Manhattan 2058 - Die komplette Serie - Dan Adams - E-Book
Beschreibung

In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - der SF-Thriller "Manhattan 2058"! Alle Folgen der sechsteiligen Miniserie jetzt in einem Sammelband. eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:860


Impressum

beBEYOND Originalausgabe »be« - Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln Textredaktion: Jan Wielpütz Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach Covergestaltung: Miriam Verlinden / Guter Punkt, München unter Verwendung von Motiven © ivanmollov/Adobestock eBook-Erstellung: readbox publishing GmbH, Dortmund ISBN: 978-3-7325-7731-6

Über diese eBox

Dan AdamsManhattan 2058 - Folge 1In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! ÜBER DIESE FOLGE: Tyra Kane, Anführerin der Rebellengruppe Phoenix Rising, plant einen Anschlag auf die Zentrale der Black Guard. Der Geheimdienst hält eine Frau gefangen, in deren Unterbewusstsein wichtige Informationen des Widerstands versteckt sind. Sergeant Mike Quillan von der Staten Island Flying Patrol wird hinzugezogen, um diesen Plan zu vereiteln. Er will nichts mehr, als Tyra Kane zur Strecke zu bringen. Doch durch einen unglücklichen Alleingang gefährdet er nicht nur die Mission - er wird noch dazu suspendiert und ins dreckige und gefährliche Manhattan versetzt. Und was er dort sieht, bringt sein Weltbild ins Wanken ... eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.Jetzt lesen
Manhattan 2058 - Folge 2Die Widerstandskämpferin Tyra Kane ist auf der Flucht - nicht nur vor der Black Guard, sondern auch vor den Ghulen: degenerierte, menschenfressende Mutanten, die in den düsteren Straßenschluchten Manhattans auf die Jagd gehen. Doch dann bekommt sie plötzlich unerwartete Hilfe ... Währenddessen sucht Mike Quillan immer noch seinen Platz beim Department for Special Operations. Zusammen mit seiner neuen Kollegin Liberty untersucht er Morde, die anscheinend von Ghulen begangen wurden. Und eines der Mordopfer birgt ein Geheimnis, das Mike zutiefst erschüttert ... ÜBER DIE SERIE: In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.Jetzt lesen
Manhattan 2058 - Folge 3Mike geht den Spuren des ermordeten Privatdetektivs nach. Währenddessen überlässt Tyra die Gangster Plata und Kizuato sich selbst, um ihre Kontaktperson in Hell's Kitchen zu erreichen. Die Zeit drängt - es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Black Guard Rynns Geheimnisse entschlüsselt. Doch Dominic Francis, Leiter des Geheimdienstes, hat noch ganz andere Probleme - und zwar mit den Ghulen ... ÜBER DIE SERIE: In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.Jetzt lesen
Manhattan 2058 - Folge 4Tyra erreicht endlich ihre Kontaktperson Lillith - doch kann sie ihr noch vertrauen? Auch Mike muss sich erneut fragen, wer seine wahren Feinde sind, als er eine schockierende Entdeckung macht ... Zur gleichen Zeit fürchtet Marrot Sida, der Anführer der Ghule, dass der Rückhalt unter seinen Leuten bröckelt - und auch von Kizuato droht ihm Gefahr. ÜBER DIE SERIE: In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.Jetzt lesen
Manhattan 2058 - Folge 5Tyra hat den Verräter in ihren Reihen gestellt. Doch die Uhr tickt: Bald wird die Black Guard die Geheimnisse in Rynns Unterbewusstsein entschlüsseln! Tyra greift zu verzweifelten Mitteln. Währenddessen hat Liberty eine unerwartete Begegnung mit ihrer Vergangenheit. Und unter den Ghulen droht ein Aufstand auszubrechen, sollten sie nicht endlich das versprochene Heilmittel erhalten ... ÜBER DIE SERIE: In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.Jetzt lesen
Manhattan 2058 - Folge 6Nach dem Desaster im Bradbury Hotel ist die Black Guard Tyra und Mike erneut auf der Spur. Währenddessen tauchen immer mehr Beweise für das Komplott auf, in das der Geheimdienst verwickelt ist. In einer radikalen Aktion riegelt die Black Guard ganz New York ab - können Mike, Liberty und Tyra lange genug überleben, um die Welt über den wahnsinnigen Plan zu informieren? Der Showdown des actionreichen SF-Thrillers "Manhattan 2058"! ÜBER DIE SERIE: In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Manhattan 2058 – Die Serie

Über diese Folge

Über den Autor

Titel

Impressum

Prolog

1

2

3

4

5

6

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9

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Manhattan 2058 – Die Serie

In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung … doch wer ist der wahre Feind?

New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert.

Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere – und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt …

Action garantiert – die SF-Thriller-Serie »Manhattan 2058«!

Über diese Folge

Tyra Kane, Anführerin der Rebellengruppe Phoenix Rising, plant einen Anschlag auf die Zentrale der Black Guard. Der Geheimdienst hält eine Frau gefangen, in deren Unterbewusstsein wichtige Informationen des Widerstands versteckt sind.

Sergeant Mike Quillan von der Staten Island Flying Patrol wird hinzugezogen, um diesen Plan zu vereiteln. Er will nichts mehr, als Tyra Kane zur Strecke zu bringen. Doch durch einen unglücklichen Alleingang gefährdet er nicht nur die Mission – er wird noch dazu suspendiert und ins dreckige und gefährliche Manhattan versetzt. Und was er dort sieht, bringt sein Weltbild ins Wanken …

Über den Autor

Dan Adams ist das Pseudonym von Jürgen Bärbig, geboren 1971. Er war Stipendiat der Bastei Lübbe Academy und nahm 2014 an der einjährigen Masterclass teil. Für Bastei Lübbe schrieb er zuletzt die spannende Western-Serie »Three Oaks«. Mit dem actionreichen SF-Thriller »Manhattan 2058« entwirft er ein düsteres, packendes Szenario der nahen Zukunft.

Folge 1AM ABGRUND

Prolog

»Aufzeichnung gestartet. Bitte sprechen Sie«, sagte eine weibliche Computerstimme. Ein Mann seufzte hörbar. »Wo soll ich anfangen?«, fragte er in die Stille hinein. Seine Stimme klang alt und rau. »Okay, legen wir los. Ich bin in Toronto. Wir haben jetzt Januar 2058, draußen schneit es. Mein Name ist Marsh. Nicht, dass das etwas zur Sache tut – aber ich will über die Geschichte unserer Zeit sprechen, so, wie ich sie erlebt habe, und nicht so, wie die Politik und die Medien es uns glauben machen wollen. Leider habe ich nicht viel Zeit, denn sie haben herausgefunden, wo ich bin, und sie werden kommen, um mich zu holen.

Was soll ich sagen?

Alles endet mal.

Wenn etwas so richtig schiefläuft, suchen wir die Schuld gerne bei anderen. Aber dieses Mal können wir das nicht, denn wir haben es verbockt, die Menschheit, meine ich.

Wir haben den Klimawandel nicht aufhalten können, trotz vieler Phrasen und gutem Willen haben wir zu wenig getan. Die Pole sind geschmolzen, der Meeresspiegel ist weltweit gestiegen und hat erst für eine schleichende Entvölkerung der Küstengebiete gesorgt, bis irgendwann eine regelrechte Völkerwanderung einsetzte. Auf dem bewohnbaren Land wurde es eng, aber anscheinend nicht eng genug, denn inzwischen leben über elf Milliarden Menschen auf der Erde. Wir werden immer mehr, daran ändert auch das Massensterben nichts, das jährlich weiterhin Millionen Menschen dahinrafft. Das sind die Folgen von verheerenden Dürren und dem Wassermangel – es gibt entweder gar kein Wasser oder zumindest kein sauberes. Deswegen kam es überall auf der Welt zu Bürgerkriegen. Ihnen folgte eine weltweite Finanzkrise, viele Banken und Firmen gingen pleite.

Die meisten Regierungen sind unter diesen Krisen zusammengebrochen und haben sich bis jetzt nicht wieder davon erholt. Wer aus diesem ganzen Schlamassel etwas retten wollte, musste nur skrupellos genug sein und sich schnappen, was er konnte. Es war die Geburtsstunde der Megakonzerne, diesem Pack. Ich kann sie nicht ausstehen. Sie sind dafür verantwortlich, dass die Schere zwischen Arm und Reich inzwischen so weit auseinanderklafft, dass keine Annäherung mehr möglich ist. Unsere Städte sind heute in Sektoren eingeteilt, die dem Einkommen der Bewohner entsprechen. Staatlich verordnete Diskriminierung, nenne ich das. Sag mir, was du verdienst, und ich sag dir, wo du stehst. Am wenigsten zu lachen haben die Armen und Ausgestoßenen. Die müssen sich in Slums und Elendsvierteln zusammendrängen und können froh sein, wenn sie irgendein armseliges Dach über dem Kopf haben. Und die Reichen, die führen ein Leben im Luxus, in ihren High Security Areas, abgeschottet vom Rest der Welt. Diese Ignoranten glauben, wenn sie es nicht sehen oder nicht hören können, dann existiert es auch nicht. Staten Island in New York ist ein Paradebeispiel. Um sich vor dem Pöbel zu schützen, unterhalten die Leute dort sogar eigene Polizeieinheiten.«

Es entstand eine kurze Pause, in der man Marsh etwas trinken hörte, ehe er weitersprach.

»Okay, kommen wir zu Präsident Rodgers. Er kam aus Texas, ein echter Kriegstreiber, der mit einer Knarre unter dem Kopfkissen schlief, kein Witz. Im Jahr 2035, genau genommen am 22. Juni, verlor er vollends den Verstand und befahl einen präventiven Atomschlag gegen Nordkorea. Das hat nicht nur Millionen von Menschenleben gekostet, nein, es sorgte auch für den Bruch des Allianzvertrages von Berlin zwischen den USA, Russland, Südkorea, Japan, China und der Indischen Union, was die Welt an den Rand des dritten Weltkriegs brachte. Glück für uns, dass wenigstens die Kanadier die Nerven behielten und vermittelten. Nur denen ist es zu verdanken, dass wir uns nicht selbst in die Steinzeit zurückgebombt haben.

Aber trotzdem, die Karre war in den Dreck gefahren. Was man bis dahin noch als fragile Ordnung bezeichnen konnte, war zerbrochen. Keiner vertraute mehr dem anderen. Was dann kam, war abzusehen: gegenseitige Spionage und Sabotage. Das gipfelte im Cyberkrieg von 2044, was die technische Entwicklung um Jahre zurückwarf. Intelligente, lernende Computerviren, die sich eigenständig reproduzierten, befielen den Cyberspace und verseuchten ihn.

Bis heute ist es nicht gelungen, ihrer Herr zu werden. Sicherheit ist zwar möglich, aber extrem teuer. So etwas können sich nur wenige Menschen leisten, daher greifen viele für die Überbringung von wichtigen Daten inzwischen auf Lowtech zurück. Bei manchen ist sogar Briefe schreiben wieder in Mode.«

Marsh machte eine erneute Pause, trank und goss sich dann Wasser nach.

»Kommen wir zu Rodgers Nachfolger, dem amtierenden US-Präsidenten Harper Stoddard, auch so ein Arschloch. Er selbst bezeichnet seinen Regierungsstil gern als ›Präsidentschaft der harten Hand‹. Damit hat er sich schnell Feinde gemacht. Besonders die Weststaaten hassen ihn wie die Pest. Seit über zwanzig Jahren bekommen sie die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zu spüren. In dieser Zeit gab es vier große Dürreperioden, die erste von 2031 bis 2033, die zweite von 2035 bis 2037, die dritte von 2039 bis 2044, und die letzte dauert seit 2046 an. Zwölf Jahre sind das jetzt. Und alles, was Stoddard einfiel, um dem wachsenden Flüchtlingsstrom zu begegnen, war, den Bau einer Grenzanlage anzuordnen, die das Land seit 2052 von Nord nach Süd teilt. Verständlicherweise führte das zuerst zu Protesten, dann zu Unruhen und schließlich zum offenen Bruch zwischen den West- und Oststaaten der USA.

Zwar unterstützen nicht alle aus dem Osten Stoddards Politik, aber er lässt sich in seinem Kurs nicht beirren. Opposition wird gleich im Keim erstickt. Unabhängiger Journalismus findet nicht statt. Die Nachrichten senden nur das, was die Zensurabteilung des Weißen Hauses genehmigt.

Um seine Macht zu sichern, bedient er sich der Dienste der Black Guard. Ein Deutscher, Henry Berlitz, hat sie gegründet und aufgebaut. Die Agenten dieser Behörde sind allen anderen Polizeibehörden übergeordnet und operieren landesweit.

Stoddards unnachgiebige Haltung im Umgang mit den Weststaaten, hat alle Bemühungen um eine friedliche Lösung des Konflikts zunichtegemacht – als hätte es nicht schon genug Tote gegeben, liegt nun auch noch der drohende Schatten eines Bürgerkriegs über dem Land.

Was die Zukunft anbelangt, sehe ich schwarz.

Aber okay, mir wird das dann alles egal sein.

Das war’s. Ich höre sie kommen. Egal, wer das hier hört: Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Leben. Genießen Sie es!«

Eine Pistole wurde entsichert, ein Schuss fiel, und ein schwerer Körper stürzte zu Boden.

1

New York, 2058

Eine gewaltige Glaskuppel überspannte den neuen Terminal des Trump-Kennedy-Airports. Manche nannten die Kuppel ehrfurchtsvoll den Glassdome, andere betitelten sie weniger schmeichelhaft als Discokugel, da die Scheinwerferbeleuchtung in der Nacht sehr an eine solche erinnerte.

Vor dem Haupteingang standen zwei Statuen. Die eine war dezent und zeigte einen smart lächelnden JFK. Die andere hingegen war protzig. Sie stellte den fünfundvierzigsten Präsidenten der USA dar: Donald Trump. Er hatte die Arme ausgestreckt und reckte die Daumen in die Luft.

Die Menschen, die beständig in das Gebäude hinein- und hinausströmten, achteten nicht darauf. Sie blickten im Gehen auf die Comwatches an ihren Handgelenken oder eilten zu den Hovertaxis, von denen unzählige auf dem Platz vor dem Gebäude auf Kundschaft warteten. Dabei vermischte sich das Summen, das von den Schwebeaggregaten der Hovertaxis ausging, mit dem ununterbrochenen Stimmengewirr zu einem unverständlichen Brummen.

Dazu lautes Hupen, das Pfeifen der elektrisch betriebenen Gepäckwagen, das Heulen von Sirenen und die Anweisungen der Airport Police, die aus den Lautsprechern schallten. Auf großen Monitoren, die an den Wänden und über den Durchgängen hingen, liefen Werbung und Nachrichtensendungen von der Ostküste: ein nahender Sturm über dem Atlantik, Sportergebnisse, Börsennews. Die Hersteller von Lowtech-Speichermedien hatten wieder Rekordumsätze gemacht. Niemand im Terminal nahm davon Notiz.

Überall hingen Überwachungskameras, und an jedem Eingang standen Bodyscanner. Der Glassdome glich einer gut bewachten Festung.

Ein Hovertaxi hielt vor dem Eingang zu Gate 2.

Eine Frau stieg aus und bezahlte den Fahrer mit dem Konto auf ihrer Comwatch. Dazu drückte sie ihren Daumen auf das Display und rief das Konto der Bank of Toronto auf. Fünfzehn East Dollar wurden abgebucht – der Expressway vom Financial District zum Airport war der schnellste und sicherste, aber auch der teuerste Weg, um New York zu verlassen. Die Hecktür schloss automatisch, und die Frau ging auf den Eingang des Terminals zu. Außer einer Handtasche und einem kleinen Rollkoffer besaß sie kein Gepäck. Sie war um die dreißig, sah aber jünger aus und war äußerst gepflegt. Ein fruchtiger Duft umgab sie. Der nachtblaue Hosenanzug und der knielange beigefarbene Mantel sahen teuer aus. Ihr blondes Haar war kurz. Und außer einem Paar silberner Ohrringe trug sie keinen Schmuck.

Hinter der Drehtür folgte gleich die verspiegelte Schleuse eines Bodyscanners, an dessen Ende ein Terminal stand, hinter dem zwei Sicherheitsbeamte saßen. Vor ihr standen ein halbes Dutzend weitere Passagiere, die auf ihre Abfertigung warteten.

Kaum hatte die Frau den Scannerbereich betreten, wurde sie von einem schwachen Lichtstreifen erfasst, der sie von Kopf bis Fuß abtastete. Das Gleiche geschah daraufhin mit ihrem Gepäck.

Sie musste sich ein paar Minuten gedulden, bis sie endlich an die Reihe kam. Einer der Sicherheitsbeamten winkte sie heran, während der andere konzentriert auf den Monitor starrte.

»Guten Morgen«, sagte sie, aber der Beamte nickte nur wortlos und deutete auf eine kreisrunde Öffnung auf der Vorderseite des Terminals. Sie schob die Hand mit der Comwatch hinein. Es wurde kurz hell, und aus der Öffnung fiel ein Lichtstrahl. Ein leises Sirren war zu hören, als das Lesegerät rotierte. Der Beamte prüfte ihre Daten und sah dann auf. »Miss Sandra Deeks«, sagte er gedehnt. »Was war der Grund Ihres Besuchs in New York?«

»Geschäfte. Ich vertrete Daryll & Peters. Damenkosmetik. Ich habe unseren Partnern unsere neue Produktpalette vorgestellt.«

»Hm.« Ihr Gegenüber nickte, schien ihr aber nicht zugehört zu haben.

Sandra wurde unruhig, ein mulmiges Gefühl zog ihr den Magen zusammen. »Gibt es irgendein Problem?«

Der Beamte überhörte ihre Frage, stand auf und verließ seinen Platz, um hinter einen Tisch zu treten. »Bitte öffnen Sie Ihr Gepäck!«

»Aber das haben Sie doch gerade gescannt. Ist das denn jetzt unbedingt nötig?«

»Es wird nicht lange dauern. Reine Routine.«

»Aber ich werde meinen Flug nach Toronto verpassen«, sagte sie aufgebracht.

Er lächelte kalt, erwiderte nichts und zeigte mit einer fordernden Geste auf ihren Rollkoffer.

Mit einem Seufzer kam sie der Anweisung nach.

Während er ihren Koffer durchwühlte und dabei Unterwäsche, Wechselkleidung und ein Probenköfferchen mit verschiedenen Rouges, Cremes und Lippenstiften mit Leuchteffekt zutage förderte, fragte er: »Wie lange waren Sie in der Stadt?«

»Nur drei Tage.« Sie knibbelte an ihren Fingernägeln.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte der Beamte misstrauisch.

»Nein, es ist alles in Ordnung. Ich habe es nur eilig.«

Das schien ihn nicht zu kümmern und nur darin zu bestärken, ihr Gepäck noch gründlicher zu durchsuchen.

Als er nichts fand, war ihre Handtasche dran. Sandra blickte auf ihre Comwatch. »Bitte, ich bin wirklich spät dran.«

Der Beamte zuckte gleichgültig die Schultern.

Plötzlich hatte Sandra das Gefühl, dass jemand ganz dicht hinter ihr stand und sie anstarrte. Einen Moment lang trotzte sie dem Drang, sich umzudrehen, bevor sie ihm widerstrebend nachgab.

Sie hatte sich nicht geirrt und trotzdem erschrak sie. Zwei Männer in schwarzer Uniform waren unbemerkt an sie herangetreten. Ihre Gesichter lagen hinter mattschwarzen Visierhelmen. Auf ihren Brustpanzern trugen sie ein Abzeichen: einen weißen, aufgerichteten Greif.

Sandra erschrak. Das waren Soldaten der Black Guard. Einer der Männer richtete seine Maschinenpistole auf den Boden zu ihren Füßen. Der Zweite hielt ein Hologramm-Foto neben ihr Gesicht, etwas unscharf, aber sie erkannte sich darin. »Das ist sie«, bestätigte er.

»Was wollen sie von mir?«

»Es ist nicht nötig, uns etwas vorzumachen. Wir wissen genau, wer Sie sind, Rynn Rousseau.«

»Ich weiß nicht, wer das sein soll. Das muss eine Verwechslung sein. Mein Name ist Sandra Deeks.« Sie wich einen Schritt zurück. Sofort richtete der eine Mann die Waffe auf sie. »Die Black Guard irrt sich nie. Sie sind eine Terroristin. Sie sind verhaftet.«

2

Drei Wochen später

»… die Unterlassung, Westamerika in seinem Kampf gegen den Hunger und die Dürre auch weiter angemessen zu unterstützen, sei ein Verbrechen an der Menschlichkeit und könne so nicht länger hingenommen werden. Präsident Stoddard wies diese Vorwürfe vehement zurück und verwies darauf, dass er heute die Errichtung dreier neuer Auffanglager für Flüchtlinge aus den Weststaaten in Auftrag gegeben hat. Damit wird sich die Anzahl der Lager auf zwölf erhöhen, was weiteren fünfzigtausend Menschen Platz bietet. Der humanitären Hilfe zum Trotz ist es aber auch wieder zu Übergriffen in der Sicherheitszone an der Grenze gekommen, als sich ein Dutzend Illegaler einen Schusswechsel mit der Grenzpatrouille lieferten. Dabei kamen vier der Angreifer und ein Polizist ums Leben. Präsident Stoddard hat härtere Strafen für all jene angekündigt, die versuchen, illegal in die Oststaaten zu gelangen. Er will noch diese Woche einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen. Und jetzt erst zur Werbung, danach dann das Wetter …«

Mike Quillan schreckte aus dem Schlaf hoch und schlug die Augen auf. Die letzten Werbebilder für ein Erfrischungsgetränk flimmerten über den Bildschirm. Ein glückliches Paar, das sich in den Armen hielt, in den Sonnenuntergang blickte und sich mit einem zitronengelben Zeug in Flaschen zuprostete. Dazu sagte eine Stimme aus dem Off: »Immer kalt, immer frisch, auch ohne Eiswürfel. Frizzy-Dizzy, für einen coolen Tag … jeden Tag.«

»TV aus«, sagte Quillan schlaftrunken und mürrisch, ehe er sich aufsetzte, mit der Hand über das Gesicht fuhr und sich umsah. »Heute also wieder mal das Sofa«, murmelte er. Seit zwei Monaten schlief er kaum mehr als ein paar Stunden, manchmal auch gar nicht. Er hatte Albträume, die er nicht in den Griff bekam. Normalerweise wälzte er sich dann im Bett herum, dachte nach oder durchstreifte das nächtliche Staten Island ohne Ziel.

Quillan stöhnte. Jetzt, wo das TV-Panel nicht mehr plärrte, hörte er den Regen, der gegen die Fenster schlug. Davon bekam er Kopfschmerzen.

Sein Blick fiel auf den Couchtisch. Da standen noch die Überreste des Abendessens, echtes Tofu, das in irgendeiner Soße schwamm, die, nachdem sie abgekühlt war, die Farbe und die Konsistenz von Schlamm angenommen hatte. Der Geschmack war ganz in Ordnung gewesen, trotzdem hatte er nicht viel davon runtergekriegt. Daneben standen zwei benutzte Gläser mit Rotweinresten. Das erinnerte Quillan daran, dass er nicht alleine nach Hause gekommen war. Er hatte dieses Mädchen in der Bar aufgegabelt und mit zu sich genommen. Er hatte sich ablenken wollen, und Sex war immer gut, wenn man nicht nachdenken wollte. Doch es hatte nicht geklappt. Nach dem Essen und ihrem ersten Kuss hatte Quillan das Mädchen ziemlich rüde von sich geschoben und nach Hause geschickt. Er konnte es nicht, vielmehr er wollte es nicht. Sie war verständlicherweise sauer auf ihn gewesen, was ihm aber ziemlich egal war. Nachdem sie gegangen war, hatte er eine Schlaftablette genommen und war kurz darauf eingeschlafen. Wie so oft in letzter Zeit auf dem Sofa. Irgendwie war ihm sein Bett fremd geworden, seit Emilia tot war.

Er schluckte, sein Mund war trocken, und sein Hals kratzte. Nachdenklich trat er an eines der großen Fenster und sah hinaus. Staten Island, die Häuser, Straßen, Lichter, alles verschwamm im Regen. Nicht viel zu sehen vom »Paradies an der Ostküste«, wie die Werbung es gerne nannte.

Draußen an der Küste strahlten die Positionslichter der Bojen, und er sah Suchscheinwerfer, die von den Wachtürmen hinunter über das Wasser strichen. Patrouillenboote fuhren dicht an der Küste entlang, und Air Cs der Polizei patrouillierten in der Luft. Irgendwo dahinten stand Lady Liberty – im Regen war sie nicht mehr als ein heller, von Lampen angestrahlter Fleck. Und dahinter lagen Manhattan und der Rest von New York. Für Quillan eine unbekannte Welt, zu der er keinen Bezug mehr hatte, seit er mit seinen Eltern nach Staten Island gezogen war. Damals war er fünf gewesen. Sie hatten an der Eastside gewohnt. Dad hatte an New York nie ein gutes Haar gelassen, es immer als Drecksloch voller Immigranten beschimpft. Dagegen war Staten Island sein Paradies gewesen. Ein Ort, von dem man träumen konnte, den man aber nie erreichen würde. Aber sein Dad hatte sich geirrt. Er und Mom hatten die Kriterien erfüllt. Sie waren unbescholten, moralisch unbedenklich, schuldenfrei, dazu Republikaner, und Ingenieure für Hydrauliktechnik wurden gerade gebraucht.

Staten Island ist jetzt unsere Welt, hatte sein Dad nach dem Umzug oft gesagt. Er war nie mehr nach New York zurückgekehrt, nicht einmal für eine Stunde.

Aber nun hatte Quillan schmerzlich erkennen müssen, dass sich die Welt nicht auf ewig aussperren ließ. Irgendwo war sie durchgesickert und hatte sein perfektes Leben in Stücke geschlagen.

Er lehnte sich gegen eines der Fenster in seinem sechzig Quadratmeter großen Appartement, atmete auf das Glas und malte einen Smiley. Emilia hatte das immer gemacht, wenn er schlecht drauf war, und er hatte dann immer lachen müssen. Wenn er es jetzt versuchte, klappte es allerdings nicht mehr. Er fühlte sich immer noch furchtbar. Emilia fehlte ihm so sehr.

Die Kopfschmerzen wurden schlimmer. Quillan ging ins Bad. »Licht, fünfzig Prozent.«

Ein paar Lampen in der Decke sprangen an und tauchten den Raum in ein angenehm gelbes Licht. Er trat vor den Spiegel, stützte sich mit den Händen auf den Beckenrand und sah auf sein Spiegelbild. Sein dunkelblondes Haar war zerzaust, die grauen Augen starrten müde zurück, und er trug diesen angespannten Zug um die Mundwinkel, der einfach nicht mehr verschwinden wollte.

»Guten Morgen, Mike! Es ist zwei Uhr siebenunddreißig. Wünschen Sie eine Analyse ihrer Vitalfunktionen?«, sagte eine weibliche Computerstimme, die aus dem Spiegel kam. Sie klang leise und sehr angenehm. Ein paar Daten, Prozente und Diagramme erschienen in blassblauer Schrift auf dem Glas.

Quillan rieb sich die Augen. »Nein, nicht nötig. Ich weiß auch so, dass ich scheiße aussehe.«

»Bitte spezifiziere: scheiße aussehen.«

Quillan lächelte, ignorierte die Aufforderung aber. »Wasser, kalt, fünf Grad.«

Ein Strahl Wasser ergoss sich ins Waschbecken, bis es vollgelaufen war. Quillan tauchte das Gesicht ein und behielt es so lange unter Wasser, bis er keine Luft mehr bekam. Prustend kam er wieder hoch. Die Kälte belebte ihn. Die Kopfschmerzen wurden erträglicher.

Im Spiegelbild glaubte er, einen Schatten zu sehen. Emilias Schatten. Er wirbelte herum, aber da war niemand. Nur eines ihrer Businesskleider, die sie als Angestellte von LaMaar Bionetics hatte tragen müssen, hing an der Wand. Es war noch in Plastik verschweißt. Quillan hatte es aus der Reinigung geholt und ins Badezimmer gehängt – an dem Tag, als Emilia ermordet worden war. Er brachte es nicht fertig, das Kleid wegzuwerfen oder einfach nur in den Schrank zu hängen, wo er es nicht mehr sehen konnte. Mit einem Stöhnen kniff er die Augen zusammen. »Verdammt, du siehst schon Gespenster.«

»Mike, ich registriere einen ungewöhnlich hohen Stresspegel in Ihrer Stimme. Wünschen Sie ein Beruhigungsmittel?«

»Lass mich in Ruhe, Cis!«

»Ich versuche nur zu helfen.«

War sie jetzt etwa beleidigt? Schon hatte er ein schlechtes Gewissen. »Tut mir leid.«

»Es ist nicht nötig, sich zu entschuldigen, Mike. Trotzdem, danke!«

Quillan ging ins Wohnzimmer zurück und ließ sich auf die Couch fallen. Er musste sich beschäftigen, schlafen konnte er ohnehin nicht mehr. Von einer inneren Unruhe gepackt begann er, Teller und Gläser beiseitezuräumen. Es war wie ein Zwang, dem er sich nicht widersetzen konnte.

Er nahm seine Comwatch und legte sie auf den Tisch. »Fotodatei Emilia und Mike«, sagte er.

Die Comwatch projizierte Reihe um Reihe kleiner Fotodateien auf die Glasplatte des Tisches. Quillan suchte immer die gleichen Bilder aus. Er tippte mit dem Finger auf eines der Fotos und zog es mit einer Handbewegung so groß, dass es die Hälfte des Tisches bedeckte: er und Emilia beim Eislaufen. Quillan hatte vergessen, wo die Aufnahme entstanden war, aber er wusste noch ganz genau das Datum, denn es war der Tag gewesen, an dem sie ein Paar wurden. Er war hingefallen und lag auf dem Eis. Emilia hockte neben ihm, lachte und strahlte, während sie das Foto machte. Das war vor fünf Jahren gewesen.

Auf dem zweiten Bild standen sie am Fuß der Freiheitsstatue. Die Aufnahme war verwackelt. Emilia lachte, er hatte sie gekitzelt. Es war sein Lieblingsfoto, obwohl man so wenig darauf erkannte. Quillan musste schmunzeln, und gleichzeitig traf es ihn bis ins Herz. »Warum tust du dir das immer an? Idiot.« Er ließ sich zurückfallen und fuhr sich mit den Händen über die müden Augen. Als er sie wieder öffnete, fiel sein Blick auf die schwarzblaue Polizeiuniform der Staten Island Flying Patrol, die Dienstmarke – und seine Waffe. Er stand auf, um sie zu holen. Eine Kashima Mantis II, zehn Schuss, Halbautomatik, sechs Schuss Schockblockermunition in einem separaten Magazin. Sie roch nach Waffenöl und glänzte fabrikneu. Wenn man es genau nahm, war sie das auch. Außer auf dem Schießstand hatte Quillan die Waffe noch nie benutzt.

Er setzte sich und legte den Daumen in die Vertiefung am Schaft. Ein grünes Licht über dem Abzug leuchtete auf. »Waffe registriert. Sergeant Michael Quillan. Dienstnummer DSM 443.« Die Stimme klang künstlich, mechanisch, ganz anders als die von Cis.

Er betrachtete die Pistole. Ein paarmal hatte er schon darüber nachgedacht, sich umzubringen, es dann aber doch nicht getan. Sich einfach den Kopf wegschießen, das war feige. Aber was, wenn er es doch tat? Wer würde ihn schon vermissen? Er hatte keine Eltern mehr, Geschwister gab es nicht, und zu Emilias Familie hatte er den Kontakt abgebrochen. Er hatte den Anblick ihrer verzweifelten Gesichter nicht mehr ertragen können.

Vielleicht war Abtreten gar nicht so schwer?

Quillan drehte die Waffe in der Hand und richtete den Lauf auf seine Stirn. »Notabschaltung«, plärrte es gleich los.

Das grüne Licht verlosch sofort. Er spürte einen kalten Schauer, der ihm den Rücken herunterrann.

Die Comwatch piepte und riss ihn aus seinen trüben Gedanken. Das Hologramm seines Vorgesetzten erschien auf dem Display. Quillan wischte die Fotodateien beiseite und schaltete ein.

»Guten Morgen, Mike!«

»Captain Brady!«

»Habe ich Sie geweckt?«

»Nein, ich war wach.«

»Alles in Ordnung?«

»Ja, klar. Es geht mir gut.«

»Haben Sie etwas von Emilias Eltern …?«

»Captain«, fiel ihm Quillan ins Wort, »wäre es okay, wenn wir das Thema lassen würden?«

»Wie Sie meinen, Mike. Die Black Guard hat uns zu einer Luftraumüberwachung angefordert.«

»Und darum rufen Sie mich an? Mitten in der Nacht. Haben wir dafür nicht das Standardbriefing?«

»Das kommt noch … ich …« Brady sog die Luft ein. Quillan konnte ihm ansehen, wie schwer es ihm fiel, die richtigen Worte zu finden. Er beschloss, es ihm leicht zu machen. »Jetzt sagen Sie schon, Captain. Um was geht’s?«

»Die Sache ist kompliziert, und ich würde Sie nicht fragen, wenn es sich vermeiden ließe. Es geht um Phoenix Rising.«

Quillan schluckte. Die Bilder des brennenden Air Cs schoben sich vor sein inneres Auge. Emilias verkohlter Leichnam auf dem Fahrersitz. »Diese verfluchten Terroristen …« Seine Stimme zitterte. Er war jetzt hellwach.

»Wir sollen einen Gefangenentransport begleiten. Dabei werden wir uns im Hintergrund halten.«

»Okay, aber was hat das Ganze mit Phoenix Rising zu tun?«

»Denen geht es wohl um die Gefangene. Eine Frau, Rynn Rousseau. Sie muss denen ziemlich wichtig sein, und die Black Guard vermutet, dass sie einen Befreiungsversuch starten könnten.«

Quillan räusperte sich. »Was hat es denn mit dieser Rousseau auf sich?«

»Das haben die mir nicht gesagt.«

»Typisch.« Quillan verdrehte die Augen.

»Sie kennen doch das Spiel. Die Black Guard pfeift, wir springen«, kommentierte Brady resigniert.

Dann kniff er die Lippen zusammen und seufzte. »Um ehrlich zu sein: Eigentlich wollte ich Sie gar nicht dabeihaben, eben weil es um Phoenix Rising geht. Aber Phillips und Coslov sind ausgefallen, und mir fehlen Leute. Daher hoffe ich auf Ihren professionellen Umgang mit der Sache. In letzter Zeit waren Sie ziemlich durch den Wind.« Brady schüttelte den Kopf. »Na ja, wer wäre das nicht? Trotzdem. Kann ich mich auf Sie verlassen?«

Quillan winkte ab. »Schon gut. Ich krieg das hin.«

Brady legte die Stirn in Falten. Dann nickte er. »In Ordnung. Kommen Sie in die Zentrale! Es ist ein Code 1. Höchste Dringlichkeit.«

»Ja, Sir.« Quillan beendete das Gespräch.

In seinem Inneren brodelte es.

3

Die Sonne schimmerte fahl durch den Nebel, der den nächtlichen Regen abgelöst hatte und nun rund um Staten Island lag – ein Schattenspiel, hell und dunkel, durchbrochen von Lichtreflexen, wenn sich ein Sonnenstrahl auf den Glasfassaden der Wolkenkratzer brach.

Es war früh, gerade einmal sechs Uhr. In den auf Hochglanz polierten Magnetbahnen, die an langen Trassen durch die Stadt fuhren, befanden sich nur wenige Passagiere. Auf den Straßen der Princess Bay, dort, wo sich Firmen wie LaMaar Bionetics, Trona Datasystems und der Medienmogul Ty Gattler ihre Wolkenkratzer gebaut hatten, waren Reinigungsfahrzeuge unterwegs, die die Bordsteine mit heißem Dampf säuberten. Hier stand auch der Black Guard Tower, ein gewaltiger Bau aus Glas von einer Meile Höhe mit Außenaufzügen und acht kreisrunden Landeplattformen, die von Flugabwehrgeschützen bewacht wurden.

Einige private Air Cs rauschten in unterschiedlichen Flughöhen die Main Street entlang, wobei ihre von Brennstoffzellen befeuerten Turbinen nicht mehr Krach machten als ein starker Wind. Sie waren die neue Generation von Air Cars. Eleganter und schneller als ihre von Rotoren bewegten Vorgängermodelle aus den 2030er-Jahren.

Knapp über der Straße huschten gelbe Hovertaxis voran, dazwischen surrten leise Elektroautos. Verbrennungsmotoren waren in Staten Island verboten.

Überwachungsdrohnen mit elegant geschwungenen Chassis und flüsterleisen Rotoren surrten zwischen den Hochhäusern hindurch. Mit ihren Kameras überwachten sie Straßen und Plätze.

Eine junge Frau stand am Rand eines Parkdecks, sah auf die Stadt und rauchte. Eine Windbö spielte mit ihrem schwarzen Haar, das ihr bis auf die Schultern reichte. An ihrem linken Ohr hing ein silberner Ohrring, der sich in seiner Form perfekt an die Form ihrer Ohrmuschel anpasste. Das untere Ende bestand aus einem abgeflachten Kegel. Von dort aus bildeten zwei filigrane Drähte das Mittelstück, das in eine feine Spitze überging, die aus der oberen Windung ihres Ohrs herausstach.

Sie trug eine schwarzgraue Lederjacke, schwarze Handschuhe und eine enge schwarze Latexhose. Ihre schlanken, aber kräftigen Beine steckten in schweren Motorradstiefeln.

Sie sah auf das offene Gewässer der Lower Bay. Sie konnte es nicht sehen, aber da hinten, unterhalb von Brooklyn, lag Fort Tilden. Das Hochsicherheitsgefängnis der Black Guard. Von dort würde der Transporter kommen. Sie war nervös. Während sie den Qualm durch die Nase blies, schnippte sie die Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Ihre Hände zitterten, als sie sich gleich eine neue ansteckte.

»Hey, Tyra!«

Sie wandte sich dem Air C zu, das hinter ihr geparkt stand. Die Tür war offen.

Ein Mann saß auf dem Fahrersitz. Eine großkalibrige Pistole lugte in einem Halfter unter seiner linken Achsel hervor, nur mäßig hinter einer kurzen blauen Jacke verborgen. Er hatte die Augen halb geschlossen, trotzdem wusste Tyra, dass er sie ansah.

»Was ist denn, Jerry?«, fragte sie ungeduldig.

»Ob sie Rynn schon geknackt haben?«

»Bestimmt nicht. Einen Typ-A-Keeper knackt man nicht so leicht.« Sie hoffte, dass sie recht hatte.

»Dir ist schon klar: Wenn das hier schiefgeht, sind wir im Arsch.«

»Es wird nichts schiefgehen.« Sie zog an ihrer Zigarette, die sie sich in den Mundwinkel geklemmt hatte.

»Sag mir doch noch mal, warum wir unseren Hals riskieren.«

Tyra sah ihn verständnislos an. »Um Rynn rauszuholen.«

»Ja, das habe ich begriffen. Aber warum?«

»Na, weil sie eine von uns ist. Und weil sie Informationen hat, die für uns wichtig sein könnten.«

»Was denn für Informationen?«

»Weiß ich nicht.«

Das war Öl in Jerrys Feuer, und er schwang die Beine aus dem Air C. »Oh, das ist ja cool«, sagte er ironisch. »Wir legen uns mit der Black Guard an und wissen nicht mal, ob es sich lohnt?«

Tyra funkelte ihn wütend an. »Das hier ist ein freiwilliger Job. Du hättest ja nicht mitkommen müssen.«

»Und den ganzen Spaß hier verpassen? Um nichts in der Welt.« Jerry verschränkte die Hände im Nacken.

Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm, und seine Sticheleien ärgerten sie. Seit sie ihn hatte abblitzen lassen, machte er sich einen Spaß draus, ihre Autorität infrage zu stellen. »Weißt du was? Du kannst mich mal«, sagte Tyra.

»Gern, musst mir nur sagen, wann und wo.« Er grinste unverschämt. Sie zeigte ihm den Mittelfinger und wandte sich ab.

Jerrys Fragen hatten sie verunsichert. Nicht was das Ziel betraf, aber sie begann an ihrem Plan zu zweifeln. Es hatte alles sehr schnell gehen müssen. Sie hatten nicht einmal eine Woche Zeit gehabt, nachdem sie nach New York gekommen waren, und Tyra fürchtete, etwas übersehen zu haben.

Um überhaupt an Rynn heranzukommen, musste sie zuerst aus Fort Tilden verlegt werden. Um das zu erreichen, war Tyra in den Hauptrechner der Black Guard eingedrungen, hatte Firewalls geknackt und Wächtersoftware überlistet. Darin war sie gut. Sie war wie ein Geist gewesen und hatte keine Spuren hinterlassen. Doch das Warten zehrte an ihren Nerven, und sie musste an Rynn denken. Hatte sie wirklich standgehalten? Kein Siegel war gut genug, um es nicht doch irgendwann zu brechen. Vielleicht war das, was sie befreien wollten, inzwischen schon nicht mehr als eine leere, gebrochene Hülle.

»Schluss damit«, sagte Tyra leise zu sich selbst.

»Was?«, fragte Jerry.

»Nichts.« Entschlossen presste sie die Lippen zusammen. »Gib mir meine Tasche, und dann mach dich fertig.«

Jerry gehorchte. Sie nahm ihm die Tasche ab und holte einen faustgroßen Würfel heraus, den sie auf die Motorhaube stellte und der sich wie eine Lotosblüte öffnete, nachdem sie ihn sanft gedrückt hatte. Die Kanten leuchteten in einem blassen Blau und projizierten eine Tastatur auf die Motorhaube, die Windschutzscheibe wurde zum Display.

Tyras Finger flogen über die Buchstaben. Jede Taste leuchtete bei Berührung.

Nacheinander öffneten sich vier verschiedene Kameraansichten, die von den anderen vier Teams stammten. Zwei überwachten die Straße und zwei die Lower Bay.

»Was ist mit den Überwachungsdrohnen?«, fragte Jerry.

»Kümmere ich mich gerade drum.« Sie arbeitete konzentriert.

»Hier Team zwei«, klang es aus dem Mikrokopfhörer. »Habe Sichtkontakt mit drei Black-Guard-Transportern. Sie fliegen in einer Höhe von etwa dreißig Metern. Haben gerade Coney Island passiert.« Statisches Rauschen begleitete die Meldung.

»Hast wohl doch recht gehabt«, sagte Jerry grinsend.

Tyra beachtete ihn nicht. »Verstanden«, antwortete sie, während sich neue Fenster öffneten. Durch die Kameraaugen der Überwachungsdrohnen hatte sie einen grandiosen Blick auf die Straßen und Wolkenkratzer unter ihr. Neben den störungsfreien Bildern erschien eine Liste mit Flugdaten. Höhe, Kurs, Windrichtung, Sichtweite. Noch folgten die Drohnen der einprogrammierten Route.

»Wenn ich die geknackt habe, bleiben uns drei Minuten bis die merken, dass mit den Dingern was nicht stimmt.«

»Dann sollten wir nicht trödeln.« Jerry schlang sich den Gurt des Scharfschützengewehrs um den linken Unterarm. Dann sah er durch das Visier und justierte es auf eine Entfernung von zweihundert Metern. Er lud eine 30-mm-Patrone in die Kammer, die selbst Panzerglas durchschlagen konnte.

»Ich bin drin«, sagte Tyra. Sie hatte jetzt die Kontrolle über die Überwachungsdrohnen und gab ihnen andere Flugrouten. Noch ein Klick, und die neuen Befehle würden ausgeführt.

»Hier Team eins. Ziel nimmt südlichen Kurs. Sie folgen der Küste.«

»Verstanden. Sind eure Air Cs bereit?«

»Team drei. Alles klar.«

»Team vier. Bereit.«

»O. k. Ab jetzt Funkstille. Wartet auf mein Zeichen!«

»Wenn die unsere Blockade durchbrechen, sind sie weg«, sagte Jerry, ohne sie anzusehen.

»Dann dürfen sie die eben nicht durchbrechen. Sobald ich die Transporter gescannt habe, weiß ich, in welchem Rynn sitzt. Dann schießt ihr die anderen beiden ab, und wir holen uns den letzten.«

»Klingt ja wie ein Kinderspiel.«

»Du kannst dir deine scheiß Ironie sonst wohin stecken.«

Noch während sie sprach, spürte Tyra, wie ihr der Schweiß auf die Stirn trat und langsam in die Augenbrauen rann. Sie ignorierte es. »Los geht’s.« Sie tippte auf eine der Tasten und befahl die Drohnen auf eine andere Route.

»Ab jetzt drei Minuten«, sagte sie zu Jerry, der kurz nickte, »dann schlagen sie Alarm. Treffpunkt wie besprochen.«

»Okey dokey.«

Tyra raffte ihr Zeug zusammen, warf den Würfel auf den Beifahrersitz und klemmte sich hinter das Steuer. Das Surren der Turbinen wurde zum Pfeifen. Dann hob das bronzefarbene Air C ab, klappte die Reifen ein, schloss die Seitenabdeckungen und flog aus dem Parkhaus. In dreißig Metern Höhe ging die Maschine in den Parkmodus über und blieb schwebend in der Luft stehen. Die Wolkenkratzer gaben Deckung.

Tyra sah, wie die Transporter der Black Guard auf die Princess Street einschwenkten. Die Fenster waren schmal und verspiegelt. Auf dem mattschwarzen Lack war der weiße Greif gut sichtbar.

Tyra warf die Scanner an. Zunächst verzerrte sich das Bild und lief durch; in den Cockpitlautsprechern knackte und rauschte es. Erst als sie die Regler justierte und den ersten der Transporter ins Visier nahm, wurde das Bild klar.

Die Konstruktion des Fahrzeugs erschien wie ein Röntgenbild auf dem Monitor.

Vorne saßen zwei Personen. Im Fond zwei weitere. Das Bild zeigte, dass die Wachen im Fond mit Gewehren bewaffnet waren.

Tyra checkte den zweiten Transporter, bei dem sich ihr fast das gleiche Bild bot, mit dem Unterschied, dass nur eine Person auf dem Rücksitz saß.

Tyra schluckte, gleich war es so weit. Sie checkte den letzten Transporter. Wieder vier Personen.

Eilig zog sich Tyra eine schwarze Sturmhaube über den Kopf.

In dem Moment passierten die Maschinen ihre Position. Das dumpfe, bedrohlich tiefe Brummen der Triebwerke konnte sie selbst in ihrem abgeschotteten Cockpit spüren. Sie betätigte die Funktaste. »Zielperson im mittleren Wagen. Los geht’s.«

Wie aus dem Nichts tauchten zwei Air Cs auf und flogen den Transportern entgegen. Auf einem der benachbarten Dächer fiel ein Schuss, der grollend zwischen den Hochhäusern widerhallte. Ein Blitz und Funken spritzten, als die Kugel die gepanzerte Fahrerkabine des vorderen Transporters durchschlug. Die Maschine kippte zur Seite, hielt aber Höhe und Position.

Gleichzeitig öffneten sich die Fenster an den Air Cs.

Tyras Leute schossen mit Maschinenpistolen, die aber nicht viel ausrichteten. Wie wütende Bienen knallten die Kugeln auf die Panzerung und prallten jaulend daran ab.

Nun reagierten auch die Besatzungen der Black-Guard-Transporter. Der hintere scherte aus, während ein Maschinengewehr aus dem Rumpf des vorderen ausfuhr.

Tyra sah es. »Jerry!«, schrie sie ins Mikro. »Worauf wartest du? Verfluchte Scheiße, schieß endlich!«

Es knisterte im Kopfhörer. Jerry meldete sich. »Ich hab Ladehemmung!«

»Verdammt!« Tyra zog es schmerzhaft den Magen zusammen.

In dem Moment begann das Maschinengewehr des vorderen Transporters zu feuern. Die beiden Air Cs versuchten noch auszuweichen, indem sie Höhe gewannen – einem gelang es, dem anderen nicht. Der Beifahrer wurde von mehreren Kugeln getroffen und in den Sitz zurückgeworfen.

Tyra sah den Angriff scheitern, aber das durfte nicht sein.

Sie gab Vollgas und raste auf den zweiten Transporter zu. Der dritte hatte inzwischen seine Position verlassen, um auf das Scharfschützenteam Jagd zu machen.

»Jerry! Der Air T!«, brüllte Tyra aufgeregt in das Mikrofon. »Knall ihn ab!«

Überall Schüsse, der Lärm von jaulenden Triebwerken, das Sirren von Querschlägern.

»Jerry?!« Es knisterte in der Leitung. Tyra erhielt keine Antwort. Sie riss das Steuer herum und rammte den zweiten Transporter mit der Beifahrerseite. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der vordere Transporter das Feuer eingestellt hatte und zur Seite wegkippte. Sein Motor jaulte wie ein angeschossenes Tier. Dicker, öliger Qualm quoll aus der Motorhaube. Als Tyra genauer hinsah, erlebte sie allerdings eine böse Überraschung. Die Schiebetür an der Fahrerseite stand offen. Eine hochgewachsene Frau stand dort. Sie hatte den Kopf schräg gelegt und fixierte Tyra aus kalten goldenen Augen. Sie trug einen bodenlangen Mantel und war ganz in Schwarz gekleidet. Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke, und Tyra erkannte: Es war eine Falle; man hatte sie erwartet.

Die Frau mit den goldenen Augen riss eine MP hoch und feuerte. Tyra reagierte ebenso schnell und ließ das Air C zur Seite kippen. Ein halbes Dutzend Kugeln zerfetzten Kotflügel und Motorhaube. Sturzflug.

Die Maschine jagte an glänzenden Hochhausfassaden vorbei in die Tiefe, direkt auf die Straße zu. Kugeln sirrten vorbei und rissen den Asphalt auf.

»Abbruch!«, schrie Tyra ins Mikro. »An alle! Abbruch!«

Bevor sie auf dem Boden aufschlagen würde, riss sie die Maschine hoch. Die Turbinen pfiffen und fauchten. Das Air C touchierte ein geparktes Auto, verbeulte die Seite und riss den Spiegel ab. Der Einschlag war so hart, dass Tyra für einen Moment die Kontrolle verlor. Sie wurde im Sitz hin und her geschleudert. Der Gurt schnitt ihr schmerzhaft in die Brust. Sie rammte eine Mülltonne und einen öffentlichen Comterminal, der Funken sprühend aus der Verankerung gerissen wurde. Dann hatte sie das Fahrzeug wieder im Griff und raste voran.

Sie sah Passanten, die am Boden kauerten oder sich unter Vordächer und in Hauseingänge flüchteten.

»Jerry! Bob, Tyrone, meldet euch!« Tyras Stimme überschlug sich. »Lagebericht.«

Aus dem Kopfhörer kamen nur abgehackte Funksprüche, unterbrochen von Rauschen und Knistern.

Tränen der Wut stiegen Tyra in die Augen. Sie wischte sie weg und schlug die Hand aufs Lenkrad.

Plötzlich tauchten Lichter neben ihr auf. Ein Flackern von Rot und Blau. »Landen Sie!«, kam der barsche Befehl aus einem Lautsprecher.

Sie blickte zur Seite. Ein Police Air C schwebte neben ihr. Der Pilot sah zu ihr herüber und bedeutete ihr mit der Hand, dass sie landen sollte.

»Leck mich!« Tyra zeigte ihm den Mittelfinger und schob den Schubregler bis zum Anschlag nach vorne. Die Maschine jagte davon, das Polizeifahrzeug dicht hinter ihr. Drei weitere schlossen sich an.

Tyra erkannte, dass die Falle perfekt geplant gewesen war. Und sie hatte geglaubt, alles unter Kontrolle zu haben.

»Fuck, Fuck, Fuck!«

Das Lichtgewitter verfolgte sie. Sirenen heulten. »Ihr kriegt mich nicht, ihr Wichser!«, schrie sie, riss das Steuer herum, flog eine scharfe Kurve, um dann gleich hart nach oben zu lenken. Senkrechter Steigflug. Eine Warnleuchte blinkte rot: Die Turbinentemperatur erreichte kritische Werte.

»Warnung, Warnung, Maschinenausfall, Warnung, Warnung!«

»Halt die Schnauze!«, schrie Tyra gegen die Computerstimme an und drückte dabei das Steuer bis zum Anschlag nach vorne. Das Air C kippte auf der Stelle vornüber und raste zurück in Richtung Erde und knapp an einem Polizeifahrzeug vorbei.

Tyra schrie, das Blut stieg ihr in den Kopf. Ihr wurde schwindelig. Hinter ihr knallte es. Ein hastiger Blick auf die Instrumente. Weitere Anzeigen waren im Grenzbereich.

Im Rückspiegel sah sie ein Police Air C, dem Flammen aus den Turbinen schlugen. Die Maschine trudelte und schmierte ab.

Tyra hielt auf die Küste zu. Sie musste es über die Stadtgrenze von Staten Island schaffen, ohne dabei von den Küstenbatterien abgeschossen zu werden. Das alleine war schon ein Glücksspiel. Sollte sie es tatsächlich schaffen, musste sie anschließend das Air C loswerden, um dann irgendwie zu ihrem Kontaktmann nach Hell’s Kitchen zu gelangen.

Tyras Gedanken wurden unterbrochen. Der Motor fauchte laut; eine der Turbinen lief nicht mehr rund.

»Fehlfunktion, Fehlfunktion!«

Eine weitere Warnleuchte sprang an. »Turbinenschaden« meldete das Display. Noch bevor Tyra reagieren konnte, riss eines der Turbinenblätter ab und durchschlug das Chassis.

Geschmolzenes Plastik und verbogenes Metall flogen am Cockpit vorbei. Flammen schlugen aus dem Triebwerk vorne links.

Die Maschine kippte zur Seite.

Drei Air Cs der Staten Island Flying Patrol warteten im Schwebeflug auf ihren Einsatz.

Mike Quillan saß im dritten Fahrzeug. Er trommelte nervös mit den Fingern auf das Steuerrad. Sein Helm drückte, seine Panzerweste saß zu eng, die Luft im Cockpit roch stickig.

Phoenix Rising. Dieser Name war für ihn zum Inbegriff von allem geworden, was er verabscheute und hasste. Sie selbst sahen sich als Freiheitskämpfer und nannten sich hochtrabend Bewahrer der Demokratie. In Wirklichkeit waren sie Terroristen und Mörder. Quillan hasste sie, so sehr, wie er noch nie jemanden zuvor in seinem Leben gehasst hatte. Sie hatten zerstört, was er liebte.

Doch Brady hatte ihm das Versprechen abgenommen, professionell zu bleiben, und daran würde er sich auch halten. Das hatte er sich fest vorgenommen.

Der Funk in seinem Helm meldete sich mit einem leisen Piepton und lenkte ihn ab.

»Delta-Gruppe. Flüchtige Person in einem Air C, identifiziert als Tyra Kane, Infiltrationsspezialistin von Phoenix Rising und Nummer drei auf der Liste der meistgesuchten Terroristen. Fliegt auf dem West Shore Express Way Richtung Fresh Kills Park. Team Alpha hat bereits die Verfolgung aufgenommen. Blockieren Sie die mögliche Fluchtroute der Verdächtigen.« Sofort erschienen Koordinaten und ein vorberechnetes Flugdiagramm im Cockpitdisplay.

Der Staffelführer meldete sich. »Delta zwei und drei. V-Formation. Sobald das Ziel in Schussweite ist, benutzen wir E-Jammer, dann haben wir sie. Sergeant Quillan. Ich weiß von Captain Brady, dass er sie hier nur ungern dabeihat. Ich kenne den Grund. Daher ein Rat. Sie tun nur das, was ich Ihnen sage. Verstanden?«

»Ja, Sir«, sagte Quillan und dachte nur: Arschloch.

»Los!«, kam der knappe Befehl. Die drei Police Air Cs flogen aus der Deckung und blockierten den Luftraum. Aus dem Unterboden fuhren Geschütze aus. Blaue Funken und knisternde Blitze sprühten um die Läufe. Die Geschütze luden sich auf.

»E-Jammer online«, kam die Ansage aus dem Bordcomputer.

Im Cockpitglas erschien ein dreidimensionales Zielsystem, das über einen Joystick in der Fahrertür gesteuert werden konnte.

In vierhundert Metern Entfernung kam ihr Ziel in Sicht, das eine große schwarze Rauchfahne hinter sich herzog.

Das Zielsystem erfasste insgesamt sieben Fahrzeuge. Die Flüchtende und sechs Air Cs der Staten Island Police.

Blaulicht blitzte und spiegelte sich in der Verglasung der Bürogebäude. Sirenen schrillten.

»Bereithalten«, sagte der Staffelführer.

Quillan legte die Hand um den Joystick und den Daumen auf den Feuerknopf. Der E-Jammer hatte nur Energie für drei Schuss, einer davon musste sitzen – er würde die Elektronik von Tyra Kanes Maschine blockieren, und sie müssten die Flüchtige dann nur noch einsammeln.

Und wenn das nicht klappte, würde Quillan sie abschießen.

Tyra schwitzte fürchterlich. Rauch aus der brennenden Turbine quoll ins Cockpitinnere. Der Geruch von verbranntem Fett, Maschinenöl und verschmortem Plastik stach ihr in Nase und Augen. Sie musste eines der Fenster öffnen, um überhaupt atmen zu können.

Jedes Ausweichmanöver verlangte ihr und ihrer beschädigten Maschine alles ab. Sie biss die Zähne zusammen. Ihre Scanner zeigten drei weitere Air Cs gerade voraus, außerdem registrierten sie eine hohe Energiekonzentration.

»Oh Mist!«, entfuhr es Tyra.

Hochziehen konnte sie nicht mehr. Die drei verbliebenen Turbinen würden bei dem Versuch ausfallen. Sie liefen jetzt schon auf Höchstleistung und standen kurz vor dem Überhitzen.

Tyra hielt die Höhe, flog mit maximalem Schub auf die Sperre zu. Links von ihr kam eine Abzweigung in Sicht, die für ihr Air C eigentlich nicht breit genug war. Trotzdem zögerte sie nicht und raste darauf zu.

Sie hatte eine Idee.

Hundertachtzig, hundertfünfzig, hundertdreißig Meter. Die Anzeige auf dem Zieldisplay in Quillans Cockpitscheibe zählte runter. Die Maschine wurde größer. Hundert Meter. In dem Moment bremste das Air C von Tyra Kane abrupt ab und kam fast zum Stillstand; die Wolkenkratzer reflektierten das protestierende Kreischen der Triebwerke.

Quillan ahnte, was sie vorhatte. »Sie will durch die Gasse.«

»Feuer!«, rief der Staffelführer.

Im gleichen Moment kippte die flüchtige Maschine auf die Seite. Die E-Jammer schossen, verfehlten Kane aber, weil sie im selben Moment Vollgas gab und seitlich in die schmale Gasse jagte, die zwischen zwei Büroblöcken lag. Ohne nachzudenken, gab Quillan vollen Schub und folgte ihr.

»Sergeant Quillan, zurück in die Formation!«

Er antwortete nicht. Er durfte Kane nicht entkommen lassen.

»Sergeant, ich habe Ihnen einen Befehl …«

Quillan schaltete den Funk aus, legte seine Maschine ebenfalls auf die Seite und quetschte sie zwischen die Bürotürme. Er gab noch einen Schuss mit dem E-Jammer ab, aber in dieser Position, auf der Seite liegend, konnte er nicht richtig zielen und verfehlte das Ziel ein zweites Mal.

Das flüchtende Air C jagte aus der Gasse und Quillan direkt hinterher. Der Abstand betrug nun fünfzig Meter.

Die Einfahrt zum Brooklyn Express Tunnel lag vor ihnen. Blinkende Warnlichter hingen über einem Schild, auf dem Checkpoint One stand. Autos standen in einer langen Schlange an den schwer bewachten Schranken. Es war einfacher, aus Staten Island hinaus- als hineinzukommen. Quillan schmeckte Schweiß auf den Lippen. Die Anzeige des E-Jammers lud sich auf, war aber erst bei fünfzig Prozent. Quillan biss die Zähne zusammen, flog schneller und kam Kane noch ein Stück näher.

Tyra drückte ihr Air C nach unten. Vor ihr lag der Brooklyn Express Tunnel: Gelbe Lampen beleuchteten die Einfahrt. Sie glaubte die Maschine geradewegs in den Schlund eines Drachen zu steuern.

Sie flog jetzt so niedrig, dass sich die Leute auf der Straße zu Boden warfen oder die Köpfe einzogen.

Sie musste aus Staten Island raus. Über die offene Bucht würde sie es nicht schaffen, da war sie ein leichtes Ziel.

Plötzlich knallte etwas gegen den Rumpf. Tyra sah Lichtblitze. Die Posten an den Checkpoints hatten das Feuer auf sie eröffnet. Andere rannten zu zwei Flugabwehrgeschützen, die auf der Einfahrt zum Tunnel montiert waren.

»Das ist nicht fair!«, schrie sie und riss das Steuer hoch. Sie drehte ab, weg vom Tunnel und an der Küstenstraße entlang in Richtung Narrows.

Der verfluchte Bulle hatte sie eingeholt und ging nun längsseits.

Tyra schnappte sich ihre Automatik und schoss.

Quillan sah nur kurz, wie Kane ihre Waffe hob, dann schlug die Salve auch schon in seiner Beifahrertür ein. Zu seinem Glück war das Air C gepanzert. Mit einem Fluch auf den Lippen rammte er Kane. Metall und Kunststoff rieben sich aneinander. Zierblenden rissen ab. Kotflügel verbogen sich. Schlimmer aber war, dass der E-Jammer etwas abbekam und ausfiel. Auch das leichte Bordgeschütz ließ sich nicht mehr ausfahren. »Verdammtes Schrottding!« Quillan schlug mit der Faust gegen die Seitenscheibe.

Tyra drückte die Nase der Maschine nach unten und entkam dem nächsten Rammversuch. Sie flog nun so knapp über dem Meer, dass die Turbinen Wasser aufwirbelten.

Sie sah nach oben. Das Police Air C, war nun direkt über ihr und ging tiefer. »Der ist verrückt. Der bringt uns beide um!«

Sie flog nach links, zurück nach Staten Island, noch bevor sie die Narrows Bridge erreichte. Der Cop ließ sich nicht abschütteln. »Scheißkerl.«

Tyra jagte die Triebwerke in den roten Bereich und kam unter dem Police Air C weg. Doch der Cop tat es ihr gleich, beschleunigte ebenfalls und rammte sie von hinten.

In dem Moment tauchte vor ihr einer der Black-Guard-Transporter auf, und sie erkannte die Frau mit den goldenen Augen.

Sie stand festgeschnallt in der offenen Tür und zielte mit einem schweren Sturmgewehr auf sie.

Tyra konnte ausweichen. Die Salve jagte knapp am Cockpit vorbei.

Der Cop war nun rechts von ihr.

Tyra erkannte ihre Chance – klappte es nicht, war sie tot.

Heißer Dampf wirbelte in Spiralen hinter ihrem Air C her, als sie das Steuer herumriss und mit voller Wucht in ihren Gegner krachte. Beide Flugmaschinen verkeilten sich ineinander und rasten gemeinsam auf den Black-Guard- Transporter zu.

Der Einschlag war so heftig, dass Quillan mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe knallte. Der Pilot des Black-Guard-Transporters versuchte noch auszuweichen, aber es war zu spät. Quillan touchierte das Heck des Transporters, der in Richtung Expressway abstürzte.

Quillans Air C überschlug sich in der Luft und raste in die zwölfte Etage eines Bürogebäudes. Die Fenster zerbarsten. Tische, Computer, Stühle, alles flog herum.

Eine Leiter knallte auf das Cockpit. Farbeimer zerplatzten wie Wasserballons. Plastikplanen wurden von den wirbelnden Turbinen eingesogen, was ein flatterndes Geräusch machte und dann zu einem dumpfen Knall führte.

Quillan wurde nach vorne in den Sicherheitsgurt geschleudert, und das Steuer verstauchte ihm das Handgelenk. Die Front seines Air Cs riss ab, alles wirbelte und drehte sich.

Er fühlte, dass etwas in seinem Körper zerbrach, und ihm wurde schwarz vor Augen. In einem letzten klaren Moment sah er, dass er auf einen mannsgroßen Taffy Timber Bear zuraste. Das flauschige Maskottchen von Bakerman Medics – Ritalinflocken für Kinder.

4

Die Zelle war klein, nicht mehr als fünf Quadratmeter. Es gab eine Pritsche, einen Tisch, einen Stuhl, einen Schrank und eine Toilette. An der Decke hing eine Überwachungskamera, die Sandra Deeks zu jeder Stunde beobachtete. Nicht einmal, wenn sie auf die Toilette musste, war sie für sich.

Jetzt hockte sie auf der Pritsche, hatte die Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. Sie trug eine Art schwarzen Schlafanzug mit der Nummer A22D auf der Brust, dazu dünne Sandalen. Sie hatte nichts, um sich abzulenken, nur ihre Gedanken und ihre Angst. Sie hatte aufgehört, zu weinen und zu fragen, warum man sie hergebracht hatte. Niemand sagte ihr etwas, dafür musste sie unzählige Fragen beantworten. Doktor Davis tat immer so, als wäre er ihr Freund, als wollte er ihr helfen. Dabei sprach er mit ihr, als wäre sie ein Kind oder schwachsinnig. Bevor er mit seiner täglichen Behandlung begann, spritzte er ihr etwas, das sie schläfrig machte. Dann zeigte er ihr Bilder von Tieren, Menschen, Orten, Dingen. Dabei scannte er ihren Kopf. Sandra verstand nicht, was das sollte, sie verkaufte doch nur Damenkosmetik.

Irgendwann, nachdem sie eine unendlich lange Zeit regungslos dagesessen und nachgedacht hatte, hob sie den Kopf und starrte in das Auge der Überwachungskamera.

»Sie ist wirklich hübsch«, sagte einer der Wärter, der sich lässig in seinem Stuhl rekelte und Sandra auf dem Monitor beobachtete.

»Stimmt«, antwortete sein Kollege beiläufig, während er sich weiter mit den Eintragungen auf seinem Lightpad beschäftigte.

»Und sie ist wirklich ein Typ-A-Keeper?«

»Hat der Boss zumindest gesagt.«

»Dann weiß sie gar nichts?«

Der andere spielte einen Moment mit dem Button, der das Display des Lightpads projizierte, ehe er ihn auf den Tisch legte. Dann nahm er seine Tasse Tee, der inzwischen kalt geworden war, und setzte sich. »Sie weiß alles und auch wieder nichts.«

»Das versteh ich nicht.«

»Ich weiß auch nicht so genau, wie das funktioniert. Hat irgendwas mit dem Unterbewusstsein zu tun«, antwortete der zweite Wärter abwesend und sah in seine Tasse. »Da schwimmt ja ’ne Fliege in meinem Tee. Ist ja eklig.«

»Versteh ich immer noch nicht«, wiederholte sein Kollege.

Die Tür öffnete sich. Doktor Davis kam herein.

Die Wärter nickten ihm zu, doch der Doktor blickte nur auf den Monitor. »Hat sie was gesagt?«

»Nein, Doktor.«

»Hat sie irgendwas gemacht?«

»Nein. Sie sitzt seit Stunden nur so da.«

Davis fuhr sich durch das lockig braune Haar, zog sich die Brille von der Nase und begann geistesabwesend an einem der Bügel zu kauen.

»Die ist ein ganz schön harter Brocken, was, Doktor?«

Davis legte die Stirn in Falten und sah den Wachhabenden an. Dessen Lächeln erstarrte, doch seine Neugierde blieb. »Sir, darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Was denn?«, schnauzte Davis mit schlechter Laune zurück.

»Woher wissen Sie, dass diese Frau auch wirklich ein Secret Keeper ist?«

»Weil es unsere Geheimdienstabteilung gesagt hat.«

»Und wieso …«

Davis unterbrach ihn gereizt. »Eine Frage. Keine zweite. Dafür habe ich keine Zeit. Melden Sie sich, wenn sich an ihrem Verhalten etwas ändern sollte.« Davis schob sich die Brille zurück auf die Nase und rauschte aus dem Raum.

Der Wärter sah ihm nach. »Idiot.«

Der andere Wärter starrte noch immer in seine Tasse. »Jetzt ist sie ersoffen. Wusstest du, das Fliegen nicht schwimmen können?«

5

Das Erwachen war grässlich. Kopf und Nacken fühlten sich an, als hätte jemand mit einem Baseballschläger darauf eingedroschen. Er hatte diesen widerlichen medizinischen Geschmack im Mund, und da war dieser Geruch von Desinfektionsmitteln, den er nicht aus der Nase bekam. Seine Augen brannten. Als Quillan sie aufschlug, fühlten sie sich trocken an, und graue Schlieren vernebelten ihm die Sicht.

Er hing an Kabeln, so viel konnte er erkennen. Hinter seinem Kopf gab irgendein Gerät ein gleichmäßiges und ziemlich nervtötendes Piepen von sich.

Quillan versuchte hinzusehen, um herauszufinden, an was man ihn da angeschlossen hatte, aber er konnte den Kopf nicht drehen, ohne dass ihm schwindelig wurde.

»Bleiben Sie bitte ruhig liegen, Sergeant Quillan.« Das hübsche Gesicht einer Schwester beugte sich über ihn. Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, während sie Daten seiner Vitalfunktionen in ihr Lightpad tippte. Die Lichtblitze beim Berühren einer Taste ließen Quillan aufstöhnen. Licht tat ihm in den Augen weh. Als sie endlich fertig war, fragte er: »Wo bin ich?« Seine Stimme klang heiser.

»Im White Wall Hospital.«

»Und … wie … wie lange war ich weg?«

»Ein paar Stunden. Sie haben großes Glück gehabt.«

»Ach ja? Fühlt sich aber nicht so an.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Mein Kopf bringt mich noch um und mein … Nacken. Ist noch alles da wo’s hingehört?«

Sie lachte leise. »Ja, mehr oder weniger.« Sie spritzte ihm etwas durch den Zugang in seine Hand. »Wird gleich besser. Sie haben sich den Kopf ordentlich angeschlagen, aber keine Sorge, es ist keine Gehirnerschütterung.«

»Na, wenigstens was.«

»Wissen Sie noch, was passiert ist?«

Quillan machte ein angestrengtes Gesicht. »Ich glaube, ich bin in irgendwas reingeflogen.«

»Sie sollen ein ganzes Büro verwüstet haben … habe ich gehört.«

»Oh nein!«

»Sie hatten Glück, dass Sie niemanden verletzt haben.«

»Da war auch keiner. Glaub ich zumindest.« Er fasste sich an die Schläfe.

»Bitte bewegen Sie sich nicht zu sehr. Das könnte die Arbeit der Nanos beeinträchtigen.«