Magie hoch zwei – Diebe in Berlin - Sibylle Luig - E-Book

Magie hoch zwei – Diebe in Berlin E-Book

Sibylle Luig

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Beschreibung

Elli und Idi trauen ihren Augen nicht: Mitten im Winter finden sie im Grunewald einen Welpen. Wem kann der nur gehören? Gemeinsam mit Philip und Mark machen sie sich auf die Suche nach dem Besitzer des kleinen Hundes und kommen dabei einer Bande von Dieben auf die Spur. Was wollen die Männer mit den Hunden und wer ist "die Chefin", die es darauf anlegt, ihre Kräfte mit Elli und Idi zu messen? Ihre Suche nach Antworten stürzt die Kinder in ein spannendes Abenteuer, das sie durch ganz Berlin führt.

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Seitenzahl: 192

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Magie hoch zwei

Band 3: Diebe in Berlin

Sibylle Luig

Mit Bildern vonUlrike Barth-Musil

Inhalt

Überraschung im Schnee

Walpurgisnachtträume

Haltet den Dieb!

Frau Sauters Geheimnis

Die Spur führt nach Kreuzberg

So, wie du bist

Tulpen zu Rosen

Puzzleteile

Matea geht aus

Rettet Re!

Im Mommsenstadion

Frau Sauter packt aus

Patchwork

Verbrecherjagd

Tante Evas Zwillinge

Sibylle Luig

Ulrike Barth-Musil

Wie alles begann …

… und wie es weiterging

Überraschung im Schnee

Zwei Tage lang hatte es unaufhörlich geschneit und ganz Berlin war leise geworden unter der ungewohnten Schneedecke. Gerade erst hatte es aufgehört. Der Himmel, der seit Anfang Januar immer nur grau gewesen war, war plötzlich aufgerissen und die Sonne schien.

»Heute Nachmittag schneit es bestimmt wieder!« Philip zeigte auf eine dunkle Wolkenfront, die sich vom Funkturm aus langsam auf sie zubewegte. »Wollen wir nicht rodeln gehen, so lange die Sonne noch scheint?«

Zum ersten Mal in diesem Winter war der Schnee liegen geblieben und Idi war noch nie in Berlin Schlitten gefahren. Elli, Idi und Philip waren auf dem Heimweg von der Schule und standen an der Ecke, an der sich ihre Wege trennten. Elli liebte Schlittenfahren. Aber vielleicht fand Idi, dass sie mit fast 13 Jahren zu alt dafür waren?

»Coole Idee!«, sagte Idi. Elli hatte sich unnötig Sorgen gemacht. »Wo kann man denn hier Schlitten fahren?« Idi schaute sich um. »Hier ist doch alles total flach!«

Elli und Philip grinsten sich an. »Wart’s ab. Hier ist der coolste Berg überhaupt!«, verkündete Philipp.

»Ja, klar! Ist alles immer am coolsten hier!«, sagte Idi spöttisch. Manchmal vermisste sie Hamburg, wo sie früher gewohnt hatte.

»Wirst schon sehen!« Elli nahm ihre Zwillingsschwester bei der Hand. »Dann gehen wir jetzt zur Kiesgrube, oder?«, fragte sie und zwinkerte Idi zu. Die verstand sofort.

»Aber wir müssen doch noch nach Hause, die Schlitten holen«, wandte Philip ein.

»Warum denn?« Idi lächelte unschuldig.

»Na, weil …« Philip brach mitten im Satz ab und starrte in die Luft. Über den Köpfen der Kinder surrte es auf einmal und wie aus dem Nichts kamen drei Schlitten hoch über ihren Köpfen angesaust und landeten lautlos und sanft vor ihnen auf dem Gehweg. Philip starrte den Holzschlitten, den roten Plastikschlitten und die lila Rutschscheibe sprachlos an.

»Mal schauen, welcher besser fährt.« Idi grinste.

»Tss …«, machte Elli. »Wenn du so anfängst, können wir ja auch gleich zur Kiesgrube fliegen!« Sie drehte sich zu Philip um. »Los! Aufsitzen!«

Immer noch schweigend ließ sich Philip auf den Holzschlitten plumpsen, der direkt neben ihm stand. Er wusste zwar, dass seine besten Freundinnen Hexen waren, aber fliegende Schlitten bekam er trotzdem nicht ständig zu sehen. Normalerweise hielten sich Elli und Idi an das Versprechen, das sie ihrem Vater geben mussten, sich wie zwei normale Mädchen zu benehmen. Aber heute nicht!

»Wer weiß, wann hier mal wieder Schnee liegt!« Elli setzte sich schwungvoll auf die lila Rutschscheibe.

»Und wann das nächste Mal die Sonne scheint. Schön blöd wären wir, das nicht auszunutzen.« Idi nahm an Philips anderer Seite auf dem Plastikschlitten Platz.

»Gib mir deine Hand«, sagte Elli zu Philip.

»Ich weiß nicht«, murmelte Philip unentschlossen. »Seid ihr euch sicher, dass das klappt?«

»Keine Ahnung!« Idi klang übermütig. »Nie probiert!«

»Echt nicht?«

Täuschte Elli sich oder war Philip ein bisschen blass geworden?

»Könnte auch schiefgehen!« Idi schien es Spaß zu machen, Philip aufzuziehen.

»Quatsch!« Elli merkte, dass Philip drauf und dran war, abzuhauen.

»Da geht nix schief. Los jetzt!« Sie streckte ihre Hand erneut nach Philips aus. Immer noch zögernd ergriff er sie. Dann schaute er sich um. »Und wenn uns jemand sieht?«

»Wenn uns jemand sieht, dann denkt er, dass er verrückt geworden ist!«, kicherte Idi.

»Uns sieht niemand!«, beruhigte Elli ihn. »Bist du bereit?«

»So würde ich es nicht gerade nennen«, sagte Philip, aber da hatte Idi schon nach seiner anderen Hand gegriffen. Sobald alle drei verbunden waren, erhoben sich ihre Schlitten langsam in die Höhe.

»Wow«, flüsterte Philip. »Krass, es klappt! Wir fliegen!«

»Wir schweben«, korrigierte Elli ihn. »Jetzt fliegen wir!« Mit diesen Worten schoss sie in den blauen Himmel hinauf und zog Philip und Idi, die vor Vergnügen schrien, einfach hinter sich her.

Mitten im wildesten Flug drehte sich Elli nach Philip um. Als sie sah, dass er mit dem Himmel um die Wette strahlte, flog sie noch schneller und ließ Philip und Idi in ihrem Gespann in weiten Schleifen durch die Luft sausen. Mann, war das ein Spaß! Es ging nur alles viel zu schnell. Schon nach wenigen Minuten erreichten sie die Kiesgrube und landeten am Abhang zwischen den riesigen Wurzeln der alten Kiefern.

»Krass!« Philip war völlig außer Atem vor Aufregung. »Also Schlittenfahren kann heute nur langweilig werden im Vergleich!«

»Find ich nicht«, widersprach Idi und schaute sich um. »Das sieht mega cool aus hier!«

Elli freute sich, dass Idi die Kiesgrube gefiel. Es war einer ihrer Lieblingsorte in Berlin, und sie hatte ihn ihrer Schwester schon so oft mal zeigen wollen. Von hier oben sah man einen langen, verschneiten Abhang, der weit entfernt in einem kleinen Hügel endete. Dahinter lag der See, dessen eisige Oberfläche den blauen Himmel widerspiegelte. Die Schneedecke lag noch unberührt vor ihnen und funkelte in der Sonne wie tausend winzige Diamanten.

»Da geht es runter« Elli deutete in Richtung See.

»Wirklich?« Idi war schon auf ihrem Schlitten und sauste einfach alleine und laut kreischend los.

»Kommst du auch?«, fragte Elli, aber Philipp schüttelte den Kopf.

»Ich brauch noch ’ne Minute!«

»Dann fahr ich zu Idi, okay?«

Ohne seine Antwort abzuwarten, setzte sich Elli auf die Rutschscheibe und flitzte Idi hinterher. Der Wind pfiff ihr um die Ohren und ihre rotblonden Locken flatterten wild um ihren Kopf. Wenn sie selbst flog, war die Luft um sie herum still und trug sie. Die Geschwindigkeit spürte sie beim Fliegen kaum, weil sie sie selbst kontrollierte. Das war beim Schlittenfahren anders.

»Nice, oder?«, rief sie Idi zu, als sie unten ankam.

»Total!« Idi war völlig begeistert. »Komm, wir gehen wieder hoch! Philip muss auch mitmachen.«

»Rauf ist nicht ganz so lustig«, stöhnte Elli, aber Idi war schon an ihr vorbeigelaufen und zog ihren Schlitten schnell den steilen Berg hoch. Elli folgte ihr etwas langsamer.

»Guckt mal, wer hier ist«, rief Philip ihnen entgegen, als sie endlich, inzwischen beide keuchend, wieder oben angekommen waren.

»Hey, Henriette! Cool!« Elli fiel ihrer Freundin um den Hals. »Warum haben wir nicht daran gedacht, dir Bescheid zu sagen?«

»Kein Problem«, meinte Henriette. »Bin ja da!«

»Und Lou auch«, freute sich Idi, als Henriettes Beagle bellend an ihr hochsprang.

»Lou liebt Schlittenfahren«, erklärte Henriette.

»Der fährt Schlitten?«, wunderte sich Philip.

»Nee, natürlich nicht«, lachte Henriette. »Aber er rennt den Schlitten hinterher und versucht, sie umzukippen. Wenn er es schafft, leckt er einem das Gesicht ab.«

»Iih!«, lachte Philip.

»Darfst dich halt nicht umschubsen lassen«, sagte Henriette ungerührt und versetzte Philips Schlitten einen Tritt.

»He!«, rief Philip, aber das half ihm nichts, denn schon flitzte sein Schlitten mit ihm in Richtung Tal und Lou rannte hinterher. Bellend sprang er um den Schlitten herum. Philip versuchte verzweifelt, so zu lenken, dass er Lou nicht überfuhr. Es dauerte nur Sekunden und schon hatten seine wilden Lenk­manöver den Schlitten zum Umfallen gebracht. Philip landete im Schnee. Vor Freude springend hatte Lou ihn fast erreicht, als er plötzlich stehen blieb und schnuppernd Fährte aufnahm. Er ging ein paar Schritte in Richtung des kleinen Hügels, schien aber die Spur wieder zu verlieren. Er suchte weiter, fand sie schließlich und verschwand laut bellend hinter der Anhöhe.

»Lou!«, rief Henriette. »Lou, wo willst du hin?«

Sie setzte sich auf ihren Schlitten, stieß sich mit den Füßen ab und fuhr ihrem Hund hinterher.

»Geh du zu Philip«, sagte Elli zu Idi. »Ich helfe Henni, Lou zu suchen..«

»Wir kommen nach«, versprach Idi und fuhr jetzt etwas langsamer den Berg hinunter auf den Schneehaufen zu, in dem Philip verschwunden war.

Elli folgte Henriette und Lou. Aber am Hügel angekommen, konnte sie die beiden nicht sehen.

»Henni?«, rief Elli. »Henni? Lou? Wo seid ihr?«

Es kam keine Antwort. Plötzlich war Elli kalt. Sie schaute zum Himmel hoch. Philip hatte recht gehabt, es würde bald wieder schneien. Schon jetzt hatten sich schwere, graue Wolken vor die Sonne geschoben.

»Ich sehe sie nicht!«, rief sie Philip und Idi zu, die gerade mit ihren Schlitten auf sie zukamen.

»Sie können ja nur in Richtung See gelaufen sein!«, sagte Philip und alle begannen, den Hügel hochzusteigen.

»Mist«, rief Idi, die als erste oben angekommen war. »Da ist Lou, auf dem Eis!«

»Oh nein, hoffentlich geht Henni ihm nicht nach. Ich habe heute Morgen im Radio gehört, dass die Seen nicht durchgefroren sind, und dass man auf keinen Fall das Eis betreten darf!«

Elli fühlte Panik in sich aufsteigen. Henriette und Lou durfte nichts zustoßen. Instinktiv schloss sie die Augen und wünschte sich zu ihrer Freundin. Sie spürte ein sanftes Kribbeln in ihrem ganzen Körper und als sie die Augen wieder öffnete standen sie alle drei neben Henriette am Ufer des Sees.

»Wie gut, dass ihr kommt!« Henriette weinte fast. »Lou ist da draußen, aber ich kann ihn nicht mehr sehen. Er ist im Schilf verschwunden. Er muss da irgendwas gefunden haben, so wie er bellt. Ich hab solche Angst, dass er einbricht!«

»Er bricht nicht ein.« Elli schaute Idi in die Augen.

»Natürlich nicht«, stimmte Idi ihr sofort zu und drehte sich zum See. Ihr Blick glitt übers Wasser und ein gewaltiges Krachen sagte Elli, dass Idi den See komplett hatte zufrieren lassen.

Henriette schrie vor Angst. Bei dem Knacken hatte sie gedacht, dass Lou eingebrochen war. Elli musste sie an der Jacke festhalten, sonst wäre sie aufs Eis rausgelaufen. Und dann sahen sie Lou wieder. Er kam aus dem Schilf und lief mit langsamen, vorsichtigen Schritten auf sie zu. Er trug etwas in seinem Maul. Aber was war das nur? Es dauerte einen Moment, bis Elli es erkannte. Es war ein Welpe! Lou musste ihn im Schilf gefunden haben. Als er am Ufer angekommen war, legte er ihn Henriette stolz vor die Füße. Alle gingen auf einmal in die Knie und streichelten den kleinen Hund.

»Oh Gott, ist der süß«, flüsterte Philip und hob ihn hoch. »Er zittert vor Kälte«, sagte er, sobald er ihn im Arm hatte. Er machte seine Jacke auf und nahm den kleinen Hund darunter.

»Wir müssen ihn mit nach Hause nehmen«, bestimmte Philip,»hier erfriert er!«

»Er hat sich sicher verlaufen«, sagte Idi. »Lou hat ihn gerettet.«

»Wir gehen zu mir!« Mit dem Welpen im Arm richtete Philip sich auf. »Ich kümmere mich um ihn!«

Elli hätte gerne widersprochen. Ein halb erfrorener Welpe wäre bei ihr und Idi besser aufgehoben. Immerhin war ihre Mutter Tierärztin und ihre Tante Tierheilpraktikerin, aber sie verstand, dass Philip sich um ihn kümmern wollte. Elli hatte ihren Kater Noah, Idi ihre Rennmäuse Lina und Lura und Henriette hatte Lou, nur Philip hatte kein Haustier.

»Okay.« Sie nickte. »Aber zuerst bringen wir ihn zu Mama in die Praxis, um zu sehen, ob er gesund ist.«

»Logo«, stimmte Philip ihr zu, und gemeinsam stapften sie durch den Schnee und die leise rieselnden Flocken zur Praxis von Ellis und Idis Mutter.

Es war Tante Eva, die ihnen die Tür öffnete. »Wen habt ihr denn da?«, begrüßte sie die Kinder fröhlich.

Philip ließ den Hund erst aus seinem Arm, als Tante Eva ihm ein Körbchen auf den Behandlungstisch gestellt und eine Wärmelampe darüber angemacht hatte.

»Wow!«, sagte Eva, als sie den Hund endlich sehen konnte. »Ein Rhodesian Ridgeback Welpe! Das ist ein Rassehund.«

»Was ist eigentlich besonders an einem Rassehund?«, fragte Elli.

»Kann sein, dass der von einem Züchter kommt«, antwortete Eva. »Der hat vielleicht einen Stammbaum und so.«

Oh, dachte Elli. Ein Hund von einem Züchter würde sicher vermisst werden. Dabei hatte sie gehofft, der kleine Hund könnte bei Philip bleiben. Er schien ihn so gerne zu haben.

»Woher weißt du das?«, wollte Philip auch gleich wissen.

»Schaut mal. Hier am Rücken!« Tante Eva zeigte auf das Fell des Hundes. »Was so aussieht wie eine Verfärbung, das ist ein keilförmiger Haarkamm, auf dem die Haare in die andere Richtung wachsen. Daran erkennt man Rhodesian Ridgebacks. Wunderschöne Hunde sind das.«

Es stimmte. Der Welpe war wirklich besonders schön. Sein Fell hatte die Farbe von Toffifee, auf der Brust hatte er einen weißen Fleck und seine Ohren schlappten lustig um seine gerade Schnauze. Das kleine Gesicht war noch voller Falten. Irgendwie sah es so aus, als würde er sich über alles, was er in dieser neuen, spannenden Welt erlebte, ein bisschen wundern. Noch war er niedlich, aber man konnte jetzt schon sehen, was für ein großer, stolzer Hund er mal sein würde.

»Das sind Jagdhunde«, erklärte Eva weiter. »So ein Hund muss richtig erzogen werden. Gar nicht so einfach, die zu halten. Sau­teuer sind sie auch. Die können richtig viel wert sein als Zuchthunde.«

So etwas Seltsames hatte Elli noch nie gehört. Ein Hund, der viel Geld wert war, als ob er ein Schmuckstück wäre oder so. Hunde waren doch keine Gegenstände. Und überhaupt: Alle Tiere waren viel wert.

Philip schien das auch nicht zu gefallen. »Ich nenne ihn Moses«, sagte er und kraulte ihn sanft hinter den Ohren, während Eva ihn untersuchte. »Lou hat ihn im Schilf gefunden.«

»Dein Moses ist eine Hündin«, lachte Eva. »Aber nennen kannst du sie ja wie du willst.«

»Auf keinen Fall!«, protestierte Henriette. »Ein Mädchen kann doch nicht Moses heißen.«

»Wie ihr meint. Gesund ist sie jedenfalls und das ist die Hauptsache«, sagte Eva. »Nur unterkühlt. Sie braucht viel Wärme. Wer kann sie denn mit nach Hause nehmen und sich um sie kümmern, während wir nach ihrem Besitzer suchen?«

Eva setzte sich hin und fächelte sich Luft zu.

»Ich!«, rief Philip, bevor eines der Mädchen widersprechen konnte.

»Und wenn du zur Schule musst, kann sie vielleicht zu Frau Wegner gehen. Du weißt schon, unsere Nachbarin, die auch auf Lou aufgepasst hat, als er klein war«, schlug Henriette vor.

Philip schaute sie dankbar an und nickte, während Eva sich weiter hektisch Luft zufächelte.

»Mann, ist das heiß hier mit dieser Wärmelampe«, stöhnte sie.

Elli und Idi schauten sich an und grinsten. Die Wärmelampe schien genau auf Moses und ihr Körbchen, im Rest des Raumes war die Temperatur völlig normal.

»Hier ist es nicht heiß«, sagte Idi zu ihrer Tante. »Das liegt nur daran, dass du so dick bist.«

»Unverschämtheit«, lachte Tante Eva, die genau wusste, dass Idi sie nur ärgern wollte. »Ich bin nicht dick, ich bin schwanger! Und das mit Zwillingen. Ganz schön anstrengend.«

»Wenn wir dir irgendwie helfen können, sag Bescheid«, bat Elli. »Ich würde gerne mal in der Praxis mitarbeiten.«

»Danke, das ist lieb. Wisst ihr, wie ihr mir helfen könnt? Ihr könnt mal recherchieren, wem das Mädchen Moses gehört. Dann muss ich das nicht machen, okay?«

»Okay«, antwortete Philip schnell. »Das machen wir! Aber kann ich sie jetzt mitnehmen?«

»Ja, das kannst du.« Eva wälzte sich wieder aus dem Sessel. »Wenn wir den Besitzer selbst finden, müssen wir die Polizei nicht einschalten. Die würden sie wahrscheinlich mitnehmen und in einem Tierheim unterbringen, bis klar ist, wem sie gehört. Da hat sie es doch bei euch und ihrem großen Freund Lou besser. Vier Wochen hätte sie noch etwa bei ihrer Mutter sein sollen.«

»Eigentlich müsste man die Polizei einschalten?« Elli sah ihre Tante ängstlich an.

»Ich weiß es nicht genau. Das ist mir auch noch nicht passiert«, seufzte Eva. »Aber vielleicht habe ich ja gar nicht erkannt, dass es ein teurer Rassehund ist. Schließlich bin ich im siebten Monat schwanger mit Zwillingen. Da passieren solche Fehler.« Sie grinste.

»Aber wenn wir uns gut um sie kümmern, dann schafft sie es auch ohne ihre Mutter?«

Elli hatte gar nicht gewusst, dass Philip so leise reden konnte.

»Na klar«, versprach Tante Eva. »Los, verschwindet und nehmt die Wärmelampe mit. Passt gut auf sie auf: Ich verlass mich auf euch.«

»Versprochen«, sagten Elli und Idi wie aus einem Mund.

»Wir passen auf Moses auf!«, bestätigte Philip und drückte den kleinen Hund in seinem Arm ganz fest an sich.

»Moses«, schimpfte Henriette, als sie die Praxis verlassen hatten. »Das geht gar nicht. Wir brauchen einen Mädchennamen.«

»Vielleicht was mit R«, fiel Elli ein. »Weil sie doch ein Rhodesian Rigdeback ist.«

»Ruby«, rief Idi.

»Robin«, schlug Henriette vor.

Aber Philip schüttelte nur den Kopf. »Moses heißt jetzt Ronny!«

Walpurgisnachtträume

»Schön siehst du aus, Oma Tilda!« Elli boxte Idi, die sich ein Kichern nicht verkneifen konnte, in die Rippen. Sie saßen zu dritt in der großen Küche der Wohnung von Oma Matilda und ihrer Zwillingsschwester Esther und schauten hinaus in den Regen, der heute den ganzen Tag nicht aufhören wollte. All den schönen Schnee hatte er schmelzen lassen und auf dem Winterfeldtplatz sah man vor lauter aufgespannten Regenschirmen keinen einzigen Menschen. Sie hatten Matilda und Esther Ronny vorstellen wollen, aber Esther war nicht da und Matilda interessierte sich nicht für den Welpen.

»Schön, ja, findest du?« Matilda zupfte sich nervös an den langen blonden Locken, die sich in einer riesigen Welle um ihren Kopf legten.

»Absolut«, bestätigte Idi und versteckte wie Elli jetzt auch ihre gekreuzten Finger hinter ihrem Rücken. Elli und Idi grinsten sich an. Matildas Frisur sah aus wie die Mähne von Apple Jack aus My Little Pony. Irgendwie verrückt, dachte Elli. Aber das würde sie ihrer Oma natürlich nie sagen.

Esther hatte immer noch ihren messerscharfen schwarzen Bob, aber Matilda ließ sich von Elli und Idi täglich neue Frisuren hexen.

»Ach, ich finde es auch richtig schön so. Danke, ihr Lieben.«

Matilda lächelte und wurde rot. Elli lächelte zurück. Wie gerne sie Oma Tilda inzwischen mochte!

Matilda schien es genauso zu gehen, denn sie sagte: »Wenn ich dich nicht hätte, Elli – und dich natürlich auch, meine liebe Idi – dann müsste ich …«

»… dann müsstest du zu einem richtigen Friseur gehen«, vervollständigte Idi grinsend Matildas Satz.

Matilda lachte mit. Wenn ihre strenge Zwillingsschwester nicht da war, konnte sie eine richtig coole Oma sein.

»Wollen wir uns Eis herzaubern?«, schlug Idi vor und kraulte Ronny, die zu ihren Füßen auf dem Boden lag, hinter den Ohren. »Ich hab Lust auf ein riesengroßes Himbeereis!«

»Und ich auf Karamelleis«, seufz­te Tilda sehnsüchtig. »Mit Erdbeersauce. Und Schirmchen.«

Idi und Elli tauschten einen Blick und schon hatte Matilda einen riesengroßen Karamelleisbecher mit Schirmchen und Glitzerpalme vor sich stehen. Idi hatte ihren Himbeereisbecher in der Hand, und Elli nahm den ersten Löffel von ihrem Oreo-Eis.

Am Anfang, als sie das Zaubern noch lernen mussten, wurde es immer dunkel oder kalt, wenn sie mit Hilfe der Magie Kräfte aus den Elementen zum Hexen zogen. Aber inzwischen beherrschten sie die Elemente, die ihnen anvertraut waren, perfekt. Niemand bemerkte mehr, wenn sie etwas so Einfaches wie Eiscreme herzauberten.

»Ebenso einfach wie köstlich.« Idi hatte anscheinend mal wieder Ellis Gedanken erraten.

»Wo ist eigentlich Tante Esther?«, erkundigte sich Elli, während sie Ronny heimlich unter dem Tisch ihre Eiswaffel zuschob.

»Ach die, die ist im Krankenhaus bei dem Sautertopf und liest ihr vor«, seufzte Matilda. »Mal wieder eine von ihren verrückten Ideen.«

»Was macht Esther?«

Elli wäre fast ihr Eis samt Löffel in den Schoß gefallen. Sie konnte es gerade noch in der Luft aufhalten, wo Idi es sich schnappte und den Rest aß. Ihr Becher war bereits leer.

»He, nicht lustig!«, beschwerte sich Elli, aber sie lachte dabei.

»Warum macht sie das? Frau Sauter vorlesen, meine ich.« Idi stopfte sich fröhlich das Eis in den Mund. »Ich dachte, die kann die Sauter noch weniger leiden als wir.«

Frau Sauter war Ellis Klassenlehrerin. Also eigentlich war sie früher ihre Klassenlehrerin gewesen, denn nach ihrem Unfall auf dem Sommerfest vor anderthalb Jahren hatte sie erst monatelang im Krankenhaus gelegen und nun war sie in einer Reha-Klinik. Elli lief es immer noch eiskalt den Rücken runter, wenn sie daran dachte, was damals passiert war. Schnell schob sie den Gedanken beiseite.

»Ach, ich weiß auch nicht, was sie da will«, sagte Matilda. Doch dann schien es ihr wieder einzufallen. »Ach ja, so war es: Die haben ihr in der Klinik gesagt, dass Frau Sauter schneller wieder gesund wird, wenn man sich um sie kümmert.«

»Vom Vorlesen gesund werden?«

Man merkte, wie verrückt Idi das fand. Aber Elli gefiel die Vorstellung, dass das Lesen einen heilen konnte.

»Esther hat gesagt, dass sie es keinen Tag länger ohne ihre Zauberkräfte aushält. Frau Sauter muss jetzt endlich gesund werden«, erklärte Matilda.

»Aha, daher weht also der Wind!«, sagte Idi nur. »Keine selbstlose Vorlese-Oma.«

»Unter uns gesagt …« Matilda senkte ihre Stimme, als würde sie ein großes Geheimnis verraten. »… ich glaube, sie langweilt sich schrecklich ohne das Hexen.«

»Kann ich mir gut vorstellen, mir haben meine Zauberkräfte auch gefehlt, wenn ich in Hamburg war ohne Elli. Ganz schrecklich ist das, wenn man nicht mehr hexen kann, weil man alleine ist«, seufz­te Idi.

»Du bist nicht mehr alleine!«

Elli drückte Idis Hand. In den letzten zweieinhalb Jahren war unendlich viel passiert. Elli und Idi hatten sich nach zehn Jahren zufällig kennengelernt. Dabei hatten beide sofort gemerkt, dass sie zaubern können, wenn sie zusammen sind. Und schließlich hatten sie erfahren, dass sie aus einer uralten Hexenfamilie stammen, in der alle Zwillingsmädchen magische Kräfte haben. Inzwischen wussten sie auch, dass es noch mehr Hexenfamilien gibt.

»Erzähl uns was von der Hexenwelt, Oma Tilda«, bat Elli. »Du kennst dich doch sicher gut aus da, oder?«

»Oh ja, bitte, Oma Tilda. Das ist so spannend!« Idi zog ihren Stuhl näher an Matildas heran. Ronny sprang mit einem Satz auf Idis Schoß und machte es sich dort gemütlich, als wollte auch sie zuhören.

»Ach, die Hexenwelt, was soll ich euch da groß erzählen?«, zierte sich Matilda und zupfte an den goldenen Locken herum, als sei sie verlegen. Aber an dem entzückten Grinsen in ihrem Gesicht konnte man sehen, wie sehr es ihr gefiel, dass ihre Enkelinnen sie um eine Geschichte baten.

»Na, zum Beispiel, wie viele Hexen du kennst und wo du sie kennengelernt hast«, schlug Elli vor.

»Tja, wie viele werden das sein? Esther wüsste das natürlich alles ganz genau ...« Matilda seufzte.

»Wir wollen aber, dass du uns davon erzählst«, verlangte Idi. »Du kannst viel besser erzählen als Esther. Du bist ja auch eine richtige Oma und Esther nur eine …« – Idi machte eine Pause und überlegte – »… verschwisterte Halb-Oma oder äh … was auch immer.« Sie lachte. Ihr fiel einfach keine Bezeichnung für ihre Verwandtschaft mit Esther ein.

»Verschwisterte Halb-Oma. Lass das bloß nicht Esther hören.« Man sah Matilda an, dass auch sie ein Grinsen unterdrücken musste. Gleichzeitig schaute sie sich nervös um, als ob Esther jederzeit hinter ihr auftauchen könnte.

»Oma Tilda«, sagte Idi streng. »Esther hört mich nicht. Sie ist in der Klinik und liest vor. Sie hat keine Zauberkräfte und kann nicht plötzlich aus dem Nichts hier erscheinen. Bitte erzähl uns was von der Welt der Hexen.«