Marlas Dilemma - Patricia Vandenberg - E-Book

Marlas Dilemma E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. »Und hier hat Pascal mir den Heiratsantrag gemacht.« Marla Brandts Augen leuchteten, als sie die Fotos betrachtete, die vor ihr und ihren Kolleginnen auf einem Tisch des Cafés ›Schöne Aussichten‹ lag. Tatjana und Marianne beugten sich über die Bilder. »Er hat dir wirklich einen roten Teppich ausgerollt? Mitten im Wald?«, fragte Marianne, die seit ein paar Monaten mit Dr. Mario Cornelius liiert war. »Da könnte sich Danny mal ein Beispiel daran nehmen«, murmelte Tatjana vor sich hin. Sofort gehörte die Aufmerksamkeit ihr. »Ich dachte, du willst nicht heiraten.« Marla sah ihre Chefin mit Forscherblick an. »Na ja, wenn er sich sowas einfallen ließe, würde ich vielleicht, eventuell, möglicherweise zumindest mal drüber nachdenken«, lächelte Tatjana, und der Schalk saß ihr unverkennbar im Nacken. »Das sind ziemlich viele Vielleichts und Eventuells, findest du nicht?«, lachte Marianne auf und konzentrierte sich wieder auf die Fotos. Tatjana tat es ihr gleich. »Als ich dich das erste Mal gesehen habe mit den blauen Haaren, den schwarzen Klamotten und dem Piercing in der Nase hätte ich ehrlich gesagt nicht daran gedacht, dass du mal so eine hübsche Braut werden würdest«, dachte sie laut an den Tag, an dem die Kunstschülerin zuerst Danny angepöbelt und sich dann bei Tatjana um die Stelle als Bäckerin beworben hatte. »Tja, ich bin eben immer für eine Überraschung gut«

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Seitenzahl: 111

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Bestseller – 379 –Marlas Dilemma

Sie hatte geschwiegen, nicht gelogen

Patricia Vandenberg

»Und hier hat Pascal mir den Heiratsantrag gemacht.« Marla Brandts Augen leuchteten, als sie die Fotos betrachtete, die vor ihr und ihren Kolleginnen auf einem Tisch des Cafés ›Schöne Aussichten‹ lag.

Tatjana und Marianne beugten sich über die Bilder.

»Er hat dir wirklich einen roten Teppich ausgerollt? Mitten im Wald?«, fragte Marianne, die seit ein paar Monaten mit Dr. Mario Cornelius liiert war.

»Da könnte sich Danny mal ein Beispiel daran nehmen«, murmelte Tatjana vor sich hin.

Sofort gehörte die Aufmerksamkeit ihr.

»Ich dachte, du willst nicht heiraten.« Marla sah ihre Chefin mit Forscherblick an.

»Na ja, wenn er sich sowas einfallen ließe, würde ich vielleicht, eventuell, möglicherweise zumindest mal drüber nachdenken«, lächelte Tatjana, und der Schalk saß ihr unverkennbar im Nacken.

»Das sind ziemlich viele Vielleichts und Eventuells, findest du nicht?«, lachte Marianne auf und konzentrierte sich wieder auf die Fotos.

Tatjana tat es ihr gleich.

»Als ich dich das erste Mal gesehen habe mit den blauen Haaren, den schwarzen Klamotten und dem Piercing in der Nase hätte ich ehrlich gesagt nicht daran gedacht, dass du mal so eine hübsche Braut werden würdest«, dachte sie laut an den Tag, an dem die Kunstschülerin zuerst Danny angepöbelt und sich dann bei Tatjana um die Stelle als Bäckerin beworben hatte.

»Tja, ich bin eben immer für eine Überraschung gut«, gab Marla zurück.

Auch das neu erworbene Selbstbewusstsein stand ihr gut. Mindestens ebenso gut wie die braunen Haare, denen das Blau hatte weichen müssen.

»Das kannst du laut sagen.« Tatjana lachte und nahm ein besonders schönes Foto zur Hand.

Darauf kniete Pascal vor seiner Braut, ihre Hände an seinen Lippen, den Blick auf ihr strahlendes Gesicht gerichtet.

Die Verlobung der Bäckerin und Malerin Marla mit dem Galeristen Pascal Lüders lag schon eine Weile zurück, und sowohl Tatjana als auch die Tortenkünstlerin hatten die Geschichte schon ein paar Mal gehört. Doch die Bilder sahen sie zum ersten Mal und konnten sich nicht daran sattsehen. »Also, wo hat er dir den Antrag gemacht?«, wiederholte Marianne ihre Frage.

»Auf einer Lichtung«, schwärmte Marla und sah aus, als hätte sie nicht Pascal, sondern ein echter Engel gefragt. »In dem Moment, als er mir den Antrag gemacht hat, hat ein Saxophonist für uns gespielt. So was Schönes hab ich noch nie zuvor erlebt.«

»Kunststück«, erwiderte Tatjana mit dem ihr eigenen Pragmatismus. »Du hast ja auch noch nie einen Heiratsantrag bekommen.«

»Du musst aber zugeben, dass er besonders schön war«, seufzte Marianne. Es war ihr anzusehen, dass sie so was auch gern einmal erleben wollte. »Von so was kann eine Frau nur träumen.«

Marla trank einen Schluck von ihrer heißen Schokolade und sah ihre Kollegin an.

»Aber du warst doch schon mal verheiratet. Wie hat denn dein Ex damals um deine Hand angehalten?«, stellte Tatjana eine berechtigte Frage.

Marianne verdrehte die Augen.

»Auf einer Party hat er einfach meine Hand genommen und vor versammelter Mannschaft erklärt, dass er mich heiraten wird. Das war’s.«

Diese Vorstellung überraschte Tatjana genauso wie Marla.

»Er hat dich vorher nicht gefragt?«, hakte die Malerin nach. »Du hattest keine Ahnung von seinen Absichten?«

»Nicht den Hauch einer Ahnung«, musste Marianne zugeben, auch wenn sie sich das heute nicht mehr vorstellen konnte.

»Und du hast ihn trotzdem geheiratet?«, staunte Tatjana nicht schlecht.

Sie hatte die Mutter eines fast erwachsenen Sohnes anders kennengelernt.

Marianne lachte selbst über ihre eigene Naivität von damals.

»Glaubt mir, mit dem Wissen von heute würde mir das im Traum nicht mehr einfallen«, gestand sie und löffelte den restlichen Milchschaum aus ihrer Tasse. »Heute weiß ich, dass ein anständiger Heiratsantrag sehr viel über den Bräutigam und die Ehe aussagt. Aber damals war ich jung und dumm und brauchte die Liebe«, wandelte sie das bekannte Sprichwort für ihre Zwecke ab. Gleich darauf warf sie einen Blick auf die Uhr. »Ich will ja nicht ungemütlich werden, aber allmählich sollten wir die Planung für die Hochzeitfeierlichkeiten in Angriff nehmen, bevor uns die Gäste die Bude einrennen«, gab sie zu bedenken.

Es war kurz nach Mittag, und im Augenblick war das kleine Café mit der angeschlossenen Bäckerei, das Danny Nordens Freundin Tatjana seit einer Weile betrieb, leer. Erfahrungsgemäß würden aber die ersten Kaffeegäste demnächst kommen und der Ruhe ein Ende bereiten.

»Gute Idee«, stimmte Marla diesem Vorschlag zu und warf einen Blick auf Tatjanas Rezeptideen. »In einer halben Stunde muss ich auch los. Ich hab einen Vorsorgetermin bei Danny.« Als sie die Bewegungen ihres Kindes spürte, legte sie intuitiv eine Hand auf den Bauch. Nach einer dramatischen Operation im Mutterleib wuchs und gedieh der kleine Fynn prächtig. Er war auch der Grund für dafür, dass die Hochzeit in wenigen Wochen über die Bühne gehen sollte, bevor sie zu dick für ein Brautkleid war. »Und danach gehe ich Brautkleid anprobieren. Kann einer von euch mitkommen?«

»Tut mir leid. Für so was bin ich eindeutig die Falsche«, lehnte Marianne ohne Zögern ab.

Und auch Tatjana schüttelte den Kopf.

»Ich komme ja wirklich sehr gut klar damit, dass ich weniger sehe als andere«, erklärte sie. »Aber um ein Kleid auszusuchen, ist es vielleicht doch ein bisschen zu wenig. An deiner Stelle wäre mir das Risiko zu groß.«

»Für so was ist doch eigentlich die Brautmutter zuständig«, erinnerte sich Marianne an ihre eigene Hochzeit, die viele Jahre zurücklag.

Marla erschrak und suchte schon nach einer Antwort, als Tatjana ihr diese Sorge abnahm.

»Schon traurig, dass wir beide keine Familie mehr haben, die uns bei solchen einschneidenden Ereignissen beistehen kann.«

»Du hast ja immerhin noch deinen Vater«, warf Marianne ein.

»Aber der lebt weit weg. Und Marla ist ja auch kein Waisenkind. Manchmal trennen sich die Wege eben. Blutsverwandtschaft ist noch lange kein Garant für Sympathie. Nicht wahr, Marla?«

Als die junge Bäckerin angesprochen wurde, zuckte sie zusammen. Sie wagte es nicht, ihrer Chefin in die Augen zu sehen.

»Ja, da ist schon was dran.«

Es war ihr deutlich anzumerken, dass etwas nicht stimmte. Doch dieses eine Mal ließ Tatjanas Gespür sie im Stich. Das lag auch daran, dass die Zeit knapp wurde.

»Wenn das geklärt ist, sollten wir uns an die Arbeit machen.« Sie zog die Listen mit ihren Rezepten zu sich. Die Feier sollte in kleinem Rahmen im Café ›Schöne Aussichten‹ stattfinden. Dazu plante die Chefin ein Buffet, das keine Wünsche offen ließ. Schon jetzt freute sie sich wie ein kleines Kind darauf, ihrer Leidenschaft fürs Zubereiten unwiderstehlicher Köstlichkeiten freien Lauf lassen zu können. Mit Stift und Papier bewaffnet machte sie sich an die Planung, eifrig unterstützt von ihrer Kollegin und der Braut.

*

Die Mittagspause neigte sich ihrem Ende entgegen. Trotzdem blieb noch genug Zeit für eine Tasse Kaffee, die Dr. Danny Norden am Tresen stehend bei seinen beiden Assistentinnen einnahm. Anders als sonst war die Stimmung nicht ausgelassen und heiter, sondern passte zum Regen, der an die Scheiben prasselte.

»… es war ein Lichtung im Wald«, raunte Janine Merck, die das Praxisteam verstärkte, seit Danny Norden Junior in die Praxis mit eingestiegen war. »Keine Menschenseele war zu sehen. Die Frau stand also am Rand der Lichtung, die sich kreisrund vor ihr öffnete. In der Mitte stand eine Bank.«

In diesem Moment flackerte die Flurlampe, Donner grollte. Wendy, die neben Janine an ihrem Schreibtisch saß und mit angehaltenem Atem zuhörte, stieß einen leisen Schrei aus.

Danny verzog das Gesicht zu einer Fratze.

»Huhu, es spukt …« Er hob die Hände, krümmte die Finger und streckte sie nach Wendy aus.

»Hör auf mit dem Unsinn!«, setzte sie sich empört zur Wehr.

»Apropos Spuk, erinnert ihr euch an den Poltergeist, der vor vielen Jahren in einer Zahnarztpraxis sein Unwesen getrieben haben soll«, war auch Dr. Daniel Norden senior weit davon entfernt, Janines Erzählung ernst zu nehmen.

»Jetzt wartete doch mal. Ich bin noch nicht fertig!«, schimpfte sie, und folgsam konzentrierten sich die Kollegen wieder auf ihre Geschichte. »Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. In dem Augenblick, in dem die Frau zur Bank hinübersah, öffnete sich der Himmel, und ein einziger Sonnenstrahl fiel auf die Lichtung und direkt auf die Bank. Er beschien die Gestalt eines Mannes, der dort saß. Ganz in Weiß gekleidet, lächelte er sie an. Das Blut gefror ihr in den Adern.«

»Damit ist er ein Fall für den Schockraum«, krächzte Danny und rollte mit den Augen wie ein Geist.

Diesmal ließ sich Janine nicht beirren.

»Ruhe! Jetzt kommt die beste Stelle«, befahl sie. »Die Frau sah sein Gesicht und erkannte den Mann, dessen Bild sie vor ein paar Tagen in der Zeitung gesehen hatte. Nach einem Streit mit seiner Frau war er mit dem Auto an einen Baum gefahren und gestorben.«

Wendy umklammerte ihre Stuhllehne mit beiden Händen. Das Grauen stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Ganz im Gegensatz zu ihrem Chef Daniel Norden.

»Offenbar war er doch noch nicht ganz hinüber«, stellte er sarkastisch fest und machte keinen Hehl daraus, dass er von diesem Hokuspokus nicht viel hielt.

Janine war beleidigt.

»Also echt!« Sie schlug mit der Hand auf die Tischplatte, und Wendy zuckte zusammen. »Das stand genau so in der Zeitung. Es macht wirklich keinen Spaß, euch was zu erzählen«, beschwerte sie sich und wirkte so enttäuscht, dass sie Danny fast leid tat.

»Ich entschuldige mich in aller Form für meinen grobschlächtigen Vater. Ich fürchte, das ist einfach nicht seine Welt. Er ist viel zu sehr Naturwissenschaftler, um an so was zu glauben. Wie ich im Übrigen auch«, fügte er augenzwinkernd hinzu.

Die ehemalige Krankenschwester zog eine Schnute.

»Aber das hat doch damit nichts zu tun«, verteidigte sie ihre Meinung. »Nur weil sich solche Phänomene wissenschaftlich nicht beweisen lassen, heißt das noch lange nicht, dass es sie nicht gibt.«

»Also, in dem Fall des Zahnarzt-Poltergeistes handelte es sich um eine Zahnarzthelferin, die ein bisschen Aufmerksamkeit erregen wollte«, begründete Dr. Norden seine Haltung.

»Mag ja sein«, ließ sich Janine nicht beeindrucken. »Ein kluger Mann hat einmal gesagt, dass man so lange nicht an Geister glaubt, bis sie vor einem stehen.

Daniel lachte.

»Dann reden wir einfach weiter, wenn mir mein erster Geist über den Weg gelaufen ist.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als erneut ein Blitz über den Himmel zuckte. Schlagartig wurde es dunkel in der Praxis, und ein Donnerschlag erschütterte den ganzen Raum. Als das Licht wieder anging, waren die vier Mitarbeiter der Praxis Dr. Norden nicht mehr allein. Eine in einen knielangen, hellen Umhang gewandete Gestalt stand in der Tür.

»Oh, Mann, die beste Pelerine taugt nichts gegen diesen Wolkenbruch. Man könnte meinen, der jüngste Tag ist gekommen.«

Obwohl Daniel versichert hatte, immun gegen jede Art von Aberglauben zu sein, war auch er im ersten Moment erschrocken. Als er aber die Besucherin erkannte, lachte er laut heraus.

»Ach, Marla, du bist es!«

»Wer denn sonst?« Überrascht betrachtete die junge Bäckerin die erleichterten Gesichter. »Was dachtet ihr denn? Der Heilige Geist?«

»So was in der Art«, gestand Danny und half ihr, aus der Pelerine zu schlüpfen. »Seit wann trägst du so schmeichelhafte Kleidungsstücke?« Mit dieser Bemerkung hatte er nicht ganz unrecht. Marla liebte es, ihre gute Figur mit entsprechender Kleidung zu betonen.

»Seit ich mit einem Schirm glatt wegfliegen würde.«

»Eins zu null für dich«, lachte Danny und leerte seine Kaffeetasse. »Dann wollen wir mal Fynn guten Tag sagen.« Er winkte Marla mit sich und ging voraus Richtung Sprechzimmer.

Janine, Wendy und Daniel sahen den beiden nach. Der Senior beschloss, sich ebenfalls an die Arbeit zu machen.

»Auch das schönste Grauen muss einmal ein Ende haben«, witzelte er und machte sich auf den Weg. Dr. Norden war noch nicht in seinem Zimmer angelangt, als das Telefon am Tresen klingelte.

Wendy meldete sich mit gewohnt freundlicher Stimme, und schon wollte Daniel die Tür hinter sich schließen, als ihn ein Rufen davon abhielt.

»Weit gefehlt, Chef!«, rief ihm die langjährige Assistentin durch die Praxis nach. »Tatjana ist dran, und sie klingt so, als ob das Grauen direkt weitergeht.«

Daniel überlegte nicht lange.

»Stellen Sie sie durch.« Wenn die Freundin seines ältesten Sohnes Beistand brauchte, musste es ernst sein.

Das Schicksal war nicht gerade zimperlich mit der jungen Bäckerin umgesprungen. Vor vielen Jahren war ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Tatjana hatte schwer verletzt überlebt, aber ihr Augenlicht verloren. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, hatte sie sich unter Aufbietung aller Kraft ins Leben zurückgekämpft. Sie gönnte sich kein Selbstmitleid und rang ihrer Behinderung so viel Positives wie möglich ab. Die unglaubliche Sensibilität, mit der ihre verbliebenen Sinne ihre Umwelt wahrnahmen und analysierten, blieb ihr auch nach einer Operation erhalten, durch die sie einen Teil ihrer Sehkraft zurückerhalten hatte. All das war der Grund dafür, dass sich Tatjana selten aufregte.

Deshalb nahm Daniel Wendys Ankündigung mehr als ernst und ging sofort an den Apparat.

»Tatjana, was ist passiert?«, fragte er und hörte zunächst nur ein Schluchzen. »Tatti, bitte beruhig dich. Was ist los?«, fragte er noch einmal. Statt sich zu setzen, blieb er am Schreibtisch stehen.

»Ein Autounfall … vor der Bäckerei … schnell … Hilfe …«, stammelte die Bäckerin zusammenhanglose Worte, auf die der Arzt sich einen Reim zu machen versuchte.

»Vor der Bäckerei gab es einen Verkehrsunfall?«, fragte er so besonnen wie möglich.

Tatjana schluchzte auf.

»Ja. Eine … eine Frau … Sie ist verletzt … Sie lag da wie meine Mutter …«