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"Wo bin ich?", rief sie gleichzeitig verwirrt und verärgert. "Im Olymp", antwortete Merkur knapp. "Und hier ist dein Vater." Er deutete auf einen mit Gold und Edelsteinen verzierten, massiven Sessel aus dunklem Holz. Kreisförmig um die Lehne angeordnete goldene Strahlen symbolisierten eine Sonne. Auf diesem Gebilde thronte ein Mann mit glänzenden schwarzen Haaren und einem glitzernden weißen Hosenanzug. "Elvis?" Mirabella dachte eigentlich, sie wäre ein ganz normales vierzehnjähriges Mädchen. Okay, fast normal. Diese verhassten feuerroten Haare waren ein echter Fluch. Und dass sie mit Tieren reden konnte, war schon schräg, aber Greta sagte immer, das gäbe es manchmal. Nun hatte sich jedoch herausgestellt, dass sie Dinge bewegen und mit bloßen Händen ein Feuer entfachen konnte. Was bedeutete das? Richtig, sie war eine Hexe, was sonst? Das dachte sie auch, aber es kam alles ganz anders… Wenn du mit Mirabella zusammen in eine geradezu himmlische Klasse mit Jugendlichen aus ganz Europa gehen, auf einem Pegasus reiten, in Flügelschuhen fliegen und Riesen kennenlernen möchtest, dann begleite sie und ihren neuen Halbbruder bei ihrem größten Abenteuer, das ihr neues Leben ist.
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Seitenzahl: 471
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Isabelle Pard
Mirabella und die Kinder des Olymp
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 – Das Mädchen mit den roten Haaren
2 - Lukas oder der schwebende Löffel
3 – Von Ziegen und Beos
4 – Elvis und die Halbgöttin
5 – Athena und die sprechenden Bücher
6 – Nikolaos und der Weihnachtsmann
7 – Antonia und die Olympischen Kinder
8 – Greta und der Weiberheld
9 – Minerva und das Inferno
10 – Allyra und die Ohrnymphen
11 – Jupiter oder hast du auch einen Vogel?
12 – Die Schöne und der feurige Hengst
13 – Der Zankapfel und der Zorn
14 – Juno und die Giftnattern
15 – Helena und die Früchte des Zorns
16 – Neptun und die Unsterblichkeit
17 – Venus und die liebe Liebe
18 – Die Kontrolle des Geistes
19 – Merkur oder Absturz ins Ungewisse
20 – Vesta und die geheimnisvolle Statue
21 – Deus ex Machina oder der Gott aus dem Kamin
22 – Mirabella Pippilotta
23 – Zwergenzauber
24 – Die Kunst des Mars
25 – Vulcanus und die Fangnetze
26 – Schatten der Vergangenheit
27 – Herkules und Iuventas oder citius, altius, fortius (schneller, höher, stärker)
28 – Die Schule des Lebens
29 – Willkommen in der Unterwelt
30 – Beste Freunde
31 – Alles Walzer!
32 – Das Orakel von Delphi
33 – Der Amazonen-Club
34 – Die Auserwählte
35 – Morituri te salutant: der Tag der Prüfung (Die Todgeweihten grüßen dich)
36 – Die göttliche Heimsuchung
37 – Olympische Debütanten
38 – Carpe noctem (Nutze die Nacht)
Epilog
Lateinisches Vokabular
Glossar
Danksagung und Nachwort
Impressum neobooks
„Findest du das nicht auch komisch, Bert?“
Der so angesprochene Beo legte seinen Kopf schief und sah das junge Mädchen mit den rötlich schimmernden Locken und den Sommersprossen auf der Nase fragend an.
„Niemand von uns ist rothaarig – nur ich.“ Kritisch betrachtete sich Mirabella in der Klinge des Messers. Feuerrote Kringel umrandeten das hübsche Gesicht und liefen wie ein Strom heißer Lava über die Schultern den Rücken hinunter. Wenn sie wenigstens Zauberkräfte wie die Disney Rapunzel in ihnen gehabt hätte! Aber sie schienen nur zu existieren, ihr Ärger zu bereiten. Als Kind hatte man sie ständig ‚Pumuckl‘ gerufen, später war sie ‚die rote Zora‘ oder ‚Pippi‘. An sich keine unsympathischen Gestalten, aber manchmal wünschte sie sich doch, die langweilige, unauffällige Annika zu sein, die nicht alle Blicke auf sich zog, wenn sie einen Raum betrat. ‚Hexe‘ war neuerdings beliebt, dabei hatte nicht einmal Hermine, die Freundin von Harry Potter, rote Haare.
„Vielleicht bist du ein Wechselbalg“, pfiff der schwarze Vogel in seiner eigentümlichen Art und riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Wählerisch pickte er nach einem der Erdbeerstücke in Mirabellas Dessertschale, die auf dem Esszimmertisch stand.
„Shh… Ein was?“ Die grünen Augen blitzten gefährlich auf. Bert, der den leicht entflammbaren Zorn seiner menschlichen Freundin kannte, flog zu einer Stuhllehne außerhalb ihrer Reichweite. „Ein Kuckucksei, untergeschoben von Elfen, dem Teufel oder Hexen. Und es war ein Scherz…“, antwortete er in pfeifender Beo-Sprache, auch wenn er einige Wörter beherrschte.
„Ha ha“, quittierte das Mädchen den Witz lustlos, vielmehr pfiff sie zurück, bot Bert jedoch versöhnlich ein weiteres Stück der roten Beeren an.
Dass sie mit Tieren sprechen konnte, wusste sie schon lange, schon immer. Interessanter war damals die Erkenntnis gewesen, dass es nicht alle Menschen konnten. Nur nach und nach hatte sie verstanden, dass ihre Eltern und Freunde keine Tiersprachen beherrschten, keine einzige. Ganz klar war es ihr im Alter von fünf Jahren geworden, als ihr Mau erklärt hatte, wie man die Oma austrickste, um ans Futter zu kommen: Mau war der alte Kater ihrer Großmutter und der schlaueste Vierbeiner, den sie je kennengelernt hatte. Er gestand seine Ablenkungsmanöver direkt maunzend vor der Oma, die offensichtlich keinen Laut begriff, während Mirabella mit vor Staunen geöffnetem Mund dem Kater lauschte. „Hörst du nicht, was Mau sagt?“, fragte sie immer wieder ungläubig, aber die Großmutter lächelte sie nur liebevoll an. „Ihr, Kinder, ihr versteht den Kater natürlich, du liebst es besonders, die Tiersprache nachzuahmen, nicht wahr?“
Mirabella hatte genickt und dennoch nichts verstanden. Erst Greta, ihr Kindermädchen, hatte sie später aufgeklärt. „Sie denken, du machst die Tierlaute nach, wie alle Kinder. Lass sie ruhig. Sie finden es unterhaltsam, aber sie werden dir nie glauben, dass du sie wirklich verstehst. Das ist unser Geheimnis!“
Ein Geheimnis! Sie schmunzelte, als sie daran dachte, wie sie damals ein heißer Schauer durchlaufen, sie elektrisiert hatte. Endlich ein richtiges Geheimnis! Eines, das sie niemandem erzählen durfte. Wie jedes fünfjährige Mädchen hatte sie es natürlich mit jemandem teilen wollen. Die feierliche Einweihung ihrer besten Freundin Antonia war jedoch ein totaler Reinfall gewesen. „Ja, kann ich auch“, hatte diese nur lapidar geantwortet. Nach mehreren „Nein, kannst du nicht“ und „Doch, kann ich wohl“-Runden, hatte Mirabella es aufgegeben. Sie schüttelte amüsiert den Kopf bei dieser Erinnerung und wurde dann ernst. Eigentlich mochte sie Geheimnisse überhaupt nicht. Sie war nicht der Typ, der sich in Geheimniskrämerei erging, es fiel ihr schon schwer, ihren Eltern zu verheimlichen, was sie ihnen zu Weihnachten schenken würde. Genauso wenig mochte sie Lügen oder falsches Spiel. Sie war niemand, der mit seiner Meinung hinterm Berg hielt. Ihre offene ehrliche Art kam jedoch nicht immer gut an. „Das war jetzt aber nicht sehr diplomatisch“, war der Lieblingssatz ihres Vaters, wenn Mirabella einmal wieder zu geradlinig geäußert hatte, was ihr durch den Kopf ging. In Verbindung mit ihrer Impulsivität war sie mehr als einmal schon so rot wie ihre Haare geworden, als ihr zu dämmern begann, was sie gerade von sich gegeben hatte. Sie musste lachen und Bert legte seinen Kopf fragend schief.
„Ach, ich musste gerade an Tante Ella denken. Als ich sagte, dass Mama kein Schweinefleisch isst. ‚Was? Sie hat doch nie was gesagt!‘ “, äffte sie ihre Tante übertrieben nach. „Papa hat anfangs bestimmt gesagt, dass sie kein Schwein isst, aber Ella hört nie zu und Mama ist einfach zu höflich, etwas zu sagen.“ Ihre Mutter nahm ihr das bis heute übel, Ella in Verlegenheit gebracht zu haben, aber Mirabella fühlte sich noch immer im Recht. Genau das gleiche idiotische Verhalten legte ihr Vater an den Tag, wenn sie bei Yasmins Familie waren. Er vertrug einfach kein scharfes Essen. Aber sagte er etwas, wenn ihm die Augen tränten und die Kehle brannte? Nein, er wollte keine Schwäche zeigen und nicht unhöflich erscheinen. Mirabella machte so etwas rasend, warum konnte man nicht einfach die Wahrheit sagen? Es war schließlich die Familie! Aber vielleicht war ja genau dies das Problem...
Ihr Großvater erzürnte sie auf andere Weise. Er mogelte gerne beim Kartenspielen, um seine Enkelin gewinnen zu lassen. Mirabella fühlte sich zu tiefst in ihrer Ehre gekränkt und wie ein kleines Kind behandelt, auch als sie noch eines war. Sie konnte sehr wohl verlieren und brauchte keine Sonderbehandlung. Ihr Großvater meinte immer, sie wäre nur so zornig, weil sie verlieren würde. Das kam noch erschwerend hinzu, aber sie konnte Mogelei oder unfaires Verhalten tatsächlich nicht leiden. Selbst die Polizistin damals hätte sie nicht angelogen und den Käfig auf dem Balkon nicht verschwiegen, aber das war eine andere Geschichte. Trotz ihrer Abneigung gegen Heimlichtuerei hatte sie aber ihr großes Geheimnis nach all den Jahren nicht ausgeplaudert und nur mit Greta geteilt. Es war so sehr ein Teil ihrer selbst geworden, dass sie nicht mehr darüber nachdachte. Als sie größer wurde, begriff sie, dass ihre Gabe etwas ganz Besonderes war. Eine Mischung aus Scham und Angst bewahrte sie jedoch davor, dies kundzutun und sich in ihrem Können zu sonnen. Natürlich fragte sie Greta oft, ob es noch andere Menschen geben würde, die mit Tieren sprechen konnten. Das Kindermädchen hatte ihr vom Heiligen Franziskus erzählt. „Er konnte auch mit Tieren reden. Nutze deine Gabe, Mira, um den Tieren zu helfen!“ Genau das wollte sie tun. Sie wollte später einmal Tierpsychologin werden.
Ihren ersten Patienten hatte sie folgerichtig zum sechsten Geburtstag von Greta geschenkt bekommen: Bert. Mirabellas Eltern waren wenig begeistert gewesen, aber das Leuchten in den Augen ihrer Tochter und das schlechte Gewissen, da beide ganztags im nahegelegenen Krankenhaus arbeiteten, hatten dazu geführt, dass sie den exotischen Vogel behalten durfte. Miras damalige Begeisterung für ‚Die Sesamstraße’ und ihre Angewohnheit, das ganze Sofa mit Butterkeksen voll zu krümeln, hatten den neuen Mitbewohner erwogen, sie „Krümelmonster“ zu nennen. „Ha, dann bist du Bert, du alter Aufpasser!“ Unwillig hatte der Beo den Kopf geneigt, dann jedoch genickt. „Na gut, besser als Ernie.“ Somit war die Taufe geschehen und die beiden wurden unzertrennlich. Sein Käfig, der nur als Schlafplatz fungierte, hing in Mirabellas Zimmer an einer umfunktionierten Affenschaukel, die Tür stand immer offen.
‚Die Meckermotze‘ aus dem zweiten Stock, so hatte Mirabella sie genannt, eigentlich hieß sie Frau Brummerle, hatte sich regelmäßig über das Pfeifen beschwert und einmal sogar die Polizei gerufen. Das war die Geschichte mit dem Käfig auf dem Balkon. „Wegen Verdachts des unerlaubten Besitzes eines tropischen Vogels.“ Höchstwahrscheinlich war sie damit sogar im Recht gewesen, aber Mirabella hätte Bert um nichts auf der Welt hergegeben. Nach Inspektion der hübschen Altbau-Wohnung waren die beiden Polizeibeamten, ein dicker Gemütlicher und eine sportlich-dynamische Blondine, auf die Balkontür zugesteuert, vor der Mirabella herumlungert hatte, bereit, sie mit ihrem Leben zu verteidigen, wenn Greta nicht eingeschritten wäre.
„Schöner Balkon. Dein Geheimversteck?“ Mirabella schüttelte auch nach den vielen Jahren noch immer ungläubig den Kopf. Wie konnte die Polizistin den Käfig damals nur übersehen?
„Können Sie sich vorstellen, wie Frau Brummerle auf die Idee gekommen ist, Sie könnten einen Beo haben?“
Gretas fester Händedruck hatte sie aus ihren Gedanken gerissen und sie in Beosprache pfeifen lassen. „Alles gut, Bert. Dein Käfig wurde nicht gefunden. Bleib noch im Versteck!“
Mirabella hatte nie herausgefunden, was genau passiert war, aber sie fand diesen Streich ungemein gelungen. Von diesem Tag an achtete sie jedoch darauf, mit Bert nicht in der Mittagspause zu zwitschern. Unerwartet war die Meckermotze letztes Jahr plötzlich verzogen und Mirabella hatte einen Freudentanz aufgeführt. Nun unterhielt sie sich manchmal auch mittags mit Bert, so leise wie möglich, wegen der anderen Nachbarn. Aber es war fast ein Ding der Unmöglichkeit für Beos, leise zu sein. Sie betrachtete ihren gefiederten besten Freund liebevoll und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Was hatte er eben gesagt? Wechselbalg? Sollte sie tatsächlich das Kind einer Hexe sein? Gab es Hogwarts wirklich? Sie verzog verächtlich den Mund. So ein Quatsch. Es gab bestimmt eine wissenschaftliche Erklärung für ihre erstaunlichen Sprachkenntnisse. Das jedenfalls würde ihr Vater, der Arzt, sagen. Andererseits - Hexen hatten doch jedem Klischee zufolge rote Haare. Für die gewöhnlichen Hexenschulen, über die sie gelesen hatte, wäre sie allerdings schon längst überfällig gewesen. Sie war diesen Sommer vierzehn Jahre alt geworden und ging auf das städtische Gymnasium ganz ohne Zauberunterricht.
Seufzend stopfte sie sich eine riesige Erdbeere in den Mund. Genüsslich sog sie den süßen Saft der leicht gezuckerten Früchte ein, als Greta in diesem Moment aus der Küche trat und ihre dunklen Augen den unangetasteten Teller mit Lasagne erspähten. Fast unzerkaut schluckte Mirabella die Beere hinunter.
„Hast du keinen Hunger, tesoro mio?“ Die dunkelhaarige Süditalienerin war bei ihnen als Haushälterin geblieben, kaufte ein und kochte, kümmerte sich um den Alltag und blieb abends bei Mirabella, wenn es nötig war. Energisch schüttelte das Mädchen den Kopf. Ihr fiel wieder der Grund ihrer schlechten Laune ein. Derzeit hatten zwei Mädchen aus ihrer Klasse Gefallen daran gefunden, ihr Gift über Mirabellas auffällige Haarpracht zu versprühen. Antonia behauptete immer, dass sie nur neidisch wären, aber sie hatte leicht reden - mit ihren haselnussbraunen Seidenhaaren.
„Ärger in der Schule?“ Greta strich zärtlich über den krausen Schopf. „Wieder die Haare?“
„Was sonst!“ Dann grinste sie plötzlich schelmisch. „Aber heute war Nathalie es am Ende, über die gelacht wurde!“
Als Greta ihren Schützling fragend ansah, berichtete sie, dass eines der Lästermäuler nach ihrer gehässigen Bemerkung unerwartet gestolpert und mit dem Gesicht mitten in ihr blödes Cupcake gefallen wäre. „Genau, was ich gewünscht hatte!“, schloss sie triumphierend.
„So, so“, bemerkte Greta schmunzelnd. „Da kann man nur hoffen, dass du dir nichts Schlimmeres wünscht!“
„Keine roten Haare!“, erwiderte das Mädchen trotzig, als es in dem Moment unten an der Haustür des Wohnhauses klingelte. „Das sind bestimmt Toni und Luk.“ Sie sprang auf, um ihre besten Freunde hinein zu lassen.
Stürmisch riss sie die Wohnungstür auf und stützte sich ungeduldig wartend auf das schmiedeeiserne Treppengeländer.
Von Antonia keine Spur. Lukas, der dritte in ihrer kleinen Clique, stapfte gemächlich die Treppe in den vierten Stock des Altbaus hinauf. Während der abgetretene Läufer mit undefinierbarer Farbe die Schritte oberflächlich dämpfte, knarzte fast jede der alten Stufen unter seinem Tritt. Im zweiten Stock hielt er in der Bewegung inne und streckte seinen Kopf seitlich übers Geländer. „Können die nicht mal einen Lift hier einbauen, Mann?“
„Im alten Rom gab es auch keinen“, rief Mirabella ihm grinsend zu. Er hatte im Gegensatz zu ihr Latein gewählt und las gerade mit Begeisterung die klassischen Sagen des Altertums. „Aber Sänften!“, beschwerte er sich gespielt und setzte den Weg nach oben fort. Seine struppigen blonden Haare sahen wie ein in Auflösung befindlicher Strohballen aus. Er konnte sie noch so sorgfältig frisieren, sie standen kreuz und quer. Mirabella musste jedoch mehr über die saubere faltenfreie Jeans und das karierte Hemd schmunzeln, als er keuchend vor ihr stand. Er hätte die mageren finanziellen Mittel seiner Eltern sehr gut mit einem coolen Gammellook kombinieren können, aber Lukas hielt nichts von zerschlissenen Jeans, T-Shirts und abgelaufenen Schuhen. „Ich mag nicht reich sein, aber ich bin nicht versifft“, hatte er geantwortet, als Mirabella wissen wollte, warum er immer wie aus dem Ei gepellt aussehen würde. Bis auf die Haare.
„Sport tut dir gut, sitzt eh zu viel vor dem PC. Schon Drachen erlegt heute?“, begrüßte sie ihn.
„Nee, hab heute nur einen in ein Cupcake fliegen sehen!“
Mirabella prustete los, während Lukas die Schuhe auszog. „Ach“, fiel ihm ein, „Toni ist nach Hause, ihre Mum rief sie unterwegs an.“
„Oh, ist was passiert?“
Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist ihr ein Nagel abgebrochen...“ Sie musste wider Willen lachen.
„Eher wird sie wieder zum Shoppen mitkommen müssen.“
Lukas verdrehte die Augen. „Als wenn sie das nicht genießen würde…“
„Wahrscheinlich schon“, gab Mirabella zu, unfähig eine gewisse Enttäuschung zu verbergen.
„Läuft nicht mehr so zwischen euch, oder?“, fragte der Junge vorsichtig, während er seiner Freundin ins Esszimmer folgte.
„Nee.“ Antonia interessierte sich scheinbar nur noch für Jungs und Shoppen, voll langweilig. Mirabella setzte sich frustriert an den Esstisch und schob ihren Teller beiseite. „Fangen wir mit Mathe an?“
Sie hatte schon immer eine Begabung fürs Rechnen gezeigt, die Lukas und sie seit der Grundschule teilten. Amüsiert hatte sie bemerkt, dass er einen gewissen Ehrgeiz entwickelt hatte, sich mit ihr zu messen, während Antonia gerne die Mathe-Aufgaben abschrieb.
„Latein fördert übrigens das logische Denken!“, behauptete Lukas nun, als sie sich an die erste Aufgabe machten. Greta, die ihnen gerade eine heiße Schokolade mit Marshmallows brachte, lächelte dem Jungen wohlwollend zu.
„Ich werde trotzdem kein olles Latein lernen“, erwiderte Mirabella augenrollend. „Sind die alten Sagen eigentlich spannend?“
„Total. Helden, Kämpfe, Liebe, großes Drama, alles da.“
„Nur kein Lift. Ich bevorzuge Science Fiction, coole Technik und Zukunftsmusik“, entgegnete Mirabella unbeirrt. Ihr Vater hatte in seiner Jugend für Spock und Co geschwärmt und sie mit dieser Utopie vertraut gemacht.
„Mag ich ja auch, aber die haben total oft von den Klassikern geklaut.“
Sie zuckte unbeeindruckt mit den Schultern und begann die zweite Aufgabe. „Mit Ballett will sie übrigens auch aufhören!“
„Wieso das denn?“ Lukas wirkte ehrlich verwundert.
„Ach, keine Ahnung, ist uncool.“
„Seit ihr Dad eine Freundin hat, ist sie echt von der Rolle.“
Mirabella seufzte. „Ja, das versuche ich mir immer zu sagen.“ Sie sah zum Hochzeitsbild ihrer Eltern, das auf der Jugendstilanrichte stand. „Bin ich froh, dass meine Eltern so spießig monogam sind!“
Lukas musste lachen. „Dafür lebt Toni in ner Villa...“
Mirabella schnaubte leicht und widmete sich wieder der Aufgabe. „Bingo!“, triumphierte sie wenig später. Der Junge sah verärgert auf, während sie ihn angrinste. „Ich gebe zu, die war blöd formuliert. Wer schafft die nächste schneller?“
Beide machten sich sofort an die neue Aufgabe und fanden gleichzeitig zur Lösung. Während Lukas sichtlich zufrieden einen Schluck trank, blickte Mirabella schon wieder ins Buch. „Die nächste?“
„Die haben wir doch gar nicht auf!“
„Ach, komm schon, Luk, die sieht knifflig aus.“
Der Junge gab kopfschüttelnd nach. „Okay, du Irre, dann los.“
Angestrengtes Denken erfüllte den Raum, bis Mirabella zufrieden lächelnd den Füller von sich schob. Sie mochte Rätsel genauso wenig wie Geheimnisse und ruhte nicht eher, bis sie gelöst waren.
„Fertig?“, fragte Lukas ungläubig. „Wow! Die Formel ist saulang“, er sah sie mit echter Bewunderung an, was sie sichtlich genoss. Sie fühlte, wie eine ungeahnte Kraft und Wärme ihren Körper bis in die Fingerspitzen durchströmten. Als ihr Schulfreund unbeholfen nach einem Löffel auf dem Tisch fingerte, bewegte er sich plötzlich auf ihn zu. Ungläubig starrte er den Löffel an. „Hast du das gesehen?“
Mirabella war ebenfalls in der Bewegung erstarrt, aus irgendeinem Grund war ihr klar, dass sie den Löffel bewegt hatte. Auf welche Art auch immer. Mechanisch nickte sie.
„Komisch“, meinte Lukas. „Du hast nicht etwa telekinetische Fähigkeiten, Mira?“
„Tele-was?“, fragte sie irritiert.
„Telekinese, Bewegen von Gegenständen mittels Geisteskraft. Wie bei Star Wars, die Jedis, weißt schon.“
Mirabella nickte wieder und schüttelte dann den Kopf. Sie traute sich nicht zuzugeben, dass sie dafür verantwortlich war, obwohl sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben sicher war, dass sie die Bewegung verursacht hatte. Es hatte in den letzten Monaten immer wieder seltsame Situationen ähnlich dieser gegeben, aber sie hatte sie nie eindeutig mit sich in Verbindung gebracht.
„Hm, vielleicht gab es ein Mini-Beben?“, meinte Lukas schulterzuckend, nahm den Löffel, fischte das letzte Marshmallow heraus und widmete sich wieder der Aufgabe.
Mirabella saß immer noch nachdenklich auf ihrem Stuhl und starrte auf den Füller vor ihr. Sollte sie es noch einmal bewusst versuchen? Sie sah nervös zu Lukas, der vertieft in die Aufgabe schien. Mit aller Kraft konzentrierte sie sich auf ihren auf dem Tisch liegenden Stift und wollte ihn in ihre geöffnete Hand befördern. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, das Wunder von vorhin passierte nicht. Sie versuchte sich zu erinnern, was anders war, als sie den Löffel zu Lukas bewegt hatte. Er hatte sie bewundert. Hatte ihr das Kraft gegeben? Selbstvertrauen? Sie konzentrierte sich erneut auf den Gegenstand, dachte an die Bewunderung in Lukas Augen und ließ den Füller in ihre Hand gleiten. Geschafft! Wow! Schnell sah sie auf, Lukas schrieb konzentriert Zahlen auf sein Papier.
„Fertig?“ unerwartet stand Greta neben ihr. Mirabella zuckte vor Schreck zusammen, blickte dann fragend auf. Ein winziges Lächeln stahl sich in Gretas Gesicht. „Mit den Hausaufgaben, Liebes?“
Skeptisch maß sie ihr ehemaliges Kindermädchen, während sie fast unmerklich nickte.
Nach den Hausaufgaben verabschiedete sich Lukas zum Klavierunterricht. Pflichtbewusst setzte sich auch Mirabella ans Klavier im Wohnzimmer, schloss aber die Klappe sofort wieder. Sie war innerlich zu aufgewühlt, an Klavierspielen war nicht zu denken, an nichts Anderes als dieses mysteriöse Erlebnis von eben. Was war das für eine Kraft in ihr? Gedankenverloren klopften ihre Finger auf dem glatten schwarzen Holz. Eigentlich hätte Antonia heute Nachmittag ihre neuen Rollerblades mit ihr ausprobieren wollen, aber sie ging wohl lieber Klamotten kaufen. Mirabella trommelte erneut auf dem Klappendeckel des Klaviers, das andere Töne von sich zu geben gewohnt war, bis sie Gretas Blick auf sich ruhen spürte. Sollte sie sich ihr anvertrauen? „Greta?“
„Ja?“
„Nichts.“ Es schien noch zu frisch, als dass sie darüber reden konnte. Mit Tieren reden, okay. Aber auch noch Tele-irgendwas? Sie schluckte und ein kurzes unangenehmes Schweigen folgte.
„Warum gehst du nicht etwas raus, spazieren?“
Greta hatte recht, wie immer. Mirabella musste an die frische Luft. Eilig zog sie sich ihre Sandaletten an und stürmte die knarzende Treppe hinunter. Strahlender Sonnenschein begrüßte sie an der Haustür und entlockte ihr ein Lächeln. Sie atmete befreit auf, ging ein paar Schritte in Richtung Isarufer und setzte sich auf eine schlichte Holzbank am Wegesrand. Mirabella liebte diese Bank, die einen Blick ins Grüne bot und Ruhe und Erholung versprach. Weiße Kiesbänke blitzten durch das Grün und ließen den sich durch München schlängelnden Fluss erahnen. „Von Walther für Irmgard“, lautete eine schlichte Gravur auf der Lehne der Bank. Oft ersann sie eine Lebensgeschichte für die Unbekannten, jedes Mal eine andere, während sie nach Bert Ausschau hielt, da er sie meist auf ihren Spaziergängen begleitete. Heute verschwendete sie nicht einen Gedanken an Irmgard und Walther. Hatte sie wirklich telekinetische Fähigkeiten? Das war doch vollkommen irre, oder nicht? Sie googelte ‚Telekinese‘. ‚Bewegung oder Ortsveränderung von Gegenständen‘ durch ‚geistige Kräfte bestimmter Personen‘ hervorgerufen, laut Wiki. ‚Ein wissenschaftlich nachvollziehbarer Nachweis ist nicht erbracht worden.‘ Hm. Aber was sollte es sonst sein? Was, wenn die Sache mit dem Cupcake ebenso mit ihr zusammenhing? Der Löffel tat es zweifelsfrei. Sie hatte ihn aus der Ferne bewegt. Konnte sie vielleicht auch den Stock neben ihren Füßen schweben lassen? Sie konzentrierte sich auf das kurze Stück Holz, seine krumme Struktur, die Rinde und rief sich wieder die Bewunderung seitens Lukas ins Gedächtnis. Tatsächlich, der Stock begann zu schweben. „Gehen wir?“, krächzte Bert neben ihr. Mirabella schreckte auf und der Stock plumpste zu Boden.
„Feuer“, schrie jemand, die Ziegen meckerten ängstlich, nur das kleine Mädchen mit den dicken blonden Zöpfen sah Mirabella fasziniert an. „Bist du eine Hexe?“
Die jugendliche Brandstifterin erwachte aus ihrer Schockstarre. „Komm, du musst hier weg!“
Der riesige Heuhaufen brannte bereits lichterloh und drohte, auf die Futterkrippe des Ziegengeheges überzugreifen. Mirabella schnappte sich die Hand des Mädchens, das nicht viel älter als sechs oder sieben Jahre sein mochte, und zog sie zum Ausgang, die Vierbeiner folgten ihnen ängstlich durch die Doppeltüren ins Freie. „Bleib bei den Ziegen, beruhige sie. Ich muss versuchen, das Feuer zu löschen“, rief sie dem Mädchen zu, während sie sich nach einem Behälter umsah. Sie hoffte, dass der junge Vater Hilfe holte, den sie noch vor wenigen Augenblicken im Gehege gesehen hatte. Im Stall fand sie einen alten schwarzen Eimer und rannte zum kleinen Bach, der durch den Streichelzoo floss. Fast wäre sie auf dem schlammigen Boden ausgerutscht und stand nun mit ihren Sandaletten knöcheltief im Wasser. Eilig befüllte sie den Eimer und schüttete den Inhalt über die Flammen, welche den Heuhaufen fast vernichtet hatten und nun gefährlich am Fuß der Futterkrippe züngelten. Die feuchten Halme rauchten im Feuer und der Qualm stach ihr in der Nase. Rasch drehte sie sich um und holte erneut Wasser. Mehrmals lief sie hin und her, bis drei Zoowärter eintrafen und das Löschen mit weiteren Eimern und Matten zum Ersticken der Flammen übernahmen. Noch außer Atem ging Mirabella zu dem kleinen Mädchen und den Ziegen außerhalb des Geheges und beobachtete entsetzt ihr Werk. Was hatte sie nur angerichtet?
Eine ältere braun-weißgescheckte Ziege mit schmalen kurzen Hörnern bahnte sich den Weg durch die Herde. „Mach das bitte nie wieder“, meckerte sie ernst. Schuldbewusst senkte die Mirabella den Kopf, dass ihr die roten Locken ins Gesicht fielen. „Es tut mir sehr leid“, erwiderte sie meckernd, „ich wollte das nicht.“ Die Ziegen waren schon immer ihre Lieblingstiere im Hellabrunner Zoo gewesen. Von klein auf hatte sie diese frechen, lustigen Fellfreunde besucht, nie würde sie ihnen ein Leid antun wollen. Sie hatte den Heuhaufen aufwirbeln wollen, aber leider war ihrer Hand ein Feuerstrahl entwichen.
Die Kleine beäugte sie erneut argwöhnisch und wiederholte ihre Frage ungeduldig. „Bist du jetzt eine?“
„Hexe? Wieso? So ein Feuer kann auch mal alleine… Eine Glasscherbe vielleicht?“ Mirabella spürte, wie sie errötete und dem durchdringenden Blick des Mädchens auswich.
„Ich habe ganz genau gesehen, dass du das warst“, antwortete die kleine Inquisitorin unbeirrt und stemmte die Hände in die Hüften. Schnell sah sich Mirabella um, ob irgendjemand zuhörte. Es hatte sich eine Gruppe von Schaulustigen um das Zoogehege versammelt, aber das Feuer und die Aufregung schienen alle in Bann zu halten. „Hättest du eigentlich gar keine Angst, wenn ich eine wäre?“, fragte sie schließlich irritiert.
„Nö, wieso?“
Mirabella musterte die Kleine erneut. „Magst du Harry Potter?“
„Wen? Ach, den im Buch? Klar, aber du bist eine echte Hexe.“
„Und wer bist du?“, das Mädchen war ihr langsam unheimlich.
„Klio“, sie lächelte unschuldig.
„Und du bist eine Hexe?“
„Nein“, die Kleine sah sie fast entrüstet an.
„Und warum dann ich?“
„Hallo!“ Das Mädchen zeigte in Richtung Feuer. „Wer hat hier gerade…“, sie unterbrach sich. „Oh, sie haben‘s geschafft!“
Mirabella folgte dem Blick ins Ziegengehege, das Feuer schien gelöscht zu sein. „Gott sei Dank!“, entfuhr es ihr erleichtert. Kritisch musterte Klio sie erneut. „Das wäre auch eine Möglichkeit. Naja, ich muss jetzt los. Auf bald!“
Sie winkte mit ihrer Rechten und drehte sich zum Gehen.
„Hej, Klio, halt!“, rief Mirabella so laut, dass ein paar Leute aus der Menge neugierig zu ihr sahen. Fragend blickte die Kleine zurück. „Pscht. Sie können mich nicht sehen. Was ist?“
„Wer kann dich nicht sehen?“, flüsterte Mirabella irritiert.
„Na, die Menschen.“
Sie wollte fragen, was das zu bedeuten hatte, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, sie schluckte. Die Menschen? Und was waren sie dann beide? Sah sie Gespenster? Da sie nichts erwiderte, wandte sich Klio erneut zum Gehen.
„Du kannst nicht einfach abhauen!“, zischte Mirabella aufgebracht.
„Kann ich schon, meine Mutter wartet auf mich.“
Mit diesen Worten bahnte sie sich einen Weg durch die Ziegenherde und verschwand in der Menge der Schaulustigen. Mirabella sah ihr sprachlos hinterher.
„Gut, dass du so schnell reagiert hast, junge Dame!“, ein Zoowärter ging auf die verdattert ins Leere starrende Jugendliche zu, die nun aufschrak. „Unser Jüngster fehlt“, meckerte die alte Geiß vorwurfsvoll. „Wir sollten sie zählen“, antwortete Mirabella dem Wärter und ging zurück in das Gehege, die Ziegen folgten ihr brav. Wie erwartet, stellte sich heraus, dass ein Zicklein fehlte. „Ich helfe suchen“, rief sie sofort und stürmte los.
„Mä-ä-ä, mä-ä-ä?“ Immer wieder. Keine Antwort. Auf Nachfrage hatte niemand eine kleine Ziege gesehen. Entmutigt setzte sie sich auf eine Bank und pfiff nach Bert. Wo steckte er eigentlich die ganze Zeit? Wenige Augenblicke später hörte sie den Flügelschlag ihres Beos. Sie wartete nicht, bis er sich auf ihre Schulter gesetzt hatte. „Kannst du mir helfen, eine kleine Ziege zu finden? Bitte!“
„Abgehauen?“
Sie nickte. „Lange Geschichte.“
Der schwarze Vogel flatterte auf und flog davon, während Mirabella ihre Suche auf dem Boden fortsetzte. Ein paar Minuten später kam Bert zurück. „Können Ziegen schwimmen?“
„Was? Wo ist sie?“
„Komm!“
Der Beo flog den Weg voraus und Mirabella rannte hinterher, so schnell sie konnte. Ihr rutschte das Herz in die Hose, als er sie in Richtung Eisbärengehege führte. Kurz vor den Raubtieren bog er jedoch ab und setzte sich auf den Rand des Robbenpools. Das rothaarige Mädchen sah über die Mauer und entdeckte eine kleine weiße Ziege, die angestrengt im tiefen Wasser ruderte. Die jungen Robben schwammen aufgeregt um sie herum, unschlüssig, ob das Böcklein als neuer Spielkamerad taugte. Mirabella lächelte im ersten Moment erleichtert, merkte aber schnell, dass dem Zicklein langsam die Kraft ausging. Ohne zu überlegen, kletterte sie über die Mauer. „Hej, du da!“, hörte sie noch, dann war sie ins kalte Wasser gesprungen. Sie zog das strampelnde Fellknäuel mit dem rechten Arm an sich und ließ sich von Timmi ins Flache ziehen. Dankbar streichelte sie die junge Robbe und wurde spielerisch in die Seite gestupst. Als sie glücklich mit der Ziege im Schoß auf den nassen Steinen des Geheges saß, bemerkte sie ihr Publikum. Mehrere Handys waren auf sie gerichtet und filmten die Szenerie. „Shit, jetzt bin ich auch noch im Netz…“, murmelte sie verärgert, lächelte kurz schief und drehte sich abrupt weg von den Kameras. Zum Glück hatte sie keinen kurzen Rock angezogen, dafür klebte die nasse Jeans nun unangenehm an ihren Beinen. Vorsichtig stand sie auf dem rutschigen Boden auf und kletterte über die Mauer, das Zicklein im Arm. Eilig rannte sie zurück zum Streichelzoo und setzte den verlorenen Sohn bei der Herde ab. Die alte Geiß bedankte sich, während Mirabella unglücklich das Ausmaß der Verwüstung betrachtete.
„Niemand wurde verletzt und die Krippe steht auch noch“, beruhigte sie die Mutter vom kleinen Ausreißer. „Du musst lernen, deine Kraft zu kontrollieren.“
Das Mädchen betrachtete stirnrunzelnd ihre unschuldig aussehenden Hände. „Aber wie?“, fragte sie hilflos. Die Bewunderung der kleinen Kinder, die Mirabella im Umgang mit den Ziegen beobachtet hatten, war der Auslöser ihrer Dummheit gewesen. Die ihr bis heute nicht bewusste Kraft war erneut geweckt worden. Übermütig hatte sie den Laubhaufen aufwirbeln wollen, aber stattdessen Feuerblitze produziert.
„Zunächst einmal musst du herausfinden, wer du bist.“
„Eine Hexe?“
Die Geiß betrachtete Mirabella kritisch. „Möglich.“
„Weißt du, wer das kleine blonde Mädchen war?“
„Welches Mädchen?“
„Äh…“
„Kleiner Scherz, wir Tiere können sie sehen.“
Fast hysterisch lachte Mirabella auf, um die Ziege im nächsten Moment irritiert anzublicken. „Sie?“
„Nymphen.“
„Sowas gibt es?“, fragte sie ungläubig.
„Wieso nicht?“
Mirabella verzog ihre Mundwinkel und nickte. „Klar…wieso nicht!“
Völlig durchnässt und unangenehm nach Fisch stinkend verließ sie unter dem Dank der Wärter (ins Wasser hätte sie nicht springen müssen, sie hätten gute Kescher gehabt) den Zoo und lief das Isarufer entlang. Die nasse Kleidung ließ sie frösteln, ihr Magen knurrte, aber die Informationen drangen nicht zu ihr durch. Nachdenklich ließ sie Steine über das Wasser springen. Wie war das nur möglich, dass sie diese Kräfte besaß? Kräfte, Gegenstände zu bewegen und sie in Brand zu setzen. Wieso jetzt auf einmal? Wieso heute?
In diesem Moment traf Bert auf ihrer Schulter ein. „Ich bin vielleicht wirklich ein Wechselbalg“, begrüßte sie ihn noch immer entgeistert. Der Beo nickte beifällig und sah durch sie hindurch. Er schien andere Probleme zu haben, seine Augen leuchteten nicht wie sonst, fiel ihr schließlich auf. „Warst du bei Maya?“
„Ich habe meine Artgenossen besucht“, erklärte er hoheitsvoll.
Mirabella grinste. „Und wie geht es den beiden?“
„Es sind drei“, in seinem Gesang schwang leichte Sorge mit.
„Ich dachte, nur Maya und ihre Mutter.“
„Vor zwei Tagen kam ein neuer dazu, ein junger Kerl.“
„Das ist doch schön, oder? Nicht? Nein? Weil?“ Mirabella überlegte, konnte es sein, dass Bert eifersüchtig war? „Magst du ihn nicht?“
„Das verstehst du nicht, du bist ja noch ein Kind.“ Bert drehte indigniert seinen Kopf zur Seite.
Mirabella schmunzelte leicht. „Klar... Aber… Maya macht sich bestimmt nichts aus dem jungen Hupfer!“
„Meinst du?“, fragte der Beo unsicher.
„Bestimmt, du bist schlau und erfahren, du hast die Welt gesehen, du lebst in Freiheit.“
„Na ja, Freiheit ist was Anderes…“, protestierte er leicht.
Mirabella stutzte. „Wieso?“
„Überleg mal, wie leben denn Beos in freier Natur?“
Guter Punkt. „Wärst du lieber frei in deiner Heimat?“
„Nein.“ Bert klang ehrlich. „Ich lebe gerne bei euch, wirklich, aber seien wir ehrlich, ich bin ein Haustier.“
„Und das ist schlecht?“
„Nicht schlecht, ich habe ihr nur gesagt, ich wäre unabhängig.“
„Bist du doch. Du hast eben menschliche Freunde und immer was zum Fressen, das ist doch voll der Luxus, oder?“
Bert überlegte. „Das hat sie allerdings auch.“
„Dafür kannst du aber solche Ausflüge machen.“
Er wirkte beruhigter, schien aber nicht völlig zufrieden. „Allerdings kann ich nicht immer bei ihr sein…“
Mirabella strich vorsichtig über seinen Kopf. „Flieg noch mal zu ihr, ich gehe langsam nach Hause.“
„Danke. Es gab übrigens ein Feuer im Zoo, hab ich gehört.“
Es war Sonntagmorgen und Mirabella streckte sich genüsslich nach einem erholsamen Schlaf aus. Die Woche war ohne bedeutsame Ereignisse zu Ende gegangen. In der Schule waren keine weiteren mysteriösen Unfälle aufgetreten und keine unsichtbaren Gestalten erschienen. Das Robbenvideo hatte für etwas Aufruhr gesorgt, war jedoch in der schnelllebigen Internetzeit zwei Tage später vergessen. Mirabella hatte die Sprüche über sich ergehen lassen, ängstlich ihre Kraft ruhen lassen und gewartet. Auf Antworten. Auf jemanden, der ihr alles erklärte. Aber nichts war passiert.
Antonia hatte eine fadenscheinige Ausrede für ihr Fernbleiben gehabt und war Freitagmittag kommentarlos aus dem Klassenzimmer gestürmt. Per Chat hatte Mirabella später erfahren, dass sie das Wochenende am Chiemsee verbringen würde. Bitte, sie würde auch ohne Antonia zurechtkommen. Die einzigen Fragen, die sie derzeit beschäftigten, betrafen die seltsamen Kräfte, die in ihr ruhten. Sie war wohl eine Hexe, aber offensichtlich hatte das außer ihr noch niemand bemerkt. Zu ihren Eltern brauchte sie nicht zu gehen, das waren wissenschaftsgläubige Ärzte, die würden ihr nie glauben und annehmen, sie hätte Magic Mushrooms zu sich genommen. Ihr Papa verabscheute alles Übernatürliche, er bekam schon Zustände, wenn ihre Mama zum Spaß das Zeitungshoroskop las. Nach dem ersten Schock und zweitägigem Schweigen hätte sie sich gerne Greta anvertraut, aber diese war just den Rest der Woche verreist. Zu ihrem Patenkind. Natürlich!
Mirabella verschränkte die Arme unter ihrem Kopf, lehnte sich gegen das Kopfkissen und blickte sinnierend auf ihren Wecker. Halb neun. Noch war es ruhig in der Wohnung und sie überlegte gerade, was sie heute - außer warten - unternehmen sollte, als plötzlich ein junger Mann in einem weißen Wickelkleid in ihrem Zimmer erschien. Sie starrte ihn ungläubig an und vergaß dabei sogar zu schreien. Wenn sie sich nicht täuschte, war das eine antike römische Tracht, eine Tunika, die er trug. Ein Helm mit kleinen Flügeln an den Seiten zierte sein dunkel gelocktes Haupt.
Bewusst blinzelte sie, aber er stand weiterhin da und sah sie nun leicht hochnäsig an. „Salve! Ich bin Merkur.“
„Von der Zeitung?“, fragte sie stirnrunzelnd.
Der Mann mit den edlen Gesichtszügen sah sie beleidigt an.
„Merkur, der Götterbote.“
„Bitte?“
„Ich soll dich zu Jupiter bringen.“
„Klar.“ Sie lachte leicht verunsichert, dann wurde es ihr mulmig zumute. „Sind Sie aus Haar ausgebrochen?“
„Haar?“
„Na, die Psychiatrie.“
Nun versprühten seine Augen Zorn und Mirabella kroch unwillkürlich tiefer unter ihre Decke. „Äh, ich warte zwar gerade darauf, von der Hexengilde kontaktiert zu werden, aber… JUPITER???“ War das nicht der römische Göttervater? Der Typ verarschte sie doch.
„Ich verschwende kein weiteres Wort an dich.“ Merkur drehte sich um seine eigene Achse, alles drehte sich um ihn herum mit und Mirabella wurde gleichfalls von dem Strudel erfasst. Noch schwindlig von dem Manöver stand sie mit ihrer Star Wars Bettdecke in der Hand in einem großen Saal mit antiken Säulen. Die Kälte des glatten Marmorbodens drang durch ihre nackten Füße und ein Frösteln durchfuhr sie.
„Wir haben eine Transportform gewählt, die dir bekannt sein sollte. Dieser kleine Zauberer, Harry Potter, reist doch immer so“, erklärte der fremde Mann neben ihr sachlich.
Mirabella erwachte aus ihrer Bewegungslosigkeit. „Harry Potter?“, ihre Gedanken arbeiteten langsam, sie hörte ihren eigenen Atem. „Also wirklich Hexen?“ Sie sah sich um. „Wo bin ich?“, rief sie gleichzeitig verwirrt und verärgert.
„Im Olymp“, antwortete Merkur knapp. „Und hier ist dein Vater.“ Er deutete auf einen mit Gold und Edelsteinen verzierten, massiven Sessel aus dunklem Holz. Kreisförmig um die Lehne angeordnete goldene Strahlen symbolisierten eine Sonne. Auf diesem Gebilde thronte ein Mann mit glänzenden schwarzen Haaren und einem glitzernden weißen Hosenanzug.
„Elvis?“
Sie sah sich fragend nach Merkur um, aber dieser war schon verschwunden. Die Elvis-Presley-artige Gestalt erhob sich und trat auf sie zu. „Nein, nein, das ist nur eine meiner momentan häufigsten Erscheinungen. Wir leben von der Verehrung, weißt du. Kein Mensch weiß mehr, wie Jupiter aussieht.“
„Wer verehrt denn noch den King of Rock’n Roll?“, fragte sie skeptisch.
„Sehr viele, aber dein Alter steht wohl mehr auf den da.“
Justin Bieber stand breitbeinig vor ihr und lächelte sie leicht schmachtend an. Mirabella verzog das Gesicht. „Nee, nicht wirklich.“ Jupiter betrachtete interessiert ihr Schlaf-T-Shirt. „Eher Cody Simpson?“, Jupiter hatte sich nun in den Teenie-Schwarm verwandelt und sie musste lachen, während sie gleichzeitig errötete. Antonia hatte ihr das T-Shirt geschenkt, da sie beide auf die Musik standen. Es wäre Mirabella jedoch peinlich gewesen, mit diesem Schmachtphoto auf der Brust in die Schule zu gehen, weshalb sie beschlossen hatte, das T-Shirt nur zum Schlafen anzuziehen. „Kannst du auch Spock? Auf den steht mein Papa nämlich total“, fragte sie leicht verlegen.
„Natürlich.“ Sofort stand ein Vulkanier in blauer Uniform vor ihr.
„Das ist der Falsche, Nimoy natürlich“, protestierte Mirabella und fand langsam Gefallen an dem Spiel. Der Vulkanier wechselte noch einmal seine Gestalt, dann setzte er sich gespielt erschöpft auf seinen prunkvollen Thron. „Die Formwandlung kostet Kraft und solange du mir keine Bewunderung entgegenbringst, verliere ich nur Energie. Ich werde jetzt in meine gewohnte Gestalt zurückkehren und dir erklären, warum du hier bist.“
Schlagartig fiel ihr ein, dass Merkur behauptet hatte, dieser Jupiter wäre ihr Vater. Er saß nun in weißer Toga, römischen Sandalen, einem Blätterkranz im dunklen Haar und mit langem gelockten Vollbart vor ihr.
„Du bist echt mein Vater?“, fragte sie ungläubig.
„Ja, Mirabella“, er benutze ihren vollen Namen, den sonst
niemand außer ihrer Mutter verwendete, und auch nur, wenn sie mit ihr schimpfte.
„Ist es dir nicht schon seltsam vorgekommen, dass du Dinge kannst, zu denen andere Menschen nicht fähig sind?“
„Te-le-kinese?“ Sie hoffte, das Wort richtig ausgesprochen zu haben.
Er nickte. „Du besitzt auch mehr Kraft als andere Menschen und deine Wunden heilen wesentlich schneller.“ Dies war Mirabella schon vor langer Zeit aufgefallen und erklärte auch den Skiunfall. Vor zwei Jahren war in Tirol ein Armbruch festgestellt worden, drei Tage später konnte er in München nicht mehr bestätigt werden.
„Sprichst du griechisch?“
„Nein.“
„Das macht nichts“, meinte Jupiter väterlich. „Wir haben ja diesen Pleiteverein übernommen, Latein reicht völlig.“
„Aber… die Sprache ist tot, nicht einmal für ein Medizinstudium brauchte man heute noch ein Latinum…“
Jupiter sah sie streng an. „Latein ist unsere offizielle Amtssprache. Sie ist alles andere als tot!“
Mirabellas Augen weiteten sich leicht. Sein strenger Blick verbot aber jeden spaßigen Kommentar. Er klang ehrlich entrüstet, dann wurde sein Blick jedoch wieder weicher. „Du wirst es lernen, mein Kind.“
Eingeschüchtert nickte sie. „Bist du wirklich mein Vater?“
„Ja, deine Mutter und ich waren zusammen, wie ihr das heutzutage nennt.“
„Du und Yasmin?“, Mirabella konnte sich das nicht vorstellen.
„Nein, Helena“, Jupiter schaute den Bruchteil einer Sekunde irritiert, er hatte schließlich viele Geliebte gehabt. „In deinem Fall bin ich mir ganz sicher. Helena.“
Das Mädchen starrte ihr Gegenüber an. „Dann… dann sind meine Eltern gar nicht meine Eltern?“
„Du meinst deine Adoptiveltern? Nein, sie nahmen dich an, als deine Mutter bei deiner Geburt starb.“
Mirabella sank wortlos auf ihre zusammengeknüllte Bettdecke. Unglaublich und doch… Eigentlich verwunderte es sie gar nicht so sehr. Sie hatte Yasmin und Marcus lieb, aber sie hatte sich immer etwas fremd bei ihnen gefühlt. Einfach anders. Mirabella dachte an das Familienphoto im Wohnzimmer und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Neben Marcus stand seine Schwester Helena, sie musste ihre Mutter sein. Laut Marcus war sie jung gestorben – „nach schwerer Krankheit“. Namens Geburt. Mirabella hatte sich schon immer zu dieser wunderschönen Frau mit den langen honigblonden Locken hingezogen gefühlt, obwohl sie diese nur von Bildern kannte. „Ist Marcus mein Onkel?“
Jupiter nickte lächelnd. „Deine Eltern wollten es dir an deinem achtzehnten Geburtstag sagen“, er schüttelte den Kopf, „aber ich konnte nicht mehr länger warten. Du hast deine Fähigkeiten schon entdeckt und in der Pubertät werden sie stärker, deine Zeit ist gekommen. Du musst entsprechend geschult werden.“
Mirabella sah ihren Vater irritiert an. „Geschult?“
„Die Kräfte bedürfen Training und Kontrolle. Du musst in deine Aufgaben eingewiesen werden, schließlich bist du eine Halbgöttin“, erklärte Jupiter, als wäre es das Normalste von der Welt.
Sie musste lachen, es klang absurd, aber auch gar nicht so schlecht. „Eine Halbgöttin?“, wiederholte sie noch ungläubig, doch keine Hexe. „War meine Mutter auch eine Halbgöttin?“
Der Göttervater schüttelte sein bekränztes Haupt. „Nein, sie war ein Mensch.“ Er betrachtete das junge Mädchen zärtlich. „Du hast ihre Augen.“.
Mirabella verdrehte diese, es klang nach Klischee, aber sie erinnerte sich selbst an die grünen Augen Helenas auf dem Photo. „Und als was hast du dich bei ihr ausgegeben?“, fragte sie ablenkend, war jedoch wirklich neugierig. „Als Filmstar? Als Sänger? Oder als Gott?“
„Wir stellen uns nicht als Götter vor. Deine Adoptiveltern wissen nichts davon. Ich nahm die Gestalt eines römischen Kommilitonen der Musikhochschule an, deine Mutter studierte Ballett und modelte nebenher. Mir war sie durch ein Werbeplakat aufgefallen, sie war wirklich außergewöhnlich schön.“
Mirabella guckte enttäuscht. „Und deswegen hast du sie verführt und dich dann wieder aus dem Staub gemacht?“
„Na ja…“, Jupiter war es sichtlich nicht wohl in seiner Haut. „Ganz so war das nicht… ich wollte… wir wollten… mit Kindern noch warten… weißt du… ich bin verheiratet…“
Ein zorniger Blick war ihre einzige Erwiderung.
„Ich musste die Affäre beenden“, erklärte ihr Vater zaghaft, sein Blick war traurig, aber das besänftige ihre Wut nicht.
„Männer!“, sagte sie angeekelt und wurde plötzlich an Antonia und ihren Vater erinnert. „Betrügt dich deine Frau auch?“
Er stutzte verwundert. „Juno? Nein.“
„Wieso nicht? Das ist ungerecht!“, begehrte sie auf.
„Das verstehst du nicht“, wiegelte er hoheitsvoll ab. Der Gott kam ihr in diesem Moment sehr großkotzig vor, aber sie hob nur trotzig das Kinn und sah ihn mit ihren blitzenden Augen an. Milde lächelte er sie an. „Deine Mutter war von sanfterer Natur.“ Als sie etwas erwidern wollte, gebot er ihr mit erhobener Hand Einhalt. „Ich werde jetzt deine wichtigste Lehrerin herbeirufen.“ Er schnippte mit den Fingern und ein Jugendlicher in Mirabellas Alter und eine junge Frau erschienen. Der Junge trug Jeans und Polo-Hemd, in der Hand hielt er ein Croissant. Im ersten Moment schien er protestieren zu wollen, bis er Mirabella erblickte. Seine dunklen Augen musterten sie interessiert, ein amüsierter Ausdruck schlich sich in sein ebenmäßiges Gesicht mit klassischem Profil, das von kastanienbraunen Locken umrandet wurde. Ein eigenwilliges Grübchen in seinem Kinn unterbrach die Perfektion seiner Züge, verlieh ihm jedoch einen sympathischen Zug. Die junge Frau in ihrer weißen Tunika war von strenger Schönheit und hochgewachsen. Eine hohe Kopfbedeckung, einem Helm gleich, zierte ihr dunkelhaariges Haupt. Ein Käuzchen saß auf ihrer Schulter.
„Das ist meine Tochter Mirabella“, stellte Jupiter das Mädchen im Fan-T-Shirt vor. „Ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Meine Tochter Minerva wird dich in das notwendige Wissen einführen.“ Die schöne Göttin deutete ein leichtes Nicken an und begutachtete Mirabella mit ernster Miene.
„Nikolaos ist in einer ähnlichen Lage wie du, ihr könnt euch über das Halbgötterdasein austauschen.“
Mirabella betrachtete erneut den hübschen Jungen. „Du bist mein Halbbruder?“
„Offensichtlich“, sagte er cool, fast herablassend und biss in sein Croissant. Idiot, dachte sie augenrollend und wandte sich der Göttin zu. „Minerva ist die römische Athene, oder?“ Göttin der Kriegskunst und der Weisheit, wenn sie sich richtig erinnerte. Letztes Jahr hatte sie mit ihren vermeintlichen Eltern Athen und ihre Akropolis besucht.
Minerva blickte genervt zu ihrem Vater. „Entweder haben die Leute gar keine klassische Bildung mehr oder sie kennen nur die griechischen Versager…“
„Hej“, protestierte Nikolaos. „Es sind Griechen im Raum!“
„Weißt du, dass mich deine unehelichen Bastarde ganz schön nerven!“, platzte es aus Minerva heraus.
„Du bist auch nicht Junos Tochter!“, erwiderte ihr Halbbruder kalt.
„Mäßigt euch, Kinder, euer Verhalten entspricht nicht eurer Herkunft.“
Minerva seufzte hörbar. „Weiß Juno davon?“
„Natürlich“, antwortete Jupiter nicht sehr überzeugend.
„Verstehe. Was sollen wir ihr beibringen?“
„Zunächst wie immer. Sie kommt auch in die Klasse.“
„Die ist erst ab fünfzehn“, warf Minerva ein.
„Sie geht in die Klasse“, sagte Jupiter leise, aber in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Minerva hob indigniert die Augenbrauen, sparte sich jedoch einen Kommentar. „Was kann sie?“
„Das Übliche, wobei sie eine seltsame Affinität zu Tieren, insbesondere Ziegen, besitzt.“ Jupiter betrachtete Mirabella mit leicht gerunzelter Stirn. „Und Vögeln.“
Nun wurde Minervas Ausdruck freundlicher. „Hast du auch einen Vogel als Begleiter?“, fragte sie das eingeschüchterte Mädchen.
„Einen Beo.“ Sie sah zu Minervas gefiedertem Freund. „Ist das eine Eule? Sie sieht so klein aus.“
„Das ist ein Steinkauz, der Vogel der Weisheit. Eulen mag ich auch, eine Eigenheit von Athene, die ich beibehalten habe.“
Aus dem Nichts materialisierte ein Stapel Bücher vor Minerva, den sie Mirabella übergab. Sie konnte ihn kaum halten.
„Lies dich ein. Wenn du Fragen hast, rufe nach mir. Ich lasse dir Athena.“ Der Steinkauz flog lautlos auf Mirabellas Schulter.
„Danke“, stammelte das Mädchen, doch an Minervas Stelle war ein Asiate getreten. Im nächsten Moment war auch dieser verschwunden, ohne Wirbel und Getöse. Sie sah fragend zu ihrem göttlichen Vater. „War das nicht der Nordkoreaner Kim-irgendwas?“
Jupiter seufzte schwer. „Ach ja, unangenehm, dieses hübsche Mädchen in dieser Gestalt… Aber er wird angehimmelt, du kannst dir nicht vorstellen wie sehr! Und er ist einer der wenigen, der sich noch in Kriegskunst übt. Sie ist einer seiner Doppelgänger.“
Mirabella war einen Moment sprachlos, ihr Halbbruder musste jedoch lachen. „Du kannst dir nicht vorstellen, wen die hier noch alles verkörpern!“ Er reichte ihr schließlich lächelnd die Hand. „Hi, ich bin Nick.“
„Hi, Mira“, sein Lächeln erwidernd, griff sie nach seiner Hand. Der Bücherstapel in ihrem Arm geriet ins Wanken und sie umklammerte ihn hektisch. Der Junge fing geschickt zwei herunterfallende Exemplare auf und legte sie vorsichtig auf den Stapel zurück. Seine Lippen kräuselten sich amüsiert. „Sollen wir uns später treffen, du solltest vielleicht erst mal abladen und… dich anziehen.“ Erst jetzt wurde sie sich wieder ihres T-Shirts bewusst und errötete bis an den Haarwurzeln. Unwillkürlich presste sie die Bücher näher an ihren Oberkörper, wodurch ihr Blick direkt auf Chewbacca, Han Solos haarigen Gefährten, auf ihrer Bettdecke fiel, die zu ihren Füßen lag. „Äh, meine Großeltern verwechseln immer Star Wars und Star Trek.“ Oh, mein Gott, der Satz hatte nicht einmal in ihrem Kopf cool geklungen! Der Typ würde sie für ein ungeschicktes, nerdiges Baby-Groupie halten. Konnte sie noch mehr erröten?
Zu Mirabellas großem Erstaunen lächelte der Junge solidarisch. „Tun meine auch. Sollen wir später chatten?“
„Chatten?“ Jupiter schüttelte entrüstet den Kopf. „Ich werde euch beide herholen.“ Sie sah, dass Nikolaos protestieren wollte, aber im nächsten Augenblick befand sie sich schon wieder in ihrem Zimmer, im Bett. Die Uhr zeigte halb neun. Der Stapel Bücher lag in ihrem Schoß und auf ihrer Schulter saß Athena.
Mirabella saß mehrere Minuten regungslos im Bett und ließ den Besuch im Olymp Revue passieren. Wären nicht die Bücher und das Käuzchen von Minerva neben ihr, wäre sie ins Bad gegangen und hätte alles als komischen Traum abgetan, aber diese papiergewordenen Informationsträger waren ebenso wenig wegzublinzeln wie Athena auf ihrer Schulter. Die Gedanken kreisten wild in ihrem Kopf. Halbgöttin, Jupiters Tochter, Nikolaos, ihr Halbbruder, Helena. Mirabella stutzte, würde sie je wieder Mama und Papa zu Yasmin und Marcus sagen können? Was sollte sie ihren Eltern, ihren Adoptiveltern, von dieser Unterredung mitteilen? Es war alles so unglaublich. Sie musste mit jemandem reden.
„Bert?“
Der Beo stolzierte aus seinem Häuschen und sah zu seiner Freundin hinüber. „Guten Mor…“, verstört brach er seinen Morgengruß ab und gefror in der Bewegung. „Wer ist denn das?“ Er starrte auf Mirabellas Schulter, die eigentlich sein Platz war.
„Oh, äh, das ist Athena. Bert.“
„Sehr erfreut“, antwortete Athena etwas steif.
Seltsamerweise war der Beo weder weiterhin beleidigt noch überrascht, einen sprechenden Kauz vor sich zu haben. „Athena… Ich habe schon viel von dir gehört. Du bist Minervas Vogel?“
Athena nickte gnädig und Mirabellas Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Woher kennst du sie denn?“
„In der Vogelwelt ist sie bekannt wie ein bunter Hund.“
Mirabella nickte verwirrt, warum erstaunte sie das eigentlich noch?
„Weißt du eigentlich, dass ich eine Halbgöttin bin?“ fiel ihr dann ein, gespannt auf Berts Reaktion. Er schien tatsächlich überrascht, die Antwort wiederum brachte Mirabella erneut ins Grübeln. „Wie hast du das herausgefunden?“
„Eben“, Mirabella war irritiert. „Ich war gerade im Olymp. Wusstest du das?“
„Dass du im Olymp warst? Nein“, antwortete Bert vorsichtig.
„Nein, dass ich eine Halbgöttin bin?“
„Doch kein Wechselbalg“, scherzte Bert und flog zum Bücherstapel hinüber. „Woher kommen die denn auf einmal?“
„Aus dem Olymp.“ Mirabella betrachtete Bert noch stirnrunzelnd und kam zu dem Schluss, dass Beos manchmal nicht zu verstehen waren. Seit der Sache mit dem Feuer wich er ihr nicht mehr von der Seite, selbst im Schulhof hatte sie ihn schon in einem Baum erspäht.
„Schlag eins auf“, forderte ihr gefiederter Freund sie nun sichtlich neugierig auf. Mirabella las zwar gerne Abenteuerromane und Science Fiction, aber die Aussicht, die Geschichte des Göttergeschlechts und einen Haufen langweiliger Sagen lesen zu müssen, motivierte sie nicht sonderlich. Fast widerstrebend nahm sie das erste Buch vom Stapel und öffnete es. „Opta lingua tua.“(Wähle deine Sprache!)
„Das kann doch nicht sein, gibt es das nicht auf Deutsch?“, protestierte Mirabella aufgebracht, bevor einer der Vögel etwas sagen konnte.
„Also Deutsch. Die Sagen des klassischen Altertums. Wähle nun eine Geschichte aus, die du erleben möchtest?“, sagte das Buch in gelangweiltem Tonfall. Mirabella starrte das Buch an, dann vernahm sie die Titel mehrerer Geschichten.
„Die Menschenalter, Prometheus, Deukalion und Pyrrha, Io, Phaeton, Europa, Perseus…“
„Europa?“ Gab es das damals schon?“
„Also schön, Europa. Heute wie damals ein Trauerspiel“, seufzte das Buch und plötzlich erschien vor Mirabella ein junges wunderschönes Mädchen, das schlafend im Bett lag. „Es war dies Europa, die Tochter des Königs Agenor von Phönizien...“ (siehe Göossar)
Das Buch erzählte interaktiv die Entführung der schönen Europa durch Jupiter, der sich damals noch Zeus nannte. Er verwandelte sich zunächst in einen stattlichen Stier, um das Interesse der Jungfrau zu wecken, und trug sie auf seinem starken Rücken davon. Übers Meer schwimmend gelangten sie von Vorderasien zu einem fremden Kontinent, wo er sie in Gestalt eines schönen Jünglings verführte. Als Trost blieb ihr, dass sie eine irdische Ehefrau von Zeus sein sollte und der Kontinent nach ihr benannt werden würde.
„Komische Geschichte“, bemerkte Mirabella und grübelte eine Weile über die Geschichte, die ihr doch sehr sagenhaft und unwirklich erschien. Schließlich schüttelte sie den Kopf und betrachte wieder das Buch. „Mich interessiert noch Prometheus.“ Das Buch erzählte ihr sogleich die Geschichte vom schlauen, aber überheblichen Prometheus, einem Cousin von Zeus. Prometheus sah sich als Beschützer der Menschen und versuchte, Zeus beim Tieropfer auszutricksen. Zeus durchschaute jedoch die List, als Strafe wollte er den Menschen das Feuer enthalten. Dieses stahl Prometheus nun für die Menschen und wurde grausam bestraft. Er wurde an einen Felsen gekettet, ein Adler fraß täglich an seiner nachwachsenden Leber ein Stück heraus. Erst der Held und Halbgott Herakles, offensichtlich ein Halbbruder von Mirabella, befreite ihn dreißig Jahre später. Den Menschen brachte Zeus die berühmte Büchse der Pandora, aus der Elend und Krankheiten entwichen und sich von nun an auf der Erde ausbreiteten.
„Wie gemein!“, rief Mirabella aus.
„Aber auch schlau. Not führt zu größerer Götterehrfurcht, Anbetung und Dankbarkeit bei Linderung der Not“, erklärte Athena.
„Trotzdem gemein.“
„Auch der Christengott hat die Menschen aus dem Paradies verjagt.“
„Hm“, gab Mirabella zu. „Stimmt das denn überhaupt?“
„Es sind letztlich alles Erklärungsversuche der Menschen für ihre Not. Die Krankheiten sind zumindest Fehler und Erfindung der Natur, dafür speziell bedurfte es keines Gottes“, gab Athena zu.
„Gut, das rettet das Weltbild meiner Eltern!“ Mirabella lächelte schief und sah auf die Uhr. Es war gerade einmal eine halbe Stunde Erdzeit vergangen, seit sie aufgewacht war. Athena saß noch immer auf ihrer Schulter und machte keine Anstalten, sie zu verlassen. Das Mädchen überlegte gerade, wie sie das Käuzchen höflich bitten könnte, sich einen anderen Platz zu suchen, als es an der Tür klopfte. „Mirabella, bist du schon wach?“ Sie schreckte hoch. „Mein Vater“, zischte sie leise zu Athena. „Ich meine, mein Onkel.“
Eilig wollte sie aus dem Bett springen, verfing sich jedoch mit ihrem rechten Fuß in der Bettdecke und stürzte kopfüber in Richtung Boden. Athena flog erschrocken auf und setzte sich zu Bert auf die schmiedeeiserne Stange am Fußende des Bettes. Mirabellas halbgöttliche Geschicklichkeit verhinderte einen Sturz auf den Kopf, sie landete wie eine Katze auf ihren Händen und zog eilig den Fuß aus der Bettdecke. Ungestüm warf sie diese über die neuen Bücher und öffnete die Tür einen Spalt.
„Morgen!“, rief sie lächelnd und außer Atem. „Frühstückt ihr schon?“
„Guten Morgen, Schatz!“, Marcus stand im Bademantel vor der Tür, seine nassen blonden Haare tropften auf die Kapuze des Mantels, er roch nach Duschgel. Amüsiert musterte er den roten Lockenkopf. „Na, was treibst du?“
„Äh… nichts, ich meine, Hörspiel, ich habe Hörspiel gehört.“ Sie hörte leises Schnabelklappern.
„Ah, daher die Stimmen. Das Bad ist frei, wir warten mit dem Frühstück.“
„Okay“, damit schloss sie die Tür wieder und sah zu den beiden Vögeln. „Ihr lacht doch nicht etwa über mich?“, fragte sie argwöhnisch. Bert schüttelte den Kopf, zwinkerte jedoch Athena zu.
„Das hab ich gesehen!“, schimpfte sie gespielt. „Ich gehe jetzt ins Bad und ihr zwei benehmt euch.“
An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Wie lange bleibst du eigentlich, Athena?“
„Zeit ist sehr relativ bei uns. Ich bleibe auf jeden Fall bis zu deinem nächsten Besuch im Olymp.“
„Und wann ist das?“
„Das entscheidet Jupiter.“
Mirabella seufzte ergeben und ging ins Bad. Nachdenklich betrachtete sie sich im Badezimmerspiegel, während sie Zähne putzte. Sie hatte das Gefühl, die Eröffnung, eine Halbgöttin zu sein, hatte nicht nur seine positiven Seiten, sondern brachte Verpflichtungen und Probleme mit sich. Greta hätte sicher einen Rat gewusst. Warum musste sie nur gerade jetzt verreist sein! Wenn sie nicht bald mit jemandem reden konnte, würde sie platzen. Wie oft erfuhr man schließlich in seinem Leben, dass man eine Halbgöttin war? Zur Hälfte Göttin. Tochter von Jupiter, ehemals Zeus. Ihr Spiegelbild grinste ihr nun doch entgegen, die grünen Augen blitzten auf. Sie war anders, aber auf eine positive Art. Wenn sie das Lukas erzählen würde! Das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war. Durfte sie anderen davon erzählen? Ihren Adoptiveltern? Unwillkürlich sah sie nach oben. Konnte Jupiter sie hier sehen, wenn er wollte? War sie unter Beobachtung? Entschlossen spuckte sie die Zahncreme aus, spülte sich den Mund und traf eine Entscheidung. Sie wollte erst einmal mehr herauszufinden, bevor sie irgendwen informierte, vielleicht konnte ihr neuer Halbbruder weiterhelfen. Seine ersten Worte hatte sie als arrogant empfunden, seine Haltung hatte etwas Unnahbares. Als er ihr die Hand gereicht und sie angelächelt hatte, war der Eindruck jedoch sofort verschwunden. Sie mochte sein Lächeln.
Mirabella hatte nach dem Frühstück mit ihren Eltern, die sie zunächst weiterhin so nennen wollte, eine Radtour an der Isar unternommen. Sie waren im Biergarten eingekehrt und lagen nun faulenzend im Gras. Es war einer dieser warmen Septembertage, die einen vergessen ließen, dass der Sommer schon vorbei war. Bert und Athena hatten sie weitestgehend unauffällig begleitet. Der Anblick eines fliegenden Käuzchens bei Tage in Begleitung eines Beos hatte bei einigen Spaziergängern Erstaunen hervorgerufen, worüber Mirabella immer wieder insgeheim hatte schmunzeln müssen. Ihre Eltern schienen jedoch nichts bemerkt zu haben. Nun unterhielten sie sich leise über eine Begebenheit im Krankenhaus, während Mirabella vorgab zu schlafen.
Als sie die Augen öffnete, fand sie sich im Olymp wieder. Weiße kunstvoll behauene Säulen ragten vor ihr in den Himmel, der kalte Marmorboden unter ihren Händen war glatt und glänzend. Vögel zwitscherten in der Luft und im Hintergrund hörte man das Rauschen eines Wasserfalls. Erschrocken stand sie auf, ihr Sommerkleid über die Knie streifend.
„Hi“, grüßte Nikolaos sie, er lächelte kurz und wandte sich dann verärgert an Jupiter, der erstaunlicherweise in seiner römischen Erscheinung wandelte. „Hej, nicht im letzten Satz! Ich war am Gewinnen!“ Nikolaos trug eine kurze Hose, ein T-Shirt und weiße Schuhe, seine dunklen Locken waren zerzaust, Schweiß lief die Schläfen hinunter. Sichtlich verärgert hielt er seinem Vater den Tennisschläger entgegen.
„Helas, entschuldige“, erwiderte Jupiter übertrieben, die Arme in tragischer Geste nach oben schmeißend und schnippte mit den Fingern. Nikolaos verschwand kurz, um noch mürrischer wiederaufzutauchen. „Jetzt hab ich verloren!“
