Meine Komödien - Ödön von Horvath - E-Book

Meine Komödien E-Book

Ödön von Horváth

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Beschreibung

Horvath gehört zu den bedeutensten Bühnenautoren seiner Zeit und war für eine Erneuerung des Themas des sogenannten Volksstückes federführend. In diesem Band sind folgende komödiantischen Werke enthalten: Die Unbekannte aus der Seine Ein Dorf ohne Männer Figaro lässt sich scheiden Geschichten aus dem Wiener Wald Hin und her Italienische Nacht Kasimir und Karoline Mit dem Kopf durch die Wand Pompeji Ein Sklavenball Rund um den Kongreß Zur schönen Aussicht

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Meine Komödien

Ödön von Horváth

Inhalt:

Ödön von Horváth – Biografie und Bibliografie

Die Unbekannte aus der Seine

Personen:

Erster Akt

Zweiter Akt

Dritter Akt

Epilog

Ein Dorf ohne Männer

Personen:

Erstes Bild

Zweites Bild

Drittes Bild

Viertes Bild

Fünftes Bild

Sechstes Bild

Siebentes Bild

Figaro lässt sich scheiden

Personen:

Erster Akt

Zweiter Akt

Dritter Akt

Geschichten aus dem Wiener Wald

Personen:

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Hin und her

Personen:

Erster Teil

Zweiter Teil

Italienische Nacht

Personen:

Erstes Bild

Zweites Bild

Drittes Bild

Viertes Bild

Fünftes Bild

Sechstes Bild

Siebentes Bild

Varianten der Italienischen Nacht

Kasimir und Karoline

Personen:

1. Szene

2. Szene

3. Szene

4. Szene

5. Szene

6. Szene

7. Szene

8. Szene

9. Szene

10. Szene

11. Szene

12. Szene

13. Szene

14. Szene

15. Szene

16. Szene

17. Szene

18. Szene

19. Szene

20. Szene

21. Szene

22. Szene

23. Szene

24. Szene

25. Szene

26. Szene

27. Szene

28. Szene

29. Szene

30. Szene

31. Szene

32. Szene

33. Szene

34. Szene

35. Szene

36. Szene

37. Szene

38. Szene

39. Szene

40. Szene

41. Szene

42. Szene

43. Szene

44. Szene

45. Szene

46. Szene

47. Szene

48. Szene

49. Szene

50. Szene

51. Szene

52. Szene

53. Szene

54. Szene

55. Szene

56. Szene

57. Szene

58. Szene

59. Szene

60. Szene

61. Szene

62. Szene

63. Szene

64. Szene

65. Szene

66. Szene

67. Szene

68. Szene

69. Szene

70. Szene

71. Szene

72. Szene

73. Szene

74. Szene

75. Szene

76. Szene

77. Szene

78. Szene

79. Szene

80. Szene

81. Szene

82. Szene

83. Szene

84. Szene

85. Szene

86. Szene

87. Szene

88. Szene

89. Szene

90. Szene

91. Szene

92. Szene

93. Szene

94. Szene

95. Szene

96. Szene

97. Szene

98. Szene

99. Szene

100. Szene

101. Szene

102. Szene

103. Szene

104. Szene

105. Szene

106. Szene

107. Szene

108. Szene

109. Szene

110. Szene

111. Szene

112. Szene

113. Szene

114. Szene

115. Szene

116. Szene

117. Szene

Mit dem Kopf durch die Wand

Personen:

Erster Akt

Zweiter Akt

Dritter Akt

Vierter Akt

Pompeji

Personen:

Erstes Bild

Zweites Bild

Drittes Bild

Viertes Bild

Fünftes Bild

Sechstes Bild

Verwandlung

Ein Sklavenball

Personen:

Erster Akt

Zweiter Akt

Dritter Akt

Rund um den Kongreß

Personen:

Erstes Bild

Zweites Bild

Drittes Bild

Viertes Bild

Fünftes Bild

Zur schönen Aussicht

Personen:

Erster Akt

Zweiter Akt

Dritter Akt

Meine Komödien, Ö. von Horvath

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849638610

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Ödön von Horváth – Biografie und Bibliografie

Österreichischer Schriftsteller, geboren am 9. 12. 1901 in Fiume/Rijeka (früher Ungarn), verstorben am 1. 6. 1938 in Paris. Lebte in seiner Jugend in Belgrad, Budapest, München und Wien und beendete dort seine schulische Laufbahn 1919 mit der Matura. Von 1923 bis 1933 lebte H. in Berlin und Murnau am Staffelsee. Immer mehr gerät er in den Blick der Nationalsozialisten und zieht schließlich nach Salzburg. Als 1938 Österreich Deutschland angeschlossen wird flüchtet er nach Paris und wird dort auf dem Champs Élysées von einem fallenden Ast erschlagen.

Wichtige Werke:

    Das Buch der Tänze, 1920

    Mord in der Mohrengasse, 1923

    Zur schönen Aussicht, 1926

    Die Bergbahn, 1926

    Sladek der schwarze Reichswehrmann, 1929

    Rund um den Kongreß, 1929

    Sechsunddreißig Stunden, 1929

    Der ewige Spießer, 1930

    Die Lehrerin von Regensburg, 1930,

    Italienische Nacht, 1931

    Geschichten aus dem Wiener Wald, 1931

    Glaube Liebe Hoffnung, 1932

    Kasimir und Karoline, 1932

    Die Unbekannte aus der Seine, 1933

    Hin und her, 1934

    Mit dem Kopf durch die Wand, 1934

    Don Juan kommt aus dem Krieg, 1936

    Figaro lässt sich scheiden, 1936

    Pompeji. Komödie eines Erdbebens, 1937

    Ein Dorf ohne Männer, 1937

    Himmelwärts, 1937

    Der jüngste Tag, 1937

    Jugend ohne Gott, 1937

    Ein Kind unserer Zeit, 1938

Die Unbekannte aus der Seine

Komödie in drei Akten und einem Epilog

Personen:

Albert Silberling Nicolo Irene Emil, ein Bräutigam Ernst Theodor, der Leidtragende Die Unbekannte Der Uhrmacher Hausmeisterin Klara, die Hausmeisterstochter Ein Polizist Der Student aus dem zweiten Stock rechts Die Gattin des Ingenieurs aus dem dritten Stock links.Die Mordkommission: Der Herr im Frack Der Doktor Der Kommissar Der Gerichtsphotograph. Mathilde, die Zimmervermieterin Lilly, ein Mädchen Lucille Der kleine Albert

Dieses Stück spielt in einer großen Stadt, durch die ein Fluß fließt.

Erster Akt

Seitengasse. Altes hohes Haus. Neben dem Haustor ein Uhrmacherladen und eine kleine Blumenhandlung mit Rosen, Tulpen, Hyazinthen, Kakteen und Flieder – bis auf die Gasse hinaus. Darunter auch eine Stechpalme.

Die Besitzerin der Blumenhandlung ist blond, ledig und Mitte der Zwanziger. Mit dem Vornamen heißt sie Irene. In der Auslage des Uhrmacherladens hängen lauter Uhren – große und kleine, alte und neue. Auch Kuckucksuhren. Und ein Barometer. Es geht bereits gegen Abend. Ende Mai.

1. Szene

Albert, ein junger Mensch und ehemaliger Beamter einer Speditionsfirma, kommt mit Silberling und Nicolo langsam vorbei. Silberling, ein älterer Herr, macht auf den ersten Blick einen durchaus soliden Eindruck, aber auf den zweiten Blick wieder weniger. Und auch Nicolo sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus, schon auf den ersten Blick nicht. Aber gekleidet ist er wie ein Gent.

SilberlingAlso das ist Nummer neun. Ein schönes Haus.

AlbertAlt.

SilberlingWahrscheinlich. Und die Wohnung über den Uhren ist zu vermieten?

AlbertSie steht leer.

Stille.

Es ist das ein kleiner Laden, dieser Uhrmacherladen. Gleich rechts steht der Schrank und schlafen tut er hinten hinaus.

NicoloUnd dort ist das Kellerfenster.

AlbertJa.

Stille.

SilberlingWieviel sagst du? Dreitausend?

AlbertGarantiert.

NicoloIch habe ein gutes Gefühl.

Stille.

AlbertAber ich tu nicht mit.

SilberlingWas heißt das?

Nicoloscharf: So plötzlich?

Stille.

AlbertIch hab euch hierhergeführt und zeig euch Chancen, aber ich tu nicht mit.

Nicoloironisch: Willst ein neues Leben beginnen?

SilberlingAlso nur keine Unüberlegtheiten!

Stille.

SilberlingEin neues Leben – hm. Das geht natürlich nicht nach Wunsch.

Silberlinggrinst: Wahrscheinlich.

AlbertAber es dreht sich da um einen Menschen – nicht um mich!

NicoloSondern?

Albert schweigt.

SilberlingSicher um eine Madonna. Die wird oder will ihn verlassen oder sie hat ihn schon verlassen –

Albertgrinst: Erraten.

NicoloKunststück!

SilberlingUnd jetzt hat sie schon längst einen anderen.

AlbertSie hat keinen anderen.

SilberlingWetten?

AlbertIch wette nicht.

NicoloEr ist kein Hasardeur.

AlbertGut. Jetzt wette ich! Hundert gegen eins!

SilberlingAbgemacht! Auch hundert gegen zwei!

NicoloZu gewagt!

Albertbraust auf: Was versteht denn ihr schon davon!

Wütend ab.

2. Szene

Die beiden Herren sehen ihm verdutzt nach.

NicoloEr muß. Wir zwei allein sind zu wenig.

SilberlingDer kommt auch wieder – da wachsen mir keine grauen Haare.

NicoloAber die Finger eines Weibes im Spiele – das kann mir nicht gefallen. An Hand meiner reichen persönlichen Erfahrungen.

Silberlingunterbricht ihn väterlich: Nanana! Nur nicht gar so von oben herab, Herr Casanova!

Nicolofixiert ihn: Was weißt denn du schon von mir, junger Mann?

SilberlingNichts.

NicoloEben. Ab mit Silberling.

3. Szene

Jetzt verläßt Irene mit Emil, einem Bräutigam, ihre Blumenhandlung. Der will sich gerade ein Brautbouquet kaufen, ist aber immer noch unschlüssig. Er hat einen melancholischen Charakter und beriecht die Blumen auf der Straße.

IreneAuch Hyazinthen riechen gut.

EmilZu streng.

IreneDann bleiben wir doch bei den Rosen, Herr Emil, das ideale Brautbouquet. Rosen bringen Glück.

Emilschmerzlich: Glück?

IreneSicher. Das ist nämlich so ein Aberglaube und ich glaub daran. Sie nicht?

EmilZur Not.

IreneSie sehen aber schon gar nicht aus, als hätten Sie einen Freudentag vor sich –

EmilIch bin halt kein leichter Mensch – und Heiraten ist doch kein Kinderspiel. Sie waren doch auch schon mal verlobt. Man erfährt doch so manches, wenn man im selben Haus wohnt.

Irenefixiert ihn: Wie meinen Sie das jetzt?

EmilIch meine halt nur, daß man sein Herz unter Umständen leicht an einen unwürdigen Partner verschwenden kann –

IreneSie sind eigentlich ein boshafter Mensch, Herr Emil.

EmilSie verkennen mich grausam. Schade. Wenn ich nicht schon eine Braut hätte, würde ich Sie heiraten – glatt. Sie haben einen schönen Charakter und Blumen sind eine angenehme Branche.

IreneSehr aufmerksam.

EmilWas kostet diese Stechpalme?

IreneDie ist sehr preiswert.

EmilÜbrigens: hätten wir nicht doch lieber Flieder –

Ireneunterbricht ihn: Nein. Rosen bringen Glück.

4. Szene

Ernst, ein Vertreter, kommt mit seiner Tasche. Er hat ein sicheres Auftreten und kann äußerst zungenfertig sein.

Ernstgrüßt: Servus Emil, guten Abend – Er gibt Irene rasch einen Kuß auf die Wange. Na was macht die Hochzeit?

EmilWir debattieren gerade über das Brautbouquet –

ErnstRosen bringen Glück!

Irenezu Emil: Sehen Sie!

EmilIch höre. Also dann bleiben wir halt dabei – Zu Ernst. Du kommst doch heut zu meinem Polterabend?

ErnstEhrensache!

EmilWiedersehen!

Ireneboshaft: Alles Gute zur Hochzeit. Und viele Kinder.

EmilKinder bringen Glück –

Ab durch das Haustor in seine Wohnung.

5. Szene

Ernstsieht ihm nach: Ein armer Pessimist. Ein Kretin.

IreneErnst. Wie oft hab ich dich schon gebeten, du sollst mich nicht vor fremden Leuten auf die Wange küssen –

ErnstAber Maus! Meinst denn, die Leut sind blind? Glaubst, die wissen es nicht genau, wie oft ich hier in der Nacht – alles wird einem registriert, das ist nun mal Menschenart. Gott, bin ich müd und wieder kaum etwas verkauft! – Und du gefällst mir übrigens auch nicht. Das heißt: wir kennen uns ja erst seit drei Wochen, aber du hast mir zuviel depressive Zuständ – ich sorge mich um dich, Irene.

IreneDu bist lieb. Aber es ist halt keine Kleinigkeit, sich so plötzlich von einem Manne trennen zu müssen, mit dem man über zwei Jahre – das geht eben nicht spurlos, da bleibt einem eine offene Wunde zurück, Albert.

ErnstIch heiße nicht Albert. Ich heiße Ernst.

IreneVerzeih mir, bitte.

Stille.

ErnstSo nimm doch nur Vernunft an. Als alleinstehende Geschäftsfrau mußt du peinlichst auf deinen präzisen Ruf achten! Kannst doch nicht mit einem solchen Manne zusammen, einem ehemaligen Speditionsbeamten, der unterschlagen hat – bedenk!

IreneJa, unterschlagen. So nennt man das offiziell. Trotzdem.

ErnstNur Mut – Er will ihr wieder einen Kuß auf die Wange geben, doch sie wehrt ab. Wieso? Jetzt ist doch hier kein Fremder –

IreneTrotzdem –

Stille.

ErnstDarf ich mir nun die Hände waschen?

IreneGeh nur hinein. Ich muß nur noch die Blumen –

Ernst ab.

6. Szene

Irene begießt die Blumen. Albert erscheint – sie erblickt ihn, zuckt etwas zusammen und möchte in die Blumenhandlung.

AlbertHalt!

IreneAber ich hab doch zu tun!

AlbertDann geh ich mit.

IreneDu bleibst draußen.

AlbertWo hast du dein Herz, Irene? Stille.

IreneDaß du immer wieder kommst – so quäl mich doch nicht!

AlbertEgal!

7. Szene

Theodor, ein Leidtragender, kommt in tiefer Trauer rasch vorbei. Er ist sehr lustig.

TheodorGuten Abend, schöne Frau! Ich wollt Sie nur mal rasch erinnern, daß Sie den Kranz nicht vergessen, das wär nämlich sonst eine schlimme Blamage!

IreneDer Kranz ist schon längst geliefert.

TheodorIn die Wohnung oder gleich hinaus?

IreneGleich ins Krematorium, mein Herr.

TheodorDann ists schon gut. Und auf der Schleife steht?

Irene»Letzte Grüße«.

TheodorBravo! Sehr schön, sehr brav! Das klappt ja alles prima! Na was macht denn die liebe Frau für ein trauriges Gesicht? Ihnen ist doch niemand gestorben, sondern mir! Aber sehens, ich laß mir meinen Humor nicht nehmen! Man lebt nur einmal! In diesem Sinne – Er grüßt und ab.

8. Szene

Albertsieht dem Leidtragenden nach: Es gibt noch lustige Menschen.

Irenewie zu sich selbst: Unlängst bin ich sehr erschrocken. Da hat mich nämlich ein Bekannter in einen Zirkel eingeführt, wo man sich mit dem Einfluß der Gestirne auf unser menschliches Leben beschäftigt hat –

AlbertWas war denn das für ein Bekannter?

IreneDu kennst ihn nicht. Es hat alles gestimmt. Auch die Zukunft.

Stille.

AlbertIst er auch lustig?

IreneWer?

AlbertDein neuer Bekannter mit den Sternen.

Stille.

IreneDu sollst mich nicht so anschaun, denn es hat keinen Sinn.

AlbertIch schau nur deine Brosche an – meine Brosche aus Venedig.

IreneSoll ich sie dir zurückgeben?

AlbertNein.

IreneDanke.

9. Szene

Ernst erscheint nun etwas ungeduldig in der Türe der Blumenhandlung.

ErnstIrene, wo bleibst denn so lang? Er erblickt Albert. Ach! Schon wieder?!

IreneReg dich nur nicht auf, bitte! Denk an dein Herz!

ErnstNein laß mal!

IreneErnst!

Ernstnähert sich Albert und hält dicht vor ihm: Ich liebe das offene Wort. Sie wissen wer ich bin.

AlbertNein.

ErnstWie Sie wünschen! Ich weiß alles.

Albertzu Irene: Alles?

ErnstIrene und ich, wir haben keine Geheimnisse voreinander.

AlbertRichtig. So soll es sein.

ErnstEs dreht sich hier nur um Irene. Im Interesse aller Beteiligten bitte ich Sie um etwas Einsicht. Es gibt bekanntlich Dinge, die irreparabel sind. – Irene hatte Ihretwegen sozusagen fast einen korrekten Nervenzusammenbruch und wenn ich nicht gewesen wäre, wäre sie vielleicht nun nicht mehr, höchstwahrscheinlich – und da ich ihr eben damals meine Kraft gegeben habe, habe ich folglich auch ein gewisses Recht zu weiteren Eingriffen in ihr Leben – Er stockt. Was ist denn los?

Albertstarrte immer nur auf seine Lippen: Sie sprechen so fließend.

Ernstperplex: Fließend, wieso fließend?

AlbertSie heißen Ernst?

ErnstImmer schon.

Albertlächelt blöd: Ein ernster Name.

ErnstSie belieben zu scherzen?

AlbertNein.

ErnstSie zwingen mich deutlich zu werden?

AlbertIch hab Sie mir eigentlich anders vorgestellt –

Ernstwieder perplex: Was, wen?

AlbertSie. Ich hab Sie mir anders gedacht. Hm. Komisch, daß sich Irene für Sie interessiert –

ErnstFinden Sie komisch?

AlbertIch finde, sie wird halt nur irgendeinen Menschen gebraucht haben – Er grinst; zu Irene. Nicht?

Ernst faßt sich ans Herz.

Irenefährt ihn an: So begreif es doch endlich, daß es folgerichtig aus sein muß!

Albertschreit: Laß doch diese Redensart! Hier dreht es sich nicht um deinen Ruf, hier dreht es sich darum, daß ich keinen Ausweg mehr hab, hörst du?! Ich kann nicht mehr bremsen, und man kann es sich ja direkt ausrechnen, wann der Zug entgleisen wird. – Du könntest mich noch retten, wenn du wolltest, sonst bleibt mir nämlich nichts anderes übrig – automatisch und logischerweise!

Stille.

ErnstKomm, Maus!

AlbertWo habt ihr euch denn kennengelernt? Im Café?

ErnstSie sind geschmacklos.

AlbertBin ich auch! Also los! Es interessiert mich! Wo habt ihr euch denn kennengelernt?!

IreneHier! Hier drinnen zu Haus!

ErnstNein also dieser Krach – toll! So komm doch schon! Ab mit Irene in die Blumenhandlung.

10. Szene

Die Unbekannte kommt und betrachtet die Blumen. Albert bemerkt sie nicht, denn er ist mit sich selbst beschäftigt.

Unbekannteplötzlich: Verzeihen Sie –

Albertdreht sich ruckartig um: Was los?

Unbekanntelächelt: Hab ich Sie erschreckt?

AlbertErschreckt – Er grinst.

UnbekannteDas sind nämlich so schöne Rosen, aber ich hab kein Geld.

AlbertMir gehört hier zwar nichts, aber auf meine Verantwortung. Was Sie wollen –

UnbekannteNur eine. Danke.

Stille.

Unbekanntebetrachtet ihre Rose: – bei uns draußen wächst das überall, besonders ist da so ein schmaler Weg, der etwas ansteigt. Und dann kommt der Friedhof, wo die weißen Blumen blühen. Manchmal sehne ich mich zurück.

AlbertNach dem Friedhof?

Die beiden fixieren sich.

UnbekannteSie sind anscheinend auch fremd hier?

AlbertAuch.

Stille.

UnbekannteEs ist nicht viel Aussicht vorhanden. Man geht so herum – auf Wiedersehen –

AlbertWiedersehen.

Die Unbekannte ab.

11. Szene

Ireneerscheint wieder; leise: Albert. Jetzt hat er sich drinnen hinlegen müssen, weil er vor lauter Aufregung eine Herzattacke – bitte werde vernünftig und geh.

AlbertIch werde nicht vernünftig.

IreneGeh. Bitte.

Albertgrinst: Wie oft du das Wort ›bitte‹ sagst. Bist so höflich geworden, das ist ein fremder Einfluß – ein besserer.

IreneVielleicht.

AlbertSicher. Und ich dachte – ja was dacht ich denn? Hm.

IreneSo geh doch und laß mich allein.

AlbertAllein?

Die beiden fixieren sich.

Vielleicht wird es noch anders.

Irenenickt nein: Kaum.

AlbertGut. Also dann fort. Aber wohin?

Irenehält die Hand vor die Augen. Was denkst du jetzt?

12. Szene

Ernst kommt wieder aus der Blumenhandlung mit einem feuchten Umschlag auf der Stirne. Irene bemerkt ihn erst, als er zu sprechen beginnt.

ErnstHerr, auf ein letztes Wort –

IreneAber Ernst, sollst doch liegen!

ErnstLaß mich! Reg dich nicht auf und geh hinein, das sind Männerdinge – also geh schon bitte!

Irene langsam ab in die Blumenhandlung.

13. Szene

Ernstsieht Irene nach, bis sie verschwindet: So. Und jetzt appelliere ich an Ihr besseres Ich. Von Mann zu Mann. Bitte lassen Sie sich hier nicht wieder sehen.

AlbertJetzt sagen Sie mir nur noch, daß ich ein neues Leben beginnen soll – Er grinst.

ErnstNein. Das sage ich nicht.

Albert starrt ihn an.

Ich sage es nicht. Im Gegenteil.

AlbertAha. Sie meinen –

ErnstJa. Die Welt ist schlecht.

Stille.

AlbertHm. Er sieht sich um. Es ist alles noch da und dann ist man nicht mehr dabei – Er deutet in die Blumenhandlung. Dort drinnen ist ein Zimmer. Ob die Möbel noch alle so stehen?

ErnstDie Möbel ja.

AlbertAlso – Er läßt ihn stehen.

ErnstWiedersehen – wollte sagen, alles Gute! Wieder ab in die Blumenhandlung.

14. Szene

Albert will fort und begegnet wieder Silberling und Nicolo.

SilberlingNun, Herr Geheimrat?

AlbertDu hast deine Wette gewonnen –

SilberlingNa also!

AlbertSie hat einen anderen, und ich hab verspielt.

NicoloUnd?

Stille.

AlbertJa. Jetzt jawohl.

SilberlingBrav!

NicoloIntelligent.

AlbertEgal – Er unterdrückt seine Erregung. Also der Schrank steht gleich rechts, wie gesagt. Und schlafen tut er hinten hinaus, der Herr Uhrmacher – aber es ist trotzdem besser, wenn man nicht direkt von vorne, wie gesagt.

NicoloUnd dort ist das Kellerfenster.

AlbertJa.

Stille.

SilberlingEs schaut jemand auf uns herab. Wer ist das?

Albertblickt verstohlen empor: Nichts. Nur ein Student. Der wohnt im zweiten Stock rechts und studiert Brückenbau. Er hatte mal etwas mit der Hausmeisterstochter, aber dann war es über Nacht aus, weil sie ihn im dritten Stock links bei der Gattin des Ingenieurs überrascht hat.

Silberlinggrinst: Du kennst dich aus.

Albertlächelt: Mit der Zeit –

15. Szene

Jetzt schlagen alle Uhren in der Auslage. Der Uhrmacher erscheint in der Ladentür, bleibt stehen und blickt interessiert zum Himmel empor.

Albertleise: Da ist er.

Stille.

NicoloEr scheint sich für das Wetter zu interessieren.

Uhrmacher blickt plötzlich auf die drei Herren und betrachtet sie.

Silberlingsehr leise: Er kennt dich doch nicht?

Albertziemlich laut: Nein.

SilberlingWeil er so lang herschaut.

AlbertEr kümmert sich um keinen Menschen. Er ist ein Sonderling.

Stille.

NicoloEr schaut dich noch immer an.

AlbertEr ist taub.

Uhrmacher klopft nun an das Barometer und verschwindet wieder in seinen Laden.

16. Szene

Nicolomißtrauisch: Albert. Dieser Sonderling hat mir nicht gefallen, keineswegs. Mir scheint, du bist hier bekannt.

SilberlingWollens nicht hoffen.

NicoloMan hätte uns bald am Genick.

AlbertEs kennt mich hier keine Seele.

17. Szene

Jetzt kommt die Unbekannte wieder – sie ißt eine Semmel – hält wie unabsichtlich vor der Auslage des Uhrmacherladens und betrachtet die Uhren.

SilberlingAlso dann um zwei.

NicoloUnd pünktlich bitte!

AlbertSehr pünktlich.

18. Szene

Die drei Herren trennen sich nun – Silberling geht mit Nicolo, während Albert an der Unbekannten vorbei will. Die Unbekannte wendet sich ihm plötzlich zu und betrachtet nun ihn.

AlbertWas los?

Unbekanntemit vollem Munde: Nichts.

AlbertVersteh kein Wort. Was los ist, hab ich gefragt?

UnbekannteSie haben mir doch diese Blume geschenkt und das war sehr fein von Ihnen.

Alberterkennt sie erst jetzt wieder: Blume? Ach so.

UnbekannteSie dürfen nicht so denken, wie Sie denken.

AlbertIch denke überhaupt nichts.

UnbekannteOh das glaub ich Ihnen nicht! Ihnen schon gar nicht!

Albertfixiert sie: Kennen Sie mich?

UnbekannteOh doch.

Stille.

Albertmißtrauisch: Na, was wissen Sie denn schon von mir?

UnbekannteEigentlich wollte ich mir nur eine Semmel kaufen, da drüben, neben den Uhren – und da sagte die Bäckerin: Sieh an, dort draußen steht gerade dieser Mensch.

AlbertUnd dann hat sie geschimpft.

UnbekannteGewiß.

AlbertNatürlich.

UnbekannteOh sie hat nur gesagt, diesem Menschen ist alles zuzutrauen, der könnt einen auch umbringen.

AlbertHübsch.

UnbekannteJa. Aber dann sagte ich, vielleicht ist dieser Mensch nur ein unglückseliger Charakter und dann sagte sie: möglich. Und dann sagte sie noch, man soll überhaupt nicht so rasch den Stab über einen Menschen brechen.

AlbertHat sie gesagt?

Unbekannteschluckt nun den letzten Bissen ihrer Semmel: Gewiß.

AlbertHm.

Stille.

UnbekannteBitte, tun Sie es nicht.

Albertüberrascht: Was?

Stille.

Unbekannteetwas verlegen: Nämlich zuvor, da wir uns mit der Blume trafen, da habe ich es direkt gefühlt, daß Sie sich damit beschäftigen. Ich kenn das nämlich genau, weil mir das auch schon mal durch den Kopf gegangen ist. Sie tun es nicht, ja?

Stille.

AlbertSie spionieren mir nach?

UnbekannteAus Angst. Zum Beispiel ich persönlich würde mir nie etwas antun, so schlecht könnt es mir gar nicht sein.

AlbertAch so. Sie dachten, daß ich mich – Er lächelt.

UnbekannteGewiß.

AlbertSie können beruhigt sein, ich tu mir schon nichts an.

UnbekannteFein!

AlbertWarum?

UnbekannteWeil es mich freut. Warum wundert Sie das? Überhaupt ist das Leben nicht so häßlich, mein Herr. Sehen Sie, in der Nacht denk ich oft an die armen Toten. Ihre Hemden sind vermodert, aber keiner deckt sie zu, und niemand erkundigt sich. Und dann regnet es in ihre Finsternis hinab und die armen Toten liegen allein. Und dann schmilzt der Schnee –

Stille.

AlbertKomm.

UnbekannteWohin?

AlbertFort – Ab mit ihr.

19. Szene

Ernst erscheint nun wieder mit seinem feuchten Umschlag, vorsichtig blickt er aus der Türe der Blumenhandlung die Gasse entlang – Irene taucht hinter ihm auf, und zwar ebenfalls mit einem feuchten Umschlag auf der Stirn.

Ernstatmet auf: Endlich!

IreneIst er fort?

ErnstEr hat es eingesehen.

Stille.

IreneHier fehlt eine Rose. Es waren acht und jetzt sind es sieben.

ErnstEr hat sich keine genommen.

IreneKomisch. Es fehlt – Sie sieht sich scheu um. Glaubst du, daß er wiederkommt?

ErnstNein.

Dunkel.

Zweiter Akt

Es ist inzwischen Nacht geworden, und zwar bereits ziemlich spät. Der Uhrmacher schläft schon längst in seinem Laden, hinten hinaus, und auch in der Blumenhandlung ist alles zu. Still und friedlich scheint das Haus Nummer neun – nur der Student aus dem zweiten Stock rechts befindet sich bei der Gattin des Ingenieurs im dritten Stock links, denn deren Gatte ist zur Zeit beruflich verreist. Er ist weit weg, über dreihundert Kilometer weit, und das Fenster seines Arbeitszimmers ist offen, denn die Nacht ist lind, und der Student spielt nun auf seinem Reisegrammophon einen Tango. Man hört ihn gedämpft bis auf die Gasse herab und nur eine schwache Laterne leuchtet in der Finsternis.

1. Szene

Emil, der Bräutigam, begleitet Ernst aus dem Hause, mit dem er eben Abschied nahm von seiner Junggesellenzeit.

EmilAlso das war jetzt mein Polterabend – und du bist der letzte. Es fällt mir direkt schwer, dieser Abschied –

ErnstFürchte dich nicht, ich folge dir bald. Heiraten ist doch das einzig Menschenmögliche, glaub es mir, ich als Geschäftsreisender kann darüber manches Liedlein singen – immer nur im Restaurant und in harten Hotelbetten, das vertreibt mir die Laune aus dem Gemüt. Den wahren Frieden gibt uns nur eine Frau, denn das Weib repräsentiert die Natur.

EmilDas ist richtig. Und wenn ich bei Lucille bin, dann denk ich mir oft, so jetzt möcht ich nicht mehr sein. Man kann sich auch aus einem Hochgefühl heraus umbringen.

Ernstlauscht: Wer spielt denn da?

EmilDas ist der Student vom zweiten Stock rechts, der spielt im dritten Stock links bei der Gattin des Ingenieurs –

ErnstTango.

EmilDer Ingenieur ist nämlich verreist und so betrügt sie ihn halt. Übrigens ein hochanständiger Mensch, dieser Ingenieur.

ErnstTrotzdem wird er betrogen. Man darf eben als Gatte nicht allzu fair sein.

EmilStimmt.

ErnstErinnerst du dich noch, als wir zusammen in der Schule waren und wie du es mir nicht hast glauben wollen, wie ich es dir beschrieben habe, wie ein Weib formal aussieht –

EmilJa, so vergehen die Lebensabschnitte. Ich werde oft zurückdenken an unsere schönen Tage von Aranjuez –

Ernstsieht auf seine Uhr: Was? Schon dreiviertel zwei?

EmilSo spät? Und ich muß doch so früh heraus –

ErnstUnd ich versäum noch die letzte Bahn!

EmilWohnst du noch draußen?

ErnstImmer schon. Also nochmals alles Gute!

EmilDu bist so rührend zu mir – danke, danke!

ErnstWiedersehen, Emil! Und nur nicht zu fair!

EmilNein nein! Pa, lieber Freund! Pa! Gerührt ab durch das Haustor.

2. Szene

Ernst geht nun einige Schritte nach rechts, als würde er dort abgehen wollen, hält dann aber, sieht sich um, tritt vorsichtig an die Blumenhandlung und öffnet leise die Tür mit einem Schlüssel, den er von Irene erhalten hat – plötzlich stockt er und blickt fasziniert nach links.

ErnstJetzt lehnt er an der Wand. Ist er allein? – Ist er das überhaupt – na, wenn schon! Ab in die Blumenhandlung.

3. Szene

Albert kommt mit der Unbekannten langsam von links und der Tango ist aus.

Alberthält: Jetzt wird es aber leider Zeit, schon schlägt die Abschiedsstunde – hättest mich nicht begleiten müssen.

UnbekannteIch begleite dich gern.

AlbertWir müssen uns trennen. Ich hab noch was zu erledigen.

UnbekannteHier im Hause?

AlbertWie kommst du darauf?

UnbekannteNur so. Weil wir halt grad so davorstehen. Unwillkürlich.

Stille.

AlbertIch werde erwartet.

UnbekannteGeschäftlich?

Albertlächelt: Von der Liebe allein kann keiner leben.

UnbekannteLeider – Sie sucht auf der Erde. Oh jetzt hab ich meine Blume verloren – sicher bei der Bank.

AlbertIch werde dir eine neue –

UnbekannteWann?

AlbertBald.

Unbekanntelächelt: Du, lüg nicht –

AlbertWie heißt du denn eigentlich?

UnbekannteRat mal!

AlbertIrene?

UnbekannteWeit gefehlt!

AlbertSondern?

UnbekannteIch hab einen seltenen Namen – überhaupt bin ich nämlich sonst nicht gleich so, hörst du mich?

Albert umarmt sie.

Bei dir könnt ich alles vergessen, wer ich bin und was ich bin –

AlbertWarum grad bei mir?

UnbekannteSchicksal.

Albert küßt sie.

Oh du, so schön wird es nimmer werden –

AlbertNimmer?

UnbekannteKomm, wärme mich an dir, mir ist so kalt.

Albertläßt sie zärtlich los: Es wird Zeit.

UnbekannteWie still so eine Weltstadt sein kann und droben die vielen Sterne. Wir haben eigentlich viel zuviel Sterne, nicht?

AlbertMöglich.

UnbekannteSo, und jetzt gib mir deine Adresse.

AlbertDa – ich schreib sie dir auf. Er tut es.

UnbekannteWie du da schreibst – Sie fixiert ihn auf einmal. Was bist du denn?

AlbertMeinst du beruflich?

UnbekannteNein. Nur so.

AlbertIch bin ein Mann.

UnbekannteEin Mann – wie dumm das klingt.

AlbertSei so gut – Er übergibt ihr seine Adresse.

Unbekannteliest sie: Zweiter Stock?

AlbertStimmt. Aber jetzt mußt du fort, bitte –

UnbekannteDu wohnst doch nicht hier?

AlbertNein.

4. Szene

Jetzt schlagen wieder alle Uhren in der Auslage des Uhrmacherladens. Silberling kommt mit Nicolo. Sie erblicken die Unbekannte und sind peinlich berührt.

UnbekannteDu, ich hab so Angst – ich weiß nicht, seit ich dich kenne, hab ich Angst –

AlbertVerzeih, aber du siehst ja, ich werde erwartet.

Silberlingleise zu Albert: Wer ist denn das?

AlbertKeine Ahnung – Zur Unbekannten. Gute Nacht.

UnbekannteWiedersehen – Ab.

5. Szene

NicoloWer war denn das?

AlbertWir sind zuvor nur so unwillkürlich ins Gespräch gekommen.

NicoloPurer Leichtsinn!

SilberlingSpricht sich hier mit einem Mädchen – und was hernach, wenn das Kind ein Polizeispitzel ist?

AlbertIhr seht Gespenster bei der hellichten Nacht!

SilberlingIch glaube besonders an solche Gespenster! Man hat schon genügend erlebt, und die Herren Polizisten schrecken vor nichts zurück. Sie verkleiden sich selbst als dein eigener Schutzengel!

NicoloGeschehen ist geschehen, und keine dichterischen Bilder, bitte! Zu Silberling. Du bleibst da! Zu Albert. Du kommst mit! Den Schlüssel!

AlbertIch habe den Schlüssel. Er sperrt das Haustor lautlos auf und verschwindet im Haus mit Nicolo.

Silberlingallein: Wieso dichterische Bilder?

6. Szene

Silberling steht nun Schmiere. Und wieder erscheint die Unbekannte, sie hält und wartet.

Stille.

SilberlingEs ist eine linde Nacht.

Unbekannte schweigt.

Sie wünschen?

UnbekannteWie bitte?

SilberlingWas Sie hier wünschen und ob?

UnbekannteIch warte auf einen Herrn.

SilberlingInteressant.

Unbekanntewehrt ab: Oh –

Stille.

Silberlingimmer nervöser: Ich begreife es nicht, wie Sie hier mitten in der Nacht als junges unbescholtenes Mädchen aus bester Familie auf irgendeinen Herrn warten können.

UnbekannteIch warte auf einen bestimmten Herrn.

SilberlingEr wird lange nicht kommen. Er schläft nämlich hier.

UnbekannteDann warte ich, bis er wieder aufwacht.

Stille.

Silberlingfährt sie plötzlich unterdrückt an: Sie, spielen Sie sich nicht mit mir! Sie, ich bin schon mit anderen Subjekten fertig geworden, Sie gemeines Stück Spitzel, aber dir werden wir das Maul stopfen, Polizeimensch –

UnbekannteNicht anfassen!

SilberlingSchrei nicht, sonst passiert etwas! Er will nach ihr fassen, erstarrt aber entsetzt, denn nun brüllt der Uhrmacher hinten in seinem Laden, wimmert und verstummt.

7. Szene

Albert und Nicolo verlassen rasch das Haustor.

NicoloWeg! – Wer steht denn da?

Silberlingdeutet auf Albert: Dem sein blödes Luder da! Was denn los?

NicoloSpäter! Ich nicht!

AlbertIch. Er ist aufgewacht –

NicoloKusch! Siehst du denn nicht deinen Schutzengel?! Er deutet auf die Unbekannte. Ich geh! Rasch ab.

SilberlingIch komm! Folgt ihm.

Albertstiert die Unbekannte an: Bist noch da?

UnbekannteIch hatte so Angst –

Albertunterdrückt: Weg!

Unbekannteschreit ihn plötzlich entsetzt an: Was hast du getan?

AlbertNichts! Ab.

8. Szene

Das Haustor ist offen, und die Unbekannte sieht Albert nach.

Hausmeisterinbrüllt im Hausgang: Hilfe! Hilfe! Sie erscheint im Haustor. Polizei! Polizei! Oh du heiliger Antonius von Padua!

Stimme des Studenten vom zweiten Stock rechtsnun vom dritten Stock links: Was soll das Gebrüll?!

Hausmeisterinverzweifelt: Es ist was passiert –

Stimme Emilsvom dritten Stock rechts: Wie bitte?!

Stimme des StudentenWas ist denn passiert?!

HausmeisterinMord –

Stimme EmilsMord?!

Stimme der Gattin des Ingenieurs aus dem dritten Stock linksJesus Christus!!

Hausmeisterinkreischt wieder: Polizei! Polizei!

9. Szene

Das Haus wird lebendig, und in der Blumenhandlung wird es licht. Klara, die Hausmeisterstochter, kommt.

KlaraSo schrei doch nicht wie auf dem Spieß, Mama – vielleicht ist es ja gar kein Mord, er hat zwar eine klaffende Schädelwunde.

HausmeisterinHast du dir das so genau ansehen können?

KlaraWarum denn nicht –

HausmeisterinIch könnt das nicht –

KlaraWerd mir nur nicht wieder hysterisch, du – vielleicht lebt er noch, ich glaube zwar nicht. Das viele Blut.

HausmeisterinDu hast kein Herz.

KlaraIch bin deine Tochter, Mama.

HausmeisterinJetzt versteh ich erst den Herrn Studenten, daß er dich hat sitzen lassen –

KlaraFangst schon wieder an – Sie kneift sie in den Arm.

HausmeisterinAu! Du Ungeheuer – zwickst deine eigene Mutter? Wirst sie auch noch erschlagen, was? Wie den da drinnen?!

10. Szene

Ein Polizist kommt rasch herbei.

PolizistWas ist denn das hier für ein Geschrei mitten in der Nacht? Ist denn was los, was ist denn los?

HausmeisterinOh wie gut, daß Sie da sind, lieber Herr Kommissar – da wird man noch gezwickt – Sie weint.

PolizistGezwickt?

KlaraMeine Mutter ist zu aufgeregt. Sie hat es nämlich mit dem Herzen. Es ist ein Verbrechen bei uns im Haus passiert.

Hausmeisterinweinerlich: Den guten Herrn Uhrmacher haben sie erschlagen, Herr Kommissar, er hat gebrüllt und jetzt liegt er da drinnen in seinem Blute –

KlaraMit einer klaffenden Schädelwunde.

PolizistKlaffend? Sofort! Wo ist das Telephon? Rasch ab ins Haus.

Emilist im Nachthemd und Mantel im Haustor erschienen; ruft dem Polizisten nach: In der Blumenhandlung!

11. Szene

Ernsterscheint in Unterhosen und kurzem Überzieher in der Türe der Blumenhandlung; zur Unbekannten, die ihm am nächsten steht: Was ist denn passiert?

UnbekannteIch weiß es nicht genau. Anscheinend hat man einen Menschen umgebracht.

ErnstUmgebracht? Er faßt sich ans Herz.

UnbekannteAnscheinend den Herrn Inhaber jener Uhren dort – aber vielleicht lebt er noch, oder es war vielleicht auch nur ein Selbstmord oder dergleichen.

12. Szene

Inzwischen haben sich bereits Passanten angesammelt, und alarmierte Hausbewohner in Unterwäsche und Mänteln, unter ihnen auch der Student vom zweiten Stock rechts und die Gattin des Ingenieurs vom dritten Stock links.

Emilzu Klara: Also ein Verbrechen wider die Person? Was bedeutet denn das, wenn einem am Polterabend ein Mord zustößt?

Klarabeobachtet gehässig die Gattin des Ingenieurs: Tote bringen Glück.

EmilUnberufen!

13. Szene

Der Studentzur Gattin des Ingenieurs: So ist das Leben. Neben dem Glück das Unglück, und zwar unter einem Dach. Während ich selig war bei dir, wird ein Mensch ausgelöscht.

Die GattinSprich bitte nicht mit mir. Das Frauenzimmer läßt uns nicht aus den Augen.

StudentWer? Klara?

Die GattinJa. Und dann gibt es wieder anonyme Briefe.

StudentOh wie wird doch alles in den Dreck gezogen, das Höchste und das Reinste –

Die GattinIch bitte dich, nimm Rücksicht auf mich.

14. Szene

Emilerblickt Ernst und betrachtet erstaunt seine Unterhosen: Wo kommst denn du her? Ich dachte, du wohnst noch draußen –

ErnstSo frag doch nicht so indiskret.

EmilOh pardon! Es ist ja auch das einzig Wahre – durch und durch muß man sich, bevor man an den Altar tritt, kennen. Ich und Lucille haben es ja ebenso gemacht und vielleicht sind diese halbheimlichen Stunden die schönsten Stunden unseres Daseins.

15. Szene

Polizisterscheint wieder im Haustor: Hausmeisterin!

Hausmeisterinschrickt zusammen: Hier bin ich!

PolizistNiemand darf da hinein, verstanden? Zweifellos Raubmord. Mir scheint, der Täter muß sich mit der Örtlichkeit genau ausgekannt haben. Es ist das eine ganz ähnliche Situation wie seinerzeit der Fall Haluschka, der wo seine Ehehälfte zerstückelt hat –

HausmeisterinMaria Josef! Ist er denn zerstückelt?!

PolizistWer denn?

HausmeisterinDer Herr Uhrmacher, Maria Josef!

PolizistAber keine Spur! Wie kommens denn auf so eine perverse Idee? Wo ist das Telephon?

EmilIn der Blumenhandlung.

16. Szene

Der Polizist eilt in die Blumenhandlung, an Irene vorbei, die soeben, nur flüchtig bekleidet, in der Türe erscheint.

IreneErnst!

Ernstauf sie zu: Erschrick nicht, Maus – etwas Entsetzliches. Eine Gewalttat.

IreneUm Gottes willen!

ErnstDer arme alte Uhrmacher, dieser Sonderling, liegt hinten drinnen in seinem Blute. Zweifellos Raubmord. Und der Mörder muß sich hier ausgekannt haben. Genau.

Stille.

IreneErnst!

ErnstBitte?

IreneNein, was denkst du jetzt – du?

ErnstDeine Gedanken.

Stille.

IreneWeck mich auf!

ErnstDer ist kein Traum. Als ich vorhin zu dir kam, lungerte der hier herum. Ich hab ihn gesehen.

IreneIst nicht wahr!

ErnstIch hab ihn erkannt. Mit diesen meinen Augen.

IreneKönntest du das beschwören? Bei deinem Augenlicht?

Stille.

Ernstfaßt sich ans Herz: Ich bin kein Mensch ohne Verantwortungsgefühl. Aber es sah genau so aus –

IreneMöchtest es, daß es so aussieht?

ErnstWas soll das? Du, mach mich nicht unsicher, denn dann kenne ich mich nicht mehr aus. Und morgen in aller Frühe kommt die Brosch zurück, diese Brosch aus Venedig!

IreneMeine Brosch?

ErnstSeine!

IreneNein! Nie!

ErnstDoch.

IreneIch will es nicht, hörst du? Ich will es nicht.

17. Szene

Polizisterscheint wieder in der Türe der Blumenhandlung: Also ein so miserables Telephon hab ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Gleich kommt die Mordkommission, in nullkommanull. Hausmeisterin! Keiner betritt das Haus, und Sie tragen mir dafür die Verantwortung!

HausmeisterinVerantwortung? Das halt ich nicht aus.

KlaraSo mach uns doch nicht lächerlich! Zum Polizisten. Wird besorgt, mein Herr!

Die Gattin des IngenieursAlso dann warten wir auf die Kommission.

Ernstzu Irene mit Nachdruck: Auf die Mordkommission.

Irenenickt: Ich warte.

Alle warten. Tiefe Stille.

18. Szene

Nun nähert sich Theodor, der Leidtragende. Er ist ziemlich alkoholisiert und man hört ihn schon aus der Ferne singen: »Es war einmal ein Musikus, der spielte im Café, und alle die kleinen Mädchen setzten sich in seine Näh.«

Die Gattin des Ingenieurs summt unwillkürlich etwas mit.

Theodorerscheint und erblickt die vielen Leute: Na, was gibts denn da? Eine verbotene Versammlung oder wartet ihr hier alle auf die Untergrundbahn, he? Aber ihr habt die letzte schon versäumt – und außerdem ist hier keine Haltestelle, hier könnt ihr weder auf- noch absteigen, höchstens aufspringen, aber das kostet manchmal den Kopf, manchmal das Leben –

PolizistMachen Sie keine albernen Witze, ja?

TheodorWieso Witze! Grad heute hat man meinen Vetter verbrannt, das ist doch kein Witz! Meinen besten Vetter, der ist auf die fahrende Untergrundbahn aufgesprungen und wurde zerquetscht – armer Kerl, war doch so ein talentierter Cellist! Zum Himmel empor. Prost Gustav! Sollst leben!

PolizistJetzt schaun Sie aber, daß Sie ins Bett kommen!

TheodorIch hab kein Bett. Ich hab ein Schlafsofa. Wieviel seid ihr denn da überhaupt? Er zählt die Leute unsicher.

Polizistzu den Umstehenden: Der Bursche gehört natürlich längst auf die Wache – lautes Singen, nächtliche Ruhestörung, grober Unfug. Aber ich habe hier Wichtigeres zu tun.

TheodorWichtigeres? Gibts nicht.

Sirene. Ein Scheinwerfer leuchtet die Hausfront ab. – Sirene und Scheinwerfer, beides sind Requisiten des Autos der Mordkommission, das in nullkommanull eingetroffen ist und gegenüber dem Haus Nr. 9, unsichtbar für die Zuschauer, parkt.

19. Szene

Die Mordkommission betritt nun den Plan – es sind mehrere Herren mit Koffern und allerhand Zeug, darunter auch ein Gerichtsphotograph. Einer ist in Zylinder und Frack, er ist auffallend weiß gepudert und trägt ein Monokel, denn er wurde gerade aus der Mitte eines Banketts, auf dem man das Jubiläum der Daktyloskopie feierte, zu diesem Mordfall abberufen. – Rasch betreten die Herren das Haus, nur der im Frack wechselt vorher noch einige Worte mit dem Polizisten, dann verschwindet natürlich auch er.

Polizistsalutiert: Sofort! Er wendet sich an die Leute. Also weitergehen, bitte, weitergehen! Nur keinen Auflauf! Zu Theodor. Und Sie gehen erst recht weiter, bitt ich mir aus!

TheodorJetzt bleib ich erst recht da! Gesetzlich kann ich überall stehen, so lang ich will, auch in der Nacht! Sogar im Herbst!

Einzelne kichern.

PolizistAlso werdens mir nur nicht frech, ja?!

TheodorIch bin ein Staatsbürger und darf stehen!

PolizistWenn aber ein jeder Staatsbürger grad auf demselben Fleck steht, dann gibt es einen Auflauf und ein Auflauf ist verboten! Gehns seiens nicht renitent und schlafens Ihren Rausch aus, was habens denn hier schon verloren, so interessant ist doch das wirklich nicht, was hier passiert ist!

TheodorDas überlassens nur mir, Herr General! Oder meinen Sie gar, ich kenn das Vehikel von der Mordkommission nicht?

PolizistGut, es ist jemand ermordet worden, das lesen Sie täglich in der Zeitung.

TheodorAber ich les keine Zeitung, sondern nur Zeitschriften!

Viele lachen.

PolizistIch verstehe nicht, was daran komisch sein soll. Der Herr liest nur Zeitschriften und derweil ist ein Verbrechen verbrochen worden.

EmilEin Verbrechen wider die Person.

TheodorWider welche Person?

PolizistAber das ist doch nur eine kriminalistische Bezeichnung!

TheodorAber wider welche Person bitte? Namen nennen!

PolizistEs ist zum Verzweifeln – Er brüllt. Weitergehen!

Klarazu Theodor: Sie haben den Uhrmacher erschlagen. Den da drinnen.

TheodorSo, den Uhrmacher da? Na, um den ist nicht schad. Gute Nacht, meine Herrschaften! Ab.

HausmeisterinNein so eine Roheit – so wegwerfend über einen Toten zu reden, wo doch der gute Herr Uhrmacher ein so ein seelenguter Mann war –

PolizistWeitergehen! Weitergehen!

20. Szene

Während nun alle, außer dem Polizisten, Ernst, Irene und der Unbekannten, langsam den Platz räumen, betet die Hausmeisterin um Schutz vor bösen Geistern.

HausmeisterinDu lieber Gott, ich bete jetzt für eine arme Seele – vierunddreißig Jahre hat er hier gewohnt, und heut ists mir, als wär das erst gestern gewesen – aber dann hat er mich dreckig behandelt, er war halt sehr einsam, und ich hab oft gewünscht, daß ihn der Teufel holt. Geh lieber Teufel, sei mir nicht bös und verzeih mir meine Sünden – und du, du bleib im Himmel, du Uhrmacher, und steh nicht wieder auf der Kellerstiegen, wenn ich Holz hol oder Kohlen. Sie bekreuzigt sich und verschwindet im Hause.

21. Szene

Polizistzu Ernst und Irene: Weitergehen bitte!

ErnstAber wir wohnen ja hier im Hause.

PolizistDas ist allerdings zweierlei. Wenn Sie im Mordhaus selbst zu Haus sind – Er betrachtet interessiert Irenens mangelhafte Kleidung. Pardon! Er wendet sich der Unbekannten zu. Wohnen Sie etwa auch hier?

UnbekannteNein. Ich bin hier nur so vorbei. Durch Zufall.

PolizistDann gehens nur weiter mit Ihrem Zufall!

UnbekannteAber ich bin doch allein und kein Auflauf – Sie lächelt etwas gewollt.

Polizistgrinst mild: Ganz allein? Er deutet auf ihre Rose. So ein rosiges Kind in der Nacht?

UnbekannteIch hab schon gedacht, daß ich diese Blume verloren habe – aber dann hat sie sich wieder gefunden. Überraschend.

22. Szene

Ernstzu Irene: So komm doch, Maus – es gibt Menschen, deren Pfade überraschend vorherbestimmt sind und die Welt ist immer wieder schlecht.

Irene

25. Szene

Die Unbekannte bleibt allein zurück und nun schlagen wieder alle Uhren in der Auslage des Uhrmacherladens.

Die UnbekannteNein, es ist nichts geschehen – so komm doch wieder, du, komm –

Dunkel.

Dritter Akt

Am nächsten Nachmittag. Möbliertes Zimmer. Hier wohnt Albert, schon seit jener Zeit, da er noch Angestellter der Speditionsfirma war. Im Hintergrunde eine Glastüre zu einem kleinen Balkon und ein geöffnetes Fenster – aber die Vorhänge sind halb heruntergelassen, doch wäre es auch sonst nicht hell herinnen, denn draußen steht ein schweres Gewitter am Himmel. Rechts das Bett und der Waschtisch. In der Mitte unter der Lampe ein runder Tisch mit den obligaten Stühlen – auf einem dieser Stühle liegt eine halbgepackte Reisetasche. Der Schrank steht offen, ein Smoking und ein Regenmantel hängen drinnen. Links eine Tapetentüre.

1. Szene

Albert liegt total angezogen auf seinem Bett und döst vor sich hin, während Mathilde, die Zimmervermieterin, Staub abwischt. Die Lampe brennt mit schwacher Birne, denn es ist düster, draußen und drinnen.

MathildeGehen Sie denn heut gar nicht aus?

AlbertNein.

MathildeUnd noch gar nichts zu sich genommen – kein Frühstück, kein Mittag.

AlbertIch hab heut keinen Appetit.

MathildeMir scheint, Sie sind krank. Daß Sie aber mit den Kleidern im Bett liegen – wann sinds denn heut nacht nach Hause gekommen?

AlbertBald. Ja. Sehr bald.

MathildeIch hab nichts gehört, weil ich nämlich wieder mal von meinem Seligen geträumt hab, dann schlaf ich immer so tief. Mir scheint Sie haben Fieber. Soll ich Ihnen das Barometer –

AlbertDanke nein.

MathildeMein Gott, ist das eine Finsternis! Künstliches Licht am Nachmittag um vier! Ende Mai! Lauter Gewitter, und was ich heut schon wieder zusammentranspiriere – hat es jetzt nicht geläutet?

Albertzuckt etwas zusammen: Geläutet?

MathildeMir war es doch so.

Albertwieder scheinbar apathisch: Möglich.

MathildeSicher. Ab durch die Tapetentüre.

2. Szene

Albertallein: – Ich hätte das damals, als ich acht Jahre alt war, das hätte ich anders machen sollen, dann wäre auch alles anders gekommen. Und dann mit dreizehn – natürlich, natürlich. – Ich halt das nicht aus, ich werd verrückt!

3. Szene

Mathildekommt wieder: Sehens, es hat geläutet. Ein fremdes Fräulein ist da.

AlbertFür mich?

MathildeSo groß ist sie –

Albertdenkt an die Unbekannte: Hm.

MathildeDas Fräulein wünscht Sie unbedingt zu sprechen.

Stille.

Albertleise: Ich bin nicht zu Haus.

MathildeSie ist auch nichts Besonders, eigentlich unscheinbar. Na ich werds ihr gleich sagen – Sie will wieder ab, begegnet aber in der Tapetentür der Unbekannten. Zu spät – Ab.

4. Szene

Die Unbekannte betritt das möblierte Zimmer. Albert setzt sich halb empor im Bett und starrt sie an. Legt sich dann wieder nieder.

UnbekannteWarum zu spät?

Stille.

Alberterhebt sich und deutet auf einen Stuhl: Bitte!

Unbekannte setzt sich.

Albert geht auf und ab.Wer gab Ihnen meine Adresse? Die Polizei?

UnbekannteSind wir denn per Sie?

AlbertJetzt ja. Also wer gab Ihnen meine Adresse? Los!

Unbekanntestarrt ihn an: Du selbst.

Stille.

AlbertSchön. Wird immer nervöser. Na und? Ich habe es erwartet, daß wir uns wiedersehen, allerdings nicht hier, sondern anderswo – Sie wissen genau, wo. Der brave Silberling hat ja todrecht gehabt, Sie Schutzengel Sie – still! Sehen Sie den Kofier! Zuerst wollt ich fort mit den anderen, aber ich steh für meine Tat ein, man wird ja eh immer gefaßt und erwischt haben wir auch nichts, der Idiot ist ja aufgewacht, ich hätt mir sonst ein Lastauto auf Abzahlung, eine Speditionsfirma – aber es gibt halt Menschen, denen nichts gelingt! Tuns nur nicht so, als wüßten Sie nichts, Sie Polizeispitzel Sie!

UnbekannteNein.

AlbertJawohl! Ich weiß alles!

UnbekannteIch weiß auch alles!

AlbertEben.

UnbekannteAber ich bin doch kein Spitzel!

AlbertSondern vielleicht? Was hättens denn sonst hier zu suchen?

UnbekannteNein, wie man einen Menschen verkennen kann –

Sie lächelt.

AlbertJawohl, Fräulein. Sie wollten es einmal nicht haben, daß ich mir das Leben nehme, um mir jetzt manches Jahr meines Lebens zu nehmen – na wie hoch ist denn der Finder lohn?! Für drei Jahre Zuchthaus –

UnbekannteNur?

Albertperplex: Wieso?

UnbekannteIch meinte nur, das wäre zu wenig.

AlbertAlso vier. Oder fünf. Je nachdem ich den alten Mann verletzt hab, aber was kann denn schon ein Schlag mit so einem Wecker –

Unbekannteschreit ihn an: Hör auf!

Albert starrt sie an.

Sie wissen noch nicht, was Sie getan haben, mein Herr. Ich bin nämlich der einzige Augenzeuge, der einzige –

AlbertIst ja egal!

UnbekannteOho!

Stille.

Albertlauernd: Was hab ich denn getan?

UnbekannteSie tun mir bitter unrecht.

AlbertWeiter!

Unbekanntelangsam: Der alte Mann ist heute nacht gestorben.

AlbertWer?

UnbekannteDer alte Herr Uhrmacher.

AlbertWie bitte?

UnbekannteGewiß.

Stille.

Albertsehr leise: Du lüg nicht.

UnbekannteEr ist tot.

Stille.

AlbertWarum hast du denn das nicht gleich gesagt!

UnbekannteSind wir jetzt per du?

AlbertHab ich »du« gesagt?

UnbekannteJa. Auch zuvor bereits – Sie lächelt. Du, ich hab es doch nicht gleich können, denn du hast mich doch nicht zu Wort kommen lassen. Hast immer nur gesagt »Still« und »Spitzel« – und ich bin doch nichts dergleichen, und so hoch kann es doch gar keinen Finderlohn geben und übrigens ist auch nichts passiert –

AlbertNichts? Wäre gelacht!

UnbekannteFür mich nichts.

AlbertKonfuses Zeug –

UnbekannteDu sei nicht grob zu mir!

Stille.

Albertfängt nun wieder an auf und ab zu gehen und summt ganz in Gedanken einen Gassenhauer vor sich hin; plötzlich: Weißt denn überhaupt, was du da treibst? Daß du dich mitschuldig machst –

UnbekannteOh von mir erfährt keiner was – ich habe mir da auch schon einen Plan zurechtgezimmert; wir zwei waren einfach zusammen, nicht nur kurz, sondern lang.

AlbertLang?

UnbekannteBis heute früh. Seit gestern abend.

AlbertMeinst du?

UnbekannteImmer zusammen. Diese ganze entsetzliche Nacht –

Sie lächelt.

Stille.

AlbertUnd wo?

UnbekannteHier. Ich hab zwar heut nacht mit einem Polizisten gesprochen, aber der wird mich nicht wiedererkennen, es war ja so dunkel wie da bei dir.

Jetzt blitzt und donnert es draußen, aber noch fern.

Jetzt hat es geblitzt.

AlbertMöglich.

Ein noch schwacher Gewitterwind bewegt die Vorhänge.

Unbekanntesieht sich um: Ein schönes Zimmer.

Albertganz in anderen Gedanken: Wo wohnst denn du?

UnbekannteNirgends. Nämlich ich mußte fort, weil ich kein Geld mehr hatte, und den Koffer hat die Zimmervermieterin zurückbehalten, aber in dem Koffer ist nichts – Sie lacht und verstummt plötzlich. Was schaust mich denn so fremd an?

AlbertWie man nur so glücklich lachen – Er fährt sie an. Hast denn kein Gefühl?! Nach all dem, was sich zugetragen hat?!

Unbekannteschreit: Fang nicht immer wieder an! Was soll sich denn schon zugetragen haben?! Wir waren doch die ganze liebe Nacht zusammen. Ich muß es doch wissen, daß wir zusammen –

Albertunterbricht sie höhnisch: Mußt es wissen?!

UnbekannteUnd ob! Und jetzt wirst du es mir versprechen, daß sich nichts zugetragen hat.

AlbertVersprechen?

UnbekannteGewiß.

Stille.

AlbertGut. Dann hab ich es eben geträumt – Er grinst.

UnbekannteSo bist du brav.

AlbertZu kindisch.

UnbekannteKusch.

Stille.

Albertstiert sie an: Wir müssen leise sprechen, denn die Wände sind dünn.

UnbekannteOh ich kann sehr leise sprechen und es wird mich niemand hören, nur du –

Albert reißt sie an sich und sie fällt ihm um den Hals. Jetzt blitzt und donnert es bedeutend stärker; Sturm.

Unbekanntelos von Albert. Hu, jetzt kommt das Wetter! Gehst auch gern im Regen spazieren?

Albertlächelt: Nein.

UnbekannteIch aber sehr! – Nichts hat mich halten können, da bin ich über die Wiesen gelaufen! Oh dort hinten kommts ganz gelb. Sie eilt ans Fenster. Hu, jetzt hagelts! Wie das trommelt, wie das trommelt! Oh ist das wunderbar, wenn es so braust! Jetzt wirds ganz dunkel.

Nun schlägt der Blitz in der Nähe ein.

Bummbumm! Fein! Fein! Rasch ab auf den Balkon.

5. Szene

Albertallein; er setzt sich und rekapituliert vor sich hin: – Wie war denn das nur? Ja, ich bin so groß – Er deutet einen Meter hoch – und sehe die Eisenbahn, und dann ist da noch ein Altar und ein Engel mit einem strengen Blick, ein zweiter Platz und Musik – und dann stehe ich vor einem Hause und warte, und drinnen wohnt ein Fräulein mit hohen schwarzen Schuhen und einem verschwommenen Gesicht – aber wie hieß denn nur das Fräulein, wo stand das Haus, wann war diese Zeit –

Es blitzt ohne zu donnern, und rasch wird es wieder heller.

6. Szene

Unbekannteerscheint wieder: Jetzt ist es vorbei. Aber der Regen hängt sich ein, garantiert. – Du. Ich hätt eine große Frage.

AlbertBitte?

UnbekannteHast du nicht etwas Eßbares im Haus?

AlbertLeider –

UnbekannteOh wie schade.

AlbertLeergebrannt ist die Stätte. Aber zum Trinken muß noch etwas vorhanden –

UnbekannteIch hab aber gleich einen sitzen, ich vertrag nämlich nichts.

Alberthatte zwei Likörgläser gefüllt: Auf was wollen wir denn trinken?

Die beiden fixieren sich. Albert leert hastig sein Glas. Unbekannte trinkt es weniger hastig. Albert schenkt wieder ein, und nun trinken beide immerzu.

Seit wann hast du denn kein Zimmer mehr?

UnbekannteSeit vorgestern.

AlbertUnd wo hast du denn überall geschlafen?

UnbekannteEinmal auf einer Bank und gestern noch überhaupt nicht. Gott, ich werd noch ganz betrunken!

Albertlächelt: Ein komisches Geschöpf.

UnbekannteTatsächlich?

AlbertSogar sehr.

UnbekannteSo ist es recht! Sie trinkt.

AlbertUnd wo hast du denn gegessen?

UnbekannteIch hab halt einfach gebettelt, und dann, aber das ist schon länger her, vorvorgestern mittag, da bin ich einfach in ein Restaurant und hab mir ein ganzes Gedeck bestellt, und hernach, wie gerade niemand hergeschaut hat, bin ich raus und davon. Du, da bin ich aber gelaufen!

AlbertLeichtsinn! Sowas ist doch schwer strafbar – Er stockt.

UnbekannteWas hast du gesagt? Strafbar? Du? Sie lacht.

AlbertLach nicht! Ungeheuer!

Unbekanntehört auf zu lachen; fast gekränkt: Aber das ist doch humoristisch, wenn du das sagst – mein Gott – ich hab einen sitzen! Auf was wollen wir denn trinken?

Albertscharf: Kein Wort bitte!

UnbekannteKein Wort – Sie nippt. Was? Du denkst schon wieder dran? Sie droht ihm mit dem Zeigefinger. Du – noch ein Wort und es setzt was ab!

AlbertHalts Maul!

Unbekannteerhebt sich etwas unsicher: Apropos strafbar: jetzt werd ich dir etwas vorbetteln, damit du auf andere Gedanken kommst – daß wir nämlich kein Geld haben, das schreckt mich nicht, ich kann nämlich fein betteln, du! Oh werde ich sagen, helft mir liebe Leute, ich hab einen armen alten Großvater zu Haus, der hat sein Gebiß verloren – Sie verbeugt sich vor einem Stuhl. Oh gnädigste Frau, ich bin eine achtköpfige Zimmermannsfamilie und wenn ich sie nicht ernähre, dann verprügeln mich meine großen Brüder und werfen mich in das Kellerverlies, wo die Ratten ihr Unwesen treiben – Sie verbeugt sich vor dem Schrank. Oh gnädiger Herr, ich hab ein gelähmtes Mütterlein zu Hause, das ist jetzt ganz zitronengelb und war doch mal eine anerkannte Schönheit aus Milch und Blut – Sie verbeugt sich vor Albert, der sich auf das Bett gesetzt hatte. Oh Herr Direktor, helfen Sie mir in meiner grenzenlosen Not, ich habe ein krankes blindes Kindlein zu Haus –

AlbertSchweig! »Krankes blindes Kindlein«! So etwas tut man doch nicht!

UnbekannteAber das war doch nur Spiel.

AlbertSpiel? Kennst denn keine Grenzen zwischen Spiel und Ernst? Hast denn kein Verantwortungsgefühl?!

Unbekannteüberlegt; nimmt dann etwas schwankend Alberts Mantel aus dem Schrank, zieht ihn an, setzt sich seinen Hut auf und legt sich auf den Boden. Was soll das?

UnbekannteKuckuck! Was ist das?

AlbertWieso?

UnbekannteRat mal! Kuckuck!

AlbertKeine Idee!

UnbekannteKuckuck ist eine Uhr. Und ich bin jetzt ein toter Uhrmacher.

Stille.

Albertunterdrückt: Steh auf.

Unbekannte rührt sich nicht.

Albert brüllt sie an.Aufstehen!

Unbekannteerhebt sich langsam, bleibt aber auf dem Boden sitzen: Bitte schlag mich nieder.

Albert zündet sich nervös eine Zigarette an.

Mir auch.

AlbertWas?

UnbekannteZigarette.

Albert wirft ihr eine hin.

Danke – Sie fängt an, die Zigarette in lauter Stückchen zu zerreißen.

AlbertMach keinen Mist! Du bist betrunken.

Unbekannte weint.

Komm, steh auf.

Unbekanntetrocknet sich mit der Hand ihre Tränen: – Sag mal, sieht man es mir eigentlich an, was ich schon hinter mir habe? Ich hab mal einen geliebt, es hat weh getan und gut. Josef hat er geheißen.

AlbertIch dachte schon, du hättest noch niemals.

UnbekannteJosef, wo bist du? Sie steht schwerfällig auf und betrachtet Albert. – Jetzt seh ich dich wie durch Glas. Und ich stehe hinter dem Glas, und jetzt hörst du nicht, was ich rede. – Du bist es? Bist wieder da? Ich hab so lang auf dich gewartet und war so viel allein. – Nein! Komm nicht herein zu mir, bitte nicht – laß mich, du, laß mich – Sie fällt ihm um den Hals, aber er tut nichts dergleichen; plötzlich ändert sie den Ton. Sag: kannst du bellen?

Albertperplex: Bellen?

UnbekannteJa. Wie ein Hund bellen. Schade, daß du es nicht kannst – ich würde mich sonst hier in das Bett legen, und du müßtest dich vor die Tür legen, und wenn ein schlechter Mensch kommt, dann müßtest du knurren und mich beschützen, und wenn du nicht folgsam knurrst, bekommst du einen Tritt.

AlbertWas?

UnbekannteEinen Tritt, einen Tritt vor deine Schnauze, du –

Albert reißt sie wieder an sich und küßt sie.

Nicht – ja – du – ich fühle dich bis hinauf –

AlbertZieh dich aus.

Unbekanntelächelt: Tatsächlich?

AlbertWenn du dich nicht ausziehst, wird nicht geknurrt.

UnbekannteOh du bist lieb – Sie zieht seinen Mantel aus. Schau mich nicht so schrecklich an!

AlbertIch tu dir doch nichts.

UnbekannteDoch, du schlägst mich – und ich bin doch eine gefangene Seele. – Oh was könnt ich allen Menschen antun vor lauter Sehnsucht!

AlbertVerrückt.

UnbekannteIch sehe mich in der Geschichte, sehe mich auf den Schlachtfeldern und in den Bergwerken, ich bin der Säbel und ich bin der Berg, der zusammenbricht – Sie will wieder trinken.

AlbertDu sollst nicht mehr trinken.

UnbekannteSoll ich zu dir kommen – Sie umarmt seinen Kopf.