«
Ich weiß, dass andere meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen beinahe täglich hier sind. Mir reicht es oft zwei Mal die Woche.
Ihre Augen weiten sich überrascht. »Das ist faszinierend und nichts, wofür du dich schämen müsstest.«
Nein. Nur dafür, dass ich nach zwei Jahren immer noch mit mir ringen muss, niemanden umzubringen, wenn ich von ihm trinke. Dass das Rot in meiner Iris zwar schwächer ausgeprägt ist, aber dafür länger anhält, weil ich den Durst nicht kontrollieren kann. Weil ich jedes Mal die Sekunden abzähle und mich in den Oberschenkel kneifen muss, um mich rechtzeitig lösen zu können. Weil mich alles Blut der Welt dennoch nie so stark und schnell machen wird wie einen richtigen Vampir.
Dafür schäme ich mich.
Ich lege den Kugelschreiber ab, als es plötzlich neben mir klirrt. Das Geräusch katapultiert meine Sinne in Alarmbereitschaft. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, nehme ich alles um ein Hundertfaches intensiver wahr. Meine Nackenhaare stellen sich auf, noch während das Klirren in meinen Ohren verklingt. Die Schwester hat beim Saubermachen etwas umgestoßen. Etwas, das in tausend Scherben zersplittert ist.
Sie bückt sich, im nächsten Moment zieht sie scharf die Luft ein.
Fuck. Ich rieche das Blut, noch bevor sich meine Augen auf den roten Tropfen fokussieren, der aus ihrem Finger quillt. In mir wallt etwas auf, das ich in der letzten Viertelstunde hinter mühsam errichteten Barrikaden gerade so in Schach halten konnte. Nun bricht es hindurch, wie eine Welle, die sich in einem stürmischen Meer aufbaut und alles mit sich reißt, was sich ihr in den Weg stellt.
Meine verzweifelt aufrechterhaltene Kontrolle entgleitet mir. Ich habe nur noch einen Gedanken: diese Frau zu packen und von ihrem Blut zu trinken. Es aus ihrem Körper zu saugen. Es zu inhalieren. Darin zu baden.
Nein.
Ehe sich die Bilder in meinem Kopf noch zur Realität formen, halte ich die Luft an, drehe mich um und verlasse den Blutspenderaum so schnell, als würde ich meinen eigenen Herzschlag abhängen wollen. Ich renne, bis alles um mich herum still ist. Bis auf die kleine Stimme der Wahrheit, die sich nicht abhängen lässt. Die meine Lügen durchschaut hat.
Du meidest die Blutspenderäume gar nicht, weil du das Blut seltener brauchst. Sondern weil du Angst hast. Angst vor diesem Durst. Angst vor dem Tag, an dem du es nicht mehr schaffst, rechtzeitig davonzulaufen. Angst davor, ein Monster zu sein. Eines von der Sorte, das Dad und Taylor getötet hat.
Heiße Tränen verschleiern mir die Sicht, als ich ins Freie stürze. Regen prasselt auf meinen Kopf. Kalt und unbarmherzig tränkt er meine Klamotten, vermischt sich mit den salzigen Schlieren auf meinen Wangen.
Erst als mir der vertraute Geruch von Heu, Leder und Holz in die Nase steigt, drossele ich das Tempo. Meine Beine haben mich an den Rand des Campus zu den Ställen geführt. Der Duft der Pferde und die süßliche, beißende Note ihrer Exkremente vermischen sich mit dem des Regens und der nassen Erde.
