Maigret und Pietr der Lette - Georges Simenon - E-Book

Maigret und Pietr der Lette E-Book

Georges Simenon

3,0

Beschreibung

Interpol kündigt Kommissar Maigret die Ankunft des europaweit gesuchten Betrügers Pietr der Lette an. Maigret erwartet ihn an der Gare du Nord, kann den vornehmen Herrn, auf den die Beschreibung zutrifft und der von Angestellten des Luxushotels Majestic abgeholt wird, jedoch nicht verfolgen: Auf der Zugtoilette wird nämlich ein Toter gefunden, der ebenfalls wie Pietr der Lette aussieht. Maigret muss sich entscheiden, welche der beiden Spuren die richtige ist ... Maigrets 1. Fall spielt an den Champs- Élysées und in Fécamp, einem kleinen Fischerort in der Normandie.

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Der 1. Fall

Georges Simenon

Pietr der Lette

Roman

Aus dem Französischen von Susanne RöckelMit einem Nachwort von Tobias Gohlis

Kampa

1Alter ca. 32, Größe 1 m 69

Interpol an Sûreté Paris

Xvzust Krakau vimontra m ghks triv psot uv Pietr der Lette Bremen vs tyz btolem.

Kommissar Maigret von der Ersten Mobilen Brigade hob den Kopf. Der gusseiserne Ofen, der mitten in seinem Büro stand und durch ein dickes Rohr mit der Decke verbunden war, schien weniger laut zu bullern als noch ein paar Augenblicke zuvor. Er schob das Telegramm beiseite, erhob sich schwerfällig, regulierte die Lüftung und warf drei Schaufeln Kohle ins Feuer. Dann stopfte er mit dem Rücken zum Ofen seine Pfeife und zerrte an seinem engen Kragen. Er sah auf die Uhr: Es war vier. Sein Jackett hing an einem Haken hinter der Tür. Langsam ging er zum Tisch, las das Telegramm noch einmal und übersetzte für sich:

Interpol an Sûreté Paris

Polizei Krakau meldet: Pietr der Lette auf Durchreise Fahrtziel Bremen.

Die Internationale kriminalpolizeiliche Kommission (Interpol) mit Sitz in Wien leitet den Kampf gegen international agierende Banden und kümmert sich insbesondere um die Vernetzung der nationalen kriminalpolizeilichen Behörden.

Maigret nahm ein zweites Telegramm zur Hand, das ebenfalls im Polcode verfasst war, der internationalen Geheimsprache, die in der Kommunikation der Polizeidienste auf der ganzen Welt verwendet wird. Er übersetzte beim Lesen:

Polizeipräsidium Bremen an Sûreté Paris

Ankunft Pietr der Lette und Weiterfahrt nach Amsterdam und Brüssel.

Ein drittes Telegramm von der Nederlandsche Centrale in Zake Internationale Misdadigers, dem Oberkommando der niederländischen Polizei, meldete:

Pietr der Lette 11 Uhr Abfahrt im Étoile du Nord Abteil G 263 Wagen 5 Zielbahnhof Paris.

Die letzte Depesche im Polcode kam aus Brüssel.

Bestätigung Pietr der Lette um zwei Uhr im Étoile du Nord in dem von Amsterdam angegebenen Abteil.

Hinter dem Schreibtisch hing eine riesige Landkarte, vor der Maigret sich nun aufstellte, groß und schwer, beide Hände in den Hosentaschen, die Pfeife im Mundwinkel.

Sein Blick schweifte von dem Punkt, der Krakau bezeichnete, zu einem anderen Punkt, Bremen, und von dort nach Amsterdam und Brüssel.

Wieder sah er auf die Uhr. Zwanzig nach vier. Der Étoile du Nord musste jetzt mit hundertzehn Kilometern pro Stunde zwischen Saint-Quentin und Compiègne dahinrasen.

Kein Halt an der Grenze. Kein Abbremsen.

In Wagen 5, Abteil G 263, war Pietr der Lette vermutlich damit beschäftigt, zu lesen oder die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten.

Maigret ging zu einer Tür, hinter der sich ein Wandschrank befand, wusch sich die Hände im Emaillebecken, fuhr mit dem Kamm durch sein dichtes dunkelbraunes, nur an den Schläfen von wenigen weißen Fäden durchzogenes Haar und rückte dann so gut es ging die Krawatte zurecht, deren Knoten ihm nie korrekt gelang.

Es war November. Es dämmerte.

Durchs Fenster sah er einen Arm der Seine, die Place Saint-Michel, ein Waschschiff, eingehüllt in dunkles Blau, das nach und nach von Gaslaternen erhellt wurde.

Er öffnete eine Schublade und überflog ein Telegramm des Internationalen Erkennungsdienstes in Kopenhagen:

Sûreté Paris

Pietr der Lette 3216901512022402550273203116032330324303325034150352204115041440414705221 … usw.

Diesmal machte er sich die Mühe, die Nachricht laut zu übersetzen und sie sogar mehrmals zu wiederholen, wie ein Schüler, der etwas auswendig lernt:

Personenbeschreibung Pietr der Lette: Alter ca. 32, Größe 1 m 69, Statur schlank, Nase gerade, Basis breit, Scheidewand normal, äußerer Ohrmuschelrand auffällig geformt, Ohrläppchen groß, anliegend, Gegenleiste schmal, Ohrmuschelhöcker vorstehend, Höhlung tief, Helixkrümmung normal, Gesicht lang, Wangen leicht hohl, Brauen dünn, hellblond, Unterlippe vorspringend, hängend, Hals lang, Augenfarbe graugrün, Iris gelblich, Haare hellblond.

Dieser polizeiinterne Steckbrief von Pietr dem Letten war für den Kommissar nicht weniger aussagekräftig als eine Fotografie. In groben Zügen: ein nicht sehr großer Mann, schlank, jung, mit sehr hellen Haaren, dünnen blonden Augenbrauen, grünlichen Augen und langem Hals.

Maigret kannte zudem die Form des Ohrs in allen Einzelheiten, was ihm erlauben würde, den Gesuchten in einer Menschenmenge zu erkennen, selbst wenn er stark geschminkt wäre.

Er nahm sein Jackett vom Haken, schlüpfte hinein, zog seinen dicken schwarzen Mantel an und setzte die Melone auf.

Ein letzter Blick zum Ofen, der kurz vor dem Bersten zu stehen schien.

Am Ende eines langen Flurs, auf dem Treppenabsatz, der als Vorzimmer diente, eine Anweisung an Jean:

»Vergiss ja mein Feuer nicht!«

Auf der Treppe überraschte ihn ein kalter Luftzug, und er musste in einer Ecke Schutz suchen, um seine Pfeife anzuzünden.

 

Trotz des riesigen Glasdachs peitschten Windböen über die Bahnsteige der Gare du Nord. Mehrere Scheiben hatten sich gelöst und waren zwischen die Gleise gekracht. Immer wieder fiel der Strom aus. Die Leute sahen plump aus in ihren dicken Kleidern.

Vor einem Schalter lasen Reisende eine beunruhigende Nachricht:

Sturm über dem Kanal.

Und eine Frau, deren Sohn in den Zug nach Folkestone stieg, wirkte bestürzt und hatte rote Augen. Bis zum letzten Moment redete sie mahnend auf ihn ein. Ihm war das peinlich, aber er musste versprechen, auf der Fähre keinen Augenblick an Deck zu verbringen.

Maigret stand an Gleis 11, wo die Menge auf den Étoile du Nord wartete. Alle großen Hotels und natürlich auch die Reiseagentur Cook waren vertreten.

Er rührte sich nicht. Andere wurden nervös. Eine junge Frau im Nerz, die Beine jedoch von feinster Seide umspannt, hämmerte beim Hinundhergehen mit ihren Absätzen auf den Boden.

Doch er blieb stehen, wo er war, groß und mächtig, mit seinen imposanten Schultern, die einen breiten Schatten warfen. Er wurde angerempelt, schwankte aber so wenig wie eine Mauer.

Das gelbe Licht des Zuges tauchte in der Ferne auf. Dann gab es einen Höllenlärm; die Schreie der Träger, die hastigen Schritte der Reisendenden in Richtung Ausgang.

Maigret ließ zweihundert von ihnen an sich vorbeiziehen, bevor sein Blick im Strom an einem kleinen Mann hängen blieb, dessen grün karierter Reisemantel in Schnitt und Farbe eindeutig nordisch war.

Der Mann hatte es nicht eilig. Ihm folgten drei Träger. Der Hausdiener eines Grandhotels an den Champs-Élysées bahnte ihm unterwürfig den Weg.

Alter ca. 32, Größe 1 m 69 … Nase gerade …

Maigret bewegte sich immer noch nicht. Sein Blick richtete sich auf das Ohr. Das genügte ihm.

Der Mann in Grün ging ganz dicht an ihm vorbei. Einer der Träger stieß mit einem Koffer gegen den Kommissar.

Im selben Moment begann ein Eisenbahner zu laufen und rief einem Kollegen etwas zu, der am Ende des Bahnsteigs neben der Kette stand, mit der man den Durchgang sperren konnte.

Die Kette wurde eingehängt. Lauter Protest erhob sich.

Der Mann im Reisemantel war schon am Ausgang.

Der Kommissar rauchte in kleinen, schnellen Zügen. Er ging zu dem Beamten, der die Kette eingehängt hatte.

»Polizei! Was ist los?«

»Ein Verbrechen … Gerade haben wir entdeckt …«

»Wagen 5?«

»Ich glaube, ja …«

Im Bahnhof ging es zu wie immer. Nur an Gleis 11 bot sich ein ungewohnter Anblick. Etwa fünfzig Reisenden wurde der Durchgang verwehrt. Sie verloren die Geduld.

»Lassen Sie sie durch«, sagte Maigret.

»Aber …«

»Lassen Sie sie durch!«

Er beobachtete, wie dieser letzte Strom sich in Bewegung setzte. Der Lautsprecher kündigte die Abfahrt eines Vorortzuges an. Irgendwo rannten Leute. Vor einem der Wagen des Étoile du Nord wartete eine kleine Gruppe auf irgendetwas. Drei Männer in der Uniform der Eisenbahngesellschaft.

 

Zuerst kam der Bahnhofsvorsteher herbeigelaufen, wichtigtuerisch, aber beunruhigt. Dann wurde eine Rollbahre durch die Halle geschoben, quer durch die Wartenden, die ihr mit unbehaglichen Blicken folgten. Vor allem die Abreisenden.

Maigret ging den Zug entlang, mit schweren Schritten, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, von Wagen zu Wagen. Wagen 1. Wagen 2 … Er erreichte Wagen 5.

Dort standen die drei Eisenbahner vor der Tür. Die Bahre hielt an. Die Männer redeten auf den Bahnhofsvorsteher ein.

»Polizei! Wo ist er?«

Man sah ihm sichtlich erleichtert entgegen. Er schob seinen massigen Körper gelassen in die aufgeregte Gruppe, und mit einem Mal waren die anderen nur noch Nebenfiguren.

»In der Toilette …«

Maigret stieg ein und sah die offene Toilettentür zu seiner Rechten.

Auf dem Boden lag ein Körper, zusammengekrümmt, seltsam verdreht.

Draußen auf dem Bahnsteig gab der Zugführer Anweisungen:

»Der Wagen wird auf ein Abstellgleis gefahren … Wartet! … Gleis 62 … Und sagt der Aufsicht Bescheid!«

Zuerst sah er nur den Nacken des Mannes, dann, als er die schief sitzende Mütze zurückschob, auch das linke Ohr.

»Äußerer Ohrmuschelrand auffällig geformt, Ohrläppchen groß, anliegend, Gegenleiste schmal …«, murmelte er.

Auf dem Linoleum waren ein paar Blutspritzer. Er sah sich um. Die Eisenbahner standen auf dem Bahnsteig und auf dem Trittbrett. Der Vorsteher redete und redete.

Da drehte Maigret den Kopf des Mannes um und biss noch fester auf seine Pfeife.

Wenn er nicht den Reisenden im grünen Mantel am Ausgang gesehen hätte, wenn er nicht gesehen hätte, wie er zusammen mit einem Dolmetscher vom Hôtel Majestic zu einem Wagen ging, wären ihm vielleicht Zweifel gekommen.

Dieselben Kennzeichen. Derselbe kleine blonde, bürstenartige Schnurrbart unter einer geraden Nase mit breiter Basis. Dieselben hellen, dünnen Augenbrauen. Dieselben graugrünen Pupillen.

Mit anderen Worten: Pietr der Lette!

Maigret konnte sich in der winzigen Toilette nicht bewegen. Der Wasserhahn tropfte; jemand hatte vergessen, ihn zuzudrehen, und aus einer porösen Dichtung dampfte es.

Seine Beine stießen gegen den Leichnam. Er richtete ihn halb auf und sah auf der Brust, auf Hemd und Jacke Schmauchspuren eines aus nächster Nähe abgegebenen Schusses.

Ein großer schwärzlicher Fleck, in den sich das Purpurrot des Blutes mischte.

 

Ein Detail fiel dem Kommissar auf. Zufällig sah er einen der beiden Füße, verrenkt und verdreht wie der ganze Körper, den man zusammengedrückt haben musste, um die Tür zu schließen.

Der Schuh war schwarz, sehr gewöhnlich und billig und offenbar schon einmal neu besohlt worden. Der Absatz war an der einen Seite abgelaufen, und in der Mitte der Sohle sah man ein durch Abnutzung entstandenes rundes Loch.

Der Mann von der Bahnhofsaufsicht erschien, in betresster Uniform, selbstsicher, und fragte auf dem Bahnsteig:

»Was ist jetzt schon wieder? Ein Verbrechen? Selbstmord? Fasst ja nichts an, bis die Staatsanwaltschaft da ist! … Achtung! … Ich habe hier die Verantwortung, ich!«

Maigret hatte Mühe, aus der Toilette hinauszugelangen, wo er zwischen den Beinen des Toten feststeckte. Mit einer raschen, geübten Bewegung befühlte er noch die Taschen und vergewisserte sich, dass sie leer waren, vollkommen leer.

Er stieg aus dem Wagen, mit erloschener Pfeife, schief sitzendem Hut und einem Blutfleck auf der Manschette.

»Sieh da, Maigret! Was halten Sie davon?«

»Nichts! Sehen Sie selbst …«

»Ein Suizid, nicht?«

»Wenn Sie meinen … Haben Sie die Staatsanwaltschaft angerufen?«

»Gleich als ich davon erfuhr.«

Eine Stimme krächzte aus dem Lautsprecher. Ein paar Leute, die gemerkt hatten, dass etwas Außergewöhnliches passiert war, betrachteten von fern den leeren Zug, die Männer, die vor dem fünften Wagen verharrten.

Maigret ließ sie alle stehen, verließ den Bahnhof und winkte ein Taxi herbei.

»Zum Majestic!«

Der Sturm verdoppelte seine Wucht. Windböen fegten durch die Straßen und ließen die Passanten taumeln wie Betrunkene. Von irgendwoher stürzte ein Dachziegel auf den Gehsteig. Die Busse stauten sich.

Die Champs-Élysées hatten sich in eine fast menschenleere Fahrbahn verwandelt. Es begann zu regnen. Der Portier des Majestic stürzte mit seinem riesigen roten Schirm zum Taxi.

»Polizei! Ist eben ein Reisender vom Étoile du Nord hier eingetroffen?«

Schlagartig schloss der Portier seinen Schirm.

»Ja!«

»Grüner Mantel, blonder Schnurrbart?«

»Ja, genau. Gehen Sie zur Rezeption.«

Leute rannten, um dem Platzregen zu entkommen. Maigret betrat das Hotel gerade rechtzeitig, ehe Regentropfen, groß wie Haselnüsse, kalt wie Eis, fielen.

Die Angestellten und Dolmetscher hinter der Mahagonitheke waren stilvoll und korrekt wie immer.

»Polizei … Ein Reisender, grüner Mantel, kurzer blonder Schnurrb…«

»Nummer 17. Sein Gepäck wird gerade hinaufgetragen.«

2Der Freund der Milliardäre

Schon allein Maigrets Anwesenheit im Majestic hatte etwas Feindseliges. Er bildete sozusagen einen Block, den die dort herrschende Atmosphäre nicht in sich aufzunehmen vermochte.

Nicht dass er ausgesehen hätte wie der typische Polizist, den man aus der Karikatur kennt. Weder trug er einen Schnurrbart noch Schuhe mit Gummisohlen. Seine Kleidung war gut geschnitten und aus gutem Tuch. Zudem rasierte er sich jeden Morgen und hatte gepflegte Hände.

Sein Körperbau aber war plebejisch. Er war groß, massig und starkknochig. Harte Muskeln zeichneten sich unter dem Jackett ab und zerbeulten schnell auch die neuesten Hosen.

Bemerkenswert war vor allem sein Auftreten, das sogar einigen seiner Kollegen durchaus missfiel.

Es war mehr als Selbstsicherheit und war doch nicht Hochmut. Er kam irgendwohin, als in sich geschlossener Block, und von da an schien es, als müsste sich alles an ihm brechen, ob er sich nun bewegte oder breitbeinig stehen blieb.

Die Pfeife steckte wie festgewachsen zwischen seinen Zähnen. Selbst im Majestic nahm er sie nicht heraus.

Vielleicht war es im Grunde ein trotziges Bekenntnis zur Gewöhnlichkeit, ein Zeichen von Selbstvertrauen?

In der hell erleuchteten Hotelhalle, in der sich die vornehme Welt tummelte und wie aus dem Ei gepellte Menschen zwischen Parfumwolken, schrillem Lachen, Geflüster und formvollendeten Begrüßungen hin und her eilten, war es unmöglich, ihn in seinem dicken schwarzen Mantel mit Samtkragen nicht sofort auszumachen.

Das kümmerte ihn nicht. Er blieb außerhalb dieses Treibens. Die Jazzklänge, die aus dem Untergeschoss zu ihm heraufdrangen, brachen sich an ihm wie an einer undurchlässigen Wand.

Als er sich anschickte, eine Treppe hochzusteigen, rief ihm der Liftboy nach, um ihn auf den Fahrstuhl hinzuweisen. Doch er drehte sich nicht einmal um.

Im ersten Stock fragte ihn jemand:

»Wen suchen Sie?«

Die Stimme schien ihn nicht zu erreichen. Er sah die mit rotem Teppich ausgelegten schier endlosen Flure, die einen schwindeln machen konnten, und stieg weiter hinauf.

Im zweiten Stock las er mit den Händen in den Taschen die Ziffern auf den Bronzeschildern. Die Tür von Nummer 17 stand offen. Pagen in gestreiften Westen trugen Koffer hinein.

Der Reisende, der seinen Mantel abgelegt hatte und sehr zart wirkte, sehr schlank in seinem edel changierenden Anzug, rauchte eine Zigarette mit Mundstück und gab dabei Anweisungen.

Nummer 17 war kein Zimmer, sondern eine Suite: Salon, Arbeitszimmer, Schlafzimmer und Bad. Die äußeren Türen öffneten sich auf eine von zwei Gängen gebildete Ecke, wo ein ausladendes rundes Sofa stand, wie eine Bank an einer Kreuzung.

Dorthin setzte sich Maigret, direkt gegenüber der offenen Tür, streckte die Beine aus und knöpfte seinen Mantel auf.

Pietr der Lette sah ihn und fuhr mit seinen Anweisungen fort, ohne Überraschung oder Unmut zu zeigen. Als die Pagen alle Koffer und Taschen abgestellt hatten, ging er selbst zur Tür, um sie zu schließen, beobachtete jedoch den Kommissar noch einen Moment lang, eher er sie ins Schloss zog.

Maigret hatte Zeit, drei Pfeifen zu rauchen und zwei Etagenkellner und ein Zimmermädchen fortzuschicken, die ihn fragten, worauf er warte.

Um Punkt acht Uhr verließ Pietr der Lette die Suite, noch schlanker und noch schmucker als zuvor, in einem klassischen Smoking, dem man den noblen englischen Schneider ansah.

Er trug keinen Hut. Seine hellblonden kurz geschnittenen Haare lichteten sich schon. Sie setzten weit oben an und gaben die etwas fliehende Stirn frei. Auf der Mitte des Schädels war ein heller Fleck rosiger Haut zu erahnen.

Seine Hände waren lang und zart. Am linken Ringfinger trug er einen schweren Siegelring aus Platin mit einem gelben Diamanten.

Wieder rauchte er eine russische Zigarette, die in einem Pappmundstück steckte. Er ging sehr dicht an Maigret vorbei, hielt kurz inne und sah ihn an, als lockte ihn der Gedanke, ihn anzusprechen, und begab sich dann mit besorgter Miene zum Fahrstuhl.

 

Zehn Minuten später nahm er im Speisesaal Platz, am Tisch von Mr. und Mrs. Mortimer-Levingston, die im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.

Sie trug Perlen für eine Million Franc um den Hals.

Ihr Gatte hatte am Tag zuvor eines der größten Automobilwerke Frankreichs wieder flottgemacht, wofür er sich selbstverständlich die Aktienmehrheit gesichert hatte.

Die drei plauderten angeregt. Pietr der Lette sprach viel, mit gedämpfter Stimme und leicht vorgebeugt. Er war entspannt und verhielt sich ganz ungezwungen, trotz der dunklen Gestalt Maigrets, die er hinter der gläsernen Trennwand in der Hotelhalle erkennen konnte.

Im Büro verlangte der Kommissar die Liste der Hotelgäste. Dort, wo der Lette unterschrieben hatte, las Maigret, ohne jegliches Erstaunen: Oswald Oppenheim aus Bremen, Reeder.

Zweifellos besaß er einen gültigen Pass und sämtliche Papiere auf diesen Namen, wie er auch solche auf andere Namen besaß.

Und genauso wenig war zu bezweifeln, dass er den Mortimer-Levingstons schon anderswo begegnet war, in Berlin, in Warschau, in London oder in New York.

War er nur in Paris, um sie zu treffen und eine der kolossalen Betrügereien ins Werk zu setzen, auf die er spezialisiert war?

Auf der Karteikarte in Maigrets Tasche stand:

Äußerst geschicktes und gefährliches Individuum von unbestimmter Nationalität, doch nordischer Herkunft, vermutlich Lette oder Este; spricht fließend Russisch, Französisch, Englisch und Deutsch.

Ist sehr gebildet und gilt als Chef einer mächtigen internationalen Bande, die auf Betrug spezialisiert ist.

Aktivitäten dieser Bande wurden in Paris, Amsterdam (Fall van Heuvel), Bern (Fall Vereinigte Reedereien), Warschau (Fall Lipmann) und in diversen anderen europäischen Städten nachgewiesen, wo ihr Vorgehen weniger klar zu identifizieren war.

Pietrs Komplizen scheinen vor allem dem angelsächsischen Raum zu entstammen. Einer von ihnen wurde sehr oft in seiner Gesellschaft gesehen; er reichte einen gefälschten Scheck bei der Berner Kantonalbank ein. Wurde getötet, als die Schweizer Polizei ihn verhaften wollte. Gab sich als Major Howard von der American Legion aus. Es konnte aber bewiesen werden, dass es sich um einen ehemaligen Schnapsschmuggler aus New York handelte, in den Vereinigten Staaten unter dem Beinamen Dicker Fred bekannt.

Pietr selbst ist zweimal verhaftet worden. Das erste Mal in Wiesbaden, wegen Betrugs an einem Kaufmann aus München mit einer Schadenssumme von einer halben Million Mark, das zweite Mal in Madrid, wegen einer ähnlichen Sache, der eine bedeutende Persönlichkeit am spanischen Königshof zum Opfer fiel.

In beiden Fällen kam die gleiche Taktik zum Einsatz: Beim Gespräch mit dem Opfer beteuerte er, die gestohlenen Gelder seien in Sicherheit und die Behörden würden sie auch nach seiner Verhaftung nicht finden.

Beide Male wurde die Klage zurückgezogen, die Kläger wurden vermutlich entschädigt.

Danach wurde er nie mehr auf frischer Tat ertappt.

Wahrscheinlich bestehen Beziehungen mit der Bande Maronnetti (Falschgeld und Urkundenfälschung) und mit der Bande von Köln (genannt die Mauerbohrer).

Dazu ein Gerücht, das bei allen europäischen Polizeidienststellen umging: Pietr der Lette kontrolliere als Kopf einer Bande (vielleicht auch mehrerer Banden) und als deren Kassierer ein paar Millionen, die unter verschiedenen Namen auf Banken verstreut oder in Unternehmen investiert waren.

Da saß er und lächelte leicht, während er Mrs. Mortimer-Levingston zuhörte, die ihm irgendetwas erzählte, und seine weiße Hand spielte mit einer prächtigen Weintraube.

 

»Entschuldigen Sie, Monsieur! Hätten Sie einen Moment Zeit für mich?«

Mit diesen Worten wandte sich Maigret in der Halle des Majestic an Mortimer-Levingston, nachdem sowohl der Lette wie auch die Amerikanerin nach oben gefahren waren.

Mortimer fehlte die typische Sportlichkeit des Yankees. Er sah eher südländisch aus.

Er war hochgewachsen und schlank. Sein Kopf, sehr klein, war von schwarzem, gescheiteltem Haar bedeckt.

Er schien ständig müde zu sein. Seine Lider waren schwer und bläulich. Übrigens führte er ein aufreibendes Leben, fand er doch Mittel und Wege, sich mal in Deauville, mal in Miami oder am Lido zu zeigen, dann wieder in Paris, Cannes oder Berlin, irgendwo seine Jacht zu besteigen, in einer europäischen Hauptstadt ein Geschäft zu tätigen und bei den größten Boxkämpfen in New York oder Kalifornien den Schiedsrichter zu geben.

Er musterte Maigret von oben herab. Ohne die Lippen zu bewegen, sagte er beiläufig:

»Sie sind …«

»Kommissar Maigret, Erste Mobile Brigade.«

Mortimer runzelte kaum die Stirn und blieb einen Moment vorgebeugt stehen; er schien entschlossen zu sein, ihm nicht mehr als eine Sekunde zu gewähren.

»Sie wissen, dass Sie gerade mit Pietr dem Letten gespeist haben?«

»Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?«

Maigret verzog keine Miene. Er hatte nichts anderes erwartet.

Er steckte die Pfeife wieder zwischen die Zähne – denn er hatte geruht, sie aus dem Mund zu nehmen, als er den Milliardär ansprach – und knurrte:

»Das ist alles!«

Offenbar war er mit sich zufrieden. Mortimer ging mit eisigem Blick weiter und verschwand im Aufzug.

Es war kurz nach halb zehn. Das klassische Orchester, das beim Abendessen gespielt hatte, räumte seinen Platz für die Jazzband. Von draußen kamen Leute herein.

Maigret hatte nicht zu Abend gegessen. Mitten in der Hotelhalle blieb er stehen, ohne Ungeduld an den Tag zu legen. Der Geschäftsführer warf ihm von Weitem immer wieder beunruhigte und missbilligende Blicke zu. Auch die einfachen Angestellten sahen mürrisch aus, wenn sie an ihm vorbeikamen, einige rempelten ihn sogar an.

Das Majestic nahm ihn nicht in sich auf. Trotzig bildete er einen großen schwarzen, reglosen Fleck inmitten der Vergoldungen, der Lichter, des Hin und Her der Abendroben, der Pelzmäntel, der duftenden und glitzernden Gestalten.

Mrs. Mortimer-Levingston trat als Erste aus dem Aufzug. Sie hatte sich umgezogen. Ein Cape aus hermelingefüttertem Lamé umhüllte ihre Schultern.

Sie schien verwundert zu sein, dass niemand auf sie wartete, und begann auf und ab zu gehen, wobei ihre hohen vergoldeten Absätze rhythmisch auf dem Boden klackerten.

Unvermittelt blieb sie vor der Mahagonitheke mit den Angestellten und Dolmetschern stehen, um ihnen etwas zu sagen. Einer der Angestellten drückte einen roten Knopf und nahm einen Telefonhörer ab.

Er wirkte überrascht und winkte einem Boy, der zum Aufzug eilte.

Mrs. Mortimer-Levingston war sichtlich beunruhigt. Hinter der gläsernen Eingangstür konnte man am Bordstein die weichen Umrisse einer amerikanischen Limousine erkennen.

Der Liftboy kam zurück und sprach mit dem Angestellten. Dieser wandte sich an Mrs. Mortimer-Levingston. Sie protestierte. Offenbar sagte sie:

»Das ist unmöglich!«

Da ging Maigret die Treppe hoch, blieb vor Nummer 17 stehen und klopfte an die Tür. Wie nicht anders zu erwarten, kam keine Antwort.

Er öffnete die Tür. Der Salon war leer. Im Schlafzimmer lag der Smoking von Pietr dem Letten auf dem Bett. Ein Schrankkoffer stand offen. Die Lackschuhe lagen weit voneinander entfernt auf dem Teppich.

Der Geschäftsführer erschien und brummte:

»Sie sind also auch schon da. Und? Verschwunden, was? … Mortimer auch, oder?

Aber wir sollten nichts dramatisieren. Sie sind beide nicht in ihren Zimmern, aber bestimmt werden wir sie irgendwo im Hotel ausfindig machen.«

»Wie viele Ausgänge?«

»Drei … Der zu den Champs-Élysées … der zu den Arcades und dann der Personaleingang, Rue de Ponthieu.«

»Gibt es da einen Portier? … Rufen Sie ihn!«

Der Geschäftsführer war wütend. Er regte sich über den Telefonisten auf, der ihn nicht verstand. Der Blick, den er auf Maigret gerichtet hielt, war nicht eben wohlwollend.

»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte er, während er auf den Portier des Personaleingangs wartete, der in einer kleinen verglasten Loge Dienst tat.

»Nichts, oder fast nichts, wie Sie sagten …«

»Ich hoffe, es handelt sich nicht um ein … um ein …«

Das Wort »Verbrechen«, Albtraum aller Hoteliers der Welt, von den kleinen Vermietern möblierter Zimmer bis zu den Geschäftsführern von Luxushotels, blieb ihm im Hals stecken.

»Das werden wir bald erfahren.«

Mrs. Mortimer-Levingston erschien und erkundigte sich:

»Nun … Was ist?«

Der Geschäftsführer verbeugte sich und versuchte stotternd etwas zu sagen. Am Ende des Gangs tauchte ein kleiner alter Mann auf, mit schmutzigem Bart und schlecht sitzenden Kleidern, eine Gestalt, die nicht in den Rahmen des Hotels passte.

Selbstverständlich sollte er hinter den Kulissen bleiben, sonst hätte man auch ihm eine schöne Uniform verpasst und ihn jeden Morgen rasiert.

»Haben Sie gesehen, dass jemand das Hotel verlassen hat?«

»Wann?«

»Vor ein paar Minuten.«

»Jemand aus der Küche, glaube ich … Ich habe nicht aufgepasst … Ein Mann mit einer Mütze …«

»Klein, blond?«, warf Maigret ein.