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Auf einer einsamen Insel vor der Nordseeküste lebt ein Vogelwart mit einem finsteren Geheimnis. Als eine Leiche an den Strand treibt, wird er Stück für Stück mit seinem früheren Leben konfrontiert. Eine weit in die Vergangenheit zurückreichende Kette psychotischer und traumatischer Ereignisse, die seine Seele von jeglichem menschlichen Verhalten abgeschnitten haben, führt durch Schmerz, Hass und Tod bis hin zum blutig-morbiden Höhepunkt…
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Jessica Pietschmann
Seelengräber
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- gekürzte Vorschau -
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
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Danksagung
Über die Autorin
Impressum tolino
Seelengräber
Jessica Pietschmann
Psychothriller
Die Handlung und sämtliche Personen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt.
Impressum
© 2019 Jessica Pietschmann
Covergestaltung: © 2019 Jessica Pietschmann
Bild: Pixabay
Lektorat/Korrektorat: Nico Pietschmann
Verlag: Jessica Pietschmann, Weidacher Hauptstr. 6,
82515 Wolfratshausen
Für alle Vogelwarte auf Trischen
1
Auf Trischen, April 2018
Die Sonne stand bereits seit einigen Stunden am Himmel, als ich die Unruhe der Möwen auf der nördlichen Westseite der kleinen Insel Trischen bemerkte. Schon am Morgen hatte mich ein ähnliches Gefühlwie bei meiner Verhaftung vor vier Jahren beschlichen. Grummeln im Bauch und leichte Kopfschmerzen.
Die Möwen flatterten auf und ab, kreischten. Der Wind trug ihr Gezeter an mich heran.
Ich nahm mein Fernrohr und trat hinaus auf den Umlauf meiner vor Flut geschützten, auf Holzpfosten stehenden Hütte. Durch das Spektiv konnte ich jedoch den Grund des Aufruhrs nicht erkennen.
Seufzend zog ich mir die quietschgelben, in Kontrast zum trüben Wetter stehenden Gummistiefel an, nahm meine Ausrüstung und wanderte über die Insel. Je näher ich der Vogelschar kam, desto mehr verstärkte sich das Gefühl. Ich war mittlerweile sicher, dass ich auf etwas Unangenehmes, nicht Alltägliches stoßen würde. Ein paar Möwen flogen aus ihren Nestern. Ich war ihnen unbedacht zu nahe gekommen.
Ich lief auf die letzte hohe Düne und blieb stehen. Wie gebannt starrte ich auf die fleischige Masse, die am Fuße der Düne lag. Am Hinterkopf klebte Blut. Die Wunde war durch die Glatze gut zu erkennen.
Muss ein heftiger Schlag gewesen sein. Der dicke Leib war nackt – splitterfasernackt.
Ich war froh, dass die Leiche – ich ging bei der Kopfwunde einfach davon aus, dass der Mensch tot sei – auf dem Bauch lag und ich nur auf den weißen Hintern blickte.Dieses Bild hatte ich schon einmal gesehen.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Stelle gestanden und gestarrt hatte, bis mir der Gedanke kam, dass dieser Mensch vielleicht doch noch am Leben sein könne. Ich ekel mich vor nackten Körpern, aber ich musste ihn umdrehen. Schnell ließ ich meine Augen über den Strand und die Dünen gleiten, in der Hoffnung, einen Stock zu finden. Natürlich war keiner da. Es wird zwar ständig Unrat an den Strand gespült, aber nichts, was mir als Hilfsmittel hätte dienen können. Ich überlegte, ob ich eine Schaufel holen solle. Zurück zur Hütte und wieder hierher wären es maximal vierzig Minuten. Aber konnte ich es wirklich verantworten, wenn der Mensch genau jetzt starb? Würde ich das tatsächlich erneut zulassen können?
Ich musste mich also zusammenreißen.Tief ein- und ausatmen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …
Mit einem Ruck packte ich den linken Oberarm. Es dauerte einige Minuten, bis es mir gelang, unter Ächzen und Stöhnen den fetten Körper umzudrehen. Bei dem sich mir bietenden Anblick konnte ich mich nicht länger unter Kontrolle halten.
Ein heißer Strahl Kotze ergoss sich über den Toten.
Büsum, Mai 2005
Sie war eine liebende Mutter. Sie hatte ihrem kleinen Liebling vieles abgenommen, vor allem die Selbstständigkeit.
Er brauchte nie daran zu denken, wann er seine Zähne putzen musste. Selbst als er fünfzehn war, rief sie ihn noch jeden Morgen an, um ihn zu wecken.
»Guten Morgen, mein Schatz. Du musst jetzt aufstehen.«
Sie war schon immer um halb sieben morgens im Büro. Er hingegen konnte bis sieben Uhr schlafen.
»Deine Klamotten habe ich dir im Wohnzimmer auf die Couch gelegt. Aber bitte frühstücke erst.«
Jeden Morgen fand er die belegten Brote im Kühlschrank. Sie stellte zudem immer Getränke und das Pausenbrot bereit. Es gab täglich das Gleiche: eine kleine Flasche Apfelsaftschorle, eine kleine Flasche Wasser mit Kohlensäure und ein ekelhaftes, matschiges Wurstbrötchen mit Senf, Gurke und Tomate.
Jeden Morgen erzählte sie ihm aufs Neue, dass er nach dem Frühstück das dreckige Geschirr in die Spüle stellen, sich waschen, Zähneputzen und sich anziehen solle. Pünktlich, selten eine Minute zu spät, rief sie um fünf vor halb acht erneut an.
»Schatzi, du musst jetzt los, damit du pünktlich zur Schule kommst.« Seine Schule war fußläufig innerhalb von sechs Minuten zu erreichen.
»Es regnet draußen. Also zieh bitte die blauen Turnschuhe an.«
Das waren seine einzigen wasserabweisenden Schuhe. Welche also sollte er sonst bei Regen anziehen?
»Bitte mach überall das Licht aus, und schließ die Tür hinter dir ab. Ach, und vergiss den Regenschirm nicht.«
Er war fünfzehn! Was sollte er da bitte mit einem Regenschirm? Aber er nahm ihn mit – aus Angst, jemand könnte ihn bei dem Wetter ohne sehen und an seine Mutter verraten.
»Dann hab viel Spaß in der Schule. Pass schön auf. Und geh anschließend sofort nach Hause. Sobald du da bist, rufst du mich an, ja? Ich habe dich lieb, mein Schatz.«
Er atmete erleichtert aus. Für die nächsten sechs Stunden hatte er seine Ruhe vor ihr. Er mochte die Schule nicht – aber seine Mutter noch weniger.
Am liebsten wäre er zum Strand gegangen. Der Weg zum Deich war sogar kürzer als der zur Schule. In Büsum waren die Wege zum Wasser nicht lang, und trotzdem war er schon ewig nicht mehr dort gewesen. Er vermisste das Meer. Seine Mutter ließ ihn nicht allein raus und war zuletzt mit ihm am Wasser gewesen, als er elf war.
»Ach verdammt, du Idiot! Hast du keine Augen im Kopf?«
Er war mit einem Mädchen aus seiner Klasse zusammengestoßen.
»Verzeihung«, murmelte er und kniete sich nieder, um ihre Bücher aufzuheben. Wieso trug sie diese eigentlich auf dem Arm? Passten sie nicht mehr in ihren Rucksack? Vermutlich war das ein neumodischer Schwachsinn, abgeschaut von irgendwelchen amerikanischen Serien, die er nie sehen durfte. Fernsehen war generell verboten. Die Schule hatte sich aus diesem Grund bereits einmal an seine Mutter gewandt, weil er dadurch oftmals von Gesprächen ausgeschlossen war, die selbst die Lehrer mit der Klasse geführt hatten. Gemobbt wurde er deswegen schon seit Jahren.
»Lass meine Sachen los, du Freak!«
Clara hieß sie. Hübsche braune Augen mit langen Wimpern. Eines der wenigen Mädchen, die sich nicht mit Schminke zukleisterten, sondern mit Bedacht ihre Vorzüge untermalten.
»Habe ich ein Kotelett im Gesicht, oder warum starrst du mich so an?«
Er schüttelte den Kopf, stand auf und ging ohne ein Wort weiter. Clara war wie alle anderen. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Sie mieden ihn alle. Er wollte doch nur dazugehören, Freunde haben.
Fabian, sein einziger Freund, der seit der ersten Klasse an seiner Seite war, musste vor einem Jahr mit seinen Eltern nach Stuttgart ziehen. Der Vater hatte dort einen Job erhalten. Ein einziges Mal hatte Fabian sich seitdem bei ihm gemeldet. Verlassen und verraten.
Hinter ihm liefen die Anführer der Klasse. Ole und Hannes. Sie überholten ihn, lachten hämisch. Ole stieß ihn an.»Huch! Ich bin gerade irgendwo gegen geprallt, Hannes. Siehst du da etwas?«
Hannes drehte sich um. Er zog einen Mundwinkel nach oben. Wie ein zähnefletschender Hund.
»Nee, da ist nichts. Wahrscheinlich war es nur ein Geist.«
Die Jungs gingen mit schnellen Schritten davon und schlossen sich einer Gruppe von Mädchen an, als sie den Schulhof betraten.
Die Schulglocke läutete, und er war froh, nicht zu lange allein herumstehen zu müssen. Manchmal wünschte er sich, dass die Klassenkameraden ihn akzeptieren würden. Ihn als Vorbild ansehen und fragen, ob er ihnen Nachhilfe gebe. Aber er wurde nur geschnitten. Klassenbester zu sein, hieß noch lange nicht, beliebt zu sein. Er fragte sich, wann diese Phase enden würde. Ole und Hannes gaben den Ton an. Erst wenn die beiden anfingen, ihn mit Worten zu ärgern, machten die anderen es auch. Das war schon immer so. Und es wurde immer schlimmer.
Auf Trischen, April 2018
Ich zitterte am ganzen Leib, obwohl es bestimmt bereits fünfzehn Minuten her war, dass ich gekotzt und mich anschließend ein paar Meter von der Leiche in den feuchten Sand gesetzt hatte.
Eine männliche Leiche. Auf meiner Insel. Fett und schwabbelig und aufgedunsen. Und verdammt nochmal tot!
Ich kramte in meinem Kopf, ob ich gestern ein Schiff nahe der Insel gesehen hatte, von dem er über Bord gegangen sein könnte. Nein, da war nichts gewesen. Könnte er im Watt spazieren gegangen und von der Flut überrascht worden sein?
»Bullshit!«
Ein paar Seeschwalben flogen auf.
»Entschuldigt. Ich wollte nicht so schreien. Aber das ist doch vollkommener Blödsinn, der sich in meinem Kopf abspielt. Von der Flut überrascht … Das geht doch gar nicht. Es sei denn, der Kerl war sturzbesoffen. Oder er ist von der Bohrinsel gefallen und ertrunken.«
Vielleicht lag der Tote bereits seit mehreren Tagen hier am Strand. Möwen ließen sich nahe der Leiche nieder. Hoffentlich fingen die neugierigen Vögel nicht an, an ihm herumzupicken. Ich stand auf und überließ die Leiche der Natur. Was sollte ich auch sonst tun?
Jeder vernünftige Mensch würde die Polizei rufen. Aber ich war nicht vernünftig. Ich hatte schließlich meinen Lebenslauf aufgehübscht, meine Sozialstunden nicht aufgeführt, dafür aber ein Sabbatjahr angegeben. Mein Arbeitgeber wusste nichts von den ganzen Anschuldigungen gegen mich.
Vermutlich hätte ich den Job als Vogelwart sonst nie bekommen. Obwohl ich ernsthaft überlegte, ob es nicht sogar der beste Ort für einen so verkorksten Menschen wie mich sei.
Umständlich stand ich auf und warf einen kurzen Blick auf die Leiche. Wieder spürte ich, wiemein Frühstück nach oben kam. Ich hasste diesen sauren Geschmack im Mund nach dem Kotzen.
Ich nahm meinen Rucksack und lief am Wasser entlang, um den Strand genauer unter die Lupe zu nehmen. Strandgut finden, fotografieren und später in den Blog stellen. Kein Wort über die Leiche. Ja, das war jetzt vorerst mein Plan.
In der nächsten Stunde betrachtete ich die Vögel in den Dünen, sah mir Muscheln an, spielte mit den Einstellungen der tollen Kamera, die ich für die Insel zur Verfügung gestellt bekommen hatte. Das wohl teuerste Stück, das ich jemals in meinen Händen halten durfte.
- Ende der Buchvorschau -
Texte © Copyright by Jessica Pietschmann [email protected]
Bildmaterialien © Copyright by Jessica Pietschmann
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 978-3-7394-4892-3
