Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Mein Herz in zwei Welten E-Book

Jojo Moyes  

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Mein Herz in zwei Welten - Jojo Moyes

«Trag deine Ringelstrumpfhosen mit Stolz. Führe ein unerschrockenes Leben. Fordere dich heraus. Lebe einfach.»Diese Sätze hat Will Louisa mit auf den Weg gegeben. Doch nach seinem Tod brach eine Welt für sie zusammen. Es hat lange gedauert, aber endlich ist sie bereit, seinen Worten zu folgen, und wagt in New York den Neuanfang. Die glamouröse Welt ihrer Arbeitgeber könnte von Lous altem Leben in der englischen Kleinstadt nicht weiter entfernt sein. Dort ist ein Teil ihres Herzens zurückgeblieben: bei ihrer liebenswert chaotischen Familie und vor allem bei Sam, dem Mann, der sie auffing, als sie fiel. Während Lou versucht, New York zu erobern und herauszufinden, wer Louisa Clark wirklich ist, muss sie feststellen, wie groß die Gefahr ist, sich selbst und andere auf dem Weg zu verlieren. Und am Ende muss sie sich die Frage stellen: Ist es möglich, ein Herz zu heilen, das in zwei Welten zu Hause ist?

Meinungen über das E-Book Mein Herz in zwei Welten - Jojo Moyes

E-Book-Leseprobe Mein Herz in zwei Welten - Jojo Moyes

Jojo Moyes

Mein Herz in zwei Welten

Roman

Aus dem Englischen von Karolina Fell

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

«Trag deine Ringelstrumpfhosen mit Stolz. Führe ein unerschrockenes Leben. Fordere dich heraus. Lebe einfach.»

Diese Sätze hat Will Louisa mit auf den Weg gegeben. Doch nach seinem Tod brach eine Welt für sie zusammen. Es hat lange gedauert, aber endlich ist sie bereit, seinen Worten zu folgen, und wagt in New York den Neuanfang. Die glamouröse Welt ihrer Arbeitgeber könnte von Lous altem Leben in der englischen Kleinstadt nicht weiter entfernt sein. Dort ist ein Teil ihres Herzens zurückgeblieben: bei ihrer liebenswert chaotischen Familie und vor allem bei Sam, dem Mann, der sie auffing, als sie fiel. Während Lou versucht, New York zu erobern und herauszufinden, wer Louisa Clark wirklich ist, muss sie feststellen, wie groß die Gefahr ist, sich selbst und andere auf dem Weg zu verlieren. Und am Ende muss sie sich die Frage stellen: Ist es möglich, ein Herz zu heilen, das in zwei Welten zu Hause ist?

Über Jojo Moyes

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. Mit «Ein ganzes halbes Jahr» gelang ihr international der Durchbruch. Der Roman wurde in über 40 Sprachen übersetzt und stand auch in Deutschland monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste. Jojo Moyes lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf dem Land in Essex.

Für meine liebe Saskia: Trage deine Ringelstrumpfhosen mit Stolz.

Erkenne dich selbst und mache dich dementsprechend zurecht.

Epiktet

Kapitel 1

Es war der Schnurrbart, bei dem ich daran denken musste, dass ich nicht mehr in England war; ein breiter, grauer Tausendfüßler, der die Oberlippe des Mannes vollständig verdeckte; ein Village-People-Schnurrbart, ein Cowboy-Schnurrbart, ein Miniaturbesen, der ankündigte, dass es jetzt ernst wurde. Solche Schnurrbärte gab es zu Hause einfach nicht. Ich konnte kaum den Blick davon abwenden.

Der einzige Mensch, den ich zu Hause je mit so einem Schnurrbart gesehen hatte, war Mr. Naylor, unser Mathematiklehrer, und bei ihm hatten sich Kekskrümel darin verfangen, die wir während der Algebrastunde zählten.

«Ma’am?»

«Oh. Sorry.»

Der uniformierte Mann winkte mich mit seinem dicklichen Zeigefinger nach vorn. Er sah nicht von seinem Bildschirm auf. Ich wartete vor dem Schalter; nach dem Langstreckenflug trocknete langsam der Schweiß in meinem Kleid. Der Mann hob eine Hand und wackelte mit vier fetten Fingern. Das, begriff ich nach mehreren Sekunden, war die Aufforderung, ihm meinen Pass zu geben.

«Name.»

«Der steht doch da», sagte ich.

«Ihr Name, Ma’am.»

«Louisa Elizabeth Clark.» Ich spähte über den Counter. «Aber Elizabeth benutze ich nie. Meiner Mutter ist nämlich nach der Taufe aufgefallen, dass sich die Namen viel zu ähnlich sind und es idiotisch klingt, sie hintereinander auszusprechen. Mein Dad findet allerdings, das passt irgendwie. Nicht, dass ich eine Idiotin wäre. Ich meine, Sie wollen schließlich keine Idioten im Land haben. Haha!» Meine Stimme hallte schrill von der Plexiglasscheibe zurück.

Der Mann sah mich zum ersten Mal richtig an. Er hatte breite Schultern und einen Blick, der einen niederstrecken konnte wie ein Taser.

Er lächelte nicht. Er wartete ab, bis mein eigenes Lächeln verschwunden war.

«Sorry», sagte ich. «Leute in Uniform machen mich immer nervös.»

Ich warf einen Blick über die Schulter in die Ankunftshalle, auf die Schlange der anstehenden Menschen, die sich so oft gewunden hatte, dass sie zu einem undurchdringlichen Menschenmeer geworden war. «Das ist wirklich die längste Schlange, in der ich je gestanden habe. Ich hatte schon überlegt, ob ich anfange, meinen Wunschzettel für Weihnachten zu schreiben.»

«Legen Sie Ihre Hand auf den Scanner.»

«Beeindruckend.»

«Der Scanner?» Er runzelte die Stirn.

«Die Schlange.»

Aber er hörte mir nicht mehr zu. Er musterte etwas auf seinem Bildschirm. Ich legte meine Finger auf die Sensorfläche des Scanners. Und dann kam ein «Ping» von meinem Telefon.

Mum: Bist du gelandet?

Ich wollte mit der freien Hand eine Antwort tippen, aber der Mann musterte mich streng.

«Ma’am, es ist in diesem Bereich verboten, Mobiltelefone zu benutzen.»

«Es ist nur meine Mum. Sie will wissen, ob ich hier bin.» Ich versuchte mehrmals, auf das Daumen-hoch-Emoji zu drücken, während ich das Handy wegsteckte.

«Grund der Reise?»

Was ist das?, kam augenblicklich Mums Antwort. Sie hatte sich beim SMS-Schreiben vom ersten Augenblick an so wohl gefühlt wie ein Fisch im Wasser und konnte inzwischen schneller tippen als sprechen. Und schon das erfolgte im Maschinengewehrtempo.

Du weißt, dass mein Handy diese kleinen Bilder nicht kann. Ist das ein SOS? Louisa, schreib, dass du o. k. bist.

«Grund der Reise, Ma’am.» Der Schnurrbart zuckte vor Verärgerung. Langsam fügte er hinzu: «Was führt Sie in die Vereinigten Staaten?»

«Ich habe einen neuen Job.»

«Und der wäre …»

«Ich werde für eine Familie in New York arbeiten. Am Central Park.»

Möglicherweise hoben sich die Augenbrauen des Mannes für einen winzigen Moment um einen Millimeter. Er checkte die Adresse auf meinem Formular.

«Was für eine Art Arbeit?»

«Das ist ein bisschen kompliziert. Aber ich bin so etwas wie eine bezahlte Begleiterin.»

«Eine bezahlte Begleiterin.»

«Also … ich habe früher für einen Mann in England gearbeitet. Ich war seine bezahlte Begleiterin, aber ich habe ihm auch seine Tabletten gegeben und bin mit ihm rausgegangen und habe ihn gefüttert – das ist übrigens gar nicht so seltsam, wie es klingt –, weil er seine Hände nicht gebrauchen konnte. Es war überhaupt nichts Perverses oder so. Das Ding ist, es ist schwer, den Leuten nicht nahezukommen, um die man sich kümmert, und Will – so hieß er – war einfach unglaublich, und wir … na ja, wir haben uns ineinander verliebt.» Zu spät wurde mir das vertraute Gefühl bewusst, mit dem mir die Tränen kamen. Ich wischte mir hastig über die Augen. «Es wird also so was in der Art, schätze ich. Bis auf das mit der Liebe. Und das mit dem Füttern.»

Der Beamte von der Einwanderungsbehörde starrte mich an. Ich versuchte zu lächeln.

«Also eigentlich weine ich nicht, wenn ich über die Arbeit rede. Ich bin nämlich keine Idiotin, trotz meines Namens. Hah! Aber es war eben nicht irgendein Job. Ich habe ihn geliebt. Und er hat mich geliebt. Und dann hat er … na ja, er hat beschlossen, sein Leben zu beenden. Und das hier ist so was wie mein Versuch, einen Neuanfang zu machen.»

Die Tränen liefen mir nun aus den Augenwinkeln, unaufhörlich, peinlich. Ich konnte es nicht verhindern. Ich konnte anscheinend überhaupt nichts verhindern.

«Sorry. Muss der Jetlag sein. Es wäre für mich jetzt ungefähr zwei Uhr morgens, verstehen Sie? Außerdem rede ich eigentlich nicht mehr über ihn. Ich meine, ich habe einen neuen Freund. Und er ist toll! Er ist Sanitäter! Und richtig sexy! Das ist, als hätte man in der Männer-Lotterie gewonnen, oder? Ein sexy Sanitäter!»

Ich kramte in meiner Handtasche nach einem Taschentuch. Als ich aufsah, hielt mir der Mann eine Schachtel mit Papiertüchern hin.

Ich nahm eins.

«Danke. Also jedenfalls arbeitet mein Freund Nathan hier – er kommt aus Neuseeland –, und er hat mir geholfen, diese Stelle zu kriegen, und ich weiß eigentlich gar nicht, was ich alles zu tun habe, außer dass ich mich um die Frau eines reichen Mannes kümmern soll, die Depressionen hat. Aber ich habe beschlossen, dass ich dieses Mal Wills Erwartungen gerecht werde, bis jetzt habe ich das nämlich nicht geschafft. Zuletzt habe ich in einem Irish Pub im Flughafen gearbeitet.»

Ich erstarrte. «Nicht … oh … dass irgendwas daran auszusetzen wäre, wenn jemand in einem Flughafen arbeitet! Ich bin sicher, dass die Einwanderungsbehörde sehr wichtig ist. Total wichtig. Aber ich habe einen Plan. Ich werde jede Woche, die ich hier bin, etwas Neues machen, und ich werde ja sagen.»

«Ja sagen?»

«Zu neuen Sachen. Will meinte immer, ich würde mich neuen Erfahrungen verschließen. Also ist das jetzt mein Plan.»

Der Beamte studierte meine Papiere. «Sie haben das Adressfeld nicht richtig ausgefüllt. Ich brauche eine Postleitzahl.»

Er schob mir das Formular hin. Ich suchte die Nummer auf dem Blatt, das ich mir ausgedruckt hatte, und schrieb sie mit zitternden Fingern in das Feld.

Ich warf einen Blick nach links, wo die Leute in meinem Bereich unruhig wurden. Am Schalter nebenan wurde eine chinesische Familie von zwei Beamten befragt. Als sich die Frau beschwerte, wurden sie in einen Nebenraum geführt. Plötzlich fühlte ich mich sehr allein.

Der Beamte warf einen Blick über die Warteschlange. Und dann, völlig abrupt, stempelte er meinen Pass ab.

«Viel Glück, Louisa Clark», sagte er.

Ich starrte ihn an. «Das war’s?»

«Das war’s.»

Ich lächelte. «Oh, danke! Das ist wirklich nett. Ich meine, es ist ziemlich komisch, zum ersten Mal allein auf der anderen Seite der Erdkugel zu sein, und jetzt fühle ich mich, als hätte ich gerade meine erste nette Begegnung gehabt und …»

«Sie müssen jetzt weitergehen, Ma’am.»

«Natürlich. Sorry.»

Ich raffte meine Sachen zusammen und schob mir eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht.

«Und, Ma’am?»

«Ja?» Ich fragte mich, was ich jetzt wieder falsch gemacht hatte.

Er sah nicht von seinem Bildschirm auf.

«Passen Sie auf, zu was Sie ja sagen.»

 

Nathan hatte versprochen, mich abzuholen. Ich ließ meinen Blick über die Menschenmenge schweifen, fühlte mich seltsam unsicher und war insgeheim davon überzeugt, dass er nicht kommen würde, aber dann sah ich ihn, seine riesige Hand winkte über die Menschen hinweg. Er hob seinen anderen Arm, ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, dann schob er sich zu mir durch und hob mich in einer stürmischen Umarmung in die Luft.

«Lou!»

Bei seinem Anblick schnürte sich in mir unerwartet etwas zusammen – etwas, das mit Will und Verlust zu tun hatte und mit der Hypersensibilität, die sich nach einem etwas zu holprigen siebenstündigen Flug einstellt. Ich war froh, dass er mich festhielt, sodass ich einen Moment hatte, um mich zusammenzunehmen. «Willkommen in New York, Kleine! Du weißt immer noch, wie man sich anzieht, stelle ich fest.»

Grinsend hielt er mich auf Armeslänge von sich gestreckt. Ich zog mein Siebziger-Jahre-Tigerprint-Kleid glatt. Ich hoffte damit auszusehen wie Jackie Onassis – die sich im Flugzeug ihren halben Kaffeebecher auf den Schoß gekleckert hatte.

«Es ist einfach toll, dich wiederzusehen.»

Er nahm meine bleischweren Koffer hoch, als enthielten sie nur Federn. «Komm. Bringen wir dich ins Haus. Der Prius ist in der Inspektion, deshalb hat mir Mr. G. das Auto geliehen, mit dem sie sich sonst herumfahren lassen. Der Verkehr ist ein Albtraum, aber du kommst stilvoll an.»

 

Das Auto war lang und schwarz und schnittig, und die Türen schlossen mit diesem nachdrücklichen, diskreten Klack, das von einem Preis im sechsstelligen Bereich kündete. Nathan verstaute mein Gepäck im Kofferraum, und ich ließ mich mit einem Seufzen auf dem Beifahrersitz nieder. Ich checkte mein Handy, beantwortete Mums vierzehn Nachrichten mit einer einzigen, in der ich ihr nur mitteilte, dass ich im Auto war und sie am nächsten Tag anrufen würde. Und dann beantwortete ich die SMS von Sam, in der er mir geschrieben hatte, dass er mich vermisste, mit einem «Gelandet xxx».

«Wie geht’s dem Knaben?», fragte Nathan mit einem Seitenblick zu mir.

«Gut, danke.» Ich fügte sicherheitshalber noch ein paar xxxx hinzu.

«Hat er nicht zu sehr geklammert, weil du hier rüberkommen wolltest?»

Ich zuckte mit den Schultern. «Er fand, ich sollte es tun.»

«Das haben wir alle gedacht. Du hast einfach nur eine Weile gebraucht, um deinen Weg zu finden.»

Ich steckte mein Handy weg, lehnte mich zurück und schaute hinaus auf die unbekannten Schilder am Highway, Milo’s Tire Shop, Richie’s Gym, die Rettungswagen und Trucks, die heruntergekommenen Häuser mit ihrer abblätternden Farbe und ihren maroden Treppenaufgängen, die Basketballfelder und Autofahrer, die aus überdimensionalen Plastikbechern tranken. Nathan schaltete das Radio an, ich hörte jemanden namens Lorenzo über ein Baseballspiel reden, und einen kurzen Moment lang fühlte ich mich, als wäre die Realität aufgehoben worden.

«Also, du hast morgen tagsüber Zeit, um dich einzugewöhnen. Willst du was Bestimmtes machen? Ich dachte, ich lasse dich ausschlafen und schleppe dich dann irgendwohin zum Brunchen. Du solltest dir an deinem ersten Wochenende hier unbedingt die volle Dosis New-York-Diner geben.»

«Klingt super.»

«Die Gopniks kommen erst morgen Abend aus dem Country Club zurück. Letzte Woche gab’s ziemlich Streit. Ich erzähle es dir, wenn du ein bisschen Schlaf gehabt hast.»

Ich starrte ihn an. «Keine Geheimnisse, ja? Das hier wird nicht wie –»

«Sie sind nicht wie die Traynors. Sie sind einfach nur eine durchschnittlich verkorkste Multimillionärsfamilie, wie man sie so kennt.»

«Ist sie nett?»

«Sie ist super. Und sie ist … schwierig. Aber sie ist super. Er auch.»

Eine präzisere Charakterbeschreibung war von Nathan nicht zu erwarten. Er verfiel in Schweigen – Nathan hatte noch nie viel herumgetratscht –, und ich saß in dem weich gepolsterten, klimatisierten Mercedes GLS und kämpfte gegen den Schlaf, der mich in Wellen überwältigen wollte. Ich dachte an Sam, der jetzt ein paar tausend Meilen entfernt tief und fest in seinem Eisenbahnwaggon schlief. Ich dachte an Treena und Tom, die in meiner kleinen Wohnung in London unter ihren Decken lagen. Dann unterbrach Nathans Stimme meine Gedanken.

«Bitte sehr!»

Ich sah mit müdem Blick auf, und da lag es auf der anderen Seite der Brooklyn Bridge – Manhattan –, schimmernd wie eine Million gezackte Lichtscherben; ehrfurchtgebietend, funkelnd, unfassbar verdichtet und schön, ein Anblick, der mir aus Film und Fernsehen derart vertraut war, dass ich es kaum fassen konnte, ihn nun real vor mir zu haben. Ich schob mich auf meinem Sitz hoch, sprachlos, während wir weiter darauf zufuhren, auf die berühmteste Metropole des Planeten.

«Von diesem Anblick kann man nie genug kriegen, was? Bisschen größer als Stortfold.»

Ich glaube nicht, dass ich es vor diesem Augenblick wirklich begriffen hatte.

Mein neues Zuhause.

 

«Hey, Ashok. Wie geht’s?» Nathan rollte mein Gepäck durch die Marmorlobby, während ich die schwarz-weißen Bodenfliesen bestaunte und die Messinggeländer und versuchte, nicht zu stolpern. Es war wie der Eingangsbereich eines prächtigen, leicht altmodischen Hotels; der in poliertem Messing glänzende Lift, der rot und goldfarben gemusterte Teppich, die Rezeption ein wenig düsterer, als es angenehm war. Es roch nach Bienenwachs, glänzend geputzten Schuhen und Geld.

«Mir geht’s gut, Mann. Und wer ist das?»

«Das ist Louisa. Sie wird für Mrs. G. arbeiten.»

Der livrierte Pförtner trat hinter seinem Rezeptionstresen hervor und streckte mir die Hand entgegen. Er hatte ein breites Lächeln und Augen, die wirkten, als hätte er schon alles gesehen.

«Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Ashok.»

«Eine Britin! Ich habe einen Cousin in London. Croy-down. Kennen Sie Croy-down? Wohnen Sie da in der Nähe? Er ist eine große Nummer, wenn Sie verstehen, was ich meine.»

«Ich kenne Croydon eigentlich nicht besonders gut», sagte ich. Und als sich Enttäuschung auf seiner Miene abzeichnete, fügte ich hinzu: «Aber das nächste Mal, wenn ich dort bin, halte ich nach ihm Ausschau.»

«Louisa. Willkommen im The Lavery. Wenn Sie irgendwas brauchen oder irgendwas wissen wollen, wenden Sie sich einfach an mich. Ich bin rund um die Uhr für Sie da.» Er deutete auf einen Aufzug jenseits der Rezeption.

«Das ist kein Scherz», sagte Nathan. «Manchmal denke ich, er schläft unter dieser Rezeption.»

«Drei Kinder unter fünf, Mann», sagte Ashok. «Glaub’s mir, hier zu sein sorgt dafür, dass ich nicht irre werde. Kann nicht behaupten, dass es auf meine Frau die gleiche Wirkung hat, aber so ist es eben.» Er grinste. «Im Ernst, Miss Louisa. Egal, was Sie brauchen, ich bin Ihr Mann.»

«Meint er Drogen, Prostituierte und schlüpfrige Etablissements?», flüsterte ich, als sich die Türen des Aufzugs vor uns schlossen.

«Nein. Er meint Theaterkarten, Tischreservierungen und die beste Reinigung», sagte Nathan. «Wir sind hier in der Fifth Avenue, meine Güte. Ich frage mich, was du da drüben in London getrieben hast.»

 

Der Wohnsitz der Gopniks umfasste 650 Quadratmeter im zweiten und dritten Stock eines neugotischen Backsteingebäudes. Es handelte sich um eine der seltenen Maisonettewohnungen in diesem Teil New Yorks, und sie war ein Beweis für Generationen von Gopnik-Reichtum. The Lavery war eine etwas verkleinerte Version des berühmten Dakota-Buildings, erklärte mir Nathan, und eine der ältesten Eigentümergemeinschaften an der Upper East Side. Niemand konnte hier ohne die Zustimmung eines Bewohner-Beirates, der unerschütterlich jede Veränderung ablehnte, eine Wohnung kaufen oder verkaufen. Während die Luxus-Eigentumswohnblöcke auf der anderen Seite des Parks das neue Geld beherbergten – russische Oligarchen, Popstars, chinesische Stahlbarone, Hightech-Milliardäre und die dazu passenden Restaurants, Fitnessstudios, Kindergärten und Infinity Pools –, waren die Bewohner von The Lavery eindeutig Vertreter der alten Schule.

Die Wohnungen wurden über Generationen weitervererbt; wer hier lebte, lernte, sich an die Leitungen aus den dreißiger Jahren zu gewöhnen, kämpfte lange, verwickelte Schlachten um die Genehmigung jeder Änderung, die weitreichender war als die Auswechslung eines Lichtschalters, und wandte vornehm den Blick von der Art ab, auf die sich New York veränderte, genau so, wie andere Leute einen Bettler mit einem Pappschild ignorieren.

Ich erhaschte kaum einen Blick auf die Pracht der Maisonettewohnung mit ihren Parkettböden, hohen Decken und Damastdraperien, die von der Decke bis zum Boden reichten, während wir auf direktem Weg zum Wohnbereich der Angestellten gingen, der am hinteren Ende der zweiten Etage an einem engen Korridor lag, der von der Küche abzweigte – eine Besonderheit, die aus einer anderen Zeit übrig geblieben war. Die neueren oder sanierten Gebäude hatten keinen Angestelltentrakt: Haushälterinnen und Kindermädchen kamen mit dem Frühzug aus Queens oder New Jersey und kehrten abends zurück. Doch die Gopniks besaßen diese Wohnung, seit das Haus erbaut worden war. Diese winzigen Räume konnten nicht ausgebaut oder verkauft werden, sondern waren vertraglich an die Hauptwohnung gebunden und als zusätzliche Stauräume begehrt.

Es war nicht schwer zu verstehen, warum sie normalerweise als Abstellräume dienten.

«Bitte sehr.» Nathan öffnete eine Tür und stellte mein Gepäck ab.

Mein Zimmer war etwa drei mal drei Meter groß. Es beherbergte ein Doppelbett, einen Fernseher und eine Schubladenkommode nebst Wandschrank. In einer Ecke stand ein kleiner Sessel mit beigefarbenem Stoffbezug, dessen eingesunkene Sitzfläche von früheren, erschöpften Bewohnern zeugte. Ein kleines Fenster ging möglicherweise nach Süden hinaus. Das war schwer zu sagen, da es ungefähr zwei Meter von der Backsteinmauer eines so hohen Nachbarhauses entfernt war, dass ich den Himmel nur sehen konnte, wenn ich das Gesicht an die Scheibe drückte und nach oben schielte. Vom Flur ging eine Gemeinschaftsküche ab, die ich mir mit Nathan und einer Haushälterin teilen sollte, deren Zimmer auf der anderen Seite des Ganges lag.

Auf meinem Bett lag ein säuberlicher Stapel aus fünf dunkelgrünen Polohemden und schwarzen Hosen, deren Schimmer auf billiges Kunstfasermaterial hinwies.

«Haben sie dir nichts von der Uniform gesagt?»

Ich nahm eines der Polohemden hoch.

«Die Gopniks finden, eine Uniform macht es einfacher. Jeder sieht, wo er steht.»

«Wenn man aussehen will wie ein Golfer.»

Ich spähte in das winzige Badezimmer; es war mit kalkfleckigem braunem Marmor gefliest und ging vom Schlafzimmer ab. Es gab eine Toilette, ein Waschbecken, das nach den vierziger Jahren aussah, und eine Dusche. Daneben lagen ein Stück in Papier gewickelte Seife und eine Dose Kakerlakenspray.

«Es ist sogar ziemlich groß für Manhattaner Verhältnisse», sagte Nathan. «Ich weiß, dass es ein bisschen verwohnt aussieht, aber Mrs. G. hat gesagt, wir können es anstreichen. Noch ein paar Lampen und ein paar Accessoires, und es wird –»

«Ich finde es großartig», sagte ich. Ich drehte mich zu ihm um, und auf einmal begann meine Stimme zu zittern. «Ich bin in New York, Nathan. Ich bin tatsächlich hier.»

Er drückte mir die Schulter. «Jup. Das bist du wirklich.»

 

Ich schaffte es, lange genug wach zu bleiben, um auszupacken, mir mit Nathan etwas zu essen zu bestellen, durch ein paar von den 859 Kanälen meines kleinen Fernsehers zu zappen, auf denen meistens Endlosschleifen mit American Football, Werbung für Verdauungsmittel oder schlecht ausgeleuchteten Krimiserien zu laufen schienen, die ich nicht kannte, dann war ich weg und schreckte morgens um Viertel vor fünf wieder auf. Ein paar verwirrte Momente lang konnte ich den fremden Klang eines fernen Martinshorns nicht zuordnen, das sich anhörte wie das leise Jaulen eines Lasters im Rückwärtsgang. Dann schaltete ich das Licht an, realisierte, wo ich war, und schlagartig brandete Aufregung in mir hoch.

Ich zog meinen Laptop aus der Tasche und schickte Sam eine Nachricht.

Bist du da? xxx

Ich wartete, doch es kam nichts zurück. Er hatte gesagt, dass er im Dienst war, und ich war zu durcheinander, um mir den Zeitunterschied klarzumachen. Ich legte den Laptop weg und versuchte kurz, wieder einzuschlafen (Treena sagte, wenn ich nicht genug schlief, würde ich aussehen wie ein trauriges Pferd). Doch die ungewohnten Geräusche der Stadt waren wie ein Lockruf, und um sechs Uhr stand ich schließlich auf, duschte und versuchte dabei zu ignorieren, dass aus dem Duschkopf nur stoßweise rostiges Wasser kam. Ich zog mich an (Jeans-Latzrock und eine kurzärmelige Vintage-Bluse mit einer aufgedruckten Freiheitsstatue) und machte mich auf die Suche nach Kaffee.

Ich tappte durch den Flur und versuchte, mich daran zu erinnern, wo die Gemeinschaftsküche lag, die mir Nathan am Abend zuvor gezeigt hatte. Ich öffnete eine Tür, und eine Frau drehte sich um und starrte mich an. Sie war um die fünfzig, etwas mollig, und sie hatte ihr schwarzes Haar in säuberlichen Wellen frisiert, wie ein Filmstar aus den Dreißigern. Ihre braunen Augen waren schön, aber ihre Mundwinkel waren abwärtsgezogen, als wären sie in ständiger Missbilligung erstarrt.

«Oh … Guten Morgen!»

Sie starrte mich weiter an.

«Ich … ich bin Louisa. Die Neue. Mrs. Gopniks … Assistentin.»

«Sie ist nicht Mrs. Gopnik.»

Die Frau ließ diese Feststellung in der Luft hängen.

«Sie müssen …» Ich durchpflügte mein Jetlag-geschädigtes Hirn, kam aber nicht auf den Namen. Oh, komm schon, feuerte ich mich selbst an. «Es tut mir leid. Mein Gehirn ist heute Morgen nur Pudding. Jetlag.»

«Ich heiße Ilaria.»

«Ilaria. Natürlich. Entschuldigung.» Ich streckte die Hand aus. Sie ergriff sie nicht.

«Ich weiß, wer Sie sind.»

«Mmh … könnten Sie mir zeigen, wo Nathan seine Milch aufbewahrt? Ich wollte mir einen Kaffee machen.»

«Nathan trinkt keine Milch.»

«Wirklich? Früher hat er das aber.»

«Denken Sie, ich lüge Sie an?»

«Nein. Das wollte ich damit nicht …»

Sie trat nach links und deutete auf einen Hängeschrank, der halb so groß war wie die anderen und für mich gerade ein kleines Stückchen zu hoch hing. «Das ist Ihrer.»

Dann öffnete sie den Kühlschrank, um ihren Saft zurückzustellen, und ich erspähte die volle 2-Liter-Milchflasche darin. Sie schloss den Kühlschrank und sah mich unversöhnlich an.

«Mr. Gopnik kommt um achtzehn Uhr dreißig zurück. Ziehen Sie zur Begrüßung Ihre Uniform an.» Damit ging sie hinaus in den Flur, die Sohlen ihrer Slipper klatschten gegen ihre Fußsohlen.

«Es war schön, Sie kennenzulernen! Wir werden uns sicher sehr oft sehen!», rief ich ihr hinterher.

Ich starrte eine Weile den Kühlschrank an, dann beschloss ich, dass es bestimmt nicht zu früh war, um eine Tüte Milch zu besorgen. Ich war schließlich in der Stadt, die niemals schlief.

 

New York mochte wach sein, aber The Lavery war in eine so vollkommene Stille gehüllt, dass man gemeinschaftlichen Beruhigungsmittel-Konsum vermuten musste. Ich ging durch den Flur, zog leise die Wohnungstür hinter mir zu und überprüfte mehrmals, dass ich sowohl meinen Geldbeutel als auch die Schlüssel dabeihatte. Ich dachte, so früh würden sicher noch alle Bewohner schlafen, und wollte mir ein bisschen genauer ansehen, wo ich gelandet war.

Als ich auf Zehenspitzen durch den Korridor ging, dessen dicker Teppich meine Schritte dämpfte, begann hinter einer der Wohnungstüren ein Hund zu bellen – es war ein kläffender, wütender Protest –, dann rief eine ältere Stimme etwas, das ich nicht verstehen konnte. Ich änderte meinen Plan, weil ich nicht dafür verantwortlich gemacht werden wollte, jemanden geweckt zu haben, und fuhr im Lieferantenaufzug nach unten.

In der Lobby war niemand, also öffnete ich die Tür zur Straße und trat in ein so überwältigendes Chaos aus Lärm und Licht hinaus, dass ich einen Moment stehen bleiben musste, um nicht umzukippen. Vor mir erstreckte sich die grüne Oase des Central Parks. Links von mir war schon viel los auf den Straßen – an der Ecke luden riesenhafte Männer in Overalls Kisten aus einem Transporter, wobei sie ein Cop beobachtete, der seine fleischigen Arme vor der Brust verschränkt hatte. Eine Kehrmaschine summte geschäftig an einer Reihe geparkter Autos vorbei. Ein Taxifahrer plauderte durch das offene Autofenster mit einem Mann. In Gedanken zählte ich die Attraktionen des Big Apple ab. Pferdekutschen! Yellow Cabs! Unglaublich hohe Gebäude!

Zwei erschöpfte Touristen mit Kindern in Buggys zogen an mir vorbei, in der einen Hand Styroporbecher mit Kaffee, vielleicht immer noch vom Rhythmus einer fernen Zeitzone bestimmt. Manhattan erstreckte sich in alle Richtungen, gewaltig, sonnenüberglänzt, wimmelnd und strahlend.

Mein Jetlag löste sich mit dem endgültigen Hellwerden auf. Ich atmete tief ein und ging los. Es war mir bewusst, dass ich grinste, aber ich konnte einfach nicht damit aufhören.

Ich ging acht Blocks, ohne einen einzigen Lebensmittelladen zu entdecken. Dann bog ich ab in die Madison Avenue, vorbei an noch geschlossenen Luxusgeschäften mit riesigen Schaufenstern und dazwischen gelegentlich einem Restaurant mit dunklen Fenstern oder einem Nobelhotel, dessen livrierter Empfangsportier mich nicht beachtete.

Ich ging noch fünf Blocks weiter, und mir wurde immer klarer, dass ich mich nicht in einem Viertel befand, in dem man schnell mal zum Lebensmittelladen rübergehen konnte. Außerdem hatte ich mir in New York an jeder Ecke Diners vorgestellt, in denen schlagfertige Bedienungen arbeiteten und Männer mit Buster-Keaton-Hüten saßen, doch alles wirkte riesig und luxuriös und überhaupt nicht danach, dass einen hinter einer dieser Türen ein Käseomelett oder ein Becher Tee erwarten könnte. Die meisten Menschen, denen ich begegnete, waren Touristen oder entschlossene, jogginggestählte schlanke Körper in Elastan, die taub für ihre Umwelt mit ihren Kopfhörern unterwegs waren und geschickt um Obdachlose herumliefen, die sie unter bleischweren Lidern heraus böse anstarrten. Irgendwann kam ich endlich zu einem großen Coffee Shop, in dem sich anscheinend die Hälfte der New Yorker Frühaufsteher versammelt hatte und sich über ihre Smartphones beugte oder außergewöhnlich fröhliche Kleinkinder fütterte, während die typische Easy-Listening-Musik aus Wandlautsprechern perlte.

Ich bestellte einen Cappuccino und einen Muffin, den der Barista, bevor ich noch etwas sagen konnte, aufgeschnitten, erwärmt und mit Butter bestrichen hatte, während er keine Sekunde lang sein Gespräch unterbrach, das er mit seinem Kollegen über ein Baseballspiel führte.

Ich bezahlte, setzte mich mit dem warmen, in Alufolie gewickelten Muffin an einen Tisch und biss ab. Es war, auch ohne den nagenden Jetlag-Hunger, das Köstlichste, was ich je gegessen hatte. Ich saß am Fenster, schaute ungefähr eine halbe Stunde auf die morgendliche Straße Manhattans hinaus, im Mund abwechselnd Bissen von dem schweren, buttrigen Muffin oder Schlucke des sengend heißen, starken Kaffees, und ließ meinem kreisenden inneren Monolog freien Lauf (Ich trinke New Yorker Kaffee in einem New Yorker Café! Ich gehe eine Straße in New York entlang! Wie Meg Ryan! Oder Diane Keaton! Ich bin im ECHTEN New York!), und für einen Moment verstand ich ganz genau, was mir Will zwei Jahre zuvor hatte erklären wollen; diese paar Minuten, den Mund voll mit ungewohntem Essen, den Blick auf unbekannte Dinge gerichtet, existierte ich nur im Moment. Ich war vollkommen da, meine Sinne wach, mein ganzes Ich bereit, die neuen Erfahrungen aufzunehmen. Ich war am einzig richtigen Ort auf der Welt.

Und dann begannen sich am Nachbartisch aus heiterem Himmel zwei Frauen zu schlagen, Kaffee und Gebäckstückchen spritzten zwei Tische weit, die Baristas rannten hin, um die beiden auseinanderzubringen, und ich klopfte mir die Krümel vom Rock, schloss meine Handtasche und entschied, dass es vermutlich an der Zeit war, in den Frieden des Lavery-Buildings zurückzukehren.

Kapitel 2

Ashok sortierte riesige Bündel mit Zeitungen in nummerierte Stapel, und als er mich sah, richtete er sich mit einem Lächeln auf.

«Ich wünsche einen guten Tag, Miss Louisa. Und wie war Ihr erster Morgen in New York?»

«Großartig. Danke.»

«Haben Sie Let The River Run gesummt, als Sie die Straße entlanggegangen sind?»

Ich starrte ihn an. «Woher wissen Sie das?»

«Das tun alle, wenn sie das erste Mal nach Manhattan kommen. Teufel, sogar ich summe es morgens manchmal, und dabei sehe ich Melanie Griffith wirklich überhaupt nicht ähnlich.»

«Gibt es hier im Viertel eigentlich keine Läden? Ich musste eine Million Meilen laufen, um einen Kaffee zu bekommen. Und ich habe keine Ahnung, wo ich Milch kaufen kann.»

«Miss Louisa, Sie hätten mich fragen sollen. Kommen Sie.» Er winkte mich hinter seinen Empfangstresen, öffnete eine Tür, und wir betraten ein düsteres Büro, dessen Unordnung und überladene Einrichtung einen heftigen Widerspruch zu dem Messing und Marmor der Lobby bildeten. Auf einem Tisch reihten sich Überwachungsmonitore, ein alter Fernseher, ein großformatiges Berichtsbuch, ein Becher, ein paar Taschenbücher und eine Ansammlung von Fotos lächelnder, zahnloser Kinder aneinander. Hinter der Tür stand ein altertümlicher Kühlschrank.

«Hier. Nehmen Sie die. Bringen Sie mir irgendwann wieder eine mit.»

Ich nahm die Milchpackung. «Tun das alle Pförtner?»

«Das tut kein Pförtner. Aber The Lavery ist anders.»

«Und wo gehen die Leute ihre Lebensmittel einkaufen?»

Er verzog das Gesicht. «Die Leute in diesem Gebäude gehen keine Lebensmittel einkaufen, Miss Louisa. Sie denken nicht mal an so etwas wie Einkaufen. Ich schwöre, dass die Hälfte von ihnen glaubt, das Essen würde durch Zauberei auftauchen, und zwar fertig gekocht, mitten auf ihrem Tisch.» Er warf einen Blick über die Schulter und senkte die Stimme. «Ich wette mit Ihnen, dass 80 Prozent der Frauen in diesem Haus in fünf Jahren keine einzige Mahlzeit gekocht haben. Allerdings muss man bedenken, dass die Hälfte der Frauen in diesem Haus phasenweise überhaupt nichts isst.»

Als ich ihn anstarrte, zuckte er mit den Schultern. «Die Reichen leben nicht wie Sie und ich, Miss Louisa. Und die Reichen aus New York … tja, die leben nicht wie irgendwer anderes. Alles, was sie brauchen, lassen sie sich liefern. Sie werden sich daran gewöhnen.»

Ich wollte ihn nach Ilaria und Mrs. Gopnik fragen, die anscheinend nicht Mrs. Gopnik war, und nach der Familie, die ich bald kennenlernen würde. Aber er sah an mir vorbei.

«Einen schönen guten Morgen, Mrs. De Witt!»

«Was haben all diese Zeitungen auf dem Fußboden verloren? Hier sieht es aus wie an einem verlotterten Kiosk.»

Eine winzige alte Frau schnalzte beim Anblick der Stapel mit der New York Times und dem Wall Street Journal, die er noch nicht fertig ausgepackt hatte, gereizt mit der Zunge. Trotz der frühen Stunde war sie wie zu einer Hochzeit gekleidet. Sie trug einen leichten himbeerroten Mantel zu einem roten Pillbox-Hut, und eine riesige Schildpattsonnenbrille verdeckte ihr kleines, faltiges Gesicht. Vom Ende einer Leine aus schaute mich ein Mops mit leicht hervortretenden Augen und keuchendem Atem kampfeslustig an (zumindest dachte ich, er würde mich ansehen, es war schwer zu sagen, denn er schielte eindeutig). Ich bückte mich, um Ashok dabei zu helfen, die Zeitungen aus dem Weg zu räumen, und als ich mich hinunterbeugte, sprang der Mops mich mit einem Knurren an, sodass ich zurückwich und beinahe über die New York Times gestolpert wäre.

«Oh, um Himmels willen!», ertönte die tremolierende, herrische Stimme. «Jetzt bringen Sie auch noch den Hund durcheinander!»

Ich sah an meinem Bein hinunter, an dem ich ganz leicht die Zähne des Mopses gespürt hatte. Meine Haut kribbelte von der Berührung.

«Bitte sorgen Sie dafür, dass dieses … dieses … Kuddelmuddel verschwunden ist, bis wir zurückkommen. Ich habe Mr. Ovitz immer wieder gesagt, dass es mit diesem Haus bergab geht. Und Ashok, ich habe eine Tüte mit Abfall vor meine Tür gestellt. Bitte bringen Sie ihn sofort weg, sonst riecht der gesamte Korridor nach verwelkten Lilien. Wie kann man sich nur einfallen lassen, Lilien zu verschenken? Das sind Beerdigungsblumen. Dean Martin, komm!»

Ashok tippte sich an die Mütze.

«Wird erledigt, Mrs. De Witt.»

Er wartete, bis sie gegangen war. Dann drehte er sich um und musterte mein Bein.

«Dieser Hund wollte mich beißen!»

«Ja. Das ist Dean Martin. Man geht ihm am besten aus dem Weg. Er ist der missmutigste Bewohner hier im Haus, und das will etwas heißen.» Er bückte sich zu seinen Zeitungen und hob das nächste Bündel auf den Tresen, dann unterbrach er sich, um mich wegzuscheuchen.

«Machen Sie sich keine Sorgen um die Zeitungen, Miss Louisa. Die sind schwer, und Sie haben oben genug vor sich. Einen schönen Tag noch.»

Er war verschwunden, bevor ich ihn fragen konnte, was er damit meinte.

 

Der Tag verging wie im Flug. Ich verbrachte den restlichen Morgen damit, mich in meinem kleinen Zimmer einzurichten, das Bad zu putzen und Fotos von Sam, meinen Eltern, Treena und Tom aufzustellen, um mich ein bisschen zu Hause zu fühlen. Mittags ging ich mit Nathan in einen Diner beim Columbus Circle, wo ich von einem Teller in der Größe eines Autoreifens aß und so viel starken Kaffee trank, dass meine Hände zitterten, als wir zurückgingen. Nathan gab mir nützliche Hinweise – diese Bar hatte bis spätabends geöffnet, bei diesem Food Truck bekam man richtig gute Falafel, dort war ein sicherer Bankautomat zum Geldabheben … in meinem Kopf wirbelten die neuen Bilder und Informationen durcheinander. Irgendwann am Nachmittag wurde mir plötzlich flau, meine Beine waren bleischwer, und Nathan hakte mich unter und brachte mich zurück in die Wohnung. In diesem Moment war ich sehr dankbar für die Stille und das Halbdunkel des Gebäudes und für den Lieferantenaufzug, der mir die Treppen ersparte.

«Mach ein Nickerchen», riet Nathan mir, als ich die Schuhe abstreifte. «Aber nicht länger als eine Stunde, sonst kommt deine innere Uhr noch mehr durcheinander.»

«Was hattest du noch mal gesagt, wann die Gopniks zurück sind?» Meine Stimme klang schleppend vor Müdigkeit.

«Normalerweise so um sechs Uhr. Jetzt ist es drei, also hast du genug Zeit. Los, mach ein Schläfchen. Danach fühlst du dich wie neugeboren.»

Er schloss die Tür, und ich ließ mich dankbar auf dem Bett zurücksinken. Als ich gerade einschlafen wollte, wurde mir plötzlich klar, dass ich nicht mit Sam würde sprechen können, wenn ich es aufschob, also griff ich, kurzfristig aus meiner Erschöpfung gerissen, nach meinem Laptop.

Bist du da?, tippte ich.

Ein paar Minuten später ploppte das Bildschirmfenster auf, und da war er, zu Hause in seinem Eisenbahnwaggon, den großen Körper dem Bildschirm zugeneigt. Sam. Sanitäter. Ein Berg von einem Mann. Unsere Beziehung noch viel zu frisch. Wir grinsten uns dämlich an.

«Hey, Süße! Wie ist es?»

«Gut!», sagte ich. «Ich könnte dir mein Zimmer zeigen, aber wenn ich den Bildschirm umdrehe, stoße ich vermutlich an die Wände.»

Ich drehte den Laptop, sodass Sam mein kleines Schlafzimmer in all seiner Pracht bewundern konnte.

«Für mich sieht es gut aus. Schließlich bist du dadrin.»

Ich betrachtete das graue Fenster hinter ihm. Ich konnte mir alles genau vorstellen: das Geräusch des Regens auf dem Dach des Eisenbahnwaggons, die heimelig beschlagene Fensterscheibe, das Holz und die Feuchtigkeit und den Anblick der Hühner, die sich draußen unter einer tropfenden Schubkarre zusammendrängten. Sam schaute mich an, und ich wischte mir über die Augen, wünschte mir plötzlich, ich hätte mich ein bisschen geschminkt.

«Warst du arbeiten?», fragte ich.

«Ja. Sie schätzen, ab nächste Woche bin ich wieder voll einsatzfähig. Ich muss fit genug sein, um jemanden hochzuheben, ohne dass die Naht reißt.» Unwillkürlich legte er die Hand auf seinen Bauch, wo ihn bei einem Einsatz ein paar Wochen zuvor die Kugel getroffen hatte, die ihn beinahe das Leben gekostet und zugleich unser Verhältnis zu einer richtigen Beziehung gemacht hatte. Mich überkam plötzlich ein unsicheres Gefühl.

«Ich wünschte, du wärst hier», sagte ich, ohne nachzudenken.

«Ich auch. Aber du erlebst gerade Tag eins deines Abenteuers, und es wird toll werden. Und in einem Jahr sitzt du hier –»

«Nicht hier», unterbrach ich ihn, «sondern in deinem fertigen Haus.»

«In meinem fertigen Haus», sagte er. «Und wir sehen uns deine Fotos an, und ich denke insgeheim: ‹O Gott, jetzt fängt sie schon wieder mit ihrer Zeit in New York an …›»

«Schreibst du mir? Einen Brief voll Liebe und Verlangen und benetzt mit den Tränen deiner Einsamkeit?»

«Oh Lou. Du weißt, dass ich es mit Schreiben nicht so habe. Aber ich rufe an. Und in vier Wochen bin ich schon bei dir.»

«Stimmt», sagte ich, als ich spürte, wie sich meine Kehle zusammenschnürte. «Okay. Jetzt sollte ich besser ein bisschen schlafen.»

«Ich auch», sagte er. «Ich werde beim Einschlafen an dich denken.»

«Auf eine schamlos erotische Art? Oder auf eine romantische Harry-and-Sally-Art?»

«Welche davon bringt mich nicht in Schwierigkeiten?» Er grinste. «Du siehst gut aus, Lou», sagte er nach kurzem Schweigen. «Du siehst … aufgedreht aus.»

«Ich fühle mich auch aufgedreht. Ich fühle mich wie eine unheimlich müde Person, die gleichzeitig denkt, sie müsste gleich platzen. Das ist ein bisschen verwirrend.»

Ich legte meine Hand flach auf den Bildschirm, und nach einer Sekunde hob er seine an die gleiche Stelle. Ich konnte seine Haut fast spüren.

«Ich liebe dich.»

Ich fühlte mich immer noch ein bisschen befangen, wenn ich es aussprach.

«Ich dich auch. Ich würde ja den Bildschirm küssen, aber ich vermute, dann würdest du nichts anderes als meine Nasenhaare sehen.»

Lächelnd klappte ich meinen Laptop zu, und innerhalb von Sekunden war ich eingeschlafen.

 

Jemand kreischte im Flur herum.

Ich wachte auf, erschöpft, verschwitzt, glaubte halb, ich würde noch träumen, und schob mich hoch. Da schrie tatsächlich eine Frau vor meiner Tür. Tausend Gedanken rasten mir durch den verwirrten Kopf, Schlagzeilen über Mörder und New York und wie man ein Verbrechen meldete. Welche Nummer sollte man noch mal wählen? Nicht 999 wie in England. Ich durchforstete mein Hirn, kam aber nicht darauf.

«Warum sollte ich? Warum sollte ich gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn diese Hexen mich beleidigen? Du bekommst nicht mal die Hälfte von dem mit, was sie sagen! Du bist ein Mann! Es ist, als würdet ihr Scheuklappen auf den Ohren tragen!»

«Darling, bitte beruhige dich. Bitte. Das ist weder die passende Zeit noch der passende Ort.»

«Es ist nie die passende Zeit oder der passende Ort! Weil immer jemand hier ist! Muss ich mir meine eigene Wohnung kaufen, damit ich mich mit dir streiten kann?»

«Ich verstehe nicht, warum du dich so darüber aufregst. Du musst es doch einfach nur …»

«Nein!»

Etwas krachte auf den Holzboden. Ich war jetzt ganz wach, mein Herz raste. Draußen herrschte nun bedrückende Stille.

«Jetzt wirst du mir sagen, das war ein Familienerbstück.»

Schweigen.

«Nun. Ja … ja, das war es.»

Ein ersticktes Schluchzen. «Das ist mir egal! Das ist mir egal! Ich ersticke an deiner Familiengeschichte! Hast du verstanden? Ich ersticke!»

«Agnes, Darling. Nicht auf dem Flur. Nun komm schon. Wir können später darüber reden.»

Ich saß bewegungslos auf der Bettkante.

Von draußen war wieder unterdrücktes Schluchzen zu hören, danach war alles still. Ich wartete, dann stand ich auf, ging auf Zehenspitzen zur Tür und legte mein Ohr an das Holz. Nichts. Ich sah auf die Uhr: 16:46.

Ich wusch mir das Gesicht, zog hastig meine Uniform an, kämmte mir die Haare, und dann verließ ich leise mein Zimmer und ging um die Ecke des Flurs.

Und blieb stehen.

Weiter den Flur hinauf, neben der Küche, hatte sich eine junge Frau wie ein Fötus zusammengerollt. Ein älterer Mann hielt sie in den Armen, den Rücken gegen die Holzvertäfelung gelehnt. Er saß auf dem Boden, ein Bein aufgestellt, das andere ausgestreckt, als hätte er sie aufgefangen und wäre von ihrem Gewicht nach unten gedrückt worden. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ein langes, schlankes Bein ragte unelegant unter einem dunkelblauen Kleid heraus, und blondes Haar lag über ihren Wangen. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest klammerte sie sich an ihn.

Ich starrte hin, musste schlucken, und er blickte auf und sah mich. Ich erkannte Mr. Gopnik.

«Jetzt nicht. Danke», sagte er leise.

Mir blieben die Worte in der Kehle stecken, und ich zog mich eilig in mein Zimmer zurück und machte die Tür zu. Mein Herz klopfte so laut in meinen Ohren, dass sie es bestimmt bis in den Flur hören konnten.

 

Die nächste Stunde starrte ich blicklos auf den Fernseher, in meinen Kopf hatte sich das Bild des ineinander verschlungenen Paares eingebrannt. Ich dachte erneut daran, Nathan eine SMS zu schreiben, aber ich wusste nicht einmal, was genau ich ihm sagen sollte. Stattdessen trat ich um fünf vor sechs aus dem Zimmer und ging zögernd durch die Verbindungstür zur Hauptwohnung. Ich kam an einem riesigen, leeren Esszimmer vorbei, dann an einem Raum, der nach Gästezimmer aussah, und an zwei geschlossenen Türen. Ich folgte dem entfernten Gemurmel eines Gesprächs, ging mit leisen Schritten über den Parkettfußboden. Schließlich erreichte ich den Salon und blieb vor der offenen Tür stehen.

Mr. Gopnik saß telefonierend am Fenster, die Ärmel seines hellblauen Hemdes aufgerollt und eine Hand in den Nacken gelegt. Er winkte mich herein, während er weitertelefonierte. Links von mir saß eine blonde Frau – Mrs. Gopnik? – auf einem rosa gepolsterten antiken Sofa und tippte hektisch auf einem iPhone herum. Sie schien sich umgezogen zu haben, und ich war kurz verwirrt. Mit einem unbehaglichen Gefühl wartete ich, bis Mr. Gopnik seinen Anruf beendet hatte und aufstand. Mir fiel auf, dass er bei dieser Anstrengung ganz leicht das Gesicht verzog. Ich ging auf ihn zu, damit er nicht zu mir kommen musste, und reichte ihm die Hand. Sein Händedruck war warm, weich und kräftig.

«Louisa. Schön, dass Sie gut angekommen sind. Ich hoffe, Sie haben alles, was Sie brauchen.»

Er sagte es so, wie die Leute es sagen, wenn sie nicht erwarten, dass man tatsächlich um irgendetwas bittet.

«Alles ist großartig. Danke.»

«Das ist meine Tochter, Tabitha. Tab?»

Die junge Frau hob die Hand und ließ die Andeutung eines Lächelns sehen, bevor sie sich wieder ihrem Handy zuwandte.

«Bitte entschuldigen Sie Agnes. Sie hat sich ein Stündchen hingelegt. Grässliche Kopfschmerzen. Es war ein langes Wochenende.»

So etwas wie Erschöpfung überschattete seine Miene, war aber im nächsten Moment wieder verschwunden. Nichts an seinem Verhalten ließ etwas von dem erkennen, was ich weniger als zwei Stunden zuvor gesehen hatte.

Er lächelte. «Also … den heutigen Abend haben Sie zur freien Verfügung, und von morgen Vormittag an begleiten Sie Agnes, wohin auch immer sie will. Ihre offizielle Bezeichnung lautet ‹Assistentin›, und Ihre Aufgabe ist es, Agnes in ihren gesamten Tagesaktivitäten zu unterstützen. Sie hat einen sehr vollen Terminkalender. Ich habe meinen Assistenten gebeten, Sie in den Verteiler für den Familien-Terminkalender aufzunehmen, sodass Sie die Aktualisierungen per Mail bekommen. Am besten überprüfen Sie die Tagestermine gegen zehn Uhr vormittags, um diese Zeit machen wir öfter noch eine kurzfristige Änderung. Das übrige Team lernen Sie morgen früh kennen.»

«Sehr gut. Danke.» Bei dem Wort «Team» stellte ich mir kurz eine Fußballmannschaft vor, die durch die Wohnung trabte.

«Was gibt’s zum Abendessen, Dad?» Tab redete, als wäre ich nicht da.

«Ich weiß nicht, Darling. Hattest du nicht gesagt, du wolltest zu dir nach Hause?»

«Ich weiß nicht, ob es mir nicht zu viel ist, heute Abend noch quer durch die Stadt zurückzufahren. Vielleicht bleibe ich einfach über Nacht.»

«Wie du willst. Aber dann sag Ilaria Bescheid. Louisa, haben Sie noch Fragen?»

Ich versuchte, mir etwas Sinnvolles einfallen zu lassen.

«Oh, und Mum hat mich gebeten, dich zu fragen, ob du diese kleine Zeichnung gefunden hast. Den Miró.»

«Liebling, ich werde das nicht mehr diskutieren. Diese Zeichnung bleibt hier.»

«Aber Mum hat gesagt, sie hätte sie ausgesucht. Sie vermisst das Bild. Und dir hat es noch nicht mal gefallen.»

«Darum geht es nicht.»

Ich trat von einem Fuß auf den anderen, unsicher, ob ich aus dem Gespräch entlassen war.

«Doch, genau darum geht es, Dad. Mum fehlt etwas schrecklich, und dir bedeutet es überhaupt nichts.»

«Das Bild ist achtzigtausend Dollar wert.»

«Mum geht es nicht um das Geld.»

«Können wir später darüber sprechen?»

«Später bist du beschäftigt. Ich habe Mum versprochen, das zu klären.»

Ich zog mich verstohlen einen Schritt zurück.

«Da gibt es nichts zu klären. Die Einigung ist vor anderthalb Jahren erzielt worden. Damit war alles geregelt. Oh, Darling, da bist du ja. Fühlst du dich besser?»

Ich sah mich um. Die Frau, die gerade den Raum betreten hatte, war umwerfend schön mit ihrem ungeschminkten Gesicht und den zu einem losen Knoten zusammengefassten Haaren. Auf ihren hohen Wangenknochen waren ein paar Sommersprossen zu sehen, und die Form ihrer Augen ließ auf slawische Vorfahren schließen. Sie war ungefähr so alt wie ich. Barfüßig tappte sie zu Mr. Gopnik, legte ihm die Hand in den Nacken und küsste ihn. «Viel besser, danke.»

«Das ist Louisa», sagte er.

Sie drehte sich zu mir um. «Meine neue Verbündete», sagte sie.

«Deine neue Assistentin», sagte Mr. Gopnik.

«Hallo, Louisa.» Sie streckte mir zur Begrüßung eine schlanke Hand entgegen. Ich spürte ihren nachdenklichen Blick auf mir, dann lächelte sie, und ich konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern.

«Hat Ihnen Ilaria das Zimmer schön gemacht?» Ihre Stimme war sanft und ließ einen osteuropäischen Zungenschlag durchklingen.

«Es ist perfekt. Danke.»

«Perfekt? Dann sind Sie ja schnell zufriedenzustellen. Dieses Zimmer ist ein Besenschrank. Sagen Sie uns alles, was Ihnen nicht gefällt, und wir ändern es. Oder, Darling?»

«Hast du nicht in einem Zimmer gewohnt, das sogar noch kleiner war, Agnes?», sagte Tab, ohne von ihrem iPhone aufzusehen. «Ich weiß genau, dass mir Dad erzählt hat, du hättest es dir mit ungefähr fünfzehn anderen Einwanderern geteilt.»

«Tab.» Aus Mr. Gopniks Stimme klang eine sanfte Ermahnung.

Agnes atmete kurz durch und hob das Kinn. «Mein Zimmer war tatsächlich kleiner. Aber die Mädchen, mit denen ich es geteilt habe, waren sehr nett. Also gab es überhaupt keine Probleme. Wenn die Leute nett und höflich sind, kann man alles ertragen, finden Sie nicht, Louisa?»

Ich schluckte. «Ja.»

Ilaria kam herein und räusperte sich. Sie trug wie ich das Poloshirt und die Hose, darüber eine weiße Schürze. Sie sah mich nicht an.

«Das Abendessen ist fertig, Mr. Gopnik», sagte sie.

«Gibt’s auch was für mich, Ilaria, Darling?», sagte Tab, den Arm auf der Sofalehne ausgestreckt. «Ich bleibe vielleicht über Nacht.»

Schlagartig erfüllten Wärme und Zuneigung Ilarias Miene. Es war, als hätte ich plötzlich einen anderen Menschen vor mir. «Natürlich, Miss Tabitha. Ich koche sonntags immer etwas extra für den Fall, dass Sie bleiben.»

Agnes stand mitten im Raum. Ich glaubte, Panik in ihrem Gesicht aufflackern zu sehen. Ihre Kiefermuskeln spannten sich an. «Dann möchte ich, dass Louisa auch mit uns isst», sagte sie.

Darauf herrschte kurze Stille.

«Louisa?», sagte Tab.

«Ja. Es wäre schön, sie richtig kennenzulernen. Haben Sie heute Abend etwas vor, Louisa?»

«Uhm … nein», stammelte ich.

«Dann essen Sie mit uns. Ilaria – Sie haben ja gesagt, dass Sie extra gekocht haben, oder?»

Ilaria hielt ihren Blick auf Mr. Gopnik gerichtet, der aber anscheinend gerade etwas sehr Spannendes auf seinem Handy las.

«Agnes», sagte Tab nach einem Moment. «Du verstehst doch, dass wir nicht mit Angestellten essen, oder?»

«Wer ist ‹wir›? Ich wusste nicht, dass hier allgemeine Verhaltensvorschriften gelten.» Agnes streckte die Hand vor sich aus und musterte mit betonter Ruhe ihren Ehering. «Darling? Hast du vergessen, mir das Buch mit den Verhaltensvorschriften zu geben?»

«Mit allem Respekt, und auch wenn an Louisa ganz bestimmt nichts auszusetzen ist», sagte Tab, «aber es gibt Grenzen. Und sie existieren zum Besten aller.»

«Ich bin mit allem ein…», begann ich. «Ich möchte keine Umst…»

«Mit allem Respekt, Tabitha, ich möchte gern, dass Louisa mit uns zu Abend isst. Sie ist meine neue Assistentin, und wir werden jeden Tag miteinander verbringen. Ich sehe nicht, wo das Problem liegt, wenn ich sie ein bisschen kennenlernen will.»

«Es gibt kein Problem», sagte Mr. Gopnik.

«Daddy …»

«Es gibt kein Problem, Tab. Ilaria, bitte decken Sie den Tisch für vier Personen. Danke.»

Ilarias Blick weitete sich. Sie sah mich kurz an, die Lippen erbittert zusammengepresst, als wäre ich diejenige, die versuchte, die häusliche Rangordnung lächerlich zu machen.

Dann verschwand sie ins Esszimmer, aus dem sofort heftiges Besteck- und Geschirrgeklapper zu hören war. Agnes atmete leicht aus und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann warf sie mir ein verschwörerisches Lächeln zu. «Gehen wir hinüber», sagte Mr. Gopnik nach einer Minute. «Louisa. Möchten Sie einen Aperitif?»

 

Beim Abendessen herrschte eine gedämpfte, unangenehme Stimmung. Ich war eingeschüchtert von dem prächtigen Mahagonitisch, dem schweren Silberbesteck und den Kristallgläsern und fühlte mich in meiner Uniform vollkommen fehl am Platz. Mr. Gopnik schwieg die meiste Zeit und verschwand zweimal, um Telefonate aus seinem Büro anzunehmen. Tab beschäftigte sich mit ihrem iPhone und vermied es gezielt, mit irgendwem zu sprechen, während Ilaria Huhn in Rotweinsoße samt Beilagen brachte und hinterher die Teller mit einem Gesicht abräumte, wie es meine Mutter zog, wenn sie sich tödlich beleidigt fühlte. Vielleicht registrierte nur ich, mit welch heftigem Nachdruck sie mir meinen Teller hinstellte oder dass sie jedes Mal hörbar die Luft einsog, wenn sie an meinem Stuhl vorbeikam. Agnes pickte nur auf ihrem Teller herum. Sie saß mir gegenüber, plauderte leichthin, als sei ich ihre neue beste Freundin, und warf ihrem Mann gelegentlich einen Blick zu.

«Sie sind also zum ersten Mal in New York», sagte sie. «Wo waren Sie sonst schon?»

«Na ja … ich bin noch nicht viel herumgekommen. Ich habe ziemlich spät mit dem Reisen angefangen. Vor einer Weile war ich ein bisschen in Europa unterwegs, und davor war ich auf … Mauritius. Und … in der Schweiz.»

«Amerika ist ganz anders. Ich denke, für uns Europäer hat hier jeder Bundesstaat eine ganz eigene Atmosphäre. Ich habe mit Leonard erst ein paar besucht, aber es war, als würde man jedes Mal in ein vollkommen anderes Land fahren. Freuen Sie sich, hier zu sein?»

«Sogar sehr», sagte ich. «Ich … ich bin entschlossen, alle Möglichkeiten zu nutzen, die mir New York bietet.»

«Klingt ganz nach dir, Agnes», sagte Tab mit süßer Stimme.

Agnes beachtete sie nicht, sondern sah weiter mich an. Ihre Augen waren hypnotisierend schön, liefen an den Außenwinkeln zu schmalen, leicht aufwärts gebogenen Spitzen zusammen. Ich musste mich zweimal dazu ermahnen, den Mund zu schließen, während ich sie anstarrte.

«Erzählen Sie mir von Ihrer Familie. Haben Sie Brüder? Schwestern?»

Ich beschrieb meine Familie, so gut ich konnte, ließ sie mehr nach Waltons als nach Addams Family klingen.

«Und Ihre Schwester wohnt jetzt also mit ihrem Sohn in Ihrer Wohnung in London. Wird sie zu Besuch herkommen? Und Ihre Eltern? Die vermissen Sie doch bestimmt.»

Ich dachte an das, was mir Dad zum Abschied nachgerufen hatte: «Und komm nicht zu schnell zurück, Lou! Wir machen ein Jacuzzi aus deinem alten Zimmer!»

«Oh ja. Sogar sehr.»

«Meine Mutter hat wochenlang geweint, als ich aus Krakau weg bin … Und haben Sie einen Freund?»

«Ja. Sein Name ist Sam. Er ist Rettungssanitäter.»

«Ein Sanitäter! So wie ein Arzt? Toll. Bitte zeigen Sie mir Bilder. Ich liebe es, mir Bilder anzusehen.»

Ich zog mein Handy aus der Tasche und wischte durch die Aufnahmen bis zu meinem Lieblingsfoto von Sam in seiner dunkelgrünen Uniform auf meiner Dachterrasse. Er war gerade von der Arbeit gekommen, trank einen Becher Tee und strahlte mich an. Die Sonne stand niedrig hinter ihm, und wenn ich das Bild ansah, konnte ich mich genau an die Situation dort oben erinnern, als hinter mir auf dem Sims mein Tee kalt wurde, während sich Sam geduldig immer wieder von mir fotografieren ließ.

«Er sieht sehr gut aus! Und zieht er auch bald nach New York?»

«Also … nein. Er baut ein Haus, also ist es jetzt gerade ein bisschen kompliziert. Und außerdem muss er arbeiten.»

Agnes riss die Augen auf. «Aber er muss kommen! Sie können nicht in verschiedenen Ländern leben! Wie können Sie einen Mann lieben, der nicht hier bei Ihnen ist? Ich könnte nie von Leonard getrennt wohnen. Ich kann es ja nicht mal aushalten, wenn er zwei Tage auf Geschäftsreise geht.»

«Ja, das glaube ich, dass du dafür sorgst, nie zu weit weg zu sein», kam es von Tab. Mr. Gopnik sah von seinem Teller auf, ließ seinen Blick zwischen seiner Frau und seiner Tochter hin und her wandern, sagte jedoch nichts.

«Trotzdem», sagte Agnes und zupfte die Serviette auf ihrem Schoß zurecht. «London ist nicht so weit weg. Und Liebe ist Liebe. Stimmt doch, Leonard, oder?»

«Ganz bestimmt», sagte er, und seine Miene wurde bei ihrem Lächeln weicher. Agnes streckte den Arm aus und streichelte seine Hand. Ich senkte hastig den Blick auf meinen Teller.

Einen Moment lang herrschte Schweigen.

«Also, ich glaube, ich fahre doch nach Hause. Irgendwie ist mir auf einmal ein bisschen schlecht.» Mit einem lauten Kreischen schob Tab ihren Stuhl zurück und ließ ihre Serviette auf ihren Teller fallen, wo das weiße Leinen sofort begann, die Rotweinsoße aufzusaugen. Ich musste dem Impuls widerstehen, die Serviette zu retten. Tab stand auf und küsste ihren Vater auf die Wange. Er hob die Hand und strich ihr zärtlich über den Arm.

«Ich melde mich die Woche bei dir, Daddy.» Sie drehte sich um. «Louisa … Agnes.» Mit einem knappen Nicken ging sie hinaus.

Agnes sah ihr nach. Möglicherweise murmelte sie etwas vor sich hin, aber Ilaria sammelte gerade meinen Teller und das Besteck mit derartigem Geklapper ein, dass ich nicht ganz sicher war.

Als Tab gegangen war, schien Agnes sämtlicher Kampfgeist zu verlassen. Sie sank auf ihrem Stuhl zusammen, die Schultern leicht nach vorn geneigt, sodass sich die Kuhlen an ihren Schlüsselbeinen stark vertieften.

Ich stand auf. «Ich denke, ich gehe jetzt wieder in mein Zimmer. Vielen Dank für das Essen. Es war köstlich.»

Niemand erhob Einspruch. Mr. Gopniks Arm lag jetzt auf dem Mahagonitisch, seine Finger streichelten die Hand seiner Frau.

«Wir sehen Sie dann morgen früh, Louisa», sagte er, ohne mich anzuschauen. Agnes hielt mit trauriger Miene den Blick auf ihn gerichtet. Ich zog mich aus dem Esszimmer zurück und flitzte an der Küchentür vorbei, sodass mich die Dolche, die Ilaria in Gedanken aus der Küche hinter mir herschleuderte, nicht treffen konnten.

 

Eine Stunde später schickte mir Nathan eine SMS. Er trank mit Freunden in Brooklyn ein Bier.

Hab gehört, du hast die komplette Feuertaufe hinter dir. Alles klar?

Mir fehlte die Energie für eine geistreiche Erwiderung. Oder dafür, ihn zu fragen, woher er das überhaupt wusste.

Es wird leichter, wenn du sie erst mal besser kennst. Versprochen.

Wir sehen uns morgen, antwortete ich. Einen Moment lang überkam mich ein ungutes Gefühl. Worauf hatte ich mich hier bloß eingelassen? Dann ermahnte ich mich dazu, mich zusammenzureißen, und fiel gleich darauf in einen tiefen Schlaf.

 

In dieser Nacht träumte ich von Will. Ich träumte selten von ihm und war am Anfang sehr traurig darüber gewesen. Damals hatte ich ihn so sehr vermisst, dass es sich anfühlte, als hätte mir jemand ein Loch mitten durch den Körper gesprengt. Als ich Sam kennenlernte, hatten die Träume ganz aufgehört. Doch jetzt, kurz vor Tagesanbruch, hatte ich Will auf einmal wieder vollkommen klar und lebendig vor mir. Er saß auf dem Rücksitz eines Autos, einer teuren Limousine wie der von Mr. Gopnik. Ich sah ihn von der anderen Straßenseite aus und war gleichzeitig erleichtert, dass er nicht tot, doch nicht gestorben war, und wusste instinktiv, dass er nicht dorthin fahren sollte, wohin auch immer er unterwegs war. Es war meine Aufgabe, ihn daran zu hindern. Doch jedes Mal, wenn ich die belebte Straße überqueren wollte, schien eine weitere Fahrspur mit vorbeidröhnenden Autos aufzutauchen, sodass ich ihn nicht erreichen konnte und die Motorengeräusche meine Stimme verschluckten, als ich seinen Namen rief. Dort war er, ein winziges Stück außerhalb meiner Reichweite, mit seiner glatten, karamellbraunen Haut, seinem leichten Lächeln, das die Mundwinkel umspielte, und er sagte etwas zu dem Fahrer, das ich nicht hören konnte. Im letzten Moment fing er meinen Blick auf – seine Augen weiteten sich ein wenig –, und in diesem Augenblick wachte ich schwitzend auf, das Laken um meine Beine verdreht.

Kapitel 3

Von: BusyBee@gmail.com

An: Samfielding1@gmail.com

 

Ich schreibe nur kurz – Mrs. G. hat ihre Klavierstunde –, aber ich versuche, dir jeden Tag eine Mail zu schicken, sodass ich wenigstens das Gefühl habe, wir würden uns unterhalten. Du fehlst mir. Bitte schreib zurück. Ich weiß, dass du es hasst, E-Mails zu schreiben, aber tu’s für mich. Bittebittebitte. (Hier musst du dir meine flehende Miene vorstellen!) Oder du schreibst BRIEFE!

Ich liebe dich

Lxxxxx

«Guten Morgen!»

Ein sehr großer Afroamerikaner in einem sehr engen Elastandress stand vor mir, die Hände in die Seiten gestemmt. Blinzelnd erstarrte ich in T-Shirt und Slip an der Küchentür, fragte mich, ob ich träumte und ob er immer noch da wäre, wenn ich die Tür einmal zu- und wieder aufmachte.

«Sie müssen Miss Louisa sein.»

Eine riesige Hand wurde ausgestreckt, nahm meine und schüttelte sie so energisch, dass ich unwillkürlich auf und ab wippte. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Nein, es war wirklich erst Viertel nach sechs.

«Ich bin George. Mrs. Gopniks Trainer. Ich habe gehört, dass Sie uns begleiten. Ich freue mich schon darauf!»

Ich war nach ein paar unruhigen Stunden aufgewacht, hatte versucht, die wirren Träume abzuschütteln, die sich in meinen Schlaf geschlichen hatten, und war auf Autopilot den Flur entlanggetaumelt, ein Zombie auf Koffeinsuche.

«Okay, Louisa! Und immer auf den Wasserhaushalt achten!»

Damit nahm er zwei Wasserflaschen hoch. Und dann war er weg, joggte leichtfüßig den Flur hinunter.

Ich schenkte mir einen Kaffee ein, und als ich ihn trank, kam Nathan herein, angezogen und nach Aftershave riechend. Er warf einen Blick auf meine bloßen Beine.

«Ich habe gerade George kennengelernt», sagte ich.

«Gibt nichts, was er dir nicht über Gesäßmuskulatur beibringen könnte. Du hast deine Laufschuhe mitgebracht, oder?»

«Haha!»

Ich nippte an meinem Kaffee, doch als ich aufblickte, sah mich Nathan erwartungsvoll an.

«Nathan, niemand hat irgendwas von Joggen gesagt. Ich bin keine Läuferin. Ich meine, ich bin Anti-Sportlerin, ich bin Sofa-Bewohnerin. Das weißt du.»

Nathan schenkte sich einen Kaffee ein und stellte die Kanne in die Maschine zurück.

«Außerdem bin ich erst dieses Jahr von einem Gebäude gefallen, weißt du noch? Wo ich dutzendweise komplizierte Knochenbrüche hatte?»

«Dir geht’s gut. Und du bist Mrs. G.s Assistentin. Dein Job ist es, immer an ihrer Seite zu sein, Süße. Wenn sie joggen gehen will, dann joggst du auch.»

Er trank einen Schluck Kaffee. «Komm schon, kein Grund zur Panik. In ein paar Wochen bist du fit wie ein Turnschuh. Alle hier machen es.»

«Es ist Viertel nach sechs.»

«Mr. Gopnik fängt um fünf an. Wir sind gerade mit seiner Physio durch. Mrs. G. schläft gern ein bisschen aus.»

«Und um wie viel Uhr laufen wir …»

«Zwanzig vor sieben. Du kannst im Hauptflur auf sie warten. Bis später dann!» Er hob die Hand, dann war er verschwunden.

 

Agnes gehörte natürlich zu den Frauen, die morgens sogar noch besser aussehen; das Gesicht frisch und ungeschminkt, der Blick ein bisschen verhangen, aber auf die sexy verschwommene Art. Sie hatte ihr Haar in einem losen Pferdeschwanz zurückgenommen, und in ihrem Ensemble aus Top und Jogginghosen sah sie auf die gleiche durchdachte Art lässig aus wie ein Supermodel in der Freizeit. Sie ging mit federndem Schritt den Korridor entlang wie ein Palomino-Rennpferd mit Sonnenbrille und hob zum Gruß die Hand, als wäre es einfach zu früh, um etwas zu sagen. Ich hatte nur ein Paar Shorts und ein ärmelloses T-Shirt dabei, in dem ich vermutlich aussah wie ein feister Bauarbeiter. Es war mir leicht unangenehm, dass ich mir die Achseln nicht rasiert hatte.

«Guten Morgen, Mrs. G.!» George tauchte auf und reichte Agnes eine Flasche Wasser. «Sind Sie startklar?»

Sie nickte.

«Und Sie, Miss Louisa? Wir laufen heute Morgen nur die Vier-Meilen-Strecke. Mrs. G. möchte noch ein Extra-Bauchmuskeltraining einlegen. Sie haben doch Ihre Dehnübungen gemacht, oder?»

«Also … ich», fing ich an, während mir klarwurde, dass ich keine Wasserflasche hatte. Aber da ging es schon los.

 

George rannte den Korridor mit gefühlten 60 Stundenkilometern hinunter, und als ich gerade dachte, er würde vor dem Lift langsamer werden, hielt er die Flügeltür am Ende des Korridors auf, sodass wir die Treppen zum Erdgeschoss hinuntersprinten konnten. Durch die Lobby und an Ashok vorbei, dessen gedämpften Gruß ich gerade noch mitbekam, rasten wir hinaus.

Gott im Himmel, es war viel zu früh für so etwas. Die beiden liefen ohne jede Anstrengung wie Kutschpferde voraus, während ich hinterdreinrannte, mit meinen kürzeren Beinen nicht ihren Rhythmus halten konnte, mir die Erschütterung jedes Schritts in die Knochen fuhr und ich Entschuldigungen zischte, während ich Kamikaze-Fußgängern auswich, die mir in den Weg kamen. Laufen war das Ding von meinem Ex Patrick gewesen; für mich war es mit Laufen wie mit Grünkohl – eines der Dinge, von deren Existenz man weiß und die vermutlich gut für einen sind, aber auf die man irgendwie nie Lust hat.

Komm schon, du schaffst das, redete ich mir zu. Das ist dein erster Sag-ja-Moment! Du joggst in New York! Das ist ein ganz neues Ich! Ein paar glorreiche Schritte lang glaubte ich es beinahe selbst. Die Autos hielten an, unsere Ampel stand noch auf Rot, und für einen Augenblick blieben wir an der Bordsteinkante stehen, George und Agnes leicht auf den Zehen wippend, ich ungesehen hinter ihnen. Dann waren wir über die Straße und im Central Park, der Verkehrslärm wurde