Du weißt es nur noch nicht - T.A. Wegberg - E-Book

Du weißt es nur noch nicht E-Book

T. A. Wegberg

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Beschreibung

Als Schüler wurde Jesper von Unbekannten entführt und erst Wochen später gegen ein horrendes Lösegeld wieder freigelassen. Zehn Jahre später ist er immer noch ein Gefangener: Wegen einer Angststörung verlässt er seine Wohnung kaum, er hat keine Ausbildung, keine Arbeit und keine Freunde. Seine neuen Nachbarn nehmen sich seiner an, unterstützen ihn und beziehen ihn in ihr Leben ein. Jesper genießt ihre Zuwendung und fühlt sich zu ihnen hingezogen. Doch dann macht er eine Entdeckung, die ihn aus der Bahn wirft - und es geschehen unerklärliche Dinge, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen.

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Seitenzahl: 370

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Beliebtheit




T. A. Wegberg

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2014

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© Raisa Kanareva – shutterstock.com

© yossarian – fotolia.com

1 .Auflage

ISBN 978-3-944737-81-2

ISBN 978-3-944737-82-9 (epub)

Roman

Der Tag, an dem ich meine Familie zu zerstören begann, war ein Mittwoch. Mein letzter Schultag vor den Sommerferien. Ich hatte mein Zeugnis bekommen, es war ganz gut und würde meine Eltern zufriedenstellen. Und jetzt hatte ich frei und freute mich auf den Urlaub. Am Sonntag würden wir für vier Wochen nach Australien fliegen. Landung in Sydney, und dann mit einem Mietwagen die Ostküste hoch bis Darwin.

Das erste Stück meines Heimwegs legte ich wie immer mit Anton zurück, der dann links abbiegen musste. Die letzten sieben Minuten ging ich allein durch ruhige Wohnstraßen. Ein dunkelblauer Van überholte mich langsam und parkte weiter vorne am Straßenrand. Auf der Beifahrerseite stieg eine Frau aus, hübsch und sehr gepflegt. Sie kam auf mich zu und sagte: „Jesper?“

Ich blieb verblüfft vor ihr stehen.

Mein erster großer, durch nichts zu entschuldigender Fehler.

Obwohl ich die Frau noch nie gesehen hatte, ging ich spontan davon aus, dass sie eine Mitarbeiterin meines Vaters war. Sie sollte mir womöglich etwas von ihm ausrichten, oder er ließ mich von ihr abholen.

Und so sagte ichahnungslos: „Ja?“

Mein zweiter großer Fehler.

Die Hecktür des Vans öffnete sich, und zwei vollständig maskierte Personen sprangen heraus. Sie trugen schwarze Overalls und Sturmhauben und sogar Handschuhe. Sie packten mich an beiden Oberarmen. Noch ehe ich auch nur über Widerstand nachdenken konnte, war ich bereits auf die Ladefläche des Vans gestoßen worden. Ich konnte michnicht abstützen, deshalb stürzte ich zuerst auf die Knie, dann prallte ich auf die Brust, dass mir die Luft aus der Lunge wich, und schließlichkrachte mein Kinn gegen den harten Untergrund, wobei meine Zähne knackend aufeinanderschlugen.

Die Türen flogen hinter mir zu. Einer der Maskierten bog mir wortlos die Arme hinter den Rücken und fesselte mich schmerzhaft mit einem Kabelbinder. Er wendete mich wie ein Stück Fleisch in der Pfanne und presste ein Stück silberfarbenes Klebeband auf meinen Mund. Und noch während ich verzweifelt in seinem Blick nach Gnade suchte, knotete er mir ein dunkles Tuch um die Augen.

Ich wehrte mich nicht. Ich trat und schlug nicht nach ihm, ich schrie nicht, ich tat einfach nichts. In meinem Gehirn herrschte totaler Verarbeitungsnotstand: Es war mir unmöglich, diese Situation einzuschätzen, weil sie so grotesk von allem abwich, das ich je erlebt und mit dem ich je gerechnet hatte. Deshalb ließ ich meine Entführung praktisch widerstandslos zu.

Mein dritter großer Fehler.

Meine Wohnung ist sehr klein, sie hat nur ein einziges Zimmer, in dem ich schlafe, esse, fernsehe und am PC sitze. Dann gibt es noch eine winzige Küche und ein Bad. Die Fenster gehen zur Straße raus, und von der gegenüberliegenden Seite starren andere Fenster trotzig zurück. Abends sind die meisten davon erleuchtet.

Ich kenne die Menschen, die dort leben, und ihre Gewohnheiten. Es gibt eine Familie mit zwei Kindern, eins davon ist noch ein Baby und sitzt bei den Mahlzeiten in einem Hochstuhl.

Selbst auf diese Entfernung kann ich den Breirand erkennen, der seinen Mund umrahmt wie die Schminke eines Clowns. Die Mutter füttert das Baby geistesabwesend aus einem Plastikteller, ihre Aufmerksamkeit gehört dem Mann. Der sitzt ihr gegenüber und fuchtelt mit den Händen herum. Sein Kopf bewegt sich heftig, wenn er spricht. Ich vermute, dass er schreit. Wenn die Frau antwortet, wendet er sich ab und macht wegwerfende Gesten.

Das Baby greift nach dem Plastikteller und stülpt ihn sich sorgfältig über den Kopf wie einen Hut. Langsam rinnt der Brei ihm über die Haare und über das lachende Gesicht. Die Frau dreht sich zu dem Baby um, reißt ihm den Teller aus den dicken Händen und greift sich hastig ein Stück Küchenkrepp, um das Baby damit abzuwischen. Ihr Mund bewegt sich zornig. Das Kind fängt an zu weinen. Sie zerrt es aus seinem Hochstuhl und eilt aus dem Raum, wobei sie das Baby mit ausgestreckten Armen von ihrem Körper weghält wie ein tropfendes Gefäß.

Ich wende mich vom Fenster ab und schalte den Fernseher ein.

Die Autofahrt dauerte nicht sehr lange. Ohne die Schmerzen hätte ich sie für einen bösen Traum gehalten. Womöglich war es auch ein übertriebener Scherz, und zum Abendbrot wäre ich wieder zu Hause.

Das Auto hielt an, der Motor wurde abgestellt. Leute stiegen aus, auch der Mann, der mich gefesselt hatte, aber niemand sprach. Ich wartete vergeblich darauf, aus dem Wagen gezerrt zu werden. Stattdessen hörte ich das Geräusch der elektronischen Türverriegelung und sich entfernende Schritte.

Es wurde still. Sehr, sehr still. Ich wagte lange Zeit nicht, mich zu bewegen.

Kein Laut drang zu mir herein, weder Vogelgezwitscher noch Motorenlärm, ganz zu schweigen von menschlichen Stimmen. Schließlich trat ich ein paar Mal heftig gegen die Seitenwände, mehr aus Panik als hoffnungsvoll, denn ich war sicher, nicht gehört zu werden. Paradoxerweise stellte ich mir trotzdem die ganze Zeit vor, wie ich später – heute Abend, nahm ich an – von der Polizei befragt werden würde, und deshalb versuchte ich, mir Details einzuprägen. Das Dumme war nur: Es gab praktisch keine.

Es roch, wie Autos von innen eben riechen, ein bisschen nach Öl oder Benzin, ein bisschen nach Plastik. Ich lag auf einer Gummimatte, es war warm im Fahrzeug, aber nicht unerträglich heiß, und wenn ich mich herumrollte, konnte ich die ungefähren Abmessungen meines Gefängnisses erahnen: wie die Ladefläche eines Lieferwagens eben. Alles war vollkommen nichtssagend und banal.

Wegen der Stille, die mich umgab, stellte ich mir vor, dass der Wagen in einem Gebäude stand. In einem unterirdischen, komplett leeren Parkhaus vielleicht. Oder in einer Garage. Hier war niemand, den ich auf mich aufmerksam machen konnte, und die Entführer würden sich den Ort genau aus diesem Grund ausgesucht haben.

Entführer. Erstmals ging ich dem Gedankengang nach, dass ich vielleicht wirklich von Wildfremden, von Gangstern verschleppt worden sein könnte. Wozu tun die so was normalerweise? Um Lösegeld zu erpressen. An diesem Punkt begannen meine Beine so stark zu zittern, dass ich aufhören musste, gegen die Innenwände des Autos zu treten.

Meine Eltern hatten Geld, mein Vater war prominent, wir waren eine intakte und heile Familie. Jeder Gangster würde mit Recht erwarten, dass sie für das Leben ihres jüngsten Kindes eine ordentliche Summe hinblätterten. Wieso hatten wir nie an so was gedacht? Wieso hatte ich keine Leibwächter? Wieso musste ich zu Fuß von der Schule nach Hause gehen, wo jeder mich wie ein Blümchen vom Wegesrand pflücken konnte?

Ich dachte an Entführungsfälle, von denen ich irgendwann mal gehört hatte. An Zeitungsmeldungen, Fernsehnachrichten,Aktenzeichen-XY-Sendungen undTatort-Folgen. Ich erinnerte mich an Bilder von einem sargartigen Verschlag in einem Wald, wo ein entführtes Kind erstickt war. Überhaupt erinnerte ich mich ausschließlich an Entführungen, deren Opfernichtüberlebt hatten.

Würde ich in diesem Auto sterben? Woran genau starb man, wenn man gefesselt, geknebelt und blind auf der Ladefläche eines Vans vergessen wurde? An Durst? An Hunger? Oder an der eigenen Angst? Und wie lange dauerte so ein Todeskampf?

Beim Fernsehen bin ich weder wählerisch noch aufmerksam. Ich lasse mich einfach berieseln und konsumiere Bilder und Töne wie eine Familienpackung Vanilleeis. Wenn irgendetwas Bedrohliches und Unangenehmes gezeigt wird, schalte ich um. Ich vermeide Nachrichtensendungen, Krimis, Horrorfilme und politische Diskussionen. Alles andere findet meine Billigung.

Die Werbeblocks liebe ich. Viele Spots kann ich auswendig mitsprechen oder -singen, und es fasziniert mich, dass sie in weniger als einer Minute so viel erzählen können: Geschichten von Familienglück, gesunder Ernährung, ewiger Liebe, sicherem Autofahren, Kochen im Freundeskreis, umjubelten sportlichen Leistungen und treuen Vierbeinern. Ein ganzes Leben in dreißig Sekunden, garniert mit einer unmissverständlichen Aufforderung zum Konsum.

Die Teenie-Komödie, die jetzt im Fernsehen läuft, habe ich schon mal gesehen. Das stört mich nicht weiter – so weiß ich wenigstens, was mich erwartet –, aber ich stehe noch mal auf und stelle mich ans Fenster, um das Haus gegenüber zu betrachten. Stattdessen fällt mein Blick auf das Gesicht, das sich in meiner dunklen Scheibe spiegelt. Bin ich wirklich so blass, oder liegt das am blauen Licht des Fernsehers? Und meine Haare wirken etwas ungepflegt. Sie fallen mir glatt und glanzlos fast bis auf die Schultern. Ich werde sie morgen früh waschen, und ich weiß, ich sollte sie auch mal wieder schneiden lassen – aber das schaffe ich jetzt einfach noch nicht.

Das letzte Mal war ich vor vier oder fünf Monaten beim Friseur, und ich bekam eine Panikattacke, noch ehe meine Haare trocken waren. Ich riss mir den Umhang von den Schultern, stotterte irgendwelche Entschuldigungen, schmiss einen Geldschein auf die Theke und rannte davon. Erst zu Hause merkte ich, dass ich meine Jacke hatte hängen lassen, aber ich hab mich nicht getraut, sie zu holen. Vielleicht hängt sie immer noch da an der Garderobe.

Bis ich mit vierzehn meine Familie zerstörte, hatte ich das durchschnittlichste Leben, das man sich vorstellen kann. Ich lernte sprechen, laufen, lesen und schreiben, und das alles ohne große Mühe. Ich hielt meine Mutter für die schönste Frau der Welt. Ich zankte mit meiner älteren Schwester um das letzte Stück Kirschkuchen. Ich ging mit meinem Vater zum Fußball. Im Auto saß ich hinten rechts. Wenn ich nicht schlafen konnte, machte meine Mutter mir einen Becher Milch heiß und rührte Honig hinein.

Angst hatte ich nur vor Verkehrsunfällen, vor dem Tod und vor meinem Erdkundelehrer.

Hätte mich damals jemand gefragt, ob ich glücklich wäre, so hätte ich das bestimmt abgestritten. Glücklich? Vielleicht, wenn ich Klassenbester werde, wenn ich schneller rennen kann als Eilat, wenn Lisa-Marie mich zu ihrer Geburtstagsparty einlädt – möglichstnurmich –, wenn ich zehn Zentimeter größer bin und wenn dieser verdammte Pickel an meinem Kinn verschwunden ist. Und wenn ich die Xbox kriege.

Vielleicht liegt es in der Natur des Glücks, dass man es im Nachhinein erkennt. Heute weiß ich, dass Glück von anderen Faktoren abhängt, als ich mit vierzehn glaubte. Ichwarglücklich. Aber das ist zehn Jahre her.

Ich wohne in einem großen, alten Mietshaus, das im Verlauf seiner Geschichte schon mehrfach umgebaut wurde. Der letzte Eigentümer hat ein paar der Wohnungen zu größeren Einheiten zusammengefasst und luxussaniert. Dann ging ihm das Geld aus. Deshalb befinden sich hinter der nach wie vor unrenovierten, dunkelgrauen und graffitibeschmierten Fassade sowohl großzügige Edelheime als auch trübselige Löcher wie meins.

Auf meiner Etage, der vierten und obersten, gibt es zwei Wohnungen. Die andere ist eine der sanierten. Ich war noch nie drin, aber während der Umbauarbeiten stand die Eingangstür manchmal offen, und der Blick hinein war ungefähr vergleichbar mit dem ins Schloss Charlottenburg: spiegelnde Parkettböden, weiß lackierte doppelflügelige Türen mit Messingklinken, Stuckverzierungen und ein offener Kamin.

Ich glaube, inzwischen sind da Leute eingezogen, jedenfalls habe ich letztes Wochenende ziemlich viel Gepolter und laute Stimmen gehört, und jetzt dringen abends ab und zu leise Geräusche an mein Ohr: das Rauschen von Wasser in den Leitungen, Musik oder Schritte.

Ich weiß nicht, wer nebenan wohnt. Es interessiert mich auch nicht sonderlich. Ich hoffe einfach nur, dass ich den Leuten nie im Treppenhaus begegne, denn ich hasse es, grüßen oder sogar Smalltalk machen zu müssen. Im zweiten Stock wohnt eine alte Dame, die zum Glück selten rausgeht, weil sie schlecht laufen kann. Aber wenn ich ihr im Hausflur in die Arme laufe, textet sie mich sofort zu, und zwar bis zu fünfzehn Minuten lang. Sie ist wirklich freundlich und nett, sie erzählt von ihrer Enkelin und von ihrem Aquarellkurs und dass sie jetzt den Arzt wechseln will und so weiter.

Trotzdem sind solche Unterhaltungen für mich eine Qual. Ich bin unvorbereitet, ich kann mir die Worte nicht sorgfältig zurechtlegen, mir fallen keine passenden Antworten ein, ich kriege Stress, ich fange an zu schwitzen, mein Herz rast – ich muss weg. Aber ich kann nicht, weil das grauenhaft unhöflich wäre.

Neulich war ich gerade auf dem Weg nach unten, als ich hörte, wie sich in der zweiten Etage eine Tür öffnete, und ich hastete wieder zurück nach oben und verbarrikadierte mich in meiner Wohnung, bis es im Treppenhaus absolut ruhig war. Das hat allerdings gut zehn Minuten gedauert, denn die alte Dame hatte einen anderen Hausbewohner getroffen und machte mit ihm das, wovor ich feige geflüchtet war. Ich kam zu spät zu meinem Termin beim Jobcenter und kriegte Ärger.

Bei uns zu Hause gab es nicht viel Streit, ehe ich meine Familie habe auseinanderbrechen lassen. Und wenn doch, dann zwischen mir und meiner Schwester Eva. Sie war vier Jahre älter als ich und genoss jeden einzelnen Tag davon, denn das bedeutete, dass sie mehr wusste, mehr konnte, mehr Ahnung hatte und natürlich auch mehr durfte. Zum Beispiel in ihrem Zimmer rauchen. Oder bei Manuel übernachten.

Sie war seit zwei Monaten mit ihm zusammen, und von Anfang an beneidete ich sie um ihren Freund, weil er ein Abenteurer war, wild und furchtlos. Er hatte sich aus einem Lenkdrachen und einem Skateboard ein Sportgerät gebastelt, noch ehe es Kite-Landboards zu kaufen gab. Damit raste er über stillgelegte Flugplätze. Er war auch schon mal an einem Bungeeseil vom ParkInn-Hochhaus gesprungen und machte Freeclimbing. Wenn er bei uns übernachtete, sah ich ihn manchmal mit nacktem Oberkörper und konnte nicht aufhören, seine Bauchmuskeln anzustarren. Ich stellte mir vor, wie Eva ihn dort berührte und küsste, und dann schämte ich mich, weil dieser Gedanke mich so erregte.

Ich kann das Einkaufen jetzt wirklich nicht mehr länger rauszögern, denn ich habe die letzte Rolle Klopapier angebrochen. Mutlos setze ich auch diesen Posten auf die ellenlange Liste an meinem Kühlschrank. Da ich solche Erledigungen immer aufschiebe bis zum Äußersten, muss ich am Ende so viel kaufen, dass ich es überhaupt nicht transportieren kann. Also lasse ich die Hälfte weg, und wenn ich nach Hause komme, muss ich direkt eine neue Liste schreiben mit allem, was ich diesmal nicht gekauft habe, weil ich es nicht tragen konnte. Jedes Mal nehme ich mir vor, in zwei oder drei Tagen wieder loszugehen. Mache ich natürlich dann doch nicht.

Ich schlucke eine Aurorix, schiebe mir das Portemonnaie in die Gesäßtasche, nehme die beiden faltbaren und reißfesten Einkaufstaschen, stecke die Liste ein und atme vor meiner Wohnungstür tief durch, die Hand auf der Klinke. Komm schon, Jesper. Du gehst doch bloß einkaufen. Da ist nichts dabei. Millionen andere Menschen machen das jeden Tag. Manche machen es sogar gerne. Jetzt stell dich nicht so an.

Bis zum Discounter laufe ich knapp zehn Minuten. Ich hebe den Kopf nur, wenn ich eine Straße überqueren muss, ansonsten konzentriere ich mich ausschließlich auf den Gehweg unmittelbar vor meinen Füßen. Ungefähr auf halbem Weg kommt mir eine Gruppe Teenies entgegen, lauter Mädchen um die sechzehn, die gackern und kichern und Handys ans Ohr pressen. Sie nehmen die gesamte Breite des Bürgersteigs ein.

Ich kriege einen Schweißausbruch und breche nach rechts aus, dann merke ich, dass ich da nicht an ihnen vorbeikomme, weil ein Stromkasten im Weg ist, und ich scheue hektisch nach links, aber inzwischen sind die Mädchen ebenfalls in diese Richtung ausgewichen, und wir stehen jetzt unmittelbar voreinander.

Eine ruft etwas, das ich nicht verstehe, alle brechen in Gelächter aus. Mir wird schwarz vor Augen. Endlich bildet sich eine Lücke zwischen ihnen, durch die ich mich quetsche wie durch ein Loch in der Gefängnismauer.

„O mein Gott!“, quiekt eins der Mädchen, das letzte Wort mit ganz hoher Stimme und in die Länge gezogen. Ihr Lachen brandet gegen meinen Rücken.

Im Discounter stütze ich mich auf dem Griff des Einkaufswagens ab, denn meine Knie zittern immer noch. Genau wie meine Hand, mit der ich die Liste aus der Jackentasche krame. Ich muss mich jetzt konzentrieren. Jesper, verflucht noch mal! Konzentrier dich! Vergiss nicht wieder die wichtigsten Sachen, Mann!

Das Schlimmste ist das Bezahlen. Ich gäbe was drum, wenn man einfach mit seinem Zeug rausgehen könnte und der Betrag direkt vom Konto abgebucht würde. Irgendwann wird es so was geben. Aber ich fürchte, für mich kommt das zu spät.

Schon das Stehen in der Warteschlange ist ein Alptraum. Die Leute hinter mir haben nichts anderes zu tun, als mich anzustarren. Ich spüre ihre Blicke im Rücken. Sie registrieren den Schweißfilm auf meiner Haut, mein Zittern, meine unregelmäßige Atmung. Sie fragen sich, ob ich ein Drogenabhängiger auf Entzug bin, und recken den Hals, um in meinen Einkaufswagen zu gucken: Der kauft bestimmt massenhaft Alkohol. Missbilligend checken sie meine billigen Klamotten ab. Meine Turnschuhe haben Löcher, die Säume meiner Jeans sind ausgefranst, und verflucht noch mal, ich hab vergessen, mir die Haare zu waschen, dabei hatte ich mir das doch fest vorgenommen.

Die Kassiererin guckt kaum hoch. Sie murmelt eine Begrüßung und fängt an, meine Waren über den Scanner zu ziehen, und ich kann mich damit beschäftigen, alles wieder in meinen Wagen zu befördern. „Dreiunddreißig vierundachtzig“, sagt sie leidenschaftslos. Ich halte ihr meine EC-Karte hin, ohne sie anzuschauen. Sie schiebt sie in das Terminal. „Mit Grün bestätigen und die Geheimzahl eingeben.“ Gibt es irgendeinen Kunden, der nicht weiß, wie dieses Gerät funktioniert? Ich hoffe jedes Mal, dass die Kassiererin an dieser Stelle einfach mal den Mund hält.

Das Schlimmste habe ich hinter mir. Jetzt noch den Rückweg meistern, und sobald ich meine Wohnung erreicht habe, kann ich ganz, ganz tief durchatmen. Ich hänge mir die prallvollen Taschen über die Schultern, eine links, eine rechts. Sie sind so schwer, dass ich nur kleine Schritte machen kann.

Egal. Jeder davon bringt mich der Erlösung ein Stück näher. Weiter, weiter, weiter. Du hast es bald geschafft. Ein riesiger bärtiger Typ mit Lederweste und Jeansjacke kommt mir entgegen, und als ich mich mit angehaltenem Atem an ihm vorbeidrücken will, stolpere ich vor Panik über meine eigenen Füße. Er stößt einen komischen Laut aus, vermutlich ein verächtliches Lachen, aber in diesem Moment halte ich es für einen Kampfschrei und ducke mich seitlich weg, während ich versuche, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, und dadurch gerate ich erst richtig ins Taumeln und pralle mitsamt meinen Taschen gegen eine Mauer. Aus den Augenwinkeln sehe ich zwei Jungs auf der anderen Straßenseite, zehn oder elf, die in meine Richtung grinsen.

Ich setze die Taschen ab, lehne mich gegen die Mauer und schließe kurz die Augen. Der Bärtige ist weitergegangen. Meine Klamotten sind komplett durchgeschwitzt, und mir ist so schwindlig, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich es wirklich bis nach Hause schaffe. Mit Mühe gelingt es mir, meine Atmung etwas zu verlangsamen. Ich wuchte die Taschen wieder hoch und taumele weiter.

Als ich meine Wohnung erreiche, zittern meine Hände so stark, dass ich den Schlüssel erst nach mehreren Anläufen ins Schloss kriege. Ich lasse die Taschen zu Boden fallen, knalle die Tür hinter mir zu, schließe wie immer zweimal von innen ab und werfe mich dann bäuchlings auf meine Couch. Zehn oder zwanzig Minuten bleibe ich da liegen, mit geschlossenen Augen und hämmerndem Herzen, und warte, dass ich ruhiger werde.

Schließlich packe ich die Einkaufstaschen aus und verstaue die Vorräte. Ich hab nicht mehr viel Kraft, deshalb komme ich nur langsam voran. Ist doch gut, Jesper. Es ist vorbei. Es ist vorbei. Du bist in Sicherheit.

Dann merke ich, dass ich das Klopapier vergessen habe.

Heulend sacke ich neben dem Küchenschrank zu Boden.

Mein Vater war Quizmaster. Als ich vierzehn war, moderierte er schon seit zwei Jahren eine Show, bei der die Kandidaten – drei Promis und drei Zuschauer, die sich für die Teilnahme beworben hatten – die verschiedensten Fragen beantworten mussten.

Das Konzept der Sendung war nicht sonderlich originell. Ich glaube, ihr Reiz bestand hauptsächlich darin, dass ganz normale Menschen wie du und ich gegen Prominente antraten und oft genug bewiesen, dass sie mehr wussten, schlagfertiger waren und den Kopf besser aus der Schlinge ziehen konnten. Mein Vater blieb allerdings immer neutral, wofür er eine gute Presse bekam. Er hatte ein ausgleichendes, freundliches Wesen und behandelte alle seine Kandidaten mit derselben Liebenswürdigkeit. Ausgeschiedene Bankkauffrauen verabschiedete er ebenso herzlich wie gescheiterte Schlagersänger.

Ja, es stimmt: Man verdient sehr gut beim Fernsehen, zumindest wenn man vor der Kamera steht. Wir hatten ein nagelneues Haus in grüner und ruhiger Stadtrandlage, das von einem bekannten Architekten entworfen worden war und fast ausschließlich aus Glasfronten bestand. Meine Eltern schliefen auf einem runden Wasserbett, und in unserer Garage standen drei blitzende neue Autos.

In der Schule wurde ich zwar ab und zu auf meinen semiberühmten Vater angesprochen, aber insgesamt hielt sich die Aufmerksamkeit in Grenzen. Das lag sicher daran, dass diese Schule fast ausschließlich von den Kindern semiberühmter Eltern besucht wurde. Ich schrieb meine Englischhausaufgaben beim Sohn des neuseeländischen Konsuls ab, saß in der Mensa neben der Tochter des größten deutschen Tiernahrungsproduzenten und prügelte mich auf dem Schulhof mit Enrico, dessen Vater eine Privatbank führte.

Mein bester Freund war Anton. Wenn ich bei ihm zu Besuch war, ernährten wir uns nur von belegten Broten und kalten Ravioli aus der Dose, denn seine Mutter führte ein total angesagtes Vier-Sterne-Restaurant und war regelmäßig in TV-Kochsendungen zu Gast, weshalb sie ihre heimische Küche höchstens betrat, um sich eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank zu holen.

Und Lisa-Marie, um deren Gunst Anton und ich verbissen konkurrierten, hatte neben ihrem Zimmer ein eigenes, marmorgefliestes Bad mit einem in den Boden eingelassenen, beleuchteten Whirlpool, in dem wir alle drei mal eine unvergessliche Stunde verbrachten, während ihre Mutter im Erdgeschoss an ihrem neuesten Frauenromanbestseller schrieb und gar nicht ahnte, dass Gäste da waren.

Es klingelt an meiner Tür.

Es klingelt!

An meiner Tür!

Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, wie meine Türglocke sich anhört. Sofort bricht mir wieder der Schweiß aus allen Poren, und mein Herz setzt zu einem Gabba-Beat an. Ich rappele mich hoch und stehe schwankend vor Panik in der Küche, aus der ich mich nicht raustraue.

Dann sage ich mir, dass das bestimmt Kinder waren. Ein Klingelstreich. Na klar, was denn sonst? Ich meine, ich brauche ja wohl nicht anzunehmen, dass irgendjemand tatsächlich zu mir will. Was für ein Quatsch. Erleichtert falte ich die leeren Einkaufsbeutel zusammen.

Es klingelt erneut.

Jetzt jagt mir so viel Adrenalin durch die Adern, dass ich fast einen Atemstillstand kriege. Und es wird noch schlimmer, als ich zusätzlich ein leises Klopfen höre. Scheiße! Da will tatsächlich jemand zu mir, und er steht bereits direkt vor meiner Wohnung!

Ich kann überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen. Meine Angst ist so überwältigend, dass sie mich außer Gefecht setzt. Ich bleibe stocksteif stehen, dann mache ich einen Schritt auf die Tür zu, dann zucke ich wieder zurück – wie ein Frettchen auf Drogen. Ein mächtiger Impuls ist: totstellen, ein anderer: um Hilfe schreien. Ein eher im Hintergrund agierender Gedanke lautet: Es könnte was mit meinen Eltern sein. Komischerweise setzt der sich zunehmend durch.

Vielleicht ist es die Polizei, und wenn ich nicht öffne, bestellen sie mich aufs Revier, was noch wesentlich schlimmer wäre. Leider gibt es kein Guckloch, durch das ich die Lage peilen könnte. Ich schwanke zur Tür wie eine Marionette, und nach einem letzten hastigen Atemzug drehe ich den Schlüssel zweimal linksherum und mache sie vorsichtig einen Spalt breit auf.

Vor mir steht ein Pärchen wie von Jack Vettriano gemalt. Zwei umwerfend gut aussehende Menschen, groß, schlank, gepflegt, lässig-edel gekleidet, durch und durch sympathisch und mit einem strahlenden, makellosen Lächeln. Er ist um die vierzig und blond, sie Anfang bis Mitte dreißig und rothaarig. Zeugen Jehovas sind das nicht, oder? Ich blinzele und öffne den Mund, ohne einen Laut hervorzubringen.

„Entschuldigen Sie, haben wir Sie gestört?“, sagt der Mann. „Wir wollten eigentlich nur kurz hallo sagen. Wir sind Ihre neuen Nachbarn.“ Er streckt mir die Hand hin. „Nicolai Sternau.“ Ich schüttele seine Hand und dann auch die der Frau: „Und ich bin Lydia Sternau.“

„Ja, ich weiß, wir sollten Sie nicht einfach so überfallen, aber wir konnten ja schlecht vorher anrufen“, erklärt der Mann. „Wir sind letzte Woche hier eingezogen. Ich hoffe, wir waren nicht zu laut.“

Jetzt muss ich wohl irgendwas sagen. „Nein“, presse ich hervor. Herrgott! Jesper, reiß dich zusammen! Du benimmst dich grauenhaft! „Nein, überhaupt nicht. Ich, ich hab praktisch, praktisch gar nichts gehört. Also, nur so ein bisschen. Also, ich meine, ich hab schon gehört, dass da jemand, aber es war, es hat mich nicht, es war nicht …“ Ich gebe auf und versuche stattdessen ein freundliches Lächeln, das vermutlich zu einer Joker-Fratze entgleist.

„Also, falls Sie sich mal gestört fühlen, müssen Sie uns das einfach sagen“, erklärt die Frau. „Wir sind wirklich lernfähig.“ Sie strahlt wie die Buttermilch-Fee aus der Fernsehwerbung.

„Ja, und um Ihnen gleich jeden Wind aus den Segeln zu nehmen, wollten wir Sie außerdem zu unserer Einweihungsparty einladen“, ergänzt der Mann. „Am Samstag, so ab acht. Wir würden uns wirklich sehr freuen, wenn Sie rüberkommen. Und zwar nicht nur, um sich über die Lautstärke zu beschweren.“

Die beiden lachen unfassbar liebenswert, während ich vor Schreck aufschreie. Es ist mir überaus peinlich, aber ich stoße tatsächlich einen kleinen Schrei aus. Ich glaube allerdings, sie bekommen das nicht mit, weil sie ja gleichzeitig lachen. Sagen wir mal: Ich hoffe es.

„Ähm, das ist, das ist wirklich sehr nett“, stammele ich. Es entsteht eine kurze, erwartungsvolle Pause. Dann sagt die Frau enttäuscht: „Aber Sie haben schon was anderes vor.“

„Nein!“, rufe ich hastig und würde mir im selben Moment am liebsten dafür in den Hintern treten. „Nein“, wiederhole ich etwas leiser, „aber ich …“

Da ist es. Das Vakuum. War ja klar. Das Vakuum tritt immer dann in Erscheinung, wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann. Es ist eine Art Systemabsturz – da, wo eben noch ein Satz in Entstehung begriffen war, ist jetzt nur noch ein Loch. Ich weiß nicht mehr, worüber wir gerade gesprochen haben. Ich weiß nicht mal, wer diese Leute sind.

„Sie können es sich ja noch überlegen“, sagt der Mann. „Wir würden uns jedenfalls total freuen. Und bringen Sie bitte nichts mit, kommen Sie einfach rüber, meinetwegen auch gerne in Hausschuhen und Morgenmantel. Es ist bloß eine ganz legere Party, nichts Formelles. Und wenn wir Ihnen zu langweilig werden, können Sie ja auch ohne viel Aufwand wieder verschwinden.“

„Ja. Das würden wir Ihnen nie verzeihen. Aber es steht Ihnen natürlich frei.“ Die Frau grinst jetzt so, dass auf ihrer Wange ein Grübchen entsteht. Ich bin bezaubert und gleichzeitig starr vor Angst. Sonderbare Mischung, hatte ich so noch nie.

Die beiden treten den Rückzug in die gegenüberliegende Wohnung an. „Samstag ab acht!“, erinnert der Mann mich noch mal. „Es wird laut, also kommen Sie lieber rüber – schlafen können Sie sowieso nicht!“

„Ja, ich, danke, ich …“

Sie winken mir freundlich zu, ehe ihre luxussanierte Tür sich mit einem teuren Klicken hinter ihnen schließt.

Ich lasse mich total erschöpft auf die Couch fallen. Das war verdammt viel Text für meine Verhältnisse, noch dazu ohne jegliche Vorbereitung, und emotional aufgeladen war es außerdem noch. Die beiden sind ohne Zweifel tolle Menschen, schön und erfolgreich und freundlich und humorvoll und kein bisschen arrogant. Sie werden jetzt über mich reden. Mannomann, was ist das denn für ein gruseliger Typ? Hast du gesehen, wie sein Auge die ganze Zeit gezuckt hat? Also, wenn du mich fragst, der ist nicht ganz normal. Hoffentlich ist das kein Serienkiller oder so was. Ich hab ja gleich gesagt, es ist ein Risiko, in dieses Haus zu ziehen. Man weiß doch gar nicht, was das für Leute sind, die in diesen unsanierten Wohnungen leben.

Eine Einladung! Zu einer Party! Bei wildfremden Leuten!

Ich stoße ein Geräusch aus, das sich ein bisschen wie ein übergeschnapptes Lachen anhört. In meiner Fantasie sehe ich mich bleich, mager, mit strähnigen Haaren und löchrigen Schuhen mitten in ihrem Prunksaal stehen, während die Reichen und Schönen der Stadt um mich herumströmen und mich taktvoll ignorieren wie ein geschmackloses Möbelstück.

Andererseits könnte ich mir natürlich auch mal die Haare waschen und die Schnürstiefel anziehen, die sind noch heil.

Meine Mutter besaß eine Immobilienfirma. Sie hatte das Geschäft von ihrem Vater übernommen und ein paar Neuerungen eingeführt, die sich als sehr erfolgreich erwiesen. Vielleicht war das der Grund, warum die Stimmung zwischen ihr und meinen Großeltern bis zu deren Tod immer so frostig war: weil Opa ihr nicht verziehen hat, dass sie besser war als er.

Was das Aussehen betrifft, komme ich ganz nach meiner Mutter. Ich habe ihre glatten, dunklen Haare und die braunen Augen geerbt. Mein Gesicht ist eher schmal, genau wie ihres, und ich habe denselben zierlichen Körperbau, was mich früher ziemlich gestört hat. Ich gehörte immer zu den Kleinen, Zarten in der Klasse, und beim Sport wurde ich erst dann in die Mannschaft gewählt, wenn nur noch eine Handvoll Nieten übrig war.

Eva dagegen sieht unserem Vater ähnlich: Sie ist groß, rötlichblond und sommersprossig, hat einen kräftigen Unterkiefer und muss auf ihr Gewicht achten. Sie und mein Vater hielten sich beim Essen oft zurück, um ein paar Pfund loszuwerden. Meiner Mutter und mir wäre so ein Gedanke nie gekommen. Wir waren sowieso beide keine großen Esser, und Fettpolster hatten bei uns keine Chance.

Das sind die Äußerlichkeiten. Charakterlich sind die Parallelen genau umgekehrt verteilt. Sowohl meine Mutter als auch Eva hatten praktisch unbegrenzte Energiereserven und schienen weder Pausen noch Schlaf zu brauchen. Sie konnten arbeiten, feiern oder lernen bis zum Exzess. Mein Vater dagegen legte immer wieder Ruhephasen und Auszeiten ein, um seinen anstrengenden Fernsehjob durchstehen zu können, zog sich gerne mit der Zeitung oder einem Buch ins Schlafzimmer zurück oder lag stundenlang in der Badewanne. Und so bin ich auch: wenig belastbar.

Es war Dienstagabend, als die Nachbarn an meiner Tür geklingelt haben. Jetzt ist es Freitag, und mein Puls hat sich immer noch nicht normalisiert. Jedes Mal, wenn ich daran denke, dass ich zu einer Party eingeladen bin, fängt er regelrecht an zu rasen.

Natürlich ist es völlig undenkbar, dass ich hingehe. Ich kann mich unmöglich einer Horde von Unbekannten ausliefern. Ich könnte mit niemandem reden, weil meine Panik mir die Sprache raubt. Ich wüsste nicht, wohin mit meinen Händen und Armen und Füßen. Ich würde mein Gesicht verstecken wollen und mich ruckartig wegdrehen, falls irgendjemand auf die Idee käme, mich anzusprechen.

Aber das alles bedeutet nicht, dass ich nicht hingehen will. Wäre ich nicht gefangen in Geist und Körper von Jesper Kornelius, dann würde ich mich auf diese Party freuen wie ein Schnitzel. Ich sehne mich nach Menschen, nach entspannten Gesprächen, nach Gesellschaft, nach Lachen, nach Musik. Ich würde gerne gefragt, woher ich denn die Gastgeber kenne, und mit einem witzigen Bonmot antworten. Ich möchte mich an Lachshäppchen sattessen, Sekt trinken und später vielleicht sogar tanzen.

Das einzige Hindernis bin ich. Oder dieser unbeholfene Trottel mit den schweißfeuchten Handflächen, der mich besetzt hält und immer alles vermasselt. Dieser Zwiespalt macht mich total wahnsinnig.

Wieder und wieder lasse ich meine Selbsthilfe-CD abspielen. „Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit in angstvollen Situationen nicht nach innen, sondern auf die Situation und das Gespräch. ‒ Stellen Sie sich Ihre negativen Gedanken wie Wolken vor, und lassen Sie sie ziehen. Wolken kommen von alleine, und sie gehen von alleine. ‒ Je öfter Sie Ihre Befürchtungen durch neue, positive Gedanken ersetzen, desto mehr werden Sie sich an diese neue Perspektive gewöhnen. ‒ Stellen Sie Ihre negativen Überzeugungen systematisch infrage, um zu einer realistischeren Wahrnehmung zu gelangen.“ Die meisten Sätze kann ich auswendig mitsprechen.

Ich absolviere alle Übungen mit größtem Pflichtgefühl, ich entspanne mich gehorsam, ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die Geräusche, Farben und Gerüche meiner Umgebung, ich führe ein Gedankentagebuch und hinterfrage mein Sicherheitsverhalten. Und ja, ich erkenne ganz genau, dass ich ein verkorkstes Psychowrack bin und meine Ängste vollkommen grundlos sind. Leider werden sie davon kein bisschen kleiner.

Ich war nicht immer so. Natürlich nicht. Niemand wird so geboren. Eigentlich habe ich mich bis vor zehn Jahren als völlig normal empfunden: manchmal ein bisschen schüchtern, meistens aber eher aufgeschlossen. Referate vor der Klasse zu halten fand ich nicht schlimm, ebenso wenig wie Passanten nach der Uhrzeit zu fragen oder die Kinokarte mit lauter Kleingeld aus meinem Sparschwein zu bezahlen.

Meine Eltern waren nicht besonders streng, aber es gab ein paar Sachen, auf die sie bei unserer Erziehung größten Wert gelegt haben, und dazu zählte auch Höflichkeit. „Du kannst dich noch so mies fühlen – lass nie andere darunter leiden!“, bläute meine Mutter mir ein. „Reiß dich zusammen und bleib trotzdem freundlich.“ Und mein Vater achtete darauf, dass ich Erwachsene mit ihrem Namen anredete, dass ich in ganzen Sätzen antwortete, wenn ich etwas gefragt wurde, und dass ich hinter mir Gehenden die Tür aufhielt.

Heute ist es oft gerade diese antrainierte Höflichkeit, die mich in die größten Schwierigkeiten bringt. Ich meine, ich finde sie nach wie vor sinnvoll und erkenne auch ihre Berechtigung an. Aber es wäre so viel einfacher, wenn ich einfach wortlos weitergehen könnte, sobald mich jemand anquatscht. Oder wenn ich ignorieren könnte, dass die Frau mit dem Kinderwagen hinter mir ebenfalls durch die Pendeltür will.

Genau so ist das auch mit dieser Party. Im Prinzip könnte ich mich ja einfach totstellen und nicht hingehen. Das wäre die einfachste und kurzfristig gesehen die stressärmste Variante. Aber es wäre sehr, sehr unhöflich gegenüber meinen Nachbarn, die sich ihrerseits als außerordentlich höflich und freundlich erwiesen haben. Mein Gewissen würde mich so quälen, dass ich wochenlang nicht schlafen könnte, und ich würde mich wahrscheinlich überhaupt nicht mehr aus der Wohnung trauen aus Angst, ihnen zu begegnen und auf mein Versagen angesprochen zu werden.

Ich grüble über Alternativen nach. Beispielsweise könnte ich vorher absagen. Aber wie? Bei ihnen klingeln und sagen: „Hey, tut mir leid, ich hab heute Abend doch einen anderen Termin“? Das schaffe ich niemals. Anrufen kann ich nicht, ich habe ihre Nummer ja nicht, außerdem ist Telefonieren für mich der Inbegriff des Grauens. Schreiben? Soll ich ihnen einen Brief mit meiner Absage in den Kasten werfen? Lange Zeit liebäugele ich mit dieser Idee. Die Grundregeln der Höflichkeit wären gewahrt, ohne dass ich mit irgendjemandem sprechen und Kontakt aufnehmen muss. Ich fange sogar schon an, den Text zu entwerfen.

Aber dann höre ich wieder die suggestive Stimme von meiner Selbsthilfe-CD: „Sie müssen sich mit Situationen konfrontieren, die Ihnen zunächst unangenehm oder schwierig vorkommen. Lernen Sie, Begegnungen mit anderen Menschen so zu gestalten, dass sie Ihnen angenehme Gefühle vermitteln.“ Na ja, es stimmt ja. Ich muss irgendwie raus aus dieser Angstspirale. Und schon dreht sich das Gedankenkarussell von neuem.

Mal angenommen – nur so als theoretische Option –, mal angenommen, ich gehe hin. Jeder würde mir ansehen, wie panisch ich bin. Ich würde zittern und schwitzen und zappeln. Die Leute würden sich fragen, wer ich bin und was ich überhaupt auf dieser Party zu suchen habe. Sie würden mich für einen behinderten Familienangehörigen halten, der aus Mitleid eingeladen wurde. Oder für einen Betrüger, der sich unter einem Vorwand reingeschlichen hat, um Häppchen und Getränke zu schnorren, und sich jetzt vor der Enttarnung fürchtet.

Vielleicht würde mich irgendjemand ansprechen – nehmen wir mal ganz optimistisch an, es wäre freundlich gemeint. Zum Beispiel: „Kennen Sie Nicolai und Lydia eigentlich schon lange?“ Ich würde den Kopf senken und auf meine Schuhspitzen starren und dazu, wenn ich sehr gut in Form bin, etwas Unverständliches murmeln. An einem weniger guten Tag brächte ich überhaupt nichts raus. Und an einem schlechten Tag würde ich mich sofort umdrehen und weggehen, möglicherweise sogar rennen.

Die Fesseln an meinen Handgelenken drückten mir ins Fleisch und hemmten die Durchblutung. Alle paar Minuten wechselte ich die Position, drehte mich von der Seite auf den Bauch, setzte mich aufrecht hin, robbte über die Gummimatte. Mit den Füßen tastete ich die Wände ab und versuchte, einen Riegel zum Öffnen der Tür zu finden, obwohl ich keinen Moment ernsthaft davon ausging, dass die Entführer so bescheuert waren.

Ob sie wohl schon Kontakt zu meinen Eltern aufgenommen hatten? Mussten sie nicht als Erstes einen Beweis liefern, dass sie mich in ihrer Gewalt hatten? So lief das doch, oder? Sie machen ein Foto des Opfers oder halten ihm ein Handy ans Ohr, damit es seine Angehörigen anflehen kann, alle Forderungen zu erfüllen, und sobald es irgendeinen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort oder die Täter machen will – komischerweise machen sie das immer –, nehmen sie das Handy sofort weg und schlagen dem Opfer ins Gesicht.

Und oft genug töten sie es am Ende, selbst wenn das Lösegeld bezahlt wurde.

Die Ungewissheit, die Angst vor Gewalt, meine Hilflosigkeit, meine schmerzhafte Lage – das war alles zu viel. Mir kamen die Tränen. Doch Heulen verstopfte meine Nase, und durch den verklebten Mund konnte ich nicht atmen. Also musste ich es unterdrücken. Ich begann wieder, gegen die Seitenwände zu treten, um mich abzulenken, hatte aber kaum noch Kraft in den Beinen. Außerdem schmerzten bei jeder Bewegung meine aufgeschlagenen Knie.

Meine Hände waren angeschwollen und gefühllos, ich hatte unerträglichen Durst, und nun quälte mich auch noch ein zunehmender Druck auf der Blase. Auf dem Heimweg von der Schule hatten Anton und ich uns jeder eine Dose Red Bull gekauft. Ich kannte die Wirkung. Aber ich hatte ja nicht ahnen können, dass ich ein paar Minuten später ohne Vorwarnung aus meinem Leben herausgerissen würde.

Ich kniff die Beine zusammen, spannte die Muskeln an meinem Hintern an und zählte rückwärts von hundert bis null. Nichts half. Irgendwann fing es einfach an zu tröpfeln; da gab ich den Widerstand auf. Der Urin strömte warm über meinen Körper. Es war eine himmlische Erleichterung und eine höllische Demütigung, beides gleichzeitig. Als ich in meiner nassen Hose dalag, wurde mir bewusst, dass ich noch nie in meinem Leben so tief unten und so verzweifelt gewesen war.

Ich war bei einer Therapeutin wegen meiner Angst, da war ich siebzehn. Sie hieß Waltraud Häberle und trug eine große, dunkel umrandete Eulenbrille. Natürlich hatte ich auch vor ihr Angst. Meistens redeten wir nur, aber manchmal musste ich auch mit ihr in Kaufhäuser gehen oder mit dem Bus fahren oder andere Sachen machen, die mir Panik einjagten. Dass sie mich dabei begleitete, verschlimmerte meinen Zustand eher noch, weil ich mich so schämte, von ihr beobachtet zu werden. 

Beim nächsten Termin in ihrer Praxis fragte sie mich dann: „Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie stark war deine Angst während der Busfahrt?“

Ich ließ die Erinnerung in mir hochbrodeln und flüsterte: „Zwanzig.“

Sie lehnte sich in ihrem Lederstuhl zurück und nahm die Brille ab, wodurch sie sich von einer Eule in eine Maus verwandelte. Von der Jägerin zur Gejagten. Ich kannte sonst niemanden, der so was konnte. Frau Häberle rieb sich die Nasenwurzel, als würde ich ihr Kopfschmerzen machen. „Du musst das hier schon ein bisschen ernst nehmen, Jesper“, sagte sie müde. „Ich kann dir nicht helfen, wenn du dich sperrst.“

Ein halbes Jahr lang ging ich zu ihr, und jedes Mal musste ich gegen diese entsetzliche Panik ankämpfen: mein Zimmer verlassen, das Haus verlassen, zu ihrer Praxis gehen, an ihrer Türe klingeln, reingehen, guten Tag sagen. Es war wie ein Hürdenlauf. Und dann musste ich reden. Antworten geben, Meinungen äußern, Gefühle beschreiben. Fünfzig Minuten lang. Und dann die ganze Tortur in umgekehrter Reihenfolge, bis ich endlich wieder in meinem Zimmer war, schweißnass und noch stundenlang zitternd.

Irgendwann war ich so zermürbt und fertig, dass ich einfach nicht mehr hinging. Ich meldete mich nie mehr bei ihr, und ich muss gestehen, dass ich trotz meines schlechten Gewissens ungeheuer erleichtert war.

Später, sehr viel später hörte ich Schritte, und jemand öffnete die Heckklappe. Vor Angst rollte ich mich zu einer Kugel zusammen, aber die Tür wurde schon nach wenigen Sekunden wieder zugeschlagen. Kurz darauf wurde der Motor gestartet, und der Van setzte sich in Bewegung.

Es kam mir so vor, als dauere die Fahrt nicht sehr lang. Als der Wagen erneut zum Stillstand kam, wusste ich nicht, ob ich erleichtert sein oder Angst haben sollte. Was passierte jetzt? Ließen sie mich wieder allein auf der Ladefläche liegen? Oder holten sie mich raus und taten mir andere, noch schlimmere Dinge an?

Nun, sie holten mich raus. Ich war blind, panisch, orientierungslos und steifgelegen, wurde jedoch unsanft am Arm über die Stoßstange gezerrt. Meine Beine traten ins Leere, und ich stürzte – nicht tief, aber mit dem Steißbein prallte ich schmerzhaft gegen irgendwas Hartes. Die Hand um meinen Oberarm zog mich wieder hoch. Ich wurde vorwärtsgedrängt wie ein verängstigtes Rind auf dem Weg ins Schlachthaus. Der Boden unter meinen Füßen war hart und eben. Dann kam eine Stufe. Ich hörte, wie eine Tür aufgeschlossen wurde, und wurde hindurchgeschoben. Meine Schritte hallten jetzt ein bisschen. Ich musste anhalten und hörte das Summen und Rumpeln eines Aufzugs, dann das pneumatische Zischen der Tür. Innendrin roch es nach Urin – oder war ich das? – und nach Zigarettenrauch.

Ob der Aufzug nach oben oder nach unten fuhr, konnte ich nicht sagen, aber es dauerte eine Weile, bis er mit einem unangenehmen Ruck wieder zum Stehen kam. Wieder hallten meine Schritte, als würde ich durch einen Krankenhausflur geführt. In meinem Kopf formten sich Bilder von einem durchgedrehten Arzt, der teuflisch über seinem Mundschutz grinste und dabei ein blitzendes Skalpell hochhielt. Mir knickten die Knie ein, aber die große Hand unter meiner Achsel erlaubte mir kein Stolpern.

Eine weitere Tür wurde aufgeschlossen. Und noch eine. Dann schien das Ziel erreicht zu sein, denn der Griff um meinen Arm löste sich.

Ich stand schwankend da, während meine Handfesseln mit einem Ruck durchtrennt wurden. Dann entfernte sich derjenige, der mich hierhergebracht hatte, ohne auch nur eine einzige Silbe gesprochen zu haben. Ich hörte die Tür hinter ihm zuschlagen, ich hörte das Drehen eines Schlüssels und das Vorschieben von Riegeln, ich hörte, wie seine Schritte immer leiser wurden, bis mich nur noch Stille umgab. Mit meinen tauben, geschwollenen Fingern tastete ich vorsichtig nach dem Tuch, das mir um die Augen gebunden war, und schob es mir mühsam vom Kopf.

Ein Zimmer, nicht besonders groß. In die Decke war ein Halogenstrahler eingelassen, der ein kränkliches Licht abgab. Ein Bett, eine Wolldecke und ein Kissen. Ein fleckiger brauner Teppichboden. Ein Tisch und ein Stuhl, beides alt, aber intakt. Und ein Kasten Mineralwasser. An dem saugten sich meine Augen fest.

Ich riss mir ohne Rücksicht auf den scharfen Schmerz das Klebeband vom Mund und stürzte mich auf das Wasser, schraubte eine Flasche auf und setzte sie an die Lippen. Es kam mir vor, als sei die Öffnung zu klein und lasse viel zu wenig Flüssigkeit durch. In meiner Gier verschluckte ich mich und hustete das meiste wieder aus. Beim nächsten Versuch hatte ich mehr Selbstbeherrschung. Ich leerte eine ganze Flasche, praktisch ohne abzusetzen. Erst dann fiel mir ein, dass sie vielleicht vergiftet war, aber irgendwie konnte der Gedanke mich kaum schrecken. Meine Reaktionen waren nicht mehr dieselben wie vorher.

Am Samstagmorgen stehe ich eine halbe Stunde unter der Dusche und wasche mir die Haare drei Mal. Nur für den Fall, dass ich mich doch noch entscheide, zu der Party zu gehen. Zu rasieren gibt es bei mir nichts. Danach durchwühle ich meinen Kleiderschrank. Die Auswahl ist nicht allzu groß, und der überwiegende Teil meiner ausgebleichten T-Shirts ist schlicht indiskutabel. Aber ich finde ein zerknittertes weißes Hemd und eine einigermaßen passable schwarze Hose. Während ich das Hemd bügele, höre ich Radio und summe manche Songs mit.

Je weiter die Zeit vorrückt, desto tiefer sinkt meine Stimmung. Ich schalte das Radio aus und lege meine Selbsthilfe-CD ein, kann mich aber nicht darauf konzentrieren. Ich mache den Fernseher an. Ich spüle das Geschirr. Ich wische Staub. In kurzen Abständen stelle ich mich ans Fenster und starre auf die gegenüberliegende Straßenseite, aber es ist nichts zu sehen. Bei Tageslicht hat man da selten Glück, es sei denn, jemand lehnt sich mal zum Rauchen aus dem geöffneten Fenster. Heute tut das niemand. Na ja, es ist Samstag: Da gehen normale Menschen shoppen, treffen sich mit Freunden, machen Ausflüge oder besuchen ihre Familien.

Normale Menschen. Also alle außer mir. So langsam rutsche ich in eine echte Krise. Ich fühle mich so einsam wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Wenn ich könnte, würde ich jetzt sogar irgendjemanden anrufen. Echt: Ich würde die Nummer eintippen und mir den Hörer ans Ohr drücken und reinsprechen. Ich würde alles tun, um jetzt nicht allein sein zu müssen. Außer unter Menschen gehen natürlich.

Das Zimmer hatte zwei Fenster, die mit einer schwarzen Folie verklebt waren. Darüber waren grobe Holzlatten geschraubt, vielleicht von einer Palette. Um an die Fenster ranzukommen, hätte ich die Latten abschrauben müssen. Ohne Werkzeug hatte ich keine Chance.