Maigret in der Liberty Bar - Georges Simenon - E-Book

Maigret in der Liberty Bar E-Book

Georges Simenon

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Beschreibung

Kommissar Maigret soll an der Côte d'Azur den Mord an einem reichen Australier aufklären. William Brown, der erstochen in seinem Garten in Antibes gefunden wurde, arbeitete für den französischen Geheimdienst, lebte mit zwei Frauen zusammen und unterhielt Verbindungen zu einer dubiosen Kneipe in Cannes, der Liberty Bar. Das milde Mittelmeerklima versetzt Maigret in träge Urlaubsstimmung. Erst als er ein Foto des Toten sieht, beginnt er sich für den Fall zu interessieren: Denn der sieht ihm selbst verblüffend ähnlich ... Maigrets 17. Fall spielt in Antibes und Cannes an der Côte d'Azur.

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Seitenzahl: 155

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Der 17. Fall

Georges Simenon

Maigret in der Liberty Bar

Roman

Aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung

Kampa

1Der Tote und seine beiden Frauen

Es begann mit einem Gefühl von Urlaub. Als Maigret aus dem Zug stieg, war der Bahnhof von Antibes zur Hälfte in Sonnenlicht getaucht, so strahlend hell, dass sich die Leute darin wie Schatten bewegten. Schatten mit Strohhüten, weißen Hosen und Tennisschlägern. Die Luft vibrierte. Palmen und Kakteen säumten den Bahnsteig, und hinter der Lampisterie erstreckte sich ein Streifen blaues Meer.

Sofort kam jemand auf ihn zugeeilt.

»Kommissar Maigret, nehme ich an? Ich kenne Ihr Foto aus der Zeitung! Inspektor Boutigues.«

Boutigues! Allein der Name klang wie ein Scherz. Er hatte sich Maigrets Koffer bereits geschnappt und zog ihn mit sich zur Unterführung. Er trug einen perlgrauen Anzug, eine dunkelrote Nelke im Knopfloch und Stoffschuhe mit knöchelhohem Schaft.

»Sind Sie zum ersten Mal in Antibes?«

Maigret wischte sich den Schweiß von der Stirn und versuchte seinem Cicerone zu folgen, der sich zwischen den Leuten hindurchdrängte und jeden überholte.

Schließlich standen sie vor einer Droschke mit cremefarbenem Leinenverdeck, von dem kleine Troddeln herunterbaumelten.

Auch das ein Erlebnis, lange vergessen: das Knirschen der Federung, das Peitscheknallen des Kutschers, das Hufgeklapper des Pferdes, gedämpft vom weichen Asphalt …

»Erst mal gehen wir was trinken … Doch, doch! Bitte zum Café Glacier, Kutscher!«

Es war ganz in der Nähe. Der Inspektor erklärte:

»Die Place Macé … Das Zentrum von Antibes.«

Ein hübscher Platz mit einer Grünfläche, gelben und orangefarbenen Markisen an allen Häusern. Maigret musste sich auf eine Terrasse setzen und einen Anis trinken. Gegenüber ein Schaufenster mit Sportbekleidung, Badeanzügen, Bademänteln, links ein Fotogeschäft. Einige sehr schöne Wagen entlang des Gehsteigs …

Wirklich wie im Urlaub.

»Möchten Sie zuerst die Verhafteten sehen oder lieber das Haus, in dem das Verbrechen begangen wurde?«

Und Maigret antwortete, ohne nachzudenken, als hätte man ihn gefragt, was er gerade trank:

»Das Haus.«

 

Das Urlaubsgefühl setzte sich fort. Maigret rauchte eine Zigarre, die der Inspektor ihm angeboten hatte. Das Pferd trabte am Meer entlang. Rechts zwischen Pinien versteckte Villen, links einige Felsen, dann das blaue Meer, getüpfelt von zwei, drei weißen Segeln.

»Wissen Sie, wo wir jetzt sind? Antibes liegt hinter uns. Hier beginnt das Cap d’Antibes, wo es nur noch Villen gibt, sehr luxuriöse Villen.«

Maigret nickte einfältig. Die Sonne, die Wärme, all das machte ihn ganz benommen, und er blinzelte zu Boutigues’ purpurner Nelke hinüber.

»Boutigues war der Name, richtig?«

»Ja. Ich bin aus Nizza. Ich stamme von dort.«

Mit anderen Worten, ein waschechter, hochprozentiger Nizzaer.

»Beugen Sie sich ein wenig vor! Sehen Sie die weiße Villa? Das ist sie.«

Es war ihm nicht bewusst, aber Maigret betrachtete das alles etwas ungläubig. Es gelang ihm nicht, sich in eine Arbeitsstimmung zu versetzen, sich davon zu überzeugen, dass er hier war, um ein Verbrechen aufzuklären.

Dabei hatte er klare Anweisungen bekommen:

»Ein gewisser Brown ist am Cap d’Antibes ermordet worden. Die Zeitungen interessieren sich sehr dafür. Es wäre gut, möglichst kein Aufsehen zu erregen. Nur keine Geschichten!«

»Verstanden.«

»Brown hat während des Krieges für den Auslandsnachrichtendienst gearbeitet.«

»Auch das verstanden.«

Sie waren da. Die Droschke hielt. Boutigues zog einen kleinen Schlüssel aus seiner Tasche, öffnete das Gittertor und betrat den Kiesweg entlang der Auffahrt.

»Das Anwesen ist nicht einmal eines der schönsten am Cap!«

Aber hässlich war es wahrlich nicht. Mimosen erfüllten die Luft mit einem süßen Duft. An einigen kleinen Bäumen hingen noch goldgelbe Orangen. Und überall blühten seltsame Blumen, die Maigret nicht kannte.

»Das Haus gegenüber gehört einem Maharadscha. Er dürfte im Augenblick da sein … Fünfhundert Meter weiter links lebt ein Mitglied der Akademie. Und dann gibt es da noch die berühmte Tänzerin, die mit einem englischen Lord …«

Soso. Maigret hatte nicht übel Lust, sich auf die Bank vor dem Haus zu setzen und ein Stündchen zu schlafen. Schließlich war er die ganze Nacht unterwegs gewesen.

»Ich werde Ihnen kurz das Notwendigste erklären.«

Boutigues hatte die Haustür geöffnet, und sie betraten eine kühle Halle mit Fenstern zum Meer.

»Seit etwa zehn Jahren wohnt Brown hier.«

»Hat er gearbeitet?«

»Nein. Er muss von seinen Zinsen gelebt haben. Es hieß immer: Brown und seine beiden Frauen.«

»Zwei?«

»In Wirklichkeit war nur eine seine Geliebte, die Tochter. Eine gewisse Gina Martini.«

»Ist sie im Gefängnis?«

»Ja, wie die Mutter. Sie haben hier zu dritt gelebt. Ohne Dienstmädchen.«

In Anbetracht der zweifelhaften Sauberkeit im Haus war das nicht verwunderlich. Es standen zwar einige schöne Dinge herum, wertvolle Möbel, prächtige Gegenstände, die einmal geglänzt haben mochten.

Aber jetzt wirkte alles verdreckt und unordentlich. Es gab viel zu viele Wandbehänge, Stoffe, die über die Sessel gebreitet waren.

»Weiter zu den Fakten: Es gibt eine Garage gleich neben der Villa«, erklärte der Inspektor weiter. »Dort stellte Brown sein altes Auto unter, das er selbst fuhr. Er benutzte es vor allem, um Besorgungen in Antibes zu machen.«

»Verstehe«, seufzte Maigret. Er beobachtete einen Fischer, der mit einem Schilfrohr den Grund des klaren Wassers nach Seeigeln absuchte.

»Aber dann stand das Auto plötzlich drei Tage und Nächte auf der Straße. Hier kümmern sich die Leute wenig umeinander, deshalb hat sich niemand Gedanken darüber gemacht. Erst am Montagabend …«

»Verzeihung, heute ist doch Donnerstag? Gut.«

»Am Montagabend kam der Fleischer mit seinem Lieferwagen zurück und bemerkte, dass die alte Kiste losfuhr. Sie werden seine Aussage ja lesen. Er kam von hinten und hat zunächst geglaubt, Brown sei betrunken, denn der Wagen fuhr Schlangenlinien. Dann ein Stück geradeaus … Allerdings so sehr geradeaus, dass er an der Straßenbiegung, dreihundert Meter weiter, voll auf den Felsen prallte. Noch ehe der Fleischer reagieren konnte, waren zwei Frauen ausgestiegen. Als sie das Geräusch des Motors hörten, liefen sie fort, Richtung Stadt.«

»Hatten sie Gepäck bei sich?«

»Drei Koffer. Es wurde schon dunkel, und der Fleischer wusste nicht, was er tun sollte. Er ist zur Place Macé gefahren. Dort steht, wie Sie gesehen haben, ein Polizist Wache. Der hat die Verfolgung der beiden Frauen aufgenommen und sie schließlich entdeckt. Sie waren auf dem Weg zum Bahnhof, aber nicht zum Bahnhof von Antibes, sondern zu dem von Golfe-Juan, drei Kilometer entfernt.«

»Hatten sie immer noch die Koffer dabei?«

»Einen waren sie unterwegs losgeworden. Man hat ihn gestern in einem Tamariskenwäldchen gefunden. Die beiden waren ganz durcheinander und sagten, sie hätten eine kranke Verwandte in Lyon besuchen wollen. Der Polizist war so schlau, sie die Koffer öffnen zu lassen. Er hat darin einen Haufen Wertpapiere gefunden, solche, die den Inhaber zur Einlösung berechtigen, dazu einige Hundertpfundnoten und verschiedene andere Dinge … Inzwischen hatten sich viele Leute angesammelt, es war nämlich gerade Zeit für den Aperitif. Die haben die beiden Frauen erst zum Kommissariat und dann zum Gefängnis begleitet.«

»Wurde die Villa durchsucht?«

»Am nächsten Tag, gleich frühmorgens. Man hat zuerst nichts gefunden. Die beiden Frauen behaupteten, sie wüssten nicht, was mit Brown sei. Gegen Mittag hat ein Gärtner gesehen, dass die Erde im Garten an einer Stelle frisch umgegraben war. Unter einer nur fünf Zentimeter dicken Erdschicht hat man dann die Leiche von Brown entdeckt. Vollständig bekleidet.«

»Und die beiden Frauen?«

»Was sie dann sagten, klang schon ganz anders. Drei Tage zuvor hätten sie gesehen, wie das Auto auf der Straße abgestellt wurde, und sich gewundert, dass Brown es nicht in die Garage fuhr. Er ist dann schwankend durch den Garten gegangen. Gina hat ihn vom Fenster aus beschimpft, weil sie meinte, er sei betrunken. Dann ist er auf der Treppe zusammengebrochen …«

»Und war natürlich tot!«

»Mausetot! Im Rücken, genau zwischen den Schulterblättern, hatte er einen Messerstich.«

»Und dann wollen sie drei Tage mit dem Toten im Haus verbracht haben?«

»Ja! Sie können keinen plausiblen Grund dafür angeben. Sie behaupten, Brown hätte schreckliche Angst gehabt vor der Polizei und allem, was damit zusammenhängt.«

»Also haben sie ihn begraben und sind mit dem Geld und den wertvollsten Gegenständen auf und davon. Jetzt verstehe ich, warum das Auto drei Tage lang auf der Straße stand. Gina kann wahrscheinlich nicht gut fahren und hat es darum nicht gewagt, das Auto in die Garage zu manövrieren. Ach, übrigens – gab es Blutspuren im Wagen?«

»Nein. Sie schwören, dass sie das Blut selbst beseitigt haben.«

»Ist das alles?«

»Ja, das ist alles. Die beiden toben vor Wut und verlangen, entlassen zu werden.«

Draußen wieherte das Droschkenpferd. Maigret wagte nicht, seine Zigarre wegzuwerfen, mochte sie aber auch nicht zu Ende rauchen.

»Wie wär’s mit einem Whisky?«, sagte Boutigues, auf einen Likörschrank deutend.

Nein, das hatte wirklich gar nichts von einer Tragödie. Maigret bemühte sich vergeblich, die Angelegenheit ernst zu nehmen. Lag es an der Sonne, den Mimosen, den Orangen oder an dem Fischer, der das glasklare Wasser nach Seeigeln absuchte?

»Können Sie mir die Hausschlüssel geben?«

»Selbstverständlich. Jetzt, wo Sie die Ermittlung in die Hand nehmen …«

Maigret leerte das Glas Whisky, das ihm der Inspektor gereicht hatte, betrachtete die Platte, die auf dem Grammophon lag, drehte mechanisch an den Knöpfen des Radioapparats, und man hörte:

»Getreidebörse … November …«

Dann entdeckte er hinter dem Apparat ein Foto, nahm es von der Wand und sah es sich an.

»Ist er das?«

»Ja. Lebend habe ich ihn nie gesehen, aber ich erkenne ihn wieder.«

Maigret stellte das Radio ab, mit einem Schlag hellwach. Plötzlich hatte es gefunkt. War es Interesse? Mehr als das!

Ein verworrenes, übrigens recht unangenehmes Gefühl. Bis zu diesem Zeitpunkt war Brown einfach Brown gewesen, ein Unbekannter, höchstwahrscheinlich ein Ausländer, der unter mehr oder weniger mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war. Niemand hatte sich gefragt, was für ein Mensch er gewesen war, was er gedacht, gefühlt, gelitten hatte …

Und jetzt, als Maigret das Foto betrachtete, war er plötzlich aufgeregt. Denn er hatte das Gefühl, den Mann zu kennen, aber nicht, weil er ihn schon einmal gesehen hätte.

Nein. Die Gesichtszüge sagten ihm nichts. Das breite Gesicht eines kräftigen, gesunden Mannes mit spärlichem roten Haar, einem kleinen gestutzten Schnurrbart und großen hellen Augen.

Aber in der ganzen Haltung, im Ausdruck lag etwas, das Maigret an sich selbst erinnerte. Die Art und Weise, wie er die Schultern ein wenig hochzog, der auffallend ruhige Blick, das zugleich gutmütige und ironische Lächeln.

Und schon war der Mann nicht mehr Brown die Leiche. Er war ein Mensch, den der Kommissar gern kennengelernt hätte, der ihn neugierig machte.

»Noch einen Whisky? Schlecht ist er ja nicht …«

Boutigues scherzte. Erstaunt stellte er fest, dass Maigret nicht darauf einging. Er wirkte abwesend, während er sich umsah.

»Ob man dem Kutscher einen geben sollte?«

»Nein! Lassen Sie uns fahren.«

»Wollen Sie sich das Haus denn nicht ansehen?«

»Ein anderes Mal.«

Und zwar allein! Und wenn ihm von der Sonne der Schädel nicht mehr brummte. Auf der Rückfahrt sagte Maigret kein Wort, nickte nur, wenn Boutigues etwas bemerkte, und der überlegte, was er falsch gemacht haben konnte.

»Sie werden doch die Altstadt besichtigen. Das Gefängnis liegt ganz in der Nähe des Marktes. Und vor allem morgens …«

»Zu welchem Hotel?«, fragte der Kutscher über die Schulter.

»Möchten Sie im Zentrum wohnen?«, fragte Boutigues.

»Lassen Sie mich hier aussteigen. Hier ist es gerade richtig.«

Sie fanden eine Art Familienpension, die auf halbem Weg zwischen der Stadt und dem Cap lag.

»Kommen Sie heute Abend noch zum Gefängnis?«

»Morgen, denke ich.«

»Soll ich Sie abholen? Wenn Sie übrigens nach dem Essen ins Casino von Juan-les-Pins gehen möchten, könnte ich …«

»Danke. Ich bin müde.«

Er war nicht müde. Aber er war nicht in Form. Ihm war heiß. Er schwitzte.

In seinem Zimmer, das aufs Meer ging, ließ er Wasser in das Waschbecken laufen, dann überlegte er es sich anders und ging hinaus, die Pfeife zwischen den Zähnen und die Hände in den Taschen.

Im Vorübergehen sah er die kleinen weißen Tische im Speisesaal, die fächerförmig in den Gläsern stehenden Servietten, die Wein- und Mineralwasserflaschen, das Mädchen, das den Boden kehrte.

Brown war durch einen Messerstich in den Rücken getötet worden, und seine beiden Frauen hatten versucht, mit dem Geld zu flüchten.

Es war alles noch recht verschwommen. Unwillkürlich blickte Maigret in die Sonne, die bei Nizza, wo die Promenade des Anglais sich als weißer Strich abzeichnete, langsam im Meer versank.

Dann schweifte sein Blick zu den Bergen mit ihren noch schneebedeckten Gipfeln.

Also, Nizza zur Linken, etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernt, Cannes zur Rechten, zwölf Kilometer … Das Gebirge im Rücken, vorne das Meer.

Er war schon dabei, eine Welt zu konstruieren, deren Mittelpunkt die Villa von Brown und seinen Frauen bildete. Eine von der Sonne klebrige Welt, in der es nach Mimosen und zuckrigen Blumen duftete, mit taumelnden Fliegen und Autos, die über weichen Asphalt glitten …

Er konnte sich nicht entschließen, bis ins Zentrum von Antibes zu laufen, obwohl es kaum einen Kilometer entfernt war, und ging in sein Hotel zurück, das Hôtel Bacon, um den Gefängnisdirektor anzurufen.

»Der Direktor ist auf Urlaub.«

»Kann ich dann seinen Vertreter sprechen?«

»Er hat keinen. Ich bin hier allein.«

»Nun gut, dann lassen Sie mir die beiden Frauen gleich in die Villa bringen.«

Auch dem Gefängniswärter am anderen Ende der Leitung schien die Sonne zugesetzt zu haben. Oder hatte er ein paar Anis getrunken? Jedenfalls vergaß er, nach einer behördlichen Genehmigung zu fragen.

»In Ordnung. Bringen Sie sie dann zurück?«

Maigret gähnte, streckte sich und stopfte sich eine neue Pfeife. Aber sie schmeckte nicht wie sonst.

Brown war ermordet worden, und die beiden Frauen …

Gemächlich schlenderte er zur Villa. Noch einmal sah er die Stelle, wo das Auto gegen den Felsen gefahren war. Es war fast zum Lachen, denn der Unfall war typisch für einen ungeübten Autofahrer. Erst fuhr er Schlangenlinien, bevor er es schaffte, geradeaus zu fahren, und dann bekam er die Kurve nicht …

Der Fleischer, der in der Dämmerung von hinten kam. Die beiden Frauen, die mit ihren zu schweren Koffern fortliefen und einen von ihnen unterwegs abwarfen.

Eine Limousine glitt vorüber, mit einem Chauffeur am Steuer. Im Fond ein asiatisches Gesicht: sicherlich der Maharadscha.

Das Meer war rot und blau, mit einem Stich ins Orange. Straßenlaternen sprangen an, ihr Schein noch blass …

Maigret, allein in dieser weitläufigen Kulisse, ging auf die Villa zu, als wäre er der Besitzer, der nach Hause kommt, sperrte mit dem Schlüssel das Gittertor auf, ließ es halb offen stehen und stieg die Außentreppe hinauf. In den Bäumen wimmelte es von Vögeln. Die Haustür quietschte. Ein Geräusch, das Brown vertraut gewesen sein musste.

Auf der Schwelle versuchte Maigret den Geruch zu erfassen, denn jedes Haus hat seinen eigenen Geruch. Hier roch es vor allem nach einem starken Parfum, vermutlich Moschus, und nach kaltem Zigarrenrauch.

Er drehte am Lichtschalter, ging in den Salon und nahm neben dem Radioapparat und dem Grammophon Platz. Hier hatte Brown wohl immer gesessen, der Sessel wirkte stark abgenutzt.

Er war ermordet worden, und die beiden Frauen …

Die Beleuchtung war schlecht. Aber er sah eine Stehlampe mit einem riesigen Schirm aus rosa Seide. Er knipste sie an, und sofort war Leben im Raum.

»Er hat während des Krieges für den Auslandsnachrichtendienst gearbeitet …«

Das war bekannt. Darum also wurde der Fall in den Lokalzeitungen, die Maigret im Zug gelesen hatte, so aufgebauscht. Für die Öffentlichkeit war Spionage immer etwas Mysteriöses und Besonderes. Daher solche idiotischen Schlagzeilen wie:

EINE INTERNATIONALE AFFÄRE

EIN ZWEITER FALL KOTJUPOFF?

EIN SPIONAGEDRAMA?

Einige Journalisten wollten die Handschrift des russischen Geheimdienstes Tscheka, andere die des Intelligence Service erkannt haben.

Maigret blickte sich um. Irgendetwas störte ihn. Er fand den Grund: Hinter dem großen Fenster stand die schwarze Nacht. Er zog den Vorhang zu.

Eine der beiden Frauen hat vermutlich in dem Lehnsessel da drüben gesessen, mit ihrer Handarbeit.

Eine Stickerei lag auf dem kleinen Tisch daneben.

Und die andere da in der Ecke.

Dort lag ein Buch: Rudolph Valentinos Liebesabenteuer.

Fehlen nur noch Gina und ihre Mutter …

Mit Mühe war das leise Plätschern des Wassers an der Felsküste auszumachen. Maigret betrachtete erneut das Foto. Es trug die Signatur eines Fotografen aus Nizza.

»Nur keine Geschichten …«

Mit anderen Worten: Es galt, die Wahrheit so schnell wie möglich zu entdecken, um dem Gefasel der Journalisten und dem Raunen in der Bevölkerung rasch ein Ende zu bereiten. Auf dem Kiesweg im Garten waren Schritte zu hören. Eine sonore Glocke läutete in der Halle. Maigret ging zur Haustür, öffnete sie und stand zwei Frauen und einem Mann mit einem Käppi gegenüber.

»Sie können gehen. Ich kümmere mich um die beiden. Treten Sie ein, Mesdames.«

Er gab den Hausherrn. Die Gesichter der Martinis waren im Halbdunkel kaum zu erkennen, allerdings nahm er einen starken Moschusduft wahr.

»Ich hoffe, man hat endlich begriffen …«, begann eine ein wenig krächzende Stimme.

»Kommen Sie herein! … Machen Sie es sich bequem.«

Sie traten ins Licht. Die Mutter hatte ein faltiges Gesicht, bedeckt mit einer dicken Schicht Schminke. Sie blieb mitten im Salon stehen und sah sich um, als wollte sie sich davon überzeugen, dass nichts fehlte.

Die Tochter wirkte misstrauischer. Sie musterte Maigret, strich ihr Kleid glatt und setzte ein Lächeln auf, das wohl verführerisch sein sollte.

»Stimmt es, dass man Sie extra aus Paris hat kommen lassen?«

»Legen Sie doch bitte ab. Und nehmen Sie dort Platz, wo Sie immer zu sitzen pflegten.«

Sie begriffen das Ganze noch nicht ganz. In ihrem eigenen Haus kamen sie sich wie Fremde vor. Sie fürchteten eine Falle.

»Wir drei wollen uns ein wenig unterhalten.«

»Wissen Sie schon etwas?«

Das hatte die Tochter gesagt, und die Mutter rief ihr krächzend zu:

»Sei vorsichtig, Gina!«

Wieder fiel es Maigret schwer, seine Rolle ernst zu nehmen. Trotz ihrer Schminke sah die Alte fürchterlich aus.

Die Tochter hingegen, deren Formen sich überaus üppig unter dem dunklen Seidenkleid abzeichneten, war die Verkörperung einer falschen Femme fatale.

Und der Geruch! Dieser starke Moschusduft, der jetzt das Zimmer erfüllte.

Man musste unwillkürlich an die Loge einer Concierge in einem kleinen Theater denken.

Keine Tragödie! Nichts Mysteriöses! Die stickende Mutter, die ihre Tochter beaufsichtigte, und die Tochter, die Valentinos Liebesabenteuer las.

Maigret, der sich wieder in Browns Sessel gesetzt hatte, sah die beiden mit ausdrucksloser Miene an und fragte sich ein wenig beklommen:

Was zum Teufel hat der verflixte Brown bloß zehn Jahre lang mit diesen beiden Frauen getrieben?

Zehn Jahre! Lange Tage mit anhaltendem Sonnenschein und dem Duft der Mimosen, dem unendlichen Blau des Meeres vor den Fenstern. Zehn lange Jahre mit stillen, nicht enden wollenden Abenden, kaum hörbar das Plätschern der Wellen, und die Mutter dort in ihrem Sessel und die Tochter neben der Stehlampe mit dem rosa Seidenschirm …

Unwillkürlich drehte er das Foto dieses Brown in den Händen, der die Dreistigkeit hatte, ihm ähnlich zu sehen.

2Erzählen Sie mir von Brown!

»Was machte er abends?«

Maigret hatte die Beine übereinandergeschlagen und sah die Alte missmutig an. Sie gab die vornehme Dame.

»Wir gingen sehr wenig aus … Meistens las meine Tochter, während …«

»Was tat Brown?«