0,49 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 0,00 €
Masterman Ready, oder der Schiffbruch des Pacific ist ein 1841 von Frederick Marryat veröffentlichter Kinderroman. Das Buch handelt von den Abenteuern der Familie Seagrave, die auf See Schiffbruch erleidet und auf einer einsamen Insel mit Hilfe des erfahrenen Seemanns Masterman Ready überlebt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ich versprach meinen Kindern, ihnen ein Buch zu schreiben – eine etwas voreilige Zusage, denn ich hatte nie zuvor überlegt, ob ich auch Wort halten könnte. Als ich sie fragte, was für eine Schrift ihnen am liebsten wäre, gaben sie mir zur Antwort, sie wünschten daß ich den »Schweizer Robinson,« der ein besonderes Interesse für sie hatte und nicht zur Vollendung kam, fortsetzen möchte. Ich ließ mir das Werk bringen und las es. Der ursprünglich deutsche Text war in's Französische und aus dem Französischen in's Englische übertragen worden – ein unzweifelhafter Beweis seines Werthes als Kinderunterhaltungsschrift. Ich fand indeß Schwierigkeiten, die ich nicht zu überwinden vermochte und die mich zu dem Entschluß brachten, das Werkchen nicht fortzusetzen, sondern ein anderes in dem gleichen Style zu schreiben, was ich hier bemerken muß, mehr um die Beschuldigung eines Plagiats von mir abzulehnen, als weil ich die erwähnte Schrift herabzusetzen beabsichtige. Ich habe bereits zugegeben, daß sie sehr unterhaltlich ist, muß übrigens doch bemerken, daß sie sich nicht an die Wahrscheinlichkeit oder auch nur an die Möglichkeit hält, und dieß sollte doch stets bei einem Buche der Fall seyn, das für Kinder geschrieben ist. Ich übergehe die nautischen Kenntnisse oder vielmehr den Mangel derselben von Seiten des Verfassers, der an Bord seines Wracks Unmöglichkeit vorkommen läßt, da dies eben nicht viel auf sich hat; denn wie es in der Comödie heißt – wo die Leute nicht Griechisch verstehen, kann man ihnen auch das Irische dafür aufbinden, und demselben Grundsätze folgen auch die meisten Seegeschichten. Was mich übrigens hauptsächlich veranlaßte, die Ausgabe von mir abzulehnen, war die größte Unwissenheit oder Gleichgültigkeit, welche in Schilderungen der Thiere und Pflanzen auf der Insel, nach der die Familie verschlagen wurde, zur Schau gestellt ist. Die Insel ist nach dem Süden in die Nähe von Vandiemensland verlegt, und doch zeigt man uns in dieser gemäßigten Breite unter den eigentlichen Produkten des Clima's nicht nur Pflanzen, sondern auch Thiere, welche nur dem Innern von Afrika oder der heißen Zone eigenthümlich sind. Dies war ein Irrthum, dem zu folgen ich mich nicht entschließen konnte. Das Werk ist allerdings nur eine Kinderschrift; aber meiner Ansicht nach hätte aus eben diesem Grunde der Autor nicht für unbedeutend halten sollen, was es eigentlich doch nicht ist, denn man darf nicht vergessen, wie stark die Eindrücke in einem kindlichen Gemüthe wurzeln. Auch die Werke der Dichtkunst, die man den Kindern in die Hand gibt, müssen die Wahrheit zur Grundlage haben, und ich konnte eine Erzählung nicht fortsetzen, gegen welche sich die gedachten Einwendungen erheben ließen.
Ob mir meine eigene gelang, oder nicht, ist eine andere Frage. Indeß berufe ich mich dabei mehr auf die Ansicht der Kinder, als auf die der Kritik. In dem gegenwärtigen ersten Theile habe ich das Werk nur begonnen, das, wenn es Beifall findet, in einer Reihe fortgesetzt werden soll. Ich wollte dabei in Ready den praktischen, in dem Familienvater den theoretischen Mann schildern, im Verlaufe des Werkes aber tiefer in Fragen eingehen, welche das Nachdenken der Kinder zu wecken geeignet sind, oder durch die Anspornung ihrer Neugierde sie veranlassen, Belehrung zu suchen.
Im Monat Oktober 18– wurde der Pacific, ein großes Schiff, von einem schweren Sturm auf der Mitte des ungeheuren atlantischen Weltmeers dahingejagt. Das Fahrzeug hatte nur wenig Segel, da dieselben in Fetzen geschlitzt seyn würden unter den wüthenden Windstößen, welche es durch die haushohen Wellen trieb. Die Wogen folgten ihm fast so schnell, als es durch das kochende Wasser schoß, wobei es bisweilen den Stern erhob und die Buge so weit in die Hohlwellen einsenkte, daß es den Anschein gewann, als wolle es in die Tiefe tauchen. Es war übrigens ein gutes Schiff und der Kapitän ein tüchtiger Seemann, welcher Allem ausbot, was er für die Sicherheit seines Fahrzeugs für zweckmäßig hielt, und außerdem auf die über den Menschen wachende Vorsehung baute.
Der Kapitän stand vor dem Steuerrade und sah den Matrosen zu, welche das Schiff lenkten; denn wenn man von einem schweren Sturme gejagt wird, fordert das Steuer besondere Aufmerksamkeit. Wie er so um sich hersah, und nach dem Himmel hinaufblickte, sang er mit gedämpfter Stimme die Worte eines Seeliedes vor sich hin:
Und so war es damals. Sie befanden sich in der Mitte des atlantischen Weltmeeres; nirgends war ein anderes Schiff zu schauen, und der Himmel hatte sich in schwarze Wolken gehüllt, die wüthend vor dem Winde einherflogen. Das Meer warf berghohe Wogen, die sich in großen weißschäumenden Kämmen brachen, während der Sturm wild durch das Takelwerk heulte.
Außer dem Kapitän und den zwei Steuerleuten befanden sich noch ein paar andere Personen auf dem Decke: die eine war ein Knabe von ungefähr zwölf Jahren, die andere ein wetterfester alter Seemann, dessen graue Locken in dem Wind flatterten, als er sich nach dem Hinterschiffe begab und über den Hackebord schaute.
Als der Knabe eine schwere Woge gegen den Stern des Schiffes aufkommen sah, faßte er den Arm des alten Mannes und rief:
»Wird diese große Welle nicht auf uns hereinbrechen, Ready?«
»Nein, Junker William. Seht Ihr nicht, wie ihr das Schiff seine Windvierung zuwendet? – Und jetzt ist sie unter uns weggegangen. Aber es könnte wohl auch geschehen, und was würde dann aus Euch werden, wenn ich nicht mich und Euch festhielte? Ihr würdet über Bord gewaschen werden.«
»Die See will mir gar nicht gefallen, Ready; ich wollte, wir wären wohlbehalten wieder am Lande,« versetzte der Knabe. »Die Wellen sehen ja aus, als wollten sie das Schiff in Stücke zerschlagen.«
»Ihr habt Recht; und sie brüllen, als zürnten sie, weil sie das Schiff nicht unter sich begraben können. Aber ich bin schon daran gewöhnt, Junker William, und mache mir nicht viel daraus, wenn man sich in einem so guten Schiffe, wie dieses ist, befindet und einen guten Kapitän mit tüchtigen Matrosen hat.«
»Aber bisweilen versinken doch Schiffe, und dann muß Alles was darauf ist ertrinken.«
»Ja, Junker William; und sehr oft gehen gerade die Schiffe unter, welche man für die allersichersten hält. Wir können nur unser Bestes thun und müssen uns dann in den Willen des Himmels fügen.«
»Was sind dies für kleine Vögel, welche so dicht auf dem Wasser fliegen?«
»Das sind Mutter Carey's Küchelchen, Junker William, wie wir Matrosen sie nennen. Man sieht sie selten anders als in einem Sturme, oder wenn der Sturm im Anzuge ist.«
Die Vögel, welche William gemeint hatte, waren die Sturmvögel.
»Habt Ihr je an einer öden Insel Schiffbruch gelitten, wie Robinson Crusoe?«
»Ja, Junker William, ich habe schon Schiffbruch gelitten; aber von Eurem Robinson Crusoe weiß ich nichts. Es haben so viele nach dem Untergang ihrer Fahrzeuge große Mühseligkeiten überstanden, und noch weit mehrere es nicht erlebt, über ihre Leiden Bericht erstatten zu können, daß Ihr mir nicht zumuthen könnt, aus so Vielen den einzelnen Mann zu kennen, von dem Ihr sprecht.«
»Oh! Aber es steht Alles in einem Buche, das ich gelesen habe. Ich kann Euch das Ganze erzählen – und ich will's auch thun, wenn das Schiff wieder ruhig ist. Aber jetzt seyd so gut, mir hinunterzuhelfen, denn ich habe Mama versprochen, nicht lange oben zu bleiben.«
»Was man versprochen hat, muß ein guter Knabe stets halten,« versetzte der alte Mann. »Gebet mir Eure Hand und ich stehe dafür, daß wir ohne Stolpern die Lucke erreichen. Wenn das Wetter wieder schön ist, will ich Euch mittheilen, wie es mit meinem Schiffbruche zuging. Ihr könnt mir dann die Geschichte Eures Robinson Crusoe erzählen.«
Nachdem der alte Seemann Junker William wohlbehalten nach der Kajütenthüre gebracht hatte, kehrte er auf das Deck zurück, denn er hatte die Wache.
Masterman Ready, denn so hieß der alte Mann, war schon mehr als fünfzig Jahre zur See gewesen, da er als zehnjähriger Knabe bei einem Kohlenschiffer, welcher von South-Shields aus segelte, seine Lehrzeit angetreten hatte. Wind und Wetter hatten sein Gesicht gebräunt, und auf seinen Wangen zeigten sich tiefe Furchen, obschon er noch ein gesunder und rühriger Mann war. Er hatte viele Jahre an Bord eines Kriegsschiffs gedient und war schon unter allen Himmelsstrichen gewesen, weshalb er viele seltsame Geschichten zu erzählen wußte, aber trotzdem allen Glauben verdiente, da er nie eine Unwahrheit sprach. Er wußte ein Schiff zu lenken und konnte natürlich auch lesen und schreiben; namentlich hatte er die Bibel mehr als einmal durchlesen. Der Name Ready (fertig) paßte sehr gut für ihn, denn er gerieth selten in Verlegenheit, und selbst in den schwierigsten, gefährlichsten Fällen nahm der Kapitän keinen Anstand, ihn um seine Meinung zu fragen, die er dann auch häufig zur Richtschnur seines Handelns machte. Ready war der zweite Mate des Schiffs.
Wie wir bereits bemerkt haben, war der Pacific ein sehr schönes Schiff und wohl im Stande mit dem ungestümsten Sturme zu kämpfen. Er führte mehr als vierhundert Tonnen Last und war eben mit einer werthvollen Ladung von englischen Eisenwaaren und andern Manufakturartikeln auf der Fahrt nach Neu-Südwales begriffen. Der Kapitän war ein guter Schiffer und außerdem ein rechtschaffener Mann von heiterem, zufriedenem Charakter, welcher stets den Dingen die beste Seite abgewann und, wenn Unfälle eintraten, eher geneigt war, zu lachen, als eine ernste Miene zu machen. Er hieß Osborn. Der erste Mate, Namens Mackintosh, war ein rauher, finsterer Schotte, der übrigens seinen Obliegenheiten mit unwandelbarem Eifer nachkam und im Dienste das volle Vertrauen des Kapitäns genoß, obschon ihn derselbe sonst nicht sehr liebte. Von Ready haben wir bereits gesprochen, der übrigen an Bord befindlichen Seeleute wollen wir jedoch keine weitere Erwähnung thun, als daß ihre Zahl aus dreizehn bestand – allerdings kaum eine hinreichende Menge für ein so großes Schiff; aber als man eben im Begriffe war, auszusegeln, hatten fünf Matrosen, welchen die Behandlung, die ihnen der erste Mate angedeihen ließ, nicht gefiel, das Schiff verlassen, und Kapitän Osborn mochte nicht warten, bis er ihre Stelle mit andern besetzt hatte. Dies war eine unglückliche Hast, wie der Leser im Verlaufe dieser Geschichte finden wird.
Junker William war der älteste Sehn einer Familie, aus Vater, Mutter und vier Kindern bestehend, die sich als Passagiere an Bord befanden. Der Vater war ein Herr Seagrave, ein wohlunterrichteter, verständiger Mann, welcher zu Sidney, der Hauptstadt in Neu-Südwales, viele Jahre einen Regierungsposten behauptet hatte und jetzt nach einem dreijährigen Urlaub wieder dahin zurückkehrte. Er hatte von der Regierung mehrere tausend Morgen Landes angekauft, deren Werth sich seitdem sehr gesteigert hatte, wie denn auch das Vieh und die Schafe, welche er darauf weiden ließ, großen Gewinn abwarfen. Die Person, welcher er während seines Aufenthalts in England die Besorgung seines Eigenthums übertragen, hatte gute Wirthschaft geführt, und Herr Seagrave brachte unterschiedliche Gegenstände, theils zur Verbesserung seines Gutes, theils für den eigenen Gebrauch, zum Beispiel: Möbel für sein Haus, Ackerbaugeräthschaften, Saatfrüchte, Pflanzen, Vieh und viele andere Dinge, mit sich.
Seine Gattin war eine liebenswürdige Frau, übrigens nicht von sehr kräftiger Gesundheit. Die Familie bestand aus William, dem ältesten Kinde, einem verständigen, gesetzten Knaben, der aber gleichwohl voll Heiterkeit und Laune war. Der sechsjährige Thomas war ein gutmüthiger, gedankenloser Junge und voll Muthwillen, welcher ihn stets in die Klemme brachte. Die übrigen Kinder waren die siebenjährige Karoline und Albert, ein schönes, kräftiges Bübchen, das noch kein Jahr zählte und unter der Pflege eines schwarzen Mädchens stand, welches von dem Kap der guten Hoffnung nach Sidney gekommen und mit Frau Seagrave nach England gereist war. Wir haben nun aller Leute an Bord des Pacific Erwähnung gethan, dürfen aber wohl nicht die beiden Schäferhunde, welche Herrn Seagrave gehörten, und einen kleinen Dachs vergessen, der bei seinem Herrn, dem Kapitän Osborn, sehr in Gunsten stand. Fahren wir jetzt fort.
Der Sturm legte sich erst am vierten Tage und wandelte sich endlich fast zu einer völligen Windstille um. Die Matrosen, welche während des ungestümen Wetters Nacht um Nacht gewacht hatten, brachten nun ihre Kleider hervor, welche von dem Regen und der Sprüh durchnäßt worden waren, und hingen sie in dem Takelwerk zum Trocknen auf. Auch die vom Wasser getränkten und bisher beschlagenen Segel wurden jetzt losgemacht und ausgebreitet, damit sie nicht spohricht würden. Der Wind blies mild und sanft; die See hatte sich gelegt, und das Schiff lief mit einer Geschwindigkeit von ungefähr vier Meilen in der Stunde durch das Wasser. Frau Seagrave saß, in einen Mantel gehüllt, auf einem der Lehnenbänke in der Nähe des Sternes, und ihr Gatte erfreute sich mit den Kindern des schönen Wetters, als Kapitän Osborn, welcher eben mit seinem Sextanten eine Sonnenbeobachtung vorgenommen hatte, zu ihnen heraufkam.
»Gelt, Tommy, Du bist froh, daß der Sturm vorüber ist?«
»Ich hätte mir nicht viel daraus gemacht,« versetzte Tommy, »wenn er mir nur nicht alle meine Suppe ausgeschüttet hätte. Aber Juno purzelte von ihrem Stuhl herunter und rollte mit dem Bübchen fort, bis Papa beide wieder auflas.«
»Es war eine Gottesschickung, daß der arme Albert mit dem Leben davon kam,« bemerkte Frau Seagrave.
»Es hätte ganz anders kommen können, wenn nicht Juno nur an ihn gedacht hätte, ohne Rücksicht auf sich selbst zu nehmen,« versetzte Herr Seagrave.
»Das ist sehr wahr, Sir,« entgegnete Kapitän Osborn. »Sie hat das Kind gerettet und, wie ich fürchte, selbst dabei Schaden genommen.«
»Ich hab' nur den Kopf hart angestoßen,« sagte Juno lächelnd.
»Ja, und es ist ein Glück, daß Du eine gute, dicke, wollichte Kappe darüber hast,« versetzte Kapitän Osborn lachend. »Schon recht, Juno; Du bist ein gutes Mädchen.«
»Nach der Sonne ist es zwölf Uhr, Sir,« sagte Mackintosh, der erste Mate, zu dem Kapitän.
»Dann bringt mir die Breite herauf, Mr. Mackintosh, während ich nach dem Absehen, das ich diesen Morgen genommen habe, die Länge ausarbeite. In fünf Minuten, Herr Seagrave, werde ich im Stande seyn, Euch unsere Stellung auf der Charte anzuzeigen.«
»Da kommen die Hunde auf das Deck,« sagte William. »Ich kann mir denken, daß sie ebenso froh über das schöne Wetter sind als wir. Komm her, Romulus! daher Remus! –«
»Mit Erlaubnis, Sir,« sagte Ready, der mit seinem Quadranten in der Nähe stand, »ich möchte wohl eine Frage an Euch stellen. Eure Hunde da haben gar kuriose Namen, wie ich sie nie zuvor gehört habe. Wer ist der Romulus und Remus gewesen?«
»Romulus und Remus,« versetzte Herr Seagrave, »lauten die Namen von zwei Schäfern, welche Brüder waren und vor Alters die Stadt Rom gründeten – dieselbe, welche später der Mittelpunkt des größten und berühmtesten Reiches von der Welt wurde. Sie waren die ersten Könige von Rom und regierten mit einander.«
»Und sie wurden von einer Wölfin gesäugt, Ready,« fuhr William fort. »Was sagt Ihr zu diesem?«
»Daß dies eine wundersame Art von Amme war, Junker William,« versetzte Ready.
»Und Romulus hat den Remus umgebracht,« sagte William.
»Kein Wunder, wenn man eine solche Erziehung in's Auge faßt, Junker William,« entgegnete Ready. »Aber warum hat er ihn umgebracht?«
»Weil er zu hoch sprang,« versetzte William lachend.
»Macht Junker William da einen Scherz?« sagte Ready, sich an Mr. Seagrave wendend.
»Ja und nein. Die Geschichte sagte, Remus habe Romulus dadurch beleidigt, daß er über die erbaute Mauer wegsprang, und Romulus nahm ihm in seinem Zorne das Leben. Aber auf die Berichte aus jenen frühen Zeiten kann man sich nicht verlassen.«
»Nein, und es scheint auch, auf die Brüder nicht,« entgegnete Ready, »'s ist übrigens immer nur die alte Mahr – zwei von derselben Handthierung können sich nie vertragen Man hört heut zu Tage auch hin und wieder von Rom – ist es der nämliche Platz?«
»Ja,« antwortete William; »es sind die Ueberreste der alten Stadt.«
»Nun, man lebt, um zu lernen,« sagte Ready. »Ich habe heute etwas gelernt, und das kann Jeder bis auf den letzten Tag seines Lebens, wenn er nur fragen mag. Ich bin ein alter Mann und weiß vielleicht nicht viel, das Seefahrergeschäft ausgenommen, hätte aber viel weniger erfahren, wenn ich mir nicht hätte Auskunft ertheilen lassen; denn ich scheute mich nie, meine Unwissenheit einzugestehen. Das ist die Weise, wie man lernt, Master William.«
»Ein sehr guter Rath, Ready – und ich hoffe, William, Du wirst Vortheil daraus ziehen,« sagte Herr Seagrave. »Man muß sich nie schämen, nach dem zu fragen, was man nicht versteht.«
»Das thue ich immer, Papa. Frage ich Euch nicht viel, Ready?«
»Ja, und Ihr stellt sehr gescheidte Fragen für einen Knaben von Eurem Alter, Junker William. Ich wünschte nur, ich könnte sie besser beantworten, als es bisweilen geschieht.«
»Ich möchte jetzt wieder hinuntergehen, mein Lieber,« sagte Fran Seagrave. »Vielleicht ist Ready so gut, den Kleinen hinab zu bringen.«
»Ganz gut, Madame,« entgegnete Ready, seinen Quadranten auf die Spille niedersetzend. »Gib mir das Kind, Juno, und geh' zuerst hinunter – mit dem Stern voran, Du dummes Mädchen! Wie oft habe ich Dir dies schon gesagt? Gib Acht, Du kommst einmal flugs hinunter.«
»Und zerbrich mir den Kopf,« sagte Juno.
»Ja, oder den Arm, und wer soll dann das Kind tragen?«
Sobald sie Alle in der Kajüte unten waren, bezeichneten der Kapitän und Herr Seagrave die Stellung des Schiffes auf der Charte; sie fanden, daß sie hundertunddreißig Meilen von dem Kap der guten Hoffnung standen.
»Wenn der Wind anhält, laufen wir morgen ein,« sagte Herr Seagrave zu seiner Gattin. »Juno, Du wirst vielleicht Deinen Vater und Deine Mutter wieder sehen.«
Die arme Juno schüttelte ihren Kopf und ein paar Thränen stahlen sich über ihre dunkeln Wangen herunter. Sie erzählte nun mit traurigem Gesichte, daß ihr Vater und ihre Mutter einem holländischen Bauern gehören, der mit ihnen viele Meilen in's Innere gezogen sey; sie habe sich von denselben trennen müssen, als sie noch ein kleines Kind gewesen, und sey in der Kapstadt zurückgelassen worden.
»Aber Du bist jetzt frei, Juno,« sagte Frau Seagrave, »denn Du bist in England gewesen, und wer immer in England seinen Fuß auf's Ufer setzt, gewinnt von diesem Augenblicke an seine Freiheit.«
»Ja, Missy, ich frei; hab' aber doch nicht Vader oder Muder,« entgegnete Juno weinend.
Aber der kleine Albert streichelte ihre Wange, so daß sie bald wieder lächelte und mit dem Knäbchen spielte.
Am nächsten Morgen langte der Pacific an dem Kap an und ankerte in der Tafelbay.
»Warum heißt sie die Tafelbay, Ready?« fragte William.
»Schätz wohl, weil sie jenen großen Berg den Tafelberg nennen, Junker William. Ihr seht, wie flach er auf der Höhe ist?«
»Ja, er ist ganz so eben wie ein Tisch.«
»Ganz recht. Bisweilen sieht man die weißen Wolken in ganz kurioser Weise über die Kanten herunterrollen, und das nennen die Matrosen das Ausbreiten des Tafeltuches. Es ist ein Anzeichen von schlechtem Wetter.
»Dann hoffe ich, daß der Tisch nicht gedeckt wird, so lange wir hier sind,« entgegnete William, »denn ich habe wahrhaftig keinen Appetit dazu. Schlecht Wetter haben wir bereits genug gehabt, und Mama leidet noch immer davon. Aber was dies für ein hübscher Ort ist!«
»Wir bleiben zwei Tage hier, Sir,« sagte Kapitän Osborn zu Seagrave. »Habt Ihr vielleicht Lust, mit Eurer Gattin an's Land zu gehen?«
»Ich will hinunter und meine Frau fragen,« versetzte Herr Seagrave, welcher nun die Leiter hinabstieg, während ihm William folgte.
