Verlag: Luzifer-Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 1) E-Book

Robert McCammon  

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E-Book-Beschreibung MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 1) - Robert McCammon

Geht eine Hexe in Carolina um? Das zumindest glauben die Bewohner der kleinen Stadt Fount Royal. Ihr Name ist Rachel Howarth, eine Fremde - wunderschön und mutig. Kein Wunder, dass sie von manchen Einwohnern gehasst wird und den meisten zumindest suspekt vorkommt. Der fahrende Friedensrichter Isaac Woodward und sein scharfsinniger Gerichtsdiener Matthew Corbett sollen ihr den Hexenprozess machen. Die Beweise sind erdrückend: In ihrem Haus finden sich okkulte Hinweise, sie weigert sich, die Worte des Herrn zu sprechen, und Zeugen berichten von unaussprechlichen Dingen, die sie mit dem Leibhaftigen selbst begangen haben soll. Aber Matthew zweifelt an den Anschuldigungen. Gibt es so etwas wie Hexerei wirklich? Und wenn Rachel tatsächlich wie ein Dämon durch die Nacht fliegen kann, wieso hat sie sich dann nicht längst selbst aus dem Gefängnis befreit? In Fount Royal gehen noch weitaus rätselhaftere Dinge vor. Wer ermordete Rachels Ehemann? Wer wäre imstande, eine ganze Stadt zu paralysieren? Und wer würde davon profitieren, wenn die Hexe verbrannt würde? Es tobt tatsächlich ein Kampf zwischen Gott und Teufel, zwischen Gut und Böse in dieser Stadt, und selbst die Unschuldigen sind nicht länger sicher. Schon bald muss sich Matthew Corbett mit Herz und Hirn dem wahrhaftigen Bösen stellen, das in Fount Royal umgeht ... "… eine herausragende Geschichte, fesselnd und voller Spannung …" [Stephen King]

Meinungen über das E-Book MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 1) - Robert McCammon

E-Book-Leseprobe MATTHEW CORBETT und die Hexe von Fount Royal (Band 1) - Robert McCammon

Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal

– Band 1 –

Robert McCammon

übersetzt von Nicole Lischewski

Copyright © 2002 by Robert McCammon Published by Arrangement with THE MCCAMMON CORPORATION This Work was negotiated through Literary Agency Thomas Schlück GmbH, 30827 GarbsenDieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: SPEAKS THE NIGHTBIRD Copyright Gesamtausgabe © 2017 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Nicole Lischewski

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2017) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-198-1

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhalt

Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal - Band 1
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Über den Autor

Für Hunter Goatley

 

Frage dich, wo des Menschen Ruhm beginnt und endet.Und sieh, dass sich mein Ruhm nur auf meinen Freunden gründet!

 

William Butler Yeats

Kapitel 1

Die Stunde kam, zu der die Reisenden bemerkten, dass die Nacht sie einholen würde und ein Unterschlupf gefunden werden musste.

Für Frösche und Sumpfhühner war es ein herrlicher Tag gewesen. Den Menschen jedoch hatten sich die tief hängenden grauen Wolken und der kalte Regen wie Ketten um die Seele gelegt. Der Mai sollte dem Kalender und allen Vorhersagen nach ein gnädiger, wenn auch kein fröhlicher Monat sein; dieser Mai jedoch war wie ein dünnlippiger Geizhals dahergekommen, der die Kerzenflammen in der Kirche ausdrückt.

Regelrechte Wasserfälle strömten durch die starken Äste, die sich in vierzig Fuß Höhe über der Straße ineinander verflochten. Die Blätter uralter Eichen und Ulmen, und auch die Nadeln der hohen Kiefern, waren finster statt grün, und die mächtigen Stämme von Moos und braunen Klumpen eines Pilzes gefleckt. Zu sagen, dass sich unter diesen Ästen eine Straße befand, war eine freizügige Verwendung des Wortes: Es handelte sich um ein fäulnisfarbenes matschiges Loch, das dem Nebel entstieg und auch wieder im Nebel verschwand.

»Weiter, weiter«, rief der Kutscher den beiden Kleppern zu, die sich abmühten, den Wagen gen Süden zu ziehen. Ihr Atem dampfte und die mageren Flanken zitterten beim Kampf mit den schweren Holzrädern im Schlamm. Der Kutscher hielt eine kleine scharfe Peitsche griffbereit, doch entschied sich dagegen, Gebrauch von ihr zu machen. Die Pferde, die ihm mitsamt des Wagens von den städtischen Stallungen in Charles Town überlassen worden waren, taten ihr Bestes. Hinter der ungehobelten Kiefernholzplanke, die den Reisenden ab und zu Splitter in den Hintern trieb, standen unter der braunen durchweichten Sackleinenplane des Wagens zwei nicht zueinander passende Schrankkoffer, eine Reisetasche und eine Perückenschachtel. Alle vier Gepäckstücke wiesen Narben und Schrammen auf, die auf rüde Transportmethoden hindeuteten.

Über ihnen grollte Donner. Die Pferde strengten sich an, ihre Hufe aus dem Matsch zu ziehen.

»Na los, schneller«, rief der Kutscher ohne die geringste Leidenschaft. Er knallte halbherzig mit den Zügeln, die er in seinen durch graue Stoffhandschuhe geschützten Händen hielt. Dann saß er wieder kommentarlos da, während Regentropfen von den gerollten Rändern seines schwarzen schlammbespritzten Dreispitzes fielen und seinen rabenfarbigen Wollmantel noch mehr durchnässten.

»Soll ich übernehmen, Sir?«

Der Kutscher warf einen Blick auf seinen Mitreisenden, der ihm anbot, die Zügel zu halten. Selbst mit lebhaftester Fantasie ließen sich zwischen den beiden kaum Ähnlichkeiten finden: Der Fuhrmann war fünfundfünfzig Jahre alt, sein Passagier gerade über zwanzig. Der ältere Mann war grobknochig und hatte ein gerötetes Gesicht mit Hängebacken, in dem dichte, borstig-graue Augenbrauen wie ein Schutzwall über tief liegenden eisblauen Augen herausragten, die so freundlich wie zündfertige Kanonenrohre dreinschauten. Ein höflicher Engländer hätte seine Nase vielleicht als gut proportioniert bezeichnet. Ein freimütiger Holländer würde eher dazu neigen, einen Bluthund in der Ahnenlinie dieser Nase zu vermuten. Auch das Kinn des Fahrers war fest umrissen: Ein quadratisches Bollwerk mit einer Kerbe, in der eine kleine Musketenkugel Schutz suchen konnte. Üblicherweise war sein Gesicht durch peinlich genaues Rasieren glatt und sauber gehalten, aber an diesem Tag zeigte sich sein grau melierter Bartwuchs.

»Ja«, murrte er. »Danke.« Er übergab die Zügel wie schon so oft in den letzten Stunden, während der sie sich bei dieser Pflicht abgewechselt hatten, und rieb sich die Finger, bis er sie wieder fühlen konnte.

Das lange, hagere Gesicht des jüngeren Mannes hatte mehr Kerzenschein als Sonnenlicht zu sehen bekommen. Er war dünn, aber nicht gebrechlich – eher sehnig wie ein zähes Klettergewächs. Er trug kantige Schuhe, weiße Strümpfe, olivgrüne Kniebundhosen und über einem einfachen weißen Leinenhemd eine kurze, eng anliegende braune Jacke aus billiger Wolle. Die Knie seiner Beinkleider und auch die Ellbogen der Jacke waren mindestens ebenso oft geflickt worden wie die Kleidung des älteren Mannes. Auf seinem Kopf saß eine graubraune Wollmütze. Sie war über schwarze feine Haare gezogen, die in Charles Town vor Kurzem im Kampf gegen die Läuseplage raspelkurz geschoren worden waren. Alles an dem jungen Mann – Nase, Kinn, Wangenknochen, Ellbogen, Knie – erweckte den Eindruck von scharfen Ecken. Seine Augen waren grau mit dunkelblauen Sprenkeln; die Farbe von Rauch in der Dämmerung. Er feuerte die Pferde weder an, noch klatschte er ihnen die Zügel auf die Rücken. Sein einziger Ehrgeiz war, sie zu lenken. Man hätte ihn vielleicht als einen Stoiker bezeichnen können. Er wusste um den Wert von Unerschütterlichkeit, denn er hatte in seinem Leben bereits Schicksalprüfungen durchlaufen, an denen ein weniger stoischer Mensch hätte zerbrechen können.

Der ältere Mann sann während des Händereibens darüber nach, dass er, falls er nach diesem Martyrium noch seinen sechsundfünfzigsten Geburtstag erlebte, seinen Beruf am besten aufgeben und als Dank für Gottes Gnade ein Samariter werden sollte. Er war nicht aus dem rohen Material der Pioniere gemacht. Vielmehr verstand er sich als ein Mann mit Geschmack und Noblesse, ein Städter, der kaum dazu geeignet war, in diese Wildnis vorzustoßen. Schnurgerade Ziegelmauern und gestrichene Zäune gefielen ihm, die angenehme Symmetrie manikürter Hecken und die verlässliche Pünktlichkeit, mit welcher der Laternenanzünder seine Runde machte. Er war ein zivilisierter Mann. Regen lief seinen Nacken herunter und in seine Stiefel, es dämmerte und er hatte lediglich einen rostigen Säbel im Wagen, um ihr Hab und Gut sowie ihre Skalps zu beschützen. Fount Royal lag am Ende dieser Matschstrecke, doch das war wenig Trost. Seine Aufgabe dort war unschön.

Doch nun wurde ihnen etwas Gnade zuteil! Der Regen ließ langsam nach und das Donnergrollen klang weiter entfernt. Der ältere Mann dachte, dass die Sturmfront sich nun auf das Meer hinausbewegte, das sie durch Lichtungen im Wald hie und da wie eine aufgewirbelte graue Ebene erspäht hatten. Tiefhängende Nebelschwaden verschleierten die Äste, hüllten den Wald wie in ein Leichentuch. Der Wind hatte sich gelegt und in der schweren Luft lag ein sumpfig grüner Geruch.

»Frühling in Carolina«, brummte der Ältere, in dessen heiserer Stimme der melodische Akzent hochwohlgeborener englischer Vorfahren mitschwang. »Auf den Friedhöfen werden im Sommer viele Blumen stehen.«

Der jüngere Mann erwiderte nichts, dachte sich aber, dass sie auf dieser Straße verenden könnten, dass sie etwas Böses überfallen und sie ebenso plötzlich verschwinden konnten wie Richter Kingsbury vor nicht einmal zwei Wochen auf eben dieser Strecke. Er konnte sich nicht vor der Tatsache verschließen, dass wilde Indianer und ebenso wilde Tiere in diesen Wäldern ihr Unwesen trieben. Trotz all der Läuse und Todesfälle durch die Beulenpest war Charles Town im Vergleich zu dieser triefenden grünen Hölle ein wahres Paradies. Er gelangte zu dem Schluss, dass die Siedler von Fount Royal von Sinnen sein mussten, ihr Leben und ihre Zukunft in dieser Gegend aufs Spiel zu setzen.

Doch Charles Town war vor zwanzig Jahren nicht weniger Wildnis gewesen. Jetzt war es eine Stadt mit einem florierenden Hafen – wer konnte schon sagen, was aus Fount Royal werden würde? Er wusste jedoch, dass es für jedes Charles Town Dutzende andere Siedlungen gab, die Unglücken zum Opfer fielen. Fount Royal mochte es eines Tages ähnlich ergehen. Noch war es aber der Wirklichkeit gewordene Traum von Menschen, und das Problem dort musste auf gleiche Art wie die Probleme in zivilisierter Gesellschaft angegangen werden. Die Frage blieb allerdings: Warum hatte Richter Kingsbury auf der Reise von Charles Town nach Fount Royal auf eben dieser Strecke nie sein Ziel erreicht? Der ältere Mann hatte auf Fragen hin verschiedene Antworten gegeben. Kingsbury mochte an Indianer geraten, die Kutsche verunglückt sein oder ein Angriff durch wilde Tiere stattgefunden haben. Doch obwohl der ältere Mann eine Nase hatte, die der eines Bluthundes glich, war es der Jüngere, der den Bluthundinstinkt besaß. Selbst die leiseste Andeutung eines Rätsels ließ ihn noch lange, nachdem der Ältere sich zurückgezogen hatte und in der Kammer schnarchte, grübelnd neben der niederbrennenden Kerze sitzenbleiben.

»Was ist das?«

Ein grau behandschuhter Finger zeigte nach vorn in den Nebel. Dann sah auch der jüngere Mann, was sein Begleiter erspäht hatte: Rechts neben der Straße war ein Dach zu sehen. Es war ebenso dunkelgrün und nassschwarz wie die Wälder; vielleicht handelte es sich um eine Ruine wie bei dem Handelsposten, an welchem sie am frühen Nachmittag ihre Pferde rasten und eine Mahlzeit hatten einnehmen wollen – nur um dann verkohltes, eingefallenes Gebälk vorzufinden. Doch auf dem Dach vor ihnen gab es etwas Herrliches zu sehen. Einen gemauerten Schornstein, aus dem eine weiße Fahne Rauch wehte. Der Nebel waberte, und die grob behauenen Stämme eines Blockhauses nahmen Gestalt an.

»Ein Unterschlupf!«, stieß der ältere Mann frohlockend aus. »Matthew, Gottes Gnade ist mit uns!«

Es war ein noch recht neuer Bau, was erklärte, wieso das Gebäude auf der Karte nicht eingetragen war. Der Geruch von frisch mit der Axt bearbeiteten Kiefernstämmen wurde stärker, als sie sich näherten. Matthew bemerkte, vielleicht etwas ungnädig, dass der Erbauer der Blockhütte weder zu den geschicktesten noch zu den ordentlichsten Handwerkern gehörte. Großzügige Mengen von rotem Schlamm waren dazu benutzt worden, die Spalten zwischen den Stämmen der schiefen Wände abzudichten. Der Schornstein bestand mehr aus Lehm denn aus Stein und spie aus zahlreichen Ritzen Rauch. Das Dach saß ähnlich der verrutschten Kappe eines Betrunkenen in einem unguten Winkel auf dem Haus. Weder Farbe noch sonstiger Zierrat schmückten die Hütte, deren kleine schmale Fensteröffnungen allesamt mit Brettern verrammelt waren. Hinter dem Haus befand sich ein Gebäude, das noch schludriger aussah und wohl eine Scheune sein musste: Drei Pferde mit Senkrücken standen in einem eingezäunten Korral daneben. In einem schlammigen Pferch nahebei schnauften und grunzten ein halbes Dutzend Schweine. Ein roter Hahn stolzierte herum, gefolgt von einigen nassen Hennen und ihren schlammbespritzten Küken.

Neben einer Anbindestange für Pferde stand ein in den Boden getriebener Pfosten. Daran festgenagelt war ein grünes Holzschild, auf welches mit dicker weißer Farbe die Worte ›Tavern Ye Trade‹ gekrakelt worden waren.

»Sogar ein Wirtshaus!«, rief der ältere Mann und übernahm die Zügel von Matthew, als könnten seine Hände den Wagen schneller zu der Anbindestange lenken. »Es wird uns heute Abend also doch noch ein heißes Mahl zuteil!«

Eins der Pferde neben der Scheune begann zu wiehern, und plötzlich öffnete sich ein Fensterladen. Ein kaum zu erkennendes Gesicht spähte hinaus.

»Seid gegrüßt!«, rief der Ältere. »Wir brauchen eine Unter…«

Der Fensterladen wurde zugeknallt.

»…kunft«, beendete er seinen Satz. Und dann, als die Pferde sich die letzten Meter zu der Anbindestange vorkämpften: »Brr! Langsam!« Er betrachtete den Fensterladen. »Für einen Wirt recht ungastlich. Aber hier sind wir nun mal und hier bleiben wir auch. Nicht wahr, Matthew?«

»Ja, Sir.« Das wurde mit nicht allzu fester Überzeugung vorgebracht.

Der ältere Mann stieg vom Kutschbock. Seine Stiefel versanken bis über die Knöchel im Matsch. Er schlang die Zügel um die Anbindestange, während Matthew langsam vom Wagen stieg. Auch als er einige Zentimeter tief im Schlamm versank, war Matthew immer noch größer als sein Begleiter. Mit seinen eins-achtundsiebzig war er ein außerordentlich groß geratener junger Mann, im Gegensatz zu seinem mit einem Meter siebzig durchschnittlich großen Begleiter.

Ein Riegel wurde zurückgeschoben. Die Tür der Hütte öffnete sich schwungvoll. »Guten Tag, guten Tag!«, sagte der Mann, der auf der Türschwelle stand. Er war in eine fleckige Wildlederjacke und ein braunes Hemd, graugestreifte Kniebundhosen und grellgelbe Strümpfe gekleidet, die über den wadenhohen Stiefeln zu sehen waren. Das breite Lächeln in seinem kastanienrunden Gesicht stellte Zähne zur Schau, die wie eine Reihe von Stiften in seinem Mund prangten. »Kommt herein und wärmt Euch!«

»Ob sich dies als ein guter Tag bezeichnen lässt, weiß ich nicht, aber ein Feuer wird uns sehr gefallen.«

Matthew und der ältere Mann stiegen zwei Stufen auf die Veranda hinauf. Der Wirt trat zurück und hielt ihnen die Tür auf. Noch bevor sie mit ihm auf gleicher Höhe waren, wünschten sie sich, dass der Kiefernholzgeruch stärker wäre, um den abstoßenden Gestank des ungewaschenen Körpers und der schmutzigen Kleider ihres Gastgebers zu überdecken. Gerade als Matthews linkes Ohr den Pfad der schallenden Stimme kreuzte, brüllte der Mann jemandem im Wirtshaus zu: »Mädel! Leg noch einen Scheit ins Feuer – beweg dich!«

Die Tür schloss sich hinter ihren Rücken, und damit wurde es dunkel. Drinnen war es so finster, dass keiner der beiden Reisenden mehr als das rote Glimmen der zuckenden Flammen im Kamin sehen konnte. Nicht aller Rauch entschwand durch den Schornstein; ein großer Teil davon fühlte sich in der Hütte anscheinend wohl und hing in schmierigen grauen Schleiern im Raum. Matthew kam es vor, als bewegten sich Gestalten um sie herum, aber seine Augen brannten zu sehr vom Rauch, um etwas zu erkennen. Eine knorrige Hand presste sich in seinen Rücken. »Kommt nur, kommt!«, drängte der Wirt. »Wärmt Euch auf!«

Sie schlurften näher an die Feuerstelle heran. Matthew stolperte gegen einen Tisch. Eine gedämpfte Stimme erklang, jemand lachte, und das Lachen ging in einen trockenen Husten über. »Verdammtes Pack, benehmt euch!«, schnappte der Wirt. »Wir haben feine Herren zu Besuch!«

Auch der ältere Mann musste mehrmals husten, um seine Lunge von dem beißenden Rauch zu befreien. Er stellte sich an den Rand des flackernden Feuers und zog seine nassen Handschuhe von den Fingern. »Wir sind den ganzen Tag unterwegs gewesen«, sagte er. »In Charles Town sind wir losgefahren. Wir haben gedacht, dass wir eher rote als weiße Gesichter sehen würden.«

»Es stimmt, Sir, die roten Teufel gibt's hier in rauen Mengen. Aber sehen tut man sie nie, nur dann, wenn sie gesehen werden wollen. Ich bin Will Shawcombe. Dies ist mein Wirtshaus und Handelsposten.«

Der ältere Mann bemerkte, dass ihm durch den Qualm eine Hand entgegengestreckt wurde. Er schüttelte sie. Die Handfläche war so hart wie der Pferdesattel eines Quäkers. »Ich heiße Isaac Woodward«, gab er zurück. »Und dies ist Matthew Corbett.« Er nickte in Richtung seines Begleiters, der damit beschäftigt war, sich die Finger warm zu reiben.

»Aus Charles Town, sagt Ihr?« Shawcombe hielt noch immer die Hand des andern Mannes umklammert. »Und wie ist es dort?«

»Es lässt sich leben.« Woodward entzog sich des Handschlags und fragte sich unwillkürlich, wie oft er wohl seine Finger schrubben müsste, bis sie vom Gestank befreit waren. »Die Witterung ist in den letzten Wochen jedoch sehr unausgeglichen gewesen. Solch heiße und kalte feuchte Dämpfe sind eine wahre Prüfung für das Gemüt.«

»Bei uns will der Regen nicht aufhören«, entgegnete Shawcombe. »Einen Morgen schwitzt man, am nächsten heißt es bibbern.«

»Ist das Ende der Welt, so wie's aussieht«, erhob sich die gedämpfte Stimme. »Geht doch nicht mit rechten Dingen zu, jetzt noch warme Decken zu brauchen. Der Teufel verdrischt seine Frau, daran liegt's.«

»Schweig!« Shawcombes kleine dunkle Augen blickten in Richtung der Stimme. »Du verstehst davon nichts!«

»Ich les die Bibel, ich kenne Gottes Wort! Das Ende der Welt ist's, und auch das aller unsauberen Dinge.«

»Ich schmier dir eine, wenn du so weiterredest!« Shawcombes Gesicht sah im roten flackernden Licht des Feuers wie eine Maske kaum beherrschten Zorns aus. Woodward hatte gesehen, dass der Wirt ein gedrungener, stämmiger Mann von vielleicht einem Meter zweiundsiebzig Größe war, mit breiten kräftigen Schultern und einer Brust wie einem Bierfass. Shawcombe hatte einen wilden braunen Haarschopf, der von Grau durchzogen war, und einen kurzen graugesprenkelten Bart. Er sah wie ein Mann aus, mit dem nicht zu spaßen war. Sein Akzent, ein ungehobeltes Englisch der Unterklasse, klärte Woodward darüber auf, dass der Mann die Docks an der Themse noch nicht allzu lange hinter sich gelassen hatte.

Wie Matthew warf auch Woodward einen Blick in Richtung des Bibellesers und konnte in den Rauchschwaden eine knorrige, weißbärtige Gestalt ausmachen, die an einem der roh zusammengezimmerten Tische saß. Der rote Feuerschein spiegelte sich in den Augen des alten Mannes. Sie glommen wie frisch angefachte Kohlestücke. »Wenn du wieder an meinem Rum warst, zieh ich dir das Fell ab!«, versprach Shawcombe. Der alte Mann begann, den Mund aufzumachen, besaß jedoch genügend Altersweisheit, kein Wort herauszulassen. Als Woodward wieder den Wirt ansah, grinste Shawcombe verlegen und die kurze Zurschaustellung von Wut war verschwunden. »Mein Onkel Abner«, erklärte er in verschwörerischem Flüsterton. »Der ist weich in der Birne geworden.«

Eine weitere Gestalt schritt durch den Qualm an Woodward und Matthew vorbei in den Feuerschein am Rand des offenen Kamins, der mit verrußten Steinen eingefasst war. Diese dünne, kleine Gestalt, kaum mehr als einen Meter fünfzig groß, trug eine geflickte moosgrüne Wolltunika und hatte lange dunkelbraune Haare. Ein Kiefernscheit und eine Armladung Tannenzapfen und Nadeln wurden in die Flammen geworfen. Matthew ertappte sich dabei, das bleiche Profil eines jungen Mädchens mit einem langen Kinn zu betrachten. Ihre ungekämmten Haare hingen ihr ins Gesicht. Sie beachtete ihn nicht weiter und verschwand schnell wieder im Dunkel des Raumes.

»Maude! Was hockst du da rum? Bring diesen Herren einen Rum!« Dieser Befehl wurde einer anderen Frau in der Hütte zugeworfen, die neben dem alten Mann saß. Ein Stuhl schabte über die ungehobelten Fußbodenbretter, ein Hustenanfall folgte dem nächsten, bis er in ein trockenes Keuchen überging, und dann schlurfte Maude – eine dürre weißhaarige Erscheinung in Kleidung, die aus zusammengenähten Futtersäcken zu bestehen schien – murrend und zungenschnalzend durch eine Tür hinter dem Kamin. »Möge der Herrgott Gnade mit unseren Ärschen haben!«, brüllte Shawcombe ihrer unglücklichen Gestalt hinterher. »Man kommt sich vor, als hätten wir noch nie 'nen atmenden Menschen gesehen, der was zu trinken und essen braucht! Das hier ist ein Wirtshaus, hast du das immer noch nicht begriffen?« Seine Laune schlug schnell wieder um, als er Woodward hoffnungsvoll ansah. »Ihr bleibt doch über Nacht hier, nicht wahr, Sir? Hinten hab ich ein sehr gemütliches Zimmer, das Euch nicht mehr als ein paar Pence kostet. Ein Bett mit einer guten, weichen Matratze steht drin. Da kann sich Euer Rücken von der langen Reise erholen.«

»Darf ich etwas fragen?«, entschied Matthew sich zu äußern, bevor sein Begleiter dem Wirt antworten konnte. »Wie weit ist es bis Fount Royal?«

»Fount Royal? Oh, junger Herr, das sind noch zwei, drei Stunden zu Pferde, wenn die Straße gut ist. So, wie's da draußen wettert, schätz ich mal, dass es wohl doppelt so lange braucht. Und gleich ist's dunkel. Da würde ich Jack One Eye oder einem roten Wilden nicht ohne Fackel und Muskete begegnen wollen.« Shawcombe sah wieder den älteren Reisenden an. »Also werdet Ihr wohl hier übernachten?«

»Natürlich.« Woodward begann, seinen schweren Mantel aufzuknöpfen. »Wir wären dumm, in der Dunkelheit weiterzufahren.«

»Ich schätze mal, Ihr habt Gepäck, das hereingebracht werden muss?« Shawcombes Lächeln verschwand, als er den Kopf drehte. »Abner! Beweg deinen Arsch und hol ihnen die Sachen! Mädel, du hilfst!«

Das Mädchen hatte bewegungslos mit dem Rücken an die Wand gelehnt dagestanden, den Blick auf den Boden gerichtet und die bloßen Arme über der Brust gekreuzt. Sie gab keinen Ton von sich, ging aber auf Shawcombes Aufforderung hin zur Tür. Ihre Füße und Beine waren in kniehohe Hirschlederstiefel gekleidet. »Bei dem Wetter scheucht man nicht mal ein Schwein vor die Tür!«, beschwerte sich Abner und blieb sitzen.

»Stimmt, aber für einen alten Eber wie dich ist es genau richtig!«, gab Shawcombe zurück. Sein Blick war wieder stechend wie ein Dolch. »Steh auf und hol die Sachen!« Abner brummelte etwas in seinen Bart, hievte sich auf die Füße und hinkte dem Mädchen hinterher, als litten seine Beine unter einer schweren Verkrüppelung.

Matthew hatte Shawcombe fragen wollen, wer ›Jack One Eye‹ war, aber ihm war der Gedanke zuwider, dass sich das Mädchen und der alte Mann – vor allem das Mädchen – mit den schweren Koffern abschleppen mussten. »Ich sollte mit anfassen.« Er bewegte sich auf die Tür zu, doch Shawcombe packte ihn am Arm.

»Das ist unnötig. Die beiden Weichlinge werden faul, wenn sie immer nur rumsitzen. Die sollen für ihr Essen was tun.«

Matthew hielt inne und sah dem anderen in die Augen. Er entdeckte etwas darin – Dummheit, Engstirnigkeit, vielleicht reine Grausamkeit –, das ihn anwiderte. Er hatte Männer wie diesen schon oftmals gesehen, und er wusste, dass es sich um einen Tyrannen handelte, der seine Macht über Menschen genoss, die körperlich oder geistig unterlegen waren. Außerdem entdeckte er ein Funkeln von etwas, dass das Begreifen seiner Wahrnehmung sein mochte – was bedeutete, dass Shawcombe vielleicht intelligenter war, als Matthew angenommen hatte. Shawcombe grinste leicht mit verzogenem Mund. Langsam aber bestimmt begann Matthew, seinen Arm dem Griff des Wirts zu entziehen. Shawcombe grinste immer noch, wollte aber nicht loslassen. »Ich habe gesagt«, wiederholte Matthew, »dass ich mit anfassen sollte.«

Shawcombe ließ nicht los. Immerhin bemerkte Woodward endlich, der sich den Mantel ausgezogen hatte, dass sich vor ihm ein kleines Drama abspielte. »Ja«, meinte er. »Ich glaube, dass sie Hilfe mit den Koffern benötigen werden.«

»Wie Ihr meint, Sir.« Sofort ließ Shawcombes Hand den Arm des jungen Mannes los. »Ich würd' ja selber gehen, aber mein Rücken ist hin. Früher hab ich die schweren Strohballen im Hafen an der Thames geschleppt, aber das kann ich ni…«

Matthew grummelte und wandte sich um. Er ging zur Tür hinaus in das letzte blaue Licht der Abenddämmerung und die gesegnete frische Luft. Der alte Mann hatte sich Woodwards Perückenschachtel gegriffen, während das Mädchen hinter dem Wagen versuchte, sich einen der Schrankkoffer auf den Rücken zu laden. »Warte«, rief Matthew und eilte durch den Matsch auf sie zu. »Lass mich helfen.« Er packte einen der Ledergriffe, und im gleichen Moment huschte das Mädchen von ihm weg, als habe er Lepra. Ihr Ende des Schrankkoffers krachte in den Matsch. Sie stand mit hochgezogenen Schultern im Regen, ihr strähniges Haar hing ihr ins Gesicht.

»Ha!«, gluckste Abner. Im klaren Dämmerlicht sah seine Haut so stumpfgrau aus wie nasses Pergament. »Nutzlos ist das, mit der zu reden – sie sagt nichts. Zu niemand. Die ist reif fürs Tollhaus. Ist, was sie ist.«

»Wie heißt sie?«

Abners schorfige Stirn runzelte sich. »Mädel«, antwortete er. Er lachte, als sei die Frage die dümmste gewesen, die ein Mensch je gestellt hatte, und trug die Perückenschachtel ins Haus.

Matthew betrachtete das Mädchen eine Weile. Sie fing an, in der Kälte zu zittern, gab jedoch keinen Ton von sich und hob auch nicht den Blick, der starr auf den Matsch zwischen ihnen gerichtet war. Wenn er Abner nicht zum Anpacken bewegen konnte, würde Matthew den Schrankkoffer – und auch den zweiten – allein tragen müssen. Er sah zu den Baumkronen empor. Der Regen, der nun stärker fiel, prasselte ihm ins Gesicht. Es war müßig, hier zu stehen, mit den Füßen im Schlamm, und sich über seine Stellung in der Welt zu beklagen; es war ihm bereits schlechter ergangen und konnte es auch eines Tages wieder. Und was das Mädchen anbelangte, wer kannte schon ihre Geschichte? Wen kümmerte es überhaupt? Niemanden. Warum also sollte er sich dann Gedanken machen? Er begann, den Schrankkoffer durch den Schlamm zu zerren, hielt jedoch inne, bevor er die Veranda erreichte.

»Geh hinein«, sagte er zu dem Mädchen. »Ich bringe den Rest.«

Sie bewegte sich nicht. Er vermutete, dass sie dort verharren würde, bis Shawcombes Stimme auf sie einpeitschte.

Es ging ihn nichts an. Matthew hievte den Koffer auf die Veranda, doch bevor er ihn zur Türschwelle zerrte, warf er wieder einen Blick auf das Mädchen und sah, dass sie ihren Kopf in den Nacken gelegt, die Arme ausgestreckt, die Augen geschlossen und den Mund geöffnet hatte, um den Regen zu fangen. Ihm kam der Gedanke, dass sie sich vielleicht auf diese verrückte Art Shawcombes Geruch von der Haut wusch.

Kapitel 2

»Äußerst unangenehm«, sagte Isaac Woodward kurz nachdem Matthew unter das Bett mit der Strohmatratze geschaut und entdeckt hatte, dass es keinen Nachttopf gab. »Sicherlich nur ein Versehen.«

Bestürzt schüttelte Matthew den Kopf. »Ich dachte, wir würden ein anständiges Zimmer bekommen. Aber selbst die Scheune wäre besser gewesen.«

»Von einer Nacht in dieser Unterkunft werden wir nicht sterben.« Woodward deutete mit dem Kinn auf das mit einem Brett verschlossene Fenster, gegen das der Platzregen prasselte. »Ich möchte behaupten, dass wir umkommen würden, wenn wir in diesem Wetter weiterfahren müssten. Sei also dankbar, Matthew.« Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Kleidung zu, die er zum Abendessen anlegen wollte. Er hatte seinen Koffer geöffnet und sorgfältig ein sauberes weißes Leinenhemd, frische Strümpfe und ein Paar graue Kniebundhosen auf das Bett gelegt. Auch Matthews Koffer stand offen und ein sauberer Satz Kleidung lag bereit. Woodward bestand darauf, dass sie sich zum Essen wie zivilisierte Menschen kleideten; egal, wo sie sich unter welchen Bedingungen befanden. Oft kam es Matthew sinnlos vor, sich wie ein Kardinal herauszuputzen, nur um dann eine Armenspeise zu vertilgen. Doch er begriff, dass es für Woodward von unverzichtbarer Wichtigkeit war, da er sich sonst nicht wohlfühlte.

Woodward hatte den Perückenständer aus seinem Schrankkoffer geholt und ihn auf den kleinen Tisch gestellt, der mit dem Bett und einem Kieferholzstuhl die gesamte Einrichtung der Kammer darstellte. Woodward hatte eine seiner drei Perücken daraufgesetzt: Eine recht passabel braun gefärbte mit kleinen Löckchen, die bis in Schulterhöhe fielen. Im rauchigen Schummerlicht, das von der am Wandhaken über dem Tisch hängenden Laterne ausging, betrachtete Woodward sein kahles Haupt in einem mit Silber eingefassten Handspiegel, der mit ihm aus England gekommen war. Sein weißer Skalp war von einem Dutzend oder mehr rötlicher Altersflecken gesprenkelt – ein durch und durch widerwärtiger Anblick, wie er fand. Um die Ohren herum trug er einen dünnen grauen Haarkranz. In seiner weißen Unterwäsche dastehend musterte er die Flecke. Sein dicker Bauch hing über den stramm gezogenen Hosenbund und unten stachen seine Beine aus der Hose bleich und dünn wie die eines Reihers hervor. Er seufzte leise. »Die Zeit meint es alles andere als gut«, sagte er. »Jedes Mal, wenn ich in diesen Spiegel schaue, finde ich etwas Neues zu lamentieren. Behüte deine Jugend, Matthew. Sie ist ein kostbares Gut.«

»Ja, Sir.« Die Worte klangen fast ausdruckslos. Da Woodward oft in poetischem Ton Reden über die Leiden des Alterns hielt, war es für den Jüngeren kein neues Gesprächsthema. Matthew zog sich ein frisches weißes Hemd an.

»Einst war ich ein stattlicher Mann«, fuhr Woodward fort. »Wirklich.« Er hielt den Spiegel anders und betrachtete die Altersflecken. »Gutaussehend und eitel. Jetzt bin ich wohl nur noch eitel.« Er verengte die Augen. Es waren mehr Flecken, als er das letzte Mal gezählt hatte. Ja, er war ganz sicher. Noch mehr Mahnungen, dass er sterblich war, dass ihm seine Zeit auf dieser Erde davonrann wie Wasser aus einem löcherigen Eimer. Abrupt steckte er den Spiegel weg.

»Ich rede zu viel, nicht wahr?«, fragte er und blickte mit dem Hauch eines Lächelns zu Matthew hinüber. »Nein, darauf brauche ich keine Antwort. Heute Abend soll es keine Selbstvorwürfe geben. Oh weh! Mein armer Stolz!« Er langte in seinen Koffer und holte langsam eine Weste heraus; eine, die alles andere als gewöhnlich war. Sie hatte die dunkelbraune Farbe guter französischer Schokolade und das feinste schwarze Seidenfutter. Dünne eingewobene Goldfäden dekorierten die Weste und glitzerten im Schummerlicht, als Woodward sie bewundernd in den Händen hielt. Die zwei kleinen, diskreten Taschen waren ebenfalls mit Goldfäden eingefasst, und die fünf Westenknöpfe bestanden aus reinem Elfenbein – nach all den Jahren des Tragens waren sie mittlerweile recht vergilbt, aber eben doch aus Elfenbein. Es war ein prächtiges Kleidungsstück, ein Relikt aus Woodwards Vergangenheit. Mehrmals war er in Armut geraten, sodass die Speisekammer kahl und seine Geldbörse noch leerer war, aber obwohl ihm die Weste auf dem Markt von Charles Town eine hübsche Summe einbringen würde, hatte er niemals in Betracht gezogen, sie zu verkaufen. Denn sie war ein Verbindungsstück zu seinem Leben als bemittelter Gentleman. Oft hatte er sie sich beim Einschlafen über die Brust gelegt, als könne sie ihm Träume von den glücklicheren Zeiten in London bescheren.

Über ihnen krachte der Donner. Matthew sah, dass sich in der Ecke ein Loch gebildet hatte: Wasser rann die rohen Baumstämme hinunter und sammelte sich auf dem Boden zu einer Pfütze. Ihm war im Zimmer auch eine Menge Rattendreck aufgefallen. Er nahm an, dass die Nager hier vielleicht noch größer als ihre städtischen Verwandten sein mochten, und beschloss, Shawcombe um eine weitere Kerze zu bitten – wenn er überhaupt schlafen würde, dann nur im Sitzen neben der Laterne.

Während Matthew sich ein Paar dunkelblaue Beinkleider und eine schwarze Jacke anzog, legte Woodward die Strümpfe, die am Bauch sehr eng sitzenden grauen Kniehosen und sein weißes Hemd an. Er stieg in seine Stiefel, von denen so viel Lehm wie möglich abgeschabt worden war, zog dann seine geschätzte Weste an und knöpfte sie zu. Als Nächstes kam die Perücke, die er mithilfe des Handspiegels geraderückte. Woodward kontrollierte, ob noch Barthaare zu sehen waren. Er hatte sich an einer Schüssel Regenwasser rasiert, die Shawcombe ihnen zum Waschen gebracht hatte. Zu guter Letzt zog er sich eine beigefarbene Jacke über, ein zwar recht zerknittertes, aber bewährtes Stück Reisekleidung. Matthew bürstete sich die wild abstehenden, kurz geschnittenen schwarzen Haare, und dann waren die beiden Männer bereit, sich von ihrem Gastgeber empfangen zu lassen.

»Kommt und setzt Euch!«, rief Shawcombe, als Woodward und Matthew die Wirtsstube betraten. Der Qualm vom offenen Kamin schien jetzt noch stärker zu sein und roch säuerlich. Hier und da waren ein paar Kerzen aufgestellt, und Maude und das Mädchen machten sich an einem Topf zu schaffen, der an einem Haken über den roten Kohlen brodelte und dampfte. Shawcombe lief mit einem Krug Rum umher und winkte die Männer an einen Tisch. Seine Bewegungen ließen darauf schließen, dass der Rum seine Wirkung schon entfaltet hatte. Er blinzelte und pfiff zuerst leise, dann immer lauter. »Heiliger Herrgott im Königsarsch, ist das Gold, was Ihr da tragt?« Bevor Woodward einen Schritt zurücktreten konnte, war Shawcombes Hand schon hervorgeschossen und strich über die glitzernde Weste. »Oh, das ist ein schönes Stück Stoff! Maude, sieh dir das an! Der Herr trägt Gold, hast du so was schon mal gesehen?«

Die alte Frau, deren Gesicht unter ihren weißen Haaren im Feuerschein wie eine rissige Maske aus Lehm wirkte, warf einen Blick über ihre Schulter und gab ein Geräusch von sich, das verstümmeltes Englisch oder auch ein Keuchen sein konnte. Dann wandte sie sich wieder dem Topf zu, rührte und bellte das Mädchen mit Befehlen oder Flüchen an.

»Seht euch nur diese zwei Vögel an!«, sagte Shawcombe mit breitem Grinsen zu den Frauen. Für Matthew sah sein Mund wie eine klaffende Schnittwunde aus. »Ein Goldvogel und ein schwarzer Vogel! Na, Ihr seid ja ein Spektakel!« Er zerrte einen Stuhl vom nächstbesten Tisch. »Kommt, setzt Euch und ruht Eure Federn aus!«

Woodward, der in seiner Würde beleidigt wurde, zog sich selbst einen Stuhl hervor und ließ sich darauf so elegant nieder, wie ihm unter den Umständen möglich war. Matthew blieb stehen, sah Shawcombe ins Gesicht und sagte: »Einen Nachttopf.«

»Hä?« Das Grinsen hing noch immer schief in Shawcombes Gesicht.

»Einen Nachttopf«, wiederholte der junge Mann mit fester Stimme. »Unsere Kammer hat keinen.«

»Einen Nachttopf.« Shawcombe nahm einen Schluck aus dem Krug. Ein Rinnsal Rum tropfte von seinem Kinn. Das Grinsen war wie weggewischt und seine Pupillen zu schwarzen Nadelköpfen geschrumpft. »Einen gottverdammten Nachttopf, ja? Na, was glaubt Ihr wohl, wozu die Wälder da sind? Wenn Ihr pissen oder scheißen wollt, dann geht da raus. Wischt Euch die Ärsche mit Blättern ab. Und jetzt setzt Euch hin, Euer Essen ist gleich fertig.«

Matthew blieb stehen. Sein Herz schlug immer schneller. Er konnte die blanke Spannung zwischen ihnen in der Luft spüren, und sie war genauso ekelhaft wie der Rauch des Feuers. Die Venen an Shawcombes speckigem Nacken quollen blutgefüllt hervor. Sein Gesicht hatte einen trotzigen, ungehobelten Ausdruck angenommen, der Matthew Lust einflößte, ihn zu schlagen – und wenn er zuschlug, würde er es mit dreifach stärkerer Gewalt heimgezahlt bekommen. Die Sekunden dehnten sich. Shawcombe wartete auf Matthews Reaktion.

»Na, na«, sagte Woodward leise. Er fasste Matthew am Ärmel. »Setz dich.«

»Ich denke, dass uns ein Nachttopf zusteht«, beharrte Matthew, der dem Wirt noch immer in die Augen starrte. »Zumindest ein Eimer.«

»Mein junger Herr!« Shawcombes Stimme triefte nur so vor falscher Schmeichelei. »Ihr müsst begreifen, wo Ihr seid. Das hier ist kein Königspalast, und Ihr seid hier nicht in einem zivilisierten Land. Vielleicht hockt Ihr Euch in Charles Town auf einen protzigen Nachttopf, aber wir hier gehen hinter die Scheune und damit hat sich's. Und Ihr wollt ja wohl auch nicht, dass das Mädchen das sauber machen muss, oder?« Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Das wär ja nun nicht grade fein.«

Matthew antwortete nicht. Woodward, der wusste, dass sich dieser Streit nicht lohnte, zupfte ihn am Ärmel. »Wir werden uns schon arrangieren, Mr. Shawcombe«, sagte er, und Matthew gab widerwillig nach und setzte sich. »Auf was für eine gute Speise dürfen wir uns denn diesen Abend freuen?«

Krach! Ein Geräusch wie ein Pistolenschuss ließ beide Männer auf ihren Stühlen zusammenzucken. Sie schauten zum Kamin, dem Ursprung des Knalls, und sahen, dass die alte Frau einen schweren Holzschlegel in der Hand hielt. »Ich häbb een Großn plattemacht!«, krächzte sie und hob stolz die andere Hand, von der zwei Finger den langen Schwanz einer großen schwarzen Ratte umklammerten, die trotz ihres zertrümmerten Schädels noch in den Todeszuckungen lag.

»Na, schmeiß das Ding weg!«, sagte Shawcombe. Sowohl Woodward als auch Matthew erwarteten, dass sie die Ratte in den Topf werfen würde, doch sie schlurfte zu einem Fenster, machte den Fensterladen auf, und dann musste der Nager draußen in der stürmischen Nacht aus dem Leben scheiden.

Die Tür ging auf. Eine nasse Ratte der anderen Art kam unter einem Schwall von Flüchen herein. Onkel Abner war bis auf die Haut durchweicht, seine Kleider und der weiße Bart tropften, die Stiefel waren lehmverschmiert. »Das Ende der gottverdammten Welt isses, das is, was es is!«, verkündete er, als er die Tür zuknallte und verriegelte. »Gleich wird's uns wegfluten!«

»Hast du die Pferde gefüttert und getränkt?« Shawcombe hatte Abner befohlen, die Pferde und den Wagen der Reisenden in der Scheune unterzustellen und sich auch um die drei Klepper mit den Senkrücken zu kümmern.

»Na, werd' ich wohl.«

»Hast du sie alle reingebracht? Ich tret' dir in den Arsch, wenn du die Klepper wieder draußen im Regen stehengelassen hast.«

»Die sind in der scheiß Scheune! Leck mich doch. Immer diese ewigen Fragen.«

»Pass auf, was du sagst, sonst stopf ich dir das Maul! Beweg dich und bring den Herren Rum.«

»Ich mach überhaupt nichts mehr!«, schrie der alte Mann. »Ich bin so nass, dass mir gleich die Haut wegschwimmt!«

»Mir wäre Bier lieber«, sagte Woodward, der sich daran erinnerte, wie sein erster Schluck von Shawcombes Rum ihm fast die Zunge in Brand gesetzt hatte. »Oder Tee, falls der zu haben ist.«

»Für mich auch«, meldete sich Matthew zu Wort.

»Du hast die Herren gehört!«, brüllte Shawcombe seinen unglücklichen Onkel an. »Geh und hol Bier! Das Beste, das wir haben! Beweg deinen Arsch, hab ich gesagt!« Er machte zwei drohende Schritte auf den Alten zu, hob seinen Krug Rum, als wollte er ihn Abner auf den Schädel stellen, und verschüttete dabei etwas der übel riechenden Flüssigkeit über seine Gäste. Matthew warf Woodward einen finsteren Blick zu, aber der schüttelte angesichts der Komödie, die sich vor ihnen abspielte, nur den Kopf. Abners durchnässte Widerstandskraft kapitulierte vor dem Zorn seines Neffen, und er huschte in die Speisekammer, aber nicht, bevor er einen üblen, fast geschluchzten Fluch von sich gegeben hatte.

»Manche Leute verstehen nicht, wer in diesem Haus das Sagen hat!« Shawcombe zog einen Stuhl heran und setzte sich uneingeladen zu ihnen an den Tisch. »Ihr solltet mich bedauern, meine Herren! Wo ich auch hinsehe, fällt mein Blick nur auf Idioten!«

Und seine Augen sind auch die eines Idioten, dachte Matthew.

Woodward rutschte auf seinem Stuhl umher. »Ich bin mir sicher, dass es nicht einfach ist, ein Wirtshaus zu führen.«

»Jawohl, so wahr mir Gott helfe! Ein paar Reisende kommen hier durch, aber nicht viele. Ein bisschen Handel kann ich mit Trappern und den Rothäuten betreiben. Wobei ich auch erst seit drei, vier Monaten hier bin.«

»Habt Ihr das alles selbst gebaut?«, fragte Matthew. Ihm fielen ein halbes Dutzend Stellen auf, an denen Wasser aus dem schiefen Dach tropfte.

»Ja. Jeden einzelnen Stamm, jedes Brett. Alles.«

»Euer schlimmer Rücken hat Euch erlaubt, all die Baumstämme zu fällen und hierher zu ziehen?«

»Mein schlimmer Rücken?« Shawcombe runzelte die Stirn. »Wovon redet Ihr?«

»Von Eurem schlimmen Rücken, den Ihr Euch beim Heben von schweren Strohballen verletzt habt. Sagtet Ihr nicht, dass Ihr an der Thames gearbeitet habt? Ich dachte, aufgrund dieser Verletzung könnt Ihr nichts tragen, wie zum Beispiel … oh, einen oder zwei Koffer.«

Shawcombes Gesicht gefror. Mehrere Sekunden vergingen, dann schnellte seine Zunge aus dem Mund hervor und leckte über seine Unterlippe. Er lächelte, doch es war ein hartes Lächeln. »Ach ja«, sagte er langsam. »Mein Rücken. Na … ich habe einen Geschäftspartner gehabt. Der hat gesägt und geschleppt. Wir haben auch ein paar Rothäute angeheuert, sie mit Glasperlen bezahlt. Was ich gemeint hatte, war … dass mein Rücken mehr weh tut, wenn es regnet. An anderen Tagen hab ich keine Schmerzen.«

»Was ist aus Eurem Geschäftspartner geworden?«, fragte Woodward.

»Der ist krank geworden«, kam die schnelle Antwort. Sein Blick war noch immer auf Matthew gerichtet. »Hatte Fieber. Der arme Kerl musste aufgeben und nach Charles Town zurück.«

»Er ist nicht nach Fount Royal gegangen?«, hakte Matthew nach. Sein Bluthundinstinkt hatte ihn wachsam gemacht: Hier roch es eindeutig nach Hinterlistigkeit. »In Fount Royal gibt es doch einen Arzt, oder?«

»Davon weiß ich nichts. Ihr habt gefragt, ich antworte. Er ist nach Charles Town zurückgegangen.«

»Hier! Trinkt, bis Euch die Bäuche platzen!« Zwei bis obenhin gefüllte Holzkrüge wurden in der Mitte des Tisches niedergeknallt, und dann zog sich Abner, der noch immer vor sich hin brummte und fluchte, zum Trocknen ans Feuer zurück.

»Es ist ein hartes Land«, sagte Woodward, um die Spannung zwischen den beiden anderen Männern zu brechen. Er nahm sich einen Krug und entdeckte zu seinem Kummer, dass auf der Oberfläche des Getränks ein öliger Film schwamm.

»Es ist eine harte Welt«, korrigierte Shawcombe und löste erst jetzt seinen Blick von Matthew. »Trinkt, meine Herren«, sagte er und ließ sich den Rum in die Kehle rinnen.

Sowohl Woodward als auch Matthew waren vorsichtig genug, zuerst nur an ihrem Gebräu zu nippen – und waren gleich darauf froh, nicht wagemutiger gewesen zu sein. Das Bier, das dem Geschmack nach wohl aus fermentierten sauren Äpfeln gebraut worden war, erwies sich als so stark, dass sich ihnen Mund und Kehle zusammenzogen. Matthew tränten die Augen und Woodward hätte schwören können, dass ihm Schweißtropfen durch die Perücke quollen. Dennoch brachten sie jeder einen Schluck herunter.

»Das Bier krieg ich von den Indianern.« Shawcombe wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. »Die haben ein Wort dafür, das Schlangenbiss bedeutet.«

»Ich fühle mich auch, als wäre ich gebissen worden«, sagte Woodward.

»Der zweite Schluck ist nicht mehr so schlimm. Wenn Ihr erst mal die Hälfte runter habt, werdet Ihr Euch entweder wie ein Löwe oder wie ein Lamm fühlen.« Shawcombe nahm einen weiteren Schluck und ließ den Alkohol in seinem Mund umherschwappen. Er legte die Füße auf den Tisch neben ihnen und lehnte sich im Stuhl zurück. »Wenn Euch die Frage nicht stört – was wollt Ihr denn in Fount Royal?«

»Es geht um eine rechtliche Angelegenheit«, antwortete Woodward. »Ich bin ein Richter.«

»Ahaaaa.« Shawcombe nickte, als verstünde er alles. »Tragt Ihr beide Richterroben?«

»Nein, Matthew ist mein Gerichtsdiener.«

»Es hat bestimmt was mit dem Ärger dort zu tun, hab ich recht?«

»Es handelt sich um eine ärgerliche Angelegenheit, ja«, sagte Woodward, ohne zu wissen, inwieweit dieser Mann über die Geschehnisse in Fount Royal informiert war, und unwillig, ihm Auskünfte zu geben, durch die Shawcombe für andere Reisende Tratsch erfinden konnte.

»Oh, ich weiß Bescheid«, meinte Shawcombe. »Ist ja kein Geheimnis. Die letzten zwei Monate sind die Postreiter hier durchgekommen, und die haben's mir erzählt. Sagt mir nur, werdet Ihr sie hängen, auf den Scheiterhaufen bringen oder ihr den Kopf abschlagen?«

»Erstens müssen die Beschuldigungen gegen sie bewiesen werden. Zweitens fällt das Hinrichten nicht in meine Zuständigkeit.«

»Aber Ihr werdet sie verurteilen, oder? Sagt schon! Wie wird das Urteil lauten?«

Woodward gelangte zu der Einsicht, dass er den Wirt nur von diesem Thema abbringen konnte, indem er zuerst weiter darüber redete. »Falls sie für schuldig befunden wird, steht darauf der Galgen.«

»Pah!« Shawcombe wedelte unzufrieden mit der Hand. »Wenn ich das entscheiden könnte, würde ich ihr den Kopf abschlagen und sie außerdem verbrennen! Dann würde ich die Asche nehmen und ins Meer werfen! Salzwasser können die nämlich nicht ab, wisst Ihr.« Er wandte den Kopf in Richtung Kamin und brüllte: »Ihr beiden da! Wir warten aufs Essen!«

Maude zischte ihm etwas zu. Er schrie: »Na, dann mach schon!« Ein weiterer Schluck Rum verschwand in seiner Kehle. »Also«, sagte er zu seinen schweigenden Gästen, »so seh ich das: Die sollten Fount Royal verlassen, alles in Brand setzen und wegziehen. Wenn der Teufel sich erst mal wo eingenistet hat, dann gibt's keine Hilfe außer dem Feuer. Ihr könnt sie hängen oder was auch immer, aber der Teufel hat jetzt seine Saat in Fount Royal gesät, und da gibt's nichts zu retten.«

»Das halte ich für eine extreme Sichtweise«, entgegnete Woodward. »In anderen Orten gab es ähnliche Schwierigkeiten, und nachdem das Ärgernis beseitigt wurde, konnten die Städte überleben und aufblühen.«

»Na, ich würde nicht in Fount Royal leben wollen, und auch sonst nirgends, wo der Teufel umherspaziert, als sei er da zuhause! Das Leben ist so schon hart genug. Ich will nicht verflucht werden, während ich im Bett liege und schlafe!« Er grunzte, um seine Meinung zu betonen. »Tja, Sir, Ihr redet zwar hübsch daher, aber ich wette, dass Ihr nicht in eine Gasse gehen wollt, wo nachts der Beelzebub wartet! Mein Rat an Euch, Sir, auch wenn ich nur ein einfacher Wirt bin: Hackt der Teufelshure den Kopf ab und befehlt, die ganze Stadt in Grund und Boden zu brennen.«

»Ich will nicht so tun, als könnte ich alle Mysterien durchschauen, seien es nun heilige oder gotteslästerliche, und wüsste Antwort darauf«, sagte der Richter in gleichmütigem Tonfall. »Aber ich weiß, dass die Verhältnisse in Fount Royal prekär sind.«

»Und auch gottverdammt gefährlich.« Shawcombe wollte noch etwas sagen, aber aus seinem Mund kamen keine Worte mehr. Für Woodward und Matthew war es offensichtlich, dass seine durch den Alkohol wandernde Aufmerksamkeit von den Geschehnissen in Fount Royal abgelenkt worden war. Er bewunderte wieder die golddurchwirkte Weste. »Das ist aber auch ein schönes Stück«, sagte er und wagte es erneut, mit seinen schmierigen Fingern über den Stoff zu fahren. »Wo habt Ihr es her? Aus New York?«

»Es ist … ein Geschenk von meiner Frau. Aus London.«

»Ich war mal verheiratet. Und einmal hat gereicht.« Er gab ein schroffes, humorloses Lachen von sich. Zu Woodwards Verdruss streichelte er weiter über das Material. »Eure Frau ist in Charles Town?«

»Nein.« Woodwards Stimme klang belegt. »Meine Frau … ist in London geblieben.«

»Meine liegt auf dem Grund des verdammten Atlantiks. Sie ist bei der Überfahrt gestorben, hat sich zu Tode geschissen. Sie haben sie in ein Laken gerollt und über die Reling gehievt. So eine Weste … was meint Ihr, wie viel so eine wohl wert ist?«

»Mehr, als ein Mann zahlen sollte«, sagte Woodward und rückte dann seinen Stuhl betont einige Zentimeter von Shawcombe weg. Die Finger des Wirts griffen ins Leere.

»Platz jetzt! Passen's auf'e Ellbogen auf da!« Maude knallte zwei mit einem dunkelbraunen Eintopf gefüllte Holzschalen vor Shawcombe und dem Richter nieder. Matthews Schale wurde von dem Mädchen gebracht, das sie vor ihn hinstellte und sich dann schnell umdrehte, um wieder ans Feuer zu flüchten. Dabei berührte ihre Kleidung Matthew am Arm, und der durch ihre Bewegung verursachte Luftzug wehte ihm einen starken Geruch vor die Nase: Den Geruch eines ungewaschenen Körpers, aber noch etwas anderes, das diesen übertönte. Es war ein moschusartiger und süßsaurer Geruch von bezwingender Schärfe. Die Erkenntnis, dass es das Aroma ihrer intimsten Stelle war, traf ihn wie eine Faust vor die Brust.

Shawcombe atmete heiser ein. Er warf einen Blick auf Matthew, dessen Augen groß geworden waren und der noch immer dem Mädchen nachschaute. »He«, fuhr Shawcombe ihn an. »Was guckt Ihr so?«

»Nichts.« Matthew senkte den Blick auf die Schale mit dem Eintopf.

»Na klar.«

Das Mädchen kam wieder und brachte ihnen die Holzlöffel. Wieder berührte ihr Kleid seinen Arm, und er zuckte zurück, als hätte ihn eine Hornisse in den Ellbogen gestochen. Der Geruch trieb ihm in die Nase. Sein Herz hämmerte in seiner Brust. Er nahm den Löffel und merkte, wie feucht seine Handfläche war. Dann spürte er, dass Shawcombe ihn musterte.

Die Augen des Wirts glitzerten im Kerzenlicht. Er leckte sich die Lippen, bevor er sprach. »Die ist nicht übel, findet Ihr nicht?«

»Bitte?«

Shawcombe grinste leicht; es war ein gemeines und spöttisches Lächeln. »Nicht übel«, wiederholte er. »Wollt Ihr Euch ihren Austernkorb mal angucken?«

»Mr. Shawcombe!« Woodward begriff, worum es ging, und fand es ganz und gar unakzeptabel. »Wenn wir jetzt bitte …«

»Na, Ihr könnt beide Spaß mit ihr haben, wenn Ihr wollt. Kostet für Euch zusammen nur einen Guinea.«

»Niemals!« Woodwards Wangen brannten. »Ich sagte bereits, dass ich ein verheirateter Mann bin!«

»Schon, aber die Frau ist in London, nicht? Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass Ihr Euch ihren Namen auf den Schwanz tätowiert habt?«

Wenn es draußen nicht so gestürmt hätte, die Pferde nicht in der Scheune gestanden und es eine andere Unterkunft gegeben hätte, wäre Woodward vielleicht mit aller Würde aufgesprungen, der er Herr war, und hätte sich von diesem widerwärtigen Rüpel verabschiedet. Am liebsten hätte er Shawcombe mitten ins lüsterne Gesicht geschlagen. Aber er war ein Gentleman, und Gentlemen taten so etwas nicht. Stattdessen bezwang er seine Wut und seinen Abscheu, und sagte knapp: »Sir, ich bin meiner Frau treu. Ich würde es schätzen, wenn diese Tatsache akzeptiert werden kann.«

Shawcombes Antwort war, auf den Boden zu spucken. Seine Aufmerksamkeit war wieder ganz auf den jüngeren Mann gerichtet. »Na, und wie steht's mit Euch? Wollt Ihr gern ran? Für zehn Shilling?«

»Ich … ich wollte sagen …« Matthew sah Woodward hilfesuchend an, denn er wusste nicht, was er eigentlich hatte sagen wollen.

»Sir«, sagte Woodward. »Es ist eine unangenehme Situation für uns. Dieser junge Mann … hat den Großteil seines Lebens in einem Waisenhaus verbracht. Daher …« Er runzelte die Stirn und überlegte, wie er es am besten sagen konnte. »Deshalb … sind seine Erfahrungen sehr begrenzt. Er ist noch nie in den Genuss …«

»Heilige Mutter Gottes!«, unterbrach Shawcombe ihn. »Ihr wollt sagen, dass ihm noch keine an den Schwanz gegangen ist?«

»Nun … wie ich sagte, seine Erfahrungen haben ihn noch nicht …«

»Ach, jetzt redet doch nicht um den heißen Brei herum! Ihr wollt mir sagen, dass der immer noch nicht entjungfert ist?«

»Das ist im Grunde schon, was ich … damit meinte.«

Shawcombe pfiff erstaunt, und unter seinem Blick lief Matthew blutrot an. »Na, so einen hab ich ja noch nie gesehen! Gott verdamm mich, wenn mir so was schon mal zu Ohren gekommen ist! Wie alt seid Ihr?«

»Ich bin … zwanzig Jahre alt«, brachte Matthew heraus. Sein Gesicht brannte.

»Zwanzig Jahre alt und noch nie gerammelt? Wie könnt Ihr überhaupt noch Luft holen, ohne dass Euch die Eier platzen?«

»Wenn ich kurz fragen dürfte, wie alt das Mädchen ist«, warf Woodward ein. »Sie ist noch keine fünfzehn, oder?«

»Welches Jahr haben wir?«, fragte Shawcombe.

»1699.«

Shawcombe begann, an den Fingern abzuzählen. Maude brachte ein mit dicken braunen Kornbrotscheiben beladenes Brett an den Tisch und hastete sofort wieder davon. Der Wirt hatte offenbar Schwierigkeiten mit seiner Fingerarithmetik, ließ die Hand fallen und grinste Woodward an. »Egal, sie ist jedenfalls reif. Grad richtig, um gepflückt zu werden.«

Matthew griff nach dem Schlangenbiss und trank den Humpen fast aus.

»Wie dem auch sein mag«, erwiderte Woodward, »wir werden die Einladung beide ausschlagen.« Er nahm seinen Löffel und tauchte ihn in den wässerigen Eintopf.

»Eine Einladung war das nicht, sondern ein geschäftliches Angebot.« Shawcombe trank einen weiteren Schluck Rum und widmete sich dann auch seinem Essen. »Das Verrückteste, was ich je gehört hab!«, sagte er mit vollem Mund, aus dessen Winkeln die Suppe rann. »Als ich zwölf war, hab ich die Mädels schon durchgenommen!«

»Jack One Eye«, sagte Matthew. Das war etwas, wonach er hatte fragen wollen, und der jetzige Augenblick schien ebenso gut geeignet wie jeder andere zu sein, um Shawcombes Gedanken vom momentanen Thema ablenken.

»Was?«

»Ihr habt vorhin Jack One Eye erwähnt.« Matthew tunkte ein Stück Maisbrot in seinen Eintopf und aß. Das Brot schmeckte mehr nach verrußten Steinen als nach Mais, aber an der Suppe gab es nicht viel auszusetzen. »Wen habt Ihr damit gemeint?«

»Das wildeste aller Tiere.« Shawcombe nahm seine Schale in die Hand und schlürfte. »Steht sieben bis acht Fuß hoch und ist so schwarz wie die Haare am Arsch des Teufels. Der Pfeil einer Rothaut hat ihm eins seiner Augen weggeschossen, aber ein einziger Pfeil hält ihn nicht auf. Nein, Sir! Es heißt, das hat ihn nur noch böser gemacht. Und hungriger. Der würde Euch mit einer Pranke das Gesicht vom Schädel reißen und Euer Hirn zum Frühstück fressen.«

»Jack One Eye ist 'n gottverdammter Bär!«, meldete sich Abner in seinen dampfenden Kleidern am Kamin zu Wort. »Und zwar 'n großer! Größer als 'n Pferd! Größer als die Faust Gottes ist er!«

»Des is keen Pär.«

Shawcombe warf der Verkünderin dieser letzten Worte einen Blick zu. Auf seinem bartstoppeligen Kinn glitzerte Suppe. »Hä? Was sagst's?«

»Sach, des is keen Pär.« Maude näherte sich, ihre Gestalt nur eine Silhouette vor dem Feuerschein. Ihre Stimme klang noch immer wie ein gequältes Husten, aber sie sprach so langsam und klar wie sie konnte. Sowohl Woodward als auch Matthew mutmaßten, dass ihr dieses Gesprächsthema aus irgendeinem Grund wichtig war.

»Natürlich ist das ein Bär!«, sagte Shawcombe. »Was soll er denn sonst sein, wenn nicht ein Bär?«

»Des is nich nua 'n Pär«, stellte sie richtig. »Ich hebb en g'sehn. Du nich. Ich wees, wassa is.«

»Die ist genauso weich im Kopf wie die andern«, meinte Shawcombe achselzuckend zu Woodward.

»Ich hebb 'n g'sehn«, wiederholte die alte Frau nachdrücklich. Sie hatte inzwischen den Tisch erreicht und stellte sich neben Matthew. Kerzenschein flackerte über ihr runzeliges Gesicht, doch ihre tief in den Höhlen versunkenen Augen blieben im Dunkeln. »Ich wa anne Tüa. Gleich da anne Tüa. Meen Joseph kam heem. Unsa Junge ooch. Ich hebb se g'sehn, wie se ausm Walt komme, übas Felt. Hatte 'nen Hirsch zwische sich hänge. Ich hebb de Latärn hochgehobbe und hebb g'rufe … und denn iss plötzlich dies Ding zwische dene g'wese! Des is eenfach hochkomme, von nirjewo.« Sie hatte die rechte Hand gehoben und die dürren Finger um den Henkel einer Geisterlaterne gekrallt. »Ich hebb versuch, meen Mannes Name zu schreie … aba ich hebb nichts ausse Mund gekriegt«, sagte sie. Ihr Mund verspannte sich. »Ich hebb's versuch … aba Gott hat mir meen Stimme g'stole.«

»War wohl eher dieser miese Fusel, der sie dir gestohlen hat!«, gab Shawcombe mit einem rauen Lachen von sich.

Die alte Frau antwortete nicht. Sie schwieg. Regen hämmerte aufs Dach, und ein Scheit knallte in der Hitze des Feuers. Schließlich holte sie lange und holperig Luft, ein Geräusch, in dem eine furchtbare Traurigkeit und Resignation lagen. »Hat unsern Junge g'tötet, eh der Joseph sich hatte umdrehe könne«, sagte sie zu niemand bestimmten. Matthew hatte das Gefühl, dass sie ihn ansah, doch sicher war er sich nicht. »Des hat eem den Kopf abbehaun, mit eem Schlag von da Pranke. Denn isses üba meen Mann herg'falle … und da konnte man nichts mache. Ich bin hing'rannt, hebb de Latärn of es g'schmisse, aba der wa groß. Schrecklich groß. Der hat bloß de große schwatte Schultern g'schüttelt, und denn hatta den Hirsch weggeschleppt und mich da g'lasse mit dem, was übrich wa. Joseph wa vonne Kehle bis zum Bauch aufg'risse. Seen G'därm hing raus. War'n drei Tage, die er zum sterbe g'braucht hat.« Sie schüttelte den Kopf und Matthew konnte es in ihren Augenhöhlen feucht glitzern sehen.

»Himmel Herrgott!«, sagte Woodward. »Gab es denn keine Nachbarn, die zur Hilfe kamen?«

»Nachbahn?«, fragte sie ungläubig. »Da gibbes keene Nachbahn hier. Meen Jospeh wa een Trappa un hat mitte Indiana g'handelt. So lebe ma hier. Was ich sach is, des Jack One Eye nich bloß 'n Pär is. Alles, was in dies'n Land dunk'l is … alles, was grausam un bös is. Wenn ma denkt, der Mann un Sohn komme heem un man hebbt de Latärn und will ene zurufe. Dann springt des Ding hoch und plötzlich hebbt man nichts mehr. Des is, was Jack One Eye is.«

Weder Woodward noch Matthew wussten, was sie zu dieser elenden Geschichte sagen sollten, aber Shawcombe, der noch immer an seinem Eintopf schlürfte und sich Maisbrot in den Mund stopfte, hatte eine Antwort. »Au, Scheiße!«, schrie er auf und fasste sich ans Kinn. »Was ist in diesem gottverdammten Brot, du Weibsstück?« Er griff sich in den Mund, fühlte darin herum. Dann kamen seine Finger mit einem kleinen dunkelbraunen Etwas wieder zum Vorschein. »Hab mir fast meinen Zahn an dem verfluchten Ding ausgebrochen! Zur Hölle noch mal!« Ihm dämmerte etwas. »Das ist ein gottverdammter Zahn!«

»Muss wo meina seen«, sagte Maude. »Hatte heut Morge een paa lose.« Sie schnappte sich ihn aus seiner Hand und hatte ihnen schon wieder den Rücken zugewandt, bevor er noch etwas sagen konnte. Sie widmete sich wieder ihren Aufgaben an der Feuerstelle.

»Das verdammte alte Weib zerfällt in alle Teile!« Shawcombe sah ihr finster nach. Er nahm noch einen Schluck Rum, spülte ihn im Mund umher und wandte sich dann wieder seinem Abendessen zu.

Woodward blickte auf das Stück Maisbrot, das er in seine Schale mit dem Eintopf gelegt hatte. »Ich glaube, mir ist der Appetit vergangen.«

»Was? Ihr habt keinen Hunger mehr? Na kommt, gebt mir den Rest!« Shawcombe nahm sich die Schale des Richters und kippte den Inhalt in seine. Er hatte sich entschieden, die Hände statt des Löffels zu benutzen, und Suppe triefte ihm vom Mund auf sein Hemd. »He, Herr Gerichtsdiener!«, grunzte er, als Matthew unentschlossen dasaß und überlegte, ob er es riskieren sollte, auf einen verfaulten Zahn zu beißen oder nicht. »Wenn Ihr an das Mädchen wollt, zahle ich Euch zehn Pence, wenn ich zugucken kann. Das krieg ich schließlich nicht jeden Tag zu sehen – einen, der noch Jungfrau ist und zum ersten Mal in die Wolle sticht.«

»Sir?« Woodwards Stimme hatte an Schärfe zugenommen. »Ich habe Euch bereits gesagt, dass die Antwort Nein lautet.«

»Ihr nehmt Euch also heraus, für ihn zu sprechen? Was seid Ihr, sein gottverdammter Vater?«

»Nein, nicht sein Vater. Aber ich bin sein Vormund.«

»Wozu in aller Welt braucht ein zwanzig Jahre alter Mann einen gottverdammten Vormund?«

»Überall auf dieser Welt gibt es Wölfe, Mr. Shawcombe«, entgegnete Woodward mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ein junger Mann muss darauf achten, dass er nicht in ihre Gesellschaft gerät.«

»Lieber die Gesellschaft von Wölfen als das Jammern von Heiligen«, meinte Shawcombe. »Man wird vielleicht gefressen, aber zumindest stirbt man nicht an Langeweile.«

Die Vorstellung von Wölfen, die sich die Bäuche mit Menschenfleisch vollschlugen, brachte Matthew auf eine weitere Frage. Er schob seine Schale dem Wirt hin. »Vor zwei Wochen war ein Richter von Charles Town nach Fount Royal gereist. Er hieß Thymon Kingsbury. Hat er vielleicht hier Halt gemacht?«

»Nein, den hab ich nicht gesehen«, antwortete Shawcombe, ohne beim Essen innezuhalten.

»Er ist nie in Fount Royal angekommen«, fuhr Matthew fort. »Mir scheint, dass er hier Halt gemacht haben könnte, wenn …«

»Vermutlich ist er nicht so weit gekommen«, unterbrach Shawcombe. »Hat wahrscheinlich schon drei Meilen außerhalb von Charles Town von einem Straßenräuber eins über den Kopf gekriegt. Oder vielleicht hat Jack One Eye ihn erwischt. Wer hier draußen allein unterwegs ist, den trennt nur noch eine Haaresbreite von der Hölle.«

Matthew ließ sich diese Feststellung durch den Kopf gehen und horchte auf den prasselnden Regen. Wasser tropfte in den Raum und sammelte sich in Pfützen auf dem Boden. »Ich habe nicht gesagt, dass er allein war.«

Shawcombe mochte für einen Sekundenbruchteil zu kauen aufgehört haben. »Ihr habt nur den einen Namen gesagt, oder?«

»Ja. Aber seinen Diener hätte ich vielleicht nicht unbedingt erwähnt.«

»Mein Gott!« Shawcombe knallte die Schale auf den Tisch. In seinen Augen funkelte wieder die Wut. »War er nun allein oder nicht? Und was tut das zur Sache?«

»Er war allein«, sagte Matthew ruhig. »Sein Gerichtsdiener war den Abend zuvor erkrankt.« Er betrachtete die Kerzenflamme. Ein schwarzer Rauchfaden stieg von der orangefarbenen Lanze auf. »Aber ich denke nicht, dass das weiter wichtig ist.«

»Nein, ist es nicht.« Shawcombe warf Woodward schnell einen finsteren Blick zu. »Dem liegen immer lauter Fragen auf der Zunge, was?«

»Er ist ein an vielen Themen interessierter junger Mann«, entgegnete Woodward. »Und sehr intelligent ist er auch.«

»Aha.« Shawcombe sah wieder Matthew an, und Matthew überkam das eindeutige und äußerst unangenehme Gefühl, in den hässlichen Lauf einer gespannten und auf ihn gerichteten Donnerbüchse zu starren. »Passt besser auf, dass Euch niemand zum Schweigen bringt.« Shawcombe hielt seinen durchdringenden Blick noch für einige Sekunden auf ihn gerichtet und begann dann, über das Essen herzufallen, das Matthew weggeschoben hatte.

Als Shawcombe verkündete, dass Abner zu ihrer Unterhaltung seine Fiedel spielen würde, entschuldigten sich die beiden Reisenden vom Tisch. Woodward hatte sich die größte Mühe gegeben, seine natürlichen Körperfunktionen zu unterdrücken, doch jetzt protestierten seine Eingeweide. Er sah sich gezwungen, den Mantel überzuwerfen, eine Laterne zu nehmen und in den Sturm hinauszugehen.

Matthew, der beim Regengetrommel und einer einsamen rußigen Kerze allein in der Schlafkammer saß, hörte, wie Abners Fiedel zu kreischen begann. Es schien, als ob ihnen ein Ständchen zuteilwerden würde, ob sie nun wollten oder nicht. Als sei das nicht bereits übel genug, begann Shawcombe in ungleichmäßigem Gegentakt zu klatschen und zu rufen. In einer Ecke der Kammer huschte eine Ratte herum, von den unmusikalischen Tönen offenbar ebenso gestört wie Matthew.

Er setzte sich auf die Strohmatratze und fragte sich, wie er trotz seiner Erschöpfung von der Reise in dieser Nacht schlafen sollte. Mit Ratten im Zimmer und zwei anderen kreischenden Geschöpfen im Nebenraum würde es kein leichtes Unterfangen sein. Er beschloss, sich mathematische Textaufgaben zu stellen und zu lösen – natürlich auf Latein. Unter schwierigen Gegebenheiten half ihm das oftmals, sich zu entspannen.

Ich denke nicht, dass das weiter wichtig ist, hatte er Shawcombe geantwortet, als es darum ging, ob Richter Kingsbury allein gereist war. Und doch schien es Matthew wichtig zu sein. Allein zu reisen war ungewöhnlich und – wie Shawcombe korrekt festgestellt hatte – verwegen. Jedes Mal, wenn Matthew Richter Kingsbury begegnet war, hatte der Mann zu viel getrunken. Vielleicht hatte der Alkohol seinem Gehirn zugesetzt. Doch Shawcombe war sofort davon ausgegangen, dass Kingsbury ohne Begleitung unterwegs gewesen war. Er hatte nicht gefragt: War er allein?, oder: Wer ist mit ihm gereist? Nein, er hatte gesagt: Wer hier draußen allein unterwegs ist …