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Das Schlimmste, was in Hemlock Circle je passiert ist, geschah im Hinterhof von Ethan Marsh. In einer Julinacht vor dreißig Jahren verschwand der zehnjährige Billy aus dem Zelt, in dem Ethan und sein bester Freund übernachteten, und tauchte nie wieder auf. Dreißig Jahre später kehrt Ethan nur widerwillig nach Hemlock Circle zurück. Von Schlaflosigkeit und Albträumen geplagt, muss er sich fragen, ob die merkwürdigen Dinge, die in seinem Heimatort passieren, mit Billy zu tun haben. Ist sein tot geglaubter Freund etwa zurückgekehrt? Die mysteriösen Vorkommnisse veranlassen Ethan zu untersuchen, was in jener Nacht wirklich geschah. Und ihm wird schnell klar, dass der beschauliche Vorort keineswegs ein sicherer Ort ist. - Ein beschaulicher Vorort, ein mysteriöser Vermisstenfall, eine düstere Wahrheit, die in die dunkelsten Winkel einer Kleinstadt führt - »Voller Spannung, Dringlichkeit, Atmosphäre und Gefühl – das ist Riley Sager in Bestform.« Lee Child Ebenfalls von Riley Sager bei dtv erschienen sind die Thriller Lake – Das Haus am duklen Ufer‹, ›Hope's End – Du kannst niemandem trauen‹ ,›NIGHT – Nacht der Angst‹, ›HOME – Haus der bösen Schatten‹, ›Verschließ jede Tür‹, ›Schwarzer See‹ und ›Final Girls‹.
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Das Schlimmste, was in Hemlock Circle je passiert ist, geschah im Hinterhof der Familie Marsh. In einer Julinacht vor dreißig Jahren verschwand der zehnjährige Billy aus dem Zelt, in dem Ethan und sein bester Freund übernachteten, und tauchte nie wieder auf. Dreißig Jahre später kehrt Ethan nur widerwillig nach Hemlock Circle zurück. Von Schlaflosigkeit und Albträumen geplagt, muss er sich fragen, ob die merkwürdigen Dinge, die in seinem Heimatort passieren, mit Billy zu tun haben. Die mysteriösen Vorkommnisse veranlassen Ethan endlich herauszufinden, was in jener Nacht wirklich geschah. Und ihm wird schnell klar, dass der beschauliche Vorort keineswegs so sicher ist, wie es scheint.
Riley Sager
Nirgends bist du sicher
Thriller
Deutsch von Christine Blum
Für Patricia Cole,
ich glaube, das hier hätte dir gefallen.
Wie Wasser durch eine undichte Stelle tropft gedämpftes Frühlicht ins Zelt und kitzelt dem Jungen das Gesicht. Aus tiefem Schlaf erwacht, blinzelt er mit halb geöffneten Augen ins Licht, das orange durch die Zeltwände scheint. Er versucht zu erraten, wo die Sonne steht, fragt sich, wie spät es ist und ob seine Mutter schon wach ist, in der Küche einen Kaffee trinkt und darauf wartet, dass sie hereinkommen und sie ihnen Frühstück machen kann.
Es ist stickig. Nachts hat es kaum abgekühlt, reglos steht die Hitze im Zelt. Er hätte den Eingang am liebsten offen gelassen, aber sein Vater hatte gesagt, dann könnten Stechmücken hereinkommen. Also blieb der Reißverschluss zu und die Hitze mischt sich mit dem ausgeprägten Geruch von Jungen im Sommer: Gras, Schweiß, Mückenspray und Sonnenmilch, Morgenatem und Körpergeruch.
Er rümpft die Nase und spürt einen Schweißtropfen auf der Stirn, als er sich im Schlafsack umdreht, in dem man sich so geborgen fühlt. Wie in einer Umarmung.
Noch hat er keine Lust aufzustehen. Er will lieber bleiben, wo er in diesem Moment ist. Ein Junge an einem trägen Samstagmorgen, mitten in einem trägen Sommer.
Sein Name ist Ethan Marsh.
Er ist zehn.
Und das hier ist sein letzter sorgloser Moment für die nächsten dreißig Jahre.
Denn gerade als er die Augen wieder schließen will, bemerkt er noch eine Lichtquelle. Eine grelle senkrechte Linie in der seitlichen Zeltwand.
Seltsam.
So seltsam, dass er sich aufsetzt, nun mit weit offenen Augen, und den Schlitz anstarrt, der sich der Länge nach durch den Stoff zieht. Die Ränder sind leicht aufgeworfen, wie bei einer frischen Schnittwunde. Durch die Öffnung sieht er ein Stückchen des vertrauten Gartens. Frisch gemähtes Gras. Hellblauer Himmel. Die blendende Sonne, die in diesem Moment über die Bäume im Hintergrund steigt.
Während er hinausschaut, wird Ethan klar, was ihm seit dem Aufwachen nur vage bewusst gewesen war.
Er sitzt in einem Zelt.
Im Garten seiner Eltern.
Allein.
Als er am Abend einschlief, lag jemand neben ihm.
Jemand, der jetzt fort ist.
Rrrritsch.
Ich bin schlagartig wach. Das zischende Geräusch saust durchs Zimmer und hallt mehrfach von den Wänden wider. Mit aufgerissenen Augen liege ich reglos da, bis es verklingt.
Nicht dass es jemals da gewesen wäre.
Jahrzehntelange Erfahrung hat mich gelehrt, dass es nur in meinem Kopf existiert, Traum, Erinnerung und Halluzination zugleich. Heute ist es zum ersten Mal aufgetreten, seit ich in dieses Haus zurückgekehrt bin. Ich bin überrascht, dass es so lange gedauert hat, denn in Kürze jährt sich der Tag dessen, was hier geschah.
Ich setze mich auf und schaue zum Wecker auf dem Nachttisch in der Hoffnung, dass es schon auf den Morgen zugeht. Kein Glück. Es ist erst Viertel nach zwei. Vor mir liegen noch viele schlaflose Stunden. Mit einem Seufzer greife ich nach dem Notizbuch und dem Kugelschreiber, die neben dem Wecker liegen. Mit zusammengekniffenen Augen suche ich im Dunkeln nach einer leeren Seite und kritzle vier frustrierende Worte darauf.
Hatte wieder den Traum.
Dann pfeffere ich das Buch zurück auf den Nachttisch, gefolgt von dem Kuli. Er landet klackend auf dem Einband und rollt weiter, fällt auf den Teppich. Ich rede mir zu, dass ich ihn bis zum Morgen dort liegen lassen kann. Dass schon nichts passieren wird. Aber die Sorgen kommen schnell. Wenn der Kuli nun ausläuft und der cremefarbene Teppich mitternachtsschwarze Flecken bekommt? Wenn mich jemand überfällt und mir zur Verteidigung nur der Kuli mit der spitzen Mine bleibt, an den ich nicht herankomme?
So unwahrscheinlich die zweite Sorge ist, bringt sie mich doch dazu, aus dem Bett zu steigen. Ich hebe den Kuli auf und lege ihn neben das Notizbuch. So. Viel besser.
Nachdem sich meine Ängste – fürs Erste – gelegt haben, will ich wieder unter die Decke kriechen. Da erregt draußen etwas meine Aufmerksamkeit.
Ein Licht.
Nicht ungewöhnlich am Hemlock Circle. Hier gibt es zwar keine Straßenlaternen, trotzdem ist es nie ganz dunkel. Schon lange vor Sonnenaufgang und bis weit in den Abend hinein fällt Licht aus den Fensterfronten der Wohnzimmer und aus Schlafzimmerfenstern im ersten Stock auf die makellos gemähten Rasenflächen. Die Wandleuchten beidseits der Haustür der Chens brennen die ganze Nacht, um sowohl Eindringlinge als auch die Fledermäuse abzuhalten, die gelegentlich auf die Idee kommen, unter dem Dachvorsprung zu nisten. Der Pool im Garten der Wallaces glüht den ganzen Sommer überirdisch blau. In der Weihnachtszeit funkeln Lichterketten vor fünf der sechs Häuser, einschließlich dem der Patels, die ihre Festbeleuchtung zu Diwali aufhängen und erst nach Neujahr abnehmen.
Und dann ist da noch die Sicherheitsbeleuchtung.
Die besitzt jedes Haus: zwei über der Garage angebrachte Bewegungsmelder, so grell wie Scheinwerfer. Abends, wenn die Bewohner von der Arbeit heimkehren, noch mal zum Briefkasten gehen oder ihre Mülltonnen an die Straße stellen, flammt rings um die Wendeschleife am Ende unserer Stichstraße ständig der eine oder andere auf.
Selbst wenn es schon auf Mitternacht zugeht, werden sie manchmal aktiviert. Von Wildtieren aus dem Wald, die durch die Gärten streifen. Oder wenn Fritz Van de Veer sich noch mal rausschleicht, um eine zu rauchen, nachdem seine Frau Alice schlafen gegangen ist.
Das Licht, das meinen Blick auf sich zieht, ist das über der Garage der Patels zwei Häuser weiter. Es beleuchtet einen Abschnitt ihrer Einfahrt, in dem grellen Glanz wirkt der Asphalt weiß wie Schnee. Neugierig trete ich an die Fensterfront des Schlafzimmers, das mir noch immer fremd erscheint. Mein ehemaliges Zimmer, das ich bis heute als meines betrachte, liegt gegenüber und steht jetzt leer. Dies hier ist das Schlafzimmer meiner Eltern, in das ich als Kind kaum je einen Fuß setzte. Doch in der letzten Zeit ist viel geschehen, Entwicklungen, die ich noch nicht ganz verarbeitet habe, und deshalb gehört es nun mir.
Von hier aus bietet sich mir ein Panoramablick über den gesamten Hemlock Circle. Ich kann von jedem der Häuser, die hier stehen, wenigstens einen Ausschnitt sehen. Ganz links erkenne ich eine Ecke des alten Barringer-Anwesens, ganz rechts eine vom Chen-Haus. Und ich habe freien Blick auf die drei Häuser gegenüber – von links nach rechts das der Van de Veers, der Wallaces und der Patels, wo noch immer die Außenbeleuchtung brennt.
Nur den Grund, warum sie sich eingeschaltet hat, sehe ich nicht. Mitesh und Deepika Patel schlafen vermutlich tief und fest. Kein Tier huscht aus dem Lichtkreis davon. Kein Wind weht, der so kräftig an einem Zweig gerüttelt haben könnte, dass dieser den Bewegungsmelder aktiviert hätte. Alles, was ich sehe, ist eine leere Einfahrt in einer stillen Stichstraße mitten in der Nacht.
Und dann sehe ich nicht einmal mehr das, weil die Beleuchtung jäh wieder erlischt.
Zehn Sekunden später flammt die der Wallaces auf. Ihr Haus steht links von dem der Patels, getrennt durch die schmale Zufahrtsstraße, auf der momentan weder ein Auto noch ein Mensch noch sonst etwas zu sehen ist.
Ich trete so dicht ans Fenster, dass meine Nase beinahe die Scheibe berührt, und versuche angestrengt, etwas zu sehen – irgendwas –, das die Strahler an der Garage der Wallaces aktiviert haben könnte.
Da ist nichts.
Also, zumindest nichts, was von hier aus sichtbar ist.
Trotzdem bleibe ich dicht vor dem Fenster stehen und starre nach draußen, auch nachdem das Licht sich wieder ausgeschaltet hat. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, wäre eine Fledermaus. Von denen gibt es hier dank der vielen Insekten aus dem nahe gelegenen Wald Unmengen, siehe die Haustürbeleuchtung der Chens. Und im Dunkeln sind sie bekanntermaßen schlecht zu sehen.
Doch da erwacht die Beleuchtung über der Garage der Van de Veers zum Leben, und ich ahne, dass meine Theorie nicht stimmen kann. Fledermäuse auf der Jagd nach Beute flattern willkürlich herum, nicht gezielt von Haus zu Haus.
Nein, das hier ist etwas anderes.
Es ist … beunruhigend.
In mir breitet sich Unbehagen aus, und ich muss an damals vor dreißig Jahren denken. Ich kann nicht anders nach dem, was damals hier geschah.
Als das Licht bei den Van de Veers ausgeht, fange ich an zu zählen.
Fünf Sekunden.
Zehn.
Eine volle Minute.
Lange genug, um anzunehmen, dass dieses Etwas weitergezogen ist. Wahrscheinlich in den Wald, was dafür spräche, dass es doch ein Tier war. Eines, das ich nicht bemerkt habe, das aber doch groß und schnell genug war, um die hochempfindlichen Bewegungsmelder der Häuser am Hemlock Circle zu täuschen. Die Enge in meiner Brust lockert sich, und ich erlaube mir, einen erleichterten Seufzer auszustoßen.
Da schaltet sich das Licht über der Garage der Barringers ein.
Die Leuchten selbst sind von hier aus nicht zu sehen, aber der grelle Schein, den sie auf den Rasen und den Bürgersteig werfen, bringt meinen Puls zum Stolpern.
Was immer da draußen ist, es ist nicht weg.
Im Gegenteil, es kommt näher.
Mir fallen mehrere Möglichkeiten ein. Zuerst die schlimmste, weil es mein Standardmodus ist, sofort das Entsetzlichste, das Grauenhafteste zu vermuten. In diesem Fall, dass eine Person, die ich nicht sehen kann, die aber definitiv da ist, die Wendeschleife systematisch von Haus zu Haus umrundet.
Auf der Suche nach einem weiteren Kind, das sie sich schnappen kann.
Die nächste, kaum weniger beunruhigende Möglichkeit ist, dass jemand die Sicherheitsbeleuchtungen testen will, um herauszufinden, wie gut man in eines der Häuser einbrechen könnte.
Die dritte Möglichkeit wäre, dass es ein Spaziergänger ist, der seine nächtliche Runde dreht. Vielleicht jemand aus einer der anderen Straßen in dieser fünf Quadratkilometer großen Vorstadtsiedlung. Jemand, der oder die wie ich an Schlaflosigkeit leidet und versucht, sie durch etwas Bewegung an der frischen Luft zu überwinden.
Aber wenn das nur ein harmloser Spaziergang ist, warum lässt sich die Person dann nicht blicken?
Die paranoide, aber logische Antwort ist: Weil es eben kein harmloser Spaziergang ist. Sondern etwas anderes. Nichts Harmloses. Und ich als momentan vermutlich einziger wacher Anwohner schulde es allen anderen, nach draußen zu gehen und dem ein Ende zu bereiten.
Als die Beleuchtung der Barringers erlischt, handle ich im Wissen, dass mein Haus das nächste ist. Vielleicht erwische ich die vermutete Person auf frischer Tat. Oder kann ihr wenigstens zeigen, dass nicht alle in dieser Straße die ganze Nacht über schlafen.
Barfuß eile ich durch den Flur und die Treppe hinunter und tappe über den Parkettboden der Diele zur Haustür. Ich schließe auf, stoße sie auf und trete in die warme Julinacht hinaus.
Da ist niemand.
Das spüre ich sofort. Nur ich, schwer atmend, bekleidet mit nichts als einer Boxershorts und einem T-Shirt mit dem Aufdruck »LCD-Soundsystem-Konzert«. Auf dem Weg entlang des Hauses bis zur Einfahrt sehe und höre ich nichts Ungewöhnliches. Als ich um die Hausecke biege, löse ich meine Garagenbeleuchtung aus, die mit einem schwachen Klick aufflammt.
Einen Moment lang denke ich, jemand anders wäre der Urheber, und wirble erschrocken herum. Dann wird mir klar, dass ich es selbst war. Mittlerweile schwirren Nachtfalter um die Strahler. Ich beobachte ihren wilden Tanz, fühle mich wie ein Narr und bin zugleich höchst alarmiert.
In meinem Kopf meldet sich eine verärgerte Stimme, die mich seit vielen Jahren plagt. Reiß dich zusammen, Ethan. Da ist niemand.
Sicherheitshalber bleibe ich noch eine Weile ganz still stehen und lasse den Blick über das Rund der Häuser schweifen für den Fall, dass sich noch etwas regt. So lange, bis meine Garagenbeleuchtung schließlich ausgeht und die Einfahrt – und ich – in Dunkelheit gehüllt sind.
Da spüre ich es. Eine Präsenz, die ganz schwach in der Nachtluft zu hängen scheint. So wie manche Gerüche: Zigarrenrauch. Parfüm. Verbrannter Toast. Als wäre vor wenigen Sekunden jemand hier gewesen. Oder ist noch hier, verborgen zwischen den Bäumen, die den Hemlock Circle umgeben, und beobachtet mich.
Du bist paranoid, sagt mir die Stimme in meinem Kopf.
Aber das bin ich nicht. Ich kann es spüren. So wie man manchmal spürt, dass im Nebenraum jemand ist, auch wenn von dort kein Geräusch kommt.
Noch beunruhigender ist, wie vertraut mir die Präsenz erscheint. Ich weiß nicht, warum. Ich wüsste nicht, wer hier sein sollte – falls überhaupt. Und doch stellen sich mir die Haare auf, und ein Schauder durchrieselt mich ungeachtet der wohlig warmen Luft.
Erst da dringt mir ins Bewusstsein, wessen Präsenz ich spüre.
Die eines Menschen, von dem ich nie geglaubt hätte, ihn je wieder zu spüren.
»Billy?«, flüstere ich.
Obwohl ich den Namen leise ausspreche, scheint er die Nacht zu erfüllen, durch die unruhige Dunkelheit zu hallen, noch lange, nachdem ich verstummt bin. Als er endlich verklingt, bin ich mir sicher, dass ich mich geirrt habe.
Denn es ist unmöglich.
Das kann nicht Billy sein.
Billy ist seit dreißig Jahren verschwunden.
Ich bleibe noch eine Weile im Dunkeln stehen in der verzweifelten Hoffnung, noch etwas von Billy zu spüren. Aber das Gefühl ist weg. Kein Hauch mehr von ihm – oder von jemand anderem.
Anstatt wieder ins Bett zu gehen, laufe ich im dunklen, stillen Haus umher, das sich so vertraut und heimelig anfühlt und dann wieder nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt volle acht Stunden lang geschlafen habe. Schlaf war für die längste Zeit meines Lebens eine sporadische Angelegenheit. Das Einschlafen geht schnell: Ich kann auf der Stelle in den Tiefschlaf sinken. Das Problem ist, dass ich nach ein, zwei Stunden aufschrecke und hellwach bin, rastlos und von undefinierbarem Grauen erfüllt. Es kann Stunden dauern, bis ich wieder einschlafe. Manchmal klappt es überhaupt nicht.
Mir wurde eine chronische Schlafstörung attestiert. Offiziell mit Anfang zwanzig, aber es hatte schon lange vorher angefangen. Über die Jahre habe ich diverse Schlaflabortests gemacht, Schlaftagebuch geführt und alles ausprobiert, was irgend helfen könnte. Den Fernseher aus dem Schlafzimmer entfernt. Vor dem Einschlafen eine Stunde lang gelesen. Warme Duschen. Kamillentee. Gutenachtgeschichten vom Band. Nichts hat geholfen. Nicht einmal Schlaftabletten von der Stärke eines Betäubungsmittels für Elefanten.
Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass ich wohl bis an mein Lebensende zwischen ein und vier Uhr nachts wach sein werde. Ich bin vertraut mit diesen dunklen, tiefen Nachtstunden, wenn es den Anschein hat, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt, der nicht schläft.
Statt sie einfach verstreichen zu lassen, versuche ich, diese Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen, indem ich ein Auge auf alles habe, während der Rest der Welt selig schlummert. Im Studium schlenderte ich durch die Flure und Außenanlagen des Wohnheims, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war. In den Jahren mit Claudia wachte ich über ihren Schlaf und jagte ihr jedes Mal einen Schrecken ein, wenn sie aufwachte und sah, dass ich sie anstarrte. Jetzt, wo ich allein bin, verbringe ich dieses lange, einsame Stück Nacht damit, aus dem Fenster zu schauen. Ein Ein-Mann-Sicherheitsdienst.
Dr. Manning, die Letzte in der Reihe der Therapeutinnen und Therapeuten, die ich seit der Schulzeit hatte, sagte, die Ursache für meine Schlaflosigkeit sei eine Mischung aus Schuldbewusstsein und Angst. »Sie können nicht schlafen«, sagte sie, »weil Sie glauben, Sie könnten erneut die Chance verpassen, etwas Schlimmes zu verhindern. Und weil Sie Angst haben, die Person, die Billy entführt hat, könnte wiederkommen und Sie holen.«
Sie verkündete das mit einer solchen Ernsthaftigkeit, als wäre es mir nicht schon Dutzende Male zuvor gesagt worden. Als könnte diese nur allzu offensichtliche Feststellung irgendwie dazu führen, dass ich die Nacht durchschlief. Ich tat, als wäre das eine bahnbrechende Erkenntnis, dankte ihr vielmals, verließ ihre Praxis und kehrte nie zurück.
Das war vor sieben Jahren, und anders als ich Dr. Manning glauben ließ, kann ich immer noch nicht schlafen.
Im Moment komme ich mit der Schlaflosigkeit klar. Etwas von der verlorenen Zeit hole ich auf, indem ich mich mittags hinlege, während der Abendnachrichten auf dem Sofa döse und die Sonntagvormittage verschlafe. Wenn im September die Schule wieder anfängt, wird sich das ändern. Dann muss ich werktags um sechs aufstehen, ob ich geschlafen habe oder nicht.
Doch noch ist Mitte Juli, deshalb kann ich ohne schlechtes Gewissen von Zimmer zu Zimmer schlendern. In der Woche, seit meine Eltern und ich uns sozusagen die Klinke in die Hand gegeben haben, habe ich nichts an der Einrichtung verändert, deshalb sieht es hier drin unfertig und vorläufig aus. Als hätten wir alle – meine Eltern, die Umzugsfirma, ich – einfach alles stehen und liegen lassen. Die meisten meiner Besitztümer inklusive der Hälfte meiner Kleider sind noch in Umzugskartons verpackt, die sich in den unbewohnten Zimmern neben den Sachen stapeln, die meine Eltern zurückgelassen haben: Einrichtungsgegenstände, die zu groß oder nicht wichtig genug waren, um sie in die kleine Wohnung mitzunehmen, die sie sich in Florida gekauft haben.
Im Esszimmer stehen ein paar Stühle im Kreis um eine leere Stelle, wo ein Tisch sein sollte. Die Küchenschränke enthalten kaum noch Teller, Besteck und Gläser, nur ein paar nicht zueinander passende Überbleibsel. Im Wohnzimmer steht das Sofa ohne den dazugehörigen Sessel, in dem mein Vater jeden Abend einschläft. Der Fernseher ist weg. Auch die Standuhr. Und einer der Beistelltische, bis auf die Kristallschale, die darauf ihren Platz hatte. Sie ist auf dem beigen Teppich zurückgeblieben.
Jedes Mal, wenn sie mir ins Auge fällt, denke ich daran, dass ich etwas an diesem Zustand ändern sollte. So kann es nicht mehr lange bleiben. Andererseits will ich mich hier gar nicht wirklich einrichten; dann würde ja das Provisorische verloren gehen, und ich müsste der traurigen Tatsache ins Auge sehen, dass es ein echter, endgültiger Umzug ist.
Bis vor einer Woche war es fast dreißig Jahre her, dass dieses Haus mein Zuhause war. In dem Herbst, nachdem Billy verschwunden war, kehrte ich nicht in die Schule zurück. Also, nicht in die Schule, in die ich zuvor gegangen war. Die mit den vertrauten Fluren und den Lehrern, die ich kannte, und den Freunden, die ich während des Sommers nie sah, obwohl sie höchstens ein, zwei Kilometer entfernt wohnten. Stattdessen schickten meine Eltern mich in ein Privatinternat irgendwo im Staat New York, wo niemand wusste, wer ich war. Oder was in unserem Garten passiert war. Oder dass ich seither kaum eine Nacht durchgeschlafen hatte.
Es war erleichternd, in dem Schlafsaal mit den knarrenden Bodendielen und Betten zu schlafen, umgeben von Jungen, die sich erfreulich wenig für mich interessierten. Das nutzte ich zu meinem Vorteil; bis zum Abschluss achtete ich darauf, nicht aufzufallen. Ich wurde kaum wahrgenommen und tat mein Möglichstes, damit das so blieb. Nicht einmal den paar engen Freunden, die ich hatte, erzählte ich die Sache mit Billy. Trotzdem bekamen sie mit, dass ich kurz vor den Ferien immer schlecht drauf war – und wie froh ich war, danach wieder in die Schule zu kommen.
Wahrscheinlich nahmen die Freunde an, ich hätte Probleme mit meinen Eltern. In Wirklichkeit hasste ich dieses Haus. Ich hasste es, daran erinnert zu werden, was hier geschehen war. Ich hasste es, mitten in der Nacht aufzuwachen und aus dem Fenster genau das Stück Rasen zu sehen, wo Billy verschwunden war. Und am meisten hasste ich die Schuldgefühle, die mich jedes Mal überkamen.
Billy war fort.
Ich war noch da.
Irgendwie kam mir das nicht gerecht vor.
Als ich mich für ein College entscheiden musste, wählte ich eines, das noch weiter von zu Hause entfernt war. Im Nordwesten. Dort war es um vieles leichter, in der Menge der Studierenden zu verschwinden, mit denen ich die goldenen Sommer und eisigen Winter durchlebte. Ich schloss mich ein paar Außenseitern an – Computergeeks und Comicnerds, wie man sie heutzutage toll findet, damals aber definitiv nicht. Selbst unter ihnen war ich eine Art Außenseiter, weil ich lieber las, als am Gameboy zu spielen, und mich lieber privat mit wenigen Leuten zusammentat, als Party zu machen.
Bei einer dieser Treffen lernte ich Claudia kennen, die in Begleitung der Freundin eines Freundes gekommen war. Irgendwann standen wir dicht beisammen in einer Ecke und taten, als schmeckte uns unser lauwarmes Bier.
»Der Vorteil an großen Partys«, sagte sie plötzlich, »ist, dass introvertierte Leute wie wir dort praktisch unsichtbar werden. Hier fallen wir nur auf.«
Über den Rand meines Plastikbechers hinweg betrachtete ich sie. Sie war auf brave Art hübsch – braunes Haar, gertenschlank, schüchternes Lächeln.
»Woher willst du wissen, dass ich introvertiert bin?«, fragte ich.
»Wie du schaust«, sagte sie. »Und dich verhältst. Deine Körpersprache. Dass du hier bei mir stehst – introvertierter als ich kann man kaum sein.«
Überrascht und erfreut, dass sie mich so treffsicher erkannt hatte, musste ich grinsen. »Trotzdem hast du mich zuerst angesprochen.«
»Nur weil ich Jungs mit Brille mag.«
Dieser Satz verlieh mir genug Mut, um sie zu fragen, ob wir uns mal treffen wollten. Das taten wir – bei Deep-dish-Pizza und Bier, dem Chicagoer Klischee eines ersten Dates. Alles andere als klischeehaft war, was ich ihr auf dem Weg zurück zum Campus anvertraute: dass in dem Sommer, als ich zehn war, mein bester Freund aus einem Zelt in meinem Garten entführt worden war und man nie mehr etwas von ihm gesehen oder gehört hatte.
»Du lieber Himmel«, sagte sie angemessen entsetzt. »Wie hieß der Freund?«
»Billy Barringer.«
Claudia erkannte den Namen natürlich wieder. Jeder hatte von Billy gehört.
Dem »Verlorenen Jungen«.
Diesen Spitznamen verpasste ihm die Presse in den Wochen nach seinem Verschwinden, als der Fall durch alle Medien ging. Und so heißt er noch immer in den dunklen, verschwörungstheoretischen Winkeln des Internets, wo die Erinnerung an ihn wach gehalten wird. Dort ist Billy ins Reich der urbanen Legenden eingegangen, auch wenn sein Fall nicht ganz so mysteriös ist wie der jener Mädchen, die damals aus dem Sommerlager verschwanden, oder so grausam wie im Fall der Teenagergruppe, die in einer Hütte in den Poconos abgeschlachtet wurden.
Billys Fall hat deshalb Wellen geschlagen, weil er sich in einer ruhigen Vorstadtsiedlung abgespielt hatte, also der Sorte von Ort, die in Amerika als besonders sicher gilt. Wenn hier so etwas geschehen kann, dann kann es überall passieren.
An jenem Abend, befeuert von zu viel Bier, meiner Unsicherheit und Claudias intensivem Blick, erzählte ich ihr alles.
Dass mitten in der Nacht jemand in unseren Garten geschlichen war, die Zeltwand aufschlitzte und Billy aus seinem Schlafsack holte.
Dass ich das alles komplett verschlafen hatte, bis ich morgens aufwachte und Sonnenlicht durch einen Schlitz in der Zeltwand fiel, der am Abend definitiv noch nicht da gewesen war.
Wie seltsam diese ersten Stunden des Vormittags waren, als noch keiner von uns das Ausmaß des Geschehens ahnte und wir eher verwirrt als besorgt waren.
Wie »verloren« auch die Polizei war, unfähig, auch nur den kleinsten Hinweis darauf zu finden, wer Billy entführt haben könnte. Oder warum. Oder was danach mit ihm passiert war.
Dass selbst nach all den Jahren niemand Genaueres weiß. Dass das Rätsel vielleicht nie gelöst wird. Und dass es mir vorkommt, als wäre ich an allem schuld, weil ich dabei war, als es geschah. Und dass dieses Schuldgefühl manchmal so stark ist, dass ich mir wünschte, ich wäre derjenige gewesen, der entführt wurde.
»Aber das wurdest du nicht«, sagte Claudia. »Du bist genau hier. Bei mir.« Und dann küsste sie mich, und mein Herz zerbarst in tausend Schmetterlinge, und in diesem Moment schwor ich mir, genau dort zu bleiben, bei ihr, so lange wie nur möglich.
Daraus wurden siebzehn Jahre. Während dieser Zeit schlossen wir beide das Studium ab, ich zuerst, Claudia zwei Jahre später. Wir blieben in der Umgebung von Chicago; sie fand einen Job beim Amt, zuständig für die Pflege der Parks, und ich eine Stelle als Lehrer an einem Privatinternat nicht unähnlich dem, auf das ich selbst gegangen war. Ich war kein Lieblingslehrer. Nicht zu vergleichen mit den coolen Lehrern in Filmen, deren Begeisterung so ansteckend ist, dass sich die Schüler auf die Tische stellen und Gedichte rezitieren. Ich kam herein, machte meinen Unterricht, besprach mit gelangweilten Jugendlichen Große Erwartungen und Wer die Nachtigall stört.
Claudia und ich hatten kein aufregendes Leben, aber es war schön.
Und dann war es aus und vorbei.
Und jetzt bin ich hier und schlendere durch ein nächtliches Haus voller Umzugskartons, in denen Erinnerungen an dieses einst so schöne Leben stecken. Ich nehme mein Handy vom Ladekabel in der Küche (auch ein Tipp gegen Schlaflosigkeit: das Handy nicht im selben Zimmer liegen lassen) und beginne zu tippen.
Kann natürlich nicht schlafen
Dann zögere ich und schreibe, was wirklich los ist in mir.
Du fehlst mir, Claude
Bevor ich mich anders besinnen kann, schicke ich beide Nachrichten ab, auch wenn mir klar ist, wie pathetisch sie klingen. Überhaupt nicht so, wie ich mir meine Situation mit vierzig Jahren vorgestellt hätte. Vor allem, dass ich wieder im Elternhaus wohne. Die Idee kam von meinen Eltern; sie überfielen mich damit, als sie mir sagten, dass sie nun tatsächlich den Sprung ins kalte Wasser wagen und nach Florida ziehen würden.
»Wir wären dir wirklich dankbar«, sagte meine Mutter, als ich mich zunächst wehrte. »Das Haus zu verkaufen, wäre so ein Aufwand.«
Was sie eigentlich meinte, vermochte sie nicht auszusprechen. Beide wussten, dass ich emotional und finanziell gerade eine harte Zeit durchmachte, und sie wollten mir helfen. Obwohl ich längst aus dem Alter heraus war, in dem man die Hilfe der Eltern braucht. Oder brauchen sollte.
Ich gab nach, und nachdem ich ihnen beim Umzug in ihre neue Wohnung in einem Vorort von Orlando geholfen hatte, zog ich in das Haus. Seither bin ich also hier und stecke irgendwo zwischen Jugend und Erwachsensein fest. Manchmal ist mir, als müssten meine Eltern jeden Moment mit vollen Einkaufstaschen nach Hause kommen und meine Mutter mir zurufen, sie hätte diese Sorte Ben-&-Jerry-Eis gekauft, die ich so gern mag. Dann wieder ist mir, als wäre ich in die Zukunft katapultiert worden. In die Zeit nach ihrem Tod, mit mir als demjenigen, der alles geerbt hat.
Am Ende des Flurs, hinter der Waschküche und dem Lager für Gartengeräte, ist das ehemalige Arbeitszimmer meines Vaters, in dem nun vorerst ich mich eingerichtet habe – die Umzugskartons hier sind geöffnet, ein halbherziger Auspackversuch. Die Regale hat mein Vater dagelassen, aber der Schreibtisch ist weg, weshalb mein Laptop auf einem ramponierten Couchtisch aus dem Keller liegt.
Ich knipse eine Lampe an, setze mich an den Tisch und klappe den Laptop auf. Ich rede mir ein, nicht zu wissen, warum. Dass ich nur wahllos im Internet surfen will, bis ich müde werde oder die Sonne aufgeht, je nachdem, was zuerst passiert.
Aber ich weiß sehr gut, worauf das hier hinausläuft. Ohne nachzudenken, tippe ich die Webadresse ein, wie jemand, der unbewusst in eine schlechte Angewohnheit verfällt.
Das National Missing and Unidentified Persons System, kurz NamUs.
Eine Online-Datenbank von Personen, die vermisst werden, entführt wurden, sich in Luft aufgelöst haben.
Ich kenne die Zahlen sehr gut. In Amerika werden jedes Jahr eine halbe Million Leute als vermisst gemeldet. Zum größten Teil werden sie binnen kurzer Zeit gesund und munter wiedergefunden, aber manche haben dieses Glück nicht, und ihr Name landet auf NamUs. Diejenigen, die nach ein, zwei Jahren immer noch vermisst sind, geraten irgendwann in Vergessenheit.
Und dann gibt es solche wie Billy. So vergessen, dass sie unter Bergen von Staub begraben sind.
Beim Eintippen von Billys Namen muss ich an das Gefühl denken, das mich in meiner Einfahrt überkam. Als würden tausend Erinnerungen auf einmal auf jemanden einbrechen, der an einer Totalamnesie leidet. Ein plötzliches Erwachen, atemberaubend, aber tröstlich. Ein Gefühl lange vergessener Vertrautheit.
So sehr, dass ich einen winzigen Sekundenbruchteil lang glaubte, Billy wäre wirklich da.
Am Leben.
Und wieder hier.
Doch nein; Billy ist immer noch spurlos verschwunden, was sich bestätigt, als auf meine Suche hin sein Steckbrief auftaucht. Oben sind die Fallnummer und der Name zu sehen, daneben ein Foto von Billy mit einem roten Balken darunter, auf dem in weißen Buchstaben das schlimmste aller Wörter steht.
VERMISST.
Das Bild war im Oktober des Vorjahres in der Sporthalle unserer Schule aufgenommen worden. Irgendwo in der Wohnung meiner Eltern steht das gerahmte Pendant dazu mit mir darauf vor demselben schmutzig blauen Hintergrund. Auf meinem Foto grinse ich und entblöße Zähne, die viel zu groß für meinen Mund sind, mein Polohemd ist zerknittert und mein Haar mit Gel in Form gebracht.
Billys Schulfoto ist das genaue Gegenteil. Er wirkt darauf untypisch verschüchtert und formell. Seine Miene ist fast schon düster, als wäre er überall lieber als vor dieser Kamera. Ich bin mir sicher, dass es seine Mutter war, die ihm das dunkelblaue Hemd und die grüne Krawatte ausgesucht hatte. Wahrscheinlich hatte sie auch vergeblich versucht, sein widerspenstiges Haar zu zähmen. Der Wirbel, der ihm am Hinterkopf zu Berge steht, ist das Liebenswerteste an der Aufnahme.
Neben dem Bild steht das Datum, an dem Billy verschwunden ist, und was für Kleidung er zuletzt trug. Schwarzes T-Shirt, blaue Shorts, weiße Turnschuhe.
Das stimmt nur bedingt. Ich weiß zum Beispiel, dass das T-Shirt einen kleinen weißen Fleck auf der Brust hatte, dass die Shorts von Umbro waren und er die Turnschuhe lange vor dem Schlafengehen ausgezogen hatte und sie noch im Zelt lagen, als ich morgens aufwachte. Das Letzte, was er gegessen hatte, waren zwei dieser S’mores genannten süßen Marshmallow-Sandwiches, aus unserem Ofen, weil es meiner Mutter zu gefährlich war, im Garten ein Lagerfeuer zu machen. Ich habe sogar noch seine letzten Worte im Ohr.
Hakuna matata, Alter.
Weiter unten auf Billys Seite zeigt eine Reihe künstlich gealterter Fotos, wie er über die Jahre ausgesehen haben könnte. Mit fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig. Sie alle gehen von dem Schulfoto aus, sodass er auf allen dieses blaue Hemd und die grüne Krawatte trägt, als seien das die einzigen Kleider, die er je besaß, auf magische Weise mitgewachsen, als er größer und breiter wurde.
Das letzte Foto zeigt sein hypothetisches Aussehen vor fünf Jahren, mit fünfunddreißig. Das nach wie vor düstere Gesicht ist voller geworden, das Haar, aus dem der Wirbel endlich verschwunden ist, dunkler und dicker. Ich habe das Bild schon gesehen. Öfter, als ich zählen kann. Es ist immer wieder verstörend, jemanden, den man ewig als ein Kind im Kopf hat, plötzlich als schon nicht mehr jugendlichen Erwachsenen zu sehen. Das gleiche bizarre Gefühl, das ich manchmal beim Blick in den Spiegel habe. Immer wenn ich diese feinen Fältchen auf meinem Gesicht und das Grau an meinen Schläfen und in meinem ungleichmäßigen Bartwuchs sehe, frage ich mich: Wann bin ich bloß so alt geworden?
Was Billy betrifft, lautet die Frage, ob er überhaupt so alt geworden ist. Kann es sein, dass er noch lebt, irgendwo völlig anonym, als einer von zahllosen nicht mehr jungen Männern da draußen? Ich bezweifle es. Wenn Billy am Leben wäre – wenn er wirklich und wahrhaftig noch existierte –, müsste das nicht längst bekannt sein? Hätte Billy sich nicht irgendwem offenbart?
Falls er das noch tun sollte, ist ganz unten auf der Seite ein Polizeikontakt angegeben. Er wurde im Lauf der Jahre, nachdem ich Billys NamUs-Eintrag entdeckt hatte, mehrfach geändert, auch seit meinem letzten Besuch. Jetzt steht da »Detective Ragesh Patel« – ein Beamter unserer hiesigen Polizei und der einzige Sohn von Mitesh und Deepika Patel zwei Häuser weiter. Eine merkliche Herabstufung. Zuvor war jemand vom FBI zuständig. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass nicht einmal die Behörden glauben, dass Billy je gefunden werden wird.
Im Prinzip kapiere ich es. Alle, auch seine eigene Familie, halten Billy für tot. Es gab sogar eine Trauerfeier für ihn, ein Jahr nach seinem Verschwinden. Ich besuchte sie in einem eigens für diesen Anlass gekauften Anzug, der juckte und viel zu warm war, und starrte das silbern gerahmte Foto von Billy an, das auf einem leeren Sarg stand. Alle anderen indessen starrten mich an – den Jungen, der nicht entführt worden war. Ich spürte, wie die gesamte Trauergemeinde mich heimlich musterte und sich fragte, was an mir anders war. Warum die Person, die Billy entführt hatte, lieber ihn als mich genommen hatte. In jenem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass es andersherum gewesen wäre. Dass Billy noch da wäre und ich weit, weit weg, ein Gefühl, das noch verstärkt wurde dadurch, dass Mrs Barringer zu schreien anfing. Ungehemmte Klagelaute, die die Buntglasscheiben zum Rasseln brachten.
Ich schließe den NamUs-Eintrag und suche in Google nach Billys Namen. Der jüngste Link führt zur Website eines Hobbydetektivs, der sich mit dem Aufdröseln ungelöster Fälle nicht wenige Follower an Land gezogen hat. Ich klicke ihn an und sehe mich sofort zwei Fotos gegenüber.
Den Fotos.
Den beiden Bildern, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn es um den merkwürdigen Fall des Billy Barringer geht. In gewissen Bereichen des Internets sind sie wohlbekannt, was zur Folge hat, dass sie von allen True-Crime-Blogs, -Podcasts und -Websites genutzt werden. Verständlich, aber beklemmend angesichts der Tatsache, dass beide Fotos in unserem Garten aufgenommen wurden.
Das eine zeigt ein orangefarbenes Zweipersonenzelt auf einem Stück Rasen, das mit Polizeiband abgesperrt ist. Es wurde von einem unbefugt in unseren Garten eingedrungenen Fotografen des Star Ledger aufgenommen und ist gleichsam zum Symbol des Billy-Barringer-Falls geworden. Die Perspektive ist so gewählt, dass der senkrechte Schlitz in der Zeltwand besonders auffällt; er wölbt sich leicht im Wind, in dem auch das Polizeiband so sehr vibriert, dass es verschwimmt.
Seit dreißig Jahren bringt dieser Schlitz – und die Finsternis dahinter – die Leute dazu, sich vorzubeugen und genauer hinzuschauen, um vielleicht Einblick in den Ort zu erhalten, an dem etwas so Schreckliches geschah. So geht es selbst mir, der, noch wenige Stunden bevor das Foto aufgenommen wurde, selbst in dem Zelt war, aber auch nicht mehr als alle anderen über das Geschehen weiß.
Das zweite Foto ist die letzte bekannte Aufnahme von Billy – sie wurde am 4. Juli jenes Jahres gemacht. Darauf isst Billy ein Stück Wassermelone, der rosa Saft tropft ihm von den Lippen, als wäre er ein Vampir. Er wirkt viel liebenswerter als auf dem Schulfoto; wahrscheinlich war es deshalb so ein Dauerbrenner in den Medien. Es scheint einen ganz gewöhnlichen Zehnjährigen zu zeigen – obwohl Billy in Wirklichkeit alles andere als gewöhnlich war.
Neben ihm steht jemand, von dem nur am Bildrand ein Stück nackter Arm zu sehen ist, der den von Billy anstupst.
Das bin ich.
Meine Eltern, die sich sofort Sorgen machten, wie sich die Entführung meines Freundes auf mich auswirken würde, hatten mich sorgsam aus dem Schnappschuss herausgeschnitten, bevor er an die Presse gegeben wurde. Und bewirkten auf diese Art eine ironische Umkehrung der Situation.
Billy, der Verlorene Junge, war in jenem Sommer buchstäblich überall zu sehen, sicher ebenso oft wie O.J. Simpson und sein weißer Ford Bronco. Und ich wurde unsichtbar. Alles, was blieb, war ein Stück Arm eines anderen Jungen. So wurde ich von Polizei und Medien betitelt, weil ich wegen meiner Jugend anonym bleiben musste: »ein anderer Junge«.
Zum Beispiel: »Der zehnjährige Billy Barringer wurde mitten in der Nacht aus einem Zelt entführt, in dem er mit einem anderen Jungen übernachtete« – zufällig ist das der erste Satz auf der Website, die ich nun geöffnet habe. Ich lese weiter, obwohl ich alles schon tausendmal gehört und gelesen habe. Da stehen ein paar kurze Zeilen darüber, wer Billy war, wo er wohnte, aus was für einer Unternehmung heraus er entführt wurde und was passierte, nachdem klar wurde, dass er nicht aufzufinden war. Im Text verstreut werde ich immer mal erwähnt, der »andere Junge«, der »Nachbarjunge« oder »Billys bester Freund«. Die Umschreibungen klingen lächerlich, zumal alle anderen Beteiligten namentlich aufgeführt sind, einschließlich meiner Eltern, Fred und Joyce Marsh. Ihre Namen stehen neben denen von Billys Eltern, Blake und Mary Ellen Barringer. Schließlich war es unser Garten, aus dem Billy verschwand. Und es waren meine Eltern, die in jener Nacht die Aufsichtspflicht über ihn hatten.
Der einzige andere wichtige Name, der nicht genannt wird, weder auf dieser Website noch irgendwo sonst, ist der von Andy Barringer, Billys jüngerem Bruder, der damals sieben war. Auch ihn ließ die Presse in Ruhe, ja, erwähnte ihn kaum.
Wie die meisten Texte über Billys Entführung, die ich kenne, hat auch dieser etwas leicht Tendenziöses. Das war von Anfang an so. In den Wochen nach der Entführung wurde viel Getue darum gemacht, wie ein Kind aus einem Garten in einer ruhigen Wohngegend verschwinden konnte, ohne dass jemand etwas mitbekam. Überall, von den Abendnachrichten über die New York Times bis hin zu Unsolved Mysteries, wurden dieselben Fragen gestellt. »Wie konnte das passieren?« »Wie kann es sein, dass niemand etwas bemerkte?«
Was damit gesagt werden sollte, war klar: dass die Nachbarschaft mitschuldig war.
Vor allem meine Eltern.
Und noch mehr ich.
Die kleinen Reste von Schuld, die man nicht uns anhängte, wurden den Behörden zugeschoben, die nie herausfanden, was mit Billy passiert war. An den Ermittlungen waren so ziemlich alle irgendwann beteiligt, von der städtischen Polizei bis hin zum FBI. Der gemeinsame Nenner, auf den die diversen Behörden sich einigen konnten, war: Irgendwann zwischen 23 Uhr am 15. Juli und 6:30 Uhr am 16. Juli schnitt jemand einen 96 Zentimeter langen Schlitz in die Seite des Zelts, durch den Billy herausgezogen wurde.
Was danach geschah, ist und bleibt ein Rätsel.
Die genaue Untersuchung des Schnitts ergab, dass er von außen gemacht wurde. Da die Ränder des Stoffs nicht ausgefranst waren, wurde angenommen, dass ein neues oder kürzlich geschärftes Messer benutzt worden war. Und der Schlitz war sehr schmal, was eher auf ein Küchenmesser als auf ein Jagdmesser mit dickerer Klinge hindeutete.
Diese Erkenntnisse führten dazu, dass jedes Haus in unserer Straße von oben bis unten durchsucht wurde. Ich weiß noch, wie ich mit meinen Eltern und einem FBI-Agenten in der Küche saß und auf die Schritte in der Etage über mir lauschte, wo die Spurensicherer von Zimmer zu Zimmer gingen. Damals hatte ich keinen blassen Schimmer, wonach sie suchten. Alles, was ich begriff, war, dass meine Eltern Angst hatten, und deshalb hatte auch ich Angst.
Bei der Suche wurden aus jedem Haus mehrere Messer beschlagnahmt und untersucht. Keines davon konnte eindeutig dem Schnitt im Zelt zugeordnet werden.
Zu den Durchsuchungen gesellten sich die Befragungen. Jede und jeder aus unserer Straße musste mehrere davon über sich ergehen lassen. Die örtliche Polizei, die State Police, dann das FBI.
Niemand gab an, etwas Verdächtiges gehört oder gesehen zu haben, was hauptsächlich daran liegt, dass sämtliche Gärten hinter den Häusern wie große blinde Flecken sind. Ich fand immer, dass unsere Straße einem Trivial-Pursuit-Spielstein gleicht – jedes Grundstück ist eines dieser farbigen Tortenstücke, die man einsetzt, wenn man eine Frage richtig beantwortet hat. Die Häuser stehen alle in einem leichten Winkel zueinander. Zusammen mit den blickdichten Hecken um die Grundstücke hat das zur Folge, dass am Hemlock Circle niemand einen sonderlich guten Einblick in die anderen Gärten hat. Die einzigen Menschen, die in dieser Nacht etwas Brauchbares hätten sehen können, sind meine Eltern und ich. Aber das Schlafzimmer meiner Eltern ging nach vorne hinaus, zur Einfahrt und der Straße.
Was mich betrifft, fasst die Website es so zusammen: »Der andere Junge im Zelt behauptete, nichts gesehen oder gehört zu haben.«
Ein Wort in diesem Satz nagt an mir.
Behauptete.
Als hätte ich in dieser Sache je die Unwahrheit sagen können.
Als wäre mir egal gewesen, was mit Billy geschah – dabei würde ich noch heute alles tun, um zu erfahren, was mit ihm geschehen ist.
Aber heute ist da nichts mehr zu machen. Trotz aller Durchsuchungen und Befragungen wurde die einzige Spur von einer Suchhundestaffel gefunden. Sie konnte seine Witterung über einen Kilometer weit in das große Waldgebiet hinein verfolgen, von dem unser kleines Häuserrund umgeben ist. Die Spur endete an einer kaum befahrenen Verbindungsstraße, die den Wald durchschneidet. Daraus schloss man, dass Billy zu einem wartenden Auto gebracht worden war.
Was danach geschah – oder wer es getan haben könnte –, ist immer noch ein einziges großes Fragezeichen. Nirgends gab es Anzeichen, dass Billy sich gewehrt hätte, weder im Zelt noch außerhalb. Es gab keine Meldungen, dass jemand etwa Schreie oder Hilferufe gehört hätte. In unserem Garten wurde kein Blut gefunden. Und auch keine Fußspuren, was vor allem daran lag, dass der Rasen am Nachmittag vor der Zeltaktion gemäht worden und so kurz und dicht war, dass sich Fußabdrücke darin nicht hielten. Gefunden wurde hingegen Spurenmaterial von über einem Dutzend Personen – dank der Party zum Unabhängigkeitstag, die meine Eltern am 4. Juli gegeben hatten.
Es hätte jede dieser Personen sein können.
Oder keine.
Über die Jahre wurden unzählige Leute verdächtigt, allerdings stets nur kurz und halbherzig, weil sie bestenfalls kaum oder aber gar nicht als Täter infrage kamen.
Grundlos verdächtigte Person Nr. 1: Fred Marsh.
Mein Vater.
Er war der Erste, den die Polizei in Betracht zog, weil – ja, warum eigentlich nicht? Das Verbrechen fand immerhin auf seinem Grundstück unter seiner Aufsicht statt. Nur wurde sehr schnell klar, dass er so etwas nie und nimmer getan haben konnte. Mein Vater ist ein grundanständiger Mensch. Ein guter Mensch. Treusorgender Ehemann und Vater und Soziologieprofessor an der Princeton University, so gesetzestreu, dass er in seinem Leben nie auch nur einen Strafzettel bekommen hat. Außerdem schwor meine Mutter – an deren Moral und Anstand auch schwer zu zweifeln war – Stein und Bein, dass er die ganze Nacht neben ihr geschlafen hatte. Und warum sollte eine Frau, die sich neben ihrer Hausfrauentätigkeit bereits seit Jahren in der Elternvertretung der Schule engagierte, hier etwas Falsches behaupten?
Im Nu fiel der Verdacht von meinem Vater ab und auf Grundlos verdächtigte Person Nr. 2: Blake Barringer. Billys Vater.
Weil der Schlitz in der Zeltwand auf der zum Barringer-Grundstück zeigenden Seite lag, nahmen die Behörden an, dass der Kidnapper aus dieser Richtung gekommen war. Und so verfielen sie auf die Idee, dass es ja vielleicht Mr Barringer gewesen sein könnte.
Genau wie im Fall meines Vaters führte dieser Ansatz zu nichts. Blake Barringer, ein Pharmavertreter, war zum Tatzeitpunkt geschäftlich in Boston gewesen. Dutzende von Zeugen hatten ihn abends noch an der Hotelbar gesehen, wo er bis kurz vor elf an einem Sam Adams genippt hatte, und am nächsten Morgen beim Auschecken, nachdem seine Frau ihn angerufen und ihm gesagt hatte, dass Billy vermisst wurde. Er hätte unmöglich zwischendrin nach Hause fahren, seinen Sohn entführen und wieder nach Boston gelangen können.
Hinzu kam, dass es keinen Grund gab, weshalb er seinem Sohn hätte Böses antun wollen. Nicht zuletzt wirkte er ebenso verstört angesichts Billys Verschwinden wie der Rest der Familie. Außerdem steckt hinter den meisten Entführungen durch Elternteile ein Sorgerechtsstreit, und die Barringers waren solide verheiratet und blieben es, bis Blake 2004 starb.
Grundlos Verdächtigte Nr. 3 bis 16 waren alle anderen Bewohner des Hemlock Circle. Außer mir und Billy hielten sich in jener Nacht offiziell fünfzehn weitere Menschen auf den Grundstücken um die Stichstraße auf. Wir alle wurden auf die eine oder andere Art befragt. Keiner von uns hatte einen Grund, Billy zu schaden, geschweige denn eine Idee, wer ein Motiv haben könnte.
Diese Lücke wurde über die Jahre von Dutzenden Leuten gefüllt, die vorgaben zu wissen, was passiert war. Kranke Typen, Aufmerksamkeitsjunkies und in manchen Fällen veritable Psychopathen meldeten sich und gaben an, Billy entführt, umgebracht oder gesehen zu haben, wie er im örtlichen ShopRite Einkäufe in Tüten packte. Bis jetzt haben sich sieben Männer gemeldet, die behaupteten, er zu sein. Jeder Meldung und jedem Geständnis wurde gründlich nachgegangen. Alle stellten sich als falsch heraus, und wir, die wir Billy gekannt und geliebt hatten, blieben jedes Mal von Neuem mit unserer Enttäuschung und unseren unbeantworteten Fragen allein.
Inzwischen herrscht nahezu einstimmig die Meinung, dass jemand von außerhalb der Täter gewesen sein muss. Jemand, der oder die schnell und leise in unseren Garten eindrang, Billy packte und ebenso schnell und leise wieder verschwand. Auf der Website, die ich geöffnet habe, wird diese Ansicht stark favorisiert. Hier wird betont, am Tag vor Billys Verschwinden sei (von wem genau, weiß niemand so recht) ein fremder Mann in Tarnkleidung gesehen worden, der sich in einer Parallelstraße des Hemlock Circle herumdrückte. Doch ein Zusammenhang zwischen Billys Verschwinden und ähnlichen Verbrechen konnte nie hergestellt werden. Die Tat passt auch zu keinem der Serienkiller, die in den zwanzig Jahren davor und dreißig Jahren danach aktiv waren. Das FBI befragte auch Menschen, die wegen Kindesentführung und -mord im Gefängnis saßen, aber niemand gestand, etwas damit zu tun zu haben.
So weit der Stand heute, dreißig Jahre später. Kein Täter. Keine Antworten. Nichts als die traurige, bittere Tatsache, dass Billy immer noch verschwunden ist.
Ich schließe den Laptop und gehe nach oben. Im Schlafzimmer nehme ich wieder Notizbuch und Kuli zur Hand. Das einzige Mittel, das tatsächlich ein bisschen gegen meine Schlaflosigkeit zu helfen scheint. Der vorvorletzte Therapeut meinte, wenn ich bis in die frühen Morgenstunden Gedanken wälze, sei es besser, sie niederzuschreiben. So gestatte ich meinem Gehirn, sie erst einmal ruhen zu lassen; eine Art mentale Schlummertaste. Es funktioniert nicht immer, aber es ist besser als nichts.
Ich schlage die Seite von vorhin auf.
Hatte wieder den Traum.
Darunter füge ich hinzu: Billy ist NICHT da draußen.
Sorgfältig lege ich die Schreibutensilien auf den Nachttisch zurück und schaue auf die Uhr. Kurz vor vier. Noch besteht die Chance auf ein paar Stunden Schlaf.
Doch als ich die Augen schließe, wandern meine Gedanken zu der True-Crime-Website von eben zurück. Sie war besser geschrieben und recherchiert als einige andere, die ich kenne, aber auch sie erzählte nicht die ganze Geschichte. Vor allem suggerierte sie, Billys Entführung hätte aus dem Nichts heraus stattgefunden. Dass die vierundzwanzig Stunden vor seinem Verschwinden ein Tag wie jeder andere in jenem Sommer gewesen seien. Dass keine unheilschwangeren Sturmwolken am Horizont gedräut hätten, dass in unserer Straße nichts geschehen wäre, das im Rückblick schon die Tragödie ankündigte.
Größtenteils stimmt das. Es war ein typischer New-Jersey-Sommer gewesen. Strahlender Sonnenschein. Lange, träge Tage. Etwas zu gewittrig für den Geschmack meiner Mutter, aber insgesamt angenehm.
Und doch steckt mehr hinter der Sache. Wie immer. In Wahrheit war der Tag, an dem Billy verschwand, alles andere als gewöhnlich.
Und schon als ich an jenem Morgen aufwachte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.
Schon bevor Ethan die Augen aufschlägt, spürt er, dass etwas nicht ist wie sonst. In seinen zerwühlten Decken, die er in der Nacht abwechselnd von sich gestrampelt und wieder über sich gezogen hat, hört er Barkley im Zimmer an der Tür kratzen. Noch im Frühling musste er sie offen lassen, damit seine Mutter nachts ungehindert nachschauen konnte, ob er auch nicht zu lange aufblieb. Ethan hatte beteuert, das sei nicht mehr nötig. Erst nachdem sein Vater ihm Schützenhilfe gegeben hatte (»Er ist zehn, Joyce, gesteh ihm doch ein bisschen Privatsphäre zu«), hatte sie nachgegeben. Seit Ende des Schuljahrs darf er die Tür abends vor dem Zubettgehen zumachen.
Doch jetzt, wo sein Beagle schnüffelnd und kratzend darum bettelt, aus dem Zimmer gelassen zu werden, überlegt Ethan, ob die Entscheidung wirklich so gut war. Vielleicht, denkt er, sollte er die Tür doch noch eine Weile offen lassen. Dann kann Barkley rein und raus, wie er will, und er, Ethan, kann ausschlafen.
Während er die Decke zur Seite wirft und sich aus dem Bett wälzt, erschnuppert Ethan durch den Türspalt den unverwechselbaren Geruch von Pfannkuchen und Bacon. Kein Wunder, dass sein Hund rauswill, und jetzt, beim Duft seines Lieblingsfrühstücks, hat es auch Ethan eilig.
Er öffnet die Tür, und Barkley schießt hinaus und die Treppe hinunter zur Küche. Ethan will ihm folgen, da fällt ihm etwas ein, das ihn irritiert.
Heute ist Freitag. Seine Mutter kümmert sich normalerweise nur samstags um das Frühstück. Warum macht sein Vater heute Pfannkuchen mit Bacon, wo sie doch bei der Arbeit ist?
Die Antwort findet Ethan in der Küche, wo er beide Elternteile antrifft, eine Seltenheit an Werktagen. Seine Mutter hat im Frühjahr angefangen zu arbeiten und ist morgens, wenn er aufwacht, meist schon weg. Bis dahin war es genau umgekehrt gewesen: Sein Vater ging, und sie blieb zu Hause. Jetzt leitet sein Dad ein paar Sommerkurse, aber die fangen erst nachmittags an, also kann er Ethan das Frühstück machen.
Noch seltsamer war der Abend zuvor. Sein Vater und er hatten nach dem Abendessen Die Simpsons geschaut, da kam die Mutter mit klimpernden Autoschlüsseln ins Wohnzimmer. »Ich muss ganz eilig noch mal ins Büro, hab dort was vergessen.«
Ethan, der ziemlich abgelenkt war, hörte seinen Vater etwas sagen wie »Kann das nicht bis morgen früh warten?«.
»Dauert nicht lange«, gab sie zurück und eilte in Richtung Garage.
Es dauerte dann doch über eine halbe Stunde. Das weiß Ethan, weil die Simpsons schon zu Ende waren, als sie zurückkam, und eine Folge von The Sinbad Show angefangen hatte. Jetzt fragt er sich, ob es mit ihrer gestrigen Abwesenheit zu tun hat, dass sie heute hier ist.
»Morgen, Sportsfreund«, sagt sein Vater hinter der aktuellen Ausgabe der New York Times hervor. Vor ihm steht eine volle Tasse Kaffee, daneben ein Teller mit einem Stapel Pfannkuchen.
Ethans Mutter am Herd sagt gar nichts.
Auch wenn es ihm nie explizit gesagt wurde, weiß Ethan, dass er bisher ein weitgehend sorgloses Leben hatte. Er wohnt in einem hübschen Haus neben anderen hübschen Häusern in einer guten Wohngegend. Er bekommt alle Spielsachen, die er sich wünscht, auch wenn er in der Regel bis zu seinem Geburtstag oder Weihnachten warten muss. Seine Eltern kaufen sich alle zwei Jahre ein neues Auto. Sie waren schon zweimal in Disney World. Wenn er sich ausnahmsweise doch einmal Sorgen macht, geht es entweder um etwas Triviales – den nächsten Mathetest, dass er im Sportunterricht als Letzter in die Mannschaft gewählt wurde oder um vage, abstrakte Bedrohungen. Tod. Krieg. Treibsand.
Aber dass jetzt seine Mutter mit dem Pfannenwender in der Hand am Herd steht und schweigend kocht, als wäre Samstag, erfüllt ihn mit einer Sorge, die er in seinem jungen Leben kaum je verspürt hat.
»Was ist los?«, fragt er.
»Nichts, Sportsfreund«, sagt sein Vater, immer noch hinter der Zeitung verborgen.
»Aber ihr seid beide daheim.«
»Was ist daran so ungewöhnlich?« Endlich senkt sein Vater die Times, mit einem Gesichtsausdruck, den Ethan insgeheim den Professorenblick nennt. Ruhig und gelassen. Die Augen hinter der Schildpattbrille aufmerksam. Die linke Augenbraue so hoch erhoben, dass sie der Rundung eines Fragezeichens gleicht. »Wir wohnen hier doch.«
»Du weißt, was ich meine.« Ethan setzt sich und rückt den Stuhl an den Tisch, während seine Mutter ihm einen Teller hinstellt.
»Er meint, warum ich nicht bei der Arbeit bin«, sagt sie zu seinem Vater, als wäre Ethan überhaupt nicht da.
»Ja, warum?«, fragt Ethan. »Bist du krank?«
»Ich habe die Stelle nicht mehr.«
»Warum nicht?«
Ethans Mutter schaut seinen Vater an. Er weiß, jetzt beraten sie stumm, wie viel Wahrheit sie preisgeben sollen. Es endet mit einem Nicken seines Vaters, und seine Mutter sagt: »Die brauchen mich nicht mehr.«
Auch wenn er ihrer gepressten Stimme anhört, dass sie nicht darüber reden will, kann Ethan sich damit nicht zufriedengeben. Sie hat erst im Mai angefangen zu arbeiten, was eine große Veränderung bedeutete für ihn, der es gewohnt war, dass seine Mutter immer da war. Als er nach der Schule zum ersten Mal in ein leeres Haus kam, war das erschreckend und aufregend zugleich. Sicher, er war nur eine Stunde lang allein, und ja, es lief darauf hinaus, dass er wie immer nach der Schule fernsah und dabei Fischlis knabberte. Aber genau wie die Erlaubnis, abends die Zimmertür zu schließen, gab ihm dieser kleine Freiraum das Gefühl, noch ein bisschen erwachsener geworden zu sein.
Sein zweiter, aber nicht weniger wichtiger Gedanke ist, dass, wenn die Mutter wieder den ganzen Tag da ist, seine Babysitterin Ashley nicht mehr gebraucht wird. Das ist schlimmer, als den kleinen Freiraum zu verlieren. Denn es bedeutet, dass er Ashley wahrscheinlich den ganzen Sommer über nicht mehr sehen wird – und er liebt Ashley.
»Suchst du dir dann einen anderen Job?«
»Ich weiß nicht.« Seine Mutter nimmt sich ein Stück Bacon, betrachtet es kurz und steckt es stattdessen Barkley zu. »Wird sich zeigen.«
Nach Ethans Erfahrung bedeutet das fast immer nein. Aber er ist noch nicht fertig mit dem Thema. »Ich finde, das solltest du aber. Oder vielleicht kannst du dort fragen, ob die nicht eine andere Arbeit für dich haben?«
»Es wird schon das Beste sein.« Noch so eine von ihren Umschreibungen für »nein«. »Außerdem will ich nicht mehr dorthin.«
»Warum nicht?«
»Darüber kann ich nicht reden.«
Wieder senkt Ethans Vater die Zeitung. »Kannst du nicht oder willst du nicht?«
»Es ist kompliziert.« Sie stellt die Pfanne in die Spüle und lässt Wasser hinein. Eine Verzögerungstaktik, von der Ethan weiß, dass sie nichts bringen wird. Fred Marsh ist ein Meister im Nicht-locker-Lassen.
Und tatsächlich, kaum ist der Wasserhahn zugedreht, da fragt er: »Mir hast du gesagt, deine Stelle wäre wegrationalisiert worden. Was ist daran so kompliziert?«
Statt zu antworten, nimmt Ethans Mutter einen Topfreiniger und beginnt die Pfanne zu scheuern.
»Joyce, was verschweigst du mir?«, fragt sein Vater. »Ist gestern Abend etwas passiert?«
Ethans Mutter deutet mit dem Kinn auf Barkley, der die Schnauze an die Scheibe der Terrassentür drückt. »Gehst du mit ihm raus?«, sagt sie zu Ethan. »Er muss bestimmt mal.«
Ethan starrt seinen halb vollen Teller an, will widersprechen, besinnt sich aber. Seine Eltern sind gerade echt komisch.
»Geh schon, Sportsfreund«, drängt sein Vater. »Nur kurz, ja? Danach kannst du immer noch frühstücken.«
Ethan öffnet die Tür, und Barkley springt nach draußen. Mit hüpfendem Schwanz jagt er durch den Garten und scheucht alle Vögel auf. Ethan folgt ihm. Die Pflastersteine der Terrasse unter seinen nackten Füßen sind schon warm. Im kühleren Gras findet er den Stock wieder, mit dem er am Tag zuvor mit Barkley gespielt hat. »Hey, Bark«, ruft er, was Barkley sofort aufhorchen lässt. »Hol das Stöckchen!«
Er wirft den Stock hoch in die Luft und sieht zu, wie er wirbelnd in hohem Bogen über den Rasen bis an den Waldrand fliegt. Barkley saust hinterher. Ethan wirft einen Blick zurück zum Haus. Seine Eltern sitzen am Tisch und scheinen zu streiten. Bei dem Anblick zieht sich der Knoten der Sorge in seinem Magen etwas fester.
Dass seine Eltern sich scheiden lassen könnten, ist auch so eine vage Angst von ihm, wenn auch nicht ganz so abstrakt wie die anderen. Er hat schon miterlebt, was passiert, wenn Eltern sich trennen. Bis vor drei Jahren wohnte im Nebenhaus sein früherer bester Freund Shawn. Als dessen Eltern sich trennten, waren sie gezwungen, das Haus zu verkaufen, und Shawn musste mit seiner Mutter nach Texas ziehen. Seither hat Ethan nichts mehr von ihm gehört.
Er hat Angst, dass so etwas auch auf ihn zukommt, obwohl keines seiner Elternteile allzu wütend wirkt. Sein Vater hat wieder die Professorenmiene aufgesetzt; die kann alles Mögliche bedeuten, das weiß Ethan. Neugier. Ungeduld. Genervtheit.
Das Gesicht seiner Mutter ist leichter zu lesen. Sie sieht ganz einfach traurig aus.
Ethan wendet sich ab und fasst den Garten ins Auge. Barkley ist noch am Waldrand, aber der Stock liegt unbeachtet da. Sein Hund steht, dem Wald zugewandt, steif da. Dann knurrt er, und das klingt so gar nicht nach Barkley. Ethan läuft ein kalter Schauder den Rücken hinunter.
»Was ist, Bark? Was hast du entdeckt?« Bestimmt nur ein Eichhörnchen, denkt er. Oder ein anderes wildes Tier, wie sie tagtäglich am Waldrand auftauchen. Allerdings kann er sich nur an ein einziges Mal erinnern, als Barkley geknurrt hat – beim Gartenfest am 4. Juli. Da hat er Fritz Van de Veer angeknurrt, ohne jeden ersichtlichen Grund.
»Komm her, Bark«, versucht Ethan, ihn vom Wald wegzulocken. Es fruchtet nichts. Also geht er zu Barkley, der dort steht, wo das frisch gemähte Gras ins Unterholz übergeht. Eine klare Trennlinie. Dahinter erstreckt sich meilenweit der Wald, unterbrochen nur durch eine kleine Straße.
Seit Kurzem darf Ethan mit Billy bis zu dieser Straße vordringen. Weiter nicht. Das ist aber völlig in Ordnung, er will auch gar nicht mehr. Weniger weil er Angst hätte. Es reizt ihn einfach nicht, den Wald noch weiter zu erkunden, weil er schon ahnt, was ihn da erwartet. Noch mehr Bäume und Felsen. Oh, und das Hawthorne Institut, von dem Ethan nur weiß, dass es existiert und er dort nicht hindarf.
»Bleib weg davon«, hatte seine Mutter einmal auf einem herbstlichen Waldspaziergang gesagt.
»Warum?«
»Weil es Privatbesitz ist. Da einzudringen, ist verboten.«
»Aber was ist denn da drin?«
»Nichts Interessantes.«
Ethan akzeptierte das und hält sich davon fern. Anders als andere Kinder in seinem Alter reizt ihn das Verbotene nicht. Er vermutet, dass das Institut so ähnlich ist wie die Uni, wo sein Dad arbeitet, nur noch steifer.
Hinter ihnen prallt etwas auf, und beide, Ethan und Barkley, fahren zusammen und wirbeln herum. Der Wald ist vergessen; sie starren auf den sattgrünen Rasen zwischen sich und dem Haus.
Darauf, wenige Meter neben der Hecke zwischen ihrem Grundstück und dem der Barringers, liegt ein Baseball.
Ethan hebt ihn auf. Er hat Grasflecken und Bissspuren von Barkley, von den vielen Dutzend Malen, die er schon über die Hecke geworfen wurde. Diesen Sommer eigentlich jeden Tag. Ein Geheimzeichen zwischen Ethan und seinem Nachbarn.
Die Botschaft ist immer dieselbe.
Billy will mit ihnen spielen.
Rrrritsch.
Mit einem Schlag bin ich wach, atemlos von dem Traum. Es ist acht Uhr morgens.
Zweimal in einer Nacht. Kein gutes Zeichen.
Wenigstens hallt das Geräusch nicht nach wie beim vorigen Mal. Das liegt erstens am Sonnenlicht, das durch die Fenster strahlt, und zweitens am Knattern des Rasenmähers in unserem Vorgarten.
Das Leben in den meisten Vororten verläuft nach einem absolut präzisen Zeitplan. Hier am Hemlock Circle ist es nicht anders. Montags kommt die Müllabfuhr, das heißt, morgens werden rundum die schweren Mülltonnen an den Straßenrand gerollt und abends wieder in die Garagen gezogen. Das Gleiche gilt jeden zweiten Freitag für die Wertstoffabfälle.
Dienstags kommen die Gärtner und fallen in einer ohrenbetäubenden Kakofonie über die Grundstücke her. Rasenmäher, Rasentrimmer, Laubbläser. Vor allem die Laubbläser. Müsste man ein typisches Geräusch für Vororte benennen, dann wäre es garantiert dieses gnadenlose Dröhnen in Einfahrten und auf Terrassen, wenn diese gesäubert und auch noch vom letzten verirrten Grashalm oder Blatt befreit werden, das es wagt, sich auf ihrer Oberfläche niederzulassen. Wenn die Laubbläser verstummen, kommt einem die nachfolgende Stille beinahe unheimlich vor. Zu still. Zu plötzlich.
Jetzt gerade surrt der Rasenmäher, der sich, während ich dusche, mich anziehe und in die Küche gehe, um mir einen Kaffee zu machen, vom Vorgarten bis zur Rasenfläche hinter dem Haus vorarbeitet. Beim Kaffeekochen versuche ich, den Traum von vorhin abzuschütteln, den Traum, der mich seit dem Tag nach Billys Verschwinden heimsucht.
Der Inhalt ist immer der gleiche. Zuerst herrscht Dunkelheit, die sich langsam aufhellt, bis ich meine Umgebung erkennen kann. Ich liege in meinem alten Zelt. Dem, aus dem Billy damals verschwand.
Aber Billy ist noch da – er schläft neben mir.
In der Zeltwand ist ein Schlitz von oben bis unten.
Ich spüre, dass draußen jemand ist, und spähe durch den Schlitz, kann aber nur Dunkelheit erkennen. Wer es auch ist, ich sehe nichts, obwohl ich weiß, dass die Person direkt davorsteht.
Dann höre ich es.
Rrrritsch.
Das Geräusch, wie das Zelt aufgeschlitzt wird, auch wenn das längst geschehen ist. Das Geräusch kommt verspätet, genau wie man den Donner erst nach dem Blitz hört.
An diesem Punkt wache ich auf. Jedes verdammte Mal. Und das schreckliche Rrrritsch hallt an dem Ort, an dem ich mich gerade befinde, noch kurz nach.
Warum ich diesen Traum habe und was er im Einzelnen bedeutet, ist ein Geheimnis, das ich gern lüften würde. Zuerst nahm ich an, er bedeutete, dass ich irgendwie mitbekommen habe, wie das Zelt aufgeschlitzt wurde, oder vielleicht sogar ganz wach wurde. Nur habe ich keinerlei bewusste Erinnerung daran. Nicht einmal einen vagen Eindruck davon, die Augen zu öffnen und den Schlitz zu sehen.
Ehrlich gesagt will mir das Ganze immer noch nicht so recht in den Kopf. Da kommt eine fremde Person in meinen Garten, schneidet mein Zelt auf, entführt meinen besten Freund. Und ich schlafe währenddessen seelenruhig weiter, bemerke nichts und erinnere mich an nichts? Mein heutiges, von Schlaflosigkeit geplagtes Ich würde sagen: unmöglich. Aber mein zehnjähriges Ich war da ganz anders. Damals schlief ich wie ein Toter.
