Manhattan Crime – Alles hat seinen Preis - Colin Harrison - E-Book

Manhattan Crime – Alles hat seinen Preis E-Book

Colin Harrison

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Beschreibung

Fünf Millionen Dollar – und das Leben einer Frau … Der Ex-Kampfpilot und Geschäftsmann Charlie Ravich trifft in einer New Yorker Hotelbar auf die attraktive Christina Welles. Doch Christina hat ein gefährliches Geheimnis: Fünf Millionen Dollar, gestohlen vom Mafiaboss Tony Verducci, machen sie zur Gejagten. Die Mafia setzt alles daran sie zu finden und machen auch vor Leuten in ihrem Umfeld keinen Halt. Um ihr zu helfen beauftragt Charlie einen Privatdetektiv und entdeckt, dass Christina ihre Vergangenheit verbirgt und sich absichtlich ins Gefängnis bringen ließ, um der Mafia zu entkommen. Die Schlinge aus Verrat und Gewalt wird immer enger – und Charlie und Christina müssen alles riskieren, um zu überleben.  Ein spannungsgeladener Thriller im Herzen New Yorks – perfekt für Fans von Steve Cavanaugh.

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Seitenzahl: 841

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Der Ex-Kampfpilot und Geschäftsmann Charlie Ravich trifft in einer New Yorker Hotelbar auf die attraktive Christina Welles. Doch Christina hat ein gefährliches Geheimnis: Fünf Millionen Dollar, gestohlen vom Mafiaboss Tony Verducci, machen sie zur Gejagten. Die Mafia setzt alles daran sie zu finden und machen auch vor Leuten in ihrem Umfeld keinen Halt. Um ihr zu helfen beauftragt Charlie einen Privatdetektiv und entdeckt, dass Christina ihre Vergangenheit verbirgt und sich absichtlich ins Gefängnis bringen ließ, um der Mafia zu entkommen. Die Schlinge aus Verrat und Gewalt wird immer enger – und Charlie und Christina müssen alles riskieren, um zu überleben.

eBook-Neuausgabe September 2025

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1999 unter dem Originaltitel »Afterburn« bei Farrar, Straus & Giroux, New York.. Die deutsche Erstausgabe erschien 2000 unter dem Titel »Alles hat seinen Preis« bei Droemer Knaur

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1999 by Colin Harrison

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2000 der deutschsprachigen Ausgabe bei Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Published by arrangement with Farrar, Straus and Giroux, New York.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von AdobeStock/Achiraya

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)

 

ISBN 978-3-69076-043-0

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Colin Harrison

Manhattan Crime – Alles hat seinen Preis

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Reinhard Tiffert

 

dotbooks.

Für meinen Vater

»Die Folter ist eine aus Angst geborene unfruchtbare Raserei: Man will aus einer Kehle inmitten der Schreie und des Blutspuckens das Geheimnis aller herausreißen. Nutzlose Gewalt; ob das Opfer spricht oder stirbt unter den Schlägen, das unnennbare Geheimnis ist anderswo, immer anderswo, außer Reichweite.«

Jean-Paul Sartre

Prolog

US-Luftwaffenstützpunkt Thakli, Thailand Mai 1972

 

Er schlief auf der Erde, aber er wachte am Himmel, er erinnerte sich an Jahre, um Sekunden zu vergessen, er lebte, damit andere starben.

In seiner Unterkunft, einem Betonbungalow, surrte die Klimaanlage Tag und Nacht. Die thailändischen Hausmädchen verschwanden, sobald er sich morgens rührte. Er ging steifbeinig vom Besprechungsraum zu seiner Maschine, einer F-4 Phantom. Später Bier und Darts im Offiziersclub. Und dann alles wieder von neuem. Aufstehen zum Briefing, bei dem der Teilbefehl bekanntgegeben wurde – die unvollständige Zielnennung, die direkt aus Saigon oder der Fernost-Abteilung des Pentagons kam. Dann hieß es: rasch frühstücken, den Wetterbericht hören, den Einsatz durchsprechen, einen Blick auf die Bombenlast werfen, die Fluginstrumente kontrollieren, die Maschinen der Staffel in einer Reihe aufstellen, vom Boden abheben, über den Dschungel donnern, während sich vor der fernen Bergkulisse Wolken auftürmten – zugegeben, es war wirklich ein schönes Land –, Bombenlast abwerfen und sofort wieder zurück. Duschen, Rapport schreiben, am folgenden Tag wieder das gleiche. Die Einsätze zählen. Kein richtiger Schlaf, aber erstklassiges Essen. Zusammen mit anderen Piloten hatte er ein Basketballfeld in der Nähe des Flugplatzes angelegt und die Linien mit Kalk markiert. Mit seinen einunddreißig Jahren schaffte er es immer noch, die Handfläche über den Rand des Korbs zu bringen. Untereinander diskutierte man über alles mögliche. Über Nixon. Footballteams. Wie man einen Affen zubereitet. Über die innere Organisation des CIA. Oder Jagdbüchsen. Man besprach die unterschiedlichen Theorien über den anatomischen Ort des weiblichen Orgasmus. Und die Techniken, wie letzterer herbeizuführen sei. Dann war wieder Einsatz.

Die Fliegerstaffeln wetteiferten darum, wer bei den Einsätzen die meisten Treffer landete. Die Ziele reichten von Eisenbahnanlagen im Süden von Hanoi über Brücken, Lastwagendepots und Fabriken bis zu Truppenstellungen der nordvietnamesischen Armee sowie Batterien von Boden-Luft-Raketen und manchmal auch unbewachsenen Berghöhen, die als Hubschrauberlandeplätze genutzt werden sollten. Hatte er ein paar Tage Erholungsurlaub, dann flog er nach Saigon. Ein blauer Bus der US-Luftwaffe, dessen Fensterscheiben durch Drahtgitter ersetzt worden waren, weil daran Granaten leichter abprallten, holte ihn vom Militärflugplatz Tan Son Nhut ab und brachte ihn entlang der Duong Tu Do bis ins Zentrum. Lambretta-Motorräder glitten durch den dichten Verkehr. Er überragte fast alle um Haupteslänge. Die Luft war immer feucht, die Schwüle drückend. Kleine Jungen zupften einem ständig am Ärmel. »Bob Dillan, Jimmi Heendrix?« riefen sie mit langgezogenen Vokalen. Im violetten Licht der Straßenlaternen boten vietnamesische Schwarzmarkthändler Zigaretten, Tampons, Radios und Schokolade an. Und überall US-Soldaten, die herumstanden, flanierten oder mit Prostituierten im Minirock schäkerten. Zehn Dollar war der übliche Preis, und selbstverständlich dachte auch er daran. Zierliche, immer lächelnde Mädchen, in die du deinen Schwanz reinstecken kannst. Was war er doch für ein Monster – oder würde es eines Tages werden.

Er reiste auch in andere Städte – nach Bangkok oder Hongkong zum Einkaufen. Spielzeug für die Kinder, eine Armbanduhr für Ellie, einen maßgeschneiderten Anzug. Dann mußte er wieder zurück – das Spiel ging weiter. Da er einen höheren Rang bekleidete, blieb ihm der Papierkram nicht erspart, aber das war bloß Routine im Vergleich zu den Adrenalinstößen, die ihm das Fliegen versetzte; tack, tack machte der rote Abzug am Steuerknüppel. Er fühlte sich klar im Kopf. Er wußte, warum er hier war. Und er wußte, wie das Spiel stand, denn er las die täglichen Geheimdienstberichte. Er wußte Bescheid über Truppenbewegungen, reparierte Pontonbrücken, Eisenbahnlinien, Lastwagen chinesischer Fabrikation. Er kannte die Wetterbedingungen beim Bombenabwurf und die Höhenmessereinstellungen. Man lebte nach festen Regeln, hielt sich an seine Pflichten, man wußte, wer man war. Und dann die Maschine – zum Fliegen brauchte man einen klaren Kopf.

Ellie fehlte ihm, ihr Körper unter seinem, wenn er in sie eindrang und sie zum Stöhnen brachte, doch das wartete alles daheim auf ihn. Ein Mann kann darauf verzichten, wenn er Größeres vorhat. Eine Frau, ihre Haut, das Bett – das waren begrenzte und bekannte Gefühle. Nicht zu vergleichen mit den Kampfeinsätzen im Jagdbomber, denn die Nähe zu Tod und Ewigkeit ließ ihn über sich hinauswachsen. Es war ein großes, furchterregendes Geheimnis, das keiner, der es nicht selbst erlebt hatte, verstehen konnte – in ganz Amerika waren es nur ein paar tausend Männer. Und davon waren nur einige Hundert jetzt tatsächlich im Einsatz, und er gehörte zu ihnen.

Er konnte darüber nicht mit Ellie sprechen, nicht wirklich. Er bewahrte ihre Briefe säuberlich gestapelt in seiner Schreibtischschublade auf. Wenn er keine Lust zum Schreiben hatte, sprach er auf Band, was ihm gerade in den Sinn kam: einen Kuß für Julia und Ben. Schließ den Hypothekenvertrag ruhig ab, Schatz. Was war ein Hypothekenvertrag gegen eine sowjetische MiG-21? Er hatte es früh zum Kapitän der Luftwaffe gebracht, konnte ohne Unterbrechung fünfhundert Sit-ups machen. Er hatte im Sands Hotel in Las Vegas gepokert, schaffte es im Bett immer noch dreimal in einer Nacht, besaß achthundert IBM-Aktien und hatte mit Ellie auf ihrer gemeinsamen Hochzeit Tango getanzt. Er hatte einen Jaguar-Coupé mit hundertachtzig Sachen zu Schrott gefahren und hatte die Gehirnerschütterung spielend weggesteckt, er hatte auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Wiesbaden eine F-86 auf das Rollfeld gesetzt. Er war getestet und für gut befunden worden. Ein Mann in den besten Jahren. Hundertzwei Einsätze konnte er für sich verbuchen, drei MiG-Abschüsse, die Zerstörung Dutzender Nachschub-Lkws, Eisenbahnzüge und Artilleriebatterien. Wie viele tote Vietcong, wie viele tote reguläre nordvietnamesische Soldaten? Er kannte die Zahl mehr oder weniger genau. Es war eine Zahl, nichts weiter. Aber er sagte sie niemandem, und niemand fragte ihn danach.

Selbstverständlich war er auch wütend. Immer dann, wenn schlechte Technik sein Leben aufs Spiel setzte. Ellie verstand das nicht, und wenn er in seinen Briefen über seinen Job sprach, schrieb er, er fliege Transportmaschinen nach Guam. Die Militärbürokratie widerte ihn an mit ihren Schreibtischgenerälen, die in den ruhigen fünfziger Jahren Karriere gemacht hatten, in weitläufigen Büropalästen saßen und am grünen Tisch Krieg spielten. Ihre Kriegführung bestand aus Formularen und Berichten und der Manipulation von Statistiken. Auch die protestierenden Kriegsgegner setzten ihn unter Druck, selbst wenn sie es nicht wußten. Er formulierte Vorschläge für Lufteinsätze und unterbreitete sie seinen Vorgesetzten, von denen viele den ganzen Tag lang die Stimme des Pentagons in einem Ohr hatten. Aber Washington hatte entschieden, die Luftwaffe über Nordvietnam nur als Stachel zu benutzen, um eine Reaktion des Gegners herauszufordern, ohne aber verheerende Schäden anzurichten. Damit wurde der Luftwaffe nicht erlaubt, das zu tun, wozu sie in der Lage gewesen wäre, nämlich die nordvietnamesische Industrie und die Nachschublinien zu zerstören. Es gab Zeiten, da durften die Staffeln nicht einmal angreifen. Ein nordvietnamesisches Transportflugzeug, das Kriegsmaterial an Bord hatte, war kein Angriffsziel, auch nordvietnamesische Flugplätze wurden nicht bombardiert. Er verlor drei Mann durch MiG-Abfangjäger, die auf einem Flugplatz geparkt standen, über den er regelmäßig hinweggeflogen war. Alle fliegenden gegnerischen Ziele mußten erst durch Sichtkontakt identifiziert werden, als ob die MiGs über keine Luft-Luft-Geschosse und die amerikanischen Maschinen, Spitzenprodukte der Militärtechnologie, über keinen Radar verfügt hätten. Aber das war eben diese Scheißpolitik. Manche Jungs aus der Staffel ließen ihre Bombenlast trotzdem fallen und gaben später vor, es habe einen Defekt an der Aufhängevorrichtung gegeben. Das Pentagon scherte sich nicht um die Variablen bei Einsätzen – das Wetter, wechselnde Stellungen der SAM-Raketenbatterien, die Unsicherheit, ob MiG-Jäger zur Abwehr bereitstehen würden. Und die MiGs hatten einen Vorteil gegenüber den amerikanischen Maschinen. Sie waren kleiner und ohne Bombenlast, das machte sie wendiger als die amerikanischen Kampfbomber, und dadurch konnten sie die dominierende Sechs-Uhr-Position einnehmen – aus dieser Position konnte man mit einer chinesischen Rakete abgeschossen werden. Hanoi verfügte über das dichteste Flugabwehrsystem der ganzen Welt: Hunderte, über Computer verbundene SAM-Raketenbatterien, die einen Schutzschild über die Hauptstadt legten. In den Außenbezirken teilten 100-Millimeter-Flaks ihre Peitschenhiebe bis in dreitausend Meter Höhe aus. Bei dem bloßen Gedanken wälzte er sich nachts im Bett und hatte das Gefühl, als würden ihm die Eingeweide weggeputzt. Er konnte abgeschossen werden und als Asche vom Himmel rieseln.

Doch daran durften Piloten gar nicht denken – das konnte sie unsicher und anfällig machen. Aber wie hätte er nicht daran denken sollen? Er hatte das Hao-Lo-Gefängnis in Hanoi, das Hanoi Hilton, überflogen. Der Gebäudekomplex hatte einen rautenartigen Grundriß, und über das, was hinter den Mauern vorging, wußte man einiges. Noch unter den Franzosen erbaut, diente Hao Lo als das größte Gefängnis Nordvietnams und bildete das Zentrum des gesamten Strafvollzugssystems des Landes. Es hatte fast die Größe eines Häuserblocks. Die Krone der fast fünf Meter hohen Mauer war mit den Scherben unzähliger zerbrochener Champagnerflaschen gespickt. Darüber lagen drei Stränge Stacheldraht, der oberste war unter Strom. Kein amerikanischer Pilot war aus dem Hanoi Hilton je entkommen. Einigen war es gelungen, nach draußen zu gelangen, doch das bedeutete wenig, da ausgemergelte einsfünfundachtzig große Kerle, die in den Gassen von Hanoi herumschlichen, sofort auffielen. Dennoch waren Informationen über das Innenleben der Anstalt nach außen gedrungen. Aus geschickt verschlüsselten Briefen von US-Piloten, denen Hanoi manchmal erlaubte, Briefe an ihre Ehefrauen zu schicken, hatten CIA-Agenten Informationen entnommen. Auch die wenigen »umerzogenen« Gefangenen, die Hanoi freigelassen hatte, waren diesbezüglich nützlich. Er dachte vor allem an den Auftritt eines US-Piloten im nordvietnamesischen Fernsehen, das von den amerikanischen Stellen verfolgt wurde. Unrasiert, der abgemagerte Körper in einem gestreiften Schlafanzug, hatte der Gefangene vor laufender Fernsehkamera eine hanebüchene Schmährede gegen die Vereinigten Staaten und ein Lob auf den Kommunismus abliefern müssen. Der Mann zeigte dabei keinerlei Emotionen. Die Geheimdienstleute dachten anfangs, er habe unter Drogeneinfluß gestanden. Doch das hatte er nicht, er konzentrierte sich nur. Die Experten merkten bald, daß er durch Wimpernschlag eine Geheimbotschaft in Morsecode übermittelte: Folter. CIA-Beamte hatten den Film bei einem Briefing über Hao Lo gezeigt. Im Gefängniskomplex waren die Amerikaner in einem von vier Arealen untergebracht: Lagereinheit, Las Vegas, Herzensbrecher und Dorf für Grünschnäbel. Jeder Raum hatte einen Namen: der Fleischerhakenraum; der Höckerraum (wegen der faustgroßen Gipshöcker an den Wänden, die die Schreie verschluckten); der Peitschenraum; der Quizraum und Kalkutta. Die Nordvietnamesen verstanden das Folterhandwerk, weil sie Jahre zuvor von den Franzosen ausgiebig gefoltert worden waren. Amerikanische Kriegsgefangene verständigten sich mit zwei Codes: mit der Standard-Zeichensprache, die nur aus Handzeichen bestand, und dem AFLQV-Code, den Kriegsgefangene in Korea entwickelt hatten und der sehr viel leichter zu erlernen war als das Morsealphabet. Es lohnte sich, den Code eine Stunde in der Woche zu üben – und das tat er auch, für den Fall, daß er ihn einmal brauchen sollte. Jeder Buchstabe hatte seinen Platz in einem Quadrat aus fünfundzwanzig Buchstaben.

 

A B C D E

F G H I J

L M N O P

Q R S T U

V W X Y Z

 

Das K wurde durch das C ersetzt. Das erste Signal bezog sich auf die Spalte: Zwei kurze Schläge bezeichneten zum Beispiel die mit B beginnende Spalte. Das zweite Signal wies auf die Reihe. Ein tak, tak ... tak, tak, tak bezeichnete den Buchstaben M. Eine Sequenz der Art 2, 3 – 1, 1 – 3, 3 lautete also ausbuchstabiert MAN, das heißt Mensch oder Mann. Seither waren Kurzformeln und visuelle Varianten entstanden, auch Sequenzen, die durch Kratzen, Husten und Spucken markiert wurden – alles was geeignet war, der Kontrolle der Nordvietnamesen zu entgehen, alles, was noch Raum für Hoffnung ließ.

Er versuchte, nicht daran zu denken. Aber in Kriegsgefangenschaft zu geraten war eine schaudererregende Vorstellung. Die Nordvietnamesen hatten die Genfer Konventionen von 1949 unterzeichnet, weigerten sich aber, das Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen auf amerikanische Piloten anzuwenden. Für sie waren die Piloten »Kriegsverbrecher« und keine Gefangenen. Die Konventionen verboten ausdrücklich Folter und Diskriminierung und verpflichteten die Vertragsparteien, die Unversehrtheit und Würde der Gefangenen zu gewährleisten. Unter dem Eindruck der unter Hitler begangenen Verbrechen waren im Text jedoch Einschränkungen bei den Rechten von Kriegsverbrechern gemacht worden. Darunter verstand man Personen, die Kriegsverbrechen (»vorsätzliche Zerstörung von Städten und Dörfern sowie alle nicht durch militärische Gründe zu rechtfertigende Verheerungen ...«) oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit (»Mord, Ausrottung, Versklavung, Verschleppung und andere unmenschliche Handlungen gegen die Zivilbevölkerung ...«) begangen hatten. Die Nordvietnamesen hatten diese Einschränkung aufgegriffen und zu einem Element ihrer weltweiten Propagandakampagne gemacht. Indem sie amerikanische Militärs der Luftwaffe als scheußliche Massenmörder hinstellten, erhöhten sie einerseits den Druck der Weltöffentlichkeit auf die USA und hatten andererseits eine Rechtfertigung für Inhaftierung, Hunger, Verhöre, Gehirnwäsche und Folter.

Das waren seine geheimen Ängste. Bei der Instandsetzung war er als Perfektionist bekannt, der vor jedem Flug die Elektrik und Hydraulik der F-4 selbst überprüfte. Die Piloten der Staffel, die unter seinem Kommando stand, flogen am liebsten mit ihm. Bisher hatte er nur fünf Mann verloren. Doch selbst die besten Piloten wurden abgeschossen, und nicht unbedingt dann, wenn die Wahrscheinlichkeit dafür besonders groß war. Bei seinem letzten Heimaturlaub vor acht Monaten hatte er spontan einen von Bens Holzbauklötzen in seine Jacke gesteckt. Jetzt hatte er ihn bei all seinen Flügen dabei. Beim routinemäßigen Briefing vor jedem Einsatz, während über Wetterverhältnisse, Tankfüllungen, Anflug und Locktaktik, mögliche SAM-Standorte und vorrangige Ziele gesprochen wurde, hielt er das kleine gekerbte Stück Holz in den Fingern und rieb es mit dem Daumen. Im Briefing ging es um Wolkenbildungen und geographische Anhaltspunkte. Man sollte sich den Einsatzablauf vorstellen und auf mögliche Überraschungen vorbereitet sein. Das Leben der Männer hing von ihm ab. Wenn sie Zweifel hatten, durften sie Fragen stellen, und manchmal änderte er den Einsatzplan, nur um ihnen das Gefühl zu geben, daß auch sie an der Entscheidung beteiligt waren. Das mußte man tun, um zu wissen, was in ihren Köpfen vorging. Ließ das Interesse am Zustand des Flugzeugs nach? Fehlte der Appetit? Nahm der Alkoholkonsum zu? Sprachen sie zunehmend über ihre Frauen? Wenn die Männer nachlässig wurden, wenn sie sich mit den thailändischen Hausmädchen einließen, dann bedeutete das höhere Verluste. Darauf mußte er achten, auf alles mußte er ein Auge haben.

 

Der Teilbefehl an diesem Morgen nannte ein bekanntes Ziel, das zur Gespensterkulisse des Krieges gehörte. Es war die Paul-Doumer-Brücke, eine nach einem französischen Staatsmann benannte Konstruktion von riesenhaften Ausmaßen, die den Roten Fluß südlich von Hanoi überspannte und von größter Wichtigkeit für die nordvietnamesischen Nachschublinien war. Tausende Tonnen Bomben hatten den Stahlbetonfundamenten der Brücke nichts anhaben können. Kampfbomber hatten Einsatz auf Einsatz geflogen und doch nur wenig mehr als die Asphaltdecke aufgerissen. In ihrer bürokratischen Ohnmacht hatte die US-Luftwaffe versucht, B-52-Bomber einzusetzen, ja schwimmfähige Sprengmittel flußaufwärts abzuwerfen und sie dann unter den Brückenbögen zu zünden. Nichts davon hatte das erhoffte Resultat gebracht. Die Brücke wurde beschädigt, aber nie zerstört. Und nun, so hieß es im Teilbefehl, sei die Brücke mit Bambus eingerüstet, und ein Reparaturkahn sei an einem Pylon festgemacht. Die Luftaufklärung hatte den Kahn lokalisiert. Seine Aufgabe bestand darin, ihn zu versenken.

Er stand um fünf Uhr früh auf, aß rasch etwas, sprach den Einsatz durch, während ein paar seiner Jungs Zahlen auf Karten kritzelten, und ging dann in den Pilotenumkleideraum. Dort legte er wie üblich Ehering, Armbanduhr und Brieftasche ab, alles Dinge, die er beim Fliegen nicht brauchte, die aber den Nordvietnamesen im Fall seiner Gefangennahme wichtige Hinweise geben konnten. Er schlüpfte in den Fliegeroverall, dann in den Anti-g-Anzug, ein aufblasbares Kleidungsstück, das Bauch und Beine bedeckte und das im Cockpit an ein Ventil angeschlossen wurde, aus dem komprimierte Luft kam. Wenn die F-4 über 2,5g beschleunigte, füllten sich automatisch Abschnitte des Anzugs mit Luft und sorgten für Gegendruck auf Beine und Rumpf. Andernfalls hätte sich das Blut in der unteren Körperregion gesammelt und zur Bewußtlosigkeit geführt. Über den Anti-g-Anzug legte er Haltegurte, die ihn mit dem Pilotensitz verbanden. Dies verhinderte, daß er beim Drehen der Maschine durch die Kanzel geschleudert wurde. Darüber kam nun noch die zehn Kilo schwere Überlebensweste, vollgestopft mit Karten, Codelisten, einer Wasserflasche, Leuchtmunition, Messer, Patronen, einer Säge, Trockennahrung, Kompaß, einer Angel, einem Pfund Reis, Löffel, Goldmünzen, einem Erste-Hilfe-Set, Streichhölzern, einem Haifisch-Abwehrmittel, einer Pfeife, Signalspiegel, Nähzeug, Wasserreinigungstabletten und Morphium. Zum Schluß schnallte er sich eine 38er Pistole an die Wade. Leicht gebeugt unter dem Gewicht der Überlebensweste, den Helm in der Hand, ging er hinaus zu den Maschinen. Seine Ausrüstung klapperte bei jedem Schritt. Er blinzelte in die tiefstehende Sonne im Osten, noch den Geschmack von Kaffee auf der Zunge. Der Geruch von Flugbenzin lag in der Luft. Erst jetzt setzte er die dunkelgrüne Fliegersonnenbrille auf, in der sich, nun grünlich gefärbt, bogenförmig der Flugplatz spiegelte. Vor dem Hintergrund aus grünem Dschungel und blauem Himmel karrten Männer Bomben zu den in Reihe aufgestellten Kampfbombern.

An seiner Maschine arbeitete noch die Wartungsmannschaft. Langsam machte er einen Gang um den Jet. Dabei betrachtete er aufmerksam die spitze Rumpfnase, die Stummelflügel und die Höhenruder. Das Metall fühlte sich kalt an. Er kannte die Oberfläche seiner Maschine besser als die Gesichter seiner Kinder, all die Zacken und Dellen, die Risse, aus denen Hydraulikflüssigkeit ausgetreten war, die rostigen Stellen, die auf Schäden im Kampf hinwiesen. Die F-4 Phantom, die sich auf dem Reißbrett in makelloser Eleganz präsentierte, war im Krieg zu einer schmutzigen, narbigen, wenig gepflegten Mühle geworden, die dennoch ihre Leistung zuverlässig brachte. Er stieg die Leiter hinauf und ließ sich behutsam ins Cockpit gleiten, um nicht versehentlich gegen die Instrumentenschalter zu stoßen. Er lehnte sich gegen Sitz, Fallschirmpaket und Kopfstütze. Im Cockpit roch es nach Schimmel, altem Schweiß, Hydraulikflüssigkeit und verbrannten elektrischen Leitungen. Die Luft in der Glaskanzel hatte über fünfunddreißig Grad Celsius – Treibhaustemperaturen. Er klinkte die Verschlüsse der Haltegurte an den vorgesehenen Stellen ein und legte den Schienbeinschutz an. Für den Fall, daß er den Schleudersitz betätigen mußte, verhinderte diese Vorrichtung, daß die Beine des Piloten gegen den Kanzelrand stießen und womöglich amputiert wurden. Er schloß den Anti-g-Anzug an die Maschine an, setzte den Helm auf und legte die Sauerstoffmaske an. Der Startwagen neben dem Flugzeug heulte auf, er schaltete auf Außenstromversorgung. Im Cockpit gingen die Lichter an. Meßnadeln erzitterten, orangefarbene Warnlichter blinkten, in der Sprechverbindung knackte es. Er stellte die Frequenz ein und schlug eine Fliege tot, die sich in die vordere Cockpithaube verirrt hatte. Die Hitze sammelte sich über dem Helm. Weit weg, wie in einer anderen Welt, machte Ellie nach dem Abendessen den Abwasch, die Kinder ließen die Fliegentür zufallen. Er bemühte sich, über ihre parallelen Leben auf dem laufenden zu bleiben. Ellie band Ben die Turnschuhe zu, Ellie hörte sich am Telefon die Klagen ihrer Mutter an, Ellie machte Einkäufe im Supermarkt. Die pflichtbewußte, die starke Ellie. Sah so ihr Leben aus? Ellie, die Offiziersgattin auf dem Luftwaffenstützpunkt in Amerika, er, der Techniker in einer Aluminiumbüchse, Soldat und Schauspieler in einem von Politikern inszenierten Stück? Darauf gab es keine Antwort. Er stellte sich seine Frau lieber so vor, wie er sie bei seinem letzten Urlaub gesehen hatte – ein Glas Wein neben ihrem Sessel, ein großer Bildband über Renaissancemalerei auf dem Schoß. In dem Buch waren lauter muskulöse Körper zu sehen, in Posen, die Qual, Sehnsucht und Verzückung ausdrückten. Ihr Haar war vors Gesicht gefallen. Er stellte sich vor, wie sie die Abbildungen betrachtete, den Wein austrank, später unter die Bettdecke schlüpfte und die Finger über ihren Leib gleiten ließ. Er hoffte, daß sie das, und nur das tat – und nicht etwa wegen seiner Abwesenheit verbittert war. Wenn sie doch verbittert war, konnte er es vielleicht später mit Anstand tragen, da er selbst die Ursache dafür war. Aber vielleicht mache ich mir einfach etwas vor, dachte er, vielleicht ist sie ohne mich glücklich, oder doch die meiste Zeit. Man glaubte es zu wissen, tatsächlich aber wußte man es nie. Die Kinder, um die sie sich den ganzen Tag über allein kümmern mußte, strengten sie an. Um diese Zeit war sie vermutlich allein. Doch Ellie zweifelte nie daran, daß er wiederkommen würde. Machte sie sich heimlich Sorgen, oder glaubte sie felsenfest an sein Überleben?

Inzwischen hatte sein Waffenoffizier für die elektronische Kriegführung auf dem hinteren Sitz Platz genommen. Sie konnten sich nicht sehen, standen aber über Mikrofon in Sprechverbindung. Er zündete das linke Triebwerk, bewegte den Leistungshebel nach vorn und beobachtete, wie die Anzeige für Drehzahl und Brenntemperatur stieg. Als das linke Triebwerk rund lief, zündete er das rechte und schaltete auf autonome Stromversorgung. Das Bodenpersonal schob die Starthilfen unter dem Flugzeug fort. Er griff nach oben und ließ die Cockpithaube einrasten. Per Handzeichen verständigte er sich mit der Bodenmannschaft und testete die Bremsen, die Landeklappen sowie die Höhenruder. Dann streckte der Mann von der Crew beide Daumen in die Höhe. Die Sonne stand jetzt über der Wipfellinie, sog Dunst auf und ließ Hitzeschleier über dem Flugfeld aufsteigen. Sein Flügelmann war jetzt ebenfalls fertig.

»Zwei oben.«

»Drei fertig.«

Er fuhr zügig über das Rollfeld zur Startposition. Am Beginn der Startbahn duckte sich ein Flugzeugwart unter den Rumpf und machte die Bomben scharf.

»Blau eins fertig zum Starten«, meldete er dem Tower.

»Start frei für Blau eins.«

Er gab seinem Flügelmann ein Zeichen, betätigte den Leistungshebel und brachte das Triebwerk auf volle Leistung – 10 200 U/min. Der Zeiger des Fahrtmessers sprang auf fünfzig Knoten. Er legte den Leistungshebel seitlich nach vorn, um den Nachbrenner einzuschalten. Höchstleistung. Gib mir alles, raunte er, mit Vollgas in den Himmel. Die Maschine donnerte los, die Räder rollten über das Betonband der Startbahn – in Fußballfeldlängen schoß sie unter ihm vorüber –, und dann neigte sich die Rumpfnase nach oben, und die Maschine richtete sich himmelwärts. Er betätigte die Klappen, und die Maschine hob ab, der Fahrtmesser kletterte auf über dreihundert Knoten. Abwechselnd fauchte und heulte, flatterte und rumpelte es. Die Triebwerke bildeten einen zylinderförmigen Schallraum. Das pneumatische System zischte und pfiff. Unter, über und um ihn herum rauschte die Luft über dem Flugzeugrumpf. Der Boden fiel immer weiter zurück. Dreihundert, sechshundert, neunhundert Meter. Er war im Himmel.

Die vier anderen Maschinen der Staffel bildeten eine Kampfformation und flogen, gut einen Meter voneinander Abstand haltend, in einer Höhe von elftausend Metern in nördlicher Richtung. So nahe war er seinem Flügelmann, daß er die Nieten und Kratzer am Cockpitrahmen und darunter die mit Schablone aufgebrachten Notfallmarkierungen erkennen konnte. Der Flug ging jetzt durch sich auftürmende Wolkenberge – sie ähnelten vier Haifischen der Luft, die durch blasse Abgründe dahinschossen. Aus dem Radio kamen Stimmen und Geräusche, die sich überlagerten: Funkverkehr anderer Besatzungen, weibliche Stimmen nordvietnamesischer Sender, die mit falschen Positionsangaben, Beschimpfungen und obszönen Bemerkungen die Piloten ablenken sollten, sowie akustisches Störfeuer nordvietnamesischer Bodenstationen. Die Geräusche gingen ineinander über, schwollen an und ab, manchmal von ein paar Takten Musik oder fernen, unverständlichen Wortfetzen unterlegt.

Die Wolken lösten sich auf. Elftausend Meter unter ihm tat sich eine Landschaft aus überfluteten Reisfeldern auf, hingestreut wie Spiegelsplitter, die den Himmel reflektierten, gespeist vom Wasser eines Flusses, der sich wie der Schwanz einer Katze träge dahinwand. Über ihnen lag eine dünne Decke Schleierwolken. »Blau Führung«, meldete sich der Radar-Leitoffizier von der Bodenkontrolle, »hier ist Rote Krone. Banditen in zweihundertvierzig Grad, fünfunddreißig Kilometer entfernt.«

»Roger«, antwortete er durch sein Helmmikrofon. »Blau Flug, laß uns einen Zehn-Grad-Schwenk nach Süden machen. Die sollen uns ruhig jagen.«

»Blau Führung, hier Blau zwei. SAMs in vierzig Grad, acht Kilometer entfernt.«

»Roger.« Die Nordvietnamesen verstärkten ihre Flugabwehr, die F-4-Staffel sollte Treibstoff verschwenden.

»Blau Führung, hier Rote Krone. Drei SAMs von vorn kommend.«

»Die Banditen müssen mit den Bodenstellungen in Kontakt sein.«

»Kennen Sie die Höhe der SAMs, Blau zwei?«

»Fünftausend Meter.«

Der Gegner baute eine SAM-Abwehr auf und jagte die Staffel geradewegs hinein. Die SAMs waren so programmiert, daß sie über einem weiten Raum explodierten.

»Blau Führung, MiGs in Sieben-Uhr-Position, dreizehn Kilometer entfernt.«

»Roger.«

»Ich habe drei von vorn kommend, Blau Führung.«

»Blau Führung, drehen Sie hart nach Norden ab. SAM in fünfzehnhundert Meter Höhe im Anflug.« Er zog am Steuerknüppel, die Maschine schwenkte nordwärts. Er sah eine Staffel MiGs über und hinter sich. Die SAMs explodierten in einem Kilometer Entfernung, ohne Schaden anzurichten.

»Banditen oben.« Der geplante Einsatzablauf kam durcheinander. Sollte er weiterhin die Brücke ansteuern, die noch vierhundert Kilometer entfernt lag, oder den Kampf mit den MiGs aufnehmen, die wie schwarze Stechmücken mit rotgestreiften Flügeln hinter ihnen her waren. Er mußte sich entscheiden. Der Gegner war jetzt in Reichweite, um angeschossen zu werden.

»Blau Führung, ich habe drei startende SAMs auf dem Monitor.« Er konnte die SAMs sehen, die in einer langgezogenen Kurve geradewegs auf ihn zukamen.

»MiGs im Anflug.«

»Blau Führung, Sie haben zwei MiGs zu Ihrer ...«

Er sah sie kommen und ebenso eine SAM, die vor ihm aufstieg. Die nordvietnamesische Bodenstellung kannte mittlerweile ihre genaue Flughöhe und hatte die SAMs entsprechend neu programmiert. Bei einem Volltreffer würde das Flugzeug in Millionen Teile zerbersten und wie ein Metallregen über dem Dschungel niedergehen. Er stieg höher, und die SAM explodierte hundertzwanzig Meter unter ihm.

Die MiGs waren jetzt nah. »Blau Führung, Sie haben ...«

»Ich sehe sie!«

Die eine MiG feuerte. Er kippte in einen Sturzflug. Der wärmeempfindliche Flugkörper der MiG folgte ihm. Der Druck wurde stärker. Er spannte die Beinmuskeln an, um das Blut wieder nach oben ins Gehirn zu treiben. Er stöhnte. Der Flugkörper kam näher – ein zischender, rauchender Pfeil, der seinen Kurs immer dann änderte, wenn auch er es tat. Seitlich konnte er nichts mehr erkennen, ihm wurde schwarz vor Augen. Der Anti-g-Anzug pumpte sich bei 7,33 g automatisch auf. Er flog nur noch nach Gefühl, die Maschine zitterte. Der Flugkörper mußte jetzt auf fünfzig Meter herangekommen sein. Ein, zwei kurze Atemzüge, dann schwenkte er aus dem Sturz. Der Flugkörper war vorbeigezischt. Er konnte wieder sehen und hielt nach seinem Flügelmann Ausschau. Doch kaum hatte er seine Kurve vollendet, kam der Ruf »SAM, SAM« aus der Funkverbindung, und ein greller Lichtschein hüllte den rechten Flügel des Düsenjets ein.

Durch die Maschine ging ein Ruck. Die Feueralarmanzeige leuchtete auf.

Sofort an Höhe gewinnen! Das Feuer war in der Elektronik für die Bewaffnung ausgebrochen. Er drückte den Bomben-Auslöseknopf und erleichterte damit die Maschine um achttausend Kilo Last. Die Bomben fielen zur Erde hinab.

»Blau Führung, Ihre Maschine hat Feuer gefangen. Erkennbarer Flügelschaden.«

Das Flugzeug ruckelte, und er zog den Steuerknüppel an, um die Vibration unter Kontrolle zu bringen. Wenn sich die Tragfläche verbog, würde die Maschine ins Trudeln geraten, und das wäre das Ende. Wenn er aber hier ausstieg und den Absturz überlebte, würde er bald das Hanoi Hilton von innen sehen. Die Treffer schienen nicht die Treibstoffleitungen beschädigt zu haben, daher konnte er noch den Nachbrenner zünden. Andererseits jedoch würde die höhere Geschwindigkeit den Druck auf den beschädigten Flügel verstärken. Er mußte es versuchen.

»Blau Flug«, sagte er, »zünde Nachbrenner, löse Notfallprozedur aus. Ich versuche, so weit wie möglich von hier wegzukommen. Zwei, alarmieren Sie die RESCAP-Truppe über Funk, und sagen Sie denen, was passiert ist.«

Er schaltete auf Bordsprechfunk, um mit dem Waffenoffizier hinter ihm zu sprechen. »Larry, ich geb’ die Sporen, damit wir einen besseren Platz zum Abspringen finden.«

»Ganz meine Meinung.«

Er zündete den Nachbrenner. Die Maschine hechtete nach vorne. Ja, dachte er, hau mich hier raus, bring mich nach Hause. Der glühende Lichtschein spiegelte sich am Schwanz des Flugzeugs neben ihm wider. Und ab ging die Post. Dann leuchteten drei rote Lämpchen auf. Druckabfall in der Hydraulik, Schäden im Haupt- und im Notfallsystem. Ohne Hydraulik war er aufgeschmissen. Mit tausend Knoten Geschwindigkeit raste er in einem manövrierunfähigen Flugzeug dahin, der schiere Wahnsinn.

»Blau Flug. Hydraulik funktioniert nicht mehr. Prüft Bodenposition. Ich steige gleich aus.« Unter ihm glitt der Dschungel vorüber. Er tastete nach dem Auslösering zwischen seinen Schenkeln. Der Ort war mit Bedacht gewählt, denn bei den Beschleunigungskräften, die in einem abstürzenden Flugzeug wirkten, war ein Pilot nicht mehr in der Lage, die Hand zu heben.

»Blau Führung. RESCAP ist informiert.«

»Mach dich bereit, Larry.«

Die Beleuchtung der Hauptinstrumententafel erlosch, die Stromversorgung brach zusammen. Vielleicht war er schon über der entmilitarisierten Zone. Der Steuerknüppel ließ sich nicht mehr bewegen. Das Feuer fraß sich von innen durch den Flugzeugrumpf. War das da unten schon Südvietnam? Wenn ja, dann hatte er eine Chance. Er konnte die Gebirgszüge nicht erkennen. Geschwindigkeit schätzungsweise 1,1 Mach, fallend.

Vier Sekunden pro Kilometer. Der Boden unter ihm raste vorüber.

»Blau Führung, Blau Führung, Ihr Flügel bricht ab. Verlassen Sie die Maschine.« Er merkte, wie der Jet absackte. Langsamer. Aushalten, noch aushalten. Über die entmilitarisierte Zone hinaus. Sechs Sekunden pro Kilometer ... Sie verloren weiter an Geschwindigkeit, jetzt bloß nicht trudeln. Er zählte: eins, zwei, drei, vier ... Während des Schleudervorgangs mußte man sich geduckt halten. Das lag an einem Konstruktionsfehler; große Männer waren dabei schon geköpft worden ... acht ... nicht mit den Armen fuchteln, man bricht sich leicht was ... neun – »Charlie, raus aus dieser Scheißkiste ...«

Er schoß durch die Cockpithaube und wurde nach draußen katapultiert – er stieß mit vierhundert Knoten gegen eine Wand aus Wind. Das Herz drückte gegen die Wirbelsäule, die Schultern gegen die Rückenlehne des Schleudersitzes, die Luftröhre preßte sich zusammen, die bloßliegende Haut an Hals und Händen brannte, während er kopfüber ins Leere fiel. Das Brausen, die Stille. Das Blut in seinen Adern konnte mit dem sich drehenden Körper nicht mithalten, er spürte seine Eingeweide im Mund. Immer noch hundert Knoten Geschwindigkeit. Jetzt fiel der Schleudersitz ab, und der Fallschirm entfaltete sich knisternd über ihm. Die Gurte zogen an Brust und Schenkeln an, er atmete auf in der dünnen Luft und spürte, daß das Herz wieder schneller schlug. Soweit alles okay. Einen Kilometer weiter trudelte die Phantom, eine Rauchfahne hinter sich lassend, zu Boden. Er schaute sich nach seinem Waffenoffizier um, der gleichzeitig mit ihm aus dem Cockpit geschleudert worden war. Wo ist denn sein Fallschirm? Das kann nicht wahr sein. Er spähte zwischen seinen Füßen hindurch und sah, wie eine mit den Armen rudernde Gestalt mit Helm, immer noch am Schleudersitz angegurtet, wie ein Stein nach unten fiel. Kein Fallschirm für Larry. Gott sei ihm gnädig.

Er würde jetzt noch dreißig Sekunden in der Luft bleiben. Er schaltete seinen elektronischen Pieper ab, um die Batterie zu schonen und es den Nordvietnamesen, wenn sie in der Gegend waren, schwerer zu machen, ihn zu orten. Der Dschungel unter ihm lag in Dunstschleier gehüllt, ein grüner Teppich, der auf ihn zukam. Er lenkte seinen Fallschirm zu einer Anhöhe hin, die aussah, als hätte dort kürzlich ein Feuer gewütet. Vielleicht kannte die RESCAP-Truppe das Gelände schon? In wenigen Minuten würde Blau Flug an den KC-135 Tankerflugzeugen andocken, die in einer sicheren Zone ihre Kreise zogen, und dann zurückkommen. Dann würde er den Funkkontakt wiederherstellen. A-l Skyraiders und AC-47 der RESCAP-Truppe standen bereit zum Einsatz, um im Bedarfsfall feindliche Flugabwehr auszuschalten. Dann erst würde ein Hubschrauber direkt auf der Anhöhe landen und ihn aufnehmen. Manchmal klappte es, manchmal nicht. Entweder fiel der Pieper des Piloten aus oder es wurde zu dunkel draußen oder der Hubschrauber hatte Motorschaden, die Navigation war fehlerhaft, das Bodenfeuer zu heftig.

Der Wind riß an den Leinen des Fallschirms. Er konnte jetzt einzelne Bäume unter sich erkennen. Kein Bodenfeuer. Er spannte und löste abwechselnd die Wadenmuskeln in Erwartung des Aufpralls. Die Anhöhe kam rasch näher, es war Zeit, sich einen Platz auszusuchen, wo man den Fallschirm verstecken konnte. Dann sah er gegen Westen plötzlich Gewehre im Sonnenlicht aufblitzen: Eine Vietcong-Patrouille bahnte sich einen Weg durch dichtes Unterholz. Sie hatten es nicht nur auf ihn abgesehen, vielmehr suchten sie nach einer geeigneten Stellung für einen Flak-Angriff auf die RESCAP-Flugzeuge und Hubschrauber. Die Piloten der Rettungstruppe hatten Order, den Boden mit Feuer zu belegen, um den Gegner aus der Reserve zu locken. Doch der Vietcong bewies oft eine übermenschliche Geduld und harrte im dichtesten Raketenhagel aus, bis die Rettungstruppe nahe genug herunterkam. Manchmal lockten sie die Rettungstruppen auch mit dem Pieper eines toten Piloten an. Jetzt beobachtete ihn ein Vietcong durch sein Fernglas und zeigte den anderen, in welche Richtung sie zu gehen hatten.

Er landete, rollte sich am Boden ab und stand auf. Er nahm seinen Helm ab, konnte aber den unförmigen Anti-g-Anzug nicht ablegen, ohne eine Minute lang ungedeckt im Freien zu stehen; und das war jetzt zu gefährlich. Er stieg aus seinem Fallschirm und lief, den Fallschirm hinter sich herziehend, zum Rand der Kuppe. Er fand eine mit Schlingpflanzen bedeckte Mulde, kroch hinein und hockte, schweißgebadet und von Insekten umgeben, im Blattwerk. Er schaute auf die Fliegeruhr, entsicherte seine Pistole. Entweder hatte die Patrouille Schwierigkeiten, sich durch das Gestrüpp zu hacken, oder sie wartete auf den Rettungstrupp. Er entdeckte einen schwärzlichen Krater keine zehn Meter entfernt. Wahrscheinlich war dort eine fehlgegangene Rakete oder eine Granate explodiert, auf jeden Fall bot es bei einem Feuergefecht eine bessere Deckung als Schlingpflanzen und Blätter. Er hastete auf allen vieren über schwarze Wurzeln vorwärts und rollte in das Loch.

Drinnen lag eine verkohlte Leiche, mit leeren Augenhöhlen und eingebranntem Gesicht. Ein Vietcong, nach den Sandalen zu urteilen. He, Schrumpfkopf, dachte er, du kannst mich mal. Er schaute wieder auf die Uhr. Die Luft war schwülheiß. Und so still. Es schien, als könnte er hier ruhig aufstehen und warten. Wieder ein Blick auf die Uhr. Larry. Larrys Frau. Wenn draußen vor einem Haus in der Siedlung eine Limousine der US-Luftwaffe vorfuhr und zwei Beamte langsam aus dem Wagen stiegen, dann wußten die Frauen sofort, was das zu bedeuten hatte. Ellie würde »O nein« flüstern. Dann sah er die Phantoms hoch oben am Himmel. Er schaltete seinen Pieper ein. Dort oben würden sie in rund achtzehnhundert Meter Höhe einen Bogen schlagen, und die langsamere Maschine würde direkt Kurs auf die Anhöhe nehmen. Die Propellermaschine des Rettungstrupps, ein häßliches, plattnasiges Monstrum, strich über den Dschungel. Sie würde bald einen engen Kreis in etwa sechshundert Meter Höhe fliegen und so den mittleren Rang der ganzen Rettungsaktion bilden.

Dann ein Dröhnen in geringer Höhe – Hubschrauber im Anflug. Er würde sich jetzt zeigen müssen. Da begann die schwere Propellermaschine das ausgezirkelte Areal mit 20-Millimeter-Kanonen unter Feuer zu nehmen. Er drückte den Kopf gegen die verbrannte Erde und zählte bis dreißig. Die beiden Helis, grüne, insektengleiche Gebilde, erschienen über dem Rand des Waldes. Für solche Rettungsaktionen aus der Luft brauchte man eiserne Nerven. Die MG-Schützen saßen direkt an der offenen Tür. Er setzte seinen Helm wieder auf, sprang aus dem Krater und lief in die Mitte der Lichtung. Einer der Hubschrauber kam über den Waldrand und machte Anstalten zu landen.

Von der anderen Seite der Lichtung kam ein gleißender Blitz. Schatten bewegten sich im Blattwerk. Einer der MG-Schützen kippte nach hinten und hielt sich den Hals. Der Hubschrauber stieg wieder höher und zog sich unter anhaltendem feindlichem Feuer an den Waldrand zurück. Dann flog er erneut mit Bord-MG und Raketenwerfer gegen die Lichtung an. Sie beschossen systematisch die andere Seite der Lichtung. Die Propellermaschine stieg höher. Eine Kette von A-1 Skyraiders kam vor ihm im Tiefflug herunter und begann, Raketen abzuschießen. Sie kamen geradewegs auf ihn zu, keine vierzig Meter links und rechts von ihm, die Luft war ein einziges Dröhnen. Er legte sich flach auf den Boden, der Kopf schmerzte ihm von den Druckwellen der Explosionen. Die Skyraiders hoben ab, kippten die Flügel. Rauch stieg aus dem Dschungel. Zeit, sich zu bewegen. Er konnte nicht glauben, daß der Vietcong das Feuer überlebt hatte. Ein Hubschrauber senkte sich, während der andere mit hoher Geschwindigkeit die Lichtung umkreiste, der MG-Schütze weiterhin feuernd. Er lief durch das niedergedrückte Elefantengras auf den ersten Hubschrauber zu, der in Hüfthohe über dem Boden schwebte. Der Schütze an der Tür machte ihm ein Zeichen, in Deckung zu gehen, dann strichen MG-Salven über ihn. Er kroch auf Händen und Füßen weiter, noch dreißig Meter bis zum Hubschrauber. Feuer kam von allen Seiten, Salven prallten gegen den Hubschrauber. Er schaute sich um und sah einen Vietcong, die Panzerfaust im Anschlag, aus dem Dschungel treten. Der MG-Schütze winkte dem Piloten, aufzusteigen. Da stand er auf, um die letzten fünfzehn Meter zu laufen. Etwas pfiff an ihm vorbei, und gleich darauf schlugen Flammen aus dem Hubschrauber. Die Tür an der Pilotenseite wurde herausgesprengt und die Windschutzscheibe zerbarst. Er fiel auf die Knie. Die Rotoren des Hubschraubers kamen in einem Feuerball zum Stehen, und die ganze Maschine sackte zu Boden. Brennende Männer sprangen ins Gras und schlugen um sich. Eine Gluthitze brandete ihm entgegen, er rannte vom Feuer weg. Dann explodierten die Tanks, und er wurde zu Boden gedrückt, ein brennendes Rad landete gleich neben ihm.

Er lag still, wartete.

Schüsse ratterten aus automatischen Waffen. Schreie von Männern. Die Schüsse ließen nach. Stimmen, die nach etwas suchten. Er stellte sich tot. Noch zwei Schüsse, pop, pop. Stimmen, immer näher kommend. Nun knallt mich schon ab. Schade, Ellie, ich dachte, ich würde es doch noch schaffen. Ben, Julia, meine lieben Kinder. Stimmen im Gras. Man packte ihn an den Fußgelenken und drehte ihn um. Ihre Blicke trafen sich. Dann schlugen sie ihn mit ihren Gewehren, er kannte das.

 

Auftauchen aus tiefem Dunkel. Schräges Licht, diffuse Geräusche. Er merkte, daß er noch lebte. Dann spürte er den Schmerz, irgend etwas stimmte nicht mit seinem Rücken. Er schlug die Augen auf und sah, daß er in einer niedrigen Bambushütte auf einer Kiste saß, die Hände gefesselt vor sich. Seine Überlebensweste und seine Pistole waren nicht mehr da. Er fühlte sich benommen. Ein nordvietnamesischer Offizier las stockend aus einem schmalen Buch vor. Ein Dolmetscher, ein kleiner Mann mit froher Miene, stand neben ihm. Der Offizier las ein paar Sätze aus dem Buch, und der Dolmetscher übersetzte: »Du nicht mehr in die USA zurückkehrst, du mußt das erkennen. Die Demokratische Republik Vietnam kämpft seit fünfzig Jahren. Wir Vietnamesen kämpfen seit zweitausend Jahren für unsere Unabhängigkeit. Gegen die Mongolen, Japaner, Franzosen, Amerikaner, du siehst, es macht keinen Unterschied. Die Regierung deines Landes versteht das nicht. Deshalb du nicht zurückgehst in die USA. Captain Charles Ravich, du bist ein Kriegsverbrecher. Ich sage dir, wenn du das einsiehst, wir lassen dich in Frieden, wenn nicht, du erhältst eine Strafe. Das kann schmerzhaft sein. Deine Armee bringt den Tod für viele Genossen von uns. Wir sind ein kluges und ein gutes Volk. Du kennst uns nicht. Wir erwarten nicht, daß du dich sofort entscheidest. Aber du nimmst an unsere Ideologie, früher oder später. Wir wissen, deine Vorgesetzten haben dir gesagt, diesen Schritt nicht zu tun und zu widerstehen. Ich sage dir, Charles Ravich, höre auf dein Herz und nicht, was deine amerikanischen Vorgesetzten sagen. Verstehst du mich?«

Wortwechsel in Vietnamesisch.

»Was für ein Kampfflugzeug fliegst du?«

Fast flüsternd nannte er seinen Namen, Rang und seine Dienstnummer.

»Das wissen wir schon, wir haben dein Rangabzeichen am Kragen gesehen. Ich frage, was für ein Flugzeug?«

Er wiederholte, was er bereits gesagt hatte.

»Das Flugzeug. Sag uns.«

»Nein.« Er blickte den Dolmetscher an. Wenn sie glaubten, daß er die Seiten wechseln würde, hatten sie sich in ihm getäuscht. »Das werde ich nicht.«

»Wir können warten eine Weile, Charles Ravich. Du überlegst. Denke vielleicht daran, wo du jetzt bist.« Der Offizier verließ die Hütte. Die Frage nach dem Flugzeug war nur der Anfang. Sie wußten, daß er eine F-4 geflogen hatte. Der Dolmetscher saß auf einer Binsenmatte, das Gewehr neben sich.

»Sag«, fuhr der Dolmetscher fort, »du redest.« Ein Soldat brachte ihm Wasser und einen klebrigen, faserigen Brei – gestampften Reis mit Bambussprossen. Der Soldat bedeutete ihm zu essen. Hungrig, wie er war, begann er sofort mit den Fingern zu essen.

Danach fühlte er sich besser. Er wußte nun, woran er war. Jetzt hieß es, alle körperlichen und psychologischen Torturen ertragen, bis er entweder den Verstand oder das Leben verlor. Jetzt bloß keine Aussagen machen, die propagandistisch ausgeschlachtet werden konnten. Sollte er an den Punkt kommen, sprechen zu müssen, dann würde er lügen oder nur wertlose Informationen preisgeben. Schwer abzuschätzen, wie raffiniert sie waren. Manche Nordvietnamesen waren auf französische Schulen und Universitäten gegangen, andere waren Opportunisten, wieder andere kommunistische Eiferer. Er konnte ihnen sagen, daß seine Eltern Schweinezüchter in Iowa waren. Wo befand er sich genau? Etwas nördlich der entmilitarisierten Zone? Oder in Ostlaos? Auf jeden Fall in einem Gebiet, wo ein nordvietnamesischer Offizier problemlos in Uniform umherspazieren konnte, aber weit genug südlich, daß Vietcong als Soldaten dienten. In der letzten Minute hatte er seinen Kurs nicht mehr kontrolliert. Ein paar Grad auf dem Kompaß konnten Befreiung oder langjährige Haft bedeuten. Genaueres war jetzt nicht zu erfahren. Er mußte jetzt auf Essen und medizinische Versorgung bestehen. Je besser seine körperliche Verfassung, desto länger würde er Strafen ertragen. Die US-Luftwaffe trainierte die Piloten dahingehend, unter Folter nichts preiszugeben, ging aber im Stillen davon aus, daß es doch passieren konnte. Jeder Mensch hat einen Punkt, an dem er bricht. Das militärisch relevante Wissen konnte in drei Kategorien gegliedert werden: Von größter Wichtigkeit waren das Waffensystem und die militärische Kapazität, denn die UdSSR und Rotchina hätten daraus nützliche Informationen für andere Konfliktregionen der Erde gewinnen können; ebenfalls wichtig waren Details über die einzelnen Einsätze und das dahinterstehende strategische Ziel; nur geringe Bedeutung kam hingegen Ausbildungstechniken und der Politik der US-Luftwaffe zu – solche Informationen wurden unter Folter als erste preisgegeben. Je länger ein gefangener Pilot, wurde er nicht sofort nach Hanoi gebracht, überlebte, desto mehr wuchs seine Chance, von amerikanischen oder verbündeten südvietnamesischen Truppen befreit zu werden.

 

Nach mehreren Stunden kam der Offizier zurück. Er öffnete eine schmale Akte.

»Captain Charles Ravich, wir fangen an.«

Er hob den Blick.

»Wir bringen dich auf einen großen Pfad, sobald repariert. Bald. Nun höre zu –«

»Ich bin Kriegsgefangener und amerikanischer Offizier. Ich –«

»Charles Ravich, du bist ein Kriegsverbrecher. Ich erkläre bereits vorhin. Wir informieren dich vor der schwierigen Frage. Zeige dem Kriegsverbrecher Charles Ravich das erste Foto.« Der Soldat brachte drei schmale, in schwarzes Leder gebundene Alben.

»Das erste Foto zeigt Jungen, der neben der Eisenbahnlinie steht, als eure Kampfflugzeuge attackieren.« Der Offizier trat zu ihm, legte ihm eine Hand um den Nacken und zwang ihn, sein Gesicht ganz nah an die kleinen, quadratischen Farbfotos zu bringen. »Die Bilder zeigen, was eure Bomben in meiner Heimat anrichten, Charles Ravich. Das ist nur ein kleiner, ein sehr kleiner Beweis. Du bist verantwortlich. Viele Tote, zu viele. Schau auf das nächste Foto ... Zweiundsechzigjährige Frau. Sie repariert gerade ihr Haus, als eure Bomber angreifen. Siehst du, das ist Napalm. Sie lebt danach noch vier Tage, dann ist sie tot. Nun, du kennst das westliche Denken. Der Mensch ist die Summe seiner Taten. Der Mensch muß Verantwortung tragen. So denkt der Westen. Ich sage dir, als Mensch zu Mensch, warum tust du uns das an, warum wirfst du Bomben auf unsere Kinder? Menschen in meiner Heimat sterben. Du sagst, vielleicht ist das die normale Art und Weise, einen Piloten und Kriegsverbrecher zu behandeln. Nein. Ich bemühe mich, höflich mit dir zu sein, Charles Ravich. Aber ich sage dir auch, ich möchte dich töten, rasch. In meiner Familie sind sie alle Bauern. Nun frage ich dich – hast du einen kleinen Sohn? Eine kleine Tochter? Ah, dein Gesicht ändert sich. Tochter. Nun frage ich dich ... nächstes Foto! Ist es das, wohin deine Verantwortung führt? Das da! Nächstes Foto! Und das da. Das sind eure Taten. Du bist ein Mann des Westens, du kennst die Verantwortung des einzelnen. Warum du machst dich selbst zum Verbrecher?«

Nach dem ersten Album zeigte man ihm noch zwei weitere. Er erkannte Gebäude und Anlagen im Hintergrund. Eisenbahnschuppen. Brücken. Lkw-Depots. Gleisanlagen. Er hatte sie schon einmal gesehen. Er hatte sie zerbombt.

 

Abenddämmerung. Mücken schwirrten um eine Lampe, die vom Bambusdach herabhing. Der Offizier tupfte sich mit einem Taschentuch den Mund ab. Stunden vergingen. Sein Rücken wurde immer steifer. Ein Soldat kam in die Hütte und sprach sehr schnell. Irgendein Notfall. Man band ihm einen schmutzigen, nach Benzin riechenden Lappen um die Augen. Er hörte draußen ein fegendes Geräusch, wie wenn ein Besen über Kehricht streicht. »Runter!« schrie der Dolmetscher und schlug Charlie ins Gesicht. Er ging in die Knie und spürte die bloße Erde. »Da hinein!« schrie der Dolmetscher. Er bekam einen Fußtritt in die Rippen, man drängte ihn in eine Grube – diese Schweine wollten ihn in einer Grube umbringen. Er kannte seine Kinder noch gar nicht richtig, er hatte sie ja kaum gesehen. Er kroch vorwärts und befand sich plötzlich in einem engen Gang. Jemand stieß ihn von hinten, und wieder hörte er das fegende Geräusch. Seine Schultern stießen an die Tunnelwände. Während er auf Händen und Knien vorwärtskroch, schrie eine Stimme hinter ihm »Nanh len!« Beeilung. Er tastete die Wände ab, um Breite und Höhe des Tunnels auszumachen. Erstaunlich regelmäßig gebaut. Der Boden unter Händen und Knien fühlte sich kühl und fest an. Kein Licht. Jemand schlurfte hinter ihm her und stieß ihn mit einem Gewehr vorwärts. So krochen sie eine ganze Weile weiter. Die Hände taten ihm bald weh. Die gebückte Haltung bereitete ihm noch mehr Schmerzen – irgendein Wirbel in der Kreuzgegend mußte angeknackst, angeschlagen oder gebrochen sein. In wiederkehrenden Abständen stieß er auf flache Holzleisten, möglicherweise zur Entfernungsangabe. Er versuchte die Schritte zwischen den Leisten zu zählen, geriet aber durcheinander, als der Tunnel sich senkte und einen Bogen machte. Einmal hörte er Wasser rauschen. Dann vernahm er Stimmen, nahe und ferne, ein geisterhafter Singsang, Lachen und Flüstern, vielleicht auch das Weinen eines Babys und hin und wieder das Piepsen eines Kurzwellenradios. Die vietnamesischen Bergdörfer. Er kam an Tunnelkreuzungen, wie er aus den Echos und dem leichten Windzug schloß, der ihn umhauchte. Mit dem Gewehrlauf bedeutete man ihm, in welche Richtung er zu gehen habe. Die Luft roch erst frisch, dann modrig. Unterirdische Gräber, das sah dem Vietcong ähnlich. Die Toten verstecken, damit das Ausmaß der Verluste unklar blieb. Oder roch es nur nach faulem Fisch? Der Tunnel hob und senkte sich, bog in eine andere Richtung ab. Dann hörte er gewaltiges Donnern, das aus der Mitte der Erde zu kommen schien. Die Tunnelwände erzitterten. Instinktiv ging er flach zu Boden. »Nanh len!« schrie der Soldat hinter ihm und stieß ihn mit dem Gewehrlauf. Er stemmte sich auf die Knie und kroch vorwärts. Ab und zu blieb er an Wurzeln hängen, während der dröhnende Lärm in Wellen näherkam und das Erdreich immer tiefer und stärker erschütterte. Er stieß an eine Erdwand. Der Soldat versetzte ihm einen Stoß, packte ihn dann an der Schulter und wies ihm den Weg. Er hörte den Atem des Soldaten, das Gemurmel auf vietnamesisch, vielleicht zählte der andere die Abstände und horchte auf die Explosionen über der Erde. Sie kamen näher. Wie tief lagen die Tunnel? Feuchtigkeitsgehalt des Erdreichs, Detonationshöhe ... Er versuchte, sich daran zu erinnern, wie tief eine 250-Kilo-Bombe den Boden aufwühlt. Die B-52-Bomber luden auch manchmal 500-Kilo-Bomben ab ... Das Donnern schien fast über ihnen zu sein. Der Soldat sang in seiner Angst irgendein Lied und schien auf Antwort zu warten. Er verstand – ein Tunnel entfernte sich von der Flugbahn der Bomben, der andere lag gerade darunter. Die Erde bebte. Er stützte sich auf Hände und Knie und blieb wie gelähmt in dieser Position, vor sich nur Dunkel und Schwaden heißer, dumpfiger Luft.

»Nanh len!« rief der Soldat erneut und zerrte ihn nach links. Er stürzte vorwärts, über ihm donnerndes Getöse, gefolgt von einem Hitzeschwall. Dann Stille. Die beiden Männer hielten kurz inne, ehe sie weiterkrochen.

Licht. Geruch von brennendem Kerosin. Der Gewehrlauf bohrte sich in ihn, wenn er stehenblieb. Stimmen, die vietnamesisch sprachen. Etwas traf ihn zwischen die Rippen – ein Stock? Gelächter. Mit seinen Händen fühlte er Juteleinen, Reiskörner. Ölgeruch, irgendwo wurde Metall gefeilt. Dann wieder Dunkel. Das Schlurfen seines Wächters hinter ihm und seinen eigenen Atem, sonst hörte er nichts. Während er Stunde um Stunde schwitzend weiterkroch, hatte er das Gefühl, als dringe der Schmutz nach und nach durch alle Poren in ihn ein. Eine Kruste aus Schmutz bedeckte sein Gesicht. Der Fallschirmabsprung aus der F-4 schien schon Tage her zu sein. Ich gewöhne mich schon ein, Ellie, ich gewöhne mich viel zu schnell.

Eine Hand packte ihn am Fuß. Mit dem Gewehrlauf wurde ihm die Richtung nach oben in das von Fliegengesumm erfüllte Freie gewiesen.

Ein Soldat nahm ihm das Tuch vor den Augen ab. Er stand nun auf einem dunklen Dschungelpfad. Man legte ihm eine Schlinge um den Hals. Sein Kreuz tat ihm weh, doch er versuchte seinen Schmerz nicht zu zeigen, damit sie es nicht gegen ihn ausnutzen konnten. Jetzt, einige Stunden nach der Morgendämmerung, drang kein direktes Sonnenlicht mehr durch das dichte Blätterdach. Überall wuchernde Vegetation. Von den Blättern tropfte es. Er sog die dicke, feuchte Luft ein. Scharen von Fliegen und Mücken umgaben ihn in dichten Wolken. Die Männer banden ihm die Arme auf den Rücken. Sofort empfand er einen stechenden Schmerz, und Haß gegen seine Peiniger stieg in ihm auf. Er spürte, wie der Schweiß durch seinen Fliegeranzug troff, seine Achselhöhlen und seine Leistengegend wundscheuerte. Zu gern hätte er sich gekratzt, die Arme losgemacht. Aber die Stricke schnitten sich so tief in seine Handgelenke, daß er schon nach ein paar Minuten taube Finger hatte.

Ein Trupp Soldaten kam mit elastischen Schritten den Pfad entlang, jeder in einer pyjamaähnlichen schwarzen Uniform und mit einem AK-47-Gewehr auf dem Rücken. Mit ihnen ging ein B-52-Pilot, das erkannte er an dem Fliegeranzug. Man hatte ihm eine Schlinge um den Hals gelegt. Er überragte die Soldaten um Haupteslänge. Sein Gesicht kam ihm bekannt vor, vielleicht hatten sie vor Jahren einmal eine Ausbildungsklasse zusammen absolviert. B-52-Bomber wurden selten abgeschossen, aber es war nicht unmöglich. Im Tiefflug waren die riesigen Maschinen leichte Ziele, zumal sie nur schwerfällig reagierten, wenn sie unter Flakfeuer gerieten. Der Pilot trug einen blutdurchtränkten Verband um Mund und Kiefer. Vielleicht stammte er sogar von einer der Maschinen, die in der Nacht zuvor im Einsatz waren. Er ging unsicher und mit schlurfenden Füßen, wobei sein Kopf hin und her baumelte, als ob irgend etwas in seinem Hals lose wäre.

»Der Mann braucht einen Arzt.« Er fragte sich, ob seine Bewacher überhaupt Englisch verstanden.

»Du gehst«, sagte ein Vietcong-Soldat und stieß ihn auf den Pfad.

»Ich brauche Verbandsmaterial und Wasser. Wenn man mir die Hände losbindet –«

Der Vietcong legte den Lauf seines Gewehrs ans Ohr des verwundeten Piloten und gab dadurch zu verstehen, daß er den Mann so oder so erschießen würde.

 

Nach drei Stunden unausgesetzten Marschierens brach der verwundete Pilot auf dem Pfad zusammen. Der Vietcong schrie und trat nach ihm, um ihn zum Aufstehen zu bewegen.

»Gebt ihm zu trinken«, sagte Charlie.

Der Vietcong schnitt ein paar Schlingpflanzen ab und baute daraus eine primitive Trage. Der Pilot stöhnte auf, als man ihn darauf rollte.

Durch die Fesselung war alles Gefühl aus Charlies Händen gewichen. Der Schmerz begann an den Ellbogen, stieg die Arme hinauf, strahlte in die Schultern und stach ihm in die Brust. Er versuchte, die Finger zu bewegen, damit die Durchblutung wieder in Gang kam. Vergeblich. Wenn man ihm je die Stricke abnehmen sollte, würde es Stunden dauern, bis er die Arme wieder gebrauchen konnte. Noch schlimmer aber war der Durst. In der brütend heißen Luft hatte er drei bis dreieinhalb Liter ausgeschwitzt, ohne auch nur einen Tropfen getrunken zu haben. Die Kehle war ausgedörrt, die Lippen wund. Seine Blase war leer. Zweige und Ranken peitschten ihn; aus Striemen und Schnitten blutete es. Summende Insekten ließen sich auf sein Gesicht nieder. Eine Zeitlang konzentrierte er sich darauf, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Eins und zwei. Und eins und zwei, sag es dir einfach immer wieder. Eine blöde Trainingshilfe beim Football. Eins und zwei. Der Boden war dunkel und feucht. Der Pfad sah sehr ausgetreten aus. Er war froh, daß ihm die Soldaten nicht die Fliegerstiefel mit den Stahlbeschlägen weggenommen hatten. Wie konnten die Vietcong nur in ihren dünnen schwarzen Turnschuhen marschieren? Er hörte, wie sein Landsmann stöhnte und nach Leuten rief, die nicht hier waren.

Der Pfad ging mehrere Kilometer bergab, bis sie einen breiten Fluß erreichten. Glänzende schwarze Insektenlarven hingen zu Tausenden von den Zweigen. Die Bäume waren regelrecht von einer feucht-klebrigen Nässe bedeckt. Beim Vorüberstreifen lösten sich die Tiere haufenweise von den Bäumen und fielen auf die Männer herab. Er schüttelte sich, doch die Larven blieben an ihm hängen, drangen durch den Stoff und zwickten ihn mit ihren Zangenmäulern. Sie befielen auch die Vietcong, doch denen schien es nichts auszumachen. Über die schmutziggrüne Flut spannte sich eine Hängebrücke aus Bambus, Schlingpflanzen und Stacheldraht. Der nur zwei Fuß breite Boden der Brücke bestand aus Stahlstücken, die zu Streifen von rund vier Metern verbunden waren – alte Raupenketten eines Panzers. Als sie das andere Ufer erreicht hatten und auf trockenem Boden standen, brach einer der Soldaten die Hülle einer Granate, entfernte den Sprengstoff und vermischte ihn mit einem anderen Pulver, das er ebenfalls bei sich trug. Er tat die Mischung in ein großes grünes Blatt und zündete das Ganze mit einem Gasfeuerzeug an, das mit dem Zeichen der Miami Dolphins verziert war. American Football League. Don Shula. Beißender Rauch verbreitete sich. Der Soldat sagte etwas auf vietnamesisch und ging dann mit dem qualmenden Blatt durch die Reihen der Männer. Die Larven fielen ab, und der Marsch ging weiter.

Dann erreichten sie einen alten, erhöhten Fahrdamm. Die Wächter eilten, nach rechts und links spähend, über das offene Feld. Auf der anderen Seite stand im hohen Gras das verrostete Wrack eines Bulldozers, den man auf der Suche nach Ersatzteilen ausgeschlachtet hatte. Ein Überbleibsel der Kolonialzeit, als die Franzosen vergeblich versucht hatten, ein Straßensystem zu errichten. Sie hatten hundert Jahre in Vietnam verloren, ein Jahrhundert von Sonnenuntergängen.

Eine Stunde später banden die Männer ihm die Arme los, ließen aber die Schlinge um seinen Hals. Die Arme fielen ihm an den Seiten herab und baumelten schlaff. Es war mühsam, so zu gehen, und er wartete darauf, daß wieder Gefühl in die Arme kam. Der Pfad wurde jetzt breiter und ebener, schmalere Wege zweigten vom Hauptpfad ab. Es war, als ob sie eine unsichtbare Grenze überschritten hätten, denn die Bäume waren plötzlich verbogen, teilweise zerfetzt. Haufen von braunen, abgestorbenen Blättern hingen von den Zweigen, und Licht fiel in seltsamen Mustern durchs Blattwerk. Die Landschaft öffnete sich zu einem Tal.

Vor ihm war der Boden über Hunderte von Metern schwarz und von Kratern übersät, als ob der Planet Erde mit etwas Verheerendem zusammengestoßen wäre, das eine gewaltige Schleifspur hinterlassen hatte. Verkohlte Baumstämme ragten tot und kahl in die Luft. Vögel flogen lautlos vorüber, und graublauer Rauch hing über Bodensenken. Hier und da erkannte man unter aufgeworfenen Erdklumpen die Reste einer Hütte, zerbrochenes Geschirr, verschütteten Reis, das Rad eines Fahrrades.

Die Soldaten zogen am Strick um seinem Hals und trieben ihn weiter. Er hob die Augen und verstand, warum er keine Menschen gesehen hatte. Ein Bach verlief unterhalb des Dorfes. Die schlammigen, aufgewühlten Ufer waren von Leichen gesäumt. Wie in einem erstarrten Höllenspektakel lagen sie kreuz und quer, verstümmelt übereinander. Frauen, Kinder, Greise, die Bäuche aufgedunsen, halb verwest. Über den Körperpartien, die aus dem Wasser ragten, bildeten sich Schwärme von Fliegen, die sich im nassen schwarzen Haar, auf den Genitalien, auf Zehen, Nasen und Knien niederließen. Und eins und zwei. Weiter flußabwärts lagen fünf tote Wasserbüffel in den Fluten. Sie schienen feist und wohlgenährt. Auch dort Fliegenschwärme. Er wußte, warum sich die Dorfbewohner alle an einer Stelle konzentrierten. Die B-52 hatten bei langsamer Geschwindigkeit ihre Last abgeworfen und einen Bombenteppich gelegt. Die großen grünen Echsen waren so hoch geflogen, daß keine Warnung für das Dorf möglich gewesen war. Die Bewohner waren dann vor der heranrollenden Feuerwalze geflohen und hatten die Wasserbüffel vor sich über den Fluß getrieben. Dort hatten die Bomben sie dann eingeholt.

Der Soldat stieß ihn mit dem Gewehrlauf. Sie gingen weiter.

 

Die Soldaten marschierten nach Westen, bis sie einen hochgelegenen Bergsporn erreichten. Er war hungrig und erschöpft, doch immerhin spürte er seine Hände wieder. Er vermutete, daß die Soldaten auf dem Weg nach Laos waren, da sie einen klaren Kurs nach Westen, auf den Höhenkamm zu, verfolgten, der die Ostgrenze markierte. Während die Dämmerung fiel, stiegen sie immer höher den Bergsporn entlang. Er brauchte etwas zu essen und Schlaf. Die Nacht war klar. Hinter ihm nach Süden und Osten erstreckte sich das wellige Land in der Dunkelheit. Dann setzten die Soldaten den anderen Piloten ab und begannen, ein Lager aufzuschlagen. Sie aßen kalten, pappigen Reis und legten sich abwechselnd schlafen. Man setzte ihn in die Nähe einer abschüssigen Stelle, die Arme an einen Baumstamm gebunden, so daß er sich bei jeder Bewegung an der Rinde wetzte. Er bekam eine Schale Reis.

Mitten in der Nacht sah er vielleicht dreißig Kilometer südlich eine gewaltige, lautlose Explosion aufgehen. Nur ein großer Feuerschein, der plötzlich aufblitzte, gefolgt von kleineren Explosionen, jede von geisterhafter Schönheit und in der Entfernung völlig lautlos. Am Morgen war er sich nicht sicher, ob er es geträumt und ob er überhaupt geschlafen hatte.

Er vermißte seine Kinder, ihre Münder, Nasen und Augen. Daddy, Daddy.

 

Am folgenden Tag kamen sie in ein Dorf. Man schleppte ihn in einen Pferch mit einem verzinkten Trog. Der Boden war mit großen Kotfladen übersät. Auf einer Seite standen, mit ihrem Schwanz träge um sich peitschend, drei große Wasserbüffel bis über die Hufe im Morast. Ein älterer Vietcong-Soldat versuchte ihm wieder mit Hilfe des schmalen Buchs, das auch der erste Offizier benutzt hatte, die Geschichte Vietnams als jahrtausendelangen Abwehrkampf gegen Feinde von außen beizubringen: Dschingis-Khan und die Mongolen, die Chinesen, die japanischen Faschisten, die französischen Imperialisten und jetzt die Amerikaner. Jedes feindliche Land, so erklärte der Soldat in seinem eigentümlichen Singsang, habe einen Vorwand zum Krieg gehabt – der Zugang zu den Gewürzstraßen, der christliche Glaube, die französische mission civilisatrice,