Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Verloren im Dschihad, mit Drogen und Alkohol, schlittert ein Junge durchs Leben. Die diversen Gefängnisse und Psychiatrien können ihm auch keinen Halt geben in seinem Streben nach Respekt und Anerkennung, und der Ruf nach einem Vater begleitet seine Schilderungen vom Anfang bis ans Ende. Empfehlenswert
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Mein Dank gilt Frau Haylo Karres, die mir im Gefängnis ermöglichte, dieses Buch zu schreiben und anschließend zu veröffentlichen.
Mein Freund, der Dschihadist
Meine Kindheit
Schulanfang
Jugend
Meine erste Freundin
Heimaufenthalte
Jugendarrest
Verhandlung
Zweiter Jugendarrest
In Freiheit
Die Scheiße fängt von vorne an
Hoffnung
Ich erinnere mich heute noch genau an den Tag, an dem alles anfing. Ich war schon einschlägig vorbestraft, und da kam eines Tages ein junger Mann auf mich zu und begann mit mir zu sprechen. Wir rauchten zusammen eine Zigarette nach der anderen, und er fragte mich: „Bist du Moslem?“
„Ja, bin ich“, antwortete ich ihm, „aber in Deutschland geboren.“ Es war ein kurzes Gespräch, doch ich wusste, dass ich diesen Jungen wiedersehen würde, und hätte nie damit gerechnet, was danach noch alles auf mich zukommen sollte.
Zwei Wochen später, als ich in Limburg unterwegs war, da sah ich ihn wieder. Wir begrüßten uns und er fragte mich: „Furkan, willst du für unsere Religion kämpfen?“ „Wieso?“, fragte ich erstaunt.
„Sieh dir doch nur die ganzen Leute mal genauer an“, bat er mich. „Die sind alle ausländerfeindlich, und wenn wir dagegen demonstrieren“, behauptete er, „dann werden die schon ihre Klappe halten.“
„Ich denke nicht“, erwiderte ich skeptisch, „dass sie ihre Klappe halten werden.“
„Dann müssen wir die Waffen in die Hand nehmen und uns so bemerkbar machen“, behauptete er. „Allah ist groß und er verdient es, nicht beleidigt zu werden.“
Ich gab ihm Recht, und so ging ich mit ihm. Wir erreichten seine Wohnung, die in der Nähe der Stadt lag. Als wir die Wohnung betraten, saßen dort drei meiner engsten Freunde auf der Couch. Taram, dem die Wohnung gehörte und der mich mitgenommen hatte, obwohl wir uns fast gar nicht kannten, fragte: „Willst du was trinken?“ Er ging an den Kühlschrank, wobei ich gar nicht antworten konnte, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, mir die Wohnung von Kopf bis Fuß anzusehen. Meine drei engsten Freunde, Mustafa, Ahmet und Kahn, die auch erst fünfzehn Jahre alt waren, sagten: „Setz dich endlich hin und trink was. Entspann dich. Hier ist die Zentrale der Gotteskrieger.“ Ich dachte nur: „Oh mein Gott, die meinen das ja ernst.“ Darauf ich antwortete: „Ey Leute, jetzt mal ganz ehrlich, glaubt ihr denn wirklich an den Scheiß, was die uns versuchen einzutrichtern?“ Danach drehte ich mich um und wollte gehen.
„Bevor du gehst“, meldete sich Mustafa, „höre uns vorher zu. Und wenn du danach der Meinung bist, dass das hier alles Quatsch ist, was wir erzählen, dann kannst du gehen.“
„Okay“, dachte ich und bin geblieben.
Darauf begrüßte Taram mit einem Gebet die Runde. Nach dem Gebet wurde über die Ungläubigen gelästert, oder sie erschufen puren Hass, indem sie ihre eigenen Reden für Demonstrationen schrieben.
Im Nachhinein kann ich bis heute nicht erklären, warum ich in dieser Wohnung geblieben bin. Wobei ich in manchen ihrer Reden ihrer Meinung war.
Nach ein paar Wochen verkündeten Taram und Kahn: „Wir gehen heute auf eine Demonstration.“
Ich schloss mich ihnen an und musste feststellen, dass es dort nur um die Religion ging. Wenn ich heute daran denke, finde ich es einfach nur abscheulich, dass ich einmal an so etwas teilgenommen habe. Na ja, wie sagt man so schön? Hinterher ist man immer schlauer.
Als wir in der Frankfurter Innenstadt ankamen, sah man bereits von Weitem die ganzen Moslems, die sich Gotteskrieger nannten, so auch der bekannte Dschihadist und ehemaliger Rapper Deso Doc, der im normalen Leben Dennis Kussbart heißt. Ich war fasziniert von ihm, weil ich mir seine Musik rauf und runter reinzog. Ich habe ihn mir schon vor dieser Begegnung zum Vorbild genommen, weil er einfach gute Mucke machte. Ich sprach mit ihm, wobei er schnell fort musste, zu einer anderen Demo, dabei gab er mir zum Abschied seine Handynummer, damit ich ihn anrufen konnte, um weitere Sachen zu klären, wenn ich ein Gotteskrieger werden wolle.
Wir standen an der Konstablerwache und es war eine Menge los. Jeder rief: „Allah ist groß!“, und schwenkte die Flagge vom Islamischen Staat. Ich war fassungslos. Eben hatte ich noch meinen Rapper gesehen, den ich über alles liebte und verehrte, und jetzt schwang ich selbst die Fahne des Dschihad hin und her. Irgendwann kamen ein paar Neonazis vorbei, die „Verpisst euch!“ riefen. „Ihr könnt froh sein, dass ihr nicht damals geboren wurdet, sonst wärt ihr alle vergast worden!“ Darauf gingen wir alle auf sie los und bewarfen sie mit Flaschen und Steinen. Als dann die Polizei kam, verhaftete sie uns alle. Wir erhielten eine Anzeige wegen dem Tragen von verfassungswidriger Organisationen.
Geschockt von diesem Erlebnis habe ich mich dann von all dem abgewandt, wurde jedoch vom Hessischen Landeskriminalamt auf einer Liste als Dschihadist verewigt und sollte danach streng überwacht werden. Heute jedoch, wenn ich darüber nachdenke und mir vorstelle, dass wenn ich dabeigeblieben wäre, dann wäre ich jetzt ein Dschihadist, oder? Vielleicht auch auf dem Schlachtfeld gestorben. Das Thema bei der ganzen Sache ist doch sehr einfach. Ich habe denen alles geglaubt, was die mir versucht haben einzutrichtern, und das können diese Leute sehr, sehr gut.
Nun bin ich dabei, im Gefängnis ein Buch zu schreiben, und in der Erinnerung muss ich sagen, dass ich damals dachte, dass eigentlich alles das mit den Dschihadisten meine Privatsache wäre. Aber das war falsch gedacht. Ich bin einfach nur ein Krimineller, der jetzt gerne was von seinem Leben preisgibt, damit andere was davon lernen können, damit Jugendliche zukünftig nicht den gleichen Fehler wie ich begehen. Dabei hoffe ich sehr, dass auch Eltern mein Buch lesen, um zu sehen, wie es bei mir anfing, damit sie ihre Kinder besser schützen können.
Es fing bei mir alles sehr langsam an, somit sollten die Eltern die Veränderung ihres Kindes früh erkennen.
Die Dschihadistenszene habe ich auch für meinen Vater geschrieben. Ich habe nicht viel Kontakt zu ihm gehabt, und es hätte ja sein können, dass das Verhältnis zu meinem Vater besser gelaufen wäre, wenn ich zu ihm gesagt hätte: „Vater, ich bin Moslem, und dazu noch radikal.“ Vielleicht hätte er mich auch links liegen lassen, wie immer, und es hätte nichts an unserm Verhältnis geändert. Wobei er manchmal auch stolz auf mich war, wenn wir gemeinsam zur Moschee gingen und er mir das Beten beibrachte. Mir gefiel schon immer diese Religion. Dieses Beten ist einfach, muss ich zu meiner Entschuldigung sagen. In der christlichen Kirche, na ja, meine Mutter ist auch nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen, wobei meine Mutter sehr ergreifend den Glauben zelebrieren kann, und das akzeptierte ich. Die ganze Dschihadistenszene konnte ich, so weit, so gut, von meiner Familie fernhalten, wobei meine Familie auch nie etwas gemerkt hat, wenn ich mit dem Hund rausging, um mich heimlich mit den Glaubensbrüdern zu treffen. Da sprachen wir über mögliche Gefahren von den Nazis, der Polizei, dem LKA oder dem Bundesverfassungsschutz. Was ich bis heute komisch finde ist, dass ich eigentlich vom LKA als Dschihadist gelistet und daher streng überwacht werden müsste, was eben nicht passiert ist, daher ich mich auch nicht wundere, dass es jetzt so viele Anschläge gibt. Wir hätten strenger überwacht werden müssen, finde ich. Wobei ich im Nachhinein beim Schreiben feststellen muss, dass ich mich hasse, überhaupt daran teilgenommen zu haben. Ich dachte mir damals, dass wir einfach unsere Landsleute und unsere Religion schützen
