Mein Leben nach dem Tod - Marija Keller - E-Book

Mein Leben nach dem Tod E-Book

Marija Keller

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Beschreibung

Jacques, ein französischer Dichter und Philosoph, der in jungen Jahren seinem kurzen aber turbulenten Leben ein jähes Ende setzte, erzählt uns eindrücklich seine persönliche Geschichte und was dann nach seinem Selbstmord alles geschah. Als eine sogenannte unerlöste Seele hängte er sich nach seinem äußerst tragischen Tod in das Körpersystem eines heute lebenden Menschen und sorgte damit für allerlei Unruhe. Ein häufiges Phänomen, das vielen weder bekannt noch bewusst ist. Was diese beiden Personen miteinander erlebt haben und heute noch erleben und welche Hilfe und Lösungen sie gefunden haben, erfahren Sie in diesem packenden Buch. Haben Sie sich denn nicht schon immer gefragt, was nach dem Tod vor sich geht und welche energetischen Zusammenhänge zwischen dem Diesseits und Jenseits bestehen? Der Selbstmörder Jacques erzählt es Ihnen, authentisch und glaubhaft durch das Medium Marija Keller. Ein revolutionäres Buch, weil es mit Hilfe von Lebenden und auch Verstorbenen auf nie dagewesene Art und Weise hinter die Kulisse von Leben und Tod blicken lässt!

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2016

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„Jeder hat ein Recht auf das Licht. Wer etwas anderes behauptet, lügt.“

(Jacques)

Inhalt

Vorwort der Autorin

Einleitung

Meine Geburt

Aufnahme durch meine Zieheltern

Der jüngste Dieb der Welt

Mein Namensvetter und sein Hund

Selbsteinlieferung ins Waisenhaus

Erste Liebe

Téte à téte mit Martine

Jagdlust nach Kreativem

Meine grosse Liebe Pierre

Ist der Baum ein Baum?

Martine kann es nicht lassen!

Wind und Wetter

Das menschliche Geburtsrecht von Freiheit und Erfüllung

Die grosse innere Zwickmühle

Der unheilige Heilige Abend

Meeresdämon versus Schutzengel

Die Seele, so grau

Pierres zerrissene Seele

Ein faszinierendes Schauspiel

Unerlöste Seelen

Mireille und Mathieu

Tragische Tode

Gustav

Mein menschlicher Träger

Michaels Geburt

Mireilles Inkarnation und Michaels Trichterbrust

Michaels Leben mit der Trichterbrust

Was ist Realität?

Vorbereitung von Gustav

Eine eigene Persönlichkeit

Das liebe Ego

Der Gang ins Licht

Nachwort von Michael

Nachwort von Marija Keller

Über die Autorin, Jacques’ Kanal

Jacques’ Gedichte: Mein erstes Gedicht

Jacques’ Gedichte: Frühlingsgedicht

Jacques’ Gedichte: Liebeskummer durch Pierre

Jacques’ Gedichte: Worte eines Freundes

Vorwort der Autorin

Liebe Leserinnen und Leser

Das Thema der unerlösten Seelen ist weit verbreitet, doch wenig bekannt. Schwerpunktmässig arbeite ich in meiner Praxis daran, meinen Mitmenschen zu helfen, sich selbst und ihre unerlösten Seelen, die sich in ihrem Körpersystem befinden, zu befreien. Leider ist dieses Thema ein Tabuthema, mit viel Ängsten und Vorbehalten behaftet. Oft werde ich gefragt, was eine unerlöste Seele ist und was dies bedeutet.

In diesem Buch kann jede interessierte Person lesen, was eine unerlöste Seele ist. Die Leserinnen und Leser erfahren ebenso, was (abgespaltene) Seelenanteile sind. Es wird auch dargestellt, was es bedeutet und wie es sich auswirkt, eine unerlöste Seele mit sich zu tragen. Zudem wird beschrieben, wie eine Ablösung aussehen kann (jede Sitzung ist individuell massgeschneidert und verläuft daher anders) und wie sich das Leben danach für alle Beteiligten gestalten kann.

Daher ist es gut, dass sich Jacques, eine unerlöste Seele, mit der ich arbeiten durfte, zu Wort gemeldet und darum gebeten hat, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, sowie auch darüber zu berichten, was dann nach seinem Tod alles geschah.

Dieses Buch darf Ihnen dabei helfen, zu verstehen, was es mit unerlösten Seelen auf sich hat und Ihnen Mut machen, sich selbst und unerlöste Anteile zu befreien, weil wir alle ein Recht auf ein glückliches und befreites Leben haben.

Lassen Sie sich von dieser wahren Geschichte berühren und dazu inspirieren, in jeder Hinsicht mehr aus Ihrem Leben zu machen. Doch lassen wir nun Jacques erzählen.

Ihre Marija Keller

Einleitung

Ich erinnere mich nur noch daran, dass es kalt, nass und grau war. Grau, der Himmel, grau, die Stimmung, grau, meine Seele. Ich schlurfte die Strasse entlang und kickte einen Stein bei Seite. Was wäre es doch schön, dieser Stein zu sein. Keine Gedanken, keine Gefühle, keine Sorgen, keine Probleme. Keine Anforderungen, keine Herausforderungen, Schrecknisse, Demütigungen, keine Ungerechtigkeit. Ja, diese Ungerechtigkeit. Sie verfolgt mich schon seit meiner Geburt und ich verstehe nicht, warum. So ein schlechter Mensch bin ich doch gar nicht. Ich habe nie jemandem etwas zuleide getan, nie. Wenn ich wütend wurde, dann nur gegen mich selbst. Gegen mich, die ich doch eine so hässliche, unausstehliche, verkorkste Natur bin, dass ich gar nicht auf der Welt sein dürfte. Zu meinem hässlichen Körper kommen vermehrt diese hässlichen Gedanken und Gefühle. Leute, ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. Ihr habt mir viel zu viel angetan, ob es euch bewusst ist, oder nicht.

Voll dieser düsteren Gedanken war ich unterwegs zur Seine, um mich still und heimlich und wie betäubt selbst zu ertränken. Betäubt durch all das Leid, das ich in meinem kurzen Leben erfahren habe, das aber so schwer wiegt, als wären es hunderte, ja tausende Leben. Keiner versteht mich. Keiner interessiert sich für mich. Meine Gedanken kreisen nur um meinen Abschied von dieser Welt, der gar kein Abschied sein wird, weil ich niemanden und nichts habe, um Adieu zu sagen. Grausam der Gedanke, dass mich niemand vermissen wird, niemand betrauern. Da bin ich schon tot, bevor ich gestorben bin.

Aber ich möchte von vorne berichten. Von meinem Leben bis zu dem Punkt, an dem ich unterwegs zur Seine war, um dem Elend endlich ein Ende zu bereiten, wie ich meinte. Es kam dann aber ganz anders …

Meine Geburt

Paris im Jahre 1684, 14. November

Unter schrecklichen Schmerzen gebar mich die, die sich meine leibliche Mutter nannte. Wieder einmal hatte sie Verkehr mit irgendeinem dunklen Gesellen gehabt, der ihr den Hof machte, um sich zu erleichtern, sie nur benutzte, um sie dann fallen zu lassen. Sie war es gewohnt und da sie das Geschenk besass, nicht besonders intelligent zu sein, begriff sie ihr Unglück nicht, sondern machte immer weiter.

Sie begriff nie, was Recht und Unrecht, gut oder böse war, denn sie spürte sich selbst nicht. Sie lebte und nahm die Tage vorneweg, folgte ihren Instinkten und Trieben und fand immer einige gnädige Menschen, die sich dann um sie kümmerten – zumindest zeitweise – so dass sie irgendwie durchs Leben kam.

Meine Mutter interessierten die Menschen nicht wirklich, sie dienten nur ihrem Über- und Erleben. Sicher gab es da auch freudvolle Momente, aber auch diese begriff sie nicht wirklich, denn die Zeit zog innerlich und äusserlich an ihr vorbei. Ich sagte es schon: sie folgte ihren Instinkten und Trieben, manchmal wie ein Tier, wenn sie sich die Strasse halb gebückt, halb kriechend fortbewegte, laut schnüffelnd, wie ein Hund, um dem Essensgeruch zu folgen, der ihr in die Nase gestiegen war.

Dem Umstand, dass sie etwas schielte, hatte sie zu verdanken, dass sie auf viel Mitleid stiess und immer jemanden fand, der sie nährte, schützte oder ihr zeitweilig sogar Obdach gab.

Aufnahme durch meine Zieheltern

Paris im Jahre 1684, 15. November

Da mich meine leibliche Mutter nach der Geburt in einer Nebenstrasse einfach in der Gosse liegen liess und mein penetrantes Schreien in meinem Überlebenskampf gegen Hunger und Kälte ein entnervtes, aber mitleidiges Wesen rührte, fand ich vorübergehend Unterschlupf bei einem Diebespaar, das selbst keine Kinder bekommen konnte.

Als mich meine Ziehmutter genauer inspizierte, entfuhr ihr eine Lautäusserung des Ekels, mit dem sie meinen deformierten Körper quittierte. Ihr Partner blickte grimmig auf, als sie brabbelte:

„Francois, sieh mal, das Elend, es passt so richtig schön zu uns und unseren Machenschaften. Nicht wahr, mein Kleiner? Du bist so anders als die übrigen Säuglinge. Ich gebe dir den Namen meines Grossvaters, er hiess Jaques. Und weil du so anders bist, sollst du Jacques heissen.“

Mireille blickte zufrieden auf meinen in Lumpen gehüllten Körper. Ich begriff noch nicht, was das alles zu bedeuten hatte und nuckelte zufrieden an meinem Daumen. Hauptsache, ich spürte Nähe, Wärme und mein Magen wurde gefüllt. Eine Ziege rettete mir das Leben.

Der jüngste Dieb der Welt

Paris im Jahre 1685, 13. Oktober

Meine Rebellion begann schon früh. Meine Rebellion gegen Ungerechtigkeit, Dunkel und Elend auf dieser Welt, das sich mir schon in so jungen Jahren zu zeigen begann. Ich spürte, dass Mireille nicht meine Mutter sein konnte, denn sie hatte mich nicht unter ihrem Herzen getragen. Ich spürte, dass sie mir nicht wohlgesonnen war, sondern mich für ihre Zwecke benutzte. Francois war zu krank und zu wenig dominant, um mir beizustehen oder auf irgendeine Weise dienlich oder nützlich zu sein. Schwere Anfälle und Schübe von Rheuma plagten ihn sehr und er konnte zeitweise vor Schmerzen nur stöhnen. Seine Aufmerksamkeit richtete sich darauf, sich möglichst angenehme Phasen für seinen Körper und Körpergefühl einzurichten – ja, Körpergefühl, das war so eine Sache bei mir. Manchmal konnte ich ihn wahrnehmen, meinen Körper und in den Momenten wurde mir auch bewusst, was er darstellte. Und ich ekelte und grauste mich vor mir selbst. Dann wiederum spürte ich mich gar nicht, stand wie neben mir, als würde ich mich beobachten und mein Körper gar nicht zu mir gehören. Ich spürte mich zwar denken, fühlen und reden, aber als wäre ich eine andere Person. Dieser Zustand war mir am liebsten, weil ich dann wie eine Schonfrist vor mir selbst hatte. Mein Körper holte mich aber immer wieder in die Realität zurück, ich werde da und dort davon erzählen, damit ihr mich genauer versteht.

Aber nun bin ich abgeschweift: Mireille benutzte mich als Diebesassistenten. Ja, einen derart kleinen Menschen verdächtigt man ja auch nicht irgendwelcher krimineller Anwandlungen. Und dieses Bewusstsein sowie diese Einstellung der Mitmenschen nutzte Mireille aus. Bei grösseren Menschenansammlungen stiftete sie mich dazu an, den Menschen möglichst unauffällig deren Sachen zu entwenden, von Messern über Geldbeuteln bis zu ganzen Säcken. Dabei lenkte sie die Menschen ab, sie kannte alle Tricks und Kniffe. Es interessierte sie nicht, ob ich mich dabei verletzen könnte, etwa, wenn ich unaufgeklärt über die möglichen Folgen nach einem frisch geschliffenen Messer griff, um es dem Besitzer still und heimlich zu entwenden. Wenn ihr meine Narben an den Händen sehen könntet, würdet ihr verstehen, dass dies Zeugen dieser Zeit und Erfahrungen mit Mireille waren. Wenn ich nicht mitspielen konnte oder wollte, strafte Mireille mich mit Entzug von Nahrung. Diesem Umstand habe ich zu verdanken, so glaube ich, dass ich nie richtig Gewicht zulegen konnte und sehr darauf fixiert war, die Leistung zu erbringen, die meine Mitmenschen von mir erwarteten und nicht das zu tun, von dem ICH überzeugt war. Mireille hat mich sozusagen konditioniert, wie es dann die Wissenschaftler später einmal benennen werden.

Meine Rebellion äusserte sich heftig darin, dass ich mit Verweigerung von Nahrungsaufnahme danach trachtete, ihre Konditionierungsversuche durch Nahrungsentzug zu sabotieren. Bedauerlicherweise stellte ich schnell fest, dass Mireille dies leider nicht kümmerte und sie darauf spekulierte, mich komplett an den Tod zu verlieren und den Gedanken hegte, sich einen neuen Säugling zu ziehen. In der Gosse geborene und verlassene Waisen gab es zu dieser Zeit genug. Und sonst hätte sie in ein Kloster gehen können und ein Neugeborenes, das gar nicht existieren dürfte, weil es von Nonnen und/oder Mönchen stammte, vor dem sicheren Tod bewahren, indem sie es zu sich nahm. Irgendwann begriff ich, dass ich nicht Mireilles erster und wahrscheinlich auch nicht letzter Zögling war und sein werde ...

Mein Namensvetter und sein Hund

Paris im Jahre 1687, 19. April

Mein erstes Schlüsselerlebnis mit meinem Körper hatte ich mit zweieinhalb Jahren. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, nicht beachtet zu werden, sowohl von Mireille und Francois, der mittlerweile gestorben war, als auch von den Mitmenschen, weil ich mich ihnen gegenüber als Diebesassistent unbemerkbar machen musste. So war es seltsam, plötzlich Beachtung zu finden und dies von einem Menschen, von dem ich es nie erwartet hätte. Es war ein Bettler, der immer an der gleichen Strassenecke positioniert war und mich genau beobachtete, was ich da immer trieb. Anfangs jedoch bemerkte ich es nicht, aber irgendwann spürte ich seinen Blick in meinem Nacken, drehte mich um und sah in ein paar müde, freundlich lächelnde Augen voller Geborgenheit und Liebe. Es berührte mich sehr, denn er strahlte etwas aus, nach dem ich mich immer gesehnt, es aber kaum oder nur zu kurz bekommen hatte.

Eines Tages winkte er mich zu sich heran und schüchtern, aber gewiss, dass mir nur Gutes widerfahren würde, weil eben dieser Bettler so einen freundlichen Blick hatte, näherte ich mich ihm vorsichtig. Er liess mich an seiner Nahrung teilhaben und wollte wissen, wie es mir geht. Dabei strich er mir über meinen Kopf und stellte dann anschliessend seinen Gefährten vor, Boules, seinen lieben Strassenköter. Dies war sein Diebesassistent und ich fühlte mich zu Boules auf eigenartige Art und Weise hingezogen, als wäre er ein Bruder oder so etwas.

Der Bettler mit dem Namen Jaques (ohne c) gewann mein Vertrauen – bis zum heutigen Tag, als etwas vorfiel, was ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde, obwohl Kinder meiner Altersklasse sich an das, was sie mit zweieinhalb Jahren erlebt haben, eigentlich nicht mehr so erinnern können. Jaques entdeckte einen goldenen Ring, den ich einmal gestohlen, Mireille aber nie abgegeben hatte. Bis zum heutigen Tage hatte sie nichts bemerkt, was mir nur gelegen kam. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommen könnte und bewahrte intuitiv diesen Ring als Sicherheit auf. Als Jaques ihn entdeckte, wollte er ihn mir zuerst abluchsen, abbetteln, dann durch massives Bitten, Drohen und Erpressen abnehmen. Als ich nicht darauf reagierte, packte er mich an der Gurgel und würgte mich so sehr, dass ich Sterne sah und dachte, dass ich sterben müsste.

Dann geschah das Unerwartete: Boules, eigentlich Jaques’ Hund, stürzte sich auf ihn und verbiss sich in seine Wade. Abgelenkt durch den Schmerz liess Jaques ab – gerade noch rechtzeitig, denn sonst wäre ich erstickt. Grösser als der Schmerz am Hals und die Angst, die ich verspürte, war die riesengrosse Enttäuschung, mich so in Jaques als freundlichen und gütigen Menschen geirrt zu haben. Was Gold oder Geld alles aus Menschen machen kann, ist sicherlich erstaunlich: sie vergessen sich selbst, ihre Werte, ihre ganze Moral und lassen sich von der unnachsichtigen, rücksichtslosen Gier überwältigen, die sogar über Leichen gehen würde und auch ausser Acht lässt, dass es sich bei mir doch um ein unschuldiges und wehrloses Kind handelt.

In Jaques hatte ich etwas wie einen guten Ersatzvater gefunden und gleichzeitig wieder verloren: verloren an ein Dunkel in ihm, das grösser war als seine Güte und Freundlichkeit und sein Wohlwollen mir gegenüber. Ich war verzweifelt und enttäuscht und traute mich auch nicht nach Hause, zu Mireille, weil ich instinktiv wusste, dass sie nach der Ursache meiner Würgemale am Hals forschen würde. Es musste einen triftigen Grund geben und sich um etwas sehr Wertvolles handeln und mit solchen Überlegungen hatte sie ja auch Recht.

Aber diesen Abend und auch die nächsten Tage beachtete sie mich gar nicht, was eine Erleichterung auslöste aber gleichzeitig die Bestätigung, dass ich nicht beachtenswert oder liebenswert wäre, ein Nichts. Nicht wert, gefragt zu werden, wie es mir geht, getröstet, gepflegt und beruhigt zu werden nach der schlimmen Erfahrung, die ich schon so früh hab machen müssen. Ich hasste die Welt, plötzlich hasste ich sie über alles. Und ich hasste mich selbst, so unerträglich, dass ihr es euch nicht vorstellen könnt. Und es wird noch so viele Momente in meinem Leben geben, die all dies bestätigen sollten, meine Glaubensätze der Wertlosigkeit sowie meine Überzeugung, Opfer zu sein.

Selbsteinlieferung ins Waisenhaus

Paris im Jahre 1688, 3. Juni

Nun war es soweit. Ich bereitete alles vor, damit ich von Mireille wegkommen konnte. Viel wusste ich nicht, denn dafür war ich viel zu klein. Aber instinktiv war mir klar, dass ich bei Mireille nicht in guten Händen war und unter keinem guten Einfluss stand. Seit Francois tot war, erschien mir Mireille unerträglich launisch und ungerecht mir gegenüber. Sie vernachlässigte sich selbst und damit selbstverständlich auch mich.

Wie ein Kater, der sich in seinem Zuhause nicht mehr wohl fühlt und sich ein neues Heim sucht, zog ich los, um ein besseres Leben zu finden. Ich ging in die Richtung, wo Jaques immer postiert war, wohlbedacht, ihm nicht über den Weg zu laufen. Als ich um die besagte Ecke spähte, wo Jaques sich in der Regel aufhielt, konnte ich sehen, dass er für einen Moment abgelenkt war, da er sich in einer heftigen Diskussion mit einer anderen männlichen Person befand. Die Wade von Jaques war notdürftig mit einem Fetzen umwickelt, auf dem noch Blutspuren zu erkennen waren, ein Andenken an den Kampf zwischen ihm, mir und seinem Hund, Boules. Leise und vor Freude winselnd schlich sich Boules zu mir, die Ohren angelegt und den Schwanz eingezogen. Er schleckte mein Gesicht und spürte meine Not. Tiere können Gedanken lesen, das dürft ihr mir glauben, und so wusste er, dass ich ein neues Zuhause suchte. Boules war sehr klug und zeigte mir auf seine Weise, dass ich ihm folgen solle. Als wir auf dem Weg waren, begriff ich, wohin es gehen sollte: untrüglich zielte Boules auf das Waisenhaus der Stadt ab, weil er dort viele Kinder entdeckt hatte, die ihm immer wieder liebe Streicheleinheiten zukommen liessen und gerne mit ihm spielten. Er dachte sich, dass ich bei diesen lieben Kindern gut aufgehoben wäre und sicher Freunde finden könnte.

Ich liess mich auf diese Idee ein, wobei ich später schnell bemerkte, dass ich es bereute. Aber da war es schon zu spät. Die äusserst beeindruckende Waisenhausleitung, eine stämmige und grimmig dreinblickende Frau, schaute mich schräg an, als ich verschüchtert in den Vorraum schlich. Sie hatte mich bereits entdeckt, als ich mich dem Waisenhaus näherte. „Lungerst du nur hier herum, Bub, oder brauchst du Hilfe? Sag schon, und zwar ehrlich, sonst kannst du was erleben!“ Keine freundliche Begrüssung für ein armes, verschrecktes, dreijähriges Kind. Ob Mireille nicht die bessere Wahl gewesen wäre?! Die Frau inspizierte mich, schaute mir – wie früher den Sklaven – in den Mund, um mein Gebiss oder das, was davon schon zu sehen war, zu begutachten, tastete mich ab, um zu sehen, ob ich genug Fleisch an den Knochen hatte, strich über meine Haut, um zu prüfen, ob ich Ausschläge oder Juckreiz verspürte, kontrollierte meine Ohren und befand dann, dass ich einigermassen in Ordnung sei, um hier zu bleiben. „Du willst doch hier bleiben, oder, Bub?!“, fragte sie mich interessiert. „Nun sprich schon, du kannst doch sicher schon ein paar Worte reden.“ Ich nickte nur und liess mich ins Haus führen, sie zeigte mir den Speisesaal, den Schlafraum, den Waschraum und sagte mir, was ich zu tun hätte, um mein Essen verdienen zu können. Im Grunde genommen war es überhaupt nichts anderes als bei Mireille: irgendwelche krummen Dinger drehen, weil den Kleinsten nichts angelastet werden kann.

Erste Liebe

Paris im Jahre 1693, 2. Dezember

Es war so kalt, dass ich am ganzen Körper schlotterte. Etwas mehr als fünf Jahre war es her, dass ich ins Waisenhaus ging. Ich bin wahrscheinlich einer der allerseltensten Fälle, ein Kind, das muss man sich einmal vorstellen, das sich selbst ins Waisenhaus einliefert – und das mit gut drei Lebensjahren. Das zeigt, wie früh ich schon selbständig sein und auf meinen eigenen Beinen stehen musste. Zwar war ich schmal gebaut, doch innerlich, ja innerlich, da war ich extrem stark. Wie hätte ich sonst all dies Leid, die Strapazen und den Kummer überstehen sollen? Wie meine Not mindern?

Eigentlich müsste ich ein sehr gestörtes Kind sein, vom Verhalten her, zumindest im Fühlen. Das war ich aber nicht. Irgendwie gelang es mir, mein ganzes Dilemma innerlich abzuhaken und aus der jetzigen Situation das Beste zu machen. Da ich sehr genügsam war, konnte man mich mit den wenigsten Sachen zufriedenstellen. Wiederum fühlte ich mich wie ein Kater, der einfach zufrieden ist, wenn er sein Fressen bekommt, einen warmen Platz zum Schlafen hat und seiner Jagdlust nachgehen kann. Jagdlust hatte ich auch, ich wusste nur nicht, wonach. Etwas in mir trieb mich an, trieb mich voran, wollte leben, sich ausleben. Etwas sehr Kraftvolles. Es war nicht diese Energie, die bei Rangeleien mit gleichaltrigen Halbstarken herausgelassen wird um zu messen, wer der Chef ist, der Stärkste unter allen. Es war auch nicht die Überlebensenergie, die mir geholfen hatte, über Wasser zu bleiben, auch wenn es schier unmöglich schien. Nein, es war etwas Künstlerisches, Gewaltiges, etwas mir ganz Eigenes. Da ich eh anders war als alle anderen Menschen – das ist jede Person, ihr habt schon Recht, doch bei mir noch viel extremer – erstaunte es mich nicht, auch in diesem Bereich etwas ganz Spezielles zu sein oder zu haben. Ich musste nur herausfinden, was es war und schauen, ob es mir irgendwie nutzen könnte.

Es war auch das Jahr, als ich mich das erste Mal verliebte. Nein, es war kein Mädchen, wie ihr denken würdet, auch keine junge Frau, kein weibliches Wesen. Es war ein Jugendlicher, ein junger Kurier, der von da nach dort flitzte, um Post weiterzugeben. Nicht die übliche Post, besondere Post. Und als Ervine auch dem Waisenhaus besondere Post zu bringen hatte, fuhr es wie ein Blitz durch meinen Körper, meinen Geist und meine Seele. Ein positiver Schock, den nur nachvollziehen kann, wer ihn selbst erlebt hat. Es geschah im Frühjahr diesen Jahres, als die Luft lau war und die Vögel zwitscherten, als würden sie keinen zweiten Frühling mehr erleben können ...

Ervine war für mich eine göttliche Erscheinung, seine Augen, seine Haut, sein Haar, seine Anmut, sich zu bewegen und auszudrücken, auch wenn die Vielfalt der Worte ihm zu fehlen schien. Ein kurzer Blick in seine Augen genügte bereits, um die Tiefe seiner Seele zu erahnen. Ervine inspirierte mich zu meinem ersten Gedicht. Woher ich lesen und schreiben kann? Heimlich, heimlich habe ich mich davongeschlichen und bei einem alten und freundlichen Mann – dieser war jedoch wirklich freundlich, nicht wie Jaques – gelernt, was die einzelnen Buchstaben bedeuten und wie man sie zusammensetzt.

Da waren immer zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen in meinem Leben, um mir das zu geben, was absolut wichtig und notwendig, unverzichtbar ist. Aber das erkannte ich später. Viel später. Eigentlich zu spät. So ist es doch immer, oder?

Téte à téte mit Martine

Paris im Jahre 1702, 4. April

In diesem Jahr werde ich etwas ganz Besonderes erleben. Ich werde meinen ersten Kuss erhalten, ganz unerwartet und von einer Person, von der ich es nicht gedacht hätte. Ihr habt doch wahrscheinlich alle schon erste Küsse bekommen, aber ich nehme an, es hat euch mehr oder weniger gefallen und Freude bereitet. Mir nicht. Mir gar nicht, es war einfach furchtbar.

Da war dieses junge Mädchen, etwa ein Jahr älter als ich, mit dem ich mich sehr gut verstand. Wir konnten über alles miteinander reden und teilten unsere kleinen und grossen Sorgen und auch Freuden. Wir philosophierten gern und gut, machten uns die tiefsinnigsten und manchmal auch die unsinnigsten Gedanken über die Welt und das Leben, was uns nicht selten zum Totlachen brachte. Ja, und dann lagen wir eines späten Abends unter freiem Sternenhimmel auf einer Wolldecke und schauten zu den Sternen rauf. Martine stammte aus gutem Hause, sonst könnte ich wohl kaum auf einer Wolldecke herumliegen. Ich war ja schon froh, wenn ich genügend warme Sachen zum Anziehen hatte …

Wir lagen also auf dieser Decke und schauten den Sternenhimmel an, als Martine sich plötzlich über mich beugte, mir tief in die Augen schaute und meinte, wie hübsch ich doch sei. Ich war so etwas von verwundert, nicht nur, dass sie mir das sagt, sondern dass sie den Eindruck hat, ich hätte irgendetwas Hübsches oder Schönes an mir. Sie nahm meine Hand und sagte, wie sehr sie diese sanfte, feingliedrige, schmale und weisse Hand liebte. Stellt euch vor, ich war so etwas wie ein Naturbursche, viel in der Sonne, schaffte es aber nie, mich zu bräunen. Ich hatte diese adlige und vornehme Blässe, ohne mich zu pudern. Auch das machte mich so anders, nebst all den vielen anderen Merkmalen und Eigenheiten, die mir auf meinen irdischen Lebensweg mitgegeben wurden. Ich kannte meine Eltern kaum bis gar nicht und konnte daher nicht ableiten, woher ich diese vornehm – und was mich noch mehr störte – feine, zarte, feingliedrige Statur hatte.