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Wie junge Musliminnen in Österreich und Deutschland ihre Umwelt erleben Zahlreiche Bücher werden über muslimische Frauen verfasst, wenige von ihnen. Hier schreiben nun Musliminnen aus Österreich und Deutschland über verschiedene Themen, die sie beschäftigen: über Heimat und Karriere, über Alltagsrassismus und Diskriminierungserfahrungen bis hin zu Vielfalt und Integration. Die Sammlung von gesellschaftskritischen Analysen und persönlichen Geschichten gewährt einen Einblick in die Lebenswelten engagierter Musliminnen und gibt auch die kritischen weiblichen Töne der muslimischen Community wieder, die nicht so oft gehört werden. So macht dieses Buch die Vielfalt der muslimischen Frauen sichtbar, die wiederum ein Stück weit zum Dialog und zur Versachlichung beitragen in einem emotionsgeladenen Diskurs um das Thema Islam.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Amani Abuzahra (Hg.)
Amani Abuzahra (Hg.)
Muslimische Frauen am Wort
Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2022
© 2017 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung, Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
Unter Verwendung eines Bildes von Dar Salma – Stephanie Abidi
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
ISBN 978-3-7022-3637-3 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3651-9 (E-Book)
E-Mail: [email protected]
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Für die Veränderung.Für eine Generation, die diese vorantreibt.
„Es kommt nicht darauf an,was man aus uns gemacht hat, sondern darauf,was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.“
(Jean-Paul Sartre in Saint Genet)
Vorwort zur dritten, erweiterten Auflage
Vorwort
Einleitung
Die U3 – oder auch: Die Wege der Integration sind unergründlich
Kevser Muratović
Mein anderes Europa
Amani Abuzahra
Eine Woche mit einer muslimischen Familie: außergewöhnlich ungewohnt
Leyla Derman
Das Kopftuchmädchen
Kübra Gümüşay
Warum ich viele bin und warum wir alle eins sind
Soufeina Hamed
Zurück in die Zukunft: emanzipierte Öko-Punk-Musliminnen
Anja Hilscher
Brauchen wir einen muslimischen Feminismus?
Dudu Küçükgöl
Revolution der Bettlaken
Menerva Hammad
Einzigartig vielfältig
Haliemah Mocevic
Hautfarben
Fatima Moumouni
Anti-Schwarzer Rassismus in muslimischen Communitys
Munira Mohamud
Passend oder unpassend? – Die Kunst des Sprechens
Maisa Pargan
Wie heißt Ihr Großvater?
Nadia Shehadeh
Stolz und Vorurteil – MuslimaPride
Betül Ulusoy
Kurzbiografien der Autorinnen
„Mehr Kopf als Tuch. Muslimische Frauen am Wort“ ist 2017 erstmals veröffentlicht worden. Dieses Buch hat mich in viele Städte Deutschlands, Österreichs und der Schweiz geführt. Interessante Gespräche und tiefgehender Austausch ergaben sich durch die Lesungen. Dass es so viele Muslim*innen berührte und immer noch berührt, freut mich sehr. Weil es Leseperspektiven auf die eigene Welt eröffnet. Weil es motiviert, die eigene Geschichte zu erzählen und niederzuschreiben, wie mir einige mitteilten. Weil Muslim*innen durch die Beiträge der verschiedenen Autorinnen hilfreiche Argumentationen im Austausch für diverse Begegnungen finden. Und viele der nicht muslimischen Leser*innen können in diverse Lebens- und Lesewelten eintauchen, die ihnen sonst fehlen würden.
Inzwischen halten Sie die dritte sowie überarbeitete und erweitere Auflage in den Händen. In den letzten fünf Jahren hat sich viel verändert: Wir haben eine Pandemie hinter uns beziehungsweise ganz abgeschlossen ist sie noch immer nicht. Unser aller Leben wurde gehörig durcheinandergewirbelt, als wir uns von heute auf morgen vor einem hochansteckenden Virus schützen mussten. Plötzlich galt es, die Gesichter zu bedecken: Was vorher Musliminnen noch eine Geldstrafe kostete, wurde nun zur Pflicht. Witzig, wenn es nicht ein so ernstes Thema wäre. Denn wieviel Kraft kostet der Kampf gegen antimuslimische Verbotspolitik und Rassismen in diversen Lebensbereichen? Die Corona-Krise offenbarte eine gewisse Scheinheiligkeit im gesellschaftspolitischen Umgang mit Musliminnen. Aber das haben Krisen nun mal so an sich: Sie fungieren als Lupe und vergrößern bestehende Schwachstellen.
Die Welt hat sich verändert, das Interesse an diesem Buch besteht nach wie vor. Das freut mich sehr und ich lade Sie auf diese Lesereise ein: Dieser Band ist um drei spannende Stimmen reicher. Intersektionaler Feminismus wird unter den Autorinnen groß geschrieben. So begrüße ich drei neue Verfasserinnen, darunter auch Schwarze Autorinnen mit bereichernden Perspektiven sowie die deutschsprachige Schweiz.
Es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – aber Anstöße und neue Impulse.
Danke für Ihr Interesse und das Zulassen anderer Perspektiven.
Wien, im September 2022
Amani Abuzahra
„A Sakkal ah?“, fragt sie ihn im breiten Wiener Dialekt an der Kasse. Die Frage richtet sich an den Kunden, einen jungen Lehrer einer Wiener Schule. Er ist dabei, sich eine Jause zur Mittagspause zu kaufen. Als er die Frage hört, blickt er verwirrt von seiner Geldtasche auf, überlegt kurz, um dann ein Lächeln aufzusetzen. Er stimmt einen leichten Sing-Sang-Ton an: „Asakkallah, asakkallah!“ und wippt dabei mit Kopf und Oberkörper vor und zurück. Ein bisschen nach Bollywood mutet das an. Die Dame an der Kasse ist nun jene mit dem verwirrten Blick, kassiert schließlich und verabschiedet ihn höflich, um sich kopfschüttelnd dem nächsten Kunden zuzuwenden. Der Lehrer packt seine Siebensachen und freut sich insgeheim, dass er auf die ‚muslimische Grußformel‘ kulturell sensibel reagiert hat. Erst als er den Supermarkt verlässt, dämmert ihm, dass es sich bei „A Sakkal ah?“ weder um eine arabische Verabschiedung noch um eine muslimische Grußformel handelt, sondern schlichtweg um die Frage, ob er denn ein Sackerl (dt.: Tüte) für die eingekauften Lebensmittel benötige. Eine durchaus gewöhnliche Frage, der aber eine neue Bedeutung beigemessen wird, da die Kassiererin ein Tuch auf dem Kopf trägt und somit als Muslimin erkennbar ist.
Diese kurze Sequenz, die sich übrigens tatsächlich so zugetragen hat, ist wohl sehr kennzeichnend für die gegenwärtige Situation vieler Musliminnen in Europa. Nämlich, dass scheinbar noch ein langer Weg vor uns liegt, bis Musliminnen als selbstverständlicher, hier lebender, arbeitender, studierender, partizipierender, ja und auch feministischer Teil der Bevölkerung erachtet werden. Der junge Mann aus der Erzählung ist sichtbar irritiert aufgrund des Tuches. Er versucht, kulturell sensibel zu reagieren. Hätte sich das jedoch genauso zugetragen, wenn die Kassiererin kein Tuch getragen hätte?
Vielfältige Geschichten und Lebensrealitäten der Musliminnen sind nicht für alle zugänglich, beziehungsweise nur bedingt angekommen in der hiesigen Gesellschaft. Stattdessen kursiert ein verzerrtes Fremdbild über sie, das oftmals mit dem Selbstbild muslimischer Frauen wenig zu tun hat. Denn obwohl Musliminnen in verschiedenen Berufen und gesellschaftlichen Bereichen anzutreffen sind, wie zum Beispiel als Schülerinnen, Studentinnen, Mütter, Arbeitslose oder Angestellte, Künstlerinnen, Konsumentinnen, Mehrfachbelastete, Gläubige, Zweifelnde, Optimistinnen, Lehrerinnen oder anderes (und somit in der Mitte), werden sie in der Wahrnehmung am Rande der Gesellschaft verortet.
Nach wie vor dominieren Klischees über sie sehr stark in den Köpfen der Menschen: Musliminnen als einen Teil der Bevölkerung wahrzunehmen gilt noch immer nicht als Selbstverständlichkeit. Statt der Vielfalt der Geschichten ist es eine monotone, sich ständig wiederholende Geschichte, nämlich die der unterdrückten, unmündigen, ungebildeten sowie abhängigen, nicht zu vergessen stets kopftuchtragenden Muslimin. Die Schriftstellerin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie formuliert das sich daraus ergebende Dilemma folgendermaßen: „Die einzige Geschichte formt Klischees. Und das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie unwahr sind, sondern dass sie unvollständig sind. Sie machen eine Geschichte zur einzigen Geschichte.“
Genau hier setzt dieses Buch an. Es will den Blick der Leser*innen für den Pluralismus der Lebenswelten muslimischer Frauen sensibilisieren. Es soll die Möglichkeit bieten, sich auf Neues einzulassen, einen neuen Standpunkt einzunehmen und vor allem von Themen zu lesen, die den Frauen ein Anliegen sind und ihnen am Herzen liegen.
Es wird mit diesem Buch ein Zugang geboten, der in dem gegenwärtigen medialen und politischen Diskurs wenig berücksichtigt wird: ihre eigene Geschichte zu erzählen und somit neue Narrative zu schaffen. Denn es sind in der Tat herausfordernde Zeiten, in denen wir leben. Wenn von politischer Seite die Kleidungspraxis der muslimischen Frau (Kopftuch-/Burka-/Burkiniverbote) zu einem Diskussionsthema wird, dann ist dies eine zusätzliche Erschwernis. Denn dieser Diskurs empowert muslimische Frauen nicht, sondern entmündigt sie vielmehr. Musliminnen brauchen keine Fürsprecher*innen, die ihre selbstbestimmte Lebenspraxis als Zwang deuten, egal ob mit oder ohne Tuch.
Dagegen anschreiben, aber auch für eigene Standpunkte und Inhalte eintreten, den durchaus notwendigen kritischen innermuslimischen Diskurs anstoßen: All dies braucht Raum. Raum in den Büchern, Köpfen und Herzen. Für eine neue Generation, angeleitet von Frauen.
Wien, im Juli 2017
Amani Abuzahra
Schenkt man der Einschätzung der Allgemeinheit Glauben, so müsste jeder fünfte Mensch in Deutschland dem Islam zugehörig sein. Dass diese „gefühlte Wahrheit“ gleich vier Mal so hoch ist wie die tatsächliche Zahl, sollte jedoch zu denken geben.1 Ein Faktor für diese verzerrte Wahrnehmung mag unter anderem der ständigen Präsenz des Islams im medialen und politischen Diskurs geschuldet sein. Denn „[a]lle wissen: Nicht nur sex sells, auch Islam sells.“2
Es wäre anzunehmen, dass durch diese hohe Frequenz an Themen mit Islambezug eine Objektivierung stattfindet. Gäbe es mehr Sendungen über den Islam und seine Anhänger*innen, wäre auch das Bild, das entstünde, vielschichtiger und bunter. Leider ist genau das Gegenteil der Fall. „Der Islam wird in den westlichen Medien oft negativ dargestellt. Das schürt die Islamfeindlichkeit in der Bevölkerung – und hilft dem Rechtspopulismus.“3
Mit dem vorliegenden Buch sollen abseits der medialen Trampelpfade neue Wege beschritten werden. Die Grundidee ist jedoch nicht nur eine bunte Auswahl unterschiedlichster Akteurinnen, sondern auch die Vielfalt der zu Papier gebrachten Themen. Musliminnen aus Deutschland und Österreich schreiben über ihre Anliegen. Was fühlen, wünschen, fürchten, träumen oder hoffen sie? Was bereitet ihnen Sorgen, Ärger oder Freude? Welche Erwartungen haben sie an sich selbst, welche an die Gesellschaft? Was sind ihre Vorstellungen vom „guten Leben“? Abseits der Debatten rund um Leitkultur, islamische Kindergärten oder Kopftuchverbote kreisen die Autorinnen um Themen wie Heimat, Spiritualität, Vielfalt, Feminismus, Rassismus, Ausgrenzung, Widerstand, Kunst und Karriere.
Damit ist dieser Band eine Sammlung von gesellschaftskritischen Analysen und persönlichen Erzählungen. Die Autorinnen hatten freie Hand bezüglich der Wahl ihrer Themen sowie in der Gestaltung und der Länge ihrer Beiträge. Auch über diesen Weg soll die Vielfalt sichtbar werden, zum Beispiel, wie unterschiedlich die Herangehensweisen sind.
Der Sammelband gewährt einen authentischen Einblick in Lebenswelten engagierter Musliminnen und gibt die kritischen weiblichen Töne der muslimischen Community wieder.
Denn begibt man sich auf die Suche nach Literatur über muslimische Frauen, so wird man schnell fündig: Zahlreiche Bücher wurden über sie verfasst, wenige von ihnen. Die Darstellungen und Erzählungen über die muslimischen Frauen variieren, jedoch liegt eine Tendenz zur Vereinheitlichung vor – nämlich das Bild der Frau als Objekt der Unterdrückung, die es zu befreien gilt aus der Zwangsehe, Gewaltbeziehung, Unmündigkeit. Die Frage, die unbeantwortet bleibt: Wie sehen muslimisch-weibliche Lebenswelten aus? Gibt es nur eine? Wie wollen muslimische Frauen gesehen werden?
Insofern ist dieses Buch als ein Projekt der breiten „Sichtbarmachung“ der Diversität des muslimisch-weiblichen Lebens in Deutschland und Österreich zu verstehen: vielfältige Frauenrollen in dieser multikulturellen, -ethnischen und -religiösen Gesellschaft. Dieses Buch dient durch ein Aufzeigen der Realitäten der deutschsprachigen Musliminnen ein Stück weit zum Dialog und zur Versachlichung eines emotionsgeladenen Diskurses.
Den Anfang macht KEVSER MURATOVIĆ mit dem Text „Die U3 – oder auch: Die Wege der Integration sind unergründlich“. Sie schreibt über ihre persönlichen Erfahrungen der Migration als Deutschtürkin nach Wien. Sie beleuchtet dabei die Funktion von Sprache und rundet ihren Text kreativ ab.
AMANI ABUZAHRA schreibt in „Mein anderes Europa“ über Europas Identität, Zugehörigkeit und vom Rand der Gesellschaft. In dem Beitrag wird auf das Grenzgängerdasein eingegangen und darauf, welche Chancen sich daraus ergeben können.
Danach entführt uns LEYLA DERMAN in die Höhen und Tiefen ihres familiären Alltags und lässt uns unter dem Titel „Eine Woche mit einer muslimischen Familie: außergewöhnlich ungewohnt“ hinter die Kulissen blicken.
KÜBRA GÜMÜŞAY schreibt in „Das Kopftuchmädchen“ über Spiritualität, Identität und Missachtung und macht diese Themen zugänglich über einen berührenden Dialog.
Im nächsten Beitrag beleuchtet SOUFEINA HAMED die psychologische Funktion von Stereotypen und Vorurteilen. Sie geht in ihrem Text „Warum ich viele bin und warum wir alle eins sind“ auch durch das Zeichnen von Cartoons auf ihren Kampf gegen Vorurteile ein.
Auf eine humorvolle Art und Weise nähert sich ANJA HILSCHER als Konvertitin dem Muslimin-Sein in Deutschland, ohne auszusparen, dass „der Islam“ ein Imageproblem hat. Mehr dazu in ihrem Text unter dem Titel „Zurück in die Zukunft: emanzipierte Öko-Punk-Musliminnen“.
DUDU KÜÇÜKGÖL erörtert die Frage „Brauchen wir einen muslimischen Feminismus?“ und stellt sich der Debatte aus unterschiedlichen Perspektiven. Neben einer innermuslimischen Auseinandersetzung mit den Quellen übt sie Kritik an frauenfeindlichen Zuständen und deren Akteur*innen.
MENERVA HAMMAD lotet weibliche Sexualität im Spannungsfeld zwischen weißem Feminismus, Vorurteilen gegenüber muslimischen Frauen sowie innerhalb muslimischer Communitys unter dem Titel „Revolution der Bettlaken“ aus.
Im nächsten Beitrag „Einzigartig vielfältig“ widmet sich HALIEMAH MOCEVIC pointiert den Themenfeldern der Vielfalt, Solidarität und Zugehörigkeit.
FATIMA MOUMOUNI bearbeitet auf künstlerisch-poetische Weise in ihrem Text namens „Hautfarben“ das Thema Weiß-sein und macht damit einhergehende Privilegien weißer Menschen sichtbar: nämlich unter anderem nicht mit negativen Stereotypen assoziiert zu werden im Gegensatz zu Schwarzen.
Im Beitrag von MUNIRA MOHAMUD wird „Anti-Schwarzer Rassismus in muslimischen Communitys“ ausgeleuchtet. Nach einem historischen Abriss geht sie auf gegenwärtige diskriminierende Praxen gegenüber Schwarzen Muslim*innen ein.
Im Artikel von Maisa Pargan „Passend oder unpassend? – Die Kunst des Sprechens“ widmet sie sich dem omnipräsenten Bereich der Sprache und dessen Folgen in Bezug auf die gesellschaftliche Teilhabe.
NADIA SHEHADEH schreibt in einem eindrucksvollen Reisebericht über ihre ganz persönlichen Erfahrungen im Land ihrer Großeltern, abseits von Klischees und falschen Annahmen unter dem Titel „Wie heißt Ihr Großvater?“.
Im letzten Beitrag „Stolz und Vorurteil – MuslimaPride“ geht BETÜL ULUSOY auf das Phänomen der Bevormundung und Gegenstrategien ein.
Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit in der Abbildung der Realität muslimischer Frauen. Vielmehr sollen die Textbeiträge dazu dienen, Impulse zu setzen, um muslimische Frauen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Letztendlich geht es um eine Normalisierung muslimischen Lebens in den hiesigen Gesellschaften.
Die Abbildung der Lebenswelten muslimischer Frauen wird aber hoffentlich auch andere Menschen dazu inspirieren, sich zu emanzipieren, um damit einen Beitrag zu einer gerechteren und sozialeren Welt zu leisten. Dafür braucht es Frauen, die sichtbar werden mit ihren Geschichten und auch einen entsprechenden Raum in der allgemeinen Wahrnehmung einnehmen. So laut und deutlich mit ihrer Botschaft, dass man sie weder ignorieren noch missdeuten kann.
1
Perceptions are not reality: what the world gets wrong,
https://www.ipsos.com/ipsos-mori/en-uk/perceptions-are-not-reality-what-world-gets-wrong?language_content_entity=en-uk
.
2
Kaddor, Lamya: „Viele Muslime wenden sich innerlich von Deutschland ab“,
http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-03/integration-islamophobie-deutschland/seite-3
.
3
Hafez, Kai: „Der Islam hat eine schlechte Presse“,
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-12/islam-verstaendnis-medien-berichter-stattung-populismus-gefahr
.
Kevser Muratović
Als ich das Thema des ersten muslimischen Kreativwettbewerbs in Österreich erfuhr, hatte ich wenig Anlass, überrascht zu sein: INTEGRATION (sic!).
Ich konnte also wieder einmal getrost feststellen, dass „Integration nach über 30 Jahren wieder in Mode“ war, um wenig später ebenso wie Mark Terkessidis zu konstatieren: „Sehr sinnvoll ist das nicht.“1 Nicht, dass ich eine Integrationsgegnerin oder gar -verweigerin wäre, von denen es zumindest laut Thilo Sarrazin nur so wimmeln dürfte, aber die Tatsache, dass sich dieses Thema seit Jahrzehnten hartnäckiger und nachhaltiger als die globale Erwärmung (und die ist ja wirklich besorgniserregend) in der öffentlichen Diskussion hält, hat etwas Ermüdendes an sich. Ermüdend zum einen, weil die Integrationsthematik wirklich eigenartige Auswüchse hervorgebracht hat, von vermeintlichen Kronzeugen2 bis hin zu pseudowissenschaftlichen Überbevölkerungsneurosen, zum anderen aber auch, weil nach zig Tagungen, etlichen Symposien und Arbeitskreisen, noch mehr Dialogforen und Diskussionsrunden keine wesentliche Veränderung oder Verbesserung erreicht werden konnte. Wenn man mich denn nun fragt, worin diese Veränderung und Verbesserung eigentlich bestehen soll, so muss ich ehrlich gestehen, dass ich es nicht mehr weiß. Ja genau, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht habe ich es im Getöse der letzten Jahrzehnte vergessen; aber vielleicht sehe ich auch einfach keine Notwendigkeit mehr darin, mich daran zu erinnern: In der charmanten Universitätsstadt Tübingen geboren, wuchs ich unweit von dort im allseits bekannten Schwabenländle auf. Spätzle standen bei uns genauso auf dem Tisch wie Pizza und Pasta, im Gegensatz zu Döner übrigens. Ich war im Volleyballverein und habe Reitsport getrieben, war ehrenamtlich tätig und habe am Wochenende das Gemeindeblättle ausgetragen, um mir ein Taschengeld zu verdienen. Ich habe auf Deutsch gelernt, gesungen, studiert und abgeschlossen. Ganz normal eben.
Die einzige Frage, die mir in diesem Zusammenhang wirklich legitim erscheint, ist: Warum bin ich eigentlich keine Kronzeugin geworden? Oder all die anderen, die eine ähnliche Geschichte erzählen könnten? Nun ja, vermutlich ist es die falsche. Wie auch immer, zurück zum Kreativwettbewerb oder dazu, warum ich mich trotz allem dafür entschied, an diesem Wettbewerb mit diesem Thema teilzunehmen.
Der einmal ins Rollen gebrachte Integrationsschneeball hat mittlerweile so eine Wucht entwickelt, der sich realistisch gesehen einfach keiner mehr entziehen kann, auch nicht meine Wenigkeit oder sagen wir es so: besonders meine Wenigkeit nicht. Einen Migrationshintergrund zu haben, bedeutet letztendlich, auf das Thema Integration eingeschworen zu sein, ob man will oder nicht. So konnte ich nicht umhin, mich doch vom Thema des Wettbewerbs angesprochen zu fühlen. Denn einen Migrationshintergrund zu haben, bedeutet letztendlich auch von Anfang an, dass Differenz das ausschlaggebende Prinzip ist, wie man selber seine Umwelt betrachtet, als auch von dieser betrachtet wird. Allerdings, und das muss dazu gesagt werden, ist diese Differenzlinie alles andere als freiwillig gewählt. Ich habe mich jetzt hin und her gewunden und versucht, das Unvermeidliche zu vermeiden, um nicht einen weiteren Begriff zu tangieren, der ähnlich wie „Integration“ eine wurmlochähnliche Wirkung entfaltet; aber vergeblich! Wenn ich über Differenz schreibe, so muss ich auch schreiben, worin sich diese manifestiert: Identität. Oder um genauer zu sein, der Teil meiner Identität, der anders ist, als anders und fremdartig wahrgenommen wird, als maßgeblicher Unterschied, als nennens- und bemerkenswerte Unterscheidung. Amin Maalouf drängt sich hierbei auf, wenn er schreibt: „Oft neigt man übrigens dazu, sich gerade in seiner am stärksten angegriffenen Zugehörigkeit wiederzuerkennen. […] Aber ganz gleich, ob man sie annimmt oder versteckt, sich diskret oder lautstark zu ihr bekennt: sie ist es, mit der man sich identifiziert. Die betreffende Zugehörigkeit […] beherrscht dann die gesamte Identität.“3 Die Festschreibung auf ein einziges Identitätsmerkmal ist ein enges Korsett, dessen einschränkende Wirkung mal mehr, mal weniger stark empfunden wird. Es war und ist mir schon immer ein großes Rätsel gewesen, warum Menschen mit Migrationshintergrund bestenfalls Spezialisten für Migrationsthemen sein konnten. Diese „exotistische Instrumentalisierung“4 betrachte ich als großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und auch persönlichen Verlust. Sie verstellt den Blick auf die vielen Identitätsanteile, die einen jeden Menschen aus- und auch so flexibel machen. Alle diese Anteile zu sehen, kennenzulernen, zu nutzen hätte eine äußerst befreiende Wirkung für beide Seiten: sowohl für diejenigen, die als Migranten, als auch für diejenigen, die als Nichtmigranten beschrieben werden.
Diese befreiende Wirkung erfuhr ich selber, kurz nachdem ich meinen Lebensmittelpunkt von Tübingen nach Wien verlegt hatte, bei einer U-Bahn-Fahrt mit der U 1. So mich meine Erinnerungen nicht täuschen, war es die Haltestelle Karlsplatz – damals wie heute eher wenig beliebt bei den Wienern –, als ich mit einem Schwall Menschen ausstieg, um Richtung Rolltreppe zu gehen und mir eines schlagartig bewusst wurde: Ich war ein Mensch unter vielen! Niemand wollte oder konnte sich die Zeit nehmen, mich aufgrund meines Kopftuches anzugaffen. Ich war – wenn auch nur für einige Minuten – ein Mensch, der aus der U-Bahn ausgestiegen war. Nicht mehr und nicht weniger. So äußerte sich die viel kritisierte Anonymität einer Großstadt für mich denkbar positiv und erhellend! Wenn man sich dann aus den Tiefen der U-Bahn-Haltestelle an das Tageslicht befördert hatte und am Ring vor der Oper stand, war man neben den ganzen chinesischen, arabischen, indischen, russischen, europäischen Touristen, neben den ganzen Backpackers, Geschäftsleuten, Punks und Diven alles andere als anders.
Ich will nicht in nostalgischen Erinnerungen schwelgen oder Österreich als Schlaraffenland für Muslime stilisieren, aber das Gefühl, dass mein Kopftuch nicht gesehen wird und somit meine augenscheinlich einzige Differenzlinie zur Mehrheitsgesellschaft (wie sehr ich diese Begriffe doch nicht mag!), ist für mich mit Wien verbunden. Hier hatte ich das Gefühl zum ersten Mal und noch viele Male danach. Deswegen spielen Wien, die U-Bahn sowie alle Begriffe in und um den Integrationssalat eine Rolle für mein Gedicht, das ich im Rahmen des Kreativwettbewerbs verfasst habe. Ich bin froh darüber, dass ich, meiner Identität als Migranten-Andere folgend, die Möglichkeit der kreativen Auseinandersetzung mit dem Integrationsthema in Anspruch genommen habe, worin ich übrigens den besonderen Wert des Creative Muslim Contest auch ausmachen kann. Das „Problem Integration“ aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und mit kreativer Distanz zu durchleuchten, hatte etwas Befreiendes. Meines Erachtens konnten auf diese Weise neue Handlungsspielräume generiert werden, da vollkommen andere, eher unerprobte Fähigkeiten und Kompetenzen – nämlich kreative und gestalterische – zum Zuge kamen. Die Übersetzung der eigenen Integrationserfahrungen in die Sprache der Kunst und Ästhetik erfordert nämlich das Beherrschen der verschiedenen „Sprachen“: die Muttersprache, die Mehrheitssprache, die Integrationssprache und die Kunstsprache. Mit Humboldt gesprochen: „Durch die Mannigfaltigkeit der Sprachen wächst unmittelbar für uns der Reichthum der Welt und die Mannigfaltigkeit dessen, was wir in ihr erkennen; es erweitert sich zugleich dadurch für uns der Umfang des Menschendaseyns, und neue Arten zu denken und empfinden stehen […] vor uns da.“5
Hier nun mein Gedicht:
Die U3 – oder auch:Die Wege derIntegrationsindunergründlich.
Integration
in 25 Minuten.
Von Station zu Station
ohne Komplikation?
Das wäre eine Sensation!
OTTAKRING
Einsteigen bitte!
Es beginnt …
1890 Eingemeindung Ottakrings in Wien.
Per Definition
ganz ohne Komplikation.
Einfache Inklusion!
JOHNSTRASSE
Ach, Franz Xaver John!
Du wurdest belohnt für deine
„erfolgreiche Insubordination“.
Heute ich
nur Exklusion,
manchmal sogar Aversion.
WESTBAHNHOF
Knotenpunkt.
43.000 Personenfrequenz.
Menschenakkumulation
unproblematische Transaktion
Geben und Nehmen in Aktion.
NEUBAUGASSE
Entstanden nach der 1. Türkenbelagerung.
Nicht die letzte Konfrontation.
VOLKSTHEATER
Gegründet für die breite Masse.
Eine wunderbare Intention:
Gesellschaft ohne Segregation.
Auch für Migration?
STEPHANSPLATZ
Wiens Hauptattraktion!
1964 Anwerbeabkommen Österreichs mit der Türkei.
Die 1. Generation.
Sicherlich eine Irritation.
ROCHUSGASSE
Zu Ehren des unheiligen Heiligen
Rochus von Montpellier.
Wie, Religion als Tradition?
In dieser Region?
KARDINAL-NAGL-PLATZ
1911 Ernennung Franz Xaver Nagls zum Erzbischof.
1912 Anerkennung des Islams in Österreich.
Schon wieder Religion?!
Ist das Segregation?
Nein!
Einfach Teil der Immigration.
Für mich
Teil der Partizipation.
ENKPLATZ
Michael Leopold Enk von der Burg.
Selbstmörderischer Schriftsteller.
Ist das eine Option?
SIMMERING
1892 Eingemeindung Simmerings in Wien.
War das Assimilation?
Oder Infiltration?
Oder vielleicht doch ein Schritt zur Perfektion.
Von Ost nach West
in 25 Minuten.
Von Station zu Station
ein Stück Integration,
mit Komplikation
als Sensation
für Perfektion;
aber sicher ist
die unbekannte Endstation.
1
Terkessidis, Mark (2010): Interkultur. Berlin, 6. Aufl., S. 7.
2
Beck-Gernsheim, Elisabeth (2007): Wir und die Anderen. Kopftuch, Zwangsheirat und andere Missverständnisse, Frankfurt a. Main, S. 79.
3
Maalouf, Amin (2000): Mörderische Identitäten. Frankfurt am Main, S. 27f.
4
Mecheril, Paul (Hg.) u. a. (2010): Handbuch Migrationspädagogik. Weinheim und Basel, S. 81.
5
Humboldt, Wilhelm von (2007): Werke in fünf Bänden (1960–81), Bd. V, hg. von Andreas Flitner und Klaus Giel. Darmstadt, S. 111.
Amani Abuzahra
Ich bin etwas aufgeregt. Es ist eine der ersten Lesungen meines Buches „Kulturelle Identität in einer multikulturellen Gesellschaft“. Der Saal ist gut gefüllt mit einer bunt gemischten Zuhörerschaft. Ich werde begrüßt, vorgestellt und halte anschließend meine Lesung. Die Zeit vergeht wie im Flug. Als ich fertig bin, habe ich ein gutes Gefühl; die wichtigsten Stellen habe ich klar artikuliert und bin nun gespannt auf die Reaktionen des Publikums.
Es meldet sich ein Mann mittleren Alters, der zunächst weit ausholt, über sich und seinen wissenschaftlichen Werdegang erzählt, um dann seine Frage zu formulieren. Eine Frage, die ich immer wieder gestellt bekomme in unterschiedlichen Kontexten, ob in einem Dialog im Alltag, im Rahmen einer Podiumsdiskussion oder unter einem meiner Postings auf Social Media, ja sogar in einem Workshop für Doktorand*innen, als ich meinen Forschungsschwerpunkt präsentierte. Die Frage lässt viele nicht los. Sie ist eine immer wiederkehrende. Aber für mich keine irritierende. Sie zeigt mir vielmehr die Irritation meines Gegenübers. Die Frage verdeutlicht, was ich bei meinen Gesprächspartner*innen oder manchen im Publikum auslöse.
Zurück zur Lesung: Es handelt sich also um die erste Rückmeldung, die ich nach meinen Ausführungen von dem Zuhörer erhalte: „Warum kritisieren Sie nicht Ihre eigene Gesellschaft? Warum bemängeln Sie nicht zuerst Ihre Gemeinschaft, bevor Sie uns kritisieren?“ Diese Fragen sind eigentlich keine Fragen, vielmehr ein Kommentar. Es stört ihn, dass ich in meinem Buch unter anderem Europa und Österreich kritisiere – die europäische Gesellschaft. Ob das nicht authentischer wäre, wenn ich meine eigene kritisiere, will er wissen?
Ich erwidere fragend, was er denn unter „meine eigene“ subsumiere? Und frage mich weiter: Ist wohl eine Gesellschaft gemeint, die sich jenseits der Landesgrenzen Europas verorten lässt – vermutlich gar ein sogenanntes „muslimisches“ Land (wie auch immer man das definieren mag)? Oder etwa gleich „der Islam“ oder „die muslimische Gemeinschaft“, wenn er „meine Gemeinschaft“ anspricht? Oder zielt er mit der Frage nach „meiner Gemeinschaft“ auf die der Philosoph*innen ab, deren ich mich durch mein Studium und Forschen zugehörig fühle?
Ich bin erstaunt. Eigentlich irritiert mich ja der Duktus dieser Fragen nicht (mehr). Und doch bin ich überrascht, da ich mir dieses Denken in „Wir“ versus „Ihr“ in diesem Rahmen nicht erwartet hätte. Naiv, ich weiß.
Durch seine Fragen zieht er eine Trennlinie: „Wir“ versus „Ihr“. Sollte ich mich demnach nicht viel mehr in Demut üben und dankbar sein, in Europa zu leben, statt Kritik auszuüben, so der Grundton der darauffolgenden Diskussion.
