Meine Mutter, sein Exmann und ich - T. A. Wegberg - E-Book

Meine Mutter, sein Exmann und ich E-Book

T. A. Wegberg

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10,99 €

Beschreibung

Geschiedene Eltern sind ja schon schlimm genug. Aber wie soll Joschka seinen Freunden bitte erklären, dass seine Mutter jetzt ein Mann ist - dem plötzlich ein Bart wächst und der Frederik heißt? Während seine Schwester Liska sich bemüht, offen mit der Veränderung umzugehen, empfindet Joschka nichts als Widerstand und große Wut. Er zieht zu seinem Vater und will nur noch Abstand von allem.
Erst durch den neuen Mitschüler Sebastian, der an einer seltenen Krankheit leidet, und Joschkas Liebe zu der engagierten Emma öffnet er sich schließlich für seine neue Familiensituation. Denn wenn er ehrlich ist, hat sich eigentlich gar nichts Entscheidendes geändert …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 291




T. A. Wegberg

Meine Mutter, sein Exmann und ich

Roman

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Geschiedene Eltern sind ja schon schlimm genug. Aber wie soll Joschka seinen Freunden bitte erklären, dass seine Mutter jetzt ein Mann ist – dem plötzlich ein Bart wächst und der Frederik heißt? Während seine Schwester Liska sich bemüht, offen mit der Veränderung umzugehen, empfindet Joschka nichts als Widerstand und große Wut. Er zieht zu seinem Vater und will nur noch Abstand von allem.

Über T. A. Wegberg

T.A. Wegberg bewegt sich täglich durch Berlin – zu Fuß, per Fahrrad, mit Bus oder Bahn – und tanzt gern auf Goa-Festivals. Ansonsten dreht sich sein Leben nur um Worte. Er schreibt, liest, bloggt, übersetzt, unterrichtet Literatur und berät ehrenamtlich Jugendliche in Krisensituationen.

Für seinen Jugendroman «Memory Error» wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Vor fünf Jahren

«Das kannst du nicht machen!», schrie ich. «Wenn du das wirklich machst, dann … dann hau ich ab!» Ich warf Liska einen Seitenblick zu, um mir ihre Unterstützung zu sichern, aber die starrte Mama nur an. Mit so einer Mischung aus Entsetzen und Faszination. Als müsste man schon die ersten Veränderungen sehen.

Natürlich sah man jetzt noch nichts. Mama war immer noch eine ganz normale Frau, auch wenn sie nie besonders großen Wert darauf gelegt hatte, weiblich zu wirken. Ich hatte sie, soweit ich wusste, noch nie in einem Kleid oder einem Rock gesehen. Sie schminkte sich auch nicht, höchstens benutzte sie manchmal ein bisschen Wimperntusche oder einen unauffälligen Lippenstift. Und sie hatte immer kurze Haare gehabt. Jetzt nicht so stoppelkurz, aber eben auch keine typische Frauenfrisur.

Hätte mir irgendwas auffallen müssen? War ich zu dämlich gewesen, um was mitzukriegen? Ach, Quatsch! Andere Frauen trugen doch auch keine Röcke, hatten kein Make-up und keine langen Haare! Zum Beispiel … zum Beispiel … Also, irgendwie fiel mir gerade keine ein, auf die das alles zutraf, aber ich war auch viel zu durcheinander, um mich konzentrieren zu können.

Mama guckte mich total traurig und verzweifelt an und hatte Tränen in den Augen. Ha! Wenn das kein Beweis dafür war, dass sie eine Frau war! Dann fiel mir ein, dass Papa damals in der Zeit vor der Scheidung auch ab und zu geheult hatte.

«Joschka, es tut mir so leid», sagte sie. «Ich weiß, dass das für euch eine wahnsinnig blöde Situation ist. Aber ich kann so einfach nicht weitermachen, sonst …» Sie sah zu meiner Schwester. «So kann ich nicht mehr leben. Das macht mich depressiv. Und dann sind wir alle drei unglücklich.»

«Wieso? Bisher war doch auch alles gut!», beharrte ich. Ich hatte immer noch die verrückte Hoffnung, dass ich sie irgendwie davon abbringen könnte.

«Ja, weil ich mich zusammengerissen habe. Und weil ich es die ganzen Jahre verdrängt habe. Ich dachte, ich muss mich eben anpassen, ich muss das durchstehen. Aber in letzter Zeit hab ich noch mal ganz gründlich darüber nachgedacht, und da ist mir klargeworden, wie viel Lebenszeit ich noch vor mir habe. Ich bin erst zweiundvierzig, und ich könnte locker doppelt so alt werden.»

«Aber du hast doch nie was gesagt!»

«Nein, natürlich nicht! Was hätte ich denn sagen sollen? Dass ich mich nie als Frau gefühlt habe? Dass ich total unglücklich mit meinem verdammten Körper bin? Ich konnte das doch gar nicht erklären. Ich wollte es ja nicht mal wahrhaben!» Mama wischte sich eine Träne von der Wange, aber in ihren Augen machten sich schon wieder neue zum Absprung bereit. «Es ist schon schlimm genug, als Frau leben zu müssen. Aber eine alte Frau will ich nicht sein. Auf keinen Fall.»

«Und was willst du jetzt genau machen?», fragte Liska. Da sagte sie endlich mal was, und dann war es noch nicht mal ein Protest! Ich warf ihr einen wütenden Blick zu.

«Ich muss mir jetzt erst mal einen Therapeuten suchen», erklärte Mama.

«Gute Idee», murmelte ich.

Mama ignorierte meine Bemerkung. «Und dann kann ich hoffentlich bald mit der Hormonbehandlung anfangen. Aber bis zur OP dauert es auf jeden Fall noch ziemlich lange.»

«Was machen die denn bei so einer OP?», fragte Liska ängstlich. Die Frage stellte ich mir natürlich auch. Aber ich wollte die Antwort definitiv nicht wissen.

Zum Glück sagte Mama auch bloß: «Das muss ich dann abklären, wenn es so weit ist.»

An diesem Tag wollte ich mit niemandem mehr sprechen. Ich verkroch mich in meinem Zimmer, spielte Minecraft und fühlte mich von der Welt verraten. Wen hatte ich denn jetzt noch? Papa war schon vor drei Jahren ausgezogen, der war jetzt mit Petra verheiratet, und die kriegte demnächst ein Baby. Mama wollte nicht mehr unsere Mama sein. Und zum ersten Mal hatte auch Liska mich im Stich gelassen, meine Zwillingsschwester, auf die ich mich in den zehn Jahren unseres gemeinsamen Lebens immer hatte verlassen können.

Na, das war jetzt wohl auch Vergangenheit. Liska hatte ja noch nicht mal versucht, Mama von ihrem irren Plan abzubringen! Stattdessen hatte sie sie nur mit großen Augen angeglotzt und dann auch noch Fragen gestellt. Als ob sie es nicht völlig durchgeknallt, sondern interessant fände.

Ich hatte nur eine einzige Frage, aber die konnte ich niemandem stellen: nämlich wie es jetzt weitergehen sollte. Wenn Mama das wirklich durchzog, was wurde dann aus uns? Sollten wir dann «Papa» zu ihr sagen?

Niemals!

Nicht mit mir!

Und wenn sie nun plötzlich wie ein Kerl rumlief, was sollte ich dann meinen Freunden sagen? Oder meinen Lehrern? Was Peinlicheres konnte es ja wohl kaum geben!

Wie konnte Mama mir das antun?

1

«Tja, viel Glück, oder was sagt man da so?» Papa umarmt Mama unbeholfen.

Petra schüttelt ihr ganz förmlich die Hand. «Alles Gute.»

Liska fällt Mama um den Hals und drückt sich an sie. «Du bist so mutig! Aber ich bin ganz sicher, dass alles gutgeht. Ruf mich an, sobald du kannst, ja?»

Ich bin der Einzige, dem nichts Richtiges einfällt. Ich sage bloß «Tschüs» und hebe die Hand, als Mama zum Auto geht. Sie wirkt überhaupt nicht wie jemand, dem morgen eine mehrstündige Operation bevorsteht. Eher wie ein Kind vor der Weihnachtsbescherung.

«Er wird das schon schaffen», sagt Liska.

Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn sie «er» sagt. Dabei passt es zu meiner Mutter, leider. Sie trägt die Haare jetzt noch kürzer, im Nacken ausrasiert, hat einen Dreitagebart, und ihre Schultern sind breiter geworden. Das kommt von den Hormonen, die sie nimmt. Und sie macht irgendwas, damit man ihre Brüste nicht so sieht, jedenfalls fallen die kaum noch auf, wenn sie nicht gerade knallenge T-Shirts trägt. Ich will nicht genau wissen, was es ist. Hat sich ja sowieso bald erledigt.

Die Vorstellung, wie sie ihren Busen mit einem Messer oder einer Säge oder was weiß ich abschneiden, verdränge ich ganz schnell. Das ist einfach zu widerlich. Liska hat sich genau erklären lassen, wie das gemacht wird; ich bin aus dem Zimmer gegangen.

Liska sagt jetzt auch Frederik zu Mama. Lächerlich! Als könnte man sich einfach so einen neuen Namen aussuchen wie eine neue Jeans!

«Das ist amtlich», hat Mama gesagt und mir ihren nagelneuen Personalausweis unter die Nase gehalten.

«Das ist mir scheißegal», habe ich geantwortet.

Sie hat nichts mehr gesagt, aber ich merke, dass es sie ärgert, wenn ich weiter Mama zu ihr sage. Und noch mehr ärgert es sie, wenn ich sie im Gespräch mit Liska als Mama bezeichne.

Während sie im Auto davonfährt und mein Vater, Liska, Petra und ich wieder ins Haus gehen, habe ich ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Wer weiß, ob die Operation gelingt. Wer weiß, ob sie aus der Narkose wieder aufwacht. Es gibt immer ein Risiko, oder? Einen Moment lang mache ich mir schreckliche Sorgen um meine Mutter, aber dann siegt mein Ärger: Sie hat es schließlich nicht anders gewollt!

Ich trage meinen Koffer rauf in unser Zimmer. Bis Mama aus dem Krankenhaus zurückkommt, wohnen Liska und ich bei Papa und Petra. Wir haben ein eigenes Zimmer, weil wir am Wochenende oder in den Ferien öfter hier sind.

Auch mit fünfzehn stehen Liska und ich uns noch nahe. Im Grunde ist Mama das Einzige, was uns spaltet. Da ist Liska nach wie vor total anderer Meinung als ich. Sie findet, jeder soll das Recht haben, in dem Körper zu leben, in dem er sich zu Hause fühlt. «Na toll», hab ich gesagt, «erklär das mal einem Querschnittsgelähmten! Oder einem Spastiker!»

«Das sind Krankheiten, das kannst du nicht vergleichen», sagte Liska.

«Ach! Aber plötzlich ein Mann sein zu wollen, das ist nicht krank, oder was?»

«Transsexuelle wollen nicht einem anderen Geschlecht angehören», dozierte Liska. «Sie tun das schon. Sie kommen schon so auf die Welt. Nur eben leider im falschen Körper. Und das ist keine Krankheit. Genauso wenig wie schwul zu sein. Es ist einfach angeboren, da kannst du nichts gegen machen.»

Würde ich aber, wenn ich könnte. «Und warum müssen die dann alle eine Therapie machen?», triumphierte ich.

«Das ist einfach nur gesetzlich vorgeschrieben, damit sie das Gutachten für die Krankenkasse kriegen. Und damit irgendwelche labilen Leute nicht denken, sie könnten auf diese Weise ihre Probleme in den Griff kriegen, obwohl sie eigentlich gar nicht transsexuell sind.»

«Ja, kommt ja immer wieder mal vor», spottete ich. «Ich wünsch mir beim Cooper-Test auch immer, ein Mädchen zu sein, dann hätte ich eine bessere Note in Sport und müsste weniger schnell rennen.»

«Du bist echt kindisch.» Das ist eins von Liskas Totschlagargumenten.

Ich stelle meinen Koffer aufs Bett und klappe ihn auf. Ganz obenauf liegt der hellblaue Kuschelhase, ohne den ich damals mit drei oder vier nicht einschlafen konnte. Wo kommt der denn her? Es hängt ein kleiner Zettel mit Mamas Handschrift an seinem Bein. «Du bist und bleibst immer mein Kind! Ich hab dich lieb!»

Volltreffer. Mitten ins Herz. Da war wohl eine Lücke in meinem Panzer, verdammt. Ich nehme Hasi hoch und drücke ihn eine Sekunde lang verstohlen an meine Brust, dann stopfe ich ihn unter die Bettdecke. Liska hat nichts gemerkt. Sie guckt sich nach mir um, als ich die Nase hochziehe, aber nur ganz kurz, weil sie damit beschäftigt ist, ihre Sommerkollektion auf Kleiderbügel zu hängen.

 

Wir essen früh zu Abend, denn Leon muss spätestens um acht im Bett sein. Er ist heute ziemlich anstrengend. Vielleicht passt es ihm nicht, dass seine beiden großen Geschwister zu viel Aufmerksamkeit von ihm abziehen. Jedenfalls stochert er in seinen Fischstäbchen herum und zermatscht sie zu einem ekelhaften Brei, und als Liska ihm zeigen will, wie man sie mit der Kante der Gabel ordentlich zerteilt, fängt er an zu plärren.

Nachdem er sich wieder beruhigt hat, erzählt er eine vermutlich komplett ausgedachte Geschichte über Anna-Lena aus seiner Kita, die von ihren Eltern gezwungen wird, Nasenpopel zu essen.

«Jetzt iss mal auf», sagt Petra im Bemühen, ihn irgendwie auf andere Bahnen zu lenken.

«Sonst gibt’s zum Nachtisch keinen Popelpudding!», ergänzt mein Vater und grinst. Er kassiert einen vorwurfsvollen Blick von seiner Frau.

Als Leon im Bett ist, sitzen wir zusammen im Wohnzimmer, aber jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Liska guckt Cold Case und erneuert dabei den Lack auf ihren Fußnägeln, Petra hat den Laptop auf den Knien und sucht nach familiengerechten Kurzreiseangeboten, mein Vater versucht, den Spiegel zu lesen, wird aber immer wieder von dem Geschehen auf dem Fernsehbildschirm abgelenkt, und ich daddele auf meinem Handy rum und chatte mit Boris.

familienzeit haha

bei dein vater oder?

ja

was mcht ihr

abhängen chillen

nix eigtl

komm doch vorbei, jan ist auch da

haha ja mal sehn

Werde ich garantiert nicht machen, denn von meinem Vater aus ist es viel zu weit, und der wäre auch total enttäuscht, wenn ich mich gleich am ersten Abend mit Freunden verabrede.

 

Weder Boris noch sonst irgendwer aus meiner Schule weiß über meine Mutter Bescheid. Ich rede nicht darüber. Kann ich einfach nicht. Seit sie angefangen hat, in Sakkos rumzulaufen und sich Haare im Gesicht wachsen zu lassen, habe ich niemanden mehr mit nach Hause gebracht.

Ich lasse sie auch nicht mehr zu Schulfeiern oder Elternabenden gehen. Das muss mein Vater erledigen.

Boris hat Mama das letzte Mal vor fünf Jahren gesehen. Na ja, so ganz stimmt das nicht: Eigentlich sind sie sich letzten Sommer begegnet, in der U-Bahn, als ich mit ihr vom Zahnarzt gekommen bin und Boris plötzlich zugestiegen ist. Zum Glück hatte ich ihn schon auf dem Bahnsteig stehen sehen. Ich bin sofort aufgestanden und hab mich ein paar Meter von Mama entfernt hingestellt, und er hat nichts gemerkt. Wir mussten alle an derselben Station aussteigen. Ich bin mit Boris gegangen, und meine Mutter ist mit einigem Abstand hinterhergelaufen.

 

Mein Vater und Petra sind schlafen gegangen. Die müssen morgen arbeiten, während Liska und ich noch Ferien haben. Two and a half men hat gerade angefangen, als endlich Liskas Handy klingelt. Ich starre weiter auf den Fernseher, aber natürlich höre ich genau zu, was sie sagt.

«Frederik! Hey, wie sieht’s aus? – Ah, okay. – Oje, wirklich? – Wie viele sind denn auf dem Zimmer? – Echt? Das ist gut, oder? – Und, bist du aufgeregt? – Ja, kann ich mir vorstellen. – Nö, nichts Besonderes. Bisschen Fernsehen geguckt und so. – Die sind schon im Bett, aber Joschka ist noch hier. Willst du ihn sprechen?» Sie guckt mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, hält aber das Telefon weiter ans Ohr gedrückt. «Ach so, ja gut. Sollen wir dich morgen Abend besuchen kommen? – Okay, dann lieber am Donnerstag. Ich denk an dich und drück dir ganz doll die Daumen! – Ja, mach ich! Hab dich lieb! – Ja, schlaf gut! Tschü-hüs!»

Sie legt das Handy beiseite und sieht mich an. «Er hat ein Einzelzimmer, cool, was? Und heute war wohl ein ganz langes Gespräch mit dem Anästhesisten, der hat ihn über die ganzen Risiken aufgeklärt. Er sagt, er hätte es sich beinahe noch anders überlegt!»

Guter Mann, dieser Anästhesist. Ich hab das die ganzen letzten Jahre nicht geschafft.

«Und ich soll dich ganz lieb grüßen. Wir fahren Donnerstag ins Krankenhaus, okay? Er meint, morgen direkt nach der Narkose wäre es noch nicht so gut.»

Eigentlich will ich überhaupt nicht ins Krankenhaus, weder morgen noch Donnerstag, noch irgendwann. Ich finde Krankenhäuser grundsätzlich grauenhaft, und wenn da die eigene Mutter liegt, der gerade an allen möglichen Körperteilen rumgemetzelt wurde, sind sie an Glanzlosigkeit echt nicht mehr zu überbieten. Vielleicht kann ich mich irgendwie davor drücken.

2

Liska schläft noch, die anderen sind schon lange weg. Ich schütte Frosties in eine Schale, gieße die letzte Milch aus dem Kühlschrank darüber und löffele gedankenverloren, während ich auf dem Handy die besten Verbindungen checke. Eine halbe Stunde später stehe ich an der Bushaltestelle Brixplatz. Die 104 steht schon da. Das hier ist die Endhaltestelle, und der Fahrer macht eine Zigarettenpause, ehe er in die nächste Runde geht.

Außer mir steigen nur zwei alte Ladys ein. Ich gehe hoch zum Oberdeck und setze mich in die vorderste Reihe, die mit dem Panoramablick. Ich throne direkt über dem Fahrer. Mein absoluter Lieblingsplatz, und am liebsten würde ich bis Stralau, Tunnelstraße sitzen bleiben, aber die Linie 104 kenne ich schon, deshalb fahre ich nur bis Messe Nord und steige dort in die 139. Die fährt bis Werderstraße, das dauert eine halbe Stunde.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich mir keine Sorgen um Mama mache. Immerhin ist das eine große Operation. Da kann wahrscheinlich eine Menge schiefgehen. Ich glaube, das größte Risiko ist immer die Narkose. Wenn sie da irgendwas falsch dosieren, wacht sie vielleicht nie wieder auf.

Ein paar Haltestellen lang erlaube ich mir, diesem Gedanken nachzugehen. Was dann passieren würde. Und ob es nicht vielleicht sogar besser wäre. Mit einer toten Mutter kann man sich nicht blamieren, so viel steht fest. Man wird einfach bloß bedauert. Und nie würde jemand an meiner Schule oder einer von meinen Freunden erfahren, dass meine Mutter seit zwei Jahren Frederik heißt und sich morgens rasiert.

Aber dann stelle ich mir ein Leben ohne Mama vor. Sie ist die Einzige, die ein Käse-Ei-Baguette wirklich so belegen kann, wie ich es mag, die jederzeit weiß, wo ich mein Handy hingelegt habe, die sich die Namen meiner Lehrer (und die von Liskas Lehrern) merken kann, die meinen Stundenplan auswendig kennt und die mitten in der Nacht zur Apotheke fährt, um mir was gegen Zahnschmerzen zu kaufen.

Wir haben eine ganze Reihe von Privatwitzen, über die nur wir lachen, und ich kann mich darauf verlassen, dass sie mir mit der Hand durch die Haare fährt, wenn ich vor der Wohnzimmercouch auf dem Boden sitze – ich mag das, obwohl ich immer so tue, als würde es mich nerven.

Weil mir bei diesem Gedanken die Tränen in die Augen schießen, will ich mich irgendwie ablenken, aber dauernd drängeln sich Bilder von Operationstischen, Skalpellen, blutigen Schnitten und piepsenden Monitoren in den Vordergrund, die ich vermutlich alle aus dem Fernsehen habe, weil ich nämlich selbst noch nie im Krankenhaus war.

Ich ärgere mich, dass ich mich nicht genauer über die Operation informiert habe. Vielleicht wäre es weniger beunruhigend, wenn ich wüsste, was die da genau mit meiner Mutter anstellen. Aber ich wollte es nicht hören, und als Liska und sie mit dem Laptop auf der Couch gesessen und sich Vorher-nachher-Bilder angeschaut haben, bin ich abgehauen zu Boris.

Boris’ Eltern sind auch geschieden. Sein Vater wohnt in Köln, hat irgendeinen sehr geilen Job bei einer Filmproduktionsfirma und muss oft ins Ausland reisen, deshalb sieht er ihn nur ziemlich selten.

Boris’ Mutter ist strenger als meine. Er muss immer zu bestimmten Zeiten zu Hause sein, sie kontrolliert seine Schulaufgaben, und wenn er eine Arbeit versemmelt, kriegt er Hausarrest oder Computerverbot. Sogar sein Handy hat sie ihm schon mal drei Tage lang weggenommen, weil er Ethik geschwänzt hatte.

Zu mir ist sie total nett. Sie bietet mir immer was zu essen an, wenn ich bei ihnen bin, und erkundigt sich nach Liska und meinen Eltern, und wenn ich bei Boris übernachte, bezieht sie mir das Gästebett frisch – mit gebügelten Laken. Es ist überhaupt wahnsinnig sauber bei ihr. Ich hab da noch nie einen Krümel auf dem Küchentisch gesehen oder eine Staubmaus unter der Couch.

Boris beklagt sich oft über seine Mutter, weil sie ihm so wenig Freiheiten lässt und total viel Wert auf Leistung legt, aber andererseits: Er hat wenigstens eine Mutter. Das kann ich ihm so allerdings nicht sagen. Offiziell habe ich ja auch eine.

Hoffe ich jedenfalls.

 

Ich habe noch längst nicht alle Linien der Berliner Verkehrsgesellschaft erforscht, aber doch schon ziemlich viele. Es könnten sogar wesentlich mehr sein, wenn ich nicht so oft mit der 101 unterwegs wäre. Nicht die gesamte Strecke – die dauert über eine Stunde –, aber zwischen Königin-Luise-Platz und Unter den Eichen. Da fährt sie nämlich die Altensteinstraße entlang, und in der Nummer 26 wohnt Emma Hanisch.

Emma ist in der Theater-AG und hatte letztes Schuljahr die Hauptrolle. «Maul halten!» hieß das Stück. Ich hab alle drei Aufführungen gesehen.

Sie ist in der Schülervertretung und hatte beim Schulfest einen Infostand zu Massentierhaltung. Nach den Osterferien hat sie eine Spendenaktion für ein russisches Mädchen organisiert, das irgendein teures Medikament braucht.

Ich habe noch nie mit ihr gesprochen, abgesehen von ein paar Nebensächlichkeiten, die man genauso gut zu jedem anderen hätte sagen können: «Haben wir in Bio Vertretung?», oder: «Ich glaub, Sport fällt aus.» Obwohl wir in dieselbe Klasse gehen, leben wir auf verschiedenen Planeten. Emma ist engagiert, durchsetzungsstark, beliebt und hält supergute Referate.

Außerdem ist sie hübsch. Sie hat dunkelblonde Haare bis zum Kinn, blaugraue Augen und ziemlich interessante Brüste in der Größe von Äpfeln. Und damit meine ich Supermarkt-Äpfel, nicht dieses schrumpelige Biozeugs, das sie vermutlich isst. Natürlich sind Brüste fast immer interessant, aber aus irgendeinem Grund interessieren mich ihre mehr als andere, jedenfalls denke ich sehr viel darüber nach.

Was sie über mich sagen würde, weiß ich nicht. Höchstwahrscheinlich: «Joschka? Was für ein Joschka?»

Dass ich mehrmals in der Woche mit dem Bus an ihrem Haus vorbeifahre, hat unter anderem den Zweck, das zu ändern. Denn wenn ich sie mal außerhalb der Schule treffe, rein zufällig natürlich, könnte sich ja ein Gespräch zwischen uns ergeben, und danach weiß sie, wer ich bin, und wir können auch in der Schule miteinander sprechen.

Im Moment geht das leider nicht, weil sie mich nicht wahrnimmt und ich keinen Anlass habe. Außerdem wäre es mir peinlich. Boris und die anderen würden mich fragen, wieso ich sie anquatsche. Ihre beste Freundin Michelle würde neben ihr stehen und mich verwundert ansehen. Wahrscheinlich würde ich auch stottern oder rot werden. Also: Es geht nicht. Aber im Bus wäre das etwas anderes.

3

Mama hat das Rückenteil des Bettes so hochgestellt, dass sie aufrecht sitzen kann. Auf dem Nachttisch liegen eine Schachtel Schokoküsse und ein Buch, sie blättert in einer Ausgabe von ZeitWissen, und ich kann nirgends Infusionsständer oder Beatmungsschläuche sehen. Die Gardine vor dem halb geöffneten Fenster bauscht sich im Luftzug.

Während meine Schwester Mama bereits umarmt, sehe ich mich in dem Krankenzimmer um. Es gibt nur das eine Bett, und die Tür zu dem geräumigen, hell gefliesten Bad steht offen. «Ich hab ein Privatzimmer bekommen», sagt meine Mutter, die meinen Blick bemerkt hat, und fasst nach meiner Hand. Ich lasse mich von ihr auf die Bettkante ziehen. «Schön, oder?»

Wie immer stellt Liska die Fragen, und ich höre einfach nur zu. Maximal zehn Tage, sagt Mama, dann kann sie nach Hause, sofern es keine Komplikationen gibt. Bisher wäre jedenfalls alles nach Plan verlaufen. Gleich nach dem Aufwachen aus der Narkose hätte sie sich kurz übergeben, aber dann wäre sie wieder eingeschlafen, und jetzt gehe es ihr gut.

«Keine Schmerzen?», fragt Liska.

«Na ja, schon ein bisschen. Aber ich hab’s mir schlimmer vorgestellt.»

Ich bin erleichtert, dass es ihr gutgeht, aber noch erleichterter bin ich, als ich das Krankenhaus wieder verlassen kann.

«Was machst du jetzt?», fragt Liska, als wir auf der sonnigen Straße stehen.

«Ich fahr runter bis Roseneck und nehm dann die M29.»

Sie lacht. «Neue Strecke?»

«Willst du mitkommen?»

Liska zögert. «Wohin denn?»

«Neukölln. Hermannplatz.»

Sie überlegt einen Moment. «Na gut. Warum nicht.»

Ich bin froh, dass meine Schwester zugestimmt hat. Vielleicht auch deshalb, weil es so ein komisches Gefühl war, die eigene Mutter in einem Krankenhausbett liegen zu sehen. Mama hat zwar so getan, als wäre alles bestens, aber ich hab mitgekriegt, dass sie ab und zu mal das Gesicht verzogen hat bei einer unbedachten Bewegung. Und sie war auch ziemlich blass.

«Meinst du, es kann jetzt auch noch Komplikationen geben?», frage ich, während wir am Roseneck auf den Bus warten.

Liska weiß sofort, was ich meine. Sie macht keinen Versuch, mich mit Floskeln zu beruhigen. «Na ja, die Nähte können sich entzünden und so. Oder nicht richtig zusammenwachsen.» Ich gebe keine Antwort, und sie fügt hinzu: «Aber das ist nicht lebensbedrohlich.»

Unterwegs reden wir von anderen Dingen. Wir lästern ein bisschen über eine wahnsinnig dicke Frau, die ungelogen zwei Sitzplätze belegt, und Liska regt sich über den Busfahrer auf, weil der einen Typen mit einem Hund nicht mitnimmt. «Mach dem ma’n Maulkorb um.»

«Hab ich nicht», sagt der Typ.

«Na, denn müssta loofen», erklärt der Fahrer ungerührt und schließt die Tür.

Als wir am Hermannplatz aus dem Bus steigen, sage ich: «Und was ist mit diesen Krankenhauskeimen?»

 

Petra ist gestresst. Sie musste Überstunden machen, mein Vater hat die falsche Salatsauce gekauft, und dann schmeißt Leon auch noch ein Glas Saft um. An ihrem verkniffenen Mund und den hektischen Bewegungen, mit denen sie Tisch, Stuhl, Boden und Kind abwischt, sieht man deutlich, dass sie kurz vor einem Ausbruch steht.

Jeder von uns bietet seine Hilfe an – sogar Leon –, aber sie lehnt schroff ab und behebt die Schweinerei alleine. So kann sie am besten klarstellen, wie unfähig wir sind und dass sowieso immer alles an ihr hängenbleibt.

Leon heult, Liska versucht, ihn abzulenken und zu trösten, und mein Vater sagt: «Lass doch, der Boden muss sowieso mal wieder durchgewischt werden», was Petra noch mehr in Rage bringt, weil er damit zu verstehen gibt, wie wenig bedeutsam es ist, was sie tut.

Wir bringen die Mahlzeit schweigend zu Ende, abgesehen von Leons abebbenden Schluchzern, und verlassen den Tisch, noch ehe wir den letzten Bissen runtergeschluckt haben. Mein Vater trägt die leeren Teller in die Küche und räumt sie in die Spülmaschine, während Petra Leon ins Bett bringt.

Wenn hier so eine Stimmung herrscht, ist es am besten, man löst sich in Luft auf. Ich schicke Boris eine Nachricht. Dreißig Minuten später sitze ich in der U-Bahn zum Alexanderplatz.

Im Juli ist es überall heiß in Berlin, aber hier in dieser Betonwüste ist es am allerheißesten. Die Bodenplatten strahlen die Sonnenwärme ab, und von nirgendwoher kommt auch nur der kleinste Lufthauch. Trotzdem schlendern Hunderte Menschen über den Platz, die meisten davon Touristen. Manche ziehen Rollkoffer hinter sich her, andere tragen Rucksäcke mit Berlin-Schriftzug. Den Fernsehturm nennen sie «Alex» und fühlen sich dabei wie Einheimische.

Um einen Zauberkünstler mit Zylinder, Dreadlocks und nacktem Oberkörper, der wortlos seine Tricks vorführt, hat sich ein Ring aus Zuschauern gebildet. Eine Weile stellen Boris und ich uns dazu, dann suchen wir uns einen Platz auf der Umrandung des Brunnens.

«Scheißstimmung zu Hause», sage ich.

«Echt? Dein Vater, oder was?»

«Na ja, nicht direkt … die ganze Kombination irgendwie. Die streiten sich ständig.»

Wir schweigen minutenlang. Ich fühle mich besser, weil ich darüber geredet habe. Zwei Mädchen kommen auf uns zu, höchstens dreizehn, ungeschickt und übertrieben geschminkt, mit Hot Pants und bauchfreien Tops. Sie kichern und stoßen sich gegenseitig mit dem Ellbogen an, und dann fragt die eine, ob wir was zu verkaufen hätten.

«Ihr gehört ins Bett», sagt Boris.

Die beiden brechen in hysterisches Gelächter aus, als hätte er einen rasend komischen Witz gemacht. «In deins oder in meins?», gackert die eine.

Boris runzelt die Stirn und starrt sie an, ohne auch nur einen Mundwinkel zu verziehen. So was kann er gut. Seine Augen sind hinter der Sonnenbrille verborgen, und nach ein paar Sekunden kriegen die Mädchen offenbar ein bisschen Respekt.

«Habt ihr jetzt was oder nicht?», fragt die eine. Es soll selbstbewusst rüberkommen, klingt aber nur zickig.

«Kauft euch ein Eis», sagt Boris.

Ihre angemalten Kindergesichter werden hässlich vor Wut. «Du blöder Wichser!», keift die eine, und die andere zieht sie weg. «Komm, lass mal, die sind doch total schwul!»

Ich schaue ihnen belustigt hinterher.

Boris lächelt immer noch nicht. «Nächstes Jahr um diese Zeit schieben sie alle beide einen Kinderwagen, rauchen Kette und leben von Hartz IV», sagt er. Boris ist manchmal ein bisschen altmodisch. Aber das mag ich an ihm.

4

Zehn Tage vor dem Ende der Sommerferien wird meine Mutter aus dem Krankenhaus entlassen. Tante Juliane, Liska und ich holen sie mit dem Auto ab. Sie darf nicht schwer heben, deshalb trage ich ihren Koffer.

Mama sieht blass aus und hat abgenommen. «Dieses Korsett macht mich wahnsinnig», stöhnt sie, als sie in den Wagen ihrer Schwester steigt. «Bei dieser Hitze! Das hält doch kein Schwein aus!»

«Was denn für ein Korsett?», fragt Juliane.

«Na, hier.» Sie zieht ihr T-Shirt hoch. Darunter trägt sie etwas Schwarzes aus glänzendem, festem Material, so wie ein BH, aber es bedeckt ihren gesamten Oberkörper und hat vorne einen Reißverschluss.

«Wozu ist das?», erkundigt sich Liska.

«Damit die Narben ordentlich zusammenwachsen.»

«Kannst du das nicht weglassen, wenn es so heiß ist?»

«Eben nicht! Rund um die Uhr soll ich das tragen, sogar nachts! Sechs Wochen lang!» Sie wischt sich mit dem T-Shirt den Schweiß von der Stirn, ehe sie es wieder runterzieht. Okay, ich muss zugeben, so was habe ich eine Frau noch nie tun sehen.

Meine Mutter sieht mit ihrem flachen Oberkörper jetzt auch definitiv nicht mehr aus wie eine Frau. Vielleicht wie ein schlanker, eher kleiner Mann mit etwas weicheren Zügen, aber trotzdem ziemlich eindeutig wie ein Mann. Ihre Stimme ist genau in dem Bereich, wo man sich nicht sicher ist, welchem Geschlecht man sie zuordnen soll. Aus ihrer Perspektive ist das wohl ein ziemlicher Erfolg. Aus meiner ist es die endgültige Niederlage.

Wir fahren sie direkt nach Hause und bringen ihr das Gepäck hoch in die Wohnung. Ich war zwischenzeitlich kein einziges Mal hier. Es ist heiß und stickig. Liska öffnet alle Fenster, obwohl es draußen nicht kühler ist. «Hast du Hunger? Soll ich dir was zu essen machen?»

«Nee. Nur Durst», sagt meine Mutter und holt sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. «Und irgendwie bin ich schon wieder total geschafft. Ich glaub, ich leg mich hin.»

Ehe sie ins Schlafzimmer verschwindet, sage ich: «Ähm, warte mal kurz. Ich wollte noch sagen, dass ich … also, dass ich erst mal noch bei Papa bleibe.»

Liska habe ich meine Entscheidung schon mitgeteilt. Sie schnappt ihre Reisetasche und geht in ihr Zimmer, um sich dort wieder einzurichten. Meine Mutter guckt mich ungläubig an. «Was? Wieso das denn? Übernächste Woche geht doch die Schule wieder los!»

«Ja, ich weiß. Ich kann da ja auch von Papa aus hinfahren. Ich nehm meine Bücher gleich mit.»

«Was sagt denn Papa dazu? Und Petra?»

«Die sind einverstanden.» Genau genommen habe ich sehr deutlich gespürt, dass Petra die Idee extrem ungeil fand, aber ihr war wohl bewusst, dass sie nur wenig dagegen unternehmen kann.

«Und wie lange willst du da noch bleiben?», fragt Juliane.

«Weiß ich noch nicht. Vorläufig. Ich muss erst mal … klarkommen.»

Mama, die jetzt Frederik heißt, geht auf mich zu und umarmt mich. «Schatz», murmelt sie in meine Haare, «ist es denn wirklich so schlimm?» Sie fühlt sich total komisch an ohne Brüste. Trotzdem umarme ich sie auch, und ich merke, dass ich sie ziemlich vermisst habe. Wir stehen eine Weile so da und halten uns gegenseitig fest. Irgendwann mache ich mich los.

«Ich hol mal meine Schulsachen.»

Juliane fährt mich zurück. Sie ist drei Jahre älter als meine Mutter, ernährt sich vegetarisch und lebt mit einem illegalen Einwanderer aus Ghana zusammen, der kaum ein verständliches Wort Deutsch spricht, aber immerzu breit grinst. In Julianes Auto riecht es nach Kokos und Patchouli. «Willst du immer noch Busfahrer werden?», fragt sie, während wir einem Neoman-Doppeldecker der Linie M19 hinterherzockeln.

Ich verdrehe die Augen. Sie stellt mir diese Frage bei jeder Begegnung, nur weil ich irgendwann als Kleinkind mal diesen Berufswunsch hatte. «Verkehrsingenieur», sage ich laut und langsam, als wäre sie schwerhörig.

«Da musst du aber studieren, oder?»

«Traust du mir das nicht zu?»

Juliane lacht. «Dir ist alles zuzutrauen!»

5

Jetzt wohne ich also bei Papa und Petra in Westend. Der Schulweg ist viel länger, zu Boris ist es fast doppelt so weit, nachmittags muss ich oft Leon vom Kindergarten abholen und auf ihn aufpassen, und mit Petra friedlich unter einem Dach zu leben ist auch nicht einfach. Sie funkt gerne dazwischen, wenn ich mit meinem Vater gemeinsam einen Film gucke oder an seinem Fahrrad herumschraube, und gibt uns irgendwelche dringenden, unaufschiebbaren Aufträge.

Natürlich zoffe ich mich auch ab und zu mit Papa. Dabei geht es um schlechte Noten, ein unaufgeräumtes Zimmer, nicht erledigte Einkäufe und so. Wenn wir uns streiten, hat das einen soliden Grund. Es dauert nie lange.

Damals, nach der Trennung, wollte ich wochenlang nicht mehr mit meinem Vater reden, aber nicht weil ich sauer auf ihn war. Ich dachte, er wäre ausgezogen, weil er uns einfach satthatte. Genauer gesagt: mich. Manchmal war ich ziemlich frech zu ihm. Er war immer derjenige von meinen Eltern gewesen, der weniger streng war und dem man deshalb leichter auf der Nase rumtanzen konnte, und jetzt hatte ich es offenbar übertrieben.

Irgendwann bin ich natürlich doch wieder zu Papa gefahren, auch wenn das Schuldgefühl nie ganz verschwand. Erst viel später hat Mama mir mal erzählt, warum sie sich getrennt hatten. Dass sie einfach total unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben hatten und dass er für sie zwar Freundschaft, aber keine Liebe mehr empfand.

Mittlerweile ist mir auch klar, woran das lag. Aber das hat Jahre gedauert.

 

Ich vermisse Mama, und ich vermisse Liska. Bei Mama ist es so, dass ich mir einrede: Es gibt sie ja eigentlich gar nicht mehr. Sie ist jetzt Frederik, den ich nicht kenne und der mir daher auch nicht fehlen kann. Aber ohne Liska fühle ich mich manchmal total verloren. Ich telefoniere mit Mama, mehrmals in der Woche. Wir sprechen über die geplante Klassenfahrt, über Leons Kinderarztbesuch, aber wir sprechen nicht über uns. Ich frage nichts Persönliches.

Alle Informationen erhalte ich von Liska, telefonisch oder per WhatsApp. Wir sehen uns kaum, weil wir auf verschiedene Schulen gehen. Aber sie hält mich auf dem Laufenden.

Meine Mutter fängt wieder an zu arbeiten. Sie ist Lebensmitteltechnologin in einem Prüflabor. Mit Kunden hat sie da praktisch gar keinen Kontakt, und ich bin überzeugt, dass sie nur deshalb nicht gekündigt wurde, aber Liska behauptet, das hätte nichts damit zu tun und man dürfte niemanden rausschmeißen, weil er transsexuell ist.

«Na hör mal», sage ich, «stell dir mal vor, dein Mathelehrer würde nach den Sommerferien als Frau wiederkommen!»

«Na und? Bleibt doch derselbe Unterricht. Außerdem: Mein Mathelehrer ist eine Frau.»

Ich schnaube nur. Todsicher ist so was für Lehrer verboten! Liska soll nicht immer so tun, als ob sie alles wüsste.

 

Nachmittags bin ich bei Boris. Jan und Steven sind auch da. «Hast du gesehen, was der Herr Röder heute anhatte?», sagt Steven.

«Meinst du dieses Tuntenhalstuch?», kichert Jan.

«Vielleicht ist er ja eigentlich ’ne Frau», sage ich. Es ist das erste Mal, dass ich so etwas vor meinen Freunden ausspreche, und ich drehe das Gesicht zur Seite, weil ich Angst habe, rot zu werden.

«Der Röder? ’ne Transe?» Boris zieht angewidert die Nase kraus. Die anderen kichern. Die Vorstellung scheint ihre Phantasie anzuregen. Jan pfeift wie ein Bauarbeiter, wenn eine hübsche Frau vorbeigeht. «Herr Röder, darf ich Ihnen mal unters Röckchen fassen?», und sie schmeißen sich weg vor Lachen.

Mir wird der Hals eng. Ich muss mich anstrengen, ein belustigtes Gesicht zu machen. Wenn ich es nicht schon vorher gewusst hätte, dann wäre mir spätestens jetzt klar, dass ich niemals, unter keinen Umständen, an der Schule auch nur ein Wort über meine Mutter verlieren darf.

6

Wir haben einen neuen Klassenraum, darin sind die Tische hufeisenförmig aufgestellt. Ich sitze mit dem Rücken zum Fenster, und Emma Hanisch sitzt mir fast genau gegenüber auf der anderen Seite. Es ist heiß. Sie trägt ein tief ausgeschnittenes Trägertop. Ungeduldig warte ich darauf, dass sie sich wieder vorbeugt, um zu schreiben, denn dann kann ich ganz weit in ihren Ausschnitt gucken. Ich sehe die Furche zwischen ihren Brüsten und die Ränder von ihrem BH. Er ist dunkelblau. Und wahrscheinlich ist er neu, denn während der Sommerferien hat sie mindestens eine Körbchengröße zugelegt. Hammer!

Boris rammt mir den Ellbogen in die Rippen. Erschrocken sehe ich ihn an, aber er schaut konzentriert nach vorne zur Tafel und macht nur eine kaum merkliche Kopfbewegung. Also folge ich seinem Blick.

«Joschka!», sagt Frau Kleinertz und lässt die Hände klatschend ineinanderfallen, als hätte sie mich ganz zufällig und zu ihrer Freude gerade hier getroffen. «Was sagst du denn dazu?» Sie legt erwartungsvoll den Kopf schräg. Dabei weiß sie ganz genau, dass ich nicht zugehört habe.