Mami Classic 12 – Familienroman - Eva-Maria Horn - E-Book

Mami Classic 12 – Familienroman E-Book

Eva Maria Horn

5,0

Beschreibung

Seit über 40 Jahren ist Mami die erfolgreichste Mutter-Kind-Reihe auf dem deutschen Markt! Buchstäblich ein Qualitätssiegel der besonderen Art, denn diese wirklich einzigartige Romanreihe ist generell der Maßstab und einer der wichtigsten Wegbereiter für den modernen Familienroman geworden. Weit über 2.600 erschienene Mami-Romane zeugen von der Popularität dieser Reihe. Daniela wußte genau, daß es nichts weiter als Selbstmitleid war, das sie wie eine Woge überrollte. Die Verzweiflung erfüllte sie ganz, umschloß ihren Körper, als mauerte sie ihn ein. Sie hielt die Augen geschlossen, und drückte den Kopf gegen das Polster ihres Liegestuhls. Der Lärm, der durch den Garten brandete, erreichte ihr Ohr nicht. Aber ein kleines, zaghaftes Stimmchen durchdrang ihre Qual. "Tut das weh? Bist du darum so traurig?" Daniela Krauss kam von weither zurück. Sie hatte Mühe, sich auf das Jetzt zu besinnen. Vor ihr stand ein kleiner Bub, neben ihm hockte ein riesengroßer Hund, der größer war als der Knirps. Daniela hatte schon eine schroffe Antwort auf der Zunge, wie immer, wenn sie Mitleid spürte. Aber es waren riesengroße Kinderaugen, die sie ansahen. Sie las das Mitleid darin, aber es schmerzte nicht. "Die Narbe in deinem Gesicht ist ganz rot, die tut bestimmt weh. Du hast auf deine Lippen gebissen. Das solltest du aber vielleicht nicht tun, sonst machst du die auch noch kaputt." Es mußte eine Ewigkeit vergangen sein, daß sie mit einem Menschen in einem normalen Ton gesprochen hatte. Seit dem Unfall sprach sie überhaupt nicht, oder in einem abweisenden, ja patzigen Ton. Es war leichter, niemanden an sich heranzulassen, als das verdammte Mitleid, das sie ebenso haßte wie die entsetzliche Narbe, die ihr einstmals so schönes Gesicht entstellte. Aber seltsam, das Mitleid in den blauen Kinderaugen schmerzte nicht.

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Seitenzahl: 120

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Leseprobe: Neuanfang

Auf dem kleinen Flugplatz herrschte emsiges Treiben. Viele Hobbypiloten waren gekommen, um das Wochenende und das schöne Wetter für ein paar Flugstunden zu nutzen oder um die Maschinen zu pflegen und durchzuchecken. Soeben wurde ein motorloser Segelflieger von einem Schleppflugzeug in die Höhe gezogen. Wenke Hellström beobachtete fasziniert, wie sich die Fahrwerke der beiden Flugzeuge von der Startpiste lösten und ihren Flug nach oben aufnahmen; der leichte Segler durch ein Schleppseil mit seinem größeren, motorisierten Bruder verbunden. Irgendwann würde er sich von ihm trennen und in ein hinreißendes Wechselspiel aus elegantem Gleitflug und dem Steigen im Aufwind eintauchen. Als begeisterte Seglerin wusste Wenke einen guten Wind zu schätzen und liebte das Spiel mit ihm – allerdings auf dem Wasser und nicht in der Luft. Schon als kleines Kind war das Segelboot ihr zweites Zuhause gewesen. Diese Leidenschaft hatte sie nie verloren, auch wenn man das nach den jüngsten Ereignissen vermuten dürfte. Es waren fast zwei Wochen vergangen, seit sie zusammen mit Lars bei einem schweren Unwetter in Seenot geraten war. Während es ihm gelang, am gekenterten Boot zu bleiben, wurde sie abgetrieben und galt vier endlos lange Tage als vermisst. Seit etwas mehr als einer Woche war Wenke nun zurück. Lars, ihr Lars hatte sie gerettet! Aus den Händen des merkwürdigen Karl Aresson, der Strandgut sammelte und sie nicht von seinem Hof hatte fortlassen wollen. Nein, verständlicherweise hatte Wenke bislang noch keinen großen Drang verspürt, wieder eine Segeltour zu unternehmen. Seit sie wieder in Lündbjorg war, fühlte sie sich wie in einem Kokon eingesponnen, aus dem sie nicht richtig herauskam. Obwohl sie sich bemühte, es niemanden merken zu lassen. Die Ereignisse auf der abgelegenen Landzunge auf dem Hof von Karl Aresson hatte sie tief in sich verschlossen. Etwas in ihr weigerte sich, darüber zu sprechen. Selbst mit Lars konnte sie darüber nicht reden. Ihr Wiedersehen mit ihm war unaussprechlich und innig gewesen.

Mami Classic – 12 –

Ein Kind veränderte ihr Leben

Eva-Maria Horn

Daniela wußte genau, daß es nichts weiter als Selbstmitleid war, das sie wie eine Woge überrollte. Die Verzweiflung erfüllte sie ganz, umschloß ihren Körper, als mauerte sie ihn ein. Sie hielt die Augen geschlossen, und drückte den Kopf gegen das Polster ihres Liegestuhls. Der Lärm, der durch den Garten brandete, erreichte ihr Ohr nicht.

Aber ein kleines, zaghaftes Stimmchen durchdrang ihre Qual.

»Tut das weh? Bist du darum so traurig?«

Daniela Krauss kam von weither zurück. Sie hatte Mühe, sich auf das Jetzt zu besinnen.

Vor ihr stand ein kleiner Bub, neben ihm hockte ein riesengroßer Hund, der größer war als der Knirps.

Daniela hatte schon eine schroffe Antwort auf der Zunge, wie immer, wenn sie Mitleid spürte.

Aber es waren riesengroße Kinderaugen, die sie ansahen. Sie las das Mitleid darin, aber es schmerzte nicht.

»Die Narbe in deinem Gesicht ist ganz rot, die tut bestimmt weh. Du hast auf deine Lippen gebissen. Das solltest du aber vielleicht nicht tun, sonst machst du die auch noch kaputt.«

Es mußte eine Ewigkeit vergangen sein, daß sie mit einem Menschen in einem normalen Ton gesprochen hatte. Seit dem Unfall sprach sie überhaupt nicht, oder in einem abweisenden, ja patzigen Ton. Es war leichter, niemanden an sich heranzulassen, als das verdammte Mitleid, das sie ebenso haßte wie die entsetzliche Narbe, die ihr einstmals so schönes Gesicht entstellte.

Aber seltsam, das Mitleid in den blauen Kinderaugen schmerzte nicht. Sie merkte nicht einmal, daß sich ihr Mund zu einem Lächeln verzog.

»Eigentlich schmerzt die Narbe nicht sehr. Ist es dein Hund? Er ist wunderschön.«

Zu ihr würde das niemand mehr sagen. Niemand würde sie mehr bewundernd anblicken. Im Gegenteil, vermutlich wandten sich die Menschen voll Grausen ab.

»Das ist doch egal. Ob er schön ist, meine ich.« Die hohe Kinderstirn krauste sich verächtlich. »Er ist sehr klug und ein toller Freund, das ist doch viel wichtiger, oder?«

Er pustete die Locke, die wie eine Sechs auf seiner Stirn lag, zurück. Breitbeinig stand er da. Ein kleiner, sehr selbstbewußter Bub, mit flachsblonden Haaren, die sich zu Locken ringelten, obwohl sie kurz geschnitten waren.

»Er heißt Florian.«

Sie hatte sich aufgesetzt, hielt die Hände locker auf dem Stoff ihres bunten Sommerkleides. Wenn sie aufstand, würde vermutlich sogar das Kind bemerken, daß es ihr viel zu weit geworden war.

»Ein hübscher Name.« Ihre Antwort klang lahm, und sie ärgerte sich einen Augenblick, überhaupt Antwort gegeben zu haben.

»Ja, nicht?« Auf seiner Nase leuchteten lustige Sommersprossen. Zu ihrem Selbstmitleid gesellte sich ein neuer, ziehender Schmerz. Es mußte wundervoll sein, wenn so ein Bub Mama sagte. Zu ihr! Aber das Glück würde sie nie haben. Sie würde nie heiraten. Welcher Mann wollte schon eine Frau mit einem entstellten Gesicht?

»Ich hab mir den Namen selbst ausgedacht. Weil ich nämlich gern Florian heißen wollte. Aber mein Vater sagt, daß geht jetzt nicht mehr, weil ich auf Johannes getauft bin. Johannes«, er stöhnte herzerweichend. Einen Moment sprang ein Lachen sie an. Das unglückliche Gesicht war aber auch zu drollig.

»Hast du schon mal so einen bescheuerten Namen gehört? Mein Großvater heißt so. Weil man dem eine Freude machen wollte, muß ich mich mein ganzes Leben über diesen blöden Namen ärgern. Mein Großvater ist ja sonst ganz prima, wirklich. Nur der Name. Aber ihn stört der Name natürlich nicht, weil er einfach Vater oder Großvater heißt. Die anderen sagen Herr Geheimrat zu ihm.«

»Ich finde den Namen Johannes sehr schön, tut mir leid, wenn ich nicht mit dir einer Meinung bin. Es gibt viele berühmte Männer, die Johannes hießen.«

»Du meinst den aus der Bibel?«

Er ließ sich einfach auf den roten Kies fallen, kreuzte die Beine, die deutliche Spuren von dornigen Zweigen aufwiesen. Der Hund ließ sich neben ihn fallen, legte den dicken Kopf auf seine Pfoten und sah mit seinen schwarzen Knopfaugen von einem zum anderen.

Er saß da, der kleine Kerl, als hätte er alle Zeit der Welt, die er offensichtlich mit ihr verbringen wollte.

»Unter anderem.«

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Die Geschichte kenn ich. Die hat Großvater mir erzählt. Du bist aber nicht sehr höflich«, tadelte er sie mit ernsten Augen. »Du weißt jetzt, daß ich Johannes heiße, und mein Hund Florian heißt. Du mußt dir auch vorstellen, das macht man so. Großvater sagt, Menschen mit schlechten Manieren sind unerträglich. Weißt du, was er noch gesagt hat, aber da hat Großmama ihn angefunkelt, daß er nichts mehr gesagt hat. Er hat gesagt«, er holte tief Luft, und die Nase kräuselte sich vor Vergnügen: »Schlechte Manieren sind noch schlimmer als stinkende Fische. Er wollte ja noch was sagen, aber das durfte er nicht. Du mußt mal sehen, wenn Großmama sich ärgert. Sie ist viel kleiner als Papa und Großvater, aber dann macht sie sich ganz steif, reckt den Kopf, ich muß mich dann immer totlachen, weil Großpapa sagt, jetzt hat sie wieder ihr Generalsgesicht.«

»Ich heiße Daniela.« Er soll jetzt gehen, dachte sie nervös. Er soll mir meine Ruhe lassen. Aber der kleine Knirps dachte gar nicht daran.

»Ein toller Name«, seufzte er. »Daniela«, er sprach den Namen langsam aus, als koste er ihn auf der Zunge. »Wie heißt du weiter? Oder soll ich dich einfach Daniela nennen?«

»Krauss heiße ich.«

»Das kann ich gut behalten. Das ist ganz leicht. Ich brauch ja nur an deine Locken zu denken, sie sind kraus. Nur bei Mädchen sind krause Haare kein Problem, dann brauchen sie nicht stundenlang beim Friseur zu sitzen. Aber ein Junge ist damit gestraft, das kann ich dir sagen. Erst der Name! Und dann noch krause Haare. Locken! Wenn es nach Großmama ginge, dürfte ich sie nicht mal abschneiden. Sie jammert immer, wenn ich mir das Haar kurz schneiden lasse. Aber zum Glück halten wir Männer da zusammen.«

Sie mußte ein Lachen unterdrücken, obwohl ihr überhaupt nicht zum Lachen zumute war.

»Du weißt doch, daß dieser Garten zum Krankenhaus gehört? Eigentlich dürfen ihn nur Patienten betreten.«

»Die Besucher auch. Ich komm immer hierhin, hier lasse ich Florian nämlich einfach laufen. Der Garten ist für seine Pfoten viel besser als das harte Pflaster auf den Straßen. Der Gärtner kennt mich schon, der sagt nichts. Der würde nur toben, wenn Florian seine Blumen ausbuddelt. Aber mein Hund ist gut erzogen, der tut so was nicht. Wenn ich will, dann weicht er nicht von meiner Seite. Und wenn er über den Rasen rennt, und ich pfeife, dann kommt er sofort zurück. So schnell, daß seine Ohren fliegen.«

»Darauf kannst du dir aber wirklich etwas einbilden, Johannes«, lobte sie ihn.

Eine Schwester kam über den roten Kiesweg. Die steife weiße Tracht raschelte, als knisterten welke Blätter. Unter der großen weißen Haube lächelten kluge Augen auf den Jungen hinunter. Das Lächeln schloß auch ihre Patientin ein.

»Sie haben Besuch, Fräulein Krauss. Ich finde es sehr nett von dir, Johannes, daß du unserer Patientin Gesellschaft leistest. Aber jetzt muß ich sie dir leider entführen.«

»Macht ja nichts.« Er stand auf, natürlich erhob sich auch der Hund. »Ich komm heute nachmittag wieder. Vielleicht bist du dann wieder da, Fräulein Krauss. Dann kann ich dir ja mal vormachen, was Florian alles kann. Da wirst du staunen.«

»Ja«, lachte die Oberschwester amüsiert. »Eine Zirkusvorstellung ist nichts dagegen. Fräulein Krauss, Herr Dr. Egger möchte mit Ihnen sprechen. Er erwartet Sie in seinem Zimmer.«

»Tschüs, Fräulein Krauss«, rief Johannes, der seine Beine nebeneinander stellte, jetzt das eine hob, und mit dem Absatz der Sandale an seinem Schienbein kratzte.

*

Daniela hatte den Jungen bereits vergessen, als sie vor der weißen Tür stand und klopfte.

 Dr. Eggers nervöse Stimme bat sie herein.

Als sie das Zimmer betrat, erhob er sich. Ein großer, viel zu dünner blasser Mann. Man sah ihm nicht an, wieviel Geduld und Verständnis er für seine Patienten hatte.

»Da sind Sie ja, Fräulein Krauss.« Er streckte ihr die Hand entgegen und rückte einen Stuhl zurecht. »Das ist recht, daß Sie sich im Park aufhalten. Nur denken Sie daran, für die Narbe ist es besser, wenn Sie sich nicht der Sonne aussetzen. Ein Hut müßte Ihnen doch vortrefflich stehen. Ich weiß nicht, wie viele Hüte mit breiten Krempen meine Mutter in ihrem Schrank hatte.«

Er schmunzelte und setzte sich hinter den Schreibtisch, der mit Papieren überhäuft war. Er legte die Fingerspitzen gegeneinander und sah sie an.

Sie hatte ihm schon sehr oft gegenüber gesessen. Plötzlich dachte sie daran, wie abweisend, ja unhöflich sie oft zu ihm gewesen war. Ihm und den anderen hier im Haus hatte sie das Leben nicht gerade leicht gemacht.

»Sie werden froh sein, wenn Sie meine Entlassungspapiere unterschreiben können«, versuchte sie zu spötteln. »Der Stationsarzt sagte mir heute morgen bereits, daß ich in den nächsten Tagen entlassen werde.«

Er nickte, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ sie nicht aus den Augen.

»Ja. Freuen Sie sich darauf?«

Sie wollte schon eine abweisende Antwort geben und sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Aber plötzlich konnte sie es nicht. Sie spürte, daß ihre Lippen zitterten. Sie mußte sie ganz fest zusammenpressen. Das fehlte noch, daß sie jetzt weinte. Sie hatte während ihres Krankenhausaufenthaltes nicht ein einziges Mal geweint. Nicht einmal nachts, wenn sie allein in ihrem Zimmer war.

»Ich weiß es nicht«, bekannte sie ehrlich. »Es wird eine Weile dauern, bis ich mich wieder freuen kann.«

Er nickte verständnisvoll, beugte sich vor und sah sie aus klugen Augen eindringlich an.

»Fräulein Krauss, Sie haben bei dem Autounfall ein solches Glück gehabt, daß man beinahe von einem Wunder sprechen kann. Sie hatten Blutergüsse und böse Schnittwunden im Gesicht, wir haben sie wunderbar wieder zusammengeflickt. Die Narben im Gesicht werden blasser werden, glauben Sie es mir.«

Sie nickte. Sie hatte sich äußerlich wieder vollkommen in der Gewalt. Aber er wußte sowieso, wie ihr zumute war. Dieser Mann schien Röntgenaugen zu besitzen.

»Ich weiß, daß die Narben gerade bei Ihrem Beruf sehr störend sind.«

Sie verzog spöttisch den gut geschnittenen Mund.

»Störend ist ein wenig untertrieben, Herr Doktor. Niemand will ein Mannequin mit einem entstellten Gesicht auf dem Laufsteg sehen. Das wissen Sie so gut wie ich. Ich mache mir da nichts vor. Meinen Beruf habe ich schon abgeschrieben. Ich graule mich ja selbst, wenn ich meinem Spiegelbild begegne. Nein, bitte, Doktor, hören Sie auf, mir Trostworte zu sagen. Warum haben Sie mich hergebeten?«

»Man kann mit Puder und Hilfsmitteln viel vertuschen, das wissen Sie doch viel besser als ich. Aber ich wollte etwas mit Ihnen besprechen. Bevor ich Sie entlasse, möchte ich, daß Sie mit einem Kollegen sprechen. Dr. Körner ist ein hervorragender Arzt, ich habe Ihnen den Besuch bei ihm schon häufig nahe gelegt. Er ist Psychologe. Ganz sicher wird er Ihnen helfen können. Ich weiß doch, daß Sie noch immer unter den quälenden Träumen leiden.«

Einen Moment schloß sie die Augen, öffnete sie aber gleich wieder. Sie spürte, daß Dr. Egger sie ansah, aber sein Blick holte sie nicht in die Wirklichkeit zurück. Sie war von der Macht der Erinnerung gefaßt. Sie saß wieder neben Rüdiger im Auto. Sie sah die regennasse Straße, über die die hohen Platanen ihre Schatten warfen. Sie hörte sich wieder rufen: »Fahr doch nicht so schnell, Rüdiger. Warum rast du denn so?« Und dann seine empörte, ungeduldige Stimme:

»Seit wann bist du hysterisch? Ich rase nicht. Hier darf man 100 fahren, ich fahre nicht einmal 90. Meinst du, ich habe Lust, noch einmal zu spät zu kommen?Du weißt, wie wichtig die Einladung bei Bauer für mich ist. Aber mit dir kann man einfach nicht pünktlich sein.«

Antworten konnte sie nicht. Sie sah noch immer den Wagen, der auf sie zukam, sah die grellen Lichter, die wie Raubtieraugen auf sie zuschossen, sie hörte sich schreien. Und dann nichts mehr.

Egger ließ sie nicht aus den Augen. Er hatte diese junge Dame einmal auf dem Laufsteg gesehen. Sie war das Starmannequin bei »Eleganz« gewesen. Die junge Dame, bei der die Herren Schlange standen.

Ihre Figur war noch immer makellos. Aber das einstmals so bezaubernde Gesicht war entstellt, entstellt von einer breiten roten Narbe und einer kleinen, die quer über die Stirn lief. Es war nicht mehr das schöne, ebenmäßige Gesicht, das Maler anregte, zu ihrem Stift zu greifen. Es war ein gezeichnetes Gesicht. Er hatte selbst gesehen, daß Menschen sich schaudernd abwandten.

Sie holte tief Atem, strich über ihre Stirn, als wollte sie die Erinnerung verscheuchen.

»Ich brauche keinen Seelenarzt, bitte, akzeptieren Sie das doch, Herr Dr. Egger. Zum Glück ist mein gesunder Verstand nicht angegriffen.«