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Drei Frauen, ein Kind – und ein karger Landstrich an der Küste. Nach dem Krieg flieht Anna Margarete Schrader, Ende zwanzig, aus dem zerstörten München nach Schleswig-Holstein. Sie findet Zuflucht auf einem abgelegenen Hof an der Nordseeküste, den die Altbäuerin Ida mit ihrer Schwiegertochter Frauke bewirtschaftet. Zwischen den zwei Frauen herrscht ein stiller Kampf: Wer bestimmt auf dem Hof? Wer entscheidet über das Kind? Sie beide warten auf Paul – Idas Sohn, Fraukes Mann –, der noch in Kriegsgefangenschaft ist. Der Städterin begegnen sie distanziert. In wachsender Einsamkeit, verstärkt durch die karge nördliche Landschaft und die Kälte der Bäuerinnen, stellt Anna sich dem, was sie hinter sich gelassen hat. Nur Irene, die Tochter der Jungbäuerin, durchbricht ihre Stille. Das Kind sucht Kontakt und schließt sich Anna immer öfter an. Schließlich entwickeln sie eine gemeinsame Leidenschaft: Sie lesen Bücher aus der Husumer Städtischen Bücherei – über die Geheimnisse der Tiefsee und die abenteuerliche Welt der Meere. Allmählich gehen auch die Bäuerinnen auf den Hausgast zu, gemeinsam wirtschaften sie auf dem Hof, das Leben wird leichter. Doch dann stellt die Rückkehr Pauls die Frauen brutal auf die Probe. Krieg und Gefangenschaft haben ihn verändert. Seine Heimkehr bringt keine Erleichterung, sondern Kontrolle und Gewalt. Er verlangt Gehorsam. Von dem Kind, das ihn nicht kennt. Von den Frauen, die ihn nicht mehr brauchen. Es ist die Geschichte von Frauen. Eine Geschichte vom Aushalten und Aushandeln. Vom Weitergeben und Verschweigen. Von Schicksalsschlägen, Unterordnung und weiblicher Solidarität. Sie ringen um Würde, Nähe, Selbstbestimmung – und bleiben zugleich verstrickt im Ungesagten: in Trauer, Bitterkeit, Ohnmacht. -- Die Autorin Ami Tan (Das Kurtisanenhaus) sprach in einem Zeit-Interview einmal von der blinden Tragödie über die Generationen in ihrer Familie, durch die Schändung der Oma. In diesem Roman ist es erfahrene Ohnmacht, die die Frauen prägt. Durch die Begegnung der Bäuerinnen und der Städterin entsteht ein Raum, in dem Befreiung möglich erscheint.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2025
1947. Anna Margarete Schrader, Ende zwanzig, verlässt das zerstörte München. In Schleswig-Holstein gelangt sie auf einen abgelegenen Hof hinter dem Deich, den eine Altbäuerin mit ihrer Schwiegertochter bewirtschaftet. Anna bringt ihre eigene Geschichte mit. Zwischen ihr, der Städterin, und den beiden Frauen herrscht zunächst Distanz. Nur die kleine Tochter der Jungbäuerin folgt ihr unablässig. Inmitten der kargen Landschaft beginnt eine langsame Annäherung.
Dorothee Schröder ist Storytellerin, Autorin und Schreibmentorin. Meeresforschungen ist ihr zweiter Roman. Die gebürtige Hamburgerin lebt seit vielen Jahren mit ihrem Mann in Süddeutschland.
Dorothee Schröder
Meeresforschungen
Roman
© 2025 Dorothee Schröder
Coverdesign von: Dorothee Schröder
Covergrafik von: Reinhard Tötschinger
Verlagslabel: schreibmeisterei.de
ISBN:
Softcover: 978-3-384-68129-4
E-Book: 978-3-384-68130-0
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Dieses Werk ist frei erfunden und, einschließlich seiner Teile, urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Im Gedenken
an meine Großmutter
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Annas Verstrickung
I
1. Der Hof der Frauen
I
II
2. Die Vogelkoje
I
II
III
3. Geburtstag
I
II
III
IV
4. Kraulen
I
II
III
IV
V
5. Noch ein Heimkehrer
I
II
III
IV
6. Fraukes Erniedrigung
I
II
III
IV
7. Die Tat
I
II
III
8. Leuchten
I
9. Ida
I
II
III
10. Sturmflut
I
11. In aller Frühe
I
II
Dank
Quellenverweise:
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Annas Verstrickung
Quellenverweise:
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Vorspann
Annas Verstrickung
I
Herrmann bezeichnete sie in den ersten Wochen als ganz entzückenden Fall von Wehrkraftzersetzung. Anna zog sich vor ihm aus. Er wurde sofort rot im Gesicht, wenn man ihm widersprach. Alle im Haus des Offiziers orientierten sich an seiner Gesichtsfarbe. Nur die Tochter des Gärtners, sie spielte gerne auf den Wegen im Garten, war regelmäßig im Weg, regelmäßig scheuchte er sie fort. Doch sie wich nicht zurück, sie schrie wie am Spieß. Eines Tages war die Kleine fort. Wo ist das Kind? Welches Kind? In den Tagen darauf ging sie durch das stille Haus, die Angestellten wichen ihr aus, niemand sprach, keiner sah sie an. Die ganze Familie des Gärtners war fort, sie wusste nicht einmal, wer und woher sie waren. Im Garten welkten die Blumen, vor den Rosen bildete sich ein Teppich aus Blättern, vertrocknenden Gelb-, Braun-, Rottönen. Sie lief einmal darüber, als schreite sie über ein Grab. An jenem Abend zog sie sich vor ihm aus. Er nahm ihr Kinn in die Hand, sah ihr schwer entzifferbar in die Augen. Dein Bedürfnis, mich zu hassen. Du bist ein Schwein. Er verschmierte den roten Lippenstift mit seinem Daumen auf ihrem Gesicht. Das war seine Art, sich mitzuteilen. Ich werde gehen. Er antwortete nicht, lehnte in dem Stuhl in seinem Ordonanzzimmer, leicht im Hohlkreuz, sein Bauch wölbte sich autoritär vor.
Sie ist spät geflohen. Floh seit dem Tag, an dem sie angekommen war.
Du hast erst kurz vor Schluss die Seiten gewechselt, sagen s i e.
Sie ist verrückt, sagt Herrmann.
Sie weiß nicht, ob er sie damit schützen oder strafen oder sich selbst schützen will, eine Zeugin zur Unzeugin machen.
Sie hat ihn sofort geliebt. Herrmann las Hegel, lange vor der Versetzung hinter die Front. Ihn faszinierte der Gedanke, dass der Weltgeist im Menschen zu sich selber kommt. Wir sind nur das Instrument der Welt, Anna, um sich selbst in das Antlitz zu blicken. Ihn faszinierte der Sinn darin, die innige Verschlungenheit seines Lebens mit der Existenz des Planeten, die Sehnsucht der Erde nach sich selbst.
Er sah in den Deutschen das Vermögen zur Intelligenz, um den neuartigen Menschen zu schaffen. Für Anna hatte jede Seele ein eigenes, persönliches Schicksal. Wir leben, Herrmann, weil sich etwas im Spiegel unseres gewordenen Lebens begegnen will, in aller Klarheit, aller Schärfe.
Er verehrte Wagner für die unerträgliche Süße mancher Töne, in denen die Sehnsucht sich in die Unendlichkeit erhob. Sie liebte große, glückliche Familien. Sie hat Familien bei ihrer Vernichtung zugesehen. Sie schreit, schreit, neeein!
Gnädige Nacht.
Anna wacht auf. Die Reihe weißer Betten. Weiße Wände. Unartikuliertes Schreien. Sie blickt an sich hinunter, ein flacher Umriss unter dem weißen Laken. Sie blinzelt. Auch über ihr Weiß, mit den Augen wandert sie über die Decke, mustert reglos eine Naht in der Verschalung. Sie heult auf, als s i e sie packen und unter der weißen Jacke nackt einen Flur entlangschleifen.
Woher sie kommt, hat sie vergessen.
Das gefräßige Tier, mächtiger Besitzwille.
Sie spürt es, mehr weiß sie nicht.
Es wird sie überschwemmen.
Sie gibt die dramatische Frau, Medea, der Name fällt ihr ein. Die Schwärze der Nacht, aus der schwarze Verzweiflung steigt, Scham, die schon die Mütter bedeckte. Aber sie trägt die Scham auch ab, schreit wie am Spieß. Während die Bilder kommen.
Langsam erkennt sie das Gefüge. Scham als Schicht, die an ihr klebt, weil sie ihr eigenes Schicksal wollte. Aber es war nur neue Unterordnung, und das Sehen dessen, was kein Kind je sehen durfte. Das Knebelband der Scham, sie ahnt es in Momenten, das Würgeband der Schuld, man wird ihr die Schandmaske aufsetzen.
Wer seid ihr? Ihr seid mir fremd! Um sich schlagend, löst sie alles auf.
Als sie wieder zu sich kommt, ist ein anderer bei ihr. Er ist jung, ein Arzt in Uniform. Es ging Ihnen nicht gut, hier sind Sie gut aufgehoben, Sie sind hier in einem amerikanischen Hospital, erklärt er ihr. Seine Wörter wollen Nebel durchdringen.
Sie waren Lagerärztin, sagen s i e. Aber das stimmte nicht. Sie wollte Schulärztin werden, wusste nicht, dass es jene Orte gab, wo der Atem gefror. Schon in Leipzig die halbtoten Kinder, sie sind unter ihren Händen gestorben.
Wovon sprechen Sie, fragen s i e. Sie verstummt.
Herrmann war doch ihr Ausweg, er war in einem Lager stationiert. Beim Abschied beschwor er die Zukunft im Krieg, in der sie verbunden blieben, er kniete vor ihr, küsste ihre Hände, schmiegte sich in ihren Schoss. Sie ist ohne Erlaubnis zu ihm gefahren, wusste nicht, wohin es ging. Sie alle wussten nicht, Leipzig tanzte doch auf einem Vulkan. Es fällt ihr schwer, das Wort Lager zu denken.
Ihr Name ist Odde. Die Pflegerin kommt jeden Tag in ihrem weißen Kittel, ihr großes weißes Gesicht leuchtend, eine Ausnahmeerscheinung. Alle im Saal warten auf sie, sie fasst die Patienten an, auch jene, die sich eingekotet haben. Odde lacht, wie nur eine Frau lachen kann. Sie ist anders, ist da, um zu helfen, zu retten.
Benimm dich, sag nichts, sagt Herrmann, dann bist du hier bald raus.
Doch es ist die Hand Oddes, die sie zum Gehen schubst. Ich schaffe es nicht. Doch sie geht, wieder geht sie. Ich lege ein Geständnis ab, sagt sie dem jungen Arzt. Sie wird nicht angeklagt, sondern aus der Anstalt entlassen.
1
Der Hof der Frauen
I
München im Schnee liegt hinter ihr. Der Zug schleicht durch eine Ebene voller Schutt, durch schmutzig weiße Landstriche. Das Stehen an dem Übergang in die englische Besatzungszone, zerlumpte Menschen klettern von Waggondächern, quellen aus den übervollen Gängen und Abteilen, vertreten sich bei eisigen Temperaturen stampfend die Beine. Der Kampf um einen Platz in oder auf dem Zug. Nach vier Tagen die Fahrt über die Elbe mit der Fähre, die Brücke liegt in Trümmern im Fluss. Sie geht stundenlang durch das zerstörte Hamburg, vorbei an in ordentlichen Reihen aufgeschichteten Trümmern, eilenden, trödelnden, verloren stehenden Menschen, die Nacht kommt. Endlich Hamburg-Altona, der Bahnhof. Sie durchirrt ihn auf der Suche nach einer Verbindung Richtung Husum. Auch er ist überfüllt, die Menschen lagern in der Wartehalle auf dem Boden, auf den Gängen, auf den Bahnsteigen, an den leeren Gleisen, in den Trümmern rund um das notdürftig hergerichtete Gebäude. Sie findet einen Platz in der Nähe des Gleises, von dem ihr Zug fahren soll. Am Morgen lautes Gedränge, die Leute halten Namensschilder und Fotos hoch, sprechen, rufen durcheinander, ein Zug soll Heimkehrer aus Friedland bringen. Sie steht eingekeilt zwischen den Mänteln, den Ellbogen und Pappkoffern, zwischen Hungergesichtern, sie will nur fort, fort zu der Bahn, die sie weiter nach Norden bringt.
Endlich ruckt der Zug und fährt fauchend an.
Sie döst ein.
In Husum findet sie eine Pension, in der sie sich waschen kann, man erklärt ihr den Weg zum Bus. Schlingernd fährt er den Küstenstreifen entlang, über einen langen Damm. Sie schaut auf graues, tänzelndes Wasser, erkennt im Nebel näherkommend die Insel. Flaches Marschland, darin verstreut einzelne Höfe wie verlorene Schafe. Sie passieren eine Durchfahrt in einem Binnendeich, sie sieht Bohlen liegen, um das Gatt bei Hochwasser zu verbarrikadieren. Dahinter mehr brachliegende Felder. Winterliche Wiesen. Verstreute Ansiedlungen.
Der Busfahrer lässt sie vor einem Backsteingebäude aussteigen, dem Dorfkrug. Hinter dem letzten Haus, dem Hospital, nur weiter den Fahrweg entlang, dann nach rechts auf den Deich zu. Dort sei der Hof.
Er winkt mit der Hand.
Is nich to verfehln.
Sie steht da.
Abgesetzt im Nichts.
Als sie um das bezeichnete Haus biegt, schlägt der Wind zu, darin eisiger Regen. Sie läuft dagegen an, eine schwarze Figur in einer leeren Welt. Ihr Kopftuch ist schnell schwer von Nässe, die Hand, die die Tasche trägt, eiskalt. Sie erreicht die Abzweigung, läuft nun direkt in verhangenes Grau, in den Regen hinein, in der Ferne als Streifen ein Deich. Ihre Schuhe versinken, Schlamm spritzt hinten gegen ihre Beine, sie fühlt die Nässe des Mantels. Sie muss aussehen wie eine gerupfte Krähe.
Vor ihr wird das Gehöft langsam größer. Es liegt erhöht auf einer Warft, sie erkennt ein rechtwinkliges Haupthaus, zur Straße hin einen Stall oder eine Scheune, kahle Bäume umstehen das Anwesen. Sie läuft zügig darauf zu, eine gepflasterte Auffahrt hoch. Hinter einem niedrigen Fenster eine Bewegung. Sie bleibt im Innenhof stehen, da öffnet sich eine Tür. Eine alte Frau steht darin, schiebt ein Mädchen beiseite.
Odde hat gesagt, gib der Alten den Brief.
Sie nähert sich der Bäuerin.
Streckt entschlossen die Hand vor.
Das knittrige Kuvert ist mit akkurater Schrift beschrieben. Frau Ida Vanmeern, Süden, Post Nordstrand. Sie sieht zu, wie die Bäuerin die Adresse liest, den Umschlag öffnet, wie es in ihrem Gesicht arbeitet, sie den Brief kaum gelesen faltet und in eine Tasche ihres Kittels steckt.
Ich heiße Anna Margarete Schrader.
Denn kumm’se ma mit.
Die Alte geht ihr voran über den Hof, öffnet eine Tür in dem Tor, das auf die Diele führt, die beide Gebäudeflügel verbindet.
Sie erkennt die Reste einer Durchfahrt, nach links geht es ins Wohnhaus, nach rechts öffnet sich ein dunkler Gang. Die Bäuerin führt sie an dessen Ende.
De neje Pesel, sagt die Alte und macht ihr den Weg frei.
Sie steht in der geöffneten Tür.
Das abgestandene Aroma von Zigarren, Leder. Feuchtigkeit. Schwere dunkle Sessel starren sie an. Es ist ein Herrenzimmer, der Raum wird offensichtlich schon lange nicht mehr genutzt.
Gut, antwortet sie, überlegt, wie sie die Bezahlung anspricht.
Ich zahle, habe Zigaretten. Ich kann auch arbeiten.
Wir warn uns woll eens.
Mehr sagt die Frau nicht.
Sie schuldet Odde etwas, denkt Anna.
Ich danke Ihnen.
Als sie wieder auf das Hofpflaster tritt, hat der Regen aufgehört. Eine jüngere Frau steht im Scheunentor gegenüber und wischt sich die Hände an der Schürze ab.
Sie nickt zu ihr hinüber.
Ik schnack al mit de Swegerdochter, meint die Alte.
