Wall Street Murder – Schmutzige Geschäfte - Colin Harrison - E-Book

Wall Street Murder – Schmutzige Geschäfte E-Book

Colin Harrison

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Beschreibung

Im Schatten großer Träume lauert der tiefste Fall… Unter dem Deckmantel einer Reinigungsfirma betreibt Jin Li in New York ein weltweites Netz der Industriespionage – doch als zwei Mitarbeiterinnen brutal ermordet werden, ist klar: Jemand will sie zum Schweigen bringen. Während Börsenkurse ins Wanken geraten und Spekulanten in Panik verfallen, gerät Jin Li in einen tödlichen Machtkampf zwischen der Finanzelite, Gangstern und Geheimdiensten. Ihr Ex-Freund Ray, ein ehemaliger Feuerwehrmann, wird eingeschaltet, um sie zu finden und zu schützen. Seine Suche führt von der Wall Street bis in die dunklen Abwasserkanäle Manhattans, wo Leichen und Verrat auf ihn warten. Als Ray Jin Li aus den Hände von skrupellosen Gangsters retten muss, wird klar: In New York ist niemand sicher – und der Tod lauert überall. Ein rasanter Thriller über Verrat und Überleben für alle Fans von John Grisham.

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Seitenzahl: 532

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Unter dem Deckmantel einer Reinigungsfirma betreibt Jin Li in New York ein weltweites Netz der Industriespionage – doch als zwei Mitarbeiterinnen brutal ermordet werden, ist klar: Jemand will sie zum Schweigen bringen. Während Börsenkurse ins Wanken geraten und Spekulanten in Panik verfallen, gerät Jin Li in einen tödlichen Machtkampf zwischen der Finanzelite, Gangstern und Geheimdiensten. Ihr Ex-Freund Ray, ein ehemaliger Feuerwehrmann, wird eingeschaltet, um sie zu finden und zu schützen. Seine Suche führt von der Wall Street bis in die dunklen Abwasserkanäle Manhattans, wo Leichen und Verrat auf ihn warten. Als Ray Jin Li aus den Hände von skrupellosen Gangsters retten muss, wird klar: In New York ist niemand sicher – und der Tod lauert überall.

eBook-Neuausgabe Oktober 2025

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2008 unter dem Originaltitel »The Finder« bei bei Farrar, Straus and Giroux, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Im Schlund des Drachen« bei Droemer.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2008 by Colin Harrison

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 der deutschsprachigen Ausgabe bei Droemer Verlag. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München.

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Published by arrangement with Farrar, Straus and Giroux, New York.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Sergey Nivens und AdobeStock/Krystian

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)

 

ISBN 978-3-69076-780-4

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Colin Harrison

Wall Street Murder – Schmutzige Geschäfte

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Anke und Eberhard Kreutzer

 

dotbooks.

Meiner Mutter und im Gedenken an meinen Vater

Kapitel 1

 

Drei Mädchen nachts in einem Wagen auf dem Weg zum Strand von Brooklyn. Zwei sind Mexikanerinnen, etwa neunzehn und zwanzig Jahre alt, jung und hübsch – wie viele mexikanische Mädchen in New York. Glattes schwarzes Haar, weiche Gesichter, gutgläubiger Optimismus, den die Schufterei noch nicht gebrochen hat. Die Mädchen sitzen in ihren blauen Dienstuniformen mit CORPSERVE-Abzeichen an der Brust gemütlich in dem kleinen Toyota und brausen den Belt Parkway hinunter. Die fünfzehn Jahre alte Klapperkiste ist nicht versichert und trägt ein abgelaufenes Kennzeichen aus dem Bundesstaat Georgia; ihr Marktwert liegt bei hundertfünfundzwanzig Dollar. In New York kann man einen solchen Wagen jederzeit kaufen und wieder verkaufen. Wen interessiert schon der Papierkram? Das ist was für Leute mit viel Knete. Diese mexikanischen Mädchen haben kein Geld. Sie putzen Büros in Manhattan. Ihr Tag beginnt abends um sieben, demnach könnte es jetzt fünf Uhr morgens, kurz vor Sonnenaufgang sein. Fast jede Nacht, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig sind, gehen sie aus, womit sie sagen wollen, seht her, so schnell sind wir nicht kleinzukriegen. Am Strand bleiben sie ein paar Minuten im Wagen sitzen, dann machen sie kehrt und fahren zu dem Haus an der Avenue U, in dem sie mit neun anderen Leuten wohnen. Wieso fahren sie mit dem Auto? Da, wo wir wohnen, gibt’s keine U-Bahn. Und der Bus, der braucht ewig. Also fahren die Mädchen mit dem Auto. Oft rauchen sie ein bisschen Pot, das ihnen ein paar Jungs geschenkt haben, und kichern. Machen das rissige Schiebedach des Wagens auf und lassen den Rauch nach oben entweichen. Sie genießen ihre Freiheit, ihre schwer verdienten Kröten, ihre provisorische Zugehörigkeit zu Amerika. Sie rauchen, trinken ein bisschen, hören Radio. Kichernde, nette Mädchen, aber zäh – zäher als die Amerikanerinnen. Illegal ins Land gekommen. Jede mit einer gefälschten Greencard, für die sie hundertfünfzig Dollar hingeblättert hat. Sie haben den Sprung gemacht und sind noch nicht zermürbt, haben sich noch keinen Ehemann und Kinder aufgehalst. In einem der mexikanischen Bereiche des Marine Park treffen sie sich zu Grillpartys und zum Volleyball. Wenn ihnen danach ist, haben sie Kerle, und sie wissen, was die Männer glücklich macht. Sex – noch eine Art von körperlicher Arbeit. Ihre Mütter daheim in Mexiko wissen das alles nicht, wissen überhaupt sehr wenig. Pass ja auf dich auf!, flehen sie. Nueva York ist für Mädchen wie dich ein gefährliches Pflaster. Aber das stimmt nicht. Nicht hier, sondern in Mexiko finden sie die Mädchen mit gespreizten Beinen und verdrecktem Haar in der Wüste, nachdem die Insekten ihnen schon die Augen ausgefressen haben. New York City ist groß, hier wimmelt es von reichen dicken Amerikanern. Vielleicht heiraten die Mädchen nicht einmal mexikanische Männer. Wozu auch? Sie reden über die Männer in den Büros. Die großen, die im Anzug so gut aussehen. Du willst ihn vögeln, Mädchen, sieht doch jeder Blinde. No, no, es muy gordo, zu fett. Sie lachen. Bei Büroschluss sehen sie eine Menge mächtige Leute aus den Büros strömen. Männer und Frauen in Anzügen und Kostümen. Gepflegte Frisur, teure Armbanduhr. Frauen, die denken, sie sind was Besseres als wie wir. Eine Business-Welt zum Greifen nahe, direkt vor ihren kirschrot lackierten Fingernägeln. Angesichts der klaren Gliederung der amerikanischen Gesellschaft aber auch eine Welt, die sie wohl kaum je von innen sehen werden. Sie sind wie Nigerianer in London, Marokkaner in Paris, Koreaner in Tokio, Philippiner in Riad – Außenseiter in ihrer neuen Heimat. Ihr einziges Kapital ist ihre Jugend und ihre Bereitschaft zu leiden, doch dieses Kapital werden sie irgendwann verspielen, so wie sie alles verspielen werden, einschließlich ihres Lebens. Bei Lichte betrachtet, verspielen sie alles eher früher als später.

Genau genommen heute Nacht. Noch vor Sonnenaufgang. In wenigen Minuten.

Das dritte Mädchen im Wagen, das hinten sitzt, ist älter, eigentlich kein Mädchen mehr. Eine reizende, schlanke Chinesin. Spricht allerdings fließend Englisch. Sie hat ein bisschen Spanisch gelernt, mit mexikanischem Akzent. Sie ist die Chefin der Mexikanerinnen. Zuerst hatten sie Angst vor ihr, doch inzwischen mögen sie die junge Chinesin, auch wenn sie sich, wegen des Akzents, auf Englisch kaum miteinander verständigen können. Du redest Chinglisch mit uns, sagen sie lachend. Sie heißt Jin Li, und sie nennen sie Miss Jin, es klingt wie Missadschin. Sie ist sehr hübsch, typisch chinesisch, zart gebaut, mit einem schönen Gesicht. Aber so nervosa! Sie hat einen Kontrolltick. Sagt ihnen genau, wo sie die vollen Müllbeutel für die Lastenaufzüge hinstellen sollen. Was ist daran so wichtig? Sie liegen nicht auf der faulen Haut, sie leisten gute Arbeit. Entspann dich, haben sie ihr schließlich gesagt. Gehst du überhaupt mal aus? Sie schüttelte den Kopf, und sie sahen ihr an, dass sie Lust dazu hätte. Und jetzt tut sie es, so etwa einmal die Woche kommt sie mit. Das erhält die Freundschaft. Auch wenn die Mädchen wissen, dass Missadschin sie beobachtet. Sie ist still, sie behält jeden im Auge. Sicher, sie sind Außenseiter in Amerika, aber nicht so sehr wie Missadschin, auch wenn sie eine Menge Geld verdient und Englischunterricht nimmt. Sie hat sogar einen weißen Freund – vielmehr, hatte, so sicher ist das nicht zu sagen. Missadschin erzählt nicht viel über sich, als hätte sie etwas zu verbergen, als wäre sie eine Art Kriminelle, du weißt schon, was ich meine?

Die Putzkolonne ist gekommen und gegangen wie jeden Abend. Die Büroräume müssen gesaugt, die Abfalleimer geleert werden. Die Mädchen und die Büroangestellten wechseln wenig Worte – ein paar herablassende Dankeschöns, zuweilen ein knappes Nicken auf dem Weg nach draußen. Wer achtet in einer Firma schon auf das Reinigungspersonal? Und wieso auch? Es sind Putzen! Gelegentlich stoßen die Mädchen auf Büroangestellte, die über einer Pizza die Nacht durcharbeiten. Doch normalerweise schlägt ihnen Stille entgegen; das Geld wechselt über die Telefonleitungen und auf den Monitoren lautlos den Besitzer. Und wie’s aussieht, geht es um eine Menge Geld, um Millionen und Abermillionen. Der Marmorboden in der Lobby wird nachts poliert. Die Fahrstühle werden sauber gewischt, selbst die Lastenaufzüge mit ihren Stahlwänden, welche die Mädchen benutzen müssen. Der Teppichboden wird schamponiert. Der Typ von der Kaffeefirma füllt den kostenlosen Automaten mit vierundzwanzig Sorten Tee und Kaffee auf. Die indischen Computerjungs huschen durch die Reihen, bringen die Firewalls auf den neuesten Stand, löschen Spam, entfernen Viren. Bei jeder Aktivität geht es um Geld. Darum, wie man noch mehr verdient. Die Bildschirme werden gewischt – die Apparate sind neu. Geld. Das in jedem dieser Büros in großen Mengen verdient wird. Man kann es fast riechen. Die Mädchen lieben die Nähe von Geld. Tut das nicht jeder?

Inwiefern ist ihnen bewusst, dass die Abfälle, die sie jeden Tag in den Büros entsorgen, eine Papierspur aus Verkaufsabschlüssen, Trends, Ideen, Konflikten, vertraulichen Angelegenheiten und Rechtsstreitigkeiten ergeben, die für Dritte möglicherweise von enormem Interesse sein können? Die Antwort lautet, dass sie davon keine Ahnung haben. Sie können allenfalls Spanisch lesen, Englisch jedenfalls nicht. Das ist auch nicht anders zu erwarten, das heißt, genau das erwartet man von ihnen: Missadschin hat sie angeheuert, gerade weil sie nicht in der Lage sind, Englisch zu lesen, und weil sie ebenso wenig von den verschlungenen Kanälen ahnen, durch die Macht und Kapital bei Tage fließen, wo sie nachts ihre Runden absolvieren. Nicht nur ihr Fleiß hat seinen Wert, sondern auch ihre Unwissenheit. Ein großer Teil von New York ist auf solche Leute angewiesen. Leute, die nichts wissen. Die Stadt braucht ihre Arbeitskraft, ihre Gefügigkeit, ihre Angst. Man könnte diese Mädchen vor Gericht befragen. Welche firmeneigenen Dokumente haben Sie noch gleich entwendet, Miss Chavez? Sie könnten es niemals sagen.

Doch Jin Li hat diese Mädchen gern. Sie arbeiten hart, sie beklagen sich nicht. Sie weiß, dass sie ihr nichts weiter unterstellen als den Eifer, ihnen möglichst viel Arbeit aufzubrummen. Sie weiß auch, dass die Männer von der Hausverwaltung, die den Auftrag an CorpServe vergeben haben, taffe Burschen mit Schlüsseln und Piepsern und Walkie-Talkies, in ihr ein hübsches chinesisches Mädchen sehen, dessen Englisch bescheiden ist – wenn sie mit ihnen zu tun hat, spricht sie absichtlich schlechter als sonst –, und sie finden ihr Angebot günstiger als andere. Da haben sie recht. Die Chinesen sind immer ein bisschen billiger, wenn sie wollen. Sie rechnen sich aus, wie sie es anstellen müssen, jeden anderen zu unterbieten, und dann machen sie sich unentbehrlich. Jin Lis Kunden profitieren gerne von ihrer Bereitwilligkeit, andere auszunutzen. Die Leute rechnen damit, dass die Chinesen ihre Arbeiter brutal behandeln, selbst in Amerika, und sie werden selten enttäuscht.

Heute Nacht haben die zwei Mexikanerinnen Knochenarbeit geleistet und unter Jin Lis Aufsicht blaue Plastiksäcke in den Lastenaufzug eines Gebäudes geschleppt, das in der Nähe der Ecke Fifty-first Street/Broadway liegt. CorpServe ist für neun Geschosse zuständig: die Kreditabwicklungsbüros einer Bank vom sechzehnten bis zum neunzehnten Stock und die Konzernzentrale eines kleinen Pharmaunternehmens in der zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Etage. Jin Li leitet sieben Putzkolonnen an verschiedenen Orten in Midtown Manhattan und pendelt jede Nacht zwischen ihnen hin und her. Die Büros sind alle ähnlich aufgeteilt, mit einem Lastenaufzug, der zu einer Lkw-Bucht hinunterführt, wo CorpServes riesiger mobiler Müllzerkleinerer steht. Dort wirft ein älterer Mann in der gleichen blauen Uniform die Säcke in eine Ansaugöffnung, wo sie zu Konfetti geschreddert werden. Dieser Mann ist wie Jin Li Chinese, und zuweilen kommt sie mit bestimmten Säcken zu ihm hinunter und erteilt ihm besondere Instruktionen, deren Ausführung sie überwacht. Das Getöse der Schreddermaschinen übertönt ihre Unterhaltung. Ihnen beiden ist bewusst, dass sie sich ständig im Blickfeld von Überwachungskameras befinden – einige davon mit ferngelenkter Schwenkfunktion, und ebenso gut wissen beide, wie leicht man sie austricksen kann. Man muss nur die Winkel kennen. Die Kamera sieht den CorpServe-Lkw, aber nicht in den Lkw hinein. Man kann Säcke mit einem zwei, drei Zentimeter großen chinesischen Schriftzeichen markieren, ohne dass die Kamera es registriert.

Doch das war vor Stunden, inzwischen liegt die Nachtschicht hinter ihnen, die Mädchen lachen; sie hören den Latino-Sender und riechen den salzigen Nebeldunst vom Meer. Der Parkplatz am Strand ist um diese Zeit gewöhnlich leer. Niemand belästigt die Mädchen, und falls es doch einmal jemand tut – irgendein verrückter Mistkerl, ein Besoffener, der die Sau rauslassen will –, dann haben sie ein Pfefferspray dabei. Heute Nacht trinken sie ein bisschen billigen Tafelwein aus Plastiktassen und schaukeln auf ihren Sitzen zur Radiomusik. Die mexikanischen Mädchen fragen Missadschin über ihren weißen Freund aus. Ich hab ihn gern gehabt. Ganz schön macho für ’nen weißen Mann! Und was ist passiert?, fragt eins der Mädchen und dreht sich auf ihrem mit Klebeband geflickten Sitz herum. Ach, ihr wisst schon ... Jin Li lacht und wendet den Blick zum Wasser. Hätte nicht funktioniert. Mehr sagt sie nicht. Den wahren Grund kann sie sich selbst kaum eingestehen. Sie wurde gezwungen, Schluss zu machen. Hörte seine Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, seine wiederholte Bitte, ihn zurückzurufen. Sie hat sich selbst dafür gehasst, es nicht zu tun. Was er im Bett mit ihr gemacht hat – schon der Gedanke daran, dass sie das jetzt nicht mehr bekommt, macht sie traurig. Sie hatte auch vorher Beziehungen mit gweilos – einem Briten, einem Deutschen, einem Italiener. Sie mag sie, viel mehr als chinesische Männer, aber er, er war der Beste von allen. Und vielleicht ist sie deshalb heute Nacht hier, um ihn einfach zu vergessen.

Jetzt macht sich der Wein in Jin Lis Blase bemerkbar, und sie schlüpft aus der Tür des Beifahrersitzes, um im Seegras zu pinkeln. Sie hat in ihrer Handtasche ein wenig gefaltetes Klopapier dabei und tritt über den Rand des Parkplatzes auf einen Trampelpfad, der zu einem ungestörten Plätzchen führt. Ungestört und ekelhaft. Die Leute gehen da hinunter, um sich Crackpfeifen anzuzünden oder auch eine schnelle Nummer zu schieben, und so ist sie auf der Hut, bevor sie im Gras verschwindet. Man muss auf zerbrochene Flaschen, benutzte Kondome, Tampons, faulende Hühnerkeulen achten. Die Mädchen im Auto können sie hier nicht mehr sehen, und so lauscht sie einen Moment, um festzustellen, ob ihr jemand irgendwo da unten im Gras auflauert. Sie hört nichts, auch wenn jetzt der Wind bläst und Regen mit sich bringt. Tapfer tastet sie sich den dunklen Pfad hinunter und findet eine Stelle, an der sie sich hinhocken will.

Sie zieht sich gerade das rosa Höschen herunter, als sie in der Nähe das leise Dröhnen eines Dieselmotors hört. Was ist das? Sie läuft den Pfad halb zurück und duckt sich unterhalb des Parkplatzes ins Gras. Zwei Lastwagen schwenken auf den Platz, einer davon ein großer Pick-up, aufgemotzt mit Nebelscheinwerfern und allerlei extra Chrom, der andere ein riesiges Nutzfahrzeug wie von der städtischen Müllabfuhr, nur anders geformt. Es ist zu dunkel, um die Farben zu erkennen. Die Trucks kommen mit quietschenden Reifen neben dem kleinen Toyota zum Stehen. Der Pick-up parkt so dicht hinter dem Pkw, dass er zwischen Pick-up und Bordstein eingeklemmt ist, während der andere Lkw sich so dicht wie möglich an die Fahrerseite stellt. Was machen die da? Was haben die vor? Aus beiden Fahrzeugen steigt je ein bulliger Mann aus, und im nächsten Moment sind sie an der nicht versperrten Seite des Toyota.

Aus ihrem Versteck im Gras blinzelt Jin Li durch den Regen, doch sie sieht und hört, wie die beiden Mexikanerinnen die Scheiben hochkurbeln und im Wageninneren schreien.

Einer der Männer zertrümmert mit einem Hammer das Schiebedach, dann stemmt er den Fuß gegen die Beifahrertür, damit die Mädchen sie nicht öffnen können. Unterdessen klinkt der andere etwas an der Heckstoßstange ein – es könnte eine Kette sein –, dann startet er den Motor des größeren Lasters. Mit zügigen Bewegungen spult er einen Schlauch von einer Rolle auf dem Lkw und zerrt ihn zu dem zerbrochenen Schiebedach. Er schiebt die Tülle ins Wageninnere, betätigt einen Hebel und hält den dicken Schlauch, der nun gurgelnd seinen Inhalt auf die Mädchen ergießt. Unter dem zähflüssig schlammigen Strom bockt und zuckt der Schlauch.

Hinter den Fenstern wird das Schreien schriller.

Was kann sie tun? Der Wagen füllt sich schnell, an den Scheiben steigt der Pegel der dunklen Masse. Der einzige Weg fort von hier führt über den Parkplatz, wo Jin Li zu sehen wäre. Hinter ihr liegt das scharfe Seegras und der Sand. Ihr Handy hat sie zum Aufladen in ihrer Wohnung in Manhattan gelassen. Absichtlich nimmt sie es nie zur Arbeit mit: Mit einem Handy kann die Polizei deine Schritte lückenlos verfolgen. Sie hat ein Walkie-Talkie in ihrer Handtasche, über das sie die anderen CorpServe-Kolonnen erreichen kann und das nicht zu lokalisieren ist. Doch es verfügt nur über eine Reichweite von einer Meile, genug für Manhattan, aber nicht für Brooklyn ...

Eins der Mädchen drückt jetzt gegen die Fahrertür und schlägt sie gegen den großen Lkw, der dicht neben dem Wagen steht. Doch die Tür öffnet sich nur einen Spaltbreit, nicht mehr. Dann schießt eine Hand aus dem Beifahrerfenster und feuert verzweifelt Pfefferspray. Der Mann, der diese Tür zuhält, schlägt auf die Hand, und die Sprühdose fliegt aufs Pflaster.

»Richie!«, brüllt der größere Mann durch den Regen. »Das reicht!«

Jin Li tastet in ihrer Handtasche nach dem Walkie-Talkie und schaltet es ein. Nichts als Störungsrauschen. »Hallo, hallo?«, versucht sie auf Englisch, sich bemerkbar zu machen. Nichts.

Jetzt gehen an dem Toyota die Lampen an, und der Motor startet. Das Auto macht einen Satz nach vorn bis an den Rand des Parkplatzes und ruckt an dem Pick-up dahinter. Doch die Kette an der Stoßstange hält. Die Hinterräder des Wagens drehen durch, und der Geruch nach angesengtem Gummi zieht über das Seegras. Dann wird der Motor langsamer, als ob er kapitulierte. Im Wageninnern wird der Fuß des Mädchens schlaff. Etwas quillt aus dem Beifahrerfenster und tropft die Scheibe herunter.

»Richie, du Arsch, nichts wie weg hier!«, schreit der Mann.

Der andere, der den Schlauch hält, rührt sich nicht.

»Dreh zu!«

Der Mann, der Richie heißt, legt den Hebel um und zieht die Tülle heraus. Aus dem zertrümmerten Schiebedach schwappt noch mehr von der klumpigen Masse. Der Wagen ist voll. Der Mann befestigt den Schlauch wieder auf dem Lkw und entfernt die Kette.

»Mach schon!«

Der kleine Einhundertfünfundzwanzig-Dollar-Wagen bewegt sich nicht über den Parkplatzrand, obwohl seine Lichter noch an sind und der Motor tuckert. Der größere Mann nimmt den Stiefel von der Beifahrertür und springt zurück, als sie sich gerade so weit öffnet, dass ein Schwall der zähen Flüssigkeit herausfließt. Dann macht er etwas Seltsames. Er greift hinein, um die Tür zu verriegeln, und wirft sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, um sie zuzuschlagen, dann macht er dasselbe mit der Fahrertür.

Er hat beide Türen zugesperrt, denkt Jin Li. Wieso?

»Nix wie weg, Mann!«

Die Männer haben es jetzt eilig, in ihre Trucks zu kommen. Das Ganze hat vielleicht sechs Minuten gedauert. Der große Lkw setzt in einem Halbkreis zurück und rast dann im Vorwärtsgang vom Parkplatz. Der Pick-up fährt ein kürzeres Stück zurück, schwingt herum und folgt dem großen Laster.

Sie fahren ohne Licht und schnell.

In zehn Sekunden sind sie weg.

Jin Li rennt zu dem Wagen. Der nasse Wind hat sich gedreht, und der Geruch ist alarmierend. Sie kennt diesen Geruch aus China, würde ihn überall wiedererkennen. Die öffentlichen Latrinengruben in den kleineren Städten. Die Löcher im Boden in der Nähe großer Baustellen in Shanghai, wo die Arbeiter auf ausgeschnittenen Bohlen hocken. Wo die ungeklärte Kloake in die Flüsse geleitet wird. Ja, der Geruch ist ihr bestens vertraut.

Sie hastet zum Wagen und zerrt an den Türen, für den Fall, dass sie doch nicht verriegelt sind. Bewegt sich drinnen etwas? Eine Hand, die sich durch die dunkle Flüssigkeit zur Scheibe tastet? Sie sieht sich nach etwas um, womit sie die Scheibe einschlagen kann; sie rennt zu der Grasfläche am Rand des Platzes und scharrt verzweifelt zwischen Plastiktüten, alten Zeitungen, Bierdosen, allem Möglichen, was sie nicht brauchen kann. Plötzlich findet sie einen schweren Brocken Asphalt. Es ist zu viel Zeit verstrichen. Oder? Wie kann jemand ...? Mühsam schleppt sie den Brocken zum Wagen und zerschlägt beim dritten Versuch das Beifahrerfenster. Nasser, zäher Schlamm fließt heraus, spritzt über sie, stinkt bestialisch. Fäkalgase, fauliger Urin. Sie würgt, die Galle brennt ihr in der Kehle. Immer wieder schlägt sie gegen das Sicherheitsglas, um das Loch so groß zu machen, dass sie hindurchfassen kann. Endlich. Sie lässt das Stück Teer fallen und steckt den Arm in die kalte klumpige Nässe, tastet nach der Türverriegelung, schneidet sich das Handgelenk am scharfen Glas. Sie findet die Verriegelung, zieht sie hoch, zerrt an der Tür – sie fliegt auf, und eine große, dicke schwarze Zunge schnellt hervor. Die Kloake spritzt auf den Platz.

»Kommt raus!«, kreischt Jin Li auf Chinesisch. Der Gestank dreht ihr den Magen um und brennt ihr in den Augen. Sie greift hinein und findet eins der Mädchen. Sie bewegt sich nicht! Zu viel Zeit ist verstrichen! Sieben oder acht oder auch neun Minuten! Sie zieht an einem Arm, und der kotverschmierte Körper des Mädchens fällt schlaff auf den Asphalt. Jin Li wischt ihr über das Gesicht, ihr Haar ist von dem Zeug nass und verfilzt. Sie atmet nicht. Jin Li rollt sie auf die Seite, leert ihren Mund, drückt ihr auf den Rücken. Nichts! Sie rennt um den Wagen herum, zerschlägt dort die Scheibe und öffnet die Tür, so dass sie die Kloake, die gurgelnd aus dem Wagen quillt, überschwemmt. Das Mädchen liegt reglos über dem Lenkrad, doch Jin Li zieht sie heraus und versucht, sie zum Atmen zu bringen. Sie reagiert nicht. Jin Li weint vor Angst und Verzweiflung. Komm schon, komm schon!, sagt sie und drückt dem Mädchen auf den Rücken, nachdem sie ihm das Zeug aus dem Mund gewischt hat. Nichts. Selbst die Augen kann sie unter den Fäkalien nicht sehen. Die Mädchen hatten Angst, sie haben hyperventiliert und den Schlamm tief in die Lungen eingesogen. Nachdem sie das Bewusstsein verloren hatten, war ihnen das Zeug tiefer in die Kehle gesickert, so dass sie daran erstickten. Genauso, wie wenn man jemanden minutenlang unter Wasser drückt. Jetzt liegen die Mädchen beide leblos bäuchlings auf dem Asphalt, während sich rund um den Wagen eine schwarze Lache bildet. Inzwischen regnet es heftiger, das Wasser mischt sich in den Schlamm und bildet Rinnsale, die zu den Gossen am Ende des Platzes fließen.

Jin Li hört eine Frauenstimme aufgeregt Spanisch reden, und sie erstarrt. Wer? Sie starrt die Mädchen an. Doch die scheinen – ja – tot zu sein, Leichen, die schon in sich zusammensacken. Ja, es stimmt, gesteht sie sich ein. Tot! Jetzt kommt Latino-Tanzmusik. Im Wagen läuft immer noch das Radio, und der Schlamm ist bis unter die Lautsprecher am Armaturenbrett gesunken. »Yo te voy amor basta el fin de riempo!«, klagt eine Sängerin.

Am Horizont dämmert der Morgen, im ersten matten Licht sind die Regenschwaden über dem Parkplatz zu erkennen.

Jin Li begreift. Jemand weiß Bescheid. Jemand weiß, was sie getan hat. Jemand hat sie in Manhattan in den Wagen steigen sehen und ist ihr gefolgt. Die wollten sie.

Sie rennt los. Über den Asphalt prescht sie davon, so dass ihr schwarzes Haar im Regen flattert, mit aufgerissenen Augen rennt sie um ihr Leben.

Kapitel 2

 

Im Yankee-Stadion sind die Sitze direkt hinter dem Home Plate so nah am Spielfeld, dass die Realität den üblichen Blick auf das Baseballspiel verzerrt. Was fern war, ist plötzlich nah. Was gigantisch schien, bekommt normale Lebensgröße. Was Fantasie war, ist zum Greifen nahe. Man sitzt so dicht am Spielfeld, dass man das ruhige Gesicht von Alex Rodriguez sehen kann, wenn er ans Home Plate tritt. Man sieht, wie Lehmklumpen von Derek Jeters Stollen fallen, wenn er mit seinem Schläger dagegenklopft. Man sieht, dass Jason Giambi, der Slugger mit den wilden Augen, an diesem Tag glattrasiert ist. Hinter dem Home Plate führt genau in der Mitte ein Gang nach oben. Es gibt keine besseren Plätze im Stadion als diejenigen direkt links und rechts davon, um die Perfektion eines Wurfs zu beurteilen, besonders, wenn man sich seitlich in den Gang hinüberbeugt, um exakt in der Mitte über den Rücken des Schiedsrichters und des Catchers zu blicken, die hinter dem Home Plate hocken. Aus dieser Perspektive hat man das Gefühl, als zielte der Pitcher mit dem Ball auf einen selbst, und die Zuschauer auf diesen Plätzen ertappen sich oft dabei, wie sie zurückzucken, wenn der Ball in den Handschuh des Catchers klatscht. So nah dran. Du bist da, du bist mitten im Spiel.

Diese Plätze sind außerdem dafür bekannt, dass sie nur einem kleinen Ausschnitt der Bevölkerung zur Verfügung stehen – den mächtigen Bonzen der Stadt mitsamt ihren Günstlingen. Die Konzerne verfügen über ihre eigenen großen Blöcke. Das Management der Yankees selbst verteilt Tickets an Sponsoren, Promis und hochrangige Amtsinhaber. Nur das ungefähr halbe Dutzend ebenerdiger Sitze am Gang bietet diese besonderen Vorzüge. Für wahre Fans sind dies die besten Plätze im Stadion, besser als die Luxuslogen der Konzerne und die für die Medien reservierten Reihen darüber. Den Beweis treten diejenigen an, die dort sitzen: Zu den wenigen Auserwählten gehört oft ein Scout des Erzfeindes Boston Red Sox, der mit einer Radarpistole die Wurfgeschwindigkeit misst und sich auf einem Klemmbrett die komplexen Verhaltensmuster jedes Spielers notiert. Dass der Mann mit einem fetten Meisterschaftsring an der Hand protzt, ist für die Yankees-Fans auf den angrenzenden Plätzen ein Sakrileg. Sie haben keineswegs vergessen, wie die Red Sox den Yanks 2004 die Meisterschaft gestohlen haben. Aber dies sind nicht die billigen oberen Ränge, wo die Männer wie die Irren johlen, wenn die Yanks Punkte machen, und sich wie eine Horde Wilder auf die Bäuche trommeln und ihr Bier herunterkippen. Nein, hier unten, auf den Logenplätzen der Betuchten, droht einem Gegner keine Gefahr für Leib und Leben. Hier sind alle jederzeit sicher, und sei es auch nur, weil die Leute vom Sicherheitsdienst in ihren blauen Blazern ganz in der Nähe sind und sie nicht aus den Augen lassen ...

Wen genau? Um Berühmtheiten und Politiker handelt es sich nicht, zumindest nicht tagaus, tagein. Wer ist es dann? Nur das Management der New York Yankees hat den Überblick darüber, wer die Karten für welche Plätze bekommt, doch jemandem, der oft auf diesem Teil der Tribüne sitzt, entgeht nicht, wer eine Dauerkarte für die Spielsaison besitzt. Da sind die Sitze für die Citycorp, für Time Warner, Goldman Sachs und so weiter und so fort. Ford, ExxonMobile, HSBC, DuPont, Pfizer, Google, Japan Airlines. Die geballte Macht der Konzerne verleiht diesen Rängen noch mehr Prestige; man weilt mitten unter den Auserwählten, womit bewiesen wäre, dass man zu den Auserwählten gehört – eine angenehme Schlussfolgerung, der kaum einer widerstehen kann. Eingesprengt in diese Firmen- und Amtsträger-Blöcke sind kleinere Sitzgruppen – meist zwei, drei oder vier Plätze –, die wohlhabende Privatleute für sich reservieren, um ihre Familie, Freunde oder Geschäftspartner auszuführen. Diese Plätze fallen außerdem durch ihren hohen Anteil an jungen Frauen auf, die durchaus nicht schüchtern die schmalen Gänge hinauf- und hinunterhopsen. Viele von ihnen halten sich sogar an eine Baseball-Kleiderordnung, eine Kombination aus rosafarbener Yankees-Kappe – perfekt dazu geeignet, einen Pferdeschwanz kokett durch das Gummi zu ziehen –, dazu Sonnenbrille und ein Yankees-T-Shirt, das um die Taille gewagt knappgehalten ist. Nach einigen enthemmenden Bierchen, inmitten einer endlosen Masse männlichen Fleisches und nicht selten mit einem kaum verheimlichten Faible für einen der berühmten, millionenschweren Athleten auf dem Spielfeld sehen diese Frauen in den musikalischen Einlagen der Lautsprechanlage eine willkommene Gelegenheit, aufzustehen und mit unverhohlenem Stripper-Eifer zu tanzen. Die Arme hoch über den Kopf erhoben, schütteln sie mal dies, mal das, und die kollektive Entfesselung von Dutzenden, Hunderten tanzenden Mädchen gerät zu einem Opferritual im riesigen Baseball-Tempel der Männer.

So beobachtet man nicht selten, wie sich der leitende Firmenangestellte – im schmerzlichen Bewusstsein seines prekären Status, der sich jederzeit nach oben wie nach unten ändern kann – mit einem Seufzer freudiger Erwartung zurücklehnt, um auf diesem Fleckchen Erde hinter dem Home Plate einem mannigfaltigen Vergnügen zu frönen, das er sich redlich verdient hat.

Aus diesem Grunde machte Tom Reilly so oft wie möglich von seinen Firmenplätzen Gebrauch. Ihm kam bei Good Pharma die Aufgabe zu, für einen regelmäßigen Geldregen zu sorgen, wozu er bei einem stetigen Strom potenzieller Investoren Schönwetter machen musste. Er selbst liebte die Yankees – aber zu wie vielen Baseballspielen konnte ein Mann pro Jahr gehen? Am meisten allerdings liebte er es, mit anzusehen, wie die fantastischen Plätze bei seinen Gästen für fantastische Laune sorgten. Anschließend sorgte er dafür, dass diese gute Laune nicht verflog. So ließ er seine Gruppe nach dem Spiel mit der Limousine direkt vom Stadion zu einem der besten Nachtlokale chauffieren, etwa in eine der angesagten kleinen Nobelbars, in denen es von Models wimmelte, oder auch zu einem der Jazzclubs in der Innenstadt. In New York kommt keine Langeweile auf, Kameraden. Umgängliche Deutsche, clevere Briten, pseudoentspannte Japaner, Hightech-Cowboys aus dem Westen in siebentausend Dollar teuren Schlangenlederstiefeln oder Gumbo fressende Südstaatler – egal, wer! Bei Tom Reilly kamen sie alle auf ihre Kosten. Auf Kosten von Good Pharma ließen sie es sich wohl ergehen. Sie waren längst keine kleine Firma mehr. Letztes Jahr hatten sie einen Umsatz von achthundert Millionen. Der Börsenwert lag inzwischen bei 33,2 Milliarden. Tendenz steigend. Letztes Jahr satte achtundzwanzig Prozent. Und wenn man da erst mal steht, kann man einiges mehr aus dem Ärmel schütteln. Sie entwickelten neue Medikamente. Schwerpunkt Lifestyle-Medizin. Good Pharma steht für gute Ware, lautete die Botschaft, und die Botschaft war das Medium, Baby. Good Pharma war so neu am Markt, dass sie die Investoren anlocken mussten. Knabber ein bisschen an unseren Aktien, friss dich an unseren Pfandbriefen satt, komm auf den Geschmack. Lass dir unseren wachsenden Marktanteil auf der Zunge zergehen, schnupper mit der Nase dran, dann inhaliere einmal kräftig. Na, gefällt dir das? Kribbelt das am Gaumen, unter der Haut, dieser nicht endende Strom von Patenten, von neu entwickelten Produkten? Die neuen Anwendungsbereiche? Die Vertriebslinien, bei denen die Konkurrenz ganz schön alt aussieht? Gut, nicht wahr? Dann schmeiß dir ein paar von den Pillen rein oder spritz dir das Zeug am besten direkt in die Venen. Good Pharma! Ein Neun-Millionen-Dollar-Etat allein für die Entwicklung des Markennamens. Den Befragten gefiel das postironische Wortspiel. Schien ihnen irgendwie hip und neu, mit seiner Pseudo-Big-Brother-Assoziation futuristisch cool. »Big Pharma« (abschätzig, aber als mächtig und effizient empfunden) plus »Good Karma« (retro-Hippy, öko oder Hindu oder religiös oder irgendwie menschelnd und nett) macht summa summarum Good Pharma! Sie warfen Produkte auf den Markt, mit denen die alternden, geburtenstarken Jahrgänge auf dem Golfplatz Chachacha tanzten, sich plötzlich wieder an ihre Schulaufgaben in der sechsten Klasse erinnerten, alles vögelten, was ihnen über den Weg lief, im Schlaf Gewicht verloren und beim Basketball Treffer landeten. Das stimmte sogar, auch wenn es als Anekdote herhalten musste. Das Forschungsteam von Good Pharma hatte bei einer Versuchsreihe mit Knorpeltherapie ein paar richtig alte Spieler der NBA aufgetan, klapprige schwarze Riesen, die sich auf einmal so gut fühlten, dass sie den Ball wieder in den Korb bekamen. Das Zeug bestand im Wesentlichen aus den geklonten Zellen einer brasilianischen Laubfroschart. Stell dir vor, wie das einschlägt, stell dir die Werbe-Webcasts vor, in denen ein siebzig Jahre alter Schwarzer einen Basketball-Treffer landet! Millionen fettsteißige weiße Frauen werden das Zeug auf Rezept verlangen! Punkten mit Good Pharma!

Doch jetzt war erst einmal Baseball angesagt. Die Yanks mit dem Nadelstreifen-Trikot waren auf dem Spielfeld und wärmten sich auf, indem sie den Ball gekonnt durch den milden abendlichen Himmel peitschten. Tom hielt die Eintrittskarten bereit und machte es sich neben seinen beiden Gästen bequem – einem kubanischen Investor aus Miami namens Jaime »Jim« Martinez und seinem Protegé, einem jungen Mann, der klug genug war, nada zum Gespräch beizusteuern.

»Sie hatten recht!«, bescheinigte ihm Martinez, als er sah, dass sie so nah am Home Plate waren, wie er es erwarten durfte. »Sehr gute Plätze.«

»Was dachten Sie denn«, sprudelte Tom, wobei die wahre Botschaft lautete: Wir wissen, was wir euch schuldig sind. Diese stetig wachsende Gier zu wecken war bereits der halbe Deal, und er musste es ja wissen, denn für einen Mann knapp über vierzig konnte er schon eine Menge Deals für sich verbuchen. Tom Reilly, leitender Angestellter und Vizepräsident mit dem Ressort Einwickeln von Großinvestoren. Verantwortlich für die Produktion von hochwirksamem Hype. Zum Berufsbild gehört die Fähigkeit zu lächeln, wenn’s weh tut, keine Angst zu zeigen und falls erforderlich – oder auch nicht – zu lügen. Ein glückliches Händchen mit Bankern, Forschern, Analysten, den Medien und überhaupt. Das öffentliche Gesicht der Firma. Gutaussehend, aber nicht übertrieben. Keine schönen Züge, dafür männlich. Bodenhaftung. Kernig gesund.

Selbstbewusst. Ehefrau erfolgreiche Internistin mit Praxis für Privatpatienten auf der Park Avenue. Kinder: noch keine. Angeblicher Grund: zu beschäftigt. Wahrer Grund: träges Sperma. Schwaches, sexuell unterentwickeltes, unsicheres Sperma. Platzpatronen, schlappe Böller. Lösung: vielleicht in vitro^ wovon seine Frau, immerhin Ärztin, allerdings wenig angetan war; kannte die geringen Erfolgsaussichten und die höhere Wahrscheinlichkeit, Frühchen zu bekommen. Zustand der Ehe: suboptimal.

Aber was soll’s! Er hatte Geld hereinzuholen! Und in Jim Martinez neben ihm witterte Tom Reilly fette Beute. Martinez besaß einen dichten, im Pat-Riley-Stil glattgegelten Silberschopf und das Lächeln eines Charmeurs, zweifellos nützliche Gaben für das Aushängeschild einer Investmentgruppe, die in den Biotech-Markt einsteigen wollte. Die Finanzmittel der Gruppe kamen von kubanischen Ärzten, Rechtsanwälten und Bauunternehmern im südlichen Florida sowie Lateinamerika. Knallharte Kapitalisten und Castro-Hasser. Viele hatten schon zwei, drei Ehefrauen verschlissen, mit jeder Generation für eine weißere Hautfarbe und nicht zuletzt für eine Riesenschar Enkelkinder gesorgt, die mit BMWs in der Einfahrt aufgewachsen und auf Privatschulen gegangen waren. Der Druck, noch mehr Geld zu verdienen, hörte nie auf, selbst für reiche Männer! Besonders für reiche Männer! Die Gruppe wollte sich mit einer Investition von vierundfünfzig Millionen Dollar an Good Pharmas neuem Synthetikhautprojekt beteiligen, eine Summe, die einen hohen Rabatt beinhaltete, denn das Paket war reale dreiundsechzig Millionen wert, und Good Pharma hätte für dieses Filetstück gerne neunundsechzig gesehen. Dies also der Zweck der abendlichen Übung: Martinez und Tom schufen eine scheinbar unverkrampfte Atmosphäre kaltblütiger Herzlichkeit, um die anschließende Verhandlung auf Hauen und Stechen zu erleichtern.

So fing es an! Das Spiel, das Geplauder, das übliche Vorspiel zum eigentlichen Geschäftsakt. Drei Männer in blauem Blazer und guten Hosen. Tom bestellte Bier und Hotdogs und widmete sich seinen kubanischen Gästen. Das erste Inning fegte vorbei, dann das zweite. Yanks mit zwei zu eins vor Baltimore in Führung. Gute knappe Würfe, ein paar tolle Spielzüge im Innenfeld, darunter einer von Jeter.

Im dritten Inning schließlich brachten die überbezahlten Yankees den Pitcher, der für die Orioles die ersten fünf Runs bestritt, zur Strecke. Das Spiel drohte zur Farce zu werden, doch Martinez war bereits bei seinem dritten Bier und so entspannt, dass er erzählte, wie frustriert die wohlhabenden kubanischen Investoren in Miami wegen der ewigen Hurrikans seien, die ihre Bauprojekte verzögerten oder großen Schaden anrichteten. Außerdem überlegten sie, wie sie in der Ara nach Castro in Kuba Fuß fassen sollten.

»Wir sind risikomüde geworden«, räumte Martinez ein. »Also versuchen wir vielleicht mal was anderes. Vielleicht sehen wir mal, was Ihre Firma für uns tun kann.«

»Ich denke, Sie werden feststellen, dass wir eine Menge zu bieten haben«, säuselte Tom zurück. »Wissen Sie, es ist zwar noch nicht ganz amtlich, aber einige der ersten Ergebnisse dieser Testreihe erweisen sich als ziemlich vielversprechend ...«

In diesem Moment erschien ein Mann vom Stadionpersonal am Ende ihres Gangs. Er warf einen prüfenden Blick auf einen Umschlag.

»Tom Reilly?«, fragte er Martinez.

»Hier neben mir«, sagte Martinez.

Der Bote reichte Tom den Brief. »Den soll ich Ihnen geben.«

»Danke«, erwiderte Tom und zog einen Zwanzig-Dollar-Schein als Trinkgeld aus der Tasche. Der Bote verschwand. Tom warf seinen Gästen ein Lächeln zu. »Offenbar reicht es nicht, dass sie einen nonstop ansimsen oder anrufen können, jetzt müssen sie auch noch Papier verschicken ...« Er riss den Umschlag auf und zog das einzelne Blatt – gelb mit blauem Rand – heraus. Er hätte aufstehen und die Nachricht im Gang lesen können, doch das wäre unhöflich gewesen und hätte außerdem eine Krise signalisiert – genau das wollte er nicht. Also entfaltete er das Blatt nur so weit, dass er einen kurzen Blick auf die Nachricht werfen konnte, und er fühlte, wie es ihn kalt erwischte. Trotzdem besaß er die Geistesgegenwart zu nicken, als handle es sich nur um die Bestätigung von etwas, das er bereits wusste.

»Gute Nachrichten?«, fragte der gewiefte alte Kubaner aus Miami und stupste ihn.

»Könnten nicht besser sein«, log Tom mit einem verhaltenen Lächeln auf den Lippen, während er den Brief in seine Brusttasche steckte. »Für besonders vertrauliche Informationen meiden wir wenn möglich das Internet. Meine Sekretärin hat mir den Boten geschickt ... der Zuschlag für einen richtig großen Deal, wir müssen im Moment noch Stillschweigen wahren – Sie verstehen. Darf noch nicht publik werden.«

Er nickte bekräftigend und wandte sich wieder dem Spiel zu. Hatte er die Männer überzeugt? Vielleicht nicht ganz. Doch er hielt den Bluff bis zum Ende des Innings durch; in der Pause erhob er sich, um die Toilette aufzusuchen, wo er sich ungeduldig in die lange Reihe stellte, bevor er in die Kabine stürzte, die Tür verriegelte und sich setzte, um die getippte Nachricht noch einmal in Ruhe zu lesen.

 

Tom, wie uns durchaus bekannt ist, wissen Sie, dass es ein Problem gibt. Wir haben höflich angefragt, aber Sie haben nicht reagiert.

Es geht immerhin um eine Menge Geld. Und um ernste Konsequenzen, wenn wir es nicht zurückbekommen.

Sagen Sie es uns jetzt, solange Sie noch können.

 

Ihm wurde übel. Die Mischung aus Hotdog-Fraß und Bier. Ein Gefühl, das ihn in letzter Zeit allzu oft erwischte. Doch er kämpfte dagegen an. Mir stehen immer noch ein paar gute Schachzüge offen, murmelte er grimmig, eine Menge guter Züge. Wie beim Quarterback der New York Giants, der sich unter dem Ansturm von ein paar riesigen Linienrichtern wegduckte, die wild entschlossen waren, ihn auszuschalten. Ein flinker Schritt zur Seite, ein kurzer Rückzug, um Atem zu schöpfen, dann ein weiter Wurf in die Endzone. Dem Schicksal mit einem großen Pitch ein Schnippchen schlagen. In seinem Kopf vermischten sich Bilder vom Sport mit Good-Pharma-Kalkulationstabellen. Er zerknüllte das gelbe Papier und warf es in einen Abfalleimer voller Plastikbecher.

Als er zu seinem Platz zurückkehrte, waren die beiden Männer aus Miami – ja, was? Verschwunden? Er suchte die Ränge nach ihnen ab.

Ein älterer Mann in der Reihe vor ihm drehte sich um. »Haben Sie die beiden Kubaner gesehen, die bei mir waren?«, fragte Tom.

Der Mann nickte. »Als Sie weg waren, kam dieser Bote zurück. Er hat den beiden noch einen Brief gebracht.« Der Mann zeigte unter den Sitz, und Tom stürzte hin, um ihn aufzuheben.

 

Meine Herren, Ihr reizender Gastgeber Mr. Tom Reilly steckt in den größten Schwierigkeiten. Möglicherweise hat er Beihilfe zu schweren Wirtschaftsdelikten geleistet. Wir fürchten, dass es nicht in Ihrem Interesse liegt, an einem solch exponierten Ort mit ihm gesehen zu werden.

 

Ein Jubelsturm brach los. Rodriguez hatte einen gewaltigen Home Run bis in die Plätze am mittleren Spielfeld zustande gebracht. Die Menge war von den Sitzen gesprungen und brüllte vor Begeisterung, als der große Mann mit federnden Schritten um die Basen rannte. Niemand sah den leitenden Angestellten des Pharmakonzerns, der sich in seiner Bestürzung wie ein Ungeborenes zusammenkauerte und bei dem Gedanken an das, was ihm bevorstand, endlich erbrach.

Kapitel 3

 

Ihr Name tut hier nichts zur Sache. Sie ging auf die vierzig zu und arbeitete als Anwaltssekretärin in einer Kanzlei auf der Park Avenue. Die Anwälte – die Frauen ebenso wie die Männer – waren ihr mit ihrer Überheblichkeit und ihrem Imponiergehabe von Herzen zuwider. Doch das behielt sie für sich. Sie hatte sich bemüht, mit dem Leben als Single klarzukommen, es aber überwiegend enttäuschend gefunden. In den ersten Jahren versuchten einige der Jungpartner, mit ihr anzubändeln; sie ging mit ihnen essen und danach ins Bett, doch bewusst oder unbewusst behandelten die Herren diese Gelegenheiten als eine Art Eignungstest, einen Vorstellungstermin auf der Suche nach einer Ehefrau. Sie sprachen von Zuneigung und Liebe, dabei gingen sie wie Sachverständige vor: Ihre Frau musste wenigstens einen Abschluss von einem guten College, noch besser einen akademischen Grad vorweisen. Doch damit konnte sie nicht dienen. Binnen weniger Jahre sprach sich in der Kanzlei herum, sie sei leicht zu haben, sie spreize die Beine schon nach wenigen Dates, und sie leugnete nicht, dass es stimmte. Na und? Wieso warten, wenn einem ein Kerl gefiel? Wieso war das leicht? Leicht entflammbar, ja. Das konnte schnell passieren, wenn man im Büro eines Anwalts bis tief in die Nacht hinein an einem Gerichtsdokument feilte. Es war aufregend, über die Fensterbank gebeugt, während unten auf der Park Avenue die Taxis fuhren. Also gut, sie hatte eine Schwäche für Männer. Sie liebte ihre Muskeln, ihren Penis, ihren Schnauzbart. Hände und Schultern. Selbst der Adamsapfel eines Mannes konnte sexy sein. War das ihre Schuld? Kaum aber war sie abgestempelt, machten die Hoffnungsträger der Kanzlei einen Bogen um sie, während die mit dem Großstadtleben weniger vertrauten Neuzugänge sie ebenso vernaschten wie ein paar der älteren Partner – die Geschiedenen oder fast Geschiedenen und die ewigen Junggesellen. Größtenteils ein abstoßendes Pack von Schnaufern, die sich die Nasenhaare nicht trimmten. Ihr Chef, einer der führenden Partner, tat so, als merke er nichts, und früher oder später zogen die Junganwälte und Sekretärinnen zu anderen Kanzleien weiter, so dass ihr Ruf in Vergessenheit geriet und sie nur noch als eine von vielen unverheirateten Frauen wahrgenommen wurde: trotz ihrer gerade mal achtunddreißig Jahre eine alternde, einsame Frau, und der Eindruck trog nicht einmal.

Als ihr Chef in die Jahre kam, verließ er sich immer mehr auf sie. Sie entdeckte Irrtümer in seiner Erinnerung und in den Briefen, die er schrieb, und es ehrte ihn, dass er ihren Beitrag zur Verlängerung seiner beruflichen Laufbahn zu würdigen wusste. Dies umso mehr, als er einen Teil seines Jahresbonus an sie abtrat – eine stillschweigende Übereinkunft unabhängig von ihrem Gehalt. Sie machte Überstunden und erkannte nach und nach, dass sie nicht mehr über die hoffnungsvolle Energie verfügte, die Männer, die sie immer noch haben konnte, zu sichten und zu sondieren: nach dünn/dick, optimistisch/depressiv, nach mutmaßlich/ erwiesen homosexuell oder manisch pervers, das ganze Pack. Wie enttäuschend! Wie ermüdend! Die Männer zwischen vierzig und fünfzig wollten Zweiunddreißigjährige, für die zwischen dreißig und vierzig lag die Obergrenze bei fünfundzwanzig. Sie wusste, wie das lief; sie hatte selbst einmal zu diesen Zielgruppen gehört und das Interesse älterer Männer auf sich gezogen. Für diese klugen, einflussreichen Männer mit den graumelierten Schläfen geschwärmt. Wo sind wir denn? Was war an ihr auszusetzen? Ihre Brüste hingen kaum, sie war immer noch knackig, immer noch scharf – potenziell jedenfalls. Einige ihrer unverheirateten Freundinnen, denen ihre ewig brachliegenden Eierstöcke zu schaffen machten, hatten beschlossen, ohne Mann ein Baby zu bekommen; sie kauften sich den Samen übers Internet, zündeten in einem abgedunkelten Raum ein paar Kerzen an, legten sich auf den Rücken und befruchteten sich selbst. Doch sie wollte keine einsame, alleinerziehende Mami sein. Im Grunde wusste sie überhaupt nicht, was sie wollte, nur, dass irgendetwas Interessantes, egal was, passieren musste – bevor sie zum Ebenbild ihrer Mutter wurde.

Und so zog sie aus ihrer gemütlichen, absolut angesagten Wohnung in der Twelfth Street in Greenwich Village, wo jeder Weiße unter fünfzig Jahren internetsüchtig war, in ein Vier-Zimmer-Haus in der Gegend von Bay Ridge, einem der typischen Viertel von Brooklyn, in denen jede ethnische Gruppe unter sich blieb, auch wenn sie tagtäglich nach Manhattan strömte. Bis heute beherrschten hier die Italiener das Bild, doch inzwischen gab es auch viele Brasilianer, Chinesen, Russen, Indianer, Mexikaner, Vietnamesen, Afrikaner und sogar Iraker. Alle schufteten sie bis tief in die Nacht, um in dem Hexenkessel des amerikanischen Turbokapitalismus mitzumischen. Klingelten an deiner Tür und fragten, ob du Arbeit für sie hättest: anstreichen, Dach ausbessern, Rasen mähen, könnte Ihr Wagen eine Wäsche vertragen, Lady? Außerdem lebten ihre Eltern in Bay Ridge, und so konnte sie ein Auge auf sie haben. Sie kaufte das Haus von dem Geld, das ihr der alte Partner zugeschleust hatte, und sie genoss es. Die U-Bahn war zu Fuß erreichbar, und sie bekam immer einen Sitzplatz auf dem Weg zur Arbeit. Ein paar Einkäufe auf dem Heimweg kein Problem. Andererseits wurde ihr Leben noch einsamer und zurückgezogener. Sie bezahlte ihre Rechnungen, pflanzte im Frühling Ringelblumen, Erbsen und Salat, trank ein Glas Wein zu den Nachrichten und noch eins vor dem Zubettgehen. Die Monate vergingen wie im Schlaf. Sie überflog die Zeitung, vergaß jedoch, was sie gelesen hatte, konnte sich nie an ihre Träume erinnern, kaufte sich vernünftige Schuhe und fand es nicht der Mühe wert zu masturbieren. Es war nichts los. Sie trug sich ernsthaft mit dem Gedanken, in die Kirche zu gehen, nur um Kontakte zu knüpfen. Wie schlimm konnte es eigentlich noch kommen?

Ganz bestimmt rechnete sie nicht damit, jemandem zu begegnen. Doch eines warmen Samstagnachmittags öffnete sie die Tür und sah einen Mann in Baseballkappe und grünem T-Shirt im Vorgarten des Nachbarhauses stehen. Er hatte eine Hand über die Augen gelegt und inspizierte das Dach, während er einen kurzen gelben Bleistift und ein Klemmbrett in der Linken hielt. Unterdessen inspizierte sie ihn. »Hi!«, rief sie plötzlich zu ihrer eigenen Überraschung. Er drehte sich zu ihr um und steckte seinen Stift in die Brusttasche. Sie kamen ins Gespräch. Das Haus gehöre seinem Vater, sagte er, und er kümmere sich nur vorübergehend darum. Sein alter roter Pick-up stand in der Auffahrt, und sie erinnerte sich, dass sie ihn dort schon einige Male gesehen hatte.

Ray Grant, stellte er sich ihr vor. Ray Grant gefiel ihr, so wie Frauen zuweilen ein bestimmter Typ Mann gefällt. Er schien sich nicht bewusst zu sein, wie seine Schultern und Arme im T-Shirt wirkten und wie die Jeans ihm lose um die Hüften saß. Sie sah keinen Ehering. Er hatte saubere Fingernägel. Seine Augen waren unglaublich blau, was sie schon immer liebte, und sie spürte bei ihm eine Mischung aus Zurückhaltung und Selbstvertrauen. Viel würde er ihr nicht von sich erzählen, wenn überhaupt.

Na schön – sie warf sich ihm an den Hals! Lud ihn zum Kaffee ein, hörte seine schweren Stiefel hinter sich, als er die Treppe hoch in ihre Küche trat. Aus dem Kaffee wurde ein spätes Mittagessen. Er hatte es nicht eilig, sah nicht auf die Uhr. Sagte auch nicht viel. Sie übernahm das Reden und plapperte, vom Kaffee angeregt, drauflos.

»Dann gehört das Haus nebenan also Ihrem Dad?«, wiederholte sie, als das Gespräch ins Stocken geriet. »Wenn ich drüber nachdenke, habe ich ihn vielleicht schon ein paar Mal gesehen, allerdings seit einer Weile nicht mehr.« Ray nickte. »Er ist krank, deshalb bin ich zurückgekommen, um bei ihm zu sein.«

»Krank?«

»Sehr krank.«

»Das tut mir leid ... ist er, ich meine, wird er wieder gesund?«

Bei dieser Frage blickte Ray traurig zu Boden. Nahm sich die Baseballkappe vom Kopf und setzte sie wieder auf. Voller Haarschopf, registrierte sie. Sie sah den Schmerz, und wie er versuchte, ihn nicht zu zeigen. Irgendwie liebe ich den Kerl, dachte sie, was ist eigentlich mit mir los?

»Nein«, sagte Ray nach einer Weile. »Er wird nicht wieder gesund.«

Sie sah nur in diese blauen Augen. »Das tut mir wirklich leid.«

»Es ist ein seltener Krebs, der die Blutgefäße befällt. Angiosarkom. Sie haben ihn aufgemacht, weil sie dachten, es wäre was mit seinen Nieren. Dabei war er schon völlig davon durchsetzt. Er hat noch, weiß nicht, ein paar Wochen vielleicht. Schwer zu sagen.«

Sie hatte diesen Mann gerade erst kennengelernt. Zügle deine Neugier, mahnte sie sich innerlich.

»Zurückgekommen, sagen Sie«, platzte sie trotzdem heraus, »ich meine, Sie. Von wo sind Sie zurückgekommen?« Er sah sie mit einem Blick an, der ihr sagen sollte, dass er es für sich behalten würde. »Ich war weg«, sagte er. »Ich bin seit ungefähr drei Monaten wieder da.«

»Ah.«

»In den letzten fünf Jahren war ich die meiste Zeit in Übersee«, fügte er hinzu. »Mehr müssen Sie nicht wissen.«

»Selbst wenn ich vor Neugier platze?«

»Selbst dann«, erwiderte er, wenn auch freundlich.

Sie spielte mit der Tischtuchkante, faltete sie zurück, strich sie glatt, rollte sie wieder ein. »Klingt irgendwie glamourös.«

»Ist es ganz und gar nicht.«

Es ist an der Zeit, das Thema zu wechseln, dachte sie, sich nicht länger wie ein Schulmädchen aufzuführen. »Was hat Ihr Dad denn gemacht, bevor er krank wurde?«

»Er ist schon lange pensioniert. Davor war er bei der Polizei.«

»Sie auch?«

»Nee.«

Doch die Art, wie er das sagte, das kurze Zögern, hatte etwas zu bedeuten. »Sie sehen also nur nach dem Haus Ihres Vaters?«

»Ja.«

»Er hat nur dieses eine Mietobjekt?«

»Sechs.«

»Alle so ähnlich wie das Haus nebenan?«

»Er hat sie eins nach dem anderen gekauft, damals in den achtziger Jahren, als sie billig waren.«

Sie überschlug die Preise. Selbst wenn es nicht gerade um Nobelvillen ging, war der kranke Vater angesichts der schwindelerregenden Preissteigerungen auf dem New Yorker Immobilienmarkt nach normalen Maßstäben ein reicher Mann.

»Sechs Mietshäuser?«

»Ja.«

»Sie sind also hier in der Stadt«, tastete sie sich weiter vor. »Sind Sie auf der Suche nach einem einträglichen Job, gehen Sie mit fünf Freundinnen gleichzeitig aus, nutzen Sie Ihre Zeit und lesen hier und da ein gutes Buch?«

Ray grinste. »Darauf erwarten Sie eine Antwort?«

»Ein Mädel möchte nun mal das eine oder andere wissen.« Er nickte amüsiert, bereit, das Spielchen mitzumachen. »Klar, warum nicht. Ich bin nicht auf Arbeitssuche, ich kümmere mich um meinen Vater, sonst nichts. Ich gehe nicht mit fünf Mädchen gleichzeitig aus. Ich war mit jemandem zusammen, aber sie hat mir vor ein paar Wochen gesagt, es wäre vorbei ...«

»Hat es Ihnen ganz und gar das Herz gebrochen?«

Er überlegte eine Weile. »Es hat mir eine Denkpause verschafft.«

»Das klingt nach einem Haufen, Sie wissen schon, was.«

»Mag sein. Aber ich versuche, mich nicht zu sehr an jemanden oder etwas zu binden. Es gelingt mir nicht, aber ich versuch’s.«

»Sind Sie Buddhist?«

»Nein, aber die haben interessante Ansichten.«

Sie musterte ihn aufmerksam, diesen Ray Grant. Er war aufrichtig. Keine Effekthascherei, keine Attitüde. Das gefiel ihr.

»Und was die Bücher betrifft, ja, ich lese gerade ein paar interessante. Sind Ihre Fragen damit beantwortet?«

»Ja, danke.«

Er nickte. »Also«, sagte er in sachlichem Ton. »Was machen wir hier eigentlich?«

»Was wir hier machen?«, wiederholte sie, obwohl sie genau wusste, was er meinte.

Ray sah sie an, durchschaute sie. Sie spürte die Intensität, die ihr vom ersten Moment an aufgefallen war. Jetzt richtete er seine geballte Aufmerksamkeit auf sie. Genau das wünschte sie sich, andererseits machte ihr das Angst.

»Was möchtest du machen?«, fragte er.

»Was ... was machen?«

Er sah einfach in sie hinein. Sie konnte ihn nicht belügen.

»Ich hab den Eindruck, du hast jetzt was vor«, fuhr er leiser fort. »Aber ich könnte mich auch irren.«

»Ja«, flüsterte sie und nickte. »Ja, das stimmt.«

Es herrschte Schweigen in der Küche, ein überaus beredtes Schweigen. Draußen hatte sich der Himmel zugezogen und in der Küche war es dämmerig. Sie war jetzt unsicher und aufgeregt.

»Dann zieh dich schon mal aus und leg dich ins Bett«, sagte Ray.

Sie brachte nicht einmal ein zartes ironisches Lächeln zustande, um ihm zu signalisieren, was glaubst du eigentlich, wer du bist? Er war ehrlich. Er wusste, wer er war, und er wusste, wer sie war – sie fühlte sich schon jetzt irgendwie nackt. »Was hast du vor?«, fragte sie und atmete ein wenig zu schnell. »Ich meine, was machst du, während ich alle meine Kleider ausziehe und mich noch mehr ausliefere?«

»Ich mach noch einen Anruf, und dann komme ich in dein Schlafzimmer und wir lernen uns kennen, vermute ich mal.«

»Und dann?«

Er lächelte. »Dann – was meinst du?«

»Wirst du mich töten?«

Vielleicht war das als Witz gemeint, vielleicht aber auch nicht. Streng genommen nicht.

»Nein«, sagte er.

»Versprochen?«

»Versprochen.«

»Also gut.« Sie versuchte, unbekümmert und selbstbewusst zu wirken. »Ich vertraue dir, Ray Grant.«

Sie stand langsam auf und wandte sich zur Tür. Ich muss verrückt sein, dachte sie. Das ist das Dümmste, was ich je getan habe. Sie tat so, als ginge sie durch die Diele, blieb aber stehen. Sie hörte die kurze Melodie, als er sein Handy einschaltete.

»Hi«, hörte sie Rays Stimme gedämpft aus der Küche. »Bei mir wird’s ein bisschen später ... nein, nein, das Haus ist in Ordnung. Das Dach hält noch ein paar Jährchen. Ich bin vor neun da ... Hat sie dich gewaschen? ... Gut. Wie ist es mit den Schmerzen? ... Denk dran, der Arzt hat gesagt, du darfst ... wenn es zu schlimm wird, komm ich jetzt nach Hause, Dad ... also gut, aber wenn es zu schlimm wird, musst du es bitte, bitte nehmen, es spricht absolut nichts dagegen, okay? ... Ich glaube, sie spielen wieder gegen Baltimore, schalt’s einfach ein ... klar, also, bis dann.«

Sie hörte, wie er das Handy zuschnappen ließ, und eilte in ihr Schlafzimmer. Sie trat aus den Schuhen, zog die Decke zurück.

»Hi«, sagte Ray in der Tür.

»Hi.« Sie drehte sich um. Es war Jahre her, seit sie unbekleidet vor einem Mann gestanden hatte. Sie sah nicht mehr so gut aus wie früher, keine Frage. »Du hast mir was versprochen, weißt du noch?«

Er knipste das Licht aus. Sie küssten sich im Dunkeln, dann löste sie sich aus seiner Umarmung und setzte sich aufs Bett, um sich fertig auszuziehen. »Ehrlich, ich mach das sonst nie«, beteuerte sie laut. »Das sieht mir überhaupt nicht ähnlich.«

Er sagte nichts.

»Soll ich dein Schweigen als Kritik verstehen?«

»Nee.«

»Was dann?«

»Als Bekenntnis.«

»Klingt seltsam. Wozu bekennst du dich denn?«

»Zu meiner eigenen Schwäche.«

»Schwach kommst du mir eigentlich nicht vor.«

Er hatte sich ausgezogen, kam zu ihr und stellte sich vor sie. Sie legte ihm zuerst die Hände auf die Brust und spürte die warme Festigkeit der Muskulatur. Er war entspannt, was sie entspannte.

»Du hast mich überrascht«, hörte sie ihn sagen. »Hab nicht damit gerechnet.«

»Vielleicht ist das nur eine nette Lüge von dir«, flüsterte sie. »Aber ich weiß den Versuch zu schätzen.« Sie schmiegte sich an ihn und küsste seinen Bauch, während sie mit den Händen die gewellten Seiten seiner Taille entlangstrich und eine ausgedehnte Fläche gerunzeltes, knotiges Fleisch unter den Fingern spürte.

»Oh«, sagte sie. »Was ist das?«

»Narbe«, antwortete er leise im Dunkeln. »Alte Narbe.«

»Woher hast du die?«

»Von etwas sehr Heißem.«

Doch sie hörte ihn kaum. Sie strich mit den Händen um die harte Krümmung seines Hinterns und tastete über die Muskeln. Jetzt hatte sie die Augen geschlossen. Sie fühlte sich ein wenig beschwipst. Eines Tages bin ich eine alte Frau und brauche Erinnerungen, sagte sie sich. Das hier macht mich glücklich. Sie bewegte wieder ihre Hände. »Das ist gut«, sagte er.

 

Später, nachdem er sie nicht umgebracht hatte, räkelte sie sich auf den feuchten Laken – ekstatisch, wie zwischen Wachen und Träumen. Ich hatte es vergessen, dachte sie, ich hatte es tatsächlich vergessen.

»Hunger?«, murmelte sie. »Wir haben noch nichts zu Abend gegessen.«

»Und ob.«

Gemächlich standen sie auf. Im Halbschatten sah sie die Narbe auf Rays Bauch. Flickenartige Hautverpflanzungen, vielleicht mehrere Operationen. Wie mochte es sich anfühlen, wenn einem die Vorderseite des Bauchs weggebrannt wurde? Nicht danach fragen, schärfte sie sich ein, er will nicht darüber reden.

Sie zog sich einen Morgenmantel über, während er in seine Hose schlüpfte. In der Küche saß er auf einem Holzstuhl, sie kochte Nudeln und bereitete einen einfachen Salat dazu. Ray schnürte sich die Schuhe zu, steckte das Handy in die Tasche, setzte seine Baseballkappe wieder auf. Sie zündete eine Kerze an und öffnete eine Flasche Wein. Ich werde einen kleinen Toast auf die Wonnen des Sexualverkehrs ausbringen, dachte sie. Sie holte zwei Gläser aus dem Schrank, schenkte Wein ein und deckte den Tisch. Sie fühlte sich so gut wie ... o Gott, seit Jahren nicht mehr. Vielleicht tun wir es heute Abend noch einmal, hoffte sie. Ich werde diesen Kerl so lange hierbehalten, wie ich irgend kann. Sie sah auf die Uhr, weil sie wusste, dass ihre Mutter bald anrufen würde, genau das, was sie jetzt nicht brauchen konnte. Das erinnerte sie an Rays Vater.

»Musst du dich bei deinem Vater melden?«, fragte sie. »Wahrscheinlich sieht er sich das Spiel der Yankees an. Muss trotzdem nach dem Rechten sehen.«

Telefonisch? Oder musste er persönlich hin? Sie wollte ihn gerade fragen, als sie ein Paar Scheinwerfer ihre Einfahrt heraufgleiten sah.

»Komisch.«

»Was?«, fragte Ray.

Den dampfenden Nudeltopf in der Hand blickte sie aus ihrer Küchentür.

»Da steht eine Limousine in der Einfahrt. Ein Mann steigt aus. Mehr als einer.«

Sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Du erwartest niemanden?«

»Nein.« Sie sah wieder hin. »Sie untersuchen deinen Wagen.«

»Ich hab vergessen abzuschließen.«

»Sie öffnen nicht die ... sie kommen, glaube ich, hierher!« Die wuchtige Gestalt klopfte an die Scheibe der Tür. Ray stand auf. Jetzt schlug eine Faust ins Glas.

»Hallo?«, rief sie erschrocken. »Wer ist da?«

Über dem Türgriff zerbrach die Scheibe. Sie schrie und sprang hinter den Küchentisch.

In dem Loch erschien ein Handschuh. Die Tür wurde aufgeschlossen, die Hand verschwand. Ein großer Chinese in schwarzem Anzug trat ein. Er trat zur Seite und machte Platz für drei weitere Chinesen.

»Ray«, sagte der erste Mann und zeigte auf ihn. »Sie kommen mit.«

Ray trat zwischen sie und die Eindringlinge, um sie zu schützen. »Wer sind Sie?«

Sie antworteten nicht. Der erste Mann zog das Jackett zurück, um ihm seine Pistole zu zeigen. Zwei der anderen waren im Nu hinter Ray.

»Miss Lady«, sagte der Chinese. »Sie rufen nicht Polizei. Sonst wiederkommen wir und« – er sah den Topf Nudeln in ihrer Hand – »und essen wir Ihre schlechten Nudeln auf.«

Die beiden anderen legten Ray die Hände auf die Schultern. Sie spürte, wie ihm ein Schauder durch den Körper fuhr, der Instinkt, sich gewaltsam zu wehren, den er im selben Augenblick unterdrückte. Er sah sie an. »Schon in Ordnung«, sagte er. »Ruf nicht die Polizei. Ich mein’s ernst.«

Doch sie wusste, dass es nicht in Ordnung war. Sie stand an der Küchentür, während sie Ray die Treppe hinunter und in die Limousine zerrten.

Träumte sie das alles?

Sie wollte schreien, sie musste schreien. Sie nahmen ihn mit! Die Türen gingen zu, der lange Wagen fuhr langsam aus der Einfahrt und verschwand.

Was nun? Musste sie nicht etwas tun? Sie blickte auf die Scherben am Boden. Ihr zitterten die Hände. Sie hätten ihr etwas antun können. Was hatten sie mit Ray vor? Er kannte die Männer nicht, aber – aber was? Als sie einmal da waren, schien er ihre Gegenwart zu akzeptieren, als sei ihm blitzschnell klargeworden, wie er sie einzuordnen hatte. Sie nahm das Telefon. Ray hat gesagt, ich soll nicht anrufen, also lasse ich es auch. Nein, ich tu’s doch. Sie fing an, die Nummer der Polizei zu wählen. Brach aber ab ... vielleicht machte es die Situation für Ray noch schlimmer, und das durfte sie nicht riskieren.