Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In Manhattan kannst du immer tiefer fallen … Bill Wyeth war einer der größten Anwälte New Yorks – bis eine Tragödie ihm alles raubte: Job, Familie, Selbstachtung. Mit nichts als Melancholie verbringt er seine Tage in dem Restaurant der geheimnisvollen Allison Sparks, die ihm bald ein Angebot macht: Sie führt ihn in den »Havana Room« – das vielleicht exklusivste Hinterzimmer Manhattans –, um dort ihrem Liebhaber Jay Rainey bei einem zwielichtigen Immobilienhandel beizustehen. Ein lukratives Geschäft für einen Anwalt, der nichts mehr zu verlieren hat. In der gleichen Nacht wird eine Leiche auf dem verkauften Stück Land gefunden – und Rainey erwartet, dass sein Anwalt bei der Entsorgung hilft, um den Deal zu retten. Wyeth stellt fest, dass er doch etwas zu verlieren hat: Sein Leben … Ein Strudel aus Intrigen, fast vergessenen Lügen und eiskaltem Verrat – ein fesselnder New-York-Thriller für Fans von John Grisham.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 716
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Über dieses Buch:
Bill Wyeth war einer der größten Anwälte New Yorks – bis eine Tragödie ihm alles raubte: Job, Familie, Selbstachtung. Mit nichts als Melancholie verbringt er seine Tage in dem Restaurant der geheimnisvollen Allison Sparks, die ihm bald ein Angebot macht: Sie führt ihn in den »Havana Room« – das vielleicht exklusivste Hinterzimmer Manhattans –, um dort ihrem Liebhaber Jay Rainey bei einem zwielichtigen Immobilienhandel beizustehen. Ein lukratives Geschäft für einen Anwalt, der nichts mehr zu verlieren hat. In der gleichen Nacht wird eine Leiche auf dem verkauften Stück Land gefunden – und Rainey erwartet, dass sein Anwalt bei der Entsorgung hilft, um den Deal zu retten. Wyeth stellt fest, dass er doch etwas zu verlieren hat: Sein Leben …
Über den Autor:
Colin Harrison ist ein hochgelobter amerikanischer Schriftsteller und Lektor. Er studierte englische Literatur am Haverford College in Pennsylvania, arbeitete zwölf Jahre lang für Harper’s Magazine und ist seit 2000 Cheflektor im Scribner Verlag. Er lebt mit seiner Familie in Brooklyn.
Bei dotbooks veröffentlichte der Autor »Trophy Wife – Tödliche Affäre«, »The Lawyer – Ein Deal mit dem Tod«, »Manhattan Mafia – Alles hat seinen Preis« und »Wall Street Murder – Schmutzige Geschäfte«.
***
eBook-Neuausgabe Juli 2025
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2004 unter dem Originaltitel »THE HAVANA ROOM« bei Farrar, Straus & Giroux, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2005 unter dem Titel »HAVANA ROOM« bei Hoffman und Campe Verlag, Hamburg
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2004 Colin Harrison
Published by arrangement with Farrar, Straus and Giroux, New York.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2005 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
Copyright © der Neuausgabe 22025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Drop of Light, S. Borisov
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ma)
ISBN 978-3-69076-011-9
***
dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
***
Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags
***
Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].
***
Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)
***
Besuchen Sie uns im Internet:
www.dotbooks.de
www.facebook.com/dotbooks
www.instagram.com/dotbooks
blog.dotbooks.de/
Colin Harrison
The Lawyer – Ein Deal mit dem Tod
Thriller
Aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb
dotbooks.
Widmung
Zitat
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Danksagung
Für Dana
Aus der Nacht der Bewußtlosigkeit zum Leben erwacht findet der Wille sich als Individuum, in einer end- und grenzenlosen Welt, unter zahllosen Individuen, alle strebend, leidend, irrend; die Wünsche des Willens sind grenzenlos, seine Ansprüche unerschöpflich, und jeder befriedigte Wunsch gebiert einen neuen. Keine auf der Welt mögliche Befriedigung könnte hinreichen, sein Verlangen zu stillen, seinem Begehren ein endliches Ziel zu setzen und den bodenlosen Abgrund seines Herzens auszufüllen.
SCHOPENHAUER
Beginnen wir mit der Nacht, in der mein altes Leben endete. Beginnen wir mit einem warmen Aprilabend, an dem ein zerknitterter neununddreißigjähriger Mann an der Ecke Park Avenue und Seventy-seventh Street aus einem Taxi steigt. Um ihn herum dampft und brodelt Manhattan. Er braucht etwas zu essen, er will Sex, er muss schlafen, und am liebsten hätte er es in dieser Reihenfolge. Das Taxi braust davon. Es ist ein Uhr nachts, er blickt an seinem Apartmenthaus hoch, mit einem schweren, allumfassenden Ausatmen, in dessen Lungentiefe und hörbarem Huh sein ganzes Leben gefunden werden kann – Wunsch und Traum, Trauer und Freude, Sieg und Niederlage. Ja, in diesem einen feuchten Atemzug wirbelt sein ganzes Leben – wie bei jedem Menschen.
Eigentlich war es ihm darum gegangen, rechtzeitig zur Geburtstagsparty seines Sohnes nach Hause zu kommen, als Überraschung. Nicht einmal seine Frau rechnet mit ihm. Aber seine Maschine kam mit Verspätung von San Francisco los, kreiste endlos über La Guardia, und dann herrschte auf dem Weg in die Stadt selbst um diese Zeit noch dichter Verkehr, der Brooklyn-Queens Expressway voll mit drängelnden Rowdys in Offroadern mit getönten Scheiben, Sattelschleppern zur Unzeit, Limousinen aus der Hölle. Jetzt steht unser Mann mit seinem Koffer auf dem Gehsteig, lockert seine rote Seidenkrawatte, öffnet den obersten Hemdknopf. Er hat diese Einengung satt, auch wenn er süchtig ist nach ihren Belohnungen. Und ist er etwa nicht belohnt worden? Aber sicher, natürlich – Prämien und Dividenden und Zinseszins und Eins-zu-drei-Splittings. Und erwartet er etwa nicht viele weitere solcher Belohnungen – halbjährliche Blowjobs der Gattin, prompte Bedienung in der Reinigung, die unverzügliche Einwilligung seiner Sekretärin, alles zu tun, worum er sie bittet? Klar, weshalb auch nicht? Er hat für all diese Dinge gearbeitet.
Er ist ein erfolgreicher Anwalt, unser Anwalt. Mein Anwalt. Mein eigenes verlorenes Selbst. Er ist vierzehn Jahre bei seiner Kanzlei, schon seit langem als Partner an ihr beteiligt. Auf seiner Mandantenliste stehen eine große Großbank (geleitet von Drachen in Anzügen, zum Teil im Besitz des Hauses Saud, niemandem Rechenschaft schuldig), mehrere Baulöwen (hodenkauende Irre), ein Fernsehsender (Marionetten, an den Fäden von Marionetten) und alle möglichen schwerreichen Individuen (Erben, Mauschler, Ehe-Swinger). Er weiß mit diesen Leuten umzugehen. Er ist ein Mann schneller Telefongespräche und effektiver Geschäftsessen und korrekten Papierkrams. Zuverlässig, aber kein Killer. Oder genauer, eindeutig kein Killer. Er brüllt nicht, berauscht sich nicht an seiner Macht oder tätigt pausenlos Abschlüsse – keine Tür fliegt aus den Angeln, wenn er vorbeigeht, die Sekretärinnen schauen nicht auf. Eigentlich sollte er ein bisschen smarter sein, aber wahrscheinlich hätte er nicht das Zeug dazu. Sein Haar ist zu dünn, seine Taille um eine Sonntagsausgabe der New York Times zu dick. Andererseits funktioniert die Welt dank zuverlässiger, unauffälliger Leute wie ihm, und er weiß das. Die Leute fühlen sich wohl in seiner Gegenwart. Die Kanzlei fühlt sich wohl. Deshalb fühlt er sich nur ein wenig unwohl, eben ein bisschen austauschbar. Ihm ist klar, dass es ein langsamer Aufstieg wird. Fünf Jahre für jeden großen Sprung nach oben. Er sieht den Mittelabschnitt auf sich zukommen, das graue Haar, die Steife in den Knien, die Cholesterintabletten. Aber noch ist es nicht ganz so weit. Wo der Aufstieg endet, weiß er nicht, aber wahrscheinlich gehören Golf und ein Boot und der Urologe dazu, und das ist annehmbar, fast. Falls er eine fatalistische Ader hat, hat er sie im Griff. Er wünscht sich viele Dinge und weiß, er wird nur wenige bekommen. Er wünscht sich, er wäre größer, reicher, schlanker und hätte viel mehr Mädchen gevögelt, bevor er geheiratet hat. Andererseits sieht seine Frau Judith, die fünf Jahre jünger ist, ziemlich gut aus. Allerdings wünscht er sich, sie wäre etwas netter zu ihm. Sie weiß, sie sieht noch ziemlich gut aus, zumindest noch eine Weile, bis sie – wie sie viele Male angekündigt hat – den Hals ihrer Mutter bekommt. (Wird es ein teigig aufgedunsenes Grauen werden oder ein Euter aus leerer Haut? Er weiß es nicht; Schönheitsoperationen sind in der Familie nichts Unbekanntes.) Bisher ist er treu und ein guter Familienvater gewesen, und als ihr Sohn noch klein war, hat er ihm sogar ein paarmal die Windeln gewechselt. Beständig – jahrein, jahraus derselbe Typ. Judith dagegen glaubt an die Neuerfindbarkeit aller Dinge, vor allem ihrer eigenen Person, und hat Shiatsu, Aromatherapie, Yoga und Gott weiß was sonst noch alles ausprobiert. Auf der Suche nach etwas, etwas anderem. Scheint frustriert, sogar von ihren eigenen Orgasmen. Will, will mehr. Mehr was? Haben er und Judith nicht schon genug? Natürlich nicht. Aber solche Sehnsüchte sind gefährlich. Daher die ständige Neuerfindung. Er versteht nicht, wie das gehen sollte; man ist, was man ist, glaubt er, und damit hat es sich.
Sein Gehalt würde er allerdings gern neu erfinden. Er wird gut bezahlt. Aber ihm stünde mehr zu. Die alten Seniorpartner, die fidel und lüstern auf den Gängen herumtapern, ziehen mehr Geld raus, als sie reinbringen. Obwohl er und Judith in einem jener Apartmenthäuser wohnen, in denen ein grauhaariger Doorman jeden Bewohner mit Namen grüßt, hätte er gern ein höheres Gehalt – achtzig Prozent würden genügen –, denn Judith möchte bald ein zweites Kind. Und Kinder sind in New York City teuer, Totems beträchtlicher Summen. Die Fähigkeit, zwei Kinder durch Säuglingszeit, Arztbesuche, Babysitter, Privatschule, Musikunterricht und Ferienlager zu bringen und gleichzeitig in Manhattan zu leben, erfordert einen steten Strom von Cash. Es sind nicht nur die Kosten für Erziehung und Beaufsichtigung; es ist der Schutz, die Abschirmung. Durch den Anschlag auf das World Trade Center wurden die Kinder der Stadt schon genügend traumatisiert. Da brauchen sie nicht auch noch die ganzen Bettler mit ihren nässenden Wunden, die Irren und U-Bahn-Kacker zu sehen. Man hofft, gewährleisten zu können, dass sie davon weit entfernt und unter Aufsicht sind. Kein Sich-Herumtreiben oder Bummeln oder Streunen, denn wenn man auf dem Heimweg trödelt, zieht man schlechte Erlebnisse geradezu an. Der Kindesentführer, der Perverse, die Meute Teppichmesser zückender, ein Opfer suchender Halbwüchsiger. In Manhattan sind alle Monster nah, wenn nicht geographisch, dann in der Fantasie.
Und die Umrisse der Fantasie werden durch Geld verändert. Die Maßeinheiten von Luxus werden größer. Und dieser Anwalt, dieser Mann, mein eigener Mann, dieser unbehaarte Affe in einem Anzug Größe 54, weiß es. Man isst, was man erlegt, sagt er sich. Erlege mehr, und du wirst mehr essen. Ein weiteres Kind bedeutet eine neue Wohnung, ein größeres Auto. Und dass sie Selma, ihre Babysitterin, noch ein paar Jahre länger behalten werden. Rechnet man die Extras und Vergünstigungen und Urlaube mit, zahlt er Selma 48 000 Dollar im Jahr. Das sind 100 000 Dollar vor Steuern. Mehr, als er in seinem ersten Jahr als Anwalt verdient hat! Wie erstaunlich, dass er das zahlen kann, wie schrecklich, dass er es muss! Und Judith erwartet irgendwann ein großes, holzverkleidetes Sommerhaus auf Nantucket, wie ihre Freundinnen eines haben. Fünfzehn Zimmer, Tennisplatz, beheizter Spritzbeton-Pool, Koi-Teich. »Du schaffst es, ich weiß, dass du es schaffst!«, sagt sie zuversichtlich. Er nickt in dumpfer Hinnahme der erforderlichen Arbeitsjahre; er wird vor Erschöpfung bucklig werden. Ja, Geld, er braucht mehr Geld. Er verdient eine Menge, braucht aber mehr! Der Vergütungsausschuss der Kanzlei wird von einem knauserigen Erbsenzähler namens Larry Kirmer geleitet; unser Anwalt, ein Mann mit Niveau, der in Yale den Jahresbericht gemacht hat, hat sich ausgemalt, Kirmer brutal zusammenzuschlagen; diesen Fantasien gibt er sich geradezu lustvoll hin, und das wiederum versetzt ihn in die Lage, in Kirmers Gegenwart gut gelaunt und positiv eingestellt zu erscheinen. Kirmer hat keine Ahnung von den imaginären Verletzungen, die ihm zugefügt worden sind, von den ausgedrückten Augen, den Tritten in den Unterleib, den geheimen Stichen ins Herz. Wenn Kirmer allerdings sein Gehalt verdoppelte, verschwänden die Gewalt- und Vergeltungsfantasien. Das Leben wäre richtig schön.
Jetzt geht unser Mann auf das Apartmenthaus zu und bewundert die Kirschbäume unter den Fenstern, die ihren Höhepunkt gerade überschritten haben, genau wie unser Mann selbst. Passanten, die zu dieser späten Stunde vorübergehen, bemerken nichts Ungewöhnliches an ihm; wenn er einmal auf eine glatte Art gutaussehend war, ist er es nicht mehr; wenn er einmal ein energiegeladener Zwanzigjähriger war, hat er jetzt einen Bauch, ein Mann, der seinem Sohn Timothy an den Wochenenden einen Gummi-Football zuwirft. Ein Mann, dessen Frau es offensichtlich nichts ausmacht, dass er, wenn er vorschlägt, miteinander zu schlafen, pseudowitzige Metaphern aus Wassersport (»in meine Wasserski steigen«) oder Profi-Eishockey (»massiv auf Körper spielen«) verwendet. Ja, anscheinend mag Judith seine konventionelle Männlichkeit. Sie verursacht keine Umgestaltungen ihrer Weiblichkeit. Sie ist, um ehrlich zu sein, Teil von Judiths Leben, ihres Lifestyle, wobei sie zwar nicht mit einem Sofa oder Minivan gleichzusetzen ist, aber auch nicht so völlig anders. So ist es ihr auch lieber, und wenn ihrer Ehe Gefahr droht, dann nicht von einer Infragestellung ihrer Konventionalität – durch ein unberechenbares Element, einen dunklen und potenten Ritter –, sondern vom plötzlichen Unvermögen ihres Gatten, den vorhersehbaren Komfort der Ehe weiter zu gewährleisten. Er für seine Person versteht diese Dinge noch nicht, was nichts anderes heißt, als dass er seine Frau nicht wirklich versteht. Er versteht seine Kanzlei und seinen Sohn und den Sportteil der Zeitung. Eigentlich unterscheidet er sich nicht groß von einem Sofa oder einem Minivan. Er hat nie sehr viel verloren oder gewonnen. Nur Dellen und undefinierbare Flecken abbekommen. Seine Sorgen sind somit ziemlich belanglos, seine Risiken ziemlich ungefährlich, seine Leidenschaften unspektakulär, seine Leistungen auf Zuwachs ausgerichtet und angesichts der enormen Vorteile durch seine Klassen-, Rassen- und Geschlechtszugehörigkeit fast eine Selbstverständlichkeit. Wenn er über die Fähigkeit zu tiefem Erstaunen oder echter Brutalität verfügt, ist sie noch unentdeckt.
Bin ich zu streng mit ihm, ist meine Beschreibung gemein und abschätzig? Wahrscheinlich. Immerhin war er durchaus gutaussehend, ganz wohl gelitten, verlässlich in Wort und Tat. Im Büro ein richtiges Arbeitstier. Ein super Typ. Grundsolide, schwer in Ordnung, ein prima Kerl. Seine Taille war nicht wirklich zu dick. Er war sogar einigermaßen fit. Aber es steht mir zu, diesen Mann zu verzerren, Anzeichen von Schwäche und Verfall zu suchen, weil es sein Schicksal leichter erklärbar macht. Und weil dieser Mann – das wissen Sie bereits –, weil dieser Mann ich war, Bill Wyeth.
Ich hatte am frühen Nachmittag zum letzten Mal mit Judith telefoniert und ihr gesagt, ich würde am Tag darauf nach Hause kommen. Es war eines dieser ehelichen Gespräche voller Gereiztheit und Subtext. »Timothy ist richtig traurig, dass du nicht da bist«, hatte sie mir gesagt. »Er würde sich so sehr freuen, wenn du kämst.«
Fast hätte ich ihr gesagt, ich würde einen früheren Flug nehmen. Aber ich wollte, dass die Überraschung für Timothy auch eine für Judith wäre. Ich war vier Tage weg gewesen. Mein Sohn wurde acht, und er hatte vor, mit seinen Freunden zum Bowling zu gehen, bei einem Training der Knicks zuzusehen und in einem Restaurant zu essen, in dem die Kellner wie Aliens aufgemacht waren. Danach wollten sie alle, von Reizen überflutet, in unserer Wohnung übernachten. Und prompt stieß ich beim Öffnen der Tür in der Diele auf die Spuren ihrer Wolfsrudelaktivitäten: etwa ein Dutzend über den Boden verstreute Turnschuhe, ein Durcheinander aus Jacken und Mützen, ein Haufen Geschenktüten, dann eine höherwertige Stufe von Müll – Geleebonbons, Baseballkarten, turnschuhgeplättete Süßigkeiten, aufsteckbare Vampirzähne, Luftballons, Plastiklöffel, Luftschlangen, Schokoladenkuchen, sogar falsche Gummifinger, aus denen falsches Gummiblut sickerte. Mit Kindern lernt man, häusliche Unordnung und ihre Muster zu lesen wie ein Spurensicherungsexperte, der ein Flugzeugwrack inspiziert. Judith, folgerte ich, hatte die Jungs ins Bett gescheucht und dann die Aufräumaktion ausfallen lassen. Ein vorsichtiger Blick in unser Schlafzimmer bestätigte meine Vermutung; dort lag Judith in erschöpftem Schlaf, während sich ihre Brüste hoben und senkten. (Sie hatte unseren Sohn nicht lange gestillt, und sie waren immer noch ihr »großes Plus«, sagte ich ihr oft, was sie sowohl ärgerte wie freute und was, wie wir beide wussten – und wieder erfahren sollten –, absolut zutreffend war; mit vierunddreißig Jahren hatten ihre Brüste immer noch Marktwert – einen höheren sogar, als wir uns beide hätten träumen lassen.)
Ich schloss leise die Tür – jetzt begann die Nacht, in der mein altes Leben enden sollte – und spähte ins Zimmer unseres Sohnes, wo alle neun Jungen, eng aneinandergeschmiegt und verknäuelt wie junge Hunde, in ihren Schlafsäcken lagen. Vielleicht seufzte einer oder warf sich herum oder richtete sein intimes Traumgeflüster an einen Spitzensportler. Ich ließ für Toilettensuchende die Flurbeleuchtung an (wer kann die heiße Schmach von Pipi vergessen, das verstohlene, sich den Unterleib haltende Schlafanzugschlurfen?), wanderte weiter in unsere neue Küche, die fast 100 000 Dollar gekostet hatte, und hob verirrte Teller und Papiertischtuchfetzen auf. Das bunte Chaos der Wohnung ließ einen an nichts weniger denken als an einen über ein Küstenstädtchen hinwegziehenden Hurrikan, der entlaubte Bäume und umgestürzte Pick-ups zurücklässt. Kein Wunder, dass Judith fix und fertig war.
Auf der neuen Arbeitsplatte, einer Art gräulichem brasilianischem Marmor mit violetten Quarzeinschlüssen (»Er sieht – oh, er sieht einen halben Meter tief aus!«, hatte unser Innenarchitekt angesichts der Aussicht auf weitere Einsätze unseres Geldes frohlockt), lag eine von meiner Sekretärin getippte Liste mit den vollständigen Namen aller Jungen, ihrer Eltern und/oder Stiefeltern und/oder Kindermädchen und deren Telefonnummern (Büro, Privat, Handy); den Namen bestimmter Jungen hatte meine Frau außerdem den Abholzeitpunkt, die Dosierung des Ohrentzündungsmedikaments und dergleichen mehr hinzugefügt. So arglos diese Liste von ihrer Intention her sein mochte, so aufschlussreich war sie soziologisch. Das waren die Söhne von einigen der prominentesten Mittvierziger- oder, im Fall diverser zweiter Ehen, Mittfünfziger-Väter dieser Stadt und ihrer wahrscheinlich nicht weniger prominenten Mütter. Tag für Tag tauchten ihre Firmen und Banken in den internationalen Wirtschaftsblättern auf. Citibank, Pfizer, IBM. Dieses Umstands war ich mir von Anfang an bewusst gewesen. Manche Jungen aus seiner Klasse zählten zu den Favoriten unseres Sohnes, andere nicht. Aber seine Favoriten deckten sich nicht ganz mit den Jungen in der Klasse, deren Eltern warmgehalten werden sollten. Vielleicht hatte ich vorgeschlagen, einige ganz bestimmte Jungen »fairerweise« einzuladen. Vielleicht? Natürlich hatte ich es vorgeschlagen.
Judith hatte nur geseufzt und das Mehr an Anstrengung und Heuchelei abgewogen, den Aufwand, mit mir zu streiten, den Aufwand, es nicht zu tun. »Okay«, hatte sie in Kenntnis meiner Beweggründe schwer atmend erwidert. Zum Teil war das doch der Grund, warum sie mich geheiratet hatte, oder nicht?
Um zu essen, was ich erlegte. Unser Sohn hatte währenddessen aufgeregt in die Hände geklatscht. Er war ein großzügiger Junge, und so stieg die Zahl der Eingeladenen von fünf auf acht. Und hier war die Liste mit ihren Namen, die Schrift durch verschütteten Saft zerlaufen, das Ganze mit einem Klecks Schokoglasur garniert.
Ich legte sie beiseite und durchstöberte den Kühlschrank. Ein Rest kalte Nudeln, Achterpacks Karamellpudding für Timothys Pausensnacks. Aber nichts sofort Essbares für einen hungrigen Mann. Ich rief bei dem Thai zwei Straßen weiter an und bestellte irgendein scharfes, fettiges Zeug, das nach fünfzehn Minuten kam – der junge Ausfahrer lächelte, als er das Trinkgeld einsteckte –, und dann verbrachte Bill Wyeth, Ihrer und meiner, die letzten Minuten seines früheren Lebens damit, zu Abend zu essen, sich die Sportergebnisse anzusehen, Rechnungen zu öffnen und seine E-Mails zu lesen. Diese Mehrgleisigkeit und Zweckbestimmtheit, dieses gleichzeitige Bedienen verschiedener Bedürfnisse, hatten etwas Tröstliches. Etwas, aber nicht genug.
Bill Wyeth hat noch ein anderes Bedürfnis, weshalb er, nur um noch mal nachzusehen, ins Schlafzimmer schleicht. Aber Judith schläft wie ein Stein, ihr Atem riecht etwas muffig, ihr Arm ist auf die Decke gesackt, als hätte sie ihm gerade eine Handgranate entgegengeschleudert. Sie ist nicht der Typ Frau, den man mitten in der Nacht aufwecken und besteigen kann. Judith braucht Vorbereitung – eine Beschleunigungsspur, um in Fahrt zu kommen. Sie hatten miteinander geschlafen, bevor er nach San Francisco geflogen war, aber das war fünf Nächte her, und aus Angst, dass es irgendwie doch auf der Rechnung an die Kanzlei auftaucht, nimmt er das Pornoangebot der Hotels nie wahr. Jeder Klick, jede Auswahl für immer gespeichert, eine endlose Folge von Daten, die sich hinter uns herzieht wie ein Spinnfaden. Er hatte gehofft, seine frühzeitige Heimkehr könnte sie in Stimmung bringen. Aber da konnte er lange warten. Er muss Dampf ablassen, einen kleinen Schuss im Dunkeln. Er braucht etwas Trost. Nur ein ganz kleines bisschen. Außerdem schläft er dann besser, hat am nächsten Tag mehr Energie, um die Arbeit zu bewältigen, die sich in seiner Abwesenheit angehäuft hat, und um mit Kirmer fertig zu werden.
Judith dreht sich auf den Rücken, ihre Brüste heben sich, sie lässt ihren feuchten, vollen Atem entweichen, und während er sie beobachtet, massiert seine Hand abwesend seinen Unterleib. Ist er frustriert? Schwer zu sagen. In sexueller Hinsicht hat Bill Wyeth das Alter des Akzeptierens erreicht. Er akzeptiert die Tatsache, dass er seiner Frau treu ist. Er akzeptiert seinen Wunsch, jede beliebige Zahl jüngerer Frauen und ein paar ältere flachzulegen, die seine Wege kreuzen. Er akzeptiert, dass es dazu nicht kommen wird. Er akzeptiert, dass es dazu kommen könnte, vorausgesetzt, er dächte sich die entsprechenden Ausflüchte aus, leitete die erforderlichen Geldbeträge um und nähme an seinem Tagesablauf subtile Änderungen vor. Er akzeptiert die Tatsache, dass seine Frau im Bett ziemlich unmotiviert geworden ist – »desinteressiert« wäre klinisch, aber höflich. »Faul« wäre aufrührerisch, aber wahr. Er akzeptiert die Tatsache, dass es seine Schuld sein könnte, aber eigentlich eher nicht. Er akzeptiert die Vorstellung, dass die Ehe das beste Arrangement ist, um Kinder aufzuziehen, aber zugleich auch ziemlich hart für die Eltern. Er akzeptiert die Tatsache, dass viele, wenn nicht sogar die meisten Frauen, die er gern aufs Kreuz legen würde, von ihrer Biographie nicht unbeschadet geblieben sind und dass ihre reizvollen Neurosen rasch langweilig würden, und er akzeptiert die Tatsache, dass Judith alles in allem ein wunderbarer Mensch ist und dass er sich außerordentlich glücklich schätzen kann, mit ihr verheiratet zu sein. Vor allem ist sie ihrem Sohn eine liebevolle Mutter, die immer noch Schuldgefühle hat, weil sie ihn nicht richtig gestillt hat, aber keinerlei Probleme mit dem Zeit- und Energieaufwand, der einer Mutter abverlangt wird. Um Mutter zu sein, hat sie ihre Karriere aufgegeben, und weil sie das akzeptiert hat, hat er es auch. Ebenso wie die Tatsache, dass Judith – die reizende, liebevolle, großbusige, gute und nervöse Judith – nie begriffen hat, was er sexuell eigentlich will, und zwar trotz all seiner geduldigen, schonenden Hinweise, was das ist – und es ist keine Stellung und kein bestimmtes Verhalten, – nein, überhaupt nicht (na ja, vielleicht ein paar Arten von Verhalten), sondern vielmehr eine Art emotionaler Freigebigkeit ihrerseits, eine Art grundlegender Großzügigkeit, nach der er sich, scheint es, sein ganzes Leben lang gesehnt hat, ohne sie sonderlich oft zu erfahren. Er akzeptiert, dass sie unter Umständen alle möglichen Liebhaber begehrt, die nicht er sind, denn es ist klar – gehen Sie nur durch die Straßen New Yorks –, die Menschen sind unendlich in ihrer Vielfalt. Wahrscheinlich denkt sie an Frauen, und bei mächtigen älteren Männern mit dichtem weißem Haar wird sie definitiv schwach, und sie behauptet, schwarze Männer nicht attraktiv zu finden (aber das hat sie ein paarmal zu oft gesagt, als dass er es ihr glauben würde), und abgesehen davon akzeptiert er auch das. Genauso, wie er akzeptiert, dass da draußen in der richtigen Welt, nicht nur in der dünnen Schicht ökonomischen Zuckergusses, in der er sich bewegt, Menschen in allen Größen und Formen ficken und rammeln und lutschen und bumsen und sich gegenseitig Dinge reinstecken – Schwänze, Finger, Zungen, Hände, Fäuste, Spielsachen, Gemüse, Viren etc. – und dass diese Aktivitäten sie häufig glücklich machen und häufig nicht. Er akzeptiert, dass es Frauen gibt, die verlangen, dass ihre Männer haarlos sind, und Männer, die wollen, dass ihre Frauen Gewichte von 150 Kilo stemmen. Er akzeptiert, dass sich einige wenige radikale Lesben tatsächlich genauso Graumarkt-Testosteron spritzen, wie bestimmte schwule Männer ihren postmenopausalen Müttern Östrogenpillen klauen. Er akzeptiert die »klassische« feministische Kritik an den Männern, an der männlichen Vorherrschaft etc. Er akzeptiert die feministische »Besorg’s mir«-Revision dieser Kritikpunkte. Er akzeptiert das Entsetzen, das Frauen beim Gedanken an Vergewaltigung befällt – an echte, Mund zuhaltende, Vagina zerfetzende Vergewaltigung. Er akzeptiert seinen gelegentlichen, immer unausgelebten Wunsch, das zu tun. Er akzeptiert, dass er in bestimmten Momenten im Bett mit Judith kurz davor steht, es selbst zu tun. Er akzeptiert, dass das alles nur Augenwischerei ist. Er akzeptiert, dass sie es (seine kraftvolle Leidenschaft! ihre Hilflosigkeit!) ganz, ganz toll findet und es bei anderen Gelegenheiten geduldig über sich ergehen lässt wie eine notwendige Verrichtung, so aufregend wie das Auswechseln aufgebrauchter Klopapierrollen. Er akzeptiert, dass die Transvestiten, die auf den hinteren Seiten der Village Voice annoncieren, oft besser aussehen als Frauen. Er akzeptiert, dass er sich gelegentlich fragt, wie es wäre, jemandem einen zu blasen oder in den Arsch gefickt zu werden. Er akzeptiert, dass er es nie wissen wird. Er akzeptiert, dass jeder von uns Meter und Kilometer und ganze Kontinente von Zuneigung und Gefühl und Erlösung will, und das auch noch unbedingt, und dass wir meistens alles tun, um es zu kriegen, und alles, um es nicht zu kriegen, je nachdem. Wir stecken die Enttäuschung weg, wir sublimieren, wir masturbieren, wir hängen uns an Accessoires auf, wir fantasieren, wir streuen psychosexuelle Gewürze auf unseren Haferschleim. Ja, er akzeptiert das, er akzeptiert alles davon.
Und was er am meisten akzeptiert, zumindest jetzt, ist, dass seine Frau schläft und nicht verfügbar ist, wenn nicht sogar nicht willens. Er kommt nicht zum Zug, jedenfalls nicht heute Nacht – und er akzeptiert das, doch, wirklich.
Und so kehrt er, den Mund noch voll nussig-hühnerig-scharfem Thai-Essen, in sein Zimmer zurück und zappt in der Hoffnung auf ein paar Titten und Ärsche durch die Kabelkanäle. Er wird sich mit allem zufriedengeben. Nach Mitternacht sinkt im Fernsehen die Hemmschwelle in Sachen Unanständigkeit rapide, weil sich die Sender verzweifelt jeden zu krallen versuchen, der nicht dem Pornoangebot im Internet auf den Leim gegangen ist. Ihm soll alles recht sein. Er ist keine Ausnahme. Er ist ein typischer Vertreter seiner Spezies. Er ist ein Minivan, vergessen Sie das nicht! Er hat den Mund voll Thai-Essen, Fett an Händen, Gesicht und Hemd, und er beginnt sich ein bisschen selbst zu bearbeiten – wen kümmert es schon, wenn er Fett auf seine Hose kleckert –, um die Rückkopplungsschleife Penis an Kopf, Kopf an Penis in Gang zu bringen. Mit genialen Reflexen schaltet er zwei Dutzend Kanäle durch, erkennt in vielleicht einer Sekunde das Wichspotenzial jeder Sendung, bevor er weiterschaltet – und ja! Hier ist so eine Art Spring-Break-Konzert, Mädchen in Bikinis, Typen mit Mützen, die Plattenteller drehen sich, die Mädchen aufreizend mit Sonnenschutz eingeölt, weiße Mädchen, schwarze Mädchen, tanzend, mit hüpfenden Titten, prima, völlig okay, nicht unbedingt Porno, aber ausreichend, seine Rechnungen wird er hinterher erledigen, bring’s einfach hinter dich, und er öffnet seinen Gürtel, der Mund brennt vom Essen ein wenig, und dann – dann hört er auf dem Flur Schritte.
»Ja?«, ruft er ängstlich und zieht das Hemd heraus, um seinen Unterleib zu verdecken.
»Ich habe Durst.«
»Klar«, ruft er herzlich, erleichtert, nicht ertappt worden zu sein.
Es ist einer der Jungen, welcher, weiß er nicht, der schläfrig blinzelnd in der Tür steht, warm zerknittert in einem Pyjama, der dem Trikot des neuen Quarterbacks der Jets nachempfunden ist.
»Ich bin Timmys Dad. Du möchtest was zu trinken?«
»Aha. Ja, bitte.«
Der alte Bill Wyeth springt jetzt auf und eilt in die Küche, um dem Jungen ein Glas Milch einzuschenken. Fettarme? Normale? Er entscheidet sich für normale, die dem Jungen schwerer im Magen liegen wird und ihm vielleicht hilft, besser zu schlafen. Er eilt in den Flur zurück. Der Junge ist so verschlafen, dass Bill ihm helfen muss, das von seinen Händen fettig gewordene Glas zu halten. Langsam hebt der Junge das Glas. Die Milch ist genau das, was er will. Ein süßer Junge, lange Wimpern, das Haar vom Kopfkissen zerzaust. Er schluckt den letzten Rest Milch, die einen weißen Schnurrbart über seiner Lippe zurücklässt. »Danke«, sagt er und tappt in Richtung Schlafzimmer davon. Bill folgt ihm, steigt vorsichtig über die anderen Jungen und hilft ihm mit ein paar väterlichen Rückenklapsen in seinen Schlafsack.
Dann zieht er sich ins Wohnzimmer zurück, schließt die Tür ab, findet seine tanzenden Schlampen im Fernsehen und holt sich einen runter – sehr ökonomisch, denn er benutzt den fettigen Thai-Essenskarton als Auffangbehälter. Dann erledigt er eine halbe Stunde lang Rechnungen, wobei er auch etwas für eine Umweltorganisation spendet, die gegen die Erderwärmung kämpft. Steigender Meeresspiegel, zunehmende Versteppung, Weltuntergang garantiert. Nachdem das alles erledigt ist, stellt er das Glas des Jungen in den Geschirrspüler und macht in der Küche sauber. Das wird Judith freuen. Es ist immer gut, der Frau eine kleine Freude zu machen. Irgendwann kniet er nieder und schabt grünen Kaugummi vom Schieferboden, der laut Innenarchitekt sehr pflegeleicht sein soll. Als Nächstes holt er einen Müllsack und füllt ihn mit Partymüll, Erinnerungszetteln, Werbesendungen, dem Mehrzweck-Essenskarton und allem, was er sonst noch an Abfällen finden kann, und wirft das Ganze in den Müllschlucker. Dann steckt er noch einmal den Kopf in das Zimmer der Jungen. Einer von ihnen schnarcht gurgelnd mit verstopfter Nase. Dann zieht sich Bill Wyeth aus und legt sich zu seiner Frau ins Bett. Auf der Spitze seines Penis ist ein Tupfer Restfeuchtigkeit, ein Kitzeln, eine klebrige Erinnerung, als hätten er und Judith tatsächlich gerade miteinander geschlafen. Er verlagert seine Glieder, er windet sich unter der Decke, er lockert Gelenke und lässt Atem entweichen, er schiebt die beruflichen Sorgen, die rasch palmwedelartig an den Wänden des Schlafs hochwachsen, zur Seite. Er hat nichts Unrechtes getan, er ist korrekt und gesetzestreu. Er zahlt seine Steuern und setzt sich in der U-Bahn nicht auf einen Platz für Behinderte. Er hat sich die Ruhe verdient und empfindet jetzt beim Einschlafen fast so etwas wie Glück.
Bill Wyeth befindet sich in Sicherheit.
Am Morgen stürmten die Jungen einer nach dem anderen ins Esszimmer. Judith, früh auf, hatte in der Mitte des Tisches an die zehn verschiedene Sorten Frühstücksflocken aufgebaut.
»Ist Wilson schon auf?«, fragte sie nach ein paar Minuten.
»Er schläft noch«, antwortete unser Sohn, in den Text auf der Rückseite einer Cornflakes-Packung vertieft.
Judith ging aus der Küche. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Zeitung zu.
»Bill?«, kam ihre Stimme aus dem Flur. »Komm mal.«
Ich dachte mir nichts weiter, bis ich Judith neben dem Jungen knien sah, dem ich die Milch gegeben hatte. Sie rieb ihm behutsam den Rücken, versuchte, ihn zu wecken. »Wilson?«, sagte sie. »Wilson, mein Schatz?« Sie hörte auf, ihm den Rücken zu reiben, und wartete auf eine Reaktion, darauf, dass er sich rührte. Aber nichts geschah.
»Wilson? Frühstück ist fertig«, gurrte Judith.
»Mir gefällt nicht, wie er daliegt«, sagte ich.
»Wilson?« Judith versuchte es noch einmal.
Ich fand, das Gesicht des Jungen sah seltsam aufgedunsen aus, seine Finger blass.
»Wilson? Wilson?« Judith wandte sich mir zu. »Ich kriege ihn nicht wach!«
Auch ich schaffte es nicht. Ich kniete nieder und schüttelte ihn. Er fühlte sich kalt an, sein Kopf zu schlaff. »Wir sollten einen Krankenwagen rufen!«
Als Judith zum Telefon rannte, drehte ich Wilson auf die Seite, und aus seinem Mund fiel mit Pizzaklumpen durchsetztes Erbrochenes. Von einem seiner Augen, es war fast ganz geschlossen, war nur ein Spalt Weißes zu sehen; das andere betrachtete ein Plakat Derek Jeters, des großartigen Yankee-Shortstops. Die Oberflächen beider Augen waren trocken. Der Junge sah tot aus. Aber das konnte nicht sein. Mir wurde heiß und leicht schwindlig, ich kam mir dämlich vor.
Meine Frau kam zurück und machte, das Telefon am Ohr, die Tür hinter sich zu. »Wir haben ein Problem«, begann sie, bemüht, ruhig zu bleiben. »Wir brauchen einen Krankenwagen ... wir haben hier einen achtjährigen Jungen, der nicht mehr atmet ... Was? Keine Ahnung! Wir sind gerade aufgewacht! Nein, wir sind gerade aufgewacht, er nicht! Oh, bitte, kommen Sie – ich weiß nicht, wie lang ... –« Und dann unsere Adresse und Telefonnummer. »Bitte, machen Sie schnell!«
»Gestern Abend hat ihm nichts gefehlt.«
Die Tür ging auf. Timothy steckte den Kopf herein, Panik im Blick. »Mom?«
»Mach bitte die Tür zu, Timmy.«
»Mom.«
»Tu, was ich sage.«
Er sah mich an. »Die anderen Jungen ...«
Judith knurrte: »Mach ... die ... Tür ... zu.«
Das tat er. Er tat, was ihm seine Mutter sagte, und würde es auch in Zukunft tun. Jetzt kniete Judith neben Wilson nieder. »Was hast du gesagt? Ihm hat nichts gefehlt?«
»Ja.«
»Hast du bei allen Jungen nachgesehen?«
»Nein, Wilson wurde wach.«
»Was hast du getan?« Etwas in Judiths Stimme kippte.
»Ich habe ihm ein Glas Milch zu trinken gegeben und ihn wieder ins Bett gebracht.«
Sie schien in seiner Umgebung nach etwas zu suchen, hob die Schlafsäcke und Kissen der anderen Jungen hoch. »Keine Erdnussbutter?«
»Ich habe ihm Milch zu trinken gegeben«, wiederholte ich.
Aus Wut oder Frustration schüttelte Judith heftig den Kopf. »Er hat eine schwere Erdnussallergie, total verrückte Geschichte!« Sie griff nach Wilsons Rucksack und zog hektisch mit Jets-Emblemen bedruckte Unterwäsche, ein frisches Hemd und Socken heraus. »Ich musste seiner Mutter hoch und heilig versprechen, ihm nichts mit Erdnüssen drin zu geben. Nicht einmal ein kleines Stückchen. Nicht einmal Moleküle. Das löst in seinem Immunsystem eine Kettenreaktion aus. Sie musste vorher im Restaurant anrufen, um es ihnen zu erklären, und er hat für alle Fälle immer eine Spritze dabei.« Sie sah auf die Uhr. »Es ist zu spät, es ist – sicherheitshalber habe ich die ganze Erdnussbutter weggeworfen! Auch die Eier und die Cashews habe ich weggeworfen! Ich habe mir alle Süßigkeiten angesehen!«
»Judith, ich habe ihm ein Glas Milch gegeben.«
Sie öffnete den Schlafsack des Jungen und schlug ihn auf. In seinem Innern befand sich ein Plastikbehälter mit der Aufschrift EPINEPHRIN-INJEKTION – BEIANAPHYLAKTISCHEM SCHOCK. »Die Spritze ist leer!«, stieß sie hervor. Sie zog den Schlafsack weiter auf. Neben der schlaffen Hand des Jungen lag eine gelbe Plastikspritze, aus der eine kurze Nadel ragte. »Das ist sie!«, sagte sie. »Er hat versucht – er wusste ... oh, er wusste es!« Schluchzend beugte sie sich über den Jungen, um ihn zu küssen, als versuchte sie, ihn wieder zum Leben zu erwecken. »O Gott, ich habe seiner Mutter versprochen ... ich habe ihr versprochen ...« Sie blickte auf und sah mich finster an. »War irgendwas auf dem Glas?«
»Was sollte darauf gewesen sein?«
»Erdnussbutter zum Beispiel!«
»Nein. Ich hatte höchstens vom Abendessen noch etwas Fett an den Fingern.«
»Was hast du gegessen?«
»Ich habe mir etwas vom Thai-Imbiss kommen lassen, Schatz, es waren keine ...«
»O Gott! « Die Hand am Mund, stand Judith abrupt auf. Entsetzt stürmte sie aus dem Zimmer, und als unser beider Leben Minute für Minute immer weiter auseinander brach – die Ankunft der Rettungssanitäter, die Polizei, der Anruf bei Wilsons Eltern, die anderen Jungen, inzwischen völlig aufgelöst, weinend oder nervös durcheinander plappernd, die Wiederbeschaffung des tödlichen leeren Glases (das Erdnussöl noch am Rand, immer noch als die verdichtete Essenz von Erdnüssen riechbar), das Eintreffen der anderen Eltern – als alles, was wir über uns gewusst hatten, sich in nichts auflöste, konnte ich nicht anders, als mich an diesen Schluck Milch zu erinnern – das kühle beschlagene Glas, die nach oben gekrümmte Oberfläche der Milch, wo sie am Glas haftete, die befriedigende Inkarnation flüssiger Liebe, selbst auf Armeslänge fast schmeckbar, nahrhaft und üppig, sicher und rein. Wer hätte das gedacht, wer hätte gedacht, dass ich, Bill Wyeth, ein grundsolider, seine Steuern zahlender Minivan von einem Mann, angesehener Sozius einer renommierten Großkanzlei, einen achtjährigen Jungen mit einem Glas Milch töten würde?
Dann fiel mir ein, dass Wilson einer der Jungen war, auf dessen Einladung ich gedrungen hatte, weil sein Vater Wilson Doan Sr. war, geschäftsführender Teilhaber einer der größten Investmentbanken New Yorks, die wiederum zu den größten Mandanten meiner Firma gehörte, ein Unternehmen mit Niederlassungen in 126 Ländern. Sein Sohn war an meinem Ehrgeiz erstickt – so konnte man es durchaus sehen, doch, wirklich.
Und eine Stunde später stand auf dem Flur des New York Hospital Wilson Doan Sr. vor mir, sein einziger Sohn und Namensträger immer noch und auf ewig tot. Er war ein großer, seltsam aussehender Mann in einem schwarzen Mantel. Seine Frau war weinend und schreiend ins Krankenhaus gestürmt, und als ihr die Schwestern erklärten, dass ihr Sohn nicht in der Notaufnahme sei, sondern »schon unten«, war sie vor Verzweiflung stöhnend zusammengebrochen und hatte sich, während die Hoffnung aus ihrem Körper entwich, auf dem Boden gewunden. Das hatte Wilson Doan gesehen. Schlimmer noch, er hatte gesehen, dass ich es sah. Nachdem seine Frau inzwischen ein Beruhigungsmittel bekommen hatte, hielt er seine behaarten Fäuste an den Seiten und sah mich direkt an, und mir wurde bewusst, dass ich ihm einmal, vor Jahren, die Hand geschüttelt hatte – bei irgendeiner Veranstaltung, wahrscheinlich einem Elternabend in der Schule unserer Jungen.
»Es heißt, Sie haben ihm ein Glas Milch mit Erdnussöl daran gegeben.«
»Ja«, sagte ich.
Wilson Doan war ein großer Mann, aber das Auffälligste an ihm waren seine Augen; leicht verschoben, eines höher und größer als das andere, verliehen sie ihm eine verstörende Vielschichtigkeit; eine Hälfte seines Gesichts war öffentlich und suchte die Konfrontation, die andere in ihrer durchdringenden Art privat und distanziert, das kleinere Auge teilnahmslos kalt. Das war vermutlich das Geheimnis seines Erfolgs.
»Wir haben Ihrer Frau absolut unmissverständliche Anweisungen erteilt.«
»Ja. Sie hat sie befolgt.«
»Und Sie nicht?«
»Ich wusste nichts davon.«
»Warum nicht?«
»Judith hat mir nichts davon erzählt.«
»Warum nicht?«
»Sie hat nicht mit meiner Rückkehr gerechnet.«
Er sagte nichts, seine Augen ruhten mordlustig auf mir.
»Ich bin früher als geplant zurückgeflogen, um bei meiner Familie zu sein«, fügte ich hinzu. »Es sollte eine Überraschung werden.«
»Ich verstehe.«
Er versuchte, die Fassade der Höflichkeit aufrechtzuerhalten, doch ich konnte sehen, dass er mich schlagen wollte, auf mich eindreschen und mich verprügeln, bis ich kaputt wäre oder, Jahre später, seine Wut verraucht. Und ich wünschte mir, er würde es tun. Ja, ich wünschte es mir. Ich wollte von meiner Schuld erlöst werden; ich wollte die Intimität seiner heißen Fäuste auf meinem Körper, denn indem er mir Schmerzen zufügte, würde ich die seinen spüren, und er wüsste das. Er hätte mich lange schlagen und treten können, und ich hätte die Abreibung als warmen Regen empfunden. Ersehnt, reinigend.
Aber dazu kam es nicht. Stattdessen standen wir angespannt da, er voller Hass auf mich, ich voller Angst vor seinem Hass. Zwei Männer in Anzügen, identisch in Qualität und Stil und meines Wissens sogar hinsichtlich des Orts ihres Kaufes; zwei Männer mit Frauen und Vermögen und Renommees und Sekretärinnen und immer längeren Ohren und Aktien-Portfolios und alternden Eltern. Letztlich wusste er zu viel über mich, um zuzuschlagen. Schlüge er mich, schlüge er sich selbst, beziehungsweise sein Bild von sich, so austauschbar waren wir, und das Schicksalhafte daran, das, was uns widerfahren war, war jederzeit umkehrbar. Mein Sohn, sein fettiges Glas Milch. Er wusste, er hätte das Gleiche getan haben können.
Aber es gab noch einen Grund, warum mich Wilson Doan Sr. damals nicht angriff. Es wäre nicht gut für ihn gewesen. Es hätte sich als unangebrachter Gefühlsausbruch auslegen lassen. Immerhin war er Banker. Wenn er schon in der Öffentlichkeit nicht in der Lage war, sich zu beherrschen, wie sah es dann erst in seinem Privatleben aus? Die Leute würden reden. (Das tun sie immer.) Möglicherweise brächten die Daily News eine Meldung. Und das war schlecht fürs Geschäft. Aber seine Zurückhaltung erschreckte mich umso mehr, als ich wusste, dass sein Zorn irgendwann, irgendwo zum Ausbruch käme und dass Wilson Doans Reaktion umso schlimmer für mich würde, je weiter weg sie wäre – je größer die Entfernung und je stärker die zeitliche Verzögerung, mit der die Detonation erfolgte. Jede Minute, die er mich unerfüllt hasste, wäre eine Minute mehr, in der er seine Entschlossenheit sammelte und seine Strategie verbesserte. Zweifellos war das auch ihm bewusst, als er seine Hand mit dem Versprechen an sich selbst zurückhielt, dass meine irgendwann erfolgende Bestrafung weit über eine bloße Abreibung hinausgehen würde.
Was sie auch tat.
Inzwischen frage ich mich, wie Wilson Doan vorging. Ließ er sich von maliziöser Voraussicht leiten oder von organischer Intuition? Oder von beidem, einem Wechsel von undifferenzierter Wut, die sich in klare Momente köstlich bitterer Erfüllung auflöste? Ich weiß es nicht. Ich habe den Mann nie gefragt. Was jedoch feststeht, ist, dass Wilson Doan mich ruiniert hat. Stück für Stück, Pfund um Pfund, Dollar um Dollar. Und am Ende, obwohl nicht viel übrig war, stand das Ergebnis durchaus im Verhältnis zu seinem Anspruch, und dieser Anspruch war, wie die Bodenlosigkeit seines Kummers, hoch.
Die Leute finden es schwer, mit einem Mann zusammen zu sein, der einen achtjährigen Jungen getötet hat. Wer kann es ihnen verdenken? Obwohl sie wissen, dass es ein »verrückter Zufall von eins zu einer Million« war, fragen sie sich dennoch, warum ihn die Frau nicht auf die Erdnussallergie aufmerksam gemacht hat? Dass schon »Moleküle« ausreichten? Oder hatte sie es ihm sogar erzählt, und er hatte es vergessen? Schließlich vergessen Ehemänner solche Dinge ständig. Sogar ich begann mich zu fragen, ob Judith es mir gesagt hatte. Es wäre möglich gewesen, als ich sie aus San Francisco angerufen hatte. Doch sie hatte es mir nicht erzählt. Ich war fast sicher. Aber ich war müde gewesen, mir waren unzählige Kleinigkeiten durch den Kopf gegangen. Was war, wenn sie es mir auf eine ganz beiläufige Art erzählt hatte? Sie behauptete nie, es mir gesagt zu haben, aber was war, wenn sie sich selbst nicht mehr daran erinnern konnte? Wie konnte jemand eine Formulierung wie »eine Kettenreaktion im Immunsystem« vergessen? Wusste nicht jeder, dass thailändisches Essen oft Erdnussöl enthielt? (Im Artikel über den Tod von Wilson Doan Jr. im Lokalteil der Times hieß es: »Die Thai-Restaurant-Besitzer, mit denen unser Reporter sprach, bestätigten alle, dass in vielen ihrer Gerichte Erdnussöl verwendet werde, und sie versicherten, umgehend entsprechende Hinweise in die Speisekarten aufzunehmen.«) Vielleicht, dachten die Leute insgeheim, hatte er etwas getrunken. Das hätte alles erklärt. Oder vielleicht hatten er und seine Frau Streit gehabt. Vielleicht alles Mögliche. Und warum hatte ich nichts gehört? Immerhin war der Junge erstickt! Irgendein Geräusch musste er doch gemacht haben? Hatte ich es nicht gehört? Vielleicht hatten sie miteinander geschlafen und es deshalb nicht gehört? Die Frau hat noch einen tollen Vorbau, würden die Männer insgeheim denken, die Augen in wölfischem Bescheidwissen zusammengekniffen. Oder vielleicht war ich, der Mörder, mit einer leeren Heroinspritze im Arm flachgelegen. (Eine überraschend hohe Anzahl von Anwälten ist heroinsüchtig.) Vielleicht hatte ich mir mit der Pinzette Haare aus der Nase gezupft und dabei Louis Armstrong gehört – es spielte keine Rolle. Der Tod des kleinen Wilson Doan ereignete sich während meiner Wache, in loco parentis. Ich war verantwortlich. Bill Wyeth, du warst es. Ja. Du bist der Schuldige. Ja. Du warst es, du Scheißkerl. Ja. Nur ich und niemand sonst.
Und es tat mir leid, schrecklich Leid, aber auch das spielte keine Rolle. Ich stellte mir vor, wie die Mutter des kleinen Wilson Doan untröstlich auf ihr Frühstück starrte. Toast, kalte Eier. Es hieß, sie sei gefährlich deprimiert. Verliere Gewicht und Realitätsbezug. In nicht allzu ferner Zukunft würden Eltern ihre verlorenen Kinder klonen. Die Gesellschaft würde entscheiden, es sei akzeptabel, und sie gewähren lassen. Aber jetzt noch nicht. Vielleicht würden die Doans noch ein Baby kriegen, aber selbst wenn sie massenweise Kinder bekämen, bliebe immer ein Schmerz, ein Schatten. Ich brauchte mir nur vorzustellen, Timothy zu verlieren, um ihre Verzweiflung nachempfinden zu können. Ich hatte ein halbes Dutzend Leben zerstört, ich hatte nicht die Liste mit den Anweisungen für die einzelnen Jungen gelesen, ich hatte in Form von thailändischem Essen und tanzenden Girls Befriedigung gesucht, ich war irgendwie nicht so wachsam gewesen, wie ich es hätte sein können. Das sagte ich mir selbst. Du Idiot, schau doch, was du angerichtet hast. Du und deine blöden abrechenbaren Stunden und deine Rentenbeiträge und dein Zahnfleischschwund. Du bist als Witzfigur bloßgestellt – nein, als Horrorwitzfigur. Es spielt keine Rolle, dass Absurdität die Unwahrscheinlichkeit geschändet hat. Es gibt keine totalen Zufälle. Alle Wirkungen haben Ursachen. Du warst es. Du hast vorgeschlagen, den Jungen einzuladen. Du verdienst, an seiner Stelle zu sterben. Aber das wirst du nicht und das kannst du nicht; du hast eine Familie, für die du zu sorgen hast.
Ja, die Leute finden es schwierig. Sie möchten nicht, dass man in die Nähe ihrer Kinder kommt. Sie wollen den Makel, das Mal nicht. Die Besten von ihnen lächeln ausdruckslos und entdecken Terminüberschneidungen. Die Schlimmsten von ihnen legen eine gewisse anthropologische Neugier an den Tag und untersuchen einen auf Hinweise von Reue – Zähneknirschen zum Beispiel, ein plötzliches Einsetzen des Tourette-Syndroms, das Essen von Glas, ein um den Hals gehängter brennender Reifen vielleicht. Aber wenn man versucht, auch nur annähernd so etwas wie einen normalen Tagesablauf zu absolvieren, wenn man immer noch zu Dingen verpflichtet ist, wie Äpfel zu kaufen und seine Stromrechnung zu bezahlen und seinem Sohn einen Gutenachtkuss zu geben (»Das wird alles wieder gut, mein Großer, ganz bestimmt ...«), dann wurstelt man sich gerade so durch und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Und ihnen, denjenigen, die darauf achten, wie fest man seinen Krawattenknoten gebunden hat, gefällt nicht, was sie sehen. Sie sehen einen seufzend sagen: »Da müssen wir jetzt einfach durch.« Das gefällt ihnen nicht, weil es ihnen keine Ruhe lässt. Es ist keine Strafe. Sie wollen wissen, ob es »rechtliche Konsequenzen« gibt. Und wenn es nur ein dummer Zufall war, ein Fingernagelschnipsel Gottes, der auf die falsche Stelle gefallen ist?
Das ist Amerika. Wenn man nicht eingesperrt wird, wird man verklagt. O. J. Simpson entging dem Gefängnis – obwohl er seiner Frau den Kopf abschnitt –, aber er wurde mit Erfolg verklagt. Sie wollen wissen, wie es sich »auf die Ehe auswirkt«. Was glauben Sie wohl?, wollte ich schreien, ohne es zu tun. Katastrophal natürlich.
Judith fiel fast sofort von mir ab. Sie schlief nicht mehr mit mir, und mit meinen blöden Wasserski- und Eishockeyanspielungen war ebenso Schluss wie mit vielem anderen. Ungefähr einen Monat danach spürte ich eines Nachts, wie sie sich im Schlaf herumdrehte und von hinten an mich schmiegte, was sie, die Arme um meinen Brustkorb geschlungen, oft getan hatte. Doch noch während es mir warm ums Herz zu werden begann, verkrampfte sie sich, schnappte abrupt nach Luft, zog die Hände zurück und drehte sich auf die andere Seite.
Den Verlust Judiths konnte ich vielleicht noch verkraften, was ich nicht verkraften konnte, war der Verlust meines Sohnes. Er verstand nicht, warum die Leute schlecht über seinen Vater redeten. Ich erklärte ihm, was passiert war, aber die Jungen in der Schule beschimpften ihn, sagten, sein Dad bringe Kinder um. Sagten, er käme auf den elektrischen Stuhl. »Das ist nicht wahr«, sagte Timothy hitzig, als er mir das Gespräch wiederholte. »Das ist nicht wahr.« Aber seine Augen durchforschten die meinen nach einer Erklärung, wie alles wieder so würde, wie es vorher gewesen war – Bitte, Daddy, flehten seine Augen, mach es wieder gut –, und wenn mir das nicht gelang, nähme sein Glaube ab. Die Vorstellung von Dad, von Vater, schrumpfte und kringelte sich in seinem Innern. Er hasste mich, wusste ich, denn ich hatte sein Universum zerstört.
Ja, alle finden es schwierig. Die Schule verlangte psychologische Beratung für Timothy und für uns und legte uns nahe, uns um »eine alternative Unterbringung« zu bemühen. Wir mussten ihn wegen der Spannungen von der Schule nehmen, und immer wieder fragte er, warum seine Freunde ihn nicht mehr zum Spielen zu sich einluden. Die anderen Familien, die im Haus wohnten, schienen nicht mehr so interessiert, ihn mit ihren Kindern in den Park mitzunehmen, als könne ein blonder achtjähriger Junge irgendwie eine Bedrohung sein, vielleicht an einem klaren Tag einen Blitz anziehen. Das war ungerecht, aber vorhersehbar. Wir sind nach wie vor abergläubisch, jeder von uns. Affenmenschen, die Zauberfedern halten und prüfend den Wind schnuppern. Die Sekretärinnen in der Kanzlei, normalerweise gackernd und freundlich grob, verhielten sich mir gegenüber förmlich, vor allem, nachdem mich die Kanzlei aus dem größten Mandat dieses Jahres herausgehalten hatte, einem 400-Millionen-Dollar-Sale-and-lease-back eines Bürogebäudes in Midtown Manhattan. Ich verlor den Blickkontakt zu Menschen. Mein Steuerberater rief nicht mehr zurück. Der Botenjunge aus dem Lebensmittelgeschäft sah die Geldscheine in seiner Hand an, als wären sie verseucht. Unser Fahrstuhlführer, der die Rettungssanitäter nach oben und die Leiche des Jungen nach unten gefahren hatte, pfiff leise und sah weg.
Zugleich griff Wilson Doan Sr. an. Er hatte genügend Einfluss in seiner Bank, um eine Neuverhandlung des externen Beratervertrags mit meiner Kanzlei zu erzwingen. Unsere Performance war größtenteils hervorragend gewesen, aber ich blieb dem Gespräch, das in der Bank stattfand, bewusst fern. Wir schickten meinen Kollegen, einen Seniorpartner namens Dan Tuthill. Ein prima Kerl, Tuthill, ein echter Kumpel. In der Kanzlei war er die Perfektion in Person, in allem anderen die reinste Selbstzerstörung: Er aß Dreck zum Mittagessen (Kalbfleisch, deutschen Schokoladenkuchen), ließ sich auf Affären mit nuttigen, waschbäräugigen Frauen ein, die er in Bars kennen lernte, und kaufte Aktien immer auf dem Höchststand. Aber mir gegenüber war er loyal und entschlossen und korrekt. Wie vorher abgesprochen, rief er mit seinem Handy in meinem Büro an, als er das Besprechungszimmer der Bank betrat, und legte es zusammen mit seinen Unterlagen auf den Tisch. Ich schloss die Tür und legte den Anruf auf die Lautsprecher. Das wird übrigens ständig gemacht. Manchmal wird das Gespräch am anderen Ende der Leitung heimlich auf Band aufgezeichnet oder simultan abgetippt. Ich konnte hören, wie sich der Raum langsam füllte, das Aufwärmgeplauder, die mit einem Klicken sich öffnenden Aktenkoffer. Donuts und Bagels auf dem Seitentisch. Das Kaffeeumrühren des Geschäftslebens. Ich merkte, dass Wilson Doan nicht im Raum war. Ohne ihn verlief das Gespräch so weit relativ glatt, und die Leute von der Bank umrissen, wie sie sich im kommenden Jahr die Hilfe unserer Kanzlei vorstellten. Es gab ein paar personelle Fragen, ein halbes Dutzend technischer Probleme und einige geringfügige Beschwerden. Absolut typisch. Dann sagte Amanda Jenks, die Verhandlungsführerin der Bank: »Unser letzter Kritikpunkt betrifft Mr. Wyeth.«
»Würden Sie das bitte näher erklären«, sagte Dan Tuthill.
»Wir finden, Mr. Wyeth stellt ein ernstes Problem dar.« Eine lange Pause. Ich starrte mein Telefon an.
»Es ist eine Vertrauensfrage«, fuhr sie fort.
»Mr. Wyeth ist ein hervorragender Anwalt«, kam die Stimme Dan Tuthills aus dem Lautsprecher. »Wenn ich mich recht entsinne, haben Sie das bei einer früheren Gelegenheit selbst gesagt.«
Im Raum war es still.
»Er ist ein äußerst geschickter Verhandlungsführer.« Noch mehr Stille.
»Das ist doch grotesk. Wir haben es hier mit einem hervorragenden Mann zu tun.«
»Die Umstände sind zugegebenermaßen ungewöhnlich«, sagte Amanda Jenks.
»Ja, und dessen ist sich jeder sehr bewusst«, antwortete Dan Tuthill.
»Es ist höchst problematisch.«
»Gewiss, aber gehe ich etwa nicht recht in der Annahme, dass Mr. Doan nicht näher in die aktuellen Rechtsangelegenheiten der Bank involviert ist?«
»Mr. Doan ist für die Bank enorm wertvoll«, erklärte Amanda Jenks gemessen. »Ich glaube, das wissen Sie. Sprechen wir doch ganz offen, Dan, ja? Wir können diesen Vertrag nicht abschließen, wenn Mr. Wyeth beteiligt ist.«
»Beteiligt?«
»An dem für unsere Betreuung zuständigen Mitarbeiterteam, ja.«
»Ihre Bank arbeitet jetzt schon achtzehn Jahre erfolgreich mit dieser Kanzlei zusammen, und dabei waren auf beiden Seiten Dutzende von Mitarbeitern beteiligt. Und diese Beziehung wollen Sie jetzt wegen Bills Zugehörigkeit zu dem für Sie zuständigen Team beenden?«
Amanda Jenks antwortete nicht. Wie um die Stille zu betonen, hustete jemand. »Was stellen Sie uns denn in Rechnung?«, sagte sie schließlich. »Zwanzig, einundzwanzig Millionen im Jahr?«
So hörte ich den Schuss meiner eigenen Hinrichtung.
Danach sagte Dan Tuthill ein paar hochanständige Worte, aber sie gaben nicht nach.
Später erfuhr ich, dass Wilson Doan und einige der maßgebenden Seniorpartner meiner Kanzlei eine Woche zuvor im Blind Brook Country Club nördlich von New York eine Runde Golf gespielt hatten, und alles, was es zu sagen gab, war etwa bis zum vierten Loch gesagt worden, damit sie sich ganz auf das Spiel konzentrieren konnten. Sie hatten es auch nicht für nötig befunden, Dan Tuthill Bescheid zu sagen.
Ich wurde aus dem Bank-Team genommen, was meine Arbeitszeit in der Firma um mehr als ein Drittel verkürzte, aber Wilson Doan war noch nicht fertig mit mir, noch nicht annähernd. Wie angekündigt verklagten er und seine Frau mich wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht auf 40 Millionen Dollar Schadenersatz. Wie sie auf die Summe von 40 Millionen kamen? Mit Sicherheit hatten wir nicht annähernd so viel Geld. Den Fall übernahm Adolphus Clay III., ein berühmter Anwalt, ein kahlköpfiger, triefäugiger Fuchs, der sich vor die Fernsehkameras stellte und erklärte, den Doans gehe es in keiner Weise um Rache, sondern darum, »die Öffentlichkeit« auf die Gefahren von Erdnussprodukten aufmerksam zu machen. »Ich kann Ihnen versichern«, sagte er, »das ist ihr einziger Beweggrund.«
Wie sich manche vielleicht erinnern, war Clay der Mann, der eine 700-Millionen-Dollar-Sammelklage gegen die Tabakindustrie gewonnen hatte, weshalb er natürlich einen zusätzlichen Anreiz hatte, diesen Fall zu übernehmen – als Vorstufe einer weiteren Sammelklage gegen die Nahrungsmittelhersteller, die in ihren Produkten Nussöl verwendeten, ohne auf der Verpackung ausdrücklich darauf hinzuweisen. An dem Tag, an dem er die Klage ankündigte, fiel die Aktie des größten amerikanischen Erdnussölherstellers um zehn Punkte, und die Website zum Thema Erdnussallergien verzeichnete 320 000 zusätzliche Besucher. Ich war aus der Geborgenheit meines eigenen kleinen Privatlebens auf die Sägemesserschneide der amerikanischen Massenkultur getreten. Bei der ersten Konsultation bezifferte mein Anwalt Clays Gewinnchancen auf achtzig Prozent und sagte, selbst eine erfolglose Verteidigung werde mich wahrscheinlich eine Million Dollar kosten, mit einem 100 000-Dollar-Vorschuss, zahlbar sofort, jetzt, hier, auf die Hand.
Als ich Judith davon erzählte, nickte sie und sagte, sie müsse gleich los, zum Friseur.
Ich war nicht dabei, als sich Judith auf ihr Betreiben zum ersten Mal privat mit Wilson Doan Sr. traf, ich erfuhr es erst wesentlich später, aber ich kenne sie gut genug, um jede Wette einzugehen, dass ihr Wunsch, mit ihm zu schlafen, wahrscheinlich bei der Beerdigung aufkam, die sie allein besuchte – ziemlich gut gekleidet, ihre schwarze Seidenbluse nicht so weit, wie sie hätte sein können. Doan wirkte in seiner Trauer überaus stattlich, und das dürfte sie auf subtile Art gereizt haben. Vermutlich fand sie den imposanten, distinguierten Mann in seinem Schmerz unerträglich sexy. Und die seltsame Gewalttätigkeit in seinem Gesicht faszinierte sie mit Sicherheit. Sie traf sich irgendwo diskret mit Doan und gab ihm, indem sie seine Hand berührte oder sich vielleicht auch unverblümt auf seine dicke Wollhose setzte, zu verstehen, dass sie ihn wollte. Für Doan dürfte Judiths bebendes Sich-Anbieten ein unerwartetes Vergnügen gewesen sein, das seine Wut auf mich noch steigerte, nicht milderte. Männer sind sehr wohl in der Lage, ihre Lust von ihrem Kummer zu trennen oder sie, wenn nötig, zu mischen.
Ich hasse Judith deswegen nicht. Nicht mehr so sehr. Sie tat, was sie für das Beste für Timothy hielt. Ich glaube, sie und Wilson stiegen an sechs oder sieben Tagen in einem der kleineren Hotels der Upper East Side ab. Lange Mittagessen, verbummelte Nachmittage. Ich stelle mir vor, Judith war recht energisch in ihren Anstrengungen, recht multipel in ihren Enthusiasmen. Er war vermutlich ein guter Liebhaber, der alte Wilson Doan, besorgte es meiner Frau vermutlich verteufelt gut, bestimmt auf die komische Großes-Auge/kleines-Auge-Tour, und das dürfte sie auf einer gänzlich anderen Ebene angesprochen haben. Für mich steht völlig außer Zweifel, dass Judith sich ihm vollständig auslieferte, dass sie sich mit hüpfenden Brüsten und offenem Mund, die Augen verdreht, ganz dem Augenblick hingab. Warum auch nicht? Sex wird mit zunehmendem Alter drastischer. Zwangsläufig. Die Uhr läuft. Ich stelle mir vor, sie sagte ihm, er könne ihn überall reinstecken, wo er wolle. Es ist nicht anzunehmen, dass Wilson Doan lächelte oder Witze machte oder locker drauf war, denn der Sex war für ihn eine Möglichkeit, es mir heimzuzahlen, und als intelligenter Mann muss er den Hass in seiner Lust gespürt haben.
Die Gefährlichkeit dieses Austausches erregte Judith zweifellos über das übliche Maß hinaus, und sie dürfte dies als weiteren Beweis für die Probleme mit ihrem Mann gesehen haben. An irgendeinem Punkt der Unterhaltung danach gab sie Doan zu verstehen, dass sie sich von mir scheiden lassen und wegziehen werde. Sie plant alles sehr genau, Judith. Sie bezahlte ihre Ausgaben bei diesen Begegnungen mit unserer Familienkreditkarte und machte keinerlei Anstalten, es vor mir zu verbergen. Aber das war nicht ganz so brutal, wie es scheint. Die zwischenmenschliche Dynamik ist hier nämlich recht kompliziert, und man muss es Judith lassen: Was zwischenmenschliche Dynamik angeht, ist sie außerordentlich clever; indem sie sich Wilson Doan schenkte, ermöglichte sie ihm, wie gesagt, ein gewisses Maß an Vergeltung an mir, konnte ihrer Wut auf mich freien Lauf lassen und gewann aus ihrer Entfremdung sogar Trost. Aber das ist nicht alles. Wahrscheinlich wollte sie eine Art symbolischer Buße leisten und hoffte auch, es möge seinen Zorn mildern, wenn sie mit ihm schlief. Oder vielleicht wusste sie auch, dass seine Rache auf jeden Fall käme, und wollte nur schon die Seiten wechseln, bevor er zuschlug. Oder vielleicht war mit Doan zu schlafen paradoxerweise ein Akt schwesterlicher Unterstützung für seine Frau, die sich, nach dem Begräbnis von Gram zerstört, in ein sehr schönes Zimmer in der psychiatrischen Abteilung des New York Hospital zurückgezogen hatte – wobei die dahinterstehende Logik die war, dass sie, Judith, die Unzulänglichkeit der Ehefrau verstand und während deren Schwächephase einige ihrer ehelichen Pflichten übernahm. Oder vielleicht war auch genau das Gegenteil der Fall, vielleicht handelte es sich dabei um einen gezielten Schlag Judiths gegen Doans Frau, mit dem sie diese warnte, auf keinen Fall Timothy zu gefährden, wenn sie nicht riskieren wollte, auch ihre Ehe zu verlieren. Es könnte jedes beliebige dieser Dinge gewesen sein oder ein bisschen von allen. Doch ich glaube, es war auch etwas anderes, und auf eine perverse Art hätte ich Wilson von Mann zu Mann warnen können, dass ihm Judith mehr als ebenbürtig war.
Indem Judith sowohl seine Lust als auch seine Wut bediente, lenkte sie Doan geschickt von seinen rationalen Überlegungen ab, welche Verhaltensweisen seiner Zivilklage gegen Mr. und Mrs. William Wyeth und seiner Hoffnung, Entschädigungen und Geldbußen aus ihrem gemeinsamen Besitz einzutreiben, am förderlichsten wären. In dem Moment, in dem der gute, alte Wilson seinen Knüppel in meine Frau steckte, verspielte er die Interessen seines Anwalts an seiner Klage, die ungetrübte Rechtschaffenheit seiner Frau und die potenziellen Sympathien der Geschworenen. Denn Judith hatte natürlich alles dokumentiert. Und nicht nur mit der Kreditkarte und den Telefonunterlagen und ein paar freundlichen, gerade noch nicht kompromittierenden Botschaften an Wilson, die, nicht als PRIVAT gekennzeichnet, in sein Büro geschickt wurden (und entsprechend von seiner Sekretärin geöffnet, mit dem Datumsstempel versehen, dreifach kopiert und abgelegt und somit umgehend rechtmäßiges Eigentum der Bank wurden), sondern auch durch sehr spezifische Details: sieben Sets neuer seidener Reizwäsche, mit hochausgeschnittenem Bein, nur einmal getragen, oder genauer: hinterher, damit sie auch wirklich nicht nur das eine oder andere graue Schamhaar des guten, alten Wilson Doan enthielten, sondern auch Rückstände desselben Zeugs, das seinen unglücklichen Sohn hatte zeugen helfen: sein Sperma, in getrockneter Form, auf immer und ewig in transparenten Ziploc-Beuteln aufbewahrt. (So vieles im Leben läuft darauf hinaus, was mit dem Sperma passiert, wo es landet – drinnen, draußen, oben oder unten, verschleudert oder empfangen.) Wenn Wilson Doan seinen Rechtsstreit weiterbetrieb, konnte durchaus herauskommen – nein, es käme sogar bestimmt heraus –, dass einer der Kläger einen der Beklagten bumste, was nun wirklich höchst zweifelhaft wäre und gar nicht erfreulich für Mrs. Doan oder die Verantwortlichen der Bank. Adolphus Clay III., weiser als die meisten und gerissener als alle, bekam Wind von den nachmittäglichen Lustbarkeiten seines Mandanten, und bald hatten die Doans ihre 40-Millionen-Klage in aller Stille zurückgezogen.
Da ich den Grund hierfür noch nicht kannte, hielt ich diese Entwicklung für einen Sieg, eine Chance, unser altes Leben zurückzubekommen.
»Gute Nachrichten!«, verkündete ich, als ich an besagtem Abend nach Hause kam. Judith kniete in ihrem begehbaren Kleiderschrank im Schlafzimmer. »Es ist vorbei!«
Judith lächelte nur ausdruckslos, wie man es etwa tut, wenn man einem Todkranken zuhört, der von einem neuen Wundermittel erzählt.
»Was machst du da?«, fragte ich.
»Ausmisten.« Sie tauchte wieder in den Schrank, und ich sah Pumps und flache Schuhe und Laufschuhe über ihren Kopf fliegen. Sie fielen auf die Tagesdecke, vor die Kommode, auf den Teppich. Ich kannte mich zwar mit Frauenschuhen nicht besonders aus, aber für mich sahen sie noch völlig in Ordnung aus.
Ich bringe das hier rasch zu Ende – und sei es auch nur um meinetwillen.
