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Hitzköpfig wie immer konfrontiert Mirabella den nordischen Göttervater mit ihren Zweifeln und fordert die Wahrheit. Sie geht sowohl mit ihm als auch mit dem Süden einen Pakt ein, wissend, dass sie am Ende nicht die Erwartungen beider Parteien erfüllen kann. Ein Tanz auf dem Vulkan beginnt, die Suche nach der verschwundenen Statue wird zur Mission… Mirabella und ihre Freunde werden in einen Strudel aus Intrigen und Machtspielen ihrer Eltern hineingezogen. Der Zusammenhalt der pubertierenden Jugendlichen wird auf eine harte Probe gestellt. Eine dritte Macht, die Kelten, bringt neue Hoffnung aber auch Probleme. Können die Freunde gemeinsam die jahrhundertelange Feindschaft zwischen Nord und Süd überwinden und einen Krieg zwischen den Götterwelten verhindern? Und was wird aus dem jungen Romeo und Julia-Pärchen, gibt es eine Zukunft für sie ?
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Isabelle Pard
Mirabella und die Götterdämmerung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1 - Angriff ist die beste Verteidigung
2 - Der Pakt
3 - Konsequenzen
4 - Die andere Wahrheit
5 - Das Leben geht weiter
6 - Der Geheimbund
7 – Überraschungen
8 - Die neue Routine
9 – Im Reich der Zwerge
10 - Ein Verlobungsring
11 – Thorheiten
12 - Der Geschwisterrat
13 - Ragnars Ring
14 – Die geheimnisvolle Nacht
15 – Der keltische Boykott
16 - Hex, hex
17 - Verbotene Liebe
18 – Drachenblut
19 - Eine Sache des Vertrauens
20 – Ein gebrochenes Gelübde
21 – Erstkontakt
22 – Das Coming Out
23 - Auf der Suche
24 – Zu Besuch in der Hölle
25 – Beste Schwester
26 – Beflügelt
27 - Die Kelten kommen
28 – Stille Post
29 – Fide, sed cui, vide!
30 - Rettung eines Toten
31 - Das perfekte Versteck
32 – Unterredung mit einem Dieb
33 – Am seidenen Faden
34 – Das Pentathlon
35 – Möge der Beste gewinnen
36 – Nackte Tatsachen
37 - Das Spiel beginnt
38 – Der Festakt
39 – Doppelter Einsatz
40 – Gut und Böse
41 - Weißt du, ich will mich schleichen...
42 - Tanz auf dem Vulkan
43 - Die Geschichte wiederholt sich
44 - Die tote Vestalin
45 – Im Verborgenen
46 - Alea iacta est oder das Schicksal nimmt seinen Lauf
47 – Die Götterdämmerung
48 – Stunde der Wahrheit
49 – Das moderne Machtgefüge
50 - Ein weiteres Abenteuer ruft
Glossar
Keltisches Siedlungsgebiet
Danksagung
Weißt du, ich will mich schleichen
Impressum neobooks
„Mira?“
Sie traute ihren Augen kaum, als sie Nikolaos über sich gebeugt sah, der sie zärtlich anlächelte. „Ich muss jetzt aufbrechen.“
Schlagartig fiel ihr die letzte Nacht wieder ein und ihr glückliches Lächeln verschwand. Loki hatte Nikolaos verhört und beinahe getötet, sie hatte ihn gerettet und in den Vesta-Tempel gebracht. Sie hatten die Nacht in einer schwebenden Blase verbracht und sich zum ersten Mal geküsst. Nun musste Nikolaos untertauchen, um sich vor Loki zu verstecken, sie durften fürs erste keinen Kontakt mehr haben.
Vor dem Einschlafen hatte sie sich fest vorgenommen, ganz tapfer zu sein, wenn sie sich verabschieden würden, aber nun schwand ihr der Mut. Schnell schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn in leidenschaftlicher Verzweiflung zum Abschied. Er drückte sie fest an sich, entfernte dann sanft aber konsequent ihre Arme von seinem Nacken und stand auf. Mit einer schnellen Bewegung öffnete er sein Amulett, sah ihr ein letztes Mal in die Augen und verschwand von einer Sekunde auf die nächste in den Olymp.
Die Blase verschmolz mit dem Vesta-Tempel. Nikolaos musste sie nach dem Aufwachen dorthin gelenkt haben. Kraftlos blieb Mirabella auf den Knien sitzen, Tränen rollten über ihre Wange und sie schluchzte laut auf. Nachdem sie lange Zeit vor sich hingestarrt hatte, fasste sie sich langsam und ließ jede Minute der letzten Nacht vor ihren Augen lebendig werden. Sie spürte immer noch einen Teil von ihm in ihr. Wo war er jetzt? Bei Jupiter? Sie wusste, sie durfte ihm nicht nachspionieren, sollte keinen Kontakt mehr aufnehmen, aber sie war im Vesta-Tempel, er wahrscheinlich im Olymp, was konnte schon passieren?
Wie in Trance legte sie sich auf den kalten Marmorboden und konzentrierte sich vorsichtig auf die Verbindung. Bald sah sie die vertrauten griechischen Säulen des Olymps und empfand ein Gefühl des nach Hause Kommens. Vorsichtig versuchte sie unbemerkt die Szene zu beobachten. Nikolaos stand vor Jupiters Thron, in dem ein ernster Göttervater saß. „Wir schützen dich bis auf weiteres, ich werde mir einen neuen Plan überlegen müssen. Du bleibst solange inaktiv.“
Sein Sohn nickte ergeben.
„Weiß Loki, dass Mirabella dich gerettet hat?“
„Ich denke nicht… ich hoffe nicht.“
Jupiter nickte schwer. „Du kannst gehen.“
Nikolaos schritt aus dem Saal und öffnete, sich nach allen Seiten umsehend, sein Amulett. Neben einem grauen Haar Jupiters und ein paar roten Haaren, die wohl Wingni, dem verstorbenen Sohn Thors, gehörten, lag ein zarter Ring. Er setzte ihn eilig auf, drehte ihn und stand im nächsten Moment in Junos Vorzimmer im französischen Empirestil. Eine Tür ging lautlos auf und er ging hindurch. Sie befanden sich nun in den Privatgemächern von Juno, die Mirabella noch nie gesehen hatte. Der Empirestil setzte sich auch hier fort, Juno in ihrer Stola saß auf einem goldverzierten Armlehnenstuhl mit den typischen Tierpfotenfüßen. Ein Schreibtisch, mehrere Sessel und ein Tisch komplettierten das Zimmer.
„Nun, Nikolaos, was ist passiert?“
„Loki hat wahrscheinlich unseren Plan durchschaut. Sein ehemaliger Diener, der etwas über die Statue wusste, war bereits tot, als ich ankam. Loki brachte mich dann als Gefangener nach Asgard zum Verhör. Mira rettete mich, bevor er mich brechen konnte.“
„Mirabella? Wusste sie Bescheid?“
„Nein, sie spürte durch den Armreif, dass ich in Gefahr war und transportierte sich mit Ragnars Ring – wir waren gerade alle beim Skifahren – und ihrer Tarnkappe nach Asgard. Ich denke nicht, dass Loki merkte, wer ihn überwältigte.“
„Du scheinst ihr wirklich viel zu bedeuten, sehr gut, darauf müssen wir auch weiterhin bauen.“
Nikolaos schwieg dazu und Mirabella musste sich bemühen, sich nicht zu verraten. Was hatte diese Aussage zu bedeuten?
„Und weiter?“
„Ich habe Jupiter berichtet, er will mich schützen. Ich werde die Arbeit für ihn offiziell ruhen lassen.“
„Gut, gar nicht unpraktisch, dann kannst du in Ruhe an unserem Plan arbeiten.“
Nikolaos nickte. „Mira ahnt etwas“, bemerkte er dann.
„Drück dich präziser aus.“
„Sie ahnt, dass sie nicht Olympierin ist.“
„Wen vermutet sie als Vater?“
„Sie hat keine Ahnung.“
Juno schüttelte lächelnd den Kopf. „Dabei ist es so offensichtlich.“
„Wir wissen auch nur von einem Asen. Aber gestern kam mir, dass Ragnar ihr Zwillingsbruder sein könnte.“
Juno nickte. „Das vermute ich schon länger.“
Mirabella hörte die Worte, aber verstand sie nicht. Selbst als Geist wurde ihr schwindlig. Ragnar, ihr Zwillingsbruder? Und doch, wie sonst ließ sich die Verbundenheit zwischen ihnen erklären? Aber wieso besprach Nikolaos alles mit Juno? Offensichtlich hinter dem Rücken von Jupiter!
Die Königin des Olymps sprach weiter. „Gut, wir müssen so lange wie möglich verhindern, dass sie es weiß. Irgendwann wird der Norden es ihr sagen und sie für seine Zwecke missbrauchen wollen. Ich schätze, um in den Besitz der zweiten Statue zu gelangen.“
„Wie beabsichtigst du genau, mit deren Statue vorzugehen, wenn ich sie finden sollte? Jetzt, wo Loki da ist?“
„Das ändert nicht viel. Ich möchte mir ihr Schweigen erkaufen. Jupiter darf unter keinen Umständen von Mirabellas wahrer Herkunft erfahren. Es wäre zusätzlich zur Enttäuschung eine große Schmach, auf diese Weise von Thor und dieser Helena hintergangen worden zu sein. Es könnte auch seine Machtposition schwächen.“
„Meinst du nicht, Loki wird die Statue nehmen und sich an keine Vereinbarung halten?“
„Das wäre sehr bedauerlich, dann müsste Jupiter dieses Kind der Schande wohl töten.“
Kind der Schande? Mirabellas Geist wurde wütend und sie ahnte, dass sie sich verraten hatte. Sie spürte noch, wie Nikolaos nach Junos Worten leicht zusammenzuckte, dann hörte sie seinen Geist nach ihr rufen. Sie floh aus der Verbindung, sie hatte genug gehört, alles, was sie wohl hören musste. Mit starrer Miene wachte sie im Vesta-Tempel auf und blockierte jegliche Verbindung, sie spürte, dass Nikolaos sie rief, aber sie konnte jetzt nicht mit ihm reden. Sie musste nachdenken.
Sie war keine Olympierin, sie war eine aus dem Norden. Was sie immer befürchtet hatte, war wahr. Traurig betrachtete sie ihr Amulett, ihr Armband, dachte an Palatina und Greta. Alles würde sie aufgeben müssen, wenn herauskam, dass sie aus dem Norden war. Sie würde keine Vestalin, keine Amazone mehr sein können. Keine Jupiter-Tochter. Ihr Herz krampfte sich zusammen und es fröstelte sie innerlich. Nikolaos meinte es angeblich gut, aber sie fühlte sich trotzdem hintergangen. Warum hatte er ihr nicht vertraut? Sie hätten gemeinsam einen Plan schmieden können, um die Statue und eine Lösung für ihr Problem zu finden. Enttäuscht fragte sie sich, wie lange er schon wusste, dass sie keine Olympierin war. Langsam gewann der Zorn die Oberhand, sie wurde wie ein Baby von ihm behandelt. Glaubte er etwa, sie könnte mit der Wahrheit nicht umgehen, sie könnte die Dinge nicht selbst regeln?
Energisch setzte sie sich auf. Wenn er alleine agierte, konnte sie das auch. Es war an der Zeit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, sie durfte nicht länger vor der Wahrheit davonlaufen. Entschlossen zog sie ihre Tarnkappe über den Kopf, schwebte aus dem Vesta-Tempel und entstieg draußen der Blase, um eine Nachricht an Lorenzo zu schreiben, den sie letzte Nacht völlig vergessen hatte. Es fing gerade erst an zu dämmern und sie hoffte, dass er sich wieder hingelegt hatte. Sie ließ ihn wissen, dass sie in Sicherheit war und nachher vorbeikäme, nachdem sie nur noch eine kurze Sache zu erledigen hätte.
Ernst drehte sie an Ragnars Ring, sah den Lichtregen und war im nächsten Augenblick in Asgard. Schnellen Schrittes lief sie zu Odins Palast, sie war fest entschlossen und wütend wie selten in ihrem Leben. Sie wollte kein Spielball der Götter mehr sein, sie würde nun die Regeln mitbestimmen. Angst hatte sie keine, sollte sie wirklich Thors Tochter sein, würde ihr hier niemand ein Haar krümmen. Vor dem Palast zog sie unbemerkt ihre Tarnkappe aus, verstaute sie in der Jackentasche und betrat erhobenen Hauptes den Wallhall-Saal. Zorn sprühte aus ihren grünen Augen. Odin saß auf seinem Stuhl, neben ihm stand Thor, während Loki den beiden etwas zu berichten schien. Er hatte eine Brandnarbe in seinem schönen Gesicht, die einer von Mirabellas Blitzen in der Nacht verursacht hatte. Triumphierend unterdrückte sie ein Schmunzeln und ging auf die überraschte Troika des Nordens zu.
„Mirabella, was verschafft uns die Ehre?“, fragte Odin, sein Auge maß sie abschätzend. Loki musterte sie feindselig, während sie Odin zunickte, dann seinem Sohn. Ihr Blick blieb kurz an Thor hängen, Wut kam beim Anblick seiner roten Haare hoch, die sie nur mühsam unterdrückte. Schließlich grüßte sie Loki und tat überrascht, als sie die Wunden sah. Er maß sie einen Moment.
„Wessen Ring ist das?“, fragte er dann argwöhnisch.
„Ragnars“, erklärte Mirabella und ärgerte sich, dass sie ihn nicht in die Tasche gesteckt hatte. „Er hat ihn mir kurz ausgeliehen, weil ich eine Frage habe.“ Sie wandte sich an Thor. „Bist du mein… Erzeuger?“
Stille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören.
Thor sah fast hilflos zu seinem Vater, der anfing zu lächeln.
„Wie kommst du denn darauf, Mirabella?“
„Ich wusste schon lange, dass ich keine Olympierin bin, aber dein Interesse an mir sowie Thors und Ragnars rote Haare legen diesen Schluss nahe.“
„Kluges Kind, das hast du nicht von deinem Vater.“
„Vielleicht von meinem Opa?“, fragte sie schnippisch.
Odin lachte tatsächlich. „Gut, hören wir mit dem Katz-und Maus-Spiel auf. Mich interessiert nur, wieso du gerade jetzt herkommst?“
„Ich dachte, es wäre an der Zeit“, sie sah zu Loki, „bevor vielleicht jemand die Wahrheit ausplaudert.“
Odin nickte. „Ich möchte dich nachher noch sprechen, nun kannst du erst einmal deinen… Erzeuger kennenlernen.“ Er deutete Thor an aufzustehen.
„Nein, danke!“, sagte Mirabella schnell. „Er hat sich bisher nicht um mich gekümmert, so soll es auch bleiben.“
Sie sah aus dem Augenwinkel, dass Thor ihr einen gekränkten Blick zuwarf.
„Das darfst du ihm nicht vorwerfen“, beschwichtigte Odin nun, „ich habe ihm den Kontakt verboten, wir wollten warten, bis du reif für diese Information bist.“
„Was ist das für ein Vater, der sich vorschreiben lässt, ob er zu seinem Kind stehen darf oder nicht?“, fragte sie aggressiv.
„Vielleicht ist das im Süden anders, aber hier hören die Kinder auf ihre Väter, insbesondere auf mich!“, sprach Odin nun gefährlich ruhig.
Mirabella tat unbeeindruckt. „Ich möchte dir einen Deal vorschlagen, Großvater. Ich besorge euch die zweite Statue, dafür bleibe ich offiziell Jupiters Tochter.“
Loki lachte zufrieden. „Na, was ein Zufall, den Handel wollten wir dir auch vorschlagen.“
Sie ignorierte ihn. „Ich spreche mit Odin.“
„So machst du dir keine Freunde hier, mein Kind“, gab Odin vorsichtig zu Bedenken.
Das Mädchen sah Odin finster an. „Ich habe genug Freunde, ich möchte auch nicht mit jedem befreundet sein.“
Sie spürte Lokis zornigen Blick. „Wenn du falschspielst und uns versuchst auszutricksen, dann bringe ich dich persönlich um!“
Nun stand Thor auf und baute sich drohend vor Loki auf. „Das wirst du nicht wagen, Loki! Sie ist immerhin meine Tochter!“
Mirabella sah gebannt zwischen den beiden Göttern hin und her und war heilfroh, dass zumindest nicht Loki ihr Vater war.
Der Gott der Zwietracht schnaubte wütend und verließ den Saal. Aufstehend ergriff Odin wieder das Wort und reichte Mirabella die Hand. „Lass uns die Abmachung besiegeln.“
Sie schlug ein und Odin verließ ebenfalls den Saal.
Nun stand Mirabella ihrem Vater gegenüber, seine roten Haare wurden durch die einfallende Sonne beleuchtet und strahlten wie ein goldroter Kranz um sein Haupt. Sein kurzer Vollbart bedeckte große Teile des männlichen Gesichtes, das eher von rauher Schönheit war, am Anziehendsten waren seine tief blauen Augen, die sie nun freundlich, fast schüchtern musterten. Mirabella verschränkte ihre Arme und sah ihn immer noch zornig an. Insgeheim musste sie sich eingestehen, dass er keinen unsympathischen Eindruck auf sie machte, aber sie musste sich nur vor Augen halten, wie er Jupiter betrogen hatte, um ihre Wut aufs Neue zu nähren.
„Ragnar hat schon viel von dir erzählt. Es freut mich, dass ihr beide euch versteht“, versuchte nun der Gott, ein Gespräch zu beginnen.
„Er weiß nicht, dass ich seine Schwester bin?“
Thor schüttelte sein Haupt. „Nein, das wissen nur wir drei, die hier eben anwesend waren.“
„Ich kann nicht begreifen, dass ihr mit so jemandem wie Loki verbündet seid. Er wollte mich umbringen.“
„Zu seiner Entschuldigung muss man fairerweise sagen, dass er dachte, du wärst Jupiters Tochter.“
„Und was ist mit Baldur und Nanna?“
„Mirabella, es war nicht meine Entscheidung, Loki wieder in unsere Mitte aufzunehmen. Wir waren einst gute Freunde, er half mir einmal Mjöllnir, meinen Hammer, von den Riesen zurückzugewinnen, aber er half einmal und enttäuschte hundertfach. Ich werde ihm nie mehr trauen können. Ich muss mich jedoch dem Willen Odins beugen.“
„Weil nur Loki weiß, wo die geklaute Statue ist?“
Thor sah leicht überrascht auf. „Du scheinst gut informiert zu sein.“
„Ich bin Vestalin und kann drei und drei zusammenzählen. Ich frage mich nur, ob er sie euch je geben wird.“
„Er wird versuchen, beide in seinen Besitz zu bekommen, so wie ich ihn kenne. Ich bin mir aber sicher, dass auch Odin dies bewusst ist.“
Sie nickte unwillig. „Ich werde jetzt zu ihm gehen.“
Ihr Vater machte eine kleine hilflose Geste. „Mirabella, es tut mir leid, dass die Umstände für das erste Kennenlernen nicht besser sind.“
„Mir auch“, erwiderte sie kühl.
„Habe ich nicht wenigstens eine Chance verdient? Ob du es willst oder nicht, ich bin dein Vater.“
„Nein, das bist du nicht!“, fauchte ihn Mirabella an. „Jupiter ist mein Vater. Er hat sich um mich gekümmert, er hat mich ausgebildet und er liebt mich. So wie er meine Mutter geliebt hat. Und du hast ihn hintergangen, das werde ich dir nie verzeihen!“
Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und rannte zur Tür hinaus.
Als sie Walhall verlassen hatte, holte sie einmal tief Luft und überlegte, wo Odin sich aufhalten könnte. Zielstrebig ging sie zu seinem Thronsaal, wo sie ihn mit seinen beiden Raben sitzend fand.
„Du weißt, dass ich von hier oben alles überblicken kann, was sich in Asgard zuträgt?“, fragte er Mirabella, als sie vor ihm stand.
„Ich habe so etwas gelesen. Und?“
„Thor ist als Menschenfreund und liebender Vater bekannt, gib ihm eine Chance!“
„Wozu? Ich brauche keine drei Väter“, erwiderte sie trotzig.
Odins Stirn legte sich kurz in Falten. „Ach, du meinst deinen menschlichen Adoptivvater? Der wird dir wohl bleiben, aber was meinst du, wird passieren, wenn Jupiter erfährt, dass du nicht seine Tochter bist? Er wird dich fallen lassen, vielleicht sogar deinen Tod anordnen, um Thor zu strafen und die Schande zu tilgen.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob er noch in so altmodischen Bahnen denkt. Interessanter ist: wie willst du verhindern, dass Loki die Wahrheit ausplaudert, nachdem ich die Statue besorgt habe? Ich bin nur solange sicher, wie ihr die Statue nicht besitzt, scheint mir.“
„Loki ist bekannt als Lügenmaul, ihm glaubt niemand, wenn wir das Gegenteil behaupten.“
„Die Olympier könnten Beweise fordern, es gibt doch sicher bei euch auch so eine Art von Vaterschaftstest oder nicht?“
„Gewiss, aber da gibt es Mittel und Wege. Eine Probe deines vermeintlichen Bruders Nikolaos könnte durchaus helfen.“
„Und wie sollte man an die herankommen?“
„Kommst du nicht in seinem Auftrag?“
Mirabella sah Odin verwundert an. „In seinem Auftrag? Er weiß nicht, dass ich hier bin.“
Odin fixierte hinter ihr einen Punkt. Als sie sich umdrehte, erkannte sie Loki, der an der hinteren Wand lehnte, und ihr nun zunickte.
„Was soll das?“, fragte sie Odin verärgert.
„Sie sagt die Wahrheit“, rief nun Loki dazwischen.
Odin nickte und schickte ihn mit einer Handbewegung raus.
Mirabella schnaubte wenig besänftigt.
„Nikolaos weiß also nichts von deiner Anwesenheit, von deinem Deal?“
Wahrheitsgemäß schüttelte sie den Kopf.
„Weiß er, dass Thor dein Vater ist?“
„Nein“, das war auch nicht richtig gelogen, er vermutete es bisher nur.
„Wo warst du letzte Nacht?“
Mirabella warf Odin einen gespielt überraschten Blick zu. „Ist das hier ein Verhör? Ich war in Nordschweden mit den Jungs in einer Hütte.“
„Die ganze Nacht?“
„Nein, ich war kurz im Vesta-Tempel und in unserer Zwischenwelt, ich bin bei den Amazonen, wie du weißt, und hatte als solche einen kleinen Einsatz bei den Pterripus.“ Sie machte sich eine Notiz im Kopf, nachher bei Palatina, ihrer Flügelpferd-Freundin, vorbeizuschauen.
„Und dabei kam dir, du müsstest nun mit mir reden?“ Odins Stimme klang spöttisch.
„Nein, eine Bemerkung von Uller gestern Abend machte mich stutzig. Er behauptete, Loki hätte das Gerücht verbreitet, Ragnar und ich wären ein Liebespaar, würde es jetzt jedoch vehement abstreiten. Wieso das? Weil er inzwischen erfahren hatte, dass wir Zwillinge sind!“
Odin betrachtete sie einen langen Moment kritisch. „Also gut, ich werde dir fürs erste glauben, aber ich warne dich, Mirabella. Treib kein doppeltes Spiel mit uns, Verräter werden hart bestraft. Und als Nicht-Olympier und Asen-Verräter gibt es niemanden mehr, der dir helfen wird.“
Sie lächelte bitter. „Ja, eigentlich kann ich nur verlieren. Nochmals danke an deinen Sohn!“
„Oh, der Dank gebührt eher mir, es war meine Idee, mein Geschenk an Thor für die perfekte Rache. Nur ich wusste, wieviel deine Mutter Jupiter bedeutet hat.“
„Wieso hast du dann Thor vorgeschickt?“
„Es sollte seine Rache sein, außerdem würde ich mich nie mit Menschen abgeben.“
„Kam dir mal der Gedanke, dass du deinem eigenen Sohn damit auch geschadet haben könntest?“
Tatsächlich seufzte Odin leicht. „Eben gerade“, gab er zu.
Mirabella sah mit Genugtuung seine leichte Zerknirschtheit.
„Willst du mir den Gefallen tun, deine Wut an mir und nicht an ihm auszulassen?“, fragte er schließlich.
„Ich kann nichts versprechen“, gab Mirabella mit blitzenden Augen zu.
Odin lächelte plötzlich. „Du erinnerst mich sehr an den jungen, immer wütenden Thor, er stellte mich mehr in Frage als jeder andere Sohn. Ich weiß auch, dass er mein neues Bündnis mit Loki verurteilt.“
„Zu Recht“, erwiderte sie trotzig.
„Ich weiß, was ich tue, Mirabella, ich bin kein Narr. Weißt du, was du tust?“
Sie sah ihn fragend an.
„Hast du einen Plan für den Raub der zweiten Statue?“
„Noch nicht, die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Nachdem die erste gestohlen wurde, ist der Aufbewahrungsort praktisch uneinnehmbar gemacht worden, aber ich werde einen Weg finden. Ich bin schließlich die Hüterin der Statue.“
„Gut, wir haben Zeit, solange die andere Statue nicht an die andere Seite fällt.“
Mirabella nickte, dann sah sie Odin fragend an. „Was versprecht ihr euch von den Statuen eigentlich?“
„Haben dir die Olympier erzählt, dass sie nur zur Herstellung des Friedens dienen, sie daher wiedervereinigt werden müssen?“
Das Mädchen nickte unsicher. „Und das ist nur die halbe Wahrheit?“
Odin lachte trocken. „Sie sind der Schlüssel zur Macht, mein Kind! Warum sind die Statuen von Griechenland nach Rom gewandert? Was passierte mit dem griechischen Reich und seinen Göttern?“ Der einäugige Gott fixierte seine Enkelin abwartend.
„Es wurde vom Römischen Reich und seinen Göttern abgelöst.“
„Genau, und was passierte nach der Trennung der Statuen vor über 1500 Jahren?“
Mirabella sah auf. „Das Römische Reich zerfiel, niemand glaubte mehr an die antiken Götter.“
Odin sah sie triumphierend an. „Die römische Götterdämmerung und die unsrige.“
„Der Glaube an euch ging damals auch verloren?“
„Nicht sofort, wir waren auch zu unser Blütezeit nur mehr lokale Gottheiten, aber nach und nach glaubte niemand mehr an uns. Im Mittelalter, als das Christentum in ganz Europa an die Macht gekommen war, wurde das wichtigste Werk über uns verfasst, sozusagen posthum.“
„Die Christen hatten aber nie die Statuen, oder?“ Sie verstand nicht so ganz, was Odin sagen wollte.
Er schüttelte den Kopf. „Aber das Erstarken war möglich durch die Trennung der Statuen. Wer immer sie heute wieder zusammenführen könnte, hat die Macht, eine neue europäische Religion zu stiften und anzuführen.“
„Die Menschen sind heute aufgeklärt, ich glaube nicht, dass eine Religion für alle Erfolg hat“, widersprach sie skeptisch.
„Religion im Sinne einer Ideologie würde durchaus funktionieren, Kind. Nimm zum Beispiel den allerorts erstarkenden Populismus und Nationalismus!“
„Nationalismus?“, Mirabella sah leicht entsetzt zu Odin. „Ihr wollt aber keine Nazis unterstützen?“
„Nein“, wehrte er ab, „die haben uns schon einmal missbraucht, an dieser Kooperation sind wir nicht interessiert.“
„Ist das Zusammenführen unbedingt notwendig“, fragte sie nun leicht verwirrt. „Ihr lebt doch alle heutzutage nicht schlecht, oder?“
Odin seufzte. „Götter wollen verehrt werden!“
„Werdet ihr ja, man muss nur die entsprechenden Rollen finden. Jupiter und Thor haben sich doch super angepasst. Baldur hat mir erzählt, wie erfolgreich Thor ist.“
„Es ist löblich, dass du deinen Vater verteidigst“, sagte Odin mit einem hinterhältigen Lächeln und Mirabella warf ihm einen bösen Blick zu, „aber sein Gemenschel wäre für mich nichts.“
„Du willst also die Verehrung von Wesen, die du verachtest?“, fragte sie provozierend.
„Ich verachte die Menschen nicht, aber ich biedere mich nicht an. Wir sind höher entwickelte Wesen, die von den niederen Wesen angesehen und verehrt gehören.“
„Snob“, fiel Mirabella dazu nur ein und hätte immer geleugnet, dass sie Jupiter dies auch einmal vorgeworfen hatte.
Odin sah sie erst leicht verärgert an, bis er plötzlich lachte. „Du ähnelst deinem Vater mehr, als du willst!“
Sie warf ihrem Großvater einen trotzigen Blick zu. „Kann ich nun gehen?“
Er nickte gnädig. „Aber“, er machte eine kleine Pause, „lass mich dir noch deinen Ring überreichen, der dir von Geburt an zusteht.“ Mit diesen Worten streckte er Mirabella seine geöffnete Hand entgegen, auf der ein Ring lag, der demjenigen, den sie trug, sehr ähnlich sah.
„Die Olympier sollten ihn jedoch nicht zu Gesicht bekommen, wenn du deine Herkunft geheim halten möchtest.“
Die nordische Halbgöttin nickte, zögerte einen Moment, dann griff sie nach dem Ring. Es war ein schlichtes bronzen schimmerndes Schmuckstück mit kleinen Gravuren, statt eines Steins war ein Siegel am Ring befestigt. Sie sah fragend auf.
„Das Siegel von Asgard.“
„Und die Zeichen?“
„Es sind Runen. Dein Name und der deines Vater sind eingraviert, sowie deine persönliche Rune.“
„Mein Name?“
„Dein nordischer Name, den wir dir gegeben haben.“
Sie sah ihren Großvater überrascht an. „Ihr habt mir einen Namen gegeben?“
Odin nickte amüsiert. „Ich war für Ragna, eine Kämpferin der Götter, besser noch Solveig, eine Kämpferin des Hauses. Oder zumindest Asdis, eine Göttin der Asen…“ Er seufzte. „Aber Thor wollte davon nichts hören, vielleicht ahnte er, dass du deine Herkunft verleugnen willst. Er entschied sich für Runa. Es steht im Norden für geheimes Wissen. Du sollst wohl dein Schicksal selbst schreiben.“
Mirabella betrachtete den Ring. „Runa“, wiederholte sie nachdenklich und packte den Ring zur Feder von Palatina in ihre Handy-Tasche.
„Ich muss jetzt zu Ragnar, seinen Ring zurückbringen.“
Odin nickte gnädig und sie verließ den Saal. Im Gang lungerte Loki herum und maß sie abschätzend. Erhobenen Hauptes stolzierte sie an ihm vorbei, auch wenn ihr innerlich die Knie weich wurden.
Über die Bifröst rutschte sie in die Zwischenwelt, lief über die Zwischenweltgrenze in den Süden und rief Palatina zu sich. Diese flog sie zum Portal und Mirabella erklärte ihr, dass sie ihr Alibi für heute Nacht war. Palatina stimmte ohne Nachfrage zu und Mirabella streichelte sie liebevoll zum Abschied. In einer Blase flog sie zurück zur schwedischen Hütte, von den Jungs war jedoch keine Spur zu sehen. Müde setzte sie sich auf ihr Bett, nachdem die Anspannung der letzten Nacht langsam von ihr abfiel, schrieb eine Nachricht an Lorenzo, dass sie in der Hütte wäre und sich ein wenig hinlegen würde. Traurig starrte sie eine Weile auf das leere Bett von Nikolaos. Wann würde sie ihn wiedersehen? Auf welches Spiel mit Juno hatte er sich eingelassen? Sie glaubte ihm, dass er sie als Mirabella im Moment liebte, aber erwartete er nicht absolute Loyalität gegenüber den Olympiern? Was würde passieren, wenn der Süden sie verstieß? Würde er noch zu ihr stehen? Was würde er dazu sagen, wenn Runa sich für die Nordische Seite entscheiden würde? Er war schließlich der Sohn des Jupiters und einer, auf den Jupiter offensichtlich voll und ganz zählte. Sie lächelte plötzlich traurig über das alte Problem, als sie noch dachte, die olympische Verwandtschaft zwischen ihnen wäre das größte Hindernis für eine Beziehung zwischen ihnen. Sie legte sich oben auf ihr Stockbett und starrte an die weiße Decke. Wenn sie wieder wacher war, musste sie sich Gedanken über ihren wahnwitzigen Deal mit Odin machen, die zweite Statue für den Norden zu klauen. Was war nur in sie gefahren, sie anzubieten? Innerlich erschauderte sie über ihren eigenen Wagemut, der die Grenze zur Dummheit bei genauerer Betrachtung weit überschritten hatte. Aber was hätte sie sonst anbieten können, um ihre Identität geheim zu halten? Sollte sie sich Vesta anvertrauen? Oder ebenfalls Juno? Sie könnte ihr helfen, die Statue im Vesta-Tempel zu stehlen, aber würde Juno dies für Jupiter tun? Wenn es stimmte, was Odin sagte, würde der Verlust beider Statuen wahrscheinlich den Ruin des Olymps bedeuten. Mirabella nahm sich vor, Vesta erneut über die Natur der Statuen zu befragen. Glaubte Vesta wirklich an die Herstellung des Friedens durch die Vereinigung der Statuen?
Über diesen und sehr verworrenen Gedanken schlief sie schließlich erschöpft ein.
„Hi“, Mirabella sah in Lorenzos lächelndes Gesicht und überlegte einen Augenblick, ob sie die gesamte Nacht, die Rettung von Nikolaos, seine Küsse und das Gespräch mit Odin alles nur geträumt hatte.
„Hi“, antwortete sie verschlafen. Ragnar und Lorenzo standen beide in Skianzügen vor ihr und sahen sie erwartungsvoll an. Sie richtete sich langsam auf, war sie tatsächlich eingeschlafen?
Lorenzo hob sie vom Stockbett hinunter und umarmte sie fest. „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist!“
„Was ist mit Nick?“, fragte nun Ragnar neugierig.
Ihre Miene wurde ernst und sie wandte sich aus der Umarmung.
„Ihr wisst von nichts, bitte. Speziell du, Ragnar, darfst niemandem sagen, wo ich heute Nacht war. Es ist für dich und für Nick besser. Loki hat es auf ihn abgesehen, er muss jetzt wohl eine Weile untertauchen, ich darf keinen Kontakt zu ihm haben, niemand.“
„Aber wieso, was hatte Nick in Asgard zu suchen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich darf darüber nichts sagen, bitte.“
Ragnars Augenbrauen gingen nach oben. „Geht es um die blöden Statuen?“
Mirabella lächelte kurz. „Ich hab dir schon mal gesagt, dass sie nicht blöd sind! Und…ja.“
Der rothaarige Halbgott verdrehte die Augen. „Na, toll, wir versuchen hier einen auf Freundschaft zwischen Nord und Süd und dein Bruder will im Auftrag des Südens die Statue klauen! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dir meinen Ring nicht geliehen.“
Mirabella zog seinen Ring vom Finger und gab ihn zurück. „Er handelt im Auftrag von Jupiter, sie gehören schließlich dem Süden. Loki hat die Statue geklaut.“
„Loki?“
Sie nickte. „Odin hat sie auch nicht.“
Ragnars Gesicht erhellte sich plötzlich, aber Lorenzo formulierte es schneller. „Daher der Deal zwischen Loki und Odin?“
„Schaut so aus“, stimmte sie zu.
„Und was machen wir jetzt?“
„So weiter wie bevor“, sagte das Mädchen bestimmt, „sollen die Alten doch rumspinnen, wir bleiben Freunde, oder?“
Sie blickte Ragnar an und sah ihn plötzlich mit ganz anderen Augen. Er war ihr Zwillingsbruder, nicht halb, sondern ganz und gar. Ragnar zögerte kurz, dann nickte er gutmütig und reichte ihr die Hand. Sie schlug ein. „Mein nordischer Bruder!“
Er lachte. „Na gut, ich habe übrigens einen Bärenhunger, kochen wir etwas zusammen?“
Als sie mit den beiden Jungs zusammen Essen vorbereitete, fiel ihr plötzlich auf, dass sie Lorenzo heute Nacht betrogen hatte. Es tat ihr so leid, dass ihr kurzzeitig etwas übel wurde, sie wollte ihm nicht wehtun, sie hatte ihn wirklich gern, aber sie würde mit ihm reden müssen. Mit ihm zusammen zu sein, ihn wieder zu küssen, konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen, es würde sich anfühlen, als ob sie Nikolaos betrügen würde, auch wenn sie nichts Verbindliches vereinbart hatten. Wie auch? Sie wusste nicht einmal, ob sie ihn je wiedersehen würde…
In Konsequenz musste sie aber die Beziehung mit Lorenzo beenden. Oh Gott, wie machte man auf nette Weise Schluss? Mirabella sah immer wieder leicht nervös zu ihrem Noch-Freund, während sie den Salat zupfte und die Tomaten schnitt. Dieser alberte gerade mit Ragnar herum und schien sich ihrer Aufmerksamkeit gar nicht bewusst zu sein.
„Autsch“, jetzt hatte sie sich auch noch in den Finger geschnitten. Schnell steckte sie ihn in den Mund, nuschelte zu den fragend schauenden Jungs, „nicht schlimm“, und hechtete ins Bad. Dort wusch sie den Finger ab, band etwas Toilettenpapier herum, als ihr die Salbe von Lorenzo in den Sinn kam. Rasch lief sie zu ihrem Rucksack im Schlafzimmer, kramte nach dem Döschen und schmierte die Salbe auf den Finger. Fasziniert konnte sie zusehen, wie sich die Wunde schloss und nach wenigen Augenblicken die Haut unversehrt aussah. „Wow!“, sagte sie zu sich selbst, als sie Lorenzo in der Tür stehen sah. Er lächelte sie an. „Ist super, oder?“
„Ja, wirklich. Eigentlich Verschwendung, sie für so eine kleine Wunde zu verwenden, aber ich hatte sie bisher noch nicht ausprobieren können.“
„Zum Glück!“ Er sah sich um, aber Ragnar klapperte in der Küche.
„Kannst du mir erzählen, was passiert ist?“
Nach kurzem Zögern nickte sie. Leise erzählte sie, wie sie Nikolaos in Lokis Bann gefunden hatte. Sie war mit ihrer Tarnkappe unsichtbar herangeschlichen und hatte Loki mit Blitzen attackiert, einen Schutzschild aufgebaut, Nikolaos, seinen Mantel und seine Tarnkappe geschnappt und war durch ein Portal entschlüpft. Der Festsaal in Freyas ehemaligem Palast, den nun Loki bewohnte, bot nämlich mehrere Portale in die nordischen Zwischenwelten. „Eigentlich hatte ich auf Lichtalbenheim gehofft, aber es war Schwarzalbenheim und irgendein unterirdischer Gang. Mit dem Ring von Ragnar konnten wir aber nach Asgard zurück, direkt ans Tor. Von dort sind wir zur Bifröst, der Regenbogenbrücke in die Zwischenwelt des Nordens, gelaufen. Auf der Brücke habe ich uns dann in Vestas Tempel teleportiert.“
„Cool“, sagte Lorenzo beeindruckt. „Gehört die Tarnkappe eigentlich zur Jupiterkinder-Ausstattung?“, fragte er scherzhaft.
Mirabella musste lachen. „Nein, ich weiß nur von den beiden existierenden.“ Dass jene von Nikolaos die aus dem Norden geklaute war, durfte sie ihm nicht mitteilen, das war geheimes Wissen.
„Und dann?“, fragte Lorenzo interessiert.
„Äh“, sie errötete leicht. „Was dann?“
„Naja, die Aktion wird ja nicht den Rest der Nacht gedauert haben. Wo seid ihr dann hin?“
„Wir sind im Vesta-Tempel geblieben, weil wir da sicher waren, das ist einer der sichersten Orte, würde ich meinen.“
„Dann hättest du dich mal melden können, dass du in Sicherheit bist“, monierte Lorenzo nun. „Wir waren lange auf und haben auf ein Zeichen von dir gewartet.“
„Entschuldige.“ Sie traute sich nicht zuzugeben, dass sie erst am Morgen wieder an ihn gedacht hatte.
Lorenzo nickte unzufrieden. „Hat Loki dich erkannt?“
„Ich glaube nicht, wobei er Gedanken lesen kann, aber er war, glaube ich, zu sehr damit beschäftigt, Nick zu brechen…“
„Zu brechen?“
„Seinen Widerstand, um ihn auszuhorchen. Im Verdacht hat er mich sicherlich.“
„Warum?“
„Er weiß, denke ich, wie Nick Ragnar und mich vor ihm gerettet hat. Die Dissoziation.“
„Du sagtest, du dürftest keinen Kontakt mehr zu Nick haben. Auch nicht via Dissoziation?“
Mirabella schüttelte traurig den Kopf. „Ich darf nicht wissen, wo er sich versteckt, sonst findet ihn Loki vielleicht, wenn ich in Asgard bin.“
Nun ging er auf sie zu. „Kommst du damit klar?“
„Ich weiß es nicht“, als sie aufsah, schimmerten Tränen in ihren Augen, schließlich schluchzte sie laut auf und Lorenzo nahm sie in seine Arme. Sie weinte eine Weile in seine Schulter, dann wischte sie mit ihren Händen die Tränen weg. „Entschuldige mich kurz“, mit diesen Worten wandte sie sich aus seiner Umarmung und lief ins Bad. Geräuschvoll schnäuzte sie sich, warf sich Wasser ins Gesicht und trocknete sich ab. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr rote verquollene Augen und ein schlechtes Gewissen, das sie mahnend ansah und sie direkt ins Herz traf. Schließlich atmete sie einmal tief durch und trat aus der Tür. Lorenzo saß auf seinem Bett im Schlafzimmer und starrte vor sich hin, als sie das Zimmer betrat: leise und mit leiser Stimme. „Wir müssen reden, Enzo.“
Als Mirabella am nächsten Tag, dem letzten der Ferien, in ihrem Bett aufwachte, verspürte sie keinerlei Lust aufzustehen. Wozu? Ihr ganzes Leben erschien ihr gerade ein einziges Jammertal zu sein. Nikolaos war aus ihrem Leben verschwunden und Lorenzo war sauer auf sie.
Sie verschränkte ihre Arme hinter dem Kopf und dachte über das Gespräch mit ihrem Ex nach. Natürlich war sie mit der Tür ins Haus gefallen, obwohl sie es hatte behutsam angehen wollen.
„Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein“, war ihr erster Satz gewesen. Sehr gut, Mira, das war echt feinfühlig gewesen!
Lorenzo war erst sehr blass geworden, dann hatte er wütend nachgefragt. „Was ist heute Nacht passiert?“
Sie schluckte, wie sie gestern einen gefühlt mega-fetten Kloß hinunterschlucken musste. Einige Sekunden hatte sie nicht sprechen können, dann hatte sie leise berichtet, dass ihr bei der Rettung von Nikolaos klargeworden wäre, dass sie ihn liebte. „Und nicht wie einen Bruder.“
Lorenzo hatte zornig geschnaubt. „Hatte ich das nicht immer behauptet? Ich, Idiot, wieso habe ich dir nur geglaubt, dass es nicht so ist? Gibst du jetzt zu, dass du mir etwas vorgemacht hast?“
„Ich habe auch mir selbst etwas vorgemacht. Es tut mir leid.“
Mit den Worten, „Ich brauche frische Luft“, war er rausgestürmt.
Als sie in die Küche eingetreten war, hatte Ragnar sie fragend angeschaut. „Habt ihr Streit?“
„Ich habe Schluss gemacht.“
In kurzen Worten hatte sie erklärt, was sie gerade Lorenzo gesagt hatte.
„Und bist du jetzt mit Nick zusammen?“
Erneut waren ihr Tränen in die Augen getreten. „Also, ich weiß nicht, ich darf keinen Kontakt mehr zu ihm haben.“
„Und wieso musstest du dich dann unbedingt jetzt trennen?“
„Wir haben uns geküsst. Ich könnte mit niemand anderem zusammen sein. Selbst wenn ich ihn nie wiedersehen werde.“
Ragnar hatte sie mitleidig angesehen und sie kurz in den Arm genommen. „Ich werde mal nach Enzo schauen, okay?“
„Ja, bitte. Kannst du dich etwas um ihn kümmern, es tut mir so leid. Ich habe ihn wirklich liebgewonnen, aber…“
„…es gab immer schon Nick.“ Ragnar hatte den Kopf geschüttelt. „Es war für einen Blinden sichtbar!“
„Ich dachte, er wäre mein Bruder…“
„Das ist er immer noch, oder nicht?“
Mirabella war rot geworden, sie hatte sich verplappert. „Ja, klar!“
Ragnar war schließlich auf die Suche nach Lorenzo gegangen und sie hatte eiligst zusammengepackt und die Hütte verlassen.
Missmutig stand sie auf und starrte auf die Isar. Gestern hatte sie Trost bei ihrem ehemaligen Kindermädchen Greta gesucht, sich ihr aber letztendlich nicht anvertraut. Sie hatte panische Angst vor der Reaktion der Olympier, wenn sie herausfinden sollten, dass sie von den Asen abstammte. Mirabella wusste, dass Greta sie wirklich liebte, aber sie liebte sie als Jupitertochter. Konnte sie als südliche Nymphe weiterhin loyal zu einer Thortochter sein? Sie war die Tochter des Feindes. Wer aber war nun ihr Freund oder Feind?
Sie seufzte und setzte sich wieder auf ihr Bett. Was liebte man, wenn man jemanden liebte? Nikolaos hatte behauptet, er würde sie auch lieben, wenn sie die Tochter der Hydra wäre, und wie eine Schwester hatte er sie sowieso nie angesehen. Im Gespräch mit Juno hatte sie gehört, dass er längst vermutete, sie wäre eine Asentochter. Der Norden plante offensichtlich schon mit ihrer Zeugung, einen nordischen Spion im südlichen Lager zu haben. Aber benutzte der Süden sie nicht auch, um die Statue zu finden? Juno hatte die enge Verbindung zwischen Nikolaos und ihr gelobt. War sie ein Teil des Plans? Spielte ihr Nikolaos nur etwas vor, um an Informationen zu kommen? Würde er sie fallenlassen, wenn die Statue gefunden war? Ihr wurde ganz schlecht bei dem Gedanken. Hatte er auf Geheiß von Juno mit Céline brechen müssen? Sie schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu verjagen, sie konnte sie selbst nicht glauben. Gewaltsam musste sie sich davon abhalten, eine Dissoziation anzustreben, um Nikolaos aufzusuchen. Sie vermisste ihn so schmerzhaft, dass sie an nichts Anderes mehr denken konnte. Wo war er jetzt? In einem Geheimversteck?
Plötzlich schrak sie hoch. Offiziell ließ er die Aktivität zwar ruhen, aber sollte er nicht heimlich für Juno weiter nach der Statue suchen? Dieses Detail hatte sie komplett verdrängt. Das hieße, dass er sich weiterhin in Gefahr begeben würde, in große Gefahr, nachdem Loki ihm auflauern würde. Sie stand nervös auf. Irgendwie musste sie das verhindern! Sie musste mit Juno sprechen. Aber was sollte sie ihr sagen? In dem Moment glühte der Mond an ihrem Amazonen-Armband. In Windeseile zog sie sich an und teleportierte sich in den Vesta-Tempel.
„Guten Morgen, Mirabella“, begrüßte Vesta ihre Schülerin. Das sonst so sanfte Gesicht, das seine Vestalin stets freundlich begrüßte, trug eine ernste Miene zur Schau.
„Guten Morgen, Vesta“, das Mädchen verneigte sich artig und leicht alarmiert.
„Ich möchte dich bitten, künftig bei waghalsigen Rettungsaktionen von im Auftrage Jupiters handelnden Halbgöttern meinen Tempel nicht zu benutzen.“
„Wo hätte ich ihn denn hinbringen sollen? Ich wollte an einen sicheren Ort.“
„In den Jupitertempel, wo man ihn auch erwartet hatte. Wenn Loki euch weiterverfolgt hätte, wüsste er von diesem Ort.“
Das Mädchen sah Vesta erstaunt an. „Aber sie wissen doch, dass ich Vestalin bin und dass du hier deinen Tempel hast.“
„Die Asen glauben jedoch, dass die Zwischenwelt hier damals aufgegeben wurde, wir haben alles dafür getan, dass dies der letzte Ort ist, an dem sie nach der zweiten Statue suchen würden.“
„Oh, verstehe. Es tut mir leid, das wusste ich nicht.“
Vesta nickte. „Ich hätte es dir längst sagen sollen“, gab sie zu. „Erinnerst du dich, als ich beim ersten Besuch mit den Halbgöttern davon sprach, dass ihr am Ende alle vergessen würdet, wo sich die Zwischenwelt befindet?“
Mirabella nickte und Vesta lächelte kurz versöhnlich.
Das Mädchen erwiderte das Lächeln und hielt die Situation günstig für weitere Fragen. „Wieso glaubt der Norden, dass die Statuen Macht verleihen? Odin sagte mir, dass er einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Trennung der Statuen und dem Ende der griechischen Herrschaft und später des Römischen Reiches sieht.“
Die Göttin maß sie abschätzend. „Sagte er das?“
„Ja, auch, dass, wer sie wiedervereinigt, die neue Religion oder Ideologie für Europa anführen wird.“
„Und das erzählt er dir einfach so?“
„Ich habe ihn gefragt. Stimmt das?“
Vesta musterte sie erneut und nickte dann seufzend.
„Wir vermuten es, die Titanen übergaben sie uns, als wir die Macht übernahmen, zur Erhaltung der Macht. Seit der Zeit herrschte Harmonie in unserem olympischen Reich. Frieden.“
„Aber nicht mit den Nordischen Göttern.“
„Sie waren relativ unbedeutend, wir befriedeten viele Gebiete des Nordens und brachten Kultur in die Wildnis.“
Mirabellas Augenbrauen stiegen nach oben. Frieden durch Unterwerfung, das hörte sich nach Caesar an. Traurig schüttelte sie den Kopf, Enttäuschung klang in ihrer Stimme mit. „Ihr seid alle gleich, alle wollt ihr nur Macht, Macht und wieder Macht!“
Vesta sah sie leicht überrascht an. „Der Norden will kämpfen, wir wollen nur das, was uns rechtmäßig zusteht, die Statuen gehören uns. Die Titanen haben sie uns überlassen.“
„Warum könnt ihr nicht mit dem zufrieden sein, was ihr habt oder euch am besten zusammentun? Ich verstehe das nicht.“ Mirabella hatte Tränen der Enttäuschung in den Augen. „Nick wäre wegen der blöden Statuen fast gestorben!“
Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie einen fast wütenden Blick der Göttin. „Nenn diese heiligen Statuen nie wieder ‚blöde‘, hörst du! Das ist einer Vestalin nicht würdig. Nikolaos tut nur seine Pflicht als Olympier, die du zu vergessen scheinst. Kann ich mir deiner Loyalität weiterhin absolut sicher sein?“ Sie sah Mirabella mit einem durchdringenden Blick an.
Das junge Mädchen biss sich auf die Lippen, aber hielt dem Blick stand. Am liebsten hätte sie die Frage verneint und alles hingeschmissen, aber sie schluckte ihren Frust hinunter, hob trotzig ihr Kinn und sagte ungewöhnlich ruhig. „Gewiss, Vesta!“
„Gut, dann haben wir das geklärt. Du kannst jetzt wieder gehen.“
Mirabella nickte und bestieg kochend vor Wut eine Blase.
Auf halbem Weg nach Hause, als sich langsam ihr Zorn legte und wieder in Enttäuschung umschlug, fiel ihr ein, dass sie Juno sprechen wollte. Was sollte sie ihr aber sagen? Sie wollte verhindern, dass Nikolaos sich weiter in Gefahr begab, nur wie sollte sie das anstellen? Plötzlich kam ihr eine Idee und sie lenkte die Blase zum Olymp.
Dort angekommen stand sie im Gang mit den griechischen Türschildern. Mit Mühe entzifferte sie Hera auf Griechisch, berührte das Schild und rief nach Juno. Im nächsten Augenblick öffnete sich eine Tür im leeren Gang und Mirabella trat hindurch. Sie stand nun im Vorzimmer von Juno und sah sich um. Die Tür, durch welche Nikolaos in die Privatgemächer von Juno geschritten war, öffnete sich ebenso für sie. Bevor sie über die Türschwelle trat, holte sie einmal tief Luft.
Juno saß in ihrem thronartigen Sessel und sah die junge Halbgöttin leicht erstaunt an. „Tritt ein, Kind, was bringt dich zu mir?“ Juno wählte oft nette Worte für sie, aber der Blick blieb stets kalt. Mirabella wusste, dass ihre Mutter eine ernsthafte Bedrohung für Juno als Gemahlin Jupiters gewesen war. Als Helenas Tochter hatte Juno keine großen Sympathien für sie übrig, akzeptierte aber die Liebe Jupiters zu seiner vermeintlichen Tochter. Ihren Mann und Bruder liebte Juno aufopferungsvoll und wollte ihn vor Schmerz und Enttäuschung bewahren. Das junge Mädchen war jedoch nicht so naiv, nicht anzunehmen, dass Juno auch von machtpolitischen Erwägungen beeinflusst wurde. Eine Schwächung Jupiters bedeutete auch eine Schwächung der Königin und des gesamten Olymps. Mirabellas wahre Herkunft stellte eine Bedrohung für diese Ordnung dar.
Sie nickte ergeben zur Begrüßung und schloss die Tür hinter sich. „Ich möchte dir einen Vorschlag unterbreiten, Juno.“ Sie zögerte kurz und suchte nach Worten.
„Ich höre...“
„Nun, du weißt, dass ich Nikolaos vorgestern gerettet habe.“ Sie senkte ihren Blick und fuhr, ihre Fußspitzen betrachtend, fort. „Nachdem er zum Olymp aufgebrochen war, habe ich ihn geistig begleitet, ohne sein Wissen.“ Nun sah sie auf. Junos Augenbrauen waren nach oben geklettert.
„Du hast also unser Gespräch belauscht.“
Mirabella nickte, leicht errötend. „Es tut mir leid, ich war so neugierig.“ Im Grunde tat es ihr nicht leid, ihr stand es zu, die Wahrheit zu erfahren. „Ich bin daraufhin nach Asgard geflogen und habe Thor gefragt, ob er mein Vater ist. Und er gab es zu.“
Juno sah höchst alarmiert aus. „Und jetzt? Weiß es Loki?“
„Er wusste es vor mir. Ich schloss einen Pakt mit Odin, die zweite Statue für den Norden zu besorgen, sofern sie über meine Herkunft schweigen.“
Die Göttin stand aufgeschreckt auf. „Die zweite Statue?“
„Ich musste irgendetwas anbieten. Natürlich werde ich das nicht tun, ich wüsste gar nicht wie. Aber es verschafft mir Zeit. Ich möchte genauso wenig wie du, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Daher wollte ich dir vorschlagen, an Nikolaos statt nach Lokis Statue zu suchen. Ich darf mich frei im Norden bewegen, nun umso mehr. Ich kenne die Leute, ich kann viel besser danach suchen als er. Und wenn es mir gelingen würde, sie zu finden, hätten wir ein Druckmittel. Das war es doch, was du wolltest, oder?“
Juno lächelte leicht, nickte dann aber bekräftigend und stand auf. „Jupiter gab dir unsere Tarnkappe?“
Das Mädchen nickte, während die Göttin unruhig vor ihrem Sessel auf und ablief. Schließlich sah Juno auf. „Gut, Mirabella, dann beauftrage ich dich hiermit offiziell, die Statue zurückzuholen. Wenn du Hilfe brauchst, wende dich an mich, an niemand anderen sonst. Traue niemandem!“
Die Halbgöttin nickte. „Was passiert mit Nick, ich meine Nikolaos?“ Vor Juno wollte sie ihn nicht bei seinem Spitznamen nennen.
„Er wird eine Zeit lang von seinen Pflichten als Halbgott befreit und wie ein einfacher Mensch leben.“
„Heißt das, er wird seine Kräfte verlieren?“
„Vorübergehend, ja.“
Sie wurde etwas blass. Was tat sie ihm an? Würde er ihr das verzeihen? Tapfer schluckte sie die Bedenken hinunter. „Ist er auch wirklich vor Loki sicher?“
„Ich werde seine Umgebung entsprechend sichern, so dass Loki ihn nicht erkennen könnte.“
„Sag ihm bitte nicht, dass ich seine Aufgabe übernehme, das würde er nicht wollen.“
Juno nickte. „Timo kann ihn offiziell ersetzen. Ich erwarte Bericht alle paar Tage.“ Dann sah sie Mirabella einen Moment an und lächelte milde. „Hüte sich einer vor liebenden Frauen!“
Das Mädchen errötete gegen ihren Willen stark, nickte Juno knapp zum Abschied und verließ die königlichen Privatgemächer.
Sie fühlte sich das erste Mal seit langem wieder als richtige Vestalin, vielleicht nie mehr als an diesem Tag. Eine wichtige Mission rief, es ging um die Statuen und sie war völlig auf sich allein gestellt.
Seit dem Gespräch mit Juno waren bereits zwei Wochen vergangen und Mirabella war fast bereit, ihren Tanz auf dem Vulkan als Normalität hinzunehmen. Zweimal die Woche berichtete sie an Juno, auch wenn es derzeit wenig zu berichten gab. Das Kampftraining mit dem Kriegsgott Mars fand wie gewohnt statt, wenngleich Nikolaos natürlich fehlte. Offiziell war er beurlaubt. Mirabella vermisste ihn gefühlt jede Minute ihres Lebens, dennoch gewöhnte sie sich auch langsam an den Zustand des Vermissens, an die Leere, die er ausgefüllt hatte. Sie ertrug es besser, als sie gedacht hatte, weil sie sich immer sagte, dieser Zustand wäre nur vorübergehend. Sie schwankte, ob sie sich beeilen sollte, die Statue zu finden, um ihn aus dem Zustand des reinen Menschseins zu erlösen und ihn wiedersehen zu können, oder ob sie das Auffinden hinauszögern sollte, um sich Zeit für einen Plan für danach zu verschaffen und Nikolaos länger in Sicherheit zu wissen.
Bisher war sie zweimal in Asgard gewesen und hatte Ragnar und Hannah getroffen. Die Theaterproben würden morgen nach dem Halbgötter-Stammtisch beginnen. Dort würde sie auch Lorenzo das erste Mal seit der Trennung wiedersehen und sie zitterte schon leicht davor. Zum Kampftraining war er seither nicht erschienen. Ragnar hatte ihr berichtet, dass Lorenzo „ganz schön leiden“ würde und sie hatte sich miserabel gefühlt. Ihre irdische Zeit war auch nicht unproblematisch, nachdem sich Lukas und Antonia nach der missglückten Silvesternacht bewusst aus dem Weg gingen. Sie verbrachten selten Zeit zu dritt, beide buhlten um Mirabellas Aufmerksamkeit, die sowieso schon zu wenig Zeit hatte. Nächste Woche wollte sie offiziell mit Baldur Schwarzalbenheim besuchen und sich danach heimlich etwas genauer umsehen.
„Sehr gut, Mirabella, ich spüre endlich echten Kampfgeist bei dir!“ Mars sah seine Schülerin wohlwollend an, woraufhin sie fast erschrak. Ein Lob vom sadistischen Mars war das letzte, worauf sie scharf war. Sie hatte ihren simulierten Aikido-Gegner nicht nur kampfunfähig gemacht, sie hatte ihm unnötige Verletzungen zugefügt, da sie vorher gedanklich bei Loki war und nun ihre Wut an ihrem Gegner ausgelassen hatte. Entsetzt sah das Mädchen auf die Simulation, die am Boden lag und sich nun vor ihren Augen in Luft auflöste. Der Kriegsgott lächelte leicht. „Frustriert? Liebeskummer?“
Sie warf ihm einen zornigen Blick zu. Seltsamerweise konnte sie ihm heute aber nicht wirklich böse sein, ihr Blick verlor an Härte. Seine Tat, die zum Tode führende Folterung von Wingni, Thors Sohn, hatte die Auslöschung der Titanen zur Folge. Es war zum Krieg gekommen, der fast in der Vernichtung der Götter geendet hätte. Seither hatte Mars enorm an Einfluss verloren, nachdem er unter den Römern fast so wichtig wie Jupiter gewesen war, und musste Schüler ausbilden. Auch Götter büßten für ihre Fehler und manchmal ewig, dachte Mirabella fast amüsiert. Sie war weit davon entfernt, Mitleid für Mars zu empfinden, aber er hatte ein wenig von seinem Schrecken für sie verloren, seit sie seine Geschichte besser kannte. Dass Wingni ein Bruder in irgendeiner Weise zu ihr war, berührte sie emotional nicht stark, die Bedeutung von Verwandtschaft hatte sich für sie relativiert. Man konnte sich seine Verwandten nicht aussuchen und musste damit leben, woher man kam. Wen sie als Eltern und Bruder geliebt hatte, hatte sich als Adoptiveltern und Sohn des offiziellen Feindes entpuppt. Verwandtschaft bedeutete Mirabella im Moment gar nichts mehr, wichtig waren für sie einzig ihre Freunde.
Mars erwiderte ihren Blick leicht erstaunt. „Kein Hass mehr gegen mich?“
Sie musste wider Willen lachen. „Oh, selbstverständlich. Vielleicht ein bisschen weniger als früher.“
„Gut, ich wäre traurig, meine Lieblingsfeindin zu verlieren!“
Terra räusperte sich. „Vater, könntest du aufhören, mit meiner Freundin zu flirten.“
Der Geliebte der Liebesgöttin Venus schnaubte lachend. „Aber, Terra, ich bemühe mich nur um ein besseres Verhältnis zu deiner Freundin, ich weiß doch, dass sie mit dem schönen Lorenzo geht.“
Mirabella sah auf und errötete stark.
„Was denn? Das weiß doch jeder!“, verteidigte sich Mars.
„Ähm, wir haben uns getrennt“, ihre Stimme war kaum zu hören.
Nun sahen sie alle fragend an, was ihre Verlegenheit nicht verbesserte. „Wir fanden, dass es einfach nicht gepasst hat.“
„Du hast Schluss gemacht?“, fragte Terra neugierig, ohne Mirabellas Aussage zu beachten.
„Er fand auch, dass wir fast keine Gemeinsamkeiten haben.“„Ist es wegen Nick? Sind deshalb beide nicht da?“, fragte nun Delphine zielstrebig, während Leon als einziger Junge versuchte, nicht neugierig zu schauen.
Mirabella sah unglücklich von einem zum anderen. „Nick setzt auf unbestimmte Zeit aus, er hat sich in große Gefahr gebracht. Lorenzo hat, glaube ich, zu tun.“ Letzteres wusste sie nicht, es wäre schon möglich, dass er fehlte, um ihr zu entgehen, sie hatte seit der Trennung keinen direkten Kontakt mehr zu ihm gehabt.
Mars klatschte nun in die Hände. „Genug geschnattert, wir machen jetzt weiter!“
Mirabella war ausgesprochen dankbar für diesen Appell. Nach der Übung kamen Delphine und Terra erwartungsgemäß zu ihr. „Willst du nicht darüber reden?“, fragte Terra schon fast beleidigt, Lorenzo hatte mit ihr nach den Sommerferien Schluss gemacht, da er sich in Mirabella verliebt hatte.
„Eigentlich nicht“, sagte sie seufzend, musste dann aber lächeln. „Na, schön, seid bitte lieb zu Enzo! Er ist wirklich ein sensibler, lieber Mensch, wenn man ihn besser kennt, und er tut mir echt leid.“ Delphine rümpfte leicht ihre Nase.
„Man kann sogar über seine Sprüche hinwegsehen“, ergänzte Mirabella und grinste leicht. Delphine hatte immer allergisch auf seine Komplimente oder anzüglichen Witze reagiert.
„Und weiter?“, drängte Terra ungeduldig.
„Ich bin einfach nicht richtig verliebt, das kann man eben nicht beeinflussen. Ich hab‘ mir selbst etwas vorgemacht.“
„Und wann ist dir das aufgefallen? Hat er bisschen gedrängt?“, hakte Delphine nach.
„Nein, überhaupt nicht.“ Sie errötete erneut. „Es ist wegen… Nick. Er wäre fast gestorben, ich kann nicht darüber reden, ist alles mega-geheim. Aber da habe ich einfach gemerkt, dass… er derjenige ist, mit dem ich zusammen sein möchte.“
„Das habe ich doch immer gesagt!“, meinte Delphine nun triumphierend.
„Und seid ihr jetzt zusammen?“, fragte die eher praktisch veranlagte Terra.
Mirabella schüttelte den Kopf. „Ich darf keinen Kontakt zu ihm haben, niemand vom Olymp, zu seiner eigenen Sicherheit.“
„Und wie lange?“ Delphine schaute ganz entsetzt.
„Auf unbestimmte Zeit.“
Die beiden Freundinnen bedauerten Mirabella noch eine Weile, dann flogen sie alle in ihre irdischen Heime.
Zuhause setzte sich Mirabella an ihren Schreibtisch und begann einen Brief an Nikolaos. Ihr war auf dem Rückflug aufgefallen, dass vieles für den Fall noch ungesagt war, falls ihr etwas passieren würde. Sie wollte, dass Nikolaos wusste, dass sie schon sehr lange in ihn verliebt war, dies jedoch erst nicht verstanden und später nicht wahrhaben wollte. Sie hoffte, dass er ihr verzeihen würde, dass sie dafür verantwortlich war, dass er tatsächlich inaktiv war. Es wäre zu seinem Schutz gewesen, so wie er sie immer hatte beschützen wollen. Ihren Ärger über die Bevormundung und auch die Zweifel aufgrund der Verheimlichung wichtiger Informationen ließ sie unter den Tisch fallen, es war ein Abschiedsbrief. Für alle Fälle.
Dies war bereits der zweite Abschiedsbrief in ihrem Leben, den ersten hatte sie mit vierzehn Jahren an ihre Adoptiveltern vor der Aufnahmeprüfung geschrieben und Greta übergeben. Die Götter hatten sie bis zum Schluss in dem Glauben gelassen, die Prüfung könnte tödlich enden, was jedoch nur der Einschüchterung diente. Niemand sollte bei der Prüfung zu Schaden kommen, wenngleich Mirabella aufgrund des Anführers der Riesen in Lebensgefahr schwebte. Er hatte, wie so oft, einfach die Grenzen innerhalb der Zwischenwelt überschritten und zufällig das Gelände betreten, wo sie ihre Prüfung ablegen sollte. Mit Mut, List und Glück hatte sie sich und Palatina gerettet, die sich in den Klauen des Riesen befunden hatte. Als sie ohne ihr Amulett, das im Kampf kurzfristig verloren gegangen war, den Olymp nicht hatte betreten können, waren ihr das erste Mal Zweifel an ihrer Herkunft gekommen.
Ein halbes Jahr später nun schrieb sie drei Abschiedsbriefe und sie wusste, dass es dieses Mal nicht unwahrscheinlich war, dass Greta diese Briefe würde aushändigen müssen. Ihren Adoptiveltern dankte sie für alles, erklärte die Pflichten einer Halbgöttin und bat sie, ihr zu verzeihen, dass sie ihnen Kummer zufügen würde. Sie kam sich sehr heroisch vor. Als letztes wollte sie an Jupiter einen Brief verfassen, starrte jedoch ratlos das weiße Papier an. Sie dachte an ihre erste Begegnung mit ihm und musste schmunzeln. Er war gerade als Elvis Double unterwegs und erzählte Mirabella von ihrer Halbgöttlichkeit und ihrer Mutter Helena, es war unfassbar gewesen. Später hatte er ihr dann Minerva und Nikolaos vorgestellt. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, wie lange dies alles her zu sein schien. Schließlich überwand sie sich, setzte den Stift an und versuchte ihrem Wunschvater zu erklären, wer sie war, warum sie tun musste, was sie tat, und bat ihn um Verzeihung.
Mehrfach las sie sich die Briefe durch, packte sie in beschriftete Umschläge, klebte sie zu und übergab sie am nächsten Tag Greta in einem günstigen Moment, als Yasmin und Marcus nicht zuhause waren. „Falls mir mal irgendetwas zustoßen sollte, gibt es drei Briefe, die du aushändigen musst.“
Ihr früheres Kindermädchen sah sie alarmiert an. „Gibt es Schwierigkeiten?“
„Gibt es die nicht immer als Halbgott?“, erwiderte Mirabella leichtfertig.
Greta maß sie eingehend. „Du willst wahrscheinlich nicht reden?“Mirabella lächelte leicht und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Oh, ich habe gar keinen an Dich verfasst!“, fiel ihr auf. „Aber du weißt, dass ich dich liebe, das muss ich nicht extra sagen, oder?“
Greta lächelte sie zärtlich an und nickte. „Du weißt, dass du mir alles anvertrauen kannst?“
Das junge Mädchen zögerte mit der Antwort.
„Ich fühle mich dir mehr verpflichtet als den Göttern, cara mia, ich bin eine Nymphe. Eine lokale sterbliche Gottheit.“
Die Halbgöttin sah auf, ahnte Greta etwas? Was wollte sie ihr sagen? Die Flussnymphe sprach weiter und sah sie eindringlich an. „Komm zu mir, falls du Schutz brauchst. Vor wem auch immer, ich habe viele Verbindungen, zu allen Seiten, auch zu den Kelten.“
Mirabella überlegte einen Moment, dann nickte sie. „Die Kelten… Vielleicht brauche ich tatsächlich irgendwann Asyl.“
Greta nahm wortlos die Briefe an sich.
„Wo wirst du sie aufbewahren?“
„Das werde ich dir nicht sagen.“ Im gleichen Moment verschwanden sie aus ihren Händen und Mirabella staunte erneut über die vielseitigen Fähigkeiten ihres Kindermädchens.
„Sicher, dass du nicht Mary Poppins bist?“
„Nicht auszuschließen!“, entgegnete sie lachend und Mirabella ging in ihr Zimmer, um sich für den Halbgötter-Stammtisch umzuziehen.
Auf dem Weg nach Stonehenge zerbrach sie sich den Kopf, was sie Lorenzo sagen könnte, um ihn aufzumuntern, ihn um Freundschaft zu bitten, ohne neue Hoffnungen zu sähen. Aufgeregt schlüpfte sie durch Loch sieben, nur um festzustellen, dass er nicht da war. Lange hatte sie überlegt, eine Nachricht zu schreiben. Sie würde auch auf den Stammtisch verzichten, wenn er lieber alleine hingehen würde. Ihr war dann jedoch die Rollenverteilung für das Theaterstück eingefallen, heute war der wichtige Termin für die weitere Planung der Auftritte, daher hatte sie gehofft, er wäre vielleicht schon so weit, ihr gegenübertreten zu können. Zugegebenermaßen waren erst zwei Wochen seit der Trennung vergangen, zum Tanzkurs war er selbstverständlich auch nicht gekommen, hatte einen Einzeiler geschrieben, dass er verhindert wäre.
Hannah, Leon, Terra, Ragnar und Kyell waren bereits eingetroffen und Mirabella fiel zum ersten Mal auf, dass sie sich auf keltischem Boden befanden, ohne dass Kelten anwesend waren.
Nachdem sie alle begrüßt hatte, fragte sie in die Runde. „Kennt einer von euch eigentlich keltische Halbgötter in unserem Alter?“
Kyell nickte, während die anderen den Kopf schüttelten. „Eine Tochter von Fand, Niamh.“
„Wir sollten sie hierher einladen, findet ihr nicht?“
Ragnar nickte. „Warum nicht? Wie es scheint, schwinden unsere Mitglieder dahin…“
Mirabella errötete bei der Aussage und kam schnell auf die Rollenverteilung des Theaterstückes zu sprechen. Sie wartete auf einen günstigen Augenblick, um Ragnar flüsternd zu fragen, ob Lorenzo käme. Er schüttelte den Kopf.
„Wegen mir?“
„Nee, wegen der fehlenden Fußbodenheizung hier… Natürlich wegen dir. Denke ich jedenfalls.“
„Soll ich ihn anrufen?“
Ragnar zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, reagieren solltest du aber vielleicht schon mal.“
Sie schluckte, sie hatte keine Ahnung, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Schließlich nahm sie allen Mut zusammen, verließ Loch Sieben, stellte sich in die winterliche Kälte Südenglands und rief Lorenzo an. Ohne Video. Er ging nicht ran.
Hi Enzo, bitte geh ran, ich möchte mit dir sprechen. Bella.
Nach sechs Minuten, als sie zähneklappernd beschlossen hatte, nur noch kurz zu warten, klingelte ihr Handy, es war Lorenzo.
„Hi“, meldete sie sich.
„Hi, was willst du?“, fragte er etwas schroff.
„Ich…ähm, du meidest alle Treffen, wo ich bin. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen darauf verzichtest. Wenn du mich nicht sehen magst, dann verzichte ich auf die Treffen.“
„Ich hab‘ zu tun.“
„Wirklich?“
„Wirklich. Beim nächsten Stammtisch bin ich wieder dabei. Und du brauchst nicht fernbleiben, ist ja erst wieder in einem Monat.“
„Und die Theaterproben, das fängt dann jetzt an. Ich hatte dir eigentlich die Rolle des Ratsherren angedacht.“
„War das nicht Nicks Rolle?“
„Ja, aber er wird nicht mitmachen, aber natürlich kannst du auch eine andere Rolle haben.“ Wie selten blöde von ihr, ihm diese Rolle geben zu wollen, dachte sie augenrollend.
„Nein, schon okay, vielleicht kann ich ihn zumindest dort ersetzen.“
Mirabellas Magen krampfte sich zusammen. „Enzo, bitte... Meinst du nicht, wir können weiterhin befreundet sein?“
„Wo wir vorher so eng befreundet waren?“, fragte er sarkastisch.
„Ich dachte, dass wir es mittlerweile waren. Ich vermisse dich.“
Stille.
„Enzo?“
Sie hörte, wie er sich räusperte. „Stehst du jetzt eigentlich draußen in der Kälte, womöglich ohne Jacke?“
„Äh, ja, wieso?“
„Geh rein, du holst dir ja den Tod. Ich komme in einer halben Stunde.“
„Danke“, hauchte sie überrascht. „Bis nachher!“
Erleichtert ging sie wieder zu den anderen, die mit der Verteilung der verschiedenen Rollen beschäftigt waren. Ragnar sah sich fragend nach ihr um und sie flüsterte ihm lächelnd zu. „Er will nachkommen.“
