Makrelenblues - Ute Haese - E-Book

Makrelenblues E-Book

Ute Haese

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Beschreibung

Hanna Hemlokk geht aufs Ganze In einem luxuriösen Seniorenwohnpark an der Ostsee geht der Tod um. Scheinbar wahllos rafft er Rentnerin um Rentner dahin. Ist das wirklich nur der natürliche Lauf der Dinge – oder hilft da jemand nach? Hanna Hemlokks Spürnase juckt. Kaum zu glauben, welche geballte kriminelle Energie diese Senioren zwischen Taubenzüchterverein und Häkelclub entfalten. Hanna, selbst ernanntes "Private Eye", riskiert Leib und Leben, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

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Seitenzahl: 486

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Ute Haese, geboren 1958, promovierte Politologin und Historikerin, war als Wissenschaftlerin tätig. Seit 1998 arbeitet sie als freie Autorin und widmet sich dem Krimi- und Satirebereich sowie der Fotografie. Sie lebt mit ihrem Mann am Schönberger Strand bei Kiel und ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern sowie im Syndikat.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

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© 2020 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: suze/photocase.de

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept

von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Dr. Marion Heister

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-598-5

Küsten Krimi

Originalausgabe

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Glossar norddeutscher E-Wörter

eengaal

  

einerlei, egal

egaalweg

  

andauernd

egenköppsch

  

stur, dickköpfig

eisch

  

unartig

EINS

»Das ist nicht wahr!«, ächzte ich ungläubig. »Was will der Typ?«

»Na, die Welt bereisen, und vorher will er eben noch ein bisschen durch Lissabon bummeln. Das soll ja eine wirklich schöne Stadt sein, habe ich gehört. Da gibt es doch sage und schreibe –«

Ich hob meine Rechte wie ein Verkehrspolizist, um dem drohenden Redefluss meiner Freundin Einhalt zu gebieten.

»Marga«, sagte ich streng. »Der Mann ist tot. Und niemand, der seine Sinne beisammenhat, reist als Aschehaufen in einer Urne um die Welt.«

Marga nickte bedächtig, anscheinend keineswegs irritiert von meinem … na ja … ein wenig schrägen Einwand, und gönnte sich einen kräftigen Schluck von dem wirklich trinkbaren schleswig-holsteinischen Weißwein, den sie mitgebracht hatte. Ja, den gibt’s. Aber dazu komme ich später.

»Das Bild ist schief, Schätzelchen. Von wegen Bewusstsein als Aschehaufen und so. Da bleibt ’ne Menge Raum für Spekulationen.« Ich schwieg, denn darum ging es bei der ganzen Sache ja wohl nicht, und betrachtete die gemütlich wie eine alte Römerin auf meiner roten Couch lagernde Frau Schölljahn aufmerksam. Gut, sie war nicht mehr die Allerjüngste, aber irgendwelche Ausfallserscheinungen geistiger Art hatte ich bislang noch nicht bei ihr bemerkt.

»Nun hab dich doch nicht so«, fuhr sie locker fort. »Es gibt eben Menschen, die lebendig tierische Flugangst haben und es jetzt noch einmal allen und vor allen Dingen sich selbst zeigen wollen. Also im Nachhinein. Tja, oder der Verblichene war sein Leben lang ein Abenteurer und sieht … äh … sah nicht ein, dass sich das als Leiche unbedingt ändern muss.«

»Alles ist möglich, mhm?«, schob ich betont freundlich dazwischen und nahm sicherheitshalber ebenfalls einen weiteren Schluck. Zur mentalen Stabilisierung für das, was zweifellos noch kommen sollte. »Auch als Aschefluse. Dabei hat die nicht die Bohne von Bewusstsein, wenn du mich fragst.«

Marga bedachte mich über den Glasrand mit einem vernichtenden Blick.

»Das weißt du nicht, Schätzelchen. Vielleicht gucken die Seelen ja tatsächlich von oben zu, was wir hier so treiben. Oder von unten aus der Finsternis der Hölle. Da gibt es bekanntlich die unterschiedlichsten Theorien. Jedenfalls ist man wahrscheinlich lebendig gern gereist und will jetzt, also … äh … hinterher, noch einmal richtig die Sau rauslassen.«

»Marga«, stöhnte ich. Was für eine bescheuerte Wortwahl! Sie hatte nur eine Flasche Wein mitgebracht. Mittlerweile war ich so weit, dass ich eine zweite gebraucht hätte.

»Schätzelchen, du hast ja keine Ahnung, was im Beerdigungsbusiness heute alles so läuft. Und was gerade en vogue ist. Rein in die Kiste, ab unter die Erde, Stein drauf – der Zug ist schon lange abgefahren. Der Event-Tod ist heutzutage total angesagt. So völlig daneben ist das mit der Reise-Urne deshalb gar nicht. Denn mittlerweile gibt es sogar spezialisierte Unternehmen, die einen derartigen Trip im Angebot haben und durchführen.«

»Lass mich raten. Es sind Start-ups, die sich bei Johannes bewerben könnten«, unkte ich. Unser Freund Johannes von Betendorp veranstaltete seit Kurzem sogenannte Fuck-up-Nights drüben im Herrenhaus Hollbakken, wo gescheiterte Jungunternehmer erzählten, wie schön es sein kann, eine Firma an die Wand zu fahren und eine neue zu gründen. Die dann mit ziemlicher Sicherheit auch wieder den Bach runtergeht. Doch auch davon später.

»Nein, sind es nicht. Und kannst du nicht mal die Klappe halten und mich ausreden lassen? Das ist eine Kulturtechnik, die man eigentlich schon in der Grundschule gelernt haben sollte. Wo war ich?«

»Bei den Firmen, die –«

Sie wedelte ungeduldig mit der Rechten, um mich zum Schweigen zu bringen.

»Genau. Also, mit der Urne um die Welt läuft das so: Ein Angehöriger legt – oder besser du selbst legst – noch kurz vor deinem Tod schriftlich fest, wohin die Reise gehen soll. Mauritius, Malediven, Málaga, alles kein Problem. Ein Mitarbeiter schnappt sich dein neues Heim mit dir drin, und los geht’s. Von jedem Stopp gibt es ein Selfie von … äh … dir, also der Urne, mit deinem Reisebegleiter. Als Nachweis, dass deine Überreste nicht in Wahrheit in den drei für die Sause gebuchten Wochen nie aus dem heimatlichen Bad Dinkelsheim herausgekommen sind und die ganze Zeit über in irgendeinem dunklen feuchten Keller gestanden haben, statt im Flieger ordentlich einen draufzumachen. Und natürlich für die WhatsApp-Gruppe daheim oder die trauernden Kinder. Also dafür ist das Selfie, meine ich.«

»Aha.« Einen Vorteil hatte diese Art zu reisen bestimmt: Man wurde in seinem Behältnis verplombt und musste anschließend keinerlei Sicherheitskontrollen mehr über sich ergehen lassen. Das war in der heutigen Zeit der endlosen Schlangen auf den Flughäfen unbestreitbar ein gewaltiger Pluspunkt. Es war allerdings auch der einzige, den ich auf die Schnelle entdecken konnte.

»… ist so eine komplette Weltreise ein echtes Schnäppchen«, plapperte Marga weiter. »Weil die Kosten nur zwischen zwölftausend und dreizehntausend Euro liegen.«

»Klar, weil die Übernachtungskosten für die Hauptperson entfallen. Sie hat ihr Haus ja mit«, bemerkte ich süffisant.

Marga hielt mir die leere Flasche hin.

»Wie sieht es aus? Hast du Nachschub? Mir scheint, ohne schaffen wir es heute Abend nicht.«

Ich erhob mich, um ihrem Wunsch nachzukommen. Oben auf Bokaus Hauptstraße röhrte ein Trecker vorbei. Manche der Bauern fuhren einen extraheißen Reifen und machten sich einen Spaß daraus, mit dem Ungetüm unbedarfte Touristen in Panik zu versetzen, die mit ihren zumeist auch nicht gerade mickrigen Autos vor lauter Schreck jedes Mal fast in den nächsten Vorgarten oder Knick bretterten, wenn ihnen so ein vierräderiges Monstrum schwungvoll auf einer engen Landstraße entgegenkam.

»Also, ich finde, das ist besser als einfrieren, um in dreihundert Jahren wieder aufgetaut zu werden«, bemerkte Marga, während ich mich für einen Pinot noir entschied. »Da bist du doch aus allem raus und hast komplett den Anschluss verpasst. Die Leute schnacken dann mit den Jungs und Mädels von Alpha X Centauri direkt in einer Universalsprache und ohne all das heutige Technikgedöns, und auf der Erde sitzt du nur rum und spielst endlos Bingo, weil Computer und Roboter alles andere erledigen. Einschließlich des Vorlesens für die ganz Kleinen und des Abwischens von Hintern bei den Ollen. Nein danke. Da sterbe ich lieber.«

»Oder ein paar von uns hocken nach irgendwelchen atomaren oder umweltmäßigen Super-GAUs wieder in den Höhlen, schwingen draußen die Keule und verbringen drinnen ihre Zeit mit Kritzeleien an den Felswänden, weil alles um sie herum wüst, öd und leer ist«, hielt ich dagegen und schenkte ein. In Untergangsszenarien konnte man mir so leicht nichts vormachen. Den ersten Schluck nahmen wir schweigend.

»Gut«, sagte Marga und giggelte. »Da sind wir uns also einig. Dreihundert Jahre bei minus hundertneunzig Grad sind keine Alternative. Da fliegen wir lieber als Aschehäufchen um die Welt.«

»Ich nicht«, beharrte ich. »Ich will ohne viel Tamtam in die Ostsee.«

»Ich nicht. Die ist mir zu kalt. Karls Erben sehen das mit der Urnen-Sause wahrscheinlich auch ein bisschen anders«, bemerkte Marga in einem derart unschuldigen Tonfall, dass ich augenblicklich hellhörig wurde.

»Karl?«, fragte ich misstrauisch.

»Karl Lißner, ja. Um den geht es bei der ganzen Sache. Ich habe ihn wirklich gern gemocht. Der Mann ließ sich so leicht nichts gefallen und hat gesagt, was er dachte. Der war kein Duckmäuser.«

Ganz genau wie meine Freundin Marga Schölljahn also. Der Kerl war eindeutig eine Art Seelenverwandter gewesen. Marga zuckte mit den Schultern.

»Weißt du, Karl ist völlig überraschend gestorben.«

»Lebte er im Park?«, fragte ich rundheraus, denn ich hatte den Namen von ihr vorher noch nie gehört. Der Mann musste also einer von Margas neuen Freunden sein.

»Ja, tat er. Trotzdem kam es für uns alle aus heiterem Himmel.«

Taktvoll süppelte ich an meinem Pinot noir herum und dachte mir schweigend meinen Teil. Den neuen Wohnpark für Senioren und jung gebliebene Alte hatte ein Konsortium aus amerikanischen und deutschen Investoren im letzten Winter in Windeseile neben dem Haus für Flüchtlinge – einem ehemaligen Landschulheim – direkt vor den Toren Bokaus aus dem Boden gestampft. Aber gestorben wurde dummerweise auch dort, denn das Durchschnittsalter der Bewohner lag bei geschätzten sechsundsiebzigeinhalb Jahren.

»Mhm«, brummelte ich unentschlossen in mein Glas.

»Natürlich haben sie ihn nachts abgeholt. Wenn alles schläft und keiner wacht … und vor allem niemand was mitkriegt. Du konntest gar nicht so schnell gucken, da war der Mann schon kremiert.«

»Ach ja?«

»Es sei ein Herzstillstand gewesen, hat die Leitung den Leuten mitgeteilt.«

»Das kommt vor«, sagte ich friedlich.

Marga griff nach ihrem Glas, setzte an und leerte es in einem Zug. Oha. Ich wappnete mich.

»Und nur weil Karl schon etwas älter war, gibt’s daran nichts auszusetzen? Willst du das damit sagen, Schätzelchen?«, fragte sie auch schon kämpferisch. Ich hatte ohne Zweifel einen Nerv getroffen.

»Na ja, sterben müssen wir schließlich – noch – alle«, gab ich die Binse der Binsen zum Besten. Selbst in diesem medizinisch hoch gerüsteten Wohnpark. Da biss die Maus keinen Faden ab. Niemand wollte das zwar gern hören, aber so war es, auch wenn die Hochglanzprospekte, die diese jugendfreie Kunstwelt bewarben, den Tod weitgehend ausklammerten und so taten, als sei das Leben in solch einer Anlage eine Vorstufe zum Paradies. Natürlich war die Sache mit dem Dahinscheiden ein klitzekleiner Schönheitsfehler, die in dem ansonsten vor glücklichen und aktiven Grauköpfen wimmelnden Hochglanzprospekt, das bei Bäcker Matulke und in Inge Schiefers Restaurant herumlag, deshalb auch nur am Rande und sehr dezent behandelt wurde. Muss ich eigens erwähnen, dass die Idee ursprünglich aus den USA stammt? Wahrscheinlich steht der Ur-Park im ewig sonnigen Florida, wo in den Wintermonaten rheumatische Rentner wie Heuschreckenschwärme einfallen.

Mich hatte es vom ersten Spatenstich an gegruselt, während Marga sich mit glänzenden Augen, kaum dass die ersten Bewohner ihre Apartments bezogen hatten, ins »Elysium« gestürzt hatte. So hieß der Wohnpark tatsächlich: »Elysium«, in der griechischen Mythologie das Gefilde der Seligen in der Unterwelt. Ich wusste immer noch nicht, ob ich über diese Namensschöpfung weinen oder lachen sollte, zumal sie mich prompt an einen in den letzten Jahren ausgehobenen riesigen, alle Grenzen sprengenden Porno-Pädophilen-Ring im Darknet erinnerte. Diese Männer hatten es auch mit der Seligkeit gehabt, allerdings auf Kosten von Tausenden kleinen bis kleinsten Kindern. Marga hingegen hatte mir an einem der langen dunklen Abende des vergangenen Winters erklärt, dass dieser Park super sei. Denn da fänden sich bestimmt ein paar Leute mit dem richtigen politischen Bewusstsein. Die Babyboomer und die Altachtundsechziger, zu denen sie sich zählte, kämen schließlich in die Jahre. Und wenn man mit denen vernünftig redete, bestünde doch durchaus eine Chance, sie für ihr, also Margas Lebensthema, den Schutz der Meere, zu gewinnen. Wo doch nicht nur der Dreck, sondern auch der Krach im Wasser mittlerweile beständig zunähme … Oder man könne andere dort davon überzeugen, DePP beizutreten. »Die echte Piraten-Partei«, so hieß die von Marga eigens zu diesem Zweck gegründete Truppe, die seit ihrer Geburt eher – na ja, sagen wir es rundheraus – vor sich hin dümpelte und bei Wahlen stets und ständig an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Frisches Blut war also hochwillkommen.

»Glaub mir, Karls Tod stinkt zum Himmel. Hast du vielleicht auch etwas zu essen da, Schätzelchen? Ich kriege von weißem Wein immer Hunger.« Und von rotem auch. Aber das schenkte ich mir, wuchtete mich aus meinem Schaukelstuhl und ging die drei Schritte bis zur Miniküche. Es handelte sich eher um ein Zeilchen, war aber mit allem ausgestattet, was eine Köchin so brauchte.

»Käse?«, fragte ich nach einem Blick in den Kühlschrank. »Manchego?«

»Perfekt.«

Ich stellte den Käse auf den Tisch und legte zwei Messer dazu.

»Wieso bist du da so sicher?«, nahm ich den Faden wieder auf, während wir zuschauten, wie der Käse temperierte. Sie verstand sofort. Wir waren nicht umsonst gute und vertraute Freundinnen.

»Weil ein Kerl wie Karl nicht einfach so stirbt. Der Mensch war er nicht.«

Ich verdrehte die Augen. Sollte das etwa ein grundsolides Argument sein? Nichts als Bullshit war das!

Doch Marga beeindruckte meine Pantomime wenig. Ungerührt sprach sie weiter. »Und weil sein einziger Sohn außer dem Pflichtteil nichts erbt und er alles dieser Amigurumi-Tante vermacht hat. Und, glaube mir, das ist nicht wenig. Karl war nämlich reich.« Mit diesen Worten griff sie zum Messer, säbelte ein respektables Stück Manchego ab, schnupperte kurz genüsslich dran und biss hinein. Wenn Käse krachen könnte, hätte er gekracht.

Ich schnappte indes brav nach dem Köder.

»Ami… was?«

»A-mi-gu-ru-mi«, wiederholte Marga mit vollem Mund. »Kommt aus Japan und ist so eine Art Stricken. Das ist momentan total beliebt im ›Elysium‹. Na ja, das hält die Fingergelenke geschmeidig.« Sie schluckte den Rest Käse hinunter. »Freya Schüssler-Knack heißt sie übrigens.«

»Wer? Die Amigodingsbums-Tante?«

»Amigurumi. Und sie ist Karls Haupterbin, vergiss das nicht. Sie strickt mit den alten Leuten kleine Tiere. Elefanten, Zebras, Eisbären, Rehe, Hasen. Sie machen sie alle ein Stück größer als üblich. Weil man ja im Alter nicht mehr so gut greifen kann. Ich finde das sinnvoll, obwohl dieses Gehäkele nicht mein Ding wäre. Aber es ist gar nicht so leicht, hab ich mir sagen lassen. Deshalb muss da auch jemand mit Ahnung sein, um –«

»Marga«, unterbrach ich sie drohend.

»Was ist?« Ihre Miene war so unschuldig wie frisch gefallener Schnee.

Ich stellte mein Glas ab und fixierte sie streng.

»Könntest du mir bitte endlich in wenigen klaren Worten sagen, was Sache ist und was du von mir willst?«

»Kann ich«, lautete die gemütliche Antwort. »Ich dachte schon, du fragst nie. Der Käse ist übrigens lecker. Also: Ich möchte, dass du Karls Tod untersuchst. Da ist unbestreitbar einiges suspekt, angefangen von dem Testament, das den Sohn enterbt, über diese Freya Schüssler-Knack, die alles einsackt und so viel jünger ist als er, bis hin zu der Reise nach Lissabon.«

»Ach. Auf einmal ist die Urnen-Sause nun nicht mehr im grünen Bereich?«, reizte ich sie. »Ich dachte, du hältst es für die normalste Sache von der Welt, als Aschehäufchen um den Globus zu düsen. Vielleicht will dein Karl ja nur den Tejo noch einmal … äh … spüren. Eine Pastéis de nata kann er in seinem Zustand ja schlecht genießen.« Das waren, wie ich aus einem Urlaub in grauer Vorzeit wusste, diese oberleckeren Törtchen, die einem die Seele weit und den Hosenbund enger machten. Haargenau wie Matulkes sagenumwobene Cremeschnitten.

Marga ging auf meinen Scherz nicht ein.

»Es ist mehr eine Bitte, denke ich. Ich habe da so ein merkwürdiges Gefühl. Und du hast doch gerade keinen Fall am Laufen, da dachte ich, damit du als Ermittlerin nicht aus der Übung kommst …«

»Es ist also nur zu meinem Besten, dass die berühmteste Privatdetektivin Bokaus für lau arbeitet«, sprach ich das Offensichtliche aus.

»Du arbeitest für mich. Deine Freundin«, korrigierte Marga mich treuherzig. »Es würde mir wirklich eine Menge bedeuten, wenn ich wüsste, dass Karl anständig und auf natürliche Art und Weise gestorben ist.«

Draußen hub ein Amselherr an zu singen, um seinen Nebenbuhlern zu zeigen, was eine Harke ist. Wir bewegten uns auf den April zu, und der Frühling nahte endlich mit Macht. Was nach diesem langen verregneten Winter, in dem man sich am liebsten vor dem Kaminofen zusammengerollt hätte, um die dunklen und trüben Monate im Halbdämmer zu verbringen, auch hohe Zeit wurde. Jetzt waren die Tage bereits spürbar heller, und überall herrschte Aufbruchsstimmung. Auch bei mir. Und außerdem hatte Marga ja recht: Mein letzter Fall lag gefühlt tatsächlich Lichtjahre zurück.

»Immer nur dieses Herz-Schmerz-Gesülze verkleistert dir doch das Hirn«, schob sie flugs nach, während sie meine Miene beobachtete, auf der sich vermutlich meine Überlegungen widerspiegelten. »Tagaus, tagein: ›Guten Tag – Ich liebe dich – Auf Wiedersehen.‹ Das ist doch nervtötend.«

Mein Job als Tränenfee war ein heißes Eisen und ein ewiger Streitpunkt zwischen uns. Marga hielt die Liebesgeschichtenschreiberei für die Yellow Press nach wie vor für Volksverdummung; ich lebte davon, solange die Detektei nicht genug Euros abwarf. Und das tat sie bislang keineswegs – nicht zuletzt, weil ich eben auch manchmal Klienten wie meine Freundin Marga hatte, die mich baten, für sie aus reiner Gefälligkeit zu ermitteln. Das kam dummerweise häufiger vor, als mir lieb war. Dass Marga daher ausgerechnet jetzt die Schmalzheimer ins Gefecht führte, zeigte mir mehr als alle Worte, wie sehr ihr die Sache am Herzen lag. Und eine Freundin ist schließlich eine Freundin.

»Auf Wiedersehen geht in den Sülzletten gar nicht«, verbesserte ich sie. »Sie kriegen sich. Immer und überall. Das ist schließlich der Zweck der Übung.« Eine kleine Stichelei musste schon sein. Allerdings beließ ich es dann doch nicht dabei. »Gut, ich werde sehen, was ich tun kann.«

Wie ein siegreicher Schlachtenlenker auf dem Feldherrenhügel ließ Johannes seinen Blick am nächsten Tag über die soldatisch akkurat ausgerichteten Stuhlreihen schweifen.

»Noch eine wäre günstig, schätze ich. Es haben sich einhundertzwanzig Leute angemeldet, und erfahrungsgemäß bringen die noch einen ganzen Schwung mehr mit.«

Es war elf Uhr morgens, und wir standen in der großen Halle von Hollbakken. Ich hatte Marga letzte Nacht an die Luft gesetzt, als sie anfing, wie ein Backfisch von dem verblichenen Karl Lißner zu schwärmen: Er sei so tatkräftig gewesen, so attraktiv und ja, auch so richtig sexy. Ganz anders als ihr Freund Theo, der sich neuerdings für Brieftauben interessiere. Ausgerechnet Brieftauben, hatte sie abfällig geschnaubt und sich dabei fast mit dem Zeigefinger ein Loch in die Stirn gepikst, das müsse man sich mal vorstellen! Das sei ja wohl so was von fade und oberspießig! Wie Briefmarken sammeln. Oder Streichholzschachteln zu Türmchen zu verkleben. Woraufhin ich sie sanft an ihren unsäglichen Schönling von Ex-Gatten erinnert hatte, den Harry und ich letzten Herbst in einer Gemeinschaftsaktion vom Hof gejagt hatten. Der sei auch unwiderstehlich, geradezu berückend attraktiv, chronisch arm wie eine Kirchenmaus und darüber hinaus eine komplette Niete gewesen. Daraufhin hatte sich Marga endlich mit finsterster Miene verabschiedet. Es war halb zwei gewesen.

Ich unterdrückte ein Gähnen. Und schwitzte. Harry ebenfalls. Es war heute Vormittag für einen Ende-März-Tag aber auch ungewöhnlich warm. Satte achtzehn Grad zeigte das Thermometer, was für Nordeuropäer wie uns zu dieser Jahreszeit ganz ordentlich ist. Doch was half es? Unser gemeinsamer Freund Johannes stand vor seiner dritten Fuck-up-Night, an der Harry und ich allerdings keinesfalls teilzunehmen gedachten. Eine hatte für den Rest unseres Lebens gereicht. Ich habe nichts davon, Menschen zuzuhören, die einem in allen Einzelheiten von ihrem beruflichen Scheitern erzählen und sich dabei selbst ausgiebigst bemitleiden. Außerdem hingen an dem ersten Event dieser Art noch ziemlich ungute Erinnerungen … Doch im Vorfeld Stühle zu schleppen und Getränke bereitzustellen, war eine andere Sache. Denn Johannes war eigentlich Tischler und saß mit dem maroden Herrenhaus Hollbakken, dem Familienstammsitz derer von Betendorp, seit meinem ersten Fall mutterseelenallein an. Er brauchte das Geld dringend, sonst begrub die Hütte ihren Besitzer noch irgendwann unter sich.

»Beweg deinen Hintern, Gierke«, knurrte ich also in Harrys Richtung, während ich mich anschickte, zur Scheune zu traben, wo Johannes seinen Stuhlvorrat lagerte. Aber Harry Gierke antwortete nicht, sondern glaste stattdessen weiter wie ein ausgestopfter Pinguin Richtung improvisierter Bühne. Mein Liebster arbeitete als freier Journalist, und das war kein leichter Job. Ausgefallene Themen lagen nicht auf der Straße, und die Konkurrenz war gnadenlos und groß. Wir hatten daher schon des Öfteren gemeinsam Höhen und Tiefen durchlebt, gegen die das Matterhorn zu einem kleinen Hügel und der Grand Canyon zu einer etwas breiteren Furche mutierte.

»Gierke. Hallo. Deine Loverin spricht mit dir«, stupste ich ihn an.

Irgendetwas war da eindeutig im Busch. Harry pflegte sonst nicht, wie ein Kleiderständer in der Gegend herumzustehen. Misstrauisch beäugte ich ihn. In der letzten Zeit, ja eigentlich seit Weihnachten, hatten wir nicht mehr ganz so viel miteinander zu tun gehabt, obwohl er in der Nähe residierte, nämlich oben in der Wohnung neben Marga im Haupthaus, das unserem gemeinsamen Vermieter Bauer Fridjof Plattmann neben meiner Anderthalb-Zimmer-Villa auch gehörte. Immer war er zu beschäftigt gewesen, wenn ich ihn gefragt hatte, ob wir vielleicht etwas zusammen kochen oder auch nur einfach so zusammensitzen wollten. Jedes Mal standen dann andere Termine an. Was mich letztlich nicht verwunderte, denn er tinderte immer noch und verdiente gutes Geld damit. Das heißt im Klartext: Er schrieb für eine der zahllosen Nie-wieder-Single-Agenturen im Netz superoriginelle Anmach-Texte – für die Kunden, nicht für sich selbst. Hoffte ich zumindest. Mir war das Ganze nach wie vor ein Dorn im Auge.

Na ja, und das gemeinsame Dudelsackspielen, das wir den Herbst über gepflegt hatten, entfiel aus naheliegenden Gründen. Nach den damaligen Ereignissen war ich lange Zeit noch ziemlich schlapp gewesen, hatte mich aber zu meiner Erleichterung wieder vollständig erholt. Und der Bokauer Aufreger des letzten Winters hatte sich erledigt: Der Trump-Verschnitt Arwed Klinger hatte es bei der Bürgermeisterwahl, der Grundgütigen oder wem auch immer sei Dank, nicht geschafft. Es war zwar äußerst knapp gewesen, aber jetzt regierte uns die ehemalige »Ostseebeauftragte des Kreises Plön für Berlin und Brüssel« weitgehend geräuschlos. Dr. Corinna Butenschön kam stets und ständig in der Presse vor, lächelte bei den Karnickelzüchtern, den Helden der Feuerwehr und neben dem Bokauer Beitrag zum alljährlichen Strohfigurenwettbewerb in die Kamera, von bahnbrechenden innovativen Taten hörte man dagegen wenig. Doch war das alles ein Grund, nicht zu bemerken, dass irgendetwas mit Harry offenkundig nicht stimmte? Die für mich nicht sehr schmeichelhafte Antwort auf diese Frage lautete: Nein.

»Äh, weißt du zufällig, wer dieses Fun-Dings präsentieren wird?«, versuchte ich ihn daher mit schlechtem Gewissen erneut in ein Gespräch zu ziehen, als ich ihn zur Stalltür dirigierte. Der ursprüngliche Moderator hatte die Teilnahme an einem Einsatz der Dorfgemeinschaft im Knick nicht überlebt. Doch Johannes, der uns just in diesem Moment mit zwei Kisten Wasser entgegenkam, antwortete für Harry.

»Eine Frau. Freya arbeitet drüben im ›Elysium‹.«

Ich horchte auf. Freya? Ein Allerweltsname war das nicht.

»Doch nicht Schulze-irgendwas?«, fragte ich neugierig.

»Doch. Schüssler-Knack heißt sie. Genau. Das ist sie. Sie macht das bestimmt super.«

»Sie häkelt Amigurumi«, informierte ich ihn und wunderte mich, wie leicht mir das Wort über die Lippen kam.

»Ich weiß.« Wir tauschten ein freundschaftliches Grienen. »Sie hat es mir erzählt. Aber das ist weder gefährlich noch esoterisch, Hanna.«

Johannes und ich waren – gerade, was die Esoterik und das Übersinnliche anging – des Öfteren unterschiedlicher Meinung. Sein Pferd hieß Nirwana, während ich meine kühische Nachbarin ganz bodenständig Silvia getauft hatte. Sie fehlte mir. Doch noch stand sie mit den anderen Kuhdamen nebst Galan Kuddel im Stall und würde erst wieder im Mai ihre Wiese beziehen, die direkt gegenüber meiner Villa lag.

»Woher kennst du die Frau?«, fragte ich ihn, während Harry unserem Gespräch teilnahmslos lauschte.

»Oh, ich habe sie zuerst bei Inge gesehen. Sie saß allein an einem Tisch und aß mit geschlossenen Augen so hingebungsvoll Grünkohl, da hätte ich sie am liebsten angesprochen. Habe ich dann natürlich nicht gemacht.« Inge Schiefer gehörte das Traditionsrestaurant in Bokau, das für ihren Butt mit Stachelbeerkompott und seit Neuestem auch für eine Plattenkreation aus Räucher-, Brat- und Kochfisch mit verschiedenen hausgemachten Soßen weit über die Grenzen Bokaus hinaus bekannt war. »Woher kennst du sie denn?«

»Marga hat sie irgendwann mal erwähnt«, wehrte ich diplomatisch ab.

Johannes bemerkte meine Zurückhaltung nicht.

»Ach so. Ja, Marga hat Freya dann nämlich zu mir geschickt. Das fand ich wirklich sehr lieb und aufmerksam von ihr. Wir haben gleich harmoniert.«

Marga als gute Fee. Das war ja mal eine ganz neue Rolle für meine alte Freundin. Ich griff nach Harrys Arm. Er ließ sich widerstandslos mitziehen.

»Halt«, brüllte Johannes in diesem Moment und deutete auf die Anrichte, wo ich ein riesiges Kuchenpaket von Bäcker Matulke erspähte. »Macht mal eine Pause, ihr zwei. Ich habe extra Cremeschnitten besorgt. Und das Wetter ist einfach klasse. Nehmt doch welche mit. Teller sind darunter im Schrank.«

Das taten wir, das heißt, ich tat es. Drei für Harry, zwei für mich. Ach Johannes, du bist schon ein Lieber. Wessen Seele auf diese göttliche Einheit von cremig, crunchig, würzig und süß nicht anspringt, der ist definitiv verloren.

Draußen schien immer noch die Sonne, und der Himmel strahlte blitzblau. Dies war wirklich einer der ersten Frühlingstage, die das Herz nach einem dunklen, nassen norddeutschen Winter zum Hüpfen bringen. Für einen Moment schloss ich genussvoll die Augen. Das Leben war schön, man musste es nur sehen.

»Ich habe keinen Appetit. Das sind echte Kalorienbomben«, teilte Harry mir mit, während wir auf die Bank vor dem Schuppen zustrebten. Sollte das etwa eine Neuigkeit sein?

»Dann iss aus medizinischen Gründen eine Schnitte. Für den Blutzuckerspiegel, die Nierenwerte und die Gelenke. Und weil sie traumhaft schmeckt«, gab ich scheinbar ungerührt zurück. Bei Harry sollte man besser nicht mit der Tür ins Haus fallen, zumal wenn es um sein Seelenleben ging. »Stell dir vor, ich habe so etwas wie einen neuen Fall. Da ist jemand im Wohnpark gestorben.«

Keine Reaktion.

»Karl Lißner heißt die Leiche, und Marga ist misstrauisch. Sie fürchtet, dass bei seinem Tod irgendetwas nicht stimmt. Und einiges ist wirklich seltsam. Also sie vermutet –«

»Verschone mich mit dieser Kaffeesatzleserei«, blaffte Harry los. »Du weißt, ich stehe auf Fakten. Investigativer Journalismus, wenn du kapierst, was ich meine. Kein Feuilleton, das ist doch alles nur Gelaber. Was heißt denn, Marga vermutet … Marga ist misstrauisch … Das ist reines Geschwafel.«

Wir setzten uns.

»Doch eine Cremeschnitte, Harry?«, fragte ich höflich, während ich ihm meinen dicht bepackten Teller unter die Nase hielt.

»Ich mag so ein süßes Zeugs nicht.«

Ich schon. Und ich hatte keineswegs vor, mir den ersten himmlischen Happen von diesem Miesepeter verderben zu lassen. Freund hin, Freund her. Also griff ich zu und biss hinein. Seufz. Wunderbar. Spätestens nach dem dritten Happs würde mir diese göttliche Kreation so viel Kraft und Stärke verleihen, dass ich es mit Harry aufnehmen konnte. Und so war es auch.

»Also, Harry Gierke, spuck’s aus. Was ist los? Wo brennt’s?«, fragte ich munter und ließ meine Hand mit dem … na ja, winzigen Rest der Cremeschnitte sinken, zum Zeichen, dass ich jetzt ganz Ohr war.

»Nichts ist los«, lautete die mäkelige Antwort.

»Geht’s vielleicht etwas genauer?« Ich blieb die Ruhe selbst. Wie gesagt, wir beide waren krisenerprobt.

»Interessiert dich doch nicht. Ist allein mein Problem.« Er schnaubte durch die Nase, was sich ziemlich unschön anhörte. »Außerdem hast du ja einen Fall.«

»Stimmt«, erwiderte ich liebenswürdig. »Aber ich bin eine Frau, Harry. Und die können bekanntlich Multitasking. Also schaffe ich es, dir daneben auch noch aufmerksam zuzuhören. Du müsstest nur den Mund aufmachen und Wörter herauslassen.«

Seine Mundwinkel wanderten spöttisch nach oben.

»Multitasking, eh? Als Frau?«

»So ist es«, sagte ich würdevoll und hielt meine Linke demonstrativ ans Ohr, während ich gleichzeitig zu der angebissenen Cremeschnitte in meiner Rechten hinunterschielte. Sie lächelte mich geradezu verführerisch an. Das hätte ich schwören können. Ich war wehrlos und konnte absolut nichts dagegen tun. Harry neben mir gab ein Geräusch von sich, das entfernt an ein Lachen erinnerte.

»Nun beiß schon rein, Hemlokk. Sonst kannst du dich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Von wegen Multitasking. Schon bei den Cremeschnitten hört das doch bei dir auf.«

Ich hob den Arm und führte die Hand zum Mund. Herrlich!

»Alscho? Wasch isch losch?« Ich schluckte den Bissen eilends hinunter. »Haben sie dir vielleicht den CEO-Posten bei ›Mr & Mrs Right‹ angeboten?« So hieß die Internetagentur, für die er arbeitete. Ich hatte es lustig gemeint. Es kam nicht an.

Harrys ohnehin düstere Miene verfinsterte sich bei meinen Worten noch einen Tick mehr.

»Der Job nervt mich zu Tode. Formuliere du mal Anzeigen am Fließband, die spritzig und originell sein sollen, obwohl der Kunde ein totaler Einfaltspinsel mit Hängeohren und Halbglatze ist. Es ist immer dasselbe. Ich könnte schreien.«

»Dann tu’s doch«, empfahl ich. Ich war auch schon zum See hinuntergegangen und hatte meinen Frust herausgebrüllt, wenn mir meine Sülzheimer mal wieder auf den Zeiger gingen. Und das kam gar nicht so selten vor.

»Ja, ja, Lärm und Gekreisch befreit die Seele. Kenne ich. Ein megaalter Hut!«, wischte Harry meinen Therapievorschlag beiseite. »Aber das ist eben nicht alles. Jetzt habe ich nämlich auch noch einen unmöglichen Auftrag von so einem Zeitungskäseblatt gekriegt: Ich soll ein Feature über Karnickel- und Taubenzüchter im Kreis Plön machen. Stell dir das mal vor. Mit Schwerpunkt aufs Menschelnde. Die halten mich wohl für einen Wald-und-Wiesen-Journalisten, der mal gerade den Kuli unfallfrei halten kann.«

Tauben. Schon wieder. Die Tiere machten sich ja regelrecht in meinem Leben breit. Erst Marga mit Theo, jetzt Harry. Putzig. An diesem sonnigen Märzvormittag hielt ich das für nichts weiter als einen erheiternden Zufall.

»Oje«, gelang es mir trotzdem, mitfühlend zu brummen. Und das Harry. Er hatte sich schon immer im Job zu Höherem berufen gefühlt: Panama Papers in Rendsburg, hochgeheime Cosa-Nostra-Kontakte der Probsteier Granden und solche Dinge.

»Ausgerechnet ein Feature! Und das auch noch unter dem saublöden, bescheuerten, weil total tutigen Motto: Leben wie du und ich«, fuhr er erbittert fort. »Dabei gehören sowohl diese doofen Hoppler als auch die dauergurrenden Ratten der Lüfte besser in deine ›Feuer & Flamme‹-Gruppe. Und zwar mit reichlich Speck umwickelt.«

In meinem Kochclub hatten wir zwar indisch-scharf angefangen – was mir in einem früheren Fall indirekt sogar das Leben retten sollte –, unseren kulinarischen Blickwinkel jedoch mittlerweile erweitert. Rote Grütze gehörte jetzt ebenso dazu wie Matjes in diversen leckersten Soßen.

»Ach, nun komm schon, Harry«, bemerkte ich mitleidig und griff tröstend nach seiner Hand. »So schlimm ist das doch nun auch wieder nicht. Mach es einfach, und dann ist gut. Danach siehst du weiter.« Manchmal besaß ich wirklich eine überaus pragmatische Ader, die mich selbst überraschte. Allein meine Worte drangen nicht zu ihm durch.

»Du großer Gott. Leben wie du und ich«, wiederholte er bitter und hätte fast mit seiner auf die Bank niedersausenden Faust den Teller mit den Cremeschnitten touchiert. Unauffällig zog ich sie aus der Gefahrenzone. »Das ist doch nichts weiter als eine Gegenbewegung zur Globalisierung und der zunehmenden Unübersichtlichkeit der heutigen Welt. Reiner Wohlfühljournalismus; heideidei, was haben wir uns alle lieb.« Er beugte sich zu mir herüber. »Ich will das nicht, verstehst du! Ich will einen richtigen Coup landen, bevor ich meinen Lebensabend mit Singen und Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen in einem Wohnpark wie diesem ›Elysium‹ verbringe. Allein der Name ist doch schon eine glatte Zumutung für jeden normal intelligenten Menschen.«

»Ganz meiner Meinung«, stimmte ich zu. Letzteres fand ich ja auch.

»Die sind doch alle, wie sie da sind, total verkalkt. ›Elysium‹! Ich bitte dich«, wütete er weiter. »Nein, es muss ein richtiger Scoop sein. Darunter will und werde ich es nicht machen.«

»Ja«, sagte ich. Nur deutlich verhaltener, denn was nun kam, kannte ich zur Genüge. »Harry, hör mal, gibt es denn da etwas, was du lieber machen würdest? Und handelt es sich dabei vielleicht um etwas Konkretes …?«

Ich ließ den Satz verplätschern, weil mir ganz mulmig wurde. Denn immer, wenn Harry Gierke bislang etwas »Großes« in Angriff genommen hatte – sei es im privaten oder beruflichen Bereich –, war er damit gnadenlos auf die Schnauze gefallen. Das war mit der Waffengeschichte und Sig Sauer so gewesen, mit dem Sautieren von ganzen Schweineköpfen und dem Erlernen von Mandarin. Und ich musste dann in mühevoller Kleinarbeit die geknickte Psyche des Helden wieder aufpäppeln. Dass nicht Pistolen, sondern Amigurumi-Strickwaren den neuesten Schrei in der Ruheständlerszene darstellten und er sich das »Elysium« als Alterswohnsitz nie und nimmer würde leisten können – geschenkt.

»Nein«, gestand er niedergeschlagen. »Das ist es ja. Ich habe keine Ahnung. So etwas muss einen anfliegen. So ein Thema sucht sich den Journalisten und nicht umgekehrt.«

Muss ich extra erwähnen, dass mich diese Aussage kolossal beruhigte? Denn in dieser Hinsicht war da weit und breit nichts in Sicht in unserem friedlichen Schleswig-Holstein, wie ich Unschuldslamm dachte. Kurz und aufmunternd drückte ich Harrys Hand. Es war also nichts weiter als ein veritabler Hänger – das kriegten wir hin. Bald würden die Tage spürbar länger und wärmer werden, was jeder menschlichen wie tierischen Seele im hohen Norden guttat. Sie konnte sich gar nicht dagegen wehren. Dann sahen wir weiter. Spätestens Mitte Mai würde die Krise überwunden sein. Und vielleicht entdeckte Harry ja bei seinen Recherchen sogar sein Herz für den Brieftaubensport und kümmerte sich fortan gemeinsam mit Theo liebevoll um so einen Sendboten der Lüfte. Tja, so kann man sich täuschen. Es kam alles anders als gedacht. Völlig anders, um genau zu sein, aber davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt naturgemäß keinen Schimmer, und so langte ich frohgemut nach der nächsten Cremeschnitte, um ebenso ahnungslos wie herzhaft hineinzubeißen.

ZWEI

Ich gebe es unumwunden zu: Ich war ziemlich neugierig auf Karl Lißners Erbin, die Amigurumi-Spezialistin Freya Schüssler-Knack. Mit ihr musste ich natürlich als Erstes reden, um ihre Version der Geschichte zu hören und um zu sehen, was das überhaupt für eine war. Außerdem interessierte mich diese Wohnanlage namens »Elysium« schon, in die man sich erst einkaufen und einziehen konnte, wenn einem mindestens fünfundfünfzig Lenze in den Knochen steckten, wie Marga mir berichtet hatte. Sicher, ich plante nach wie vor keinesfalls, irgendwann meine Villa gegen ein dortiges Apartment zu tauschen, weil das Konzept einfach nicht meins war. Denn derart viele Methusaleme auf einem Haufen, das musste zwangsläufig eine völlig eigene Welt sein. Doch Margas Worte und Schilderungen hatten ihre Wirkung auf mich nicht verfehlt. Deshalb beschloss ich, mich gleich am Nachmittag auf die Socken zu machen und mit den Ermittlungen zu beginnen.

Der Vormittag jedoch gehörte wie schon seit Monaten Richard und Camilla, meinem Protagonistenpaar in den Geschichten für die Yellow Press. So nenne ich ihn stets am Anfang einer Liebesgeschichte, während sie ständig Camilla heißt, bis ich die Namen der beiden Herzchen in einem der letzten Arbeitsschritte individualisiere. Dann wird er zu Lukas, Paul oder Fred und sie zu Anne, Carmen oder Marie. Als ich es noch nicht so gemacht hatte, wechselte des Öfteren nach meinem Mittagessen der Heldenname in der Geschichte. Was gar nicht gut ankommt.

Also brühte ich mir die für diese Arbeit unumgängliche traditionelle Kanne Earl Grey auf, verwandelte meinen Ess- in einen Arbeitstisch, indem ich ihn von meinem Frühstücksteller befreite und meinen Laptop draufstellte – und checkte mein Smartphone. Doch da fanden sich nur die üblichen morgendlichen Tralala-Meldungen über eine Promi-Trennung nach sagenhaften sechs Tagen Ehe (»Wir haben hart an unserer Beziehung gearbeitet«) und einen Pudel, der singen konnte, wenn man ihm nur genug Bier gab; also nichts, womit ich mich guten Gewissens hätte ablenken können. Pech gehabt. Streng befahl ich daher meinem Alter Ego, das unter dem Pseudonym Vivian LaRoche für die Sülzheimer zuständig ist: Keine Ausflüchte mehr, mach hinne, Mädchen! Lass Richard und Camilla lieben und leiden, auf dass die Schwarte kracht. Doch Vivian, das Mimöschen, verweigerte sich wieder einmal. Statt das Melodram des Jahrhunderts auf drei bis sechs Seiten oder in vier bis fünf Folgen zu entwerfen, schaute die dumme Nuss aus dem Fenster und sah dem Gras beim Wachsen zu. Na ja, grün war da Ende März noch nichts, hier oben an der Packeisgrenze erwachte die Natur erst später zum Leben. Und es regnete, feinfieselig und ohne Unterlass, seit ich aufgestanden war. Tropfen für Tropfen fiel auf den still daliegenden Passader See. Der dunkelgraue Himmel küsste fast den Boden. War das ein Satz? Ich dachte just darüber nach, ob ich Vivian als weitere Stimulans nicht ein paar Gummibärchen hinstellen sollte, als mein Telefon klingelte. Dankbar nahm ich den Hörer ab.

»Maria Glade ist letzte Nacht gestorben«, teilte mir Marga mit Grabesstimme mit, bevor ich mich überhaupt melden konnte. »Neunundsiebzig Jahre alt. Herzversagen, soweit ich gehört habe.«

»Aha.«

»Nix aha«, äffte sie mich nach. »Maria war knackgesund.«

»Du willst also behaupten, dass da auch etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist?«, erkundigte ich mich vorsichtig.

»Hör mal, Schätzelchen. Ich mag diesen zweifelnden Tonfall nicht. Ja, das will ich. Weil es schlicht und ergreifend zu viele Leichen auf einmal sind. Das ist ja eine richtige Sterbeepidemie. Wenn da mal nicht einer vom Personal dran dreht.«

»Der Todessamariter vom ›Elysium‹, meinst du?« Manchmal schaltete ich schnell.

»Spotte du nur. Die gibt’s häufiger, als man denkt. Dieser eine Pfleger da aus Niedersachsen hat über hundert Leute umgebracht, bevor man ihn nicht bloß weiter versetzte, sondern richtig aus dem Verkehr zog. Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus. Die Klinikleitungen haben ihn nicht etwa überwacht und angezeigt, als sie Verdacht schöpften, sondern lediglich weggelobt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Genau wie die katholische Kirche mit ihren gefallenen Priestern, die die Hände nicht unter der Soutane lassen können, sondern kleine Mädchen und Jungs angrabbeln. Da war auch nichts mit dem Staatsanwalt und einer gerechten Strafe, sondern ab in die Archive des Vatikans, wenn’s hochkam.«

»So war es früher, ja«, sagte ich geduldig. »Jetzt haben sie in Australien aber diesen einen Kardinal richtig verknackt. Der muss über drei Jahre ins Gefängnis.«

»Pah, eine Ausnahme. Lass dir doch keinen Sand in die Augen streuen«, meinte sie ruppig. »Das bleibt, wie es war: Man vertuscht, wo man kann und eine Chance sieht, damit durchzukommen. Und schuld an den ganzen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche sind sowieso die Altachtundsechziger, wie sich dieser Ex-Benedikt nicht entblödet hat zu behaupten. Der Mann ist ja senil.«

»Der Mann ist über neunzig.«

»Na und?«

»Da kann es schon mal vorkommen, dass der Verstand schwächelt. Denn auch bei Gottes Stellvertreter auf Erden im Ruhestand lässt es geistig irgendwann mal nach.«

»Gut, lassen wir das. Aber du glaubst doch wohl selbst nicht, dass die Leitung des ›Elysium‹ alles schonungslos offenlegen würde. Unerklärliche Todesfälle sind für die das absolut Letzte. Die haben einen Ruf zu verlieren. Und viel, viel Geld. Also tu was, Schätzelchen, und behalte Maria bei deinen Ermittlungen gefälligst im Hinterkopf. Diese Todesserie muss aufhören, noch bevor sie richtig beginnt!«

Und weg war sie. Nachdenklich schenkte ich Vivian und mir noch eine Tasse Tee ein. Zwei Tote in einer Rentnerresidenz mit über vierhundert Leuten innerhalb von zwei Wochen. Das war nun wahrhaftig keine mysteriöse Todesserie, sondern eher das normale Ende der Fahnenstange. Langsam wurde das bei Marga wirklich zu einer fixen Idee. Ob das an ihrem Alter lag und sie Angst vor ihrem eigenen Ende hatte? Höchstwahrscheinlich spielte das eine durchaus wichtige, wenn nicht sogar die zentrale Rolle bei ihr. Aber ich würde ihr selbstverständlich den Gefallen tun und die Sache untersuchen, allein schon, um sie zu beruhigen. Und nachzuweisen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war, konnte doch nicht so schwer sein. Ich war ja quasi unbelastet, weil noch lange nicht in dem Alter, wo dieses schreckliche »Elysium« und der Sensenmann auf mich warteten.

Voller Behagen schaute ich mich in meiner Villa um. Ich würde die phantastische Lage direkt am See zwischen den Ortschaften Passade und Fahren wohl nie als selbstverständlich hinnehmen. Nein, ich liebte dieses Heim, das zwar winzig, aber meins war: Küchenzeile, Schlafkabuff, Wohnzimmer, Bad, alles zusammen um und bei satte fünfundvierzig Quadratmeter. Dazu kam ein zwölf Quadratmeter großes Gärtlein, in dem in den warmen Monaten mein Schildkröterich Gustav mit seiner Angebeteten Hannelore und seiner vierköpfigen Brut hauste. Mir reichte das, obwohl ich mir manchmal schon etwas mehr Stauraum gewünscht hätte. Oder ein Gästezimmer, denn Harry und ich passten gerade so auf meine Matratze, wenn er die Beine geschickt anwinkelte oder die Füße heraushängen ließ.

Ach Harry. Der Mann befand sich in einer Melancholie-Krise, keine Frage. Ich verstand ihn ja. Richard und Camilla hingen mir, wie gesagt, auch oft genug zum Hals heraus. So wie jetzt. Der kurzzeitige Anflug von guter Laune war verflogen. Trübsinnig starrten Vivian und ich auf den blinkenden Cursor. Und wenn die LaRoche in dieser Story aus dem an sich grundguten Camillchen mal eine ganz miese, fiese Erbschleicherin machte, die ihr Herz für den dauerhäkelnden Softie Richard entdeckte? Ein Bild von einem Mann, der nichts schöner fand, als Amigurumi-Würmer zu stricken, zu häkeln, zu nähen oder wie immer man das sonst machte? Und auf der Flucht durch die Probstei würden sie dann wie Bonnie und Clyde … Hemlokk, hörte ich Harry genervt bölken, komm auf den Teppich. Du sollst keinen Actionthriller zu Papier bringen, sondern eine Sülzlette. Was ein Wort war – genau wie der Schmalzheimer –, das ungestraft nur Vivian und ich für unsere Liebesromane benutzen durften. Für jeden anderen waren beide Begriffe tabu, da konnte ich ziemlich sauer werden.

Der Regen nahm noch einen Tick zu, und dicke Tropfen schlidderten jetzt auf faszinierende Weise die Scheibe hinab. Es hatte etwas Meditatives. Ob ich vielleicht doch endlich eine Privatdetektivin mit Lizenz und dadurch dann vor allen Dingen mit vermögenden Auftraggebern in großer Zahl aus mir machen sollte? Bislang hatte ich es einmal probiert, war damals jedoch vor verschlossenen Türen gescheitert, weil sich die gesamte Rathausmannschaft ausgerechnet an jenem Tag auf Betriebsausflug befunden hatte. Ich könnte mich allerdings noch einmal aufraffen. Viel gehörte nämlich nicht dazu. Ich würde einen Gewerbeschein beantragen, dafür löhnen – und schon könnte ich das Schild neben meiner Haustür anbringen:

Hanna Hemlokk

Privatdetektivin

Diskret. Zuverlässig. Schnell.

Sprechstunde nach Vereinbarung

Denn natürlich würden auch wieder andere Zeiten kommen – in denen die Detektei Hemlokk sich nicht mit höchstwahrscheinlich friedlich im Bett gestorbenen Pensionären herumplagen musste, sondern mit ebenso grausamen wie unentdeckten Morden, Entführungen aller Art sowie Diebstählen und Betrügereien en gros und en détail! Entschlossen fuhr ich den Laptop herunter und klappte ihn zu. Mit der LaRoche war heute nichts mehr anzufangen, ich spürte es im Urin. Wer mich kennt, weiß, dass meine Blase ein zuverlässiger Gradmesser für alles Mögliche ist, angefangen vom Hunger bis zum Erkennen eines Verdächtigen. Und stand denn irgendwo in Stein gemeißelt, dass man jeden seiner Vormittage, den die Grundgütige werden ließ, mit dem breitbrüstigen Richard und dem dahinschmelzenden Seelchen Camilla verbringen musste? Eben, da findet sich nix.

Also, auf geht’s, Hemlokk! Prompt machte sich wider besseres Wissen ein erwartungsvolles Kribbeln in meinen Eingeweiden breit, denn ich war nun einmal mit Leib und Seele Privatschnüfflerin. Wollen wir doch einmal nachschauen, ob an Margas Befürchtungen überhaupt etwas dran sein konnte. Und ob tatsächlich etwas faul am Tod dieses Karl Lißner war. Und wenn ich schon dabei war, würde ich auch gleich im Handumdrehen die Frage klären, ob mit der in der letzten Nacht verblichenen Maria gar eine Serie von Abgängen im schmucken »Elysium« ihren Anfang genommen hatte.

Angesichts der Tropfen an der Scheibe entschied ich mich für die dicke Regenjacke sowie wasserfeste Boots und stiefelte anschließend den kurzen Weg zum Haupthaus hinauf. Bei Marga waren die Vorhänge halb zugezogen, bei Harry flackerte es im Wohnzimmer. Wahrscheinlich saß der arme Junge einfach da und guckte aus lauter Verzweiflung über sein verpfuschtes Leben DMAX, den Fernsehsender für echte Kerle. In dessen Programm gab es keine Weicheier, sondern nur Burschen von echtem Schrot und Korn. Die ständig »löteten und töteten«, wie ich es einmal in einem wunderbar süffisanten Artikel in den Kieler Nachrichten gelesen hatte. Aus dieser Ecke flog ihn bestimmt kein Thema an, auf das die Welt gewartet hatte. Der Mann an sich und als solcher war doch weitgehend auserzählt, oder?

Drei Sekunden liebäugelte ich damit, bei ihm vorbeizuschauen, um ihm ein paar aufmunternde Worte zu sagen und ihn zum Abendessen einzuladen, entschied mich dann jedoch dagegen. Harry im tiefen Tal der Tränen war erfahrungsgemäß nicht ansprechbar. Den nötigen Tritt in den Hintern, um da herauszukommen, musste er sich selbst verpassen. Das hatte ich bei etlichen Gelegenheiten gelernt. Also beschleunigte ich – mit dem Anflug eines schlechten Gewissens – meine Schritte. Als ich auf die Hauptstraße einbog, hielt ich mich links und nickte meinem vorbeifahrenden Vermieter Fridjof Plattmann zu, während ich am Flüchtlingsheim vorbeimarschierte.

Es war früher ein Erholungsheim für behinderte Menschen gewesen, die Gemeinde hatte es jedoch zur Hochzeit der Flüchtlingswelle angekauft, und nun stand es zur Hälfte bereits wieder leer. Ein Kinderfahrrad in knalligem Lillifee-Rosé lehnte am Zaun, ehrfürchtig bestaunt von zwei kleinen Mädchen mit so dichtem schwarzem Schopf, dass ich vor Neid erblasste. Ich trug mein Haar kurz, und die Farbe lag eher so zwischen Mittelbraun bis Durchgeschossen. Ich winkte den beiden zu, sie erwiderten meinen Gruß mit einem akzentfreien knackigen »Moin«. Das beherrschte hier nach kurzer Zeit jeder, eengaal, wie es auf Platt heißt, ob er aus dem Jemen, dem Iran, dem Irak, Eritrea oder aus Syrien kam, und ganz gleich, ob er drei oder dreißig war. Und was hatte die Volksseele gekocht, als es darum gegangen war, in Bokau Flüchtlinge aufzunehmen. Von der gefährdeten »Insel der Seligen«, die die Probstei für ihn sei, hatte ein hörbar aus dem Sächsischen Zugezogener da auf einer Bürgerversammlung gefaselt. Und ein anderer wollte sicherheitshalber gleich eine Bürgerwehr organisieren, »um mein Haus, meine Frau und meinen Hund« zu verteidigen. In genau dieser Reihenfolge. Da war noch kein einziger Flüchtling eingezogen. Mittlerweile hatte sich die Lage wieder beruhigt; Migranten und Einheimische ignorierten einander weitgehend und lebten nebeneinanderher.

Vor dem gewaltigen schmiedeeisernen Rolltor des »Elysium« blieb ich notgedrungen stehen. Da hatte ein Kunstschmied eindeutig sein Bestes gegeben. Er hatte zwar ein paar dekorative Rundungen ins Metall geschraubt und gebogen, das verminderte jedoch nicht die eigentliche Botschaft dieser Pforte: »Bliev mi von de Farv, wenn du hier nichts zu suchen hast.« Wehrhaftigkeit in Reinkultur verkörperte dieser eiserne Halt. Dahinter lag für Normalsterbliche ohne Anmeldung und Pass eine No-go-Area, wie es im Neudeutschen so hübsch heißt. Das Tor war geschlossen, und am liebsten hätte ich daran gerüttelt. Das war selbstverständlich albern, trotzdem musste ich den Impuls unterdrücken. Natürlich war nicht nur die Zufahrt, sondern das gesamte Gelände gesichert und von einer grauen hohen Mauer umgeben, deren Krone man mit NATO-Draht versehen hatte. Mehr Abschottung ging wirklich nicht. Aber wogegen? Gegen das Leben? Gegen Horden von Dieben, Betrügern sowie Verbrechern aller Couleur? Dabei lauerte das Grauen doch im Inneren der Anlage, wenn Marga mit ihrer Todesengel-These tatsächlich recht haben sollte. Ich linste zur Kabine des Pförtners hinüber. Oder hieß der hier Facility-Manager? Oder zumindest Doorman? Höchstwahrscheinlich. Doch die Kabine war leer.

Gerade als ich auf den Klingelknopf drücken wollte, erklang in meinem Rücken das satte Brummen eines Motors. Ich drehte mich um. Aha, das Müllauto. Ich nickte den beiden Männern in ihren orangefarbenen Overalls zu. Der Beifahrer erwiderte den Gruß, schaute auf die Uhr, stieg aus, ging zum Klingelbrett und drückte irgendwo. Und Simsalabim, das schwere Tor rollte wie von Geisterhand bewegt zurück und gab den Weg frei. Der Mann eilte zum Wagen zurück, schwang sich auf den Beifahrersitz, der Laster fuhr rumpelnd an, ich schlüpfte rasch hinterher, und das Tor schloss sich hinter uns. Na also, ging doch.

Neugierig schaute ich mich um. Nun ja, das musste man mögen. Ich tat es nicht. Die Apartmenthäuser waren alle zweistöckig und in pastellfarbenen Blau-, Rosa-, Gelb- und Grüntönen gehalten. Es sah aus, als habe jemand den Inhalt einer Bonschertüte mit viel Chemie in den Lutschern mitten auf eine feuchte schleswig-holsteinische Wiese ausgekippt. Jedes Apartment besaß entweder einen kleinen Garten oder einen Balkon, wo bereits vereinzelte Blumenkübel den Frühling herbeizwingen sollten; manche Bewohner hatten ihren Freisitz überdacht und verglast, wobei das Gestänge der Wintergärten bei allen haargenau zum Pastellton des Hauses passte.

Ich wollte mich gerade in Bewegung setzen, um diesen Traum in Bunt zu erkunden, als mich hinterrücks eine herrische Männerstimme anblaffte.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Wer hat Sie eingeladen?«

Ich drehte mich um. Er war klein, nicht über eins sechzig, besaß ein Ohrenpaar, mit dem er jeden Segelwettbewerb gewonnen hätte, und eine derart polierte Glatze, dass sich darin die Überwachungskamera unter dem Vordach der Pförtnerloge spiegelte. Dazu trug er eine Phantasieuniform, die irgendwo zwischen Matrose und General lag: Das Jackett war zwar gediegen dunkelblau und zeigte am rechten Ärmel vier güldene Streifen, aber darunter stellte ein rot-weißer Ringelpullover mit V-Ausschnitt das Gesamterscheinungsbild doch sehr in Frage. Seine offizielle Dienstkleidung oder sein Privatgeschmack? Auf jeden Fall handelte es sich um eine wahrlich erlesene Kombination.

»Ihnen auch einen schönen Tag«, grüßte ich höflich.

Er senkte gnädig das Haupt. Seine Hände waren außergewöhnlich groß und fleischig, fiel mir auf, eindeutig Pranken, die ohne viele Probleme ein Kissen auf altersschwache Gesichter drücken konnten, bis der Exitus eintrat. Und klein gewachsen war er auch noch. Die meisten vertikal benachteiligten Männer, die ich kannte, litten darunter und versuchten jedem Hans und Franz stets und ständig zu beweisen, dass sie trotz ihrer minderen Größe echte Hechte waren. Mhm.

»Sie müssen sich anmelden«, blubberte der Hecht jetzt. »Sich hier ohne Genehmigung reinzuschleichen, geht gar nicht. Wir achten nämlich sehr auf Sicherheit. Das sind wir unseren Kunden schuldig.«

Das Männlein hatte sich direkt vor mir aufgebaut, jeder Zoll ein Wachsoldat, der als personifizierte Gefahrenabwehr zum Äußersten entschlossen ist.

»Natürlich«, sagte ich friedlich. »Ich dachte nur, als das Müllauto so einfach reinfuhr, husche ich mal schnell hinterher.«

Bei diesen Worten bedachte ich ihn mit meinem strahlend-beruhigendsten Lächeln, und er entspannte sich zusehends. Vor ihm stand also keine der weltweit gefürchteten Seniorenkillerinnen, die nirgendwo ihr Unwesen treiben.

»Das geht aber nicht.«

»Das nächste Mal melde ich mich an«, versprach ich ihm.

»Das müssen Sie sowieso. Das Tor ist nämlich normalerweise geschlossen. Und wenn Sie rüberklettern, geht sofort der Alarm los.«

»Das hatte ich nicht vor«, versicherte ich und gab mir Mühe, ihm zuliebe beeindruckt auszusehen. Denn unter einem Minderwertigkeitskomplex litt der Gute ganz bestimmt. Aber ob er deshalb gleich zum Altenmörder …? Ach verdammt, Marga hatte mich mit ihrem Anruf ganz kirre gemacht. Wo, bitte schön, sollte wohl bei diesem Minizerberus das Motiv liegen? Hatte Karl Lißner ihn etwa nicht gegrüßt und Maria Wie-immer-sie-auch-hieß sich über ihn bei der Wohnparkleitung beschwert? Weil sie sein Outfit unmöglich fand? Nein, du spinnst, Hemlokk.

»Ist alles computerüberwacht, das ganze Anwesen. Mit Sensoren und Kameras und allem, was es in der Hightechsicherheitsbranche heutzutage so gibt. Da kommt nicht mal mehr eine Mücke unbemerkt rein. So wahr ich Rudi Schenke heiße.«

Er war so irrsinnig stolz auf dieses Fort Knox in Bokau, dass es mich automatisch zum Widerspruch reizte.

»Das Müllauto aber schon.« Dabei versuchte ich meine Gesichtszüge vergeblich zu kontrollieren – und grinste breit. »Die beiden Jungs haben das System eben mal so ganz nebenbei ausgetrickst.«

Jetzt war er es, der lachte. Zwischen seinen Schneidezähnen klaffte eine Lücke, gerade so groß, dass es bestimmt an den Mandeln zog, wenn er den Mund öffnete.

»Nee, hamse nicht.« Es klang triumphierend.

»Nee?«, echote ich zweifelnd. Wie das denn? Ich hatte es doch mit eigenen Augen gesehen.

»Nee«, bekräftigte er. »Das hat alles seine Richtigkeit. Die hat der Computer freigeschaltet. Automatisch. Datum, Tag, Uhrzeit. Ist alles programmiert. Ich sagte doch, bei uns kommt keine Mücke unbemerkt rein. Wo wollen Sie hin?«

Ein weinroter Jaguar näherte sich in diesem Moment dem Tor, und ein solariumsgebräunter Mittsiebziger winkte zu uns herüber, als es aufschwang, nachdem er die Fernbedienung mit lässigem Schwung auf den Nebensitz geworfen hatte. Dabei taxierte er mich ein wenig länger, als es höflich gewesen wäre, das Doormännlein salutierte lässig, und der Fahrer gab mächtig Gas.

»Dr. Wolter«, lüftete der Pförtner ungefragt dessen Inkognito. »Hat früher eine Kanzlei in Hamburg gehabt. Eine richtig große.«

»Soso.« Interessierte mich das?

»Der steht auf jüngere Damen«, raunte der Torsteher in einem Ton, als verrate er mir das Versteck des Heiligen Grals. Auch das noch. Ich hatte nicht vor, Dr. Wolter den Lebensabend zu versüßen. Du meine Güte, in was für einen seltsamen Dunstkreis war Marga da bloß hineingeraten? Ob der Matrosen-General in diesem Etablissement auch für Kontaktanbahnungen zuständig war? Da schob der Jurist immer mal wieder einen Hunni über den Tresen, und der Mann für alle Fälle schaute sich im Gegenzug für ihn nach Frischfleisch um?

»Falls Sie mich damit meinen, ich stehe nicht auf ältere Herren. Auch wenn sie Geld wie Heu haben«, informierte ich ihn entschlossen.

»Das wollte ich doch gar nicht damit andeuten.« Red doch nicht, genau das wolltest du, mein Lieber. Ich war mir da ziemlich sicher. Auf das Pförtnergehalt hatte die »Facility-Manager«-Umtaufung bestimmt nicht durchgeschlagen. Ein kleines Zubrot verschmähte man da sicher nicht. Und vielleicht verabreichte er flirt- und bindungsunwilligen Insassinnen des »Elysium« ja auch im Auftrag diverser Herren eine schöne große Portion Digitalis, damit sie den Platz für neue Mädels frei machten. Du meine Güte, meine Phantasie schlug inzwischen wirklich Purzelbäume. Das lag bestimmt daran, dass alles so vage war und ich nichts in der Hand hatte außer Margas Unbehagen. Denn als mehr konnte man es ja beim besten Willen zumindest noch nicht bezeichnen.

»Also, zu wem wollen Sie nun?«, rettete sich der des mehrfachen Mordes sowie der Kuppelei Verdächtige auf die sachliche Ebene.

»Zu Maria … äh …«, improvisierte ich. Scheiße, ich hatte den Nachnamen der Verblichenen vergessen. Er half mir.

»Glade? Maria Glade?« Er klang bestürzt.

»Auch, ja.« Ich beobachtete ihn dabei ganz genau.

»Oje. Warten Sie, ich hole Ihnen einen Stuhl.« Weg war er, um mir wenig später wenig zartfühlend einen Besucherstuhl aus Teakholz in die Kniekehlen zu rammen. »Sie ist heute Nacht gestorben. Es tut mir sehr leid. Das muss ein Schock für Sie sein.«

Das grobschlächtige Gesicht hatte er jetzt in echte Kummerfalten gelegt; es glich in diesem Moment dem einer verknautschten Bulldogge.

»Oh«, reagierte ich angemessen betroffen auf diese Nachricht.

»Geht’s denn?«, fragte er mitfühlend. »Ein Glas Wasser vielleicht?«

»Danke. Nein.«

Also entweder war der Mann ehrlich oder ein geradezu begnadeter Schauspieler. Ich erhob mich ächzend.

»Tja, da lässt sich nichts dran ändern. Zu Freya Schüssler-Knack wollte ich ebenfalls.«

Sofort wandelte er sich wieder ganz zum gestrengen Hüter des »Elysium«.

»Erwartet sie Sie?«

»Nein. Es ist ein Überraschungsbesuch.«

Er sog scharf die Luft ein. Es zischte durch die Zahnlücke.

»Gut. Momentchen. Ich melde Sie an. Das ist bei uns Vorschrift.« Er schaute mich fragend an. Es dauerte einen Moment, bis ich kapierte.

»Ach so, ja. Hanna Hemlokk. – Eine Freundin von Marga Schölljahn«, schob ich in einer Laune hinterher. Die Verwandlung, die mit dem Mann vorging, als ich diesen Namen erwähnte, war geradezu gespenstisch. Aus dem gestrengen Wachoffizier wurde schwuppdiwupp ein schmachtender Verehrer.

»Marga«, sagte er andächtig. »Wieso haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Das ist ein Prachtweib, wenn Sie mich fragen. Ein echtes Rasseweib. Na gehen Sie schon los. Ich rufe die Schüssler-Knack ein paar Minuten später an. Dann gelingt Ihnen ihre Überraschung.«

Ich gehorchte und setzte mich auf der breiten, schnurgeraden, glatten und damit rollatorgerechten Hauptstraße in Bewegung, die offenbar direkt ins Zentrum der Anlage führte. »Sünnschienstraat« hatten die Betreiber sie getauft, »Sonnenscheinstraße« stand klein für die des Plattdeutschen Unkundigen darunter. Na ja. Das allein wäre schon ein Grund für mich, nicht in so einen Park zu ziehen. Hach, ist die Welt nicht schön, denke ich lieber für mich allein. Ich habe ganz entschieden etwas gegen verordnete Sichtweisen; negative wie positive.

Mit dem Grün hatten die Macher nicht gespart, das fiel mir als Erstes auf. Überall heckte und bäumte es. Alles war sorgfältigst gepflegt und gestutzt und wartete nur darauf, beim geringsten Anzeichen von unbotmäßigem Wuchs von fachkundiger Hand erneut beschnitten und begradigt zu werden. Nach drei Minuten und dem Abschreiten etlicher unauffällig in der Landschaft herumstehender Sitzgelegenheiten für jeden Geschmack stand ich auf dem zentralen Platz des »Elysium«. Donnerwetter! Erstens hatte man ihn allen Ernstes »Leckertung« getauft, wie ein überdimensionales, mit Großbuchstaben bestücktes Schild am Eingang verkündete, also »Leckerzunge« für Süd-Elbier, obwohl das Wort wohl besser mit »Schleckermaul« übersetzt wird. Egal. Mir ging dieses süßliche, alles verkleisternde plattdeutsche Getümel unwahrscheinlich auf den Geist, und einen kurzen Moment stellte ich mir vor, wie ich nachts mit einer Spraydose bewaffnet alles umtaufte. In »Enkeltrick-Allee« vielleicht? Oder in den »Nun-quack-nicht-schon-wieder-rum-Oma-Weg«?

Die seitlichen Arkaden waren blau überdacht, was völlig künstlich wirkte, zumal man diesen Pseudohimmel auch noch mit weißen Wolkentupfern versehen hatte, aus denen es nie, nie regnen würde, so freundlich waren sie gehalten. Die Mitte der Leckerzunge wurde von einer verwaisten Boulebahn, mehreren komfortablen, aber ebenfalls leeren Sitzecken mit Rosenrankelgittern, zwei Tischtennisplatten sowie einem Teich mit zwei Brücken beherrscht. Auf Letztem schwamm ein Entenpaar. Doch nicht das gefiederte Eheglück fesselte mein Auge. Es waren die Brücken. Das eine Konstrukt hatte man der Rialtobrücke in Venedig nachempfunden, es war überdacht, besaß zwei Züge und im Abstand von einem halben Meter Durchblicke. Da hörte die Ähnlichkeit aber auch schon auf, denn diesem hölzernen Nachbau fehlte die Eleganz des Originals komplett. Ebenso verhielt es sich mit der Miniversion der Golden Gate Bridge. Der Nachbau war erdenschwer, plump und unelegant, ihm mangelte es völlig an der Leicht- und Luftigkeit der weltberühmten San Franciscoer Großcousine. Tja, da hatten die Investoren eindeutig am falschen Ende gespart, wohl darauf hoffend, dass die meisten Einwohner ein unterentwickeltes Gespür für Ästhetik besaßen oder sowieso nicht mehr richtig gucken konnten.

In den umlaufenden Arkaden entdeckte ich auf einen Schlag drei Apotheken, zwei Modeboutiquen und mehrere Restaurants, die alle mit Fotos der von der Menge her höchst überschaubaren Mittagsgerichte warben. Wahrscheinlich war die Kost zudem salzarm und cholesterinreduziert. Gesund, aber freudlos und nichts für meine »Feuer & Flamme«-Gruppe. Neben den Hauseingängen hingen Schilder. Praxisschilder. Vom Plattfußspezialisten bis zum Kopfhautdoktor, von der Aorta- bis zur Zehenkapazität, vom Psycho- bis zum Physiotherapeuten war jedes medizinische Gewerk vertreten. Tja, was hatte ich erwartet in einem Domizil für alte Leute? Eine Bungeejumpinganlage?

Gerade wollte ich auf eine der Apotheken zusteuern, um nach Freya Schüssler-Knack zu fragen, als eine weibliche Stimme neben mir zirpte: »Kann ich Ihnen helfen?«

»Oh ja. Danke. Ich suche Frau Schüssler-Knack.«

Die Dame war mittelgroß und schlank, hatte volles graues Haar und einen Leberfleck auf der Oberlippe. Ich schätzte sie auf Ende sechzig.

»Ach, Freya«, sagte sie. »Die gibt gerade ihren Kurs. Warten Sie, ich bringe Sie rasch hin.«

Mein Blick fiel unwillkürlich auf die Tasche, die an ihrem rechten Arm baumelte und aus der es nach Essen duftete. Und zwar eindeutig nach gutem Essen.

»Ich möchte Sie nicht aufhalten«, bremste ich sie. »Wenn Sie mir nur den Weg beschreiben würden, finde ich da schon allein hin.« Das konnte ja nicht so schwer sein, schließlich mussten in diesem Park auch Tüddelige nach Hause finden.

»Unsinn«, widersprach sie energisch. »Gesine kann einen Moment oder auch zwei auf ihr Mittagessen warten. Die Tarte schmeckt lauwarm genauso gut. Kommen Sie.«

Wir setzten uns in Bewegung, verließen den Platz und bogen schweigend auf eine Straße namens »Toversicht« ein, also »Zuversicht«. Ob die in der hessischen Parkausführung »Äppelwoi-Weesch« heißen würde? Zu gerne hätte ich meine Führerin nach ihrer Meinung gefragt, ließ es dann aber lieber. Sie fühlte sich vermutlich wohl hier, da sollte ich mir die Stänkerei sparen.