Mehr als ein Abenteuer - Hedi Tanner - E-Book

Mehr als ein Abenteuer E-Book

Hedi Tanner

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Beschreibung

Als Gottes Pionier nimmt Ernst Tanner auf seiner Afrika­Tour den verborgenen Schrei unerreichter Stämme, Gebiete und Dörfer wahr. Nach Europa zurückgekehrt, wird er diesen Ruf nicht mehr los. Wer dieses Buch liest, wird in ein grosses Wagnis mit Gott hineingenommen. Manchmal hält man unwillkürlich den Atem an. Man spürt die Spannung und wird Zeuge von Kämpfen und Siegen, aber auch Enttäuschungen und Ängsten. Gott hat durch die Geschichte immer wieder nach Menschen Ausschau gehalten, die ihm ganz vertrauen, die entgegen aller menschlichen Vorstellungen den Mut haben, seinen Weisungen zu folgen. Manchmal geht es bis an den Rand des Erträglichen, aber immer ist Gott grösser. So erlebt es auch Ernst Tanner mit seiner ganzen Familie.

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2021

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HEDI TANNER

Mehr als ein Abenteuer

Ich habe mich entschieden:

Zu glauben,

zu lieben,

zu handeln.

Albert Schweitzer

HEDI TANNER

Mehr als einAbenteuer

DIE UNGEWÖHNLICHE ARBEIT DER HELIMISSION

6. Auflage 2019 als Neuauflage (1. Auflage 1989)

ISBN Print-Version

978-3-9525111-0-7

ISBN Digital-Version

978-3-9859469-9-0

Copyright

© Helimission Schweiz

Umschlagzeichung

Ernst Tanner / bix-grafik / oliverberlin.biz

Umschlaggestaltung

oliverberlin.biz

Redaktionelle Überarbeitung

Elisabeth Peter

Satz und Druck

Appenzeller Druckerei AG, Herisau, Schweiz

printed in switzerland

Inhalt

Vorwort

Teil I

Der grosse Bruder

«Du kommst am dritten Tag wieder heim ... »

Fannys Traum

«Was kostet diese Wiese?»

Der Anfang aller Weisheit

Neuland

Expedition Gorillapfad

Ottos altes Spielzeug

Teil II

Soll das ein Witz sein?

Tante Nelly

Hotel Bravo Xray Delta Kilo

Der erste Flug

Mit Benzinbüchlein bezahlt

Ich habe Angst

Es hat sich gelohnt

Wolf

Teil III

Constantine im Atlas

Bamenda

Marcel und seine Zahlen

Charly will nicht fliegen

Eine Tür öffnet sich

Heimflug mit Hindernissen

Die alte DC-7

Notlandung

Teil IV

Geiselbefreiung in Bulki

Vier Briefe und kein Ende

Erweitern – aber wie?

Liebste Hedi!

Die Flugrallye

Heiterer Anfang – trübes Ende

Erfolge in Kamerun – Kämpfe in Kenia

Die Familie geht mit

Teil V

Barbalo

Charlys Ende

Irrfahrt der XLL

«Kann ich noch etwas für Sie tun?»

Ein halbes Dutzend

Die Kinder fliegen aus

Zaire

Das Gas von Nyos

Zwei gegen einen

Glück und Unglück

Zwei Geburtstage und eine Reise

Durch Leiden zum Sieg

Helimission immer in Aktion

Weitere Einsätze

Die Flut in Mosambik

Nachwort

Vorwort

Brauchen wir in unserem hochtechnisierten Jahrhundert noch Pioniere der Evangelisation und Mission? Wer sich auf dem bequemen und relativ sicheren Boden westlicher Länder bewegt, könnte diese Frage vorschnell verneinen. Kommt man aber mit der Dritten Welt in Berührung und bereist Länder wie Afrika, Indien oder Teile Südamerikas, steht man im Blick auf die Entwicklung einer Kluft von Jahrzehnten, zum Teil Jahrhunderten unmittelbar gegenüber. Die Mission braucht darum auch heute Pioniere.

Ernst Tanner ist ein solcher Pionier. Erfasst von Gottes Liebe, zunächst zu seinen eigenen Landsleuten in der Schweiz, nimmt er auf seiner Afrika-Tour den verborgenen Schrei unerreichter Stämme, Gebiete und Dörfer wahr. Nach Europa zurückgekehrt, wird er diesen Ruf nicht mehr los. Und dann beginnt ein waghalsiges Glaubens-Unternehmen. Wer die folgenden Seiten liest, wird in dieses Wagnis für Gott mit hineingenommen. Manchmal hält man unwillkürlich den Atem an. Man spürt die Spannung und wird Zeuge von Kämpfen und Siegen, aber auch Enttäuschungen und Ängsten.

Gott hat durch die Geschichte immer wieder nach Menschen Ausschau gehalten, die Ihm ganz vertrauen, die entgegen aller menschlichen Vorstellungen den Mut haben, Seinen Weisungen zu folgen. Manchmal geht es bis an den Rand des Erträglichen, aber immer ist Gott grösser. So erlebt es auch Ernst Tanner mit seiner ganzen Familie.

Mir ist es ein Vorrecht, an dieser bewegenden Geschichte Anteil zu nehmen. Von Herzen wünsche ich jedem Leser, aus diesem Buch neue Inspiration für sein persönliches Vertrauen in einen lebendigen, gegenwärtigen und wirksamen Gott zu schöpfen.

Erich Theis

Teil I

Kapitel 1

Der grosse Bruder

Der Sommer 1938 lag schwer in den Gassen der grossen Industriestadt. Der Strassenbelag war unter der Sonnenglut weich geworden und flimmerte gegen den glühenden, wolkenlosen Himmel.

Erleichtert atmete Jack die kühle Luft ein, die ihn im Schatten der ersten Bäume wie ein Gruss aus dem tiefen Wald empfing. Eine Weile blieb er stehen, um zu geniessen. Hier war er zu Hause. Er kannte jeden Strauch, jeden Baum. Es waren seine Bäume, seine Sträucher, sie gehörten zu seinem Revier. Auf seinen Streifzügen hatte er schon manches Tier überrascht. Die vierbeinigen Freunde aus nächster Nähe zu beobachten, war für ihn höchste Belohnung.

Die Stille des Waldes umgab ihn mit einer zauberhaften Ruhe. Dennoch lag eine Spannung in dieser Stille ...

Heute schien der Wald jedoch besonders still. Ob es an der grossen Hitze lag? Plötzlich stand er aufmerksam auf und horchte in den Wald hinein. Waren das nicht Rufe? Wieder Stille. Dann ein Rufen aus östlicher Richtung. Spannung durchfuhr seinen ganzen Leib; leicht wie eine Feder jagte er zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch.

Wieder hörte er das ferne Rufen. Das waren doch Hilferufe einer Kinderstimme! Wilde Gedanken rasten durch seinen Kopf. Wieder hörte er das unterdrückte Schreien. Dann flog er beinahe über den Waldboden, um jedes Geräusch zu vermeiden. Er hörte noch andere Stimmen. Ein weinendes Kind, noch eins, eine lachende Männerstimme ... Was konnte das sein?

Während er sich behutsam von Deckung zu Deckung schlich, wurden die Stimmen lauter. Wehklagen und Lachen, dazwischen herrische Befehle.

Jack warf sich auf den Boden und kroch vorsichtig näher. Meter um Meter kroch er wie eine Schlange durchs Laub. Er atmete kaum, um nicht gehört zu werden und um die Stimmen besser verstehen zu können. Das Weinen wurde lauter, auch das höhnische Lachen.

Endlich erkannte er eine Gestalt am oberen Teil des Waldrandes. Ein grosser Junge kniete auf der Wiese und beschäftigte sich mit etwas oder jemandem. Eine kleine Bodenwelle versperrte Jack die Sicht. Nach ein paar Zentimetern hatte er es geschafft. Er hob langsam den Kopf. Was er sah, verschlug ihm den Atem. Eine ganze Schar grosser und kleiner Jungen knieten über gefesselten Kindern und ‹folterten› ihre weinenden, dreckverschmierten Opfer.

Weiter unten im Tal weideten Kühe. «Das sind doch die Kühe unseres Nachbarn», durchfuhr es Jack. Mit einem Schlag war ihm alles klar: Die Nachbarskinder waren mit dem Knecht und dem Vieh auf die Weide gezogen, um den schulfreien Nachmittag zu verbringen. Die ‹Städter›, eine Gruppe junger Burschen, die mit Jack seit langem auf Kriegsfuss standen, hatten die Kinder überfallen und gefesselt. Der junge Hirte stand hilflos und sprachlos abseits.

Plötzlich hörte Jack Schreie hinter sich. Er sprang auf die Füsse und sah sich von einer Gruppe ‹Soldaten› umringt. Sie waren alle mit Knüppeln, Steinschleudern und Stricken bewaffnet.

Vom Anblick der Kinder gefangen, hatte Jack die Zelte auf der gegenüberliegenden Seite des Tales nicht bemerkt. Von dort aus hatten sich die Wächter unbemerkt von hinten angeschlichen.

Jetzt liessen auch die anderen ihre Opfer liegen und eilten herbei. Ein paar Sekunden lang stand Jack ratlos, von drohenden Stecken und Peitschen umringt, da. Noch wagte es keiner, ihn anzugreifen, denn Jack war wesentlich grösser, wenn auch kaum älter als der grösste unter ihnen.

Plötzlich drehte sich Jack dem Wald zu, legte seine Finger an den Mund und pfiff aus Leibeskräften. Alle Köpfe drehten sich in jene Richtung, um zu sehen, wem der Pfiff gegolten hatte. Mit einem kräftigen Satz sprang Jack aus dem Ring seiner Feinde und machte sich mit solchem Tempo davon, dass die Kerle gar nicht versuchten, ihn zu verfolgen.

Atemlos und verschwitzt erreichte er sein Zuhause und rief sofort seinen jüngeren Bruder Ent in den Keller. Während er mit dem Beil das eine Ende einer Holzschwarte zu einem Handgriff rundete, erzählte er atemlos sein Erlebnis und griff nach einer zweiten Schwarte für seinen Bruder. Jack kochte vor Wut und Verachtung über diese Bengel. Halb aus Rachelust, halb aus Befreiungsdrang für die Nachbarskinder, sausten sie zum nahen Wald davon.

Es schien, als würden die Bäume vor ihnen fliehen. Mit jedem Sprung wuchs die Spannung, und in ein paar Minuten hatten sie das Gebiet erreicht. Sie standen still in Deckung und lauschten. Ab und zu hörte man einen Schrei.

Das Gebiet war unbewacht, niemand hatte also Jacks Rückkehr erwartet. Um diesmal nicht vom gegenüberliegenden Zeltlager erspäht zu werden, krochen die beiden von Baum zu Baum, von Deckung zu Deckung, bis sie sich unbemerkt auf ein paar Meter herangepirscht hatten. Es mussten 10 bis 15 Jungen sein, also eine beträchtliche Übermacht.

Die vier Brüder Gö, Eugen, Jack und Ernst (vorne)

Jack und Ent schauten sich wortlos in die Augen, dann folgte ein fester, feierlicher Händedruck und mit Mordiogebrüll stürzten sie sich auf die Peiniger. Das geschah so schnell, dass der grösste von ihnen, scheinbar der Anführer, keine Zeit mehr hatte, sich zu erheben. Mit ausgestreckten Armen flog Jack ihm an den Hals und warf ihn zu Boden. Nummer zwei wurde gleich mitgerissen, und Ent machte die Fortsetzung mit Nummer drei. Im Nu war Jack wieder auf den Beinen und setzte hinter den Kerlen her, die ihre Opfer fluchtartig liegen liessen.

Inzwischen konnte Ent zwei der Kinder losbinden, die sofort den anderen behilflich waren. Alle rannten hinter Jack und Ent den Berg hinunter.

Die ersten Fliehenden hatten bereits die Strasse unterhalb der Wiese erreicht, während die letzten sich mit Müh und Not auf den Beinen halten und davonlaufen konnten.

Von Schrecken gepackt, räumten die Wächter die Zelte zusammen und flüchteten zur Strasse. Dort versammelten sich alle und merkten jetzt erst, dass es nur zwei Tannerbuben waren, vor denen sie davongelaufen waren. Welch jämmerliche Blamage! Sie ballten die Fäuste und schrien, Jack solle herunterkommen. Dazu hatten Jack und Ent freilich keine Lust mehr. Sie stimmten ein Siegesgebrüll an, und ihre kleinen Freunde sangen kräftig mit.

Mit stolzgeschwellter Brust zogen Jack und Ent gemeinsam mit den Nachbarskindern ins Dorf ein und erzählten ihren Kameraden begeistert von ihrem unglaublichen Abenteuer.

Kapitel 2

«Du kommst am dritten Tag wieder heim ... »

Ernst (Ent) und Jakob (Jack) waren die beiden jüngsten der vier Söhne der Familie Tanner, die an der Breitestrasse in Winterthur wohnten. Vater Tanner, ein ruhiger, fleissiger Beamter der Unfall-Versicherung, wohnte mit seiner Frau Rosa in einem Reiheneinfamilienhaus. Er hatte ein gutes Herz und nahm stets lebhaft Anteil an der Not seiner Mitmenschen. Gerade diese Tugend brachte seine Familie in grosse Schwierigkeiten. Ein Bekannter, an den Ernst sich nur noch als den ‹Gisler› erinnerte, verstand es, sich in der Familie einzunisten. Mit grossem Aufwand legte er dem gutgläubigen Vater seine Probleme dar und sog aus der Familie Monat um Monat beträchtliche Finanzen. Während Vater Tanner fleissig arbeitete, ass sich Gisler in dessen Küche satt und drohte dem kleinen Ernst: «Wenn du mich verrätst, schlag ich dir den Kopp bis schwolle ... »

Dieser Gisler war eine traurige Belastung für die ganze Familie, und die Kinder litten sehr darunter. Die älteren suchten so bald wie möglich ihre eigenen Wege, und als für Ernst die Schulzeit dem Ende entgegenging, schweiften seine Gedanken und Träume immer mehr in die Ferne.

In seiner Freizeit suchte er sich heimlich einen Job als Laufbursche eines Haushaltgeschäftes. Kleingewachsen, wie er noch als 14jähriger war, fuhr er mit einem hohen, schweren Fahrrad durch die Stadt und brachte den Kunden die oft recht grossen Pakete. Eines Tages fragte ihn ein Mann, der vor dem Geschäft ein neues Gerät vorführte:

«Na, junger Mann, noch so klein und schon so fleissig? Hast wohl viel im Sinn?» Etwas überrascht gab Ernst sein Geheimnis preis: «Ich möchte gerne ins Welschland und dort eine Arbeit suchen. Deshalb brauche ich Geld für die Reise.» – «Aha!» Der Verkäufer überlegte einen Moment, strich sich ein paarmal übers Kinn und schaute den Jungen nochmals von oben bis unten an. «Na», sagte er endlich, «was willst du denn machen im Welschland? Möchtest du in einem Hotel arbeiten?»

Hotel? Das war für Ernst ein ziemlich unbekannter Begriff. Er war noch nie in einem Hotel gewesen. Sein Vater hielt nichts von der noblen Gesellschaft. Am Sonntag hiess es Gottesdienst, Wandern, Picknick und in den Ferien mal zur Grossmutter fahren. Ein Hotel also? Und dort arbeiten? Warum nicht? «Ja», erwiderte Ernst schnell, «das möchte ich gern.»

Als er in der folgenden Woche wieder mit dem grossen Fahrrad ankam, reichte ihm der Verkäufer einen Zettel mit einer Adresse eines Hotels. Es war ein denkwürdiger Tag. Der Zettel in seiner Tasche war ein Schritt seinem Ziel entgegen: fort von zu Hause, von Gisler mit seinen Drohungen und ... Ja, noch etwas trieb ihn fort: ein riesengrosses, graues Gebäude mit einem Eingang, der einen einfach verschluckte, mit einem Treppenhaus, das viele Menschen hinauf- und hinunterjagte, mit unzähligen Büros, die nichts als Zahlen hervorbrachten. Es war das Gebäude der Unfall Versicherung, in dem er schon einige Male mit seinem Vater gewesen war. Ihm graute vor diesen Mauern. Er ahnte die Pläne seines Vaters, der seinen Jüngsten gerne in seinen Fussstapfen gesehen hätte.

Er griff in seine Hosentasche. Er war noch da – der Zettel, der ihm eine Welt auftun würde. Und schon auf dem Heimweg fing er an zu träumen.

Das zweite Sekundarschuljahr ging langsam zu Ende; der Frühling kam nach Winterthur. Eines Abends war die Tannerfamilie in der Stube versammelt. Die Brüder sprachen lebhaft über Schulaustritt, Beruf, Erwartungen und Möglichkeiten. Der Vater, über ein Buch gebeugt, hörte mit einem Ohr zu. Plötzlich vernahm er Ernsts Stimme: «Ich gehe ins Welschland und arbeite dort.» – «Was willst du, kleiner Bengel?» mischte sich der Vater ins Gespräch, «ins Welschland willst du? Geh du nur, aber von mir bekommst du keinen Rappen. Da kannst du machen, was du willst.» Lachend entgegnete der Spitzbub: «Gut, Vater, ich nehme dich beim Wort. Ich mache, was ich will, und das Geld habe ich auch schon für die Reise.» Als der Vater dann noch erfuhr, dass die Adresse auf dem Zettel die eines Hotels war und dass sein Sohn dort arbeiten wollte, da fuhr es ihm doch heiss und kalt über den Rücken, und er wusste nicht; ob er zornig oder traurig sein sollte. Er fasste sich aber schnell und tröstete sich mit den Worten: «Du wirst schon sehen, was ein Hotel ist, und unter Garantie kommst du am dritten Tag wieder heim!»

Das hätte Vater Tanner nicht sagen sollen! An diese Worte musste Ernst während der nächsten Jahre (1943 – 46) oft denken. Jedesmal, wenn ihm die Tränen kamen, jedes Mal, wenn er mit seinem Schulfranzösisch nicht mehr weiter wusste, jedes Mal, wenn ihn sein Chef anbrüllte, jedes Mal, wenn er wieder am zu hohen Abwaschtrog stand, jedes Mal, wenn er spätabends todmüde ins Bett sank – dann biss er die Zähne zusammen und sagte sich: «Nein, um keinen Preis gebe ich auf und fahre heim, niemals!»

Er blieb in La Chaux-de-Fonds. Er meldete sich zum Konfirmandenunterricht und liess sich freiwillig konfirmieren. Er strich sich über die Brust und fühlte sich sehr gut! Er arbeitete im Hotel Fleur de Lys und war ein treuer Besucher der wenigen Kinos der Stadt. Es war eine harte Zeit – Kriegszeit. Das Brot war rationiert. Der Chef brauchte es für die Gäste, nicht für die Lehrbuben. Oft dachte er an die Butterbrote, die Gisler ihm zu Hause in der Küche vor der Nase weggeschnappt hatte. Wie er ihm die missgönnte!

Dreimal erlebte er den Frühling im Jura. Er liebte diese Jahreszeit. Wenn er wusste, dass auf den weiten Wiesen die Osterglocken blühten, wartete er ungeduldiger denn je auf den freien Tag, wanderte über diese goldgelben Blumenfelder und pflückte so viele davon, wie seine beiden Hände nur fassen konnten. Jedes Glas, jede Konservenbüchse füllte er mit einem Strauss und dekorierte Tisch, Fenstersims, Boden und Treppe seines armseligen Zimmers.

Dann folgten seine Lehr- und Wanderjahre. Er zog von Hotel zu Hotel, durch grosse, berühmte Häuser und kleine, geizige Spelunken, kreuz und quer durch die Schweiz. Sein Interesse galt immer den Menschen um ihn her, den Mitarbeitern, Vorgesetzten und Gästen. Er beobachtete sie, forschte neugierig, wie sie sich in bestimmten Situationen verhielten, machte sich ein Bild von ihnen und ordnete jeden in eine seiner Kategorien ein. Da gab es Grosszügige, Freundliche, Schmeichler, Heuchler, Verschlossene, Redselige, Hinterlistige, Dumme und Schlaue.

Während einer Saisonstelle im Schweizerhof in Bern besuchte er eine Kunstausstellung. Die Bilder von Tizian beeindruckten ihn so stark, dass er sich kurzentschlossen Pinsel, Farbe und Leinwand kaufte und zu malen begann. Auch dieser Tag gehört zu den denkwürdigen in seinem Leben. Bern bot ausserdem viel in künstlerischer Hinsicht. In der Gewerbeschule gab es Kurse für lernbegierige Hobbymaler. Das war etwas für Ernst! Doch die Arbeit im Schweizerhof ging zu Ende, und damit vorläufig auch seine Künstlerlaufbahn.

Kapitel 3

Fannys Traum

Wie sein Weg weiterging, werden wir später erfahren. Wir treffen ihn wieder als Lehrer in der Bibelschule Hotel Rosat, Chateau-d’Oex. Man schreibt das Jahr 1955. Aus dem schüchternen, in sich gekehrten Jungen war ein vor Begeisterung sprühender, mitreissender Lehrer und Redner geworden. Er dirigierte den Schülerchor, ging auf Strassen und Plätze und lud viele ein, dem Herrn Jesus nachzufolgen. Er predigte in den umliegenden Gemeinden und holte die Gläubigen mit einem Kleinbus zu Konferenzen nach Chateau-d’Oex ab. In einem dieser Gottesdienste sass eine junge Lehrerin, Hedi, die andächtig zuhörte und irgendwo in einem Herzenswinkel für einen kurzen Augenblick einen unpassenden Gedanken bewegte: «Wie schön wäre es, seine Frau zu sein.» Wenn er es nur geahnt hätte ...

Auf seinen Reisen, die Ernst auch nach Süddeutschland führten, traf er viele Familien mit Kindern an. Für diese Kinder schlug sein Herz besonders. Zusammen mit einer deutschen Frau, Fanny, die ebenfalls in der Bibelschule beschäftigt war, beschloss er, eine Kinderfreizeit zu organisieren. In Bad Dürrheim öffnete sich eine einmalige Gelegenheit. Ein altes Kurhaus, schon jahrelang ausser Betrieb, zeitweise von Militär, zeitweise von Flüchtlingen belegt, stand zurzeit leer. Es lag ganz ideal im Zentrum und hatte einen prächtigen, verwahrlosten Park zum Spielen. Ohne viele Schwierigkeiten bekam Fanny die Erlaubnis, darin eine Freizeit durchzuführen. Die Probleme begannen erst, als das Innere des vierstöckigen Hauses inspiziert wurde. Da mussten Böden geschrubbt, Zimmer gekehrt, WC’s entstopft, Leitungen repariert und Schlafgelegenheiten geschaffen werden. Für die grosse, leere Hotelküche wurde ein Kochherd herangeschleppt, Tische und Bänke von der Brauerei für den grossen Essraum, mit Stroh wurden in den leeren Räumen Lagerstätten ausgelegt. Es sollten etwa 40 Kinder kommen, die meisten aus kinderreichen, mittellosen Familien. Fanny wollte für die Kinder kochen. Wichtig war nun noch, Helfer für die Betreuung der Kinder zu finden. Ernst meinte, eine Lehrerin würde sich bestimmt gut eignen, und ausserdem hätte sie ja Ferien. Er sollte recht behalten. Sie sagte zu. Mit grossem Eifer wurden die weiteren Vorbereitungen getroffen. Zu dritt fuhren sie weite Strecken in ihrem alten Borgward und sammelten (sprich erbettelten) Naturalgaben wie Kartoffeln, Eier, Speck, Gemüse und vieles mehr.

Eines Morgens holte Ernst die beiden Frauen in Fannys Wohnung ab. «Heute Nacht hatte ich einen Traum», begrüsste Fanny den Eintretenden. «Ich habe von dir geträumt!»

– «Na, wenn das nichts ist! Haben wir vielleicht geheiratet?» – «Nein, setz dich mal her! Es war aufregend. Genau so hast du gesessen, gerade so an einem Tisch. Und was tatest du da? Was glaubst du? Geld zählen! Viel Geld. Kein Kleingeld, nein, Geldscheine. Grosse Geldscheine! Du machtest viele Stapel mit den Geldscheinen. Das war der Traum.» – «Phantastisch!» rief Ernst. «Wo war das?» –

«Ich weiss es nicht», antwortete Fanny.

Wenn in den folgenden Tagen das Geld knapp war, lachte Ernst nur: «Wo war das doch gleich im Traum?» Wenn eine Bauersfrau keine Kartoffeln hatte und ihnen einen Fünfmarkschein schenkte, schmunzelte er wieder: «Genau wie im Traum!» Nie und nimmer hätte einer von ihnen geglaubt, dass Ernst fünfundzwanzig Jahre später tatsächlich viele, viele Geldscheine hinblättern würde, um einen Helikopter für die Mission zu bezahlen ...

Endlich kam der Anreisetag. Die Eingangspforte war mit einer Willkommenstafel geschmückt, in den Fenstern hingen kleine Fahnen, liebe Schwestern waren bereit, die Kleinsten zu bemuttern. Eine fürstliche Atmosphäre verzauberte die moderigen Räume, und das Gelächter und Geschrei der Kinder liess alle Mängel übersehen. An einem besonders warmen Abend versammelten sich alle draussen im Garten. Als Überraschung malte ‹Onkel› Ernst ein Bild vor den Augen der andächtigen Zuschauer. Viele Dorfbewohner und sogar der Bürgermeister hatten sich hinzugesellt. Alles war sehr geheimnisvoll. Endlich konnte man auf der grossen, beleuchteten Leinwand erkennen, was das Bild darstellen sollte: steile Felswände, an deren Rand ein kleines Schaf kauerte, und grosse Vögel kreisten über dem Tal. Langsam wurde das Licht dunkler und – oh Wunder – was kam da zum Vorschein? In fluoreszierenden Farben leuchtete die Gestalt eines Hirten auf, der die Hand nach dem Schäfchen ausstreckte, um es zu retten.

Aus der andächtigen, gespannten Bewunderung entstand ein beglücktes: «Oh wie schön!» Doch was war das? Grosse Tropfen klatschten plötzlich herab. Niemand hatte die drohenden Wolken kommen sehen. Schnell ins Haus! Einer nach dem anderen zog die Jacke über den Kopf und rannte unter das schützende Dach. Nur Ernst blieb mit seinem Bild zurück. Schnell wickelte er die elektrischen Kabel auf, deckte notdürftig die wichtigsten Kreiden ab und schaute hilfesuchend zum Haus hinüber. Da war ja noch jemand, der mit Brettern und Decken hantierte – die Lehrerin! Der dichte Regen verwandelte sich in prasselnde Hagelkörner, und es rauschte mächtig. Schnell hob Ernst einen Stuhl hoch und hielt ihn schützend über sich und die treue Helferin. Ganz nah musste er sich zu ihr stellen. ... Als er sie so anschaute und ringsum alles prasselte, donnerte und blitzte, da lachten beide über die urkomische Situation, und er küsste sie, während er mit beiden Händen den Stuhl in die Höhe hielt. Wie gut, dass es ringsum stürmte, so konnte er wenigstens ihr Herz nicht klopfen hören. «Es ist zu wunderbar», dachte sie, «ein solcher Sturm draussen und drinnen!» Das Gewitter verschwand, wie es gekommen war. Die Helferinnen kamen zurück und trugen die nassen Geräte ins Haus. Ernst und Hedi schauten einander nochmals an. Ihre Blicke sagten: «Es hat so sein müssen, es war gut so.»

Kinderfreizeit in Bad DürrheimHier malte Ernst das Bild und küsste Hedi unter dem Stuhl.

Es war nicht die letzte Freizeit, die sie miteinander leiteten. Viele Kinderlager, viele Freudensprünge und Kindertränen erlebten sie gemeinsam. Noch Jahre später durften sie hören: «Das haben wir damals im Kinderlager gelernt ... » Sind das nicht bleibende Früchte?

Hedi Dettwiler, die Lehrerin von Dachsen am Rheinfall, kehrte in ihre Heimat zurück, und Ernst Tanner fuhr wieder zu seinen Bibelschülern in Chateau-d’Oex. Dies konnte aber nicht seine Heimat sein. Das spürte er deutlich. Es zog ihn weiter ... Er fand einen neuen Wirkungskreis in Offenburg, wo er eine freikirchliche Gemeinde gründete. Von dort aus versorgte er später allwöchentlich verschiedene kleine Gemeinden, die seinen frohen, erbauenden Dienst sehr schätzten. Seine Lehrerin hatte er nicht vergessen, obwohl er sie selten besuchen konnte.

Zwei Jahre später feierten sie in der Gemeinde Aldingen bei Tuttlingen ein grosses, fröhliches Hochzeitsfest. Von überall waren Gäste gekommen, sogar ein Autobus voller Schüler aus der Schweiz fehlte nicht.

«Du willst eine Predigersfrau werden?» fragte eine betagte Schwester die Braut. «Weisst du auch, was das bedeutet?» «Naja, ich stelle es mir halt vor», antwortete sie etwas zaghaft. – «Du musst allein sein können. Kannst du das?»

«Ich werde es können – mit Gottes Hilfe», fügte sie nachdenklich hinzu. Es war ein merkwürdiges Gespräch. Sie hat es nie vergessen. Man schrieb den 13. Oktober 1957.

Kapitel 4

«Was kostet diese Wiese?»

Hedi und Ernie – seine amerikanischen Freunde nannten ihn so, und Hedi liebte ihn so – wohnten zusammen in einer winzigen Dachwohnung. Ein Stübchen mit einem Öfchen, einer Bettcouch, einem Tischchen, zwei Sesseln, zwischen denen man sich knapp durchschlängeln konnte, ein Schlafzimmer mit zwei Betten und einem Schrank, eine Küche unterm Dach, abgeschrägt von oben bis unten – das war ihr trautes Heim. Die Bewohner von Dachsen waren überrascht. Sie hatten gewettet, dass ihre fromm gewordene Lehrerin gewiss nie heiraten werde. Nun – sie hatten sich getäuscht!

Nach der Geburt ihres ersten Kindes zog die kleine Familie nach St. Georgen im Schwarzwald. Die junge Mutter sorgte sich furchtbar, dass der Umzug dem kleinen Kerlchen schaden könnte. Am neuen Wohnort erwartete sie aber eine freundliche Vermieterin, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stand, so dass sie sich in der neuen Umgebung und auch im neuen Land bald sehr wohl fühlte.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen lag ihnen nach wie vor auf dem Herzen. Gleich fingen sie an, nach Möglichkeiten zu suchen, die zigeunerhaften Freizeiten in zivilisiertere Bahnen zu lenken, also eine ständige Freizeitstätte zu suchen. Nach vielen Enttäuschungen gelang es, einen abgelegenen Bauernhof zu kaufen, an einem Berghang gelegen, mit Aussicht auf ein typisches Schwarzwaldtal. Ein herrlicher Wald voller Heidelbeeren erstreckte sich hinter dem Haus. Es war ein traumhaftes Plätzchen. Leider gab es aber ein überaus unangenehmes Erwachen aus dem schönen Traum ... Nachdem Ernst im Schweisse seines Angesichts und mit zähem Einsatz vieler Jugendlicher eine neue Wasserleitung mit Reservoir sowie die Zufahrtsstrasse ausgebaut hatte, bekam er Nachricht vom Landwirtschaftsamt, dass der Vertrag für ungültig erklärt und die Kaufsumme zurückgezahlt werde. Ernst war eben kein Landwirt; deshalb entsprach der Kaufvertrag nicht den gesetzlichen Bestimmungen des Amtes. War das nicht Gottes Wink mit dem Zaunpfahl, wieder in die Schweiz zurückzukehren und dort eine Jugendarbeit zu beginnen?

Es war im Jahr 1963. Die Familie Tanner, die inzwischen auf fünf Köpfe angewachsen war, zog ins Appenzellerland, in ein echtes, hundert- oder zweihundertjähriges Appenzellerhäuschen. Ernst Tanner schreibt darüber:

«Da wir innerlich die Gewissheit bekamen, wieder in die Schweiz zu ziehen, setzten Hedi und ich uns mit einer Liegenschaftsvermittlung in Verbindung. Wir bekamen eine ganze Reihe von Angeboten. Vom Jura übers Bernbiet durchs Seeland und Zürcher Oberland besichtigten wir grosse und kleine Häuser. Die einen waren zu teuer, die anderen zu gross, die dritten zu schattig. Wir kamen zu keinem Entschluss und standen wieder im Büro in Zürich. «Hier wäre noch ein kleines Höckli im Appenzellerland!» Der Vertreter legte uns noch ein Papier vor. Aber ich winkte ab: «Ins Appenzellerland, zu den Kurpfuschern, auf keinen Fall!» –

«Aber Herr Tanner, es gibt dort auch noch andere Leute, zum Beispiel auch das Pestalozzi-Kinderdorf. Wer weiss, ob es Ihnen dort nicht auch gefallen könnte ...!» – «Was meinst du, Hedi, ob wir das Objekt noch besichtigen sollten, damit wir wenigstens wissen, dass es nicht das Richtige ist?» – «Es ist vielleicht eine Reise wert», strahlte meine Frau mich an. So fuhren wir hin. Ein holländischer Landesrichter wollte das Haus an einen Künstler oder Idealisten verkaufen, weil seine Frau und er älter und der Weg ins Dorf beschwerlicher geworden war. Das Häuschen stand etwas abseits der Strasse, inmitten einer Wiese, nur durch einen schmalen Wiesenweg erreichbar. Es stand leer, fein säuberlich gereinigt, altes, währschaftes Holz, gestrickte Wände (also Balken auf Balken gelegt), die verschiedenen Zimmertüren mit allerlei antiken Beschlägen versehen. Wir wanderten von einem Zimmer zum andern, bückten uns eins übers andere Mal, standen zuletzt in der Stube, wo hinter dem braunen Kachelofen ein echtes Appenzeller Ofenbänklein eingebaut war. Die vier Schiebefensterchen schauten nach Süden auf eine ebene Wiese und weiter den Nordhang hinauf. ‹Lass es mich wissen, Herr!› betete ich im Stillen. Dann drehte ich mich zu dem Holländer um: «Ich glaube, es ist das richtige Haus. Wollen Sie’s uns verkaufen? Im Cafe Ruckstuhl einigten wir uns dann, und ich habe es bis heute nicht bereut. Eine Hypothek konnten wir übernehmen, und die restlichen Franken hatten wir zusammengespart. Ich betrachtete es als ein Geschenk Gottes.

Die acht zum Teil sehr kleinen Zimmer waren nun nicht gerade für Kinderfreizeiten geeignet. So begann Ernst gleich, Baupläne zu schmieden. In den folgenden fünf Jahren realisierten sich diese Pläne Stück um Stück. Ernst betete, plante, baute. Der Nachbar jenseits der Strasse, der ihm von seinem Land immer ein Stückchen mehr verkaufte, schaute ganz erstaunt drein. Einmal, als Ernst ihn auf der Wiese traf, meinte er beiläufig: «Ja, Tanner, ihr hönd’s jo äfach, ihr bättet no ond dänn hönder’s. Meer mönd für alles chrampfe!» (... ihr habt es ja einfach, ihr betet und dann habt ihr’s. Wir müssen für alles arbeiten!) Er hatte nicht ganz unrecht, aber ‹chrampfe›, das tat Ernst auch neben dem Beten.

Das Häuschen im Grünen

Eines Nachmittags zum Beispiel sass er in seinem Wohnzimmer. Sein Blick ging langsam hinaus, streifte den Holzzaun, der keine zwanzig Meter vor dem Haus den Rasen einschloss, dann schaute er weiter bis zur Strasse. Und während er schaute, nahm er das Land ein. «Hedi, ich glaube, wir sollten jenes Stück hinter dem Zaun kaufen, das wäre eine schöne Spielwiese für die Kinderfreizeit.» «Die Wiese wäre schön, aber was wird sie kosten? Du weisst doch ... » Das war typisch. Für Ernst war Geld kein Problem, aber Hedi rechnete immer schon im Voraus. Ernst ging zum Nachbarn. Das Land wurde vermessen und der Preis verhandelt. Als die Rechnung kam, schlug Hedi die Hände über dem Kopf zusammen. «Du liebe Zeit, das können wir nie und nimmer bezahlen, so viele Quadratmeter. Lass mal sehen, das ist doch auch die Gesamtfläche und nicht die Fläche von der neuen Wiese.» «Das muss ich sofort klären», sagte Ernst. «Gleich telefoniere ich mit dem Grundbuchamt.» Er nahm die Sache nicht so ernst. Nach dem Telefonat beruhigte er seine Frau und erklärte, dass alles nachgeprüft und in den nächsten Tagen eine Bestätigung der Fläche kommen werde. Unterdessen hatte Gott aber auch gerechnet. Am folgenden Tag bekam Ernst einen Brief von seinem älteren Bruder mit der Nachricht, dass das väterliche Haus in Winterthur verkauft und das Erbe an die vier Brüder verteilt würde. Ernst bekam 10’070 Franken. Er freute sich und meinte glücklich: «Wie findest du das, Hedi? Ist das nicht eine liebevolle Vorsorge unseres Herrn? Das ist gerade die Anzahlung für den Landkauf.» Und als dann in den nächsten Tagen die korrigierte Quadratmeterzahl eintraf, ergab sich für die Wiese ein Preis von 10’080 Franken. Nun musste auch Hedi einsehen, welch einen guten Gott sie hatten. Sie weinte vor Staunen!

Die evangelistischen Dienste, die Ernst in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Ungarn und Jugoslawien tat, waren gesegnet. Überall lud er Kinder ein, im Sommer ins Appenzellerland zu kommen. Und sie kamen ... Für diese Kinder baute Ernst zuerst eine Zufahrtsstrasse, dann Waschräume und Toiletten, einen Versammlungsraum, einen Abstellraum und später noch Zimmer oben drauf. Aber anfangen musste er bei den Fundamenten.

«Heute», sagte er eines Tages, «lassen wir den Beton kommen! Jetzt wird betoniert.» Einige Freunde, Hedi, Maria und Carmen standen startbereit. Da brummte schon der schwere Lastwagen heran und kippte seine Last auf den Platz. «Um wieviel Uhr wollen Sie die nächste Ladung haben?» fragte der Fahrer. Alle blickten einander an, dann den Haufen, zuletzt den Fahrer. Niemand hatte eine Ahnung, wie lange es dauern würde, um den Beton zu verarbeiten. «Um elf Uhr», entschied Ernst schliesslich und glaubte fest, es bis dahin geschafft zu haben. Jetzt wurde geschaufelt, Schubkarre um Schubkarre eingefüllt und festgestampft. Nach einer kurzen Rast ging es weiter. «Dä Beton chunt!» rief plötzlich jemand. Richtig, schon brummte der Lastwagen heran und bescherte eine zweite Ladung. Die erste war gerade verarbeitet. Emsig wurde weitergeschaufelt, ein wenig langsamer und mit mehreren Pausen. Jeder zeigte dem anderen die Blasen und Schwielen, einer stöhnte über den Rücken, ein anderer über die Füsse, die Frauen hatten schwere Arme ... Aber alle lachten und gingen vergnügt wieder an die Arbeit. «Dä Beton chunt!» hörte man kurze Zeit später. Wo? Es war nur ein Spassvogel, der gerufen hatte. «Dä Beton chunt!» Schon wieder? Da lag doch noch ein Teil der letzten Ladung. Jetzt ging ein Wetteifern los. Bis zum Abend sollte noch eine Ladung kommen, und alles musste verarbeitet sein. «Dä Beton chunt, dä Beton chunt!» Die Kinder riefen es, um die Arbeiter anzufeuern. Jeder schaufelte aus Leibeskräften. Stützte sich Maria einmal aufatmend auf den Schaufelstiel, spottete Carmen: «Dä Beton chunt!»

Vor dem Nachtessen verabschiedeten sich die drei Männer. Hedi brachte die Kinder zu Bett. Als es dämmerte, war immer noch ein Häufchen Beton übrig. Mit letzten Kräften schafften Ernst und die drei Frauen den Rest in die Fundamente, reinigten die Werkzeuge und setzten sich erschöpft auf die Bank vor dem Haus. Es war dunkel geworden. «Und jetzt, meine Lieben ... », es war Ernst, der einfach unergründliche Kraftquellen besass, «jetzt fahren wir in den ‹Sternen› und lassen uns etwas Gutes servieren. Das haben wir verdient!» Es wurde eine grossartige Mahlzeit.

Kapitel 5

Der Anfang aller Weisheit

Während der Jahre, die sie nun verheiratet war, hatte Hedi Gelegenheit gehabt, eine gute Tugend zu lernen: das Warten. Wenn Ernst versprach, am Donnerstag heimzukommen, schaute sie schon frühmorgens durchs Fenster, ob der Wagen wohl bald um die nächste Biegung kurvte. «Nein», beschwichtigte sie sich selbst, «es ist unmöglich; so früh kann er nicht da sein.» – «Papa kommt heute», erzählte sie ihren Mädchen beim Zöpfeflechten. «Kommt er zum Mittagessen?» wollte Immanuel wissen. Er war der Älteste und kannte sich mit der Uhr schon recht gut aus. Es war ein hoffnungsvolles, schönes Warten. Doch am Mittagstisch blieb ein Platz leer. «Er hat sicher jemanden getroffen, dem er noch etwas vom Heiland erzählen muss», überlegte der Junge. «Er wird kommen, wenn wir vom Mittagsschlaf aufwachen, dann ist er auf einmal da!» Neugierig erschien ein verschlafenes Gesicht nach dem andern wieder: «Ist er da?»

«Nein. Bestimmt war viel Verkehr. Er wird bald kommen.» Und wieder blickte Hedi zur Strasse. Das Warten wurde langsam schwieriger. Es galt, gegen allerlei ängstliche Gedanken anzukämpfen. Es könnte ja ... Der Strickstrumpf wuchs, die Kinder spielten – Ernst kam nicht. Das Abendbrot war vorbei, die Kinder beteten im Bett für ihren Papa. Die Mutti sass am Fenster. Endlich erkannte sie die Lichter. Der Wagen bog in den Hof ein. Herzlich schloss Ernst seine Frau in die Arme: «Hast viel stricken müssen heute?» fragte er lachend. «Dafür habe ich dir etwas Schönes mitgebracht.» Und dann packten sie zusammen den Kofferraum aus: Äpfel, Blumen, ein selbstgebackenes Brot, Eier. Die drei Kinder standen in der Tür und staunten. «Papa ist wie ein Weihnachtsmann. Erst muss man lange warten, und wenn er kommt, bringt er viel Gutes mit.»

Als die Kinder im Bett waren, erzählte Ernst seiner Frau, warum er später als geplant heimgekommen war. Wie schon oft hatte er auch heute Anhalter mitgenommen, drei junge Männer. Er liess sie auf dem Rücksitz Platz nehmen, neben ihm lagen Karten, Briefe und sein Frühstücksbrot. Es waren drei Studenten, die in die Schweiz wollten, in die Ferien. Nun, dachte er, ich werde mich ein wenig mit ihnen unterhalten. «Also», fing er an und schaute in den Rückspiegel, «ihr studiert also an der Universität. Da wird man doch sehr gescheit. Da könnt ihr mir sicher eine Frage beantworten: Welches ist der Anfang aller Weisheit?» Er sprach absichtlich langsam, um ihnen Zeit zum Überlegen zu geben. Erst Schweigen, dann ein Räuspern: «... nicht einfach, mal überlegen, der Anfang ...» Er half ihnen aus der Verlegenheit. «Die Bibel sagt: Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller Weisheit. Und damit ihr seht, dass dies wahr ist, will ich es euch beweisen. Was studiert ihr denn?» – «Medizin, Jura, Theologie.» Er überlegte kurz. Es war bestimmt nicht leicht, aber er fühlte, dass Gott zu diesen jungen Menschen reden wollte. Während er ganz automatisch auf den Verkehr achtete, wandte er sich an den ersten: «Sie studieren also Medizin. Gott sagt in seinem Wort, dass er der Herr, unser Arzt, ist. Wenn dieser Arzt Ihr Leben bestimmen kann und Sie ihn in Ihr Herz aufnehmen, dann – und nur dann – werden Sie ein ganz ausgezeichneter Arzt werden. Und Sie ... » er blickte im Rückspiegel den mittleren an, « ... Sie studieren das Recht? Der König Salomo ist als der weiseste Richter in die Geschichte eingegangen. Und der sagte:

Gottesspruch ist auf des Königs Lippen; beim Rechtsprechen verfehlt sich sein Mund nicht. (Spr. 16,10) Sehen Sie, wie gut es ist, die Bibel zu lesen. Und Sie studieren Theologie?» fragte er den dritten. «Ja, aber erst ein Semester», gab er zu. Er wollte sich offensichtlich nicht in eine theologische Diskussion einlassen. Das hatte Ernst aber auch gar nicht im Sinn.

«Sind Sie bekehrt?» fragte er unvermittelt. Nach einer kurzen Denkpause kam die Antwort, die wenig überzeugend klang: «Ja, schon, eigentlich schon, aber ich halte nichts davon, dies an die grosse Glocke zu hängen.»

«Was war denn die Grundlage aller Predigten des Paulus?» fragte er weiter und gab auch zugleich die Antwort: «War es nicht das Zeugnis seiner Bekehrung? Dieses Zeugnis sollte die Grundlage und der Ausgangspunkt jedes Theologen sein. Achten Sie darauf, nicht auf einer Kanzel zu stehen, bevor Sie ein persönliches Glaubenserlebnis mit Gott gemacht haben. Die Seelen einer Gemeinde werden Ihnen einmal anvertraut. Wie werden Sie sie führen können, wenn Sie nicht selbst von Gott geführt sind?»

Es war still im Auto. Sie waren schon kurz vor Schaffhausen, dem Ziel ihrer Fahrt. Ernst verlangsamte den Wagen und parkte an der Strassenseite.