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Eigentlich wollten Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch geruhsam auf Reisen gehen. Doch als sie erfahren, dass Mats' Familie spurlos verschwunden ist, müssen sie alles riskieren, um sie wiederzufinden. Ihre Suche führt sie erneut in fantastische Welten: Sie setzen sich den Gefahren einer launischen Wasserstraße aus. Sausen mit einem fliegenden Dorf durch die Wolken. Werden von einer hungrigen Hütte verschluckt und kämpfen sich mit König Maroni und seiner gerösteten Garde durch das Land Wiesengrund. Gemeinsam bestehen Mats und Mathilde die größten Abenteuer wie es nur beste Freunde schaffen – bis zum unvergesslichen Schluss.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Die Reise endet.
Die Freundschaft bleibt.
Als Mats’ Familie spurlos verschwindet, führt die Suche Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch erneut auf eine fantastische Reise: Sie setzen sich den Gefahren einer launischen Wasserstraße aus. Sausen mit einem fliegenden Dorf durch die Wolken. Und kämpfen sich mit König Maroni und seiner gerösteten Garde durch das Land Wiesengrund. Gemeinsam bestehen Mats und Mathilde die größten Abenteuer – bis zum unvergesslichen Schluss.
Christian Wunderlich hat mit Mats und Mathilde zwei liebenswerte und lebendige Charaktere erschaffen, die man sofort ins Herz schließt. Unvergleichlich illustriert von Anne Hofmann.
Christian Wunderlich
Ein Freund wie ein Zuhause
Mit Bildern von
Anne Hofmann
Für Jasmin, mein Farbenfroh.
Wir finden einander. Immer.
Dies ist die Geschichte von der großen Freundschaft zwischen einer Vogelscheuche und einem Spatz. Einem Schwatz, um genau zu sein, denn Mats Piep war der Sohn einer Schwalbe und eines Spatzes. Mathilde Vogelscheuch hingegen wurde von der kleinen Enkeltochter des Bauern zum Leben erweckt, just in dem Moment, da diese der Vogelscheuche ein Herz aus goldenem Stoff an die Brust nähte. So wurde das Mädchen zu Mathildes Mama. Doch am Ende des Sommers verließ die Kleine den Hof ihres Großvaters, um nach Hause zurückzukehren.
Bald darauf lernte Mathilde Mats kennen, und gemeinsam begaben sie sich auf die Suche nach dem Ort, an dem die Sonne untergeht. Dort vermutete Mathilde, ihre Mama zu finden. Der von Flugangst geplagte Mats wiederum wollte auf dem Landweg den Zugvögeln nach Süden folgen. Es war der Beginn einer langen Reise – und einer einzigartigen Freundschaft. Schnell wurden Mats und Mathilde eine unzertrennliche Einheit, retteten einander ein ums andere Mal und merkten, wie schön das Leben war, wenn sie es miteinander teilten.
Viele Wochen und Monate, eine Million Träume und unzählige Gedanken lang waren Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch unterwegs. Um schließlich dort zu landen, wo ihre Reise begann: auf Mathildes Sonnenblumenfeld. Doch obwohl sie endlich ihre Mama wieder fand, verließ Mathilde schweren Herzens das kleine Mädchen. Sie wollte frei sein und mit Mats neue Abenteuer erleben.
Hier nun will ich euch erzählen, wie die Reise unserer beiden Gefährten weiterging und eines Tages, nach vielen Jahren, ihr Ende nahm. Und dafür, liebe Freundinnen und Freunde, kehren wir noch einmal an den Anfang zurück. Zu jenem Zeitpunkt, an dem Mats Piep wortwörtlich das Licht der Welt erblickte …
Das Erste, was Mats Piep hörte, war sein eigener Schrei.
Einige Monate, bevor er Mathilde Vogelscheuch kennenlernte, schlummerte er gemütlich in seiner Eierschale im elterlichen Nest. Sein ganzes bisheriges Leben hatte er in seinem kleinen Heim verbracht, noch nie war es ihm in den Sinn gekommen, einen Schritt hinaus zu wagen. Warum auch? In seiner Eierschale hatte er es gemütlich und gut und fühlte sich sicher. So fasziniert er von den Verlockungen der Welt auch war, er begriff schnell, welche Gefahren sie mit sich brachten.
Doch dann träumte er davon, dass jemand an sein gemütliches Heim klopfte, fuhr mit einem Schrei hoch und sah an der lichtdurchlässigen Eierwand einen Schatten.
»Mats?«, hörte er eine Stimme rufen. »Hier is deine Mama. Magst du nich rauskommen? Deine Geschwister sind schon alle geschlüpft.«
»Nein, danke!«, rief er instinktiv und hielt sich erschrocken den Schnabel zu. Er hatte sich zum ersten Mal sprechen gehört.
»Na los!«, rief seine Mama. »Trau dich, mein Schwatz! Das Leben is zu schön, um es in ewiger Dunkelheit zu verbringen.«
Mats knipste die kleine Lampe in seinem Ei an. »Is nich dunkel hier drin«, rief er. »Und ich hab alles, was ich brauche, aber danke fürs Angebot!« Er hörte das aufgeregte Piepen und Geplärre seiner Geschwister: »Hunger! Hunger!«, gefolgt von einem Schmatzen, und schließlich ein Knurren, vor dem er zitternd unter der Decke Schutz suchte. Bis Mats bemerkte, dass es sein Magen war, der dieses Geräusch machte. Er hatte einen Riesenappetit und musste dringend etwas essen.
Vorsichtig pickte er ein winziges Guckloch in die obere Wand seiner Eierschale, worauf sogleich ein Sonnenstrahl hinein drang. Mats zuckte zurück, fasste dann zögerlich mit einem Flügel ins Licht. Und als es ihm nichts Böses tat, warf er einen Blick durch das Loch nach draußen.
Mats erkannte Farben. Das Blau des Himmels. Das Grün der Blätter. Die gelbe Sonne, deren Wärme er durch die Eierschale spürte. Er sah die rauschende Krone der Eiche, in der seine Familie ihr Nest hatte, und dachte an all die schönen Dinge aus den Geschichten seiner Mama: Blumenwiesen, Wolken, Schneeflocken, Kakao und Kammern voller Gold. Vielleicht war die Welt da draußen es ja doch wert, erkundet zu werden. In diesem Augenblick wirkte sie jedenfalls friedlich und warm.
Also traute er sich, pickte einen Kreis kleiner Löcher ins Ei, stand auf und befand sich mit einem Mal im Freien. Die Schale auf dem Kopf, wie ein zu großer Hut, betrachtete Mats staunend die Weite der Welt. Nun ja, zunächst sah er nur das Familiennest, aber wenn du bislang dein Leben in einer Eierschale verbracht hast, erscheint dir sogar ein Vogelnest wie die weite Welt.
»Du bist so ein Angsthase«, meinte eines seiner Geschwister.
»Hey, Flitz, sowas sagen wir nich!«, ermahnte ihn die Mutter. »Angst zu haben is keine Schande.« Dann wandte sie sich an Mats. »Aber du bist hier draußen sicher, mein kleiner Schwatz. Denk immer daran: Wo eine Mama is, da is ein Zuhause.« Sie hob ihn hoch und drückte ihn an sich. Mats spürte ihre weichen Federn und die Geborgenheit ihrer Umarmung. Erleichtert schloss er die Augen. Er wusste sofort, dass er sich geirrt hatte: Nicht das Ei war der sicherste Ort der Welt, es war dieser hier, in den Flügeln seiner Mama. Ja, in dem Augenblick begriff er, was eine Mama überhaupt war.
Er sollte es von da an nie wieder vergessen.
Über den Frühling hinweg wurde Mats’ struppiges Federkleid flauschig und dicht und färbte sich blau-braun. Doch während seine Geschwister es nicht erwarten konnten, die große weite Welt zu erkunden, zeigte Mats wenig Interesse daran, das elterliche Nest zu verlassen.
Als schließlich der Tag der ersten Flugstunde kam, stöhnte Mats: »Ich glaub, ich hab Fieber. Ich ruhe mich wohl besser aus und schaue euch beim Fliegen zu.«
Aber sein Vater sagte: »Du bist ein Vogel, also musst du lernen zu fliegen.« Und als Mats sah, wie leichtflügelig seine Geschwister Flitz und Piep durch die Luft glitten, wagte er es doch; wenngleich vom Boden aus. Ohne die Tiefe unter sich gelang es ihm, über die Blumenwiese hinweg zu flatterpurzeln. Auch sanfte Landungen bekam er bald hin. Für den Weg zurück ins Nest nahm er allerdings den Eichhörnchen-Aufzug, ohne einen einzigen Blick nach unten zu werfen.
Oft faltete er in seinem Ei kleine Papierflieger. Dann ließ er sie vom Nest hinab segeln und verfolgte ihren Flug durch Äste und Blätter, bis zur sanften Landung auf dem Boden. Und dabei dachte der Schwatz: Die Papierflieger fliegen besser als ich, und fühlte sich unzureichend und klein.
In den folgenden Wochen und Monaten wuchs Mats Piep zu einem prächtigen Vogeljungen heran. Die Eierschalen der Schwatzenkinder wurden zu Betten umfunktioniert. Jeden Abend lauschte Mats darin den Geschichten seiner Mama. Sie beflügelten Mats’ Fantasie so sehr, dass er ein Bild nach dem anderen malte: eine launische Wasserstraße, die ihren Flusslauf nach Belieben änderte. Eine Pirateninsel. (Er schrieb Piraten fälschlicherweise mit Doppel-T, sodass es nach »Piratten« klang.) Ein Land namens Farbenfroh, in dem es Buntstiftbäume und Wasserfarbenweiher gab.
Und immer wieder malte er seine Mama, bis er sie eines Tages fragte: »Warum siehst du eigentlich anders aus als Papa?«
»Das liegt daran, dass dein Papa ein Spatz is«, sagte seine Mutter. »Und ich bin eine Schwalbe. Deswegen bist du ein Schwatz, so wie deine Geschwister.«
»Und muss ich im Herbst auch mit dem Vogelzug nach Süden fliegen?«
Seine Mutter legte nachdenklich einen Flügel an den Schnabel. »Ein Spatz wie dein Vater bleibt im Winter zu Hause. Eine Schwalbe wie ich fliegt gen Süden. Du kannst dich also entscheiden. Aber da du so schnell frierst, solltest du mit mir kommen. Dorthin, wo immer die Sonne scheint.«
»Wo immer die Sonne scheint«, flüsterte Mats. Er lugte über sein Eierschalenbett in den Abgrund. Es ging ungefähr zwanzig Schreianfälle hinab in die Tiefe. »Erreiche ich den Süden auch auf dem Landweg? Ich glaub, das mit dem Fliegen is nich so mein Ding.«
Seine Mutter kicherte. »Es würde ziemlich lange dauern, diesen Weg zu gehen.« Sie wischte ihm liebevoll über den Federkopf.
Für Mats war vollkommen klar, dass er nie in der Lage wäre, die Reise nach Süden fliegend anzutreten. Er wusste, ein furchtloser Held konnte er nur im Nest seiner Mama sein. Da draußen war er bloß ein ängstlicher kleiner Schwatz.
Für den Fall, dass auf ihrem Weg etwas Unerwartetes passierte – und Mats ging immer davon aus, dass etwas Unerwartetes passierte –, begann Mats, seiner Mama eine Landkarte Richtung Farbenfroh zu malen. Sie wurde größer und größer, mit immer mehr Stationen, Hürden und Wegen, die sie ans Ziel führen würden, wenn Mutter Schwalbe sich verirrte.
»Dort bist du sicher«, sagte Mats und deutete auf den bunten Klecks auf der riesigen Karte. Farbenfroh.
Gerührt drückte seine Mama ihren Sohn an sich. »Ich werde mir die Route so genau einprägen wie dein Gesicht«, sagte sie. »Sollte ich verloren gehen, finde ich immer den Weg nach Farbenfroh. Und da warte ich einfach, bis du mich rettest, mein kleiner Abenteurer.«
»Dann kann dir nichts passieren.« Insgeheim bekam Mats Bauchschmerzen bei dem Gedanken, seiner Mama nach Farbenfroh folgen zu müssen. Dazu musste er ja seine Heimat verlassen. Und sich Gefahren aussetzen. Und das konnte er sich, trotz seiner überbordenden Fantasie, nur schwer vorstellen.
Mit dem voranschreitenden Sommer verließen die Vogelkinder das elterliche Nest. Nur Mats blieb.
Bis schließlich der Tag der Abreise kam. Im Herbst, als die Abende kürzer wurden, machten sich die Zugvögel bereit für den langen Flug gen Süden. Die ganze Nacht hatte Mats hin und her überlegt, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, dem Zug der Vögel zu folgen.
»Pass gut auf dich auf, Mats!«, sagte seine Mutter, nachdem sie sich von Papa Spatz verabschiedet hatte. Mats ließ den Kopf hängen, doch sie nahm ihn in ihre Flügel und wartete, bis ihr Sohn sie ansah. »Auch wenn du die Reise nich antrittst: Ich werde immer stolz auf meinen kleinen Schwatz sein«, sagte sie. »Lass dir von niemandem einreden, du könntest irgendwas nich erreichen, nur weil du anders bist als sie. Und vor allem: Rede es dir selber nich ein!«
Mats nickte traurig. »Sehen wir uns denn wieder?«, fragte er schniefend. »Also … Nur für den Fall, dass ich es mir nich noch anders überlege …«
Seine Mama lächelte ihn zuversichtlich an. »Aber natürlich, im nächsten Frühling kehre ich zurück. Und wenn ich verloren gehe, finde ich immer den Weg nach Farbenfroh.« Mutter Schwalbe wischte Mats über den Kopf. Dann drückte sie ihren Sohn an sich, und Mats spürte noch einmal ihre Wärme, diese Sicherheit, die ihm nur seine Mama geben konnte. Bis sie Mats losließ.
Er winkte ihr noch hinterher, als sie bereits weit oben am Himmel inmitten der zahllosen anderen Vögel flog. Und da spürte Mats, wie sich sein Herz zusammenzog. Er wusste sofort, dass es falsch war, seine Mutter ziehen zu lassen. Ich bin noch nich bereit, dachte er panisch. Nie, niemals im Leben konnte er hier ohne sie bleiben. Wie hatte er auch nur eine Sekunde lang glauben können, einen klirrend kalten Winter mamalos zu sein? Keine Wärme, keine Geschichten, und mit jedem Meter, den sie sich entfernte, zerbröckelte sein Gefühl von Sicherheit. Nein, jetzt war es an der Zeit, seine Angst zu überwinden.
Ohne weiter nachzudenken lief Mats los, vorbei an seinen Geschwistern, die sich gerade ebenfalls für den Start bereit machten. Er flatterte kräftig und hektisch mit den Flügeln, kniff fest die Augen zu, hob ab und stieg auf in Richtung Himmel. Er nahm sich vor, solange er oben war, die Augen nicht zu öffnen und sich bloß am Geräusch der schlagenden Flügel seiner Mitreisenden zu orientieren. Zumindest bis er es durch die Wolkendecke geschafft hatte.
»Langsam, Mats!«, riefen Flitz und Piep staunend. Doch der kleine Schwatz wollte so schnell wie möglich vorankommen.
Er war derart konzentriert darauf, die Höhe zu vergessen, dass er irgendwann nicht mehr auf die anderen achtete. Bis er schließlich bemerkte, dass die Flügelschläge des Vogelzugs weit weg klangen. Erschrocken riss er die Augen auf; er durfte auf keinen Fall seine Reisegruppe verlieren.
Sowie er tief, tief unter sich die Erde sah, bekam er Panik. Sein Flügelschlag geriet aus dem Takt. Mats ruderte verzweifelt mit den Beinchen in der Luft, als wollte er durch den Himmel schwimmen. Aber es half nicht: Er sackte ab wie ein Federball.
»Mama!«, rief er trudelnd. »Ich komme nach, versprochen! Ich muss grad bloß mit ein paar Turbulenzen fertig werden.« Leider war der Vogelzug zu weit weg. So bekam seine Mutter nicht mit, wie Mats aus dem Himmel hinab Richtung Erde purzelte. Er sah bloß noch Farben, die Welt um ihn herum verwischte wie seine ersten Malversuche. Immer näher stürzte er auf sie zu. Durch seinen Kopf schallte ein panisches: WAAAAAAAAAAH!, was sein Schnabel gleichzeitig laut schreiend in Sprache übersetzte.
Doch das Glück war an jenem Tag auf der Seite von Mats Piep. Denn er landete mit einem »AAAAAAAAA-UFFF!« auf der Krempe eines Spitzhuts und holterdipolterte einen Arm in einem roten Pullover hinab. Und bevor er in das nahende Sonnenblumenfeld stürzen konnte, packte ihn eine Hand aus Stroh.
Als Mats kurz darauf seine Augen öffnete, lächelte ihn von einem Holzpfahl eine Vogelscheuche an.
»Hast du dir weh getan, kleiner Vogel?«, fragte sie den Schwatz.
Und so lernte Mats Piep Mathilde Vogelscheuch kennen.
Ein Jahr und eine abenteuerliche Reise später waren Mats und Mathilde immer noch unterwegs, um Abenteuer zu erleben. Zwar war Mats nie bei seiner Familie im Süden angekommen, aber seit seiner ersten Begegnung mit Mathilde hatte sich einiges geändert: Er hatte nur noch selten Angst vor dem Fliegen. Mathilde hing nicht mehr an einem Holzpfahl. Und die beiden waren die allerbesten Freunde.
Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch ließen das Sonnenblumenfeld, auf dem das kleine, rothaarige Mädchen Mathilde mit einem goldenen Stoffherzen zum Leben erweckt hatte, ein zweites Mal hinter sich und schlenderten nun vergnügt irgendeinen Weg entlang, der irgendwohin führte. Sie hatten weder Ziel noch Eile. Sie hatten bloß einander und das war ihnen immer genug.
Sie wanderten noch nicht lange durch die herbstverkleckste Gegend, als Mats plötzlich aufgeregt in eine Richtung deutete.
»Mathilde!«, rief er aus ihrer Brusttasche heraus. »Da vorn is das Waldstück, in dem ich aufgewachsen bin.«
Mats navigierte die Vogelscheuche vorbei an Tannen und Birken, bis zur alten Eiche. Vergnügt kletterte Mathilde an ihrem Stamm hinauf, Mats flatterte nebendran, und so erreichten sie bald das heimatliche Nest. Während Mathilde sich auf den Ast setzte, schwatztapste Mats mit offenem Schnabel durch sein ehemaliges Zuhause.
»Es is, als hätte ich es erst gestern verlassen«, sagte er leise. Er deutete auf verschiedene Punkte. »Da war der Küchentisch, an dem wir immer gegessen haben. Daneben war die Regendusche. Dazu musste man nur an dieser Kordel ziehen und …« Er zog an einer Kordel, die neben ihm herunterbaumelte, und wurde gleich von einem Schwall Regenwasser übergossen. »Brrr, ich hasse Wasser.« Er schüttelte sich trocken. »Und das da«, Mats flatterte an einen Punkt des Nests, »das is mein Vogelei. Darin wurde ich geboren, hab ich geschlafen und durfte ich abends noch eine halbe Stunde Sternsehen.« Er lehnte sich mit verschränkten Flügeln zurück und sah durch das Blätterdach der Bäume in den Himmel. Dann schaltete er seine kleine Lampe an und richtete ihr Licht auf eine Stelle am Baumstamm. »Hätte nich gedacht, dass sie noch da sind«, sagte er.
Seine selbst gemalten Bilder hingen an ihrem angestammten Platz. Alle Orte, die er in seiner Fantasie besucht hatte, als er zu ängstlich gewesen war, die Welt zu erkunden. Und mittendrin seine Geschwister, sein Papa und seine Mama. Auf fast jedem Bild seine Mama.
»Mama?«, rief Mats über das Nest hinweg in den Wald. Lauschte und wartete auf eine Antwort. Doch bis auf das Rauschen der Bäume hörte er nichts. Erst nachdem er das dritte Mal nach ihr gerufen hatte und den Blick über das Nest schweifen ließ, bemerkte er, dass es voller Pollenstaub war. Dieser Ort war anscheinend schon eine lange Zeit unbewohnt.
»Mats?«, sagte hinter ihm auf einmal eine Stimme. Hastig drehte Mats sich um und sah seinen Vater vor sich. Seine Federn waren angegraut und er humpelte. Die beiden stürmten aufeinander zu und fielen sich um den Hals.
»Papa!«, rief Mats glücklich.
»Mein Junge.« Papa Piep betrachtete seinen Sohn. »Wie groß du geworden bist.«
Mats nickte stolz. »Und ich habe keine Flugangst mehr. Sieh mal!« Er machte einen doppelten Looping in der Luft und landete mit dem Popo im Nest.
»Ich wusste, dass du es schaffst«, sagte sein Vater stolz.
»Wo sind denn die anderen?« Mats sah zu allen Seiten und schließlich wieder zu seinem Papa. »Wo is Mama?«
Da legte sich ein Schatten über den Blick seines Vaters. Der Spatz atmete durch. »Sie ist nicht hier.«
»Wo is sie denn?«
Mats’ Papa seufzte. »Ich weiß es nicht. Sie ist nie aus dem Süden zurückgekehrt. Genauso wenig wie Flitz und Piep.«
»Aber …« Mats spürte sein Herz zerspringen. Innerhalb eines Augenblicks war er wieder der kleine Schwatz, der voller Furcht seiner davon fliegenden Mama hinterhersah. »Wieso? Was is passiert?«
»Es heißt, deine Mama sei auf dem Hinflug verloren gegangen. Sie hat sich plötzlich von der Gruppe gelöst und ist allein davon geflogen.«
»Warum? Zugvögel müssen doch zusammen bleiben. Das weiß Mama.«
»Sie war voller Sorge um dich«, sagte Mats’ Papa. »Da sie auf dem Hinweg voran geflogen ist, hat sie erst spät erfahren, dass du ihr folgen wolltest. Jemand erzählte ihr, du seiest aus dem Himmel gepurzelt. Und da ist sie ohne zu zögern umgekehrt.« Mats’ Papa legte einen Flügel an die Wange seines Jungen. »Sie wollte zu dir.«
»Aber … So allein … Und bei der aufkommenden Kälte … Das is doch gefährlich …«
Mats’ Papa senkte den Blick. »Deine Geschwister sind mit einigen der anderen Vögel hinterher, um sie zu suchen. Seitdem fehlt auch von ihnen jede Spur.«
Mats wandte sich um zu Mathilde, die ihren Freund voller Mitgefühl ansah, während ihr Mund lächelte wie eh und je. Sie konnte nicht anders. Ihre Mama, die kleine Enkeltochter des Bauern, hatte es ihr mit Erdbeermarmelade ins Gesicht gemalt.
»Ich würde sie ja suchen. Aber ich bin alt«, wisperte Mats’ Papa, vergrub das Gesicht in seinen Flügeln, sagte: »Entschuldigt mich!« und flatterte auf einen anderen Baum, damit sein Sohn nichts von seinen Tränen mitbekam.
Mats’ Blick ging zu dem Baumstamm der elterlichen Eiche, direkt auf eines seiner selbstgemalten Bilder. Es kann gar nichts passieren, mein Schwatz, hatte seine Mama vor ihrer Abreise zu ihm gesagt. Wenn ich verloren gehe, finde ich immer den Weg nach Farbenfroh.
»Sie is in Farbenfroh«, rief Mats. »Ich muss sie und die anderen nach Hause bringen.«
»Das machen wir«, sagte Mathilde, stutzte dann jedoch. »Weißt du denn, wie wir dahin gelangen?«
Mats nickte, riss das große Blatt Papier vom Baumstamm und hielt es Mathilde entgegen. »Meine Mama kennt den Weg nach Farbenfroh wahrscheinlich auswendig. Uns führt die Karte ans Ziel.«
»Au ja, ein neues Abenteuer!« Vergnügt klatschte Mathilde in die Hände. Dadurch verlor sie das Gleichgewicht, fiel vom Baum und plumpste in einen Blätterhaufen. Mats flog ihr hinterher, allerdings so hastig, dass er stolperte und ins Trudeln geriet. Mit einer Hand fing Mathilde Mats auf und hielt ihn sich vors Gesicht.
»Aber es wird sehr gefährlich, Mathilde«, sagte er. »Siehst du die weißen Flecken auf der Karte? Ich bin nich rechtzeitig fertig geworden. Keine Ahnung, was uns da erwartet. Aber es is der einzige Weg nach Farbenfroh.« Mats seufzte ergeben.
Mathilde erkannte den sorgenvollen Blick ihres Freundes, also lächelte sie ihn marmeladenrot und zuversichtlich an. »Wir haben meine Mama gefunden. Jetzt finden wir deine.«
»Wie kannst du dir so sicher sein?«
»Weil wir einander haben. Zusammen schaffen wir alles.« Mathilde sah in die Ferne. »Und Farbenfroh klingt nach einem Ort, der uns ein Zuhause sein kann.« So sehr die Vogelscheuche das Reisen liebte, sie wusste, dass all die Abenteuer Mats arg beutelten. Er brauchte ein Heim, und Mathilde war bereit, für immer dort zu bleiben, wo auch er war.
Mats verabschiedete sich von seinem Vater. »Ich werde Mama und die anderen finden, Papa«, sagte er entschlossener, als er sich fühlte. Papa Spatz war nicht gerade begeistert, dass sich sein Sohn auf die gefahrvolle Reise begeben wollte. Aber er glaubte an ihn, und nachdem Mats ihm mehrfach versicherte, dass Mathilde gut auf ihn achtgab, umarmte er den Schwatz und wünschte ihm viel Glück. Dann stapfte Mathilde mit Mats auf der Schulter los.
Sie gelangten bald an eine Anhöhe, am Rande des Waldes. Vor den beiden Freunden erstreckte sich die weite, weite Welt voller Geheimnisse und Gefahren. »Wir müssen die Launische Wasserstraße erreichen.« Mats fuhr mit einem Flügel die Strecke auf der Karte ab. »Von dort fährt am Ende des Jahres ein Hausboot zur Endlosen Brücke. Und die führt uns direkt nach Farbenfroh. Wenn sie überhaupt irgendwohin führt, schließlich is sie endlos.« Mit Unbehagen sah Mats von der Karte in die Ferne. »Es wird doch alles gut ausgehen. Nich wahr, Mathilde? Wenn du mir zustimmst, lächle mich an!«
»Aber ich lächle doch immer, Mats.«
»Lass ich trotzdem gelten.«
Wenn Mats Piep gewusst hätte, welche geradezu unüberwindbaren Hindernisse, verblüffenden Überraschungen und atemberaubenden Abenteuer ihm wieder bevorstanden, er wäre womöglich in seinem heimatlichen Wald geblieben. Und hätte einfach darauf gehofft, dass seine Mama und die anderen allein den Weg nach Hause fanden.
Darum bin ich, liebe Freundinnen und Freunde, heilfroh, dass er es nicht wusste. Denn sonst könnte ich euch die nun folgende unglaubliche Geschichte der weiteren Reise von Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch nicht erzählen.
Nun also begeben sich Mats Piep und Mathilde Vogelscheuch wieder auf den gefahrvollen Weg durch die wunderliche Welt. Und gleich zu Beginn geraten sie in ein großes Abenteuer – das sie als Winzlinge bestehen müssen. Denn in Wiesengrund schrumpfen Mats und Mathilde, bis sie klein wie Schnecken sind. Um wieder auf ihre alte Größe anzuwachsen, müssen die beiden noch vor der Vollmondnacht eine geheimnisvolle Blume finden.
Doch davon erzähle ich euch im nächsten Kapitel.
