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Wenn das Meer sich verdunkelt, ist der Tod nicht mehr fern In der sommerlichen Idylle der Nordseeküste begegnet Fenja ihrem Alptraum. Verfolgt und gepeinigt von einer Unbekannten zieht sich die Schlinge immer enger, die ihre Seele erdrückt, bis sie sich in tiefschwarzer Nacht ihren Ängsten stellen muss. Doch dies ist nicht das Ende, denn der Tod ist nur der Anfang …
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Jessica Pietschmann
Meerestod
Thriller
Novelle
© 2017 Jessica Pietschmann
Covergestaltung: © 2017 Jessica Pietschmann
Bild: Pixabay
Lektorat/Korrektorat: Nico Pietschmann
Druck: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Verlag: Jessica Pietschmann
Weidacher Hauptstr. 6
82515 Wolfratshausen
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Liebe Leser,
die folgende Geschichte hat ihren Schauplatz in Büsum an der Nordsee.
Die Gezeiten, besser bekannt als Ebbe und Flut, werden auch mit Niedrig- und Hochwasser bezeichnet.
Diese Namen werden mit NW und HW abgekürzt. Dies habe ich bei den Kapitelanfängen entsprechend übernommen.
Ebbe und Flut treten unter Einfluss des Mondes fortwährend auf und dauern zusammen 12 Stunden und 24 Minuten. Somit vollzieht sich dieser Zyklus zweimal täglich.
Freitag, 10. Juni 2016
HW1 05:22 HW2 17:32
NW1 11:00 NW2 23:25
Eine eisige Kälte schlich über ihren Körper, als sie die Person neben dem roten Molenfeuer am Büsumer Hafen entdeckte. Die gleichen schulterlangen blonden Locken, das gleiche gelbe Strandkleid und sogar der springende Delfin über dem linken Außenknöchel – gleich einem Abbild ihrer selbst.
Sie schüttelte sich und drehte sich weg. Hastig strich sie die Haare aus dem Gesicht, doch der Wind war unbarmherzig. Zitternd wandte sie sich wieder um und sah hinüber zu der Stelle, an der bis vor wenigen Sekunden noch die Frau gestanden hatte. Nirgends war sie zu sehen.
»War wohl nur ein Hirngespinst«, murmelte sie.
Torben Ahrens zog sie an sich.
»Fenja, was ist denn mit dir? Du zitterst ja. Hättest wohl doch lieber eine Jacke mitnehmen sollen.«
Fenja Dierksen nickte stumm. Sie wusste, dass Torben ihr nicht glauben würde. Wieso auch? Man konnte schließlich nicht an etwas glauben, das man nicht mit eigenen Augen gesehen hatte.
Fenja schmiegte sich gerade an ihren Freund, als sie die Frau in einigen Metern Entfernung erneut sah. Sie entfernte sich von ihr.
Fenja schluckte. Das war bisher noch nie passiert. Sonst war sie immer einfach verschwunden, aber noch nie hatte sie sie weggehen sehen.
Angst kroch in ihr hoch. Sie hatte gehofft, dass der Umzug von der Großstadt Hamburg in den ruhigen Ort Büsum ihrer Seele gut tun würde. Doch scheinbar begann der Schrecken hier von Neuem …
Du kannst dich nicht vor mir verstecken. Es bringt nichts, einfach umzuziehen. Ich habe dich nun einmal gefunden und werde es bis zum Ende unseres Lebens immer wieder schaffen. Egal wohin du gehst, ob ans Meer, in die Berge, in die Wüste. Ich werde dich finden, ich werde immer bei dir sein.
Ich will dich nie mehr missen.
Als ich dich das erste Mal vor drei Monaten in Hamburg gesehen habe – mit wehendem weißen Baumwollrock, der dir bis kurz unters Knie ging, dem hübschen gelben Top und deinen wunderschönen lockigen Haaren –, hast du gestrahlt, wie die Sonne es nicht glänzender vermag! Ich sah dich an und wusste, du bist mein für alle Zeit!
Ich wusste nicht, dass es dich gibt, aber wenn ich nun an meine Vergangenheit denke, trostlos, einsam, dunkel und kalt, dann weiß ich, tief in meinem Innersten hast du mir schon seit Ewigkeiten gefehlt.
Ich sah dir nach, wie du mit einem jungen Mann Arm in Arm gelaufen und immer wieder stehen geblieben bist, um an deinem linken Knöchel hinabzuschauen. Du hattest dir anscheinend gerade ein Tattoo stechen lassen. Es war ein Delfin, ich weiß es.
Nachdem ihr außerhalb meiner Sichtweite gewesen wart, betrat ich den Laden, aus dem ich dich zuvor habe kommen sehen, und wurde erstaunt angeschaut, als ich verlangte, das gleiche Tattoo zu bekommen, das du dir hast stechen lassen.
Es tat weh, aber es war ein angenehmer Schmerz.
Ich sagte mir, dass du bestimmt genauso gefühlt hast. Und wie heißt es so schön: Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Und mit wem würde ich es lieber teilen als mit dir? Genau, da gibt es sonst niemanden. Es gibt nur dich und mich.
Am nächsten Tag irrte ich durch die Straßen. Ich hielt überall nach dir Ausschau. Ich wusste, du bist dort irgendwo.
Ich wurde nach einiger Zeit sehr böse auf dich. Das Versteckspiel muss doch nicht sein. Ich tue dir nichts. Also warum hast du dich mir nicht sofort gezeigt?
Warum musste ich erst drei Stunden umherlaufen, bis ich dich fand? Das war unverschämt von dir!
Ich bin nicht so gut zu Fuß, also lass diese Spielerei bleiben, verstanden?
Es tut mir leid, ich will gar nicht so böse sein auf dich.
Das kann ich nicht. Dir kann ich einfach nicht lange böse sein.
Ich bin doch so froh, dich zu haben. Lass uns nicht streiten in der Zeit, die uns bleibt. Das Leben ist zu kostbar. Das weiß ich, seitdem ich dich gefunden habe.
Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zuvor so eine große Freude empfunden zu haben.
In der Schule hatte ich nie Freunde. Die waren mir alle zu abgehoben. Wollten immer nur allem Materiellem hinterherjagen. Interessierten sich nur für Stars und Sternchen in der Musik- und Filmwelt. Ekelhaft finde ich das. Ich bin auch immer ohne all das ausgekommen. Ich hatte zwar Spielzeug, aber ich habe es nicht benutzt.
Ich schweife ab … Ich möchte dir noch einmal sagen, dass du dich nicht zu verstecken brauchst, nicht zu verstecken hast!
Verstanden?
Ich mag das nicht!
Ich will doch einfach nur nah bei dir sein …
Freitag, 03. Juni 2016
Eine Woche zuvor in Hamburg-Stellingen
Fenja schlug die Wohnungstür hinter sich zu, so kraftvoll, dass die Karaffe mit Wasser auf dem Tisch bedenklich schwankte. Noch bevor sich Torben vom Stuhl erheben konnte, schlang Fenja ihre Arme um ihren Freund und fing an zu weinen.
»Torben, ich halte es wirklich nicht mehr aus. Ich werde verfolgt.«
Er holte tief Luft, bevor er etwas erwiderte.
»Schatz, schau mich mal an. Irgendwas ist mit dir passiert, vielleicht ein Trauma, das bei dir eine Art Verfolgungswahn ausgelöst hat. Und das wird hier in Hamburg doch nur schlimmer, oder? Kannst du dich an unseren letzten Urlaub an der Nordsee erinnern?«
Fenja nickte.
»Im März in Büsum.«
»Ja, es war an deinem Geburtstag, als ich dich fragte, was du dir wünschst. Weißt du noch, was du geantwortet hast?«
Liebevoll strich er ihr über die blonden Locken.
Fenja blickte ihn durch einen Schleier von Tränen an.
»Ich habe mir gewünscht, dass wir dort bleiben. Endlich am Meer leben, das ist ein Kindheitstraum von mir.«
Torben sah sie mit einem Lächeln an.
»Ich denke, dass jetzt wohl der beste Zeitpunkt ist, nach Büsum zu ziehen.«
Sie schluckte und ein scheues Lächeln umspielte ihre Lippen.
»Büsum? Was meinst du mit jetzt? Aber was ist mit unserer Arbeit? Ich meine, ich könnte woanders vielleicht einen Job finden, aber du mit deiner Arbeit im Tierpark?«
Indem er über ihre Arme streichelte, unterbrach er sie und schüttelte den Kopf.
»Das geht schon irgendwie. Es sind zwar anderthalb Stunden, die ich dann täglich pro Strecke fahren müsste, aber ich würde das für dich machen. Ich möchte, dass du wieder normal leben kannst und nicht mehr ständig Frauen siehst, die aussehen wie du. Das ist doch verrückt! Das muss aufhören!«
Der zuerst so versöhnliche und fürsorgliche Ton in seiner Stimme schlug in Ärgernis um. Fenja spürte, wie ihr Magen rumorte.
Normal, verrückt, aufhören, hallte es wie ein Echo in ihrem Ohr. Ihr unwohles Gefühl verstärkte sich. Torben nahm sie wieder einmal nicht ernst.
Seit drei Monaten sah sie immer wieder eine Frau, die ihr bis aufs Haar glich, an den verschiedensten Stellen in Hamburg – am Bahnhof, im Park, beim Einkaufen, in der Nähe ihrer Wohnung oder beim Arbeitsamt, wo sie als Angestellte beschäftigt war.
