Marquis de Sade: Philosoph oder Sadist? - Andrea Edith Franz - E-Book

Marquis de Sade: Philosoph oder Sadist? E-Book

Andrea Edith Franz

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Beschreibung

Mord, Sex und Nekrophilie, Folter und Kannibalismus – das waren die literarischen Themen des adeligen Schriftstellers Marquis de Sade. Mit seinen Skandalen und obszönen Schriften, die sich irgendwo zwischen roher Aufklärungsphilosophie und Pornografie bewegen, schockierte der Marquis nicht nur seine Zeitgenossen, sondern auch die Nachwelt. Zweifellos spielt bei den de Sadeschen Werken die Faszination am Bösen und devianter Sexualität eine besondere Rolle. Dieser Band beleuchtet Leben, Werk und Erbe des berüchtigten Marquis. Aus dem Inhalt: Die Tugend und das Böse in Marquis de Sades Werk Zum Glücksbegriff Philosophie und Sex bei de Sade Im Fokus: Justine und Juliette, Die hundertzwanzig Tage von Sodom, Die Philosophie im Boudoir Der Marquis und die Décadence: Einflüsse und Verbindungen

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © 2013 ScienceFactory

Ein Imprint der GRIN Verlags GmbH

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Coverbild: von Unbekannt (The Granger Collection) [Public domain], via Wikimedia Commons

Marquis de Sade: Philosoph oder Sadist?

Susanne Becker (2007):Die Faszination des Bösen bei Marquis de Sade - Zwischen Philosophie und Pornographie

Zur Begründung der Thematik

Marquis de Sades Werk als Apologie des Bösen

Marquis de Sade und die Tugend

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Andrea Franz (2006): Der Glücksbegriff im Sadeschen Werk

Der göttliche Dämon Marquis de Sade

DE Sade – ein Kind seiner Zeit

„Ja, durch die Polizei werden sie am meisten verbreitet.“

Der Glücksbegriff im Sadeschen Werk

„Ich schreibe nur für diejenigen, die fähig sind mich zu verstehen; sie werden mich ohne Gefahr lesen.“

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anhang

Vivian Gjurin (2006): Theorie der Sexualität bei Sade. Überlegungen anhand von "La Philosophie dans le boudoir"

Umgang mit Sade

Systematische Erklärung der Philosophie Sades nach George Bataille

Sex bei Sade

Frau aus der Gender-Perspektive?

Frau bei Sade

Konklusion

Bibliographie

Bastian Bammert (2007): Von der Monopolisierung der Gewalt zum Arbeitsprozess und der rationalisierten Sexualität bei Marquis de Sade. Arbeiter und Arbeitsprozess in Analogie zu den Libertins und der de Sadeschen Orgie

Einleitung: Zum Thema und Inhalt der Arbeit

Zivilisationsprozess und Naturbeherrschung

Aufklärung (Funktionalisierung) und Arbeitsprozess

Die Rationalisierung der Sexualität bei De Sade

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis:

Annika Wakup (2004): Die Ästhetisierung des Bösen: Marquis de Sade

Einleitung: D.A.F. Marquis de Sade

Fin de siècle und Décadence: Begrifflichkeiten

Karl Rosenkranz: Ästhetik des Hässlichen

Formen des Hässlichen bei Sade

Überwindung des Hässlichen durch die Komik

Sadismus oder Satanismus?

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einzelpublikationen:

Susanne Becker (2007):Die Faszination des Bösen bei Marquis de Sade - Zwischen Philosophie und Pornographie

Zur Begründung der Thematik

„Soll man de Sade verbrennen?“[1] fragte sich die Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem gleichnamigen Essay und scheint damit eine zentrale Frage zur Figur des Marquis de Sade[2] aufgeworfen zu haben, dessen Manuskripte zur Hälfte tatsächlich von seinen Erben und anderen den Flammen übergeben, zensiert, gestohlen und konfisziert worden sind. Von den einen als „einer der nichtswürdigsten Menschen, die je gelebt haben“[3] und den anderen als genialer Prophet[4] betrachtet, wird der französische Schriftsteller des 18. Jahrhunderts meist einem Extrem zugeordnet, das ihm nicht gerecht zu werden vermag. Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, das skandalträchtige Leben und Werk des berüchtigtsten Verfassers pornographischer Schriften eher ernst als übel zu nehmen, um somit eine objektivere Perspektive auf de Sade erlangen und vermitteln zu können.

Ohne Zweifel spielt die Faszination von dem, das im gegenwärtigen Zeitalter als das Böse schlechthin bezeichnet werden würde, bei de Sade eine zentrale Rolle und wird durch die Verknüpfung von philosophischen und pornographischen Elementen in seinem Werk sichtbar gemacht, was es zu untersuchen gilt. Ferner soll sich diese Arbeit der Frage stellen, ob dasjenige, was de Sade verschriftlichte, wirklich als böse gelten kann. Eine Frage, die gewagt scheint, wenn man bedenkt, dass de Sade Mord, Nekrophilie, Folter, Kannibalismus und undenkbares mehr zu den vorherrschenden Themen seiner literarischen Tätigkeit machte. Darüber hinaus erfolgt eine Auseinandersetzung damit, inwiefern man de Sades Werk als Apologie des Bösen bezeichnen könnte und mündet in einem Abriss über de Sades philosophisches Verständnis von der Tugend und der menschlichen Freiheit. Schwerpunkt und somit Thema dieser Arbeit soll es sein, die Faszination des Bösen bei de Sade zu ergründen und zu beweisen, dass de Sade mehr ist als ein Lüstling, der Gewalt und Perversion proklamierte und enttabuisieren versuchte. Auf die Frage von Simone de Beauvoir sollten die nächstfolgenden Betrachtungen also ein klares Nein als Antwort geben können.

Marquis de Sades Werk als Apologie des Bösen

„Die unzüchtigste Erzählung, die erfunden wurde, seit die Welt besteht“[5] meinte de Sade mit seinem unvollendeten Roman „Die hundertzwanzig Tage von Sodom“ (1904) geschaffen zu haben. Mit Recht kann hier neben seinen bekanntesten Schriften „Justine“ und „Juliette“[6] von einem Höhepunkt literarisch manifestierter Ausschweifung gesprochen werden, wie sie die Welt zuvor tatsächlich noch nicht kennen gelernt hatte.

Doch was die Sade-Lektüre von einem seichten erotischen Roman unterscheidet, ist das Wechselspiel von Pornographie und philosophischen Feststellungen, die durch die Darstellung gewalttätiger sadistischer Handlungen begleitet werden.

Dass de Sade sich in seiner schriftstellerischen Tätigkeit, die sich zum größten Teil in seiner Gefangenschaft etablierte, nun in dem Maße denkbaren und undenkbaren Extremen zuwandte und somit bis heute bestehende Tabus wie Inzest oder Kannibalismus zu Spielarten der Lustbefriedigung avancieren ließ, scheint umso mehr etwas unterstreichen zu wollen, was außerhalb des Extremen nicht deutlich genug hätte erkannt werden können. Er ließ das Böse triumphieren, um eigentlich etwas ganz anderes darstellen zu wollen. So begnügt sich de Sade nicht mit der Darstellung des Bösen, dass sich bei ihm in Verbrechen aller Art manifestiert und „fast immer der eigentliche Reiz der Sinneslust ist“[7], sondern gibt ihm einen Sinn. Er erhebt das Böse zu einem Prinzip, das laut ihm gerechtfertigt werden kann. Zumindest versucht sich de Sade an einer Apologie des Bösen, indem er den ausschweifenden Handlungen moral-philosophische Exkurse folgen lässt. Wie eine solche Theorie der Rechtfertigung des kriminellen oder sexuellen Verbrechens von de Sade begründet wurde, soll an nächster Stelle erläutert werden.

Um den Status des Bösen bei de Sade näher beschreiben zu können, spielen de Sades grundlegende Ansichten hinsichtlich verbrecherischer Handlungen eine immanente Rolle. Noirceuil erwidert auf Juliettes Frage, was ein Verbrechen ist: „Man nennt Verbrechen jede bewußte oder unbewußte Übertretung desjenigen, was die Menschen Gesetze nennen, woraus du ersiehst, daß wir es mit einem gänzlich bedeutungslosen Wort zu tun haben, denn die Gesetze stehen in Beziehung mit den Sitten und dem Klima.“[8]

De Sade sah das Verbrechen als etwas Natürliches an, das umso stärker im Menschen aufloderte, je mehr es durch das bürgerlich-konventionelle Leben als nicht tugendhaft und unsittlich betrachtet wurde; damit machte er sich, in Ahnlehnung an die spätere Theorie Freuds, zur Aufgabe, bisher versteckte Triebe im Menschen aufzudecken. So beschreibt er das Verbrechen als die „Seele der Geilheit“, denn „was wäre ein Genuß, den nicht Verbrechen begleitet? Nicht das Objekt unserer Ausschweifung erregt uns, sondern die Vorstellung des Bösen.“[9] Dass de Sade zwischen der Beschreibung des Bösen und der tatsächlichen Nachahmung seiner Phantasien, die er zu Papier brachte, stark differenzierte, beweist, dass es ihm um mehr ging, als um die bloße Auflistung von sexuellen Handlungsvarianten. Im Jahre 1781 schreibt er seiner Frau Renée Pélagie de Montreuil: „Ja, ich gestehe, ich bin ein Wüstling; alles was man sich auf diesem Gebiet vorstellen kann, habe ich mir vorgestellt, aber ich habe durchaus nicht alles getan, was ich mir vorgestellt habe, und werde es auch nie tun. Ich bin ein Wüstling, aber ich bin kein Verbrecher oder Mörder.“[10]

Laut de Sade ist das Böse etwas von der Natur gewolltes und durch ihr Dasein und negatives wie positives Agieren von ihr selbst proklamiertes. Sich dem Bösen hinzugeben sei somit nur eine natürliche Folge der Abwendung von gesellschaftlichen Konventionen und Gesetzen hin zum Natürlichen – zur Natur, die, im Gegensatz zur rousseauschen Auffassung, in der der Mensch von Natur aus gut ist[11], ein Spiegel der Bösartigkeit des Menschen selbst darstellt. Damit erhält das Böse durch de Sade eine neue Dimension. Dementsprechend heißt es in „La nouvelle Justine“[12]: „Wir gehorchen ihr [der Natur] also, indem wir uns dem Bösen hingeben.“ Das Böse ist quasi Gesetz der Natur selbst und somit nicht unbedingt böse, sondern bildet nur den anderen Part zum Guten, wobei beide Gegensätze nur Teile eines untrennbaren Ganzen darstellen. Das Böse erfährt mit dieser Theorie Legitimation, da das Böse als die Essenz von allem[13] existiert und deshalb durch seine Natürlichkeit nicht verwerflich sein kann.

Indem der Mensch, genauer gesagt die herrschenden Mächte, über Gut und Böse und deren Gewichtung entscheiden, obwohl dieses ihnen nicht zustünde, sondern in der Natur bestimmt liegt, begehen sie die wahren Verbrechen, so dass de Sade mit der Darstellung von an die Grenze des menschlichen Verstandes reichenden Folterorgien das herrschende Wertesystem verhöhnt und somit an den Pranger stellt. Was er beschreibt, mag zwar als böse und verbrecherisch gelten, ist aber nicht weniger erbarmungslos, als das, was die Natur leistet, die er in „Justine“ die gleichnamige Heldin, trotz ihres beständigen Glaubens an die Tugend, von einem Blitz erschlagen lässt. Aus der Perspektive de Sades wird so die ganze Begrifflichkeit des Bösen in Frage gestellt. Was er mit dieser Theorie des Bösen proklamiert, ist eine normfreie Welt, in der Menschen- wie auch Naturgewalten ihrer Natur gemäß frei agieren können; eine Welt, in der der Stärkere über den Schwächeren herrscht (ähnlich der Auffassung Hobbes, der den Menschen als des Menschen Wolf beschreibt) und den Trieben frei von einer vernuftbetonten Moral nachgegangen werden kann. Frau Beauvoir bemerkt zu dem Status des Menschen in der Natur: „Der Mensch, der Sades Einstellung vollkommen vertritt, lässt seiner Natur freien Lauf, wobei er genau weiß, daß dieses seine Natur Böse ist.“[14]

Mit dieser philosophischen Verteidigung des Bösen als Verbotsüberschreitung stößt de Sade ohne Zweifel in der epochalen Zeit der Aufklärung, die die Vernunft in den höchsten Tönen lobt, auf Missmut und Gegenwehr: „Das verdorbenste Herz, der niedrigste Charakter, die seltsamste und obszönste Phantasie können nichts erfinden, was die Vernunft, das Schamgefühl, die Menschheit derart beleidigt.“[15]

Doch de Sades Theorie vom gerechtfertigten Laster erscheint sich widersprechend. Im Verbrechen und somit im Bösen liegt für ihn das größte Lustpotential, doch Verbrechen, die er als natürlich entschuldigt, können nicht mehr verbrecherisch und lasterhaft sein. Es bleibt also die Frage offen, was mit der Faszination des Bösen in einer Gesellschaft, jenseits aller Normen existierend, dann geschieht. Überhaupt scheint de Sade in keinem Wort zu erwähnen, dass eine Welt, die mit allen Normen bricht, durch natürliche Strukturierung so oder so zu neuen Normen finden würde.

Beauvoir vermutet hinsichtlich dieser Diskrepanz der Sade’schen Theorie, dass mit der Abschaffung der Verbote und dem Schwinden der damit einhergehenden „Geilheit“, die die Verbrechen bedingen, das verbrecherische ungezügelte Handeln ausgelöscht wird.[16] De Sade selbst sah seine Neigungen hin zum Bösen mitunter in der Wut auf das herrschende System begründet. So schrieb er in einem Brief an seine Frau 1783: (…) dieser Fanatismus ist das Ergebnis der Verfolgungen durch meine Tyrannen“[17], so dass die von ihm als ideale Gesellschaft proklamierte, die die Eigenarten eines jeden Menschen respektiert, die Lösung für sein Außenseiterdasein bietet, indem er sich bei Nutzlosigkeit eines Verbrechens, ohne Probleme in die Gesellschaft einfügen könnte, die ihn zu seiner Zeit eher als Monster als einen gleichwertigen Menschen, der seinen natürlichen Trieben und Gelüsten nachgeht, betrachtete. In seinem Roman „Aline et Valcour ou le roman philosophique“ (1739) beschreibt de Sade solch einen Gesellschaftsstaat, genannt Tamoé, in welchem es keine Verbrechen mehr gibt, weil dort keine Handlung als Verbrechen definiert wird.

Festzuhalten bleibt, dass de Sade mit einer ungeheuerlichen Kraft an diesen seinen Vorstellungen festhielt. So schreibt er im gleichen Jahr in einem anderen Brief an Renée Pélagie de Montreuil: „(...) tötet mich oder nehmt mich, wie ich bin, denn der Teufel soll mich holen, wenn ich mich jemals ändere.“[18] Diese Standhaftigkeit beweist seine enorme Überzeugung von seiner Sicht auf die Gesellschaft. Mit Sicherheit ist diese Radikalität unter anderem darin begründet, dass er fast die Hälfte seines Lebens aufgrund seiner zügellosen Neigungen[19] in dunklen engen Kerkern, Irrenanstalten sowie Armenhäusern verbringen musste und nicht nur einmal zum Tode verurteilt wurde. Der Schlüssel zu seiner Philosophie einer Gesellschaft repressionsfreier Sexualität liegt demzufolge in seinen Gefängnisjahren, in denen man sogar versuchte mittels einer Zwangsjacke Sades Sexualität zu töten.[20]

Marquis de Sade und die Tugend

In dieser bereits aufgezeigten Dimension des Bösen bei de Sade gibt es notwendigerweise keinen Platz für eine menschliche Eigenschaft wie der der Tugend. Wie sehr de Sade die Tugendhaftigkeit ablehnte, wird mit Sicherheit am deutlichsten zu verstehen sein, wenn man sein Werk „Justine“ zu dieser Betrachtung heranzieht. In diesem Roman lässt de Sade ein an Tugendhaftigkeit und Gottgläubigkeit nicht mangelndes Mädchen immer wieder auf ihrem Irrweg des Lebens ungeheuerliche Verbrechen widerfahren. Diese Verbrechen treibt de Sade auf die Spitze, indem Justine kein einziges Mal auch nur für eine gute Tat belohnt wird und selbst diejenigen, denen sie hilft, sich des Verbrechens an ihr schuldig machen bis sie von einem Blitzschlag endgültig dahingerafft wird.

Im Folgenden soll erläutert werden, was für eine Perspektive de Sade genau auf die Begriffe der Tugend und Freiheit hatte und wie er den Begriff der Tugend zu widerlegen versuchte.

Tugend

„Alle unsere Hoffnungen sind weder gut noch schlecht, und wenn sie der Mensch so bezeichnet, so geschieht es nur wegen der Gesetze oder wegen der Regierung, unter der er lebt. Aber in Beziehung auf die Natur sind alle unsere Handlungen untereinander vollkommen gleich.“[21] Diese Aussage de Sades in seiner „Juliette“ ist der Grundbaustein für seine Theorie von der Nutzlosigkeit der Tugend und Religion. Die Tugend verliert ihre Bedeutung, indem sie ein Produkt von Sitte, Norm und Erziehung ist; ein Begriff, der das von der Regierung in Grenzen gesetzte Leben beschreibt und nicht als solches in seiner Bedeutung existent ist.

Die Moralvorstellungen der Gesellschaft empfindet de Sade als künstlich; von ihr solle man sich abwenden und dem Beispiel der Natur folgen, auch wenn sie erbarmungslos ist, denn „niemals kann sich die individuelle Freiheit in einer Ordnung wieder erkennen, von der sie unterdrückt wird.“[22] Deshalb kann die Tugend auch stets nur ein eingebildetes Glück verschaffen. „Das Glück – so die zentrale Botschaft – liege nicht in der Ausübung der Tugenden, sondern vielmehr in der Hingabe an Laster, Verbrechen und Gewalt.“[23]

Den Beweis führt de Sade in nahezu allen seinen Schriften an: Der zügellose Verbrecher wird niemals bestraft, ganz im Gegenteil – stets triumphiert er und wird reich belohnt, denn „nur durch Missetaten erhält sich die Natur und erobert sich ihr Recht zurück, die die Tugend ihr genommen hat.“[24] De Sade spricht somit der Natur einen Gleichgewichtssinn zu. Die Tugendhaftigkeit zerstört diese natürliche Ordnung und fordert und fördert somit umso mehr das Böse.

In einer Welt, in der das Laster der Tugend vorgezogen wird, stellt sich die Frage nach einer Religion allein dahingehend, ob ein Gott existiert, der im Kern dem Bösen verschrieben ist, oder aber ob es eine gottlose Welt ist, in der die Tugend keinen Wert besitzt. Doch einen gütigen liebenden Gott, so de Sade, gibt es nicht, der Tugendhaftigkeit und Glaube am Tag des jüngsten Gerichts belohnt: „Es gibt einen Gott, es ist unerläßlich, daß irgendjemand das, was ich erblicke, erschaffen hat, doch hat er es nur dem Bösen zuliebe erschaffen, fühlt sich nur im Bösen wohl; das Böse ist sein Wesen“.[25] Und doch umfasst die Natur nach de Sade, in ihrer Gleichgültigkeit über moralische Wertungen, sowohl das Gute und Böse, die Schöpfung und Vernichtung, Leben und Tod.

Damit „entlarvt [de Sade] die gesamte Theodizee-Philosophie, jegliche Tugendlehre und die Ideen von Liebe, Gehorsam und Sittsamkeit sowie alle anerkannten Formen staatlicher Gewalt als böse Tricks einiger Wüstlinge, mit denen sie die Menschheit beherrschen.“[26] So mag de Sade zwar in den ersten der insgesamt drei verschiedenen Versionen[27] der fiktiven Lebensgeschichte der Schwestern Justine und Juliette schreiben, dass wahres Glück nur in der Tugend zu finden sei[28], doch spielt er hier mit dem Stilmittel der Ironie, denn die Tugend lässt er eindeutig scheitern; er will nicht zur Tugend bekehren, sondern sie als nutzlos und gefährlich demaskieren.

In einem Brief an Mademoiselle de Rousset schreibt er im Jahre 1782: „Du willst, daß die ganze Welt tugendhaft sei, und begreifst nicht, daß in dem Augenblick, wo es nur Tugend auf Erden gäbe, alles vergehen müsste“. Das Laster ist somit für das Bestehen der Welt notwendig und „dem Menschen am zuträglichsten“. [29]

Menschliche Freiheit

Mit der Unterwerfung des Menschen unter die Gebote der Tugend, die von der Gesellschaft erlassen worden sind, verzichtet der Mensch nach Sade’scher Auffassung auf seine Individualität und Freiheit. Doch das Böse ist dem Guten überlegen, allein dadurch, da es den Gesetzten der Natur am nächsten kommt, und somit gibt es „nur eine Art und Weise, sich dem Bösen gegenüber zu behaupten; man muß es annehmen“[30], um den menschlichen Freiheitswillen zu stillen. Da nun die Interessen der einzelnen Menschen denen der Gesellschaft fast immer entgegengesetzt sind, kann es so etwas wie einen volonté génerale nicht geben.

Doch de Sade gesteht dem Menschen, sollte er sich von künstlichen Konventionen befreien können, keine uneingeschränkte Freiheit zu, sondern versteht sie eher als Illusion, wo doch die Natur für die menschlichen Triebkräfte die bestimmende Kraft ist. Denn „stets hat sie für sich selbst gearbeitet, und wir sind, ohne uns dessen zu versehen, zu hinfälligen Handlangern ihrer leichtlebigen Launen geworden.“[31]