Mirabellensommer - Marie Matisek - E-Book + Hörbuch

Mirabellensommer Hörbuch

Marie Matisek

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Beschreibung

Ein charmanter und lebenskluger Sommer-Roman über zwei turbulente Familien in der Provence und eine zauberhafte Liebesgeschichte von der Erfolgsautorin Marie Matisek .. Zwischen Jasmin- und Rosenfeldern liegt die Domaine de Lafleur im Hinterland von Nizza. Marita ist glücklich mit Lucien Lafleur und ihren neuen Freunden, der alteingesessenen Familie Verbier und den Babajous von der Elfenbeinküste. Auch Gilbert Verbier und Aristide Babajou sind enge Freunde geworden – bis sich Gilberts Enkelin Julie in Aristides Sohn Rachid verliebt. Schnell stellt sich heraus, dass die kulturellen Gräben tiefer sind als gedacht. Marita und Lucien versuchen alles, um die Freunde miteinander zu versöhnen. Doch nach einem hässlichen Streit ist das junge Liebespaar plötzlich verschwunden …

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Zeit:6 Std. 3 min

Sprecher:Julia Fischer




Marie Matisek

Mirabellensommer

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Ein charmanter und lebenskluger Sommer-Roman über zwei turbulente Familien in der Provence und eine zauberhafte Liebesgeschichte von der Erfolgsautorin Marie Matisek

Inhaltsübersicht

Prolog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. KapitelEpilog
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Prolog

Vor zwei Jahren

Wow!«, staunte Angélique, als sie dem Wegweiser zur »Domaine de Lafleur« gefolgt und von der Straße abgebogen waren. Ein Kiesweg durch üppiges Grün führte nach ein paar Kurven zu dem großen Anwesen. Mäuerchen, auf denen sich Geckos sonnten und in deren Ritzen kleine gelbe Blümchen und Kräuter wucherten, säumten den Weg, Bougainvilleen, die ihre üppige Blütenpracht über Zäune, Mauern und Sträucher ergossen, Palmen, Agaven und Zitrusbäume. Am steinernen Brunnen vor dem Landhaus mit seinen grünen Fensterläden wartete Marita bereits auf ihre Besucherinnen und winkte. Babette Babajou parkte ihr Auto im Schatten großer Platanen, dann stiegen sie und ihre Tochter aus und begrüßten die Deutsche.

»Wie schön, dass ihr kommen konntet«, freute sich Marita. »Wollt ihr was trinken? Ségolène hat Limonade gemacht.«

Auf der Terrasse des Hauses erschien die rundliche Figur der Haushälterin, von der Babette schon so viel gehört, die sie aber noch nicht persönlich kennengelernt hatte.

Die vier Frauen gingen hinüber und nahmen unter dem weißen Sonnenschirm Platz. Auf dem Tisch stand eine Karaffe mit Zitronenlimonade, Eiswürfeln und Minzblättern, Gläser und kleine Fruchttörtchen.

»Sagen Sie bloß, die haben Sie selbst gebacken?« Babette war beeindruckt, die Törtchen sahen perfekt aus, wie vom pâtissier.

»Ach was, das ist doch nichts.« Verlegen wischte sich die Haushälterin ihre Hände an der Kittelschürze ab.

»Täuschen Sie sich nicht – die sind von gestern«, tönte die Stimme des alten Georges Lafleur aus dem Hintergrund. Mühsam kam er auf den Stock gestützt zu den Frauen auf die Terrasse.

»Aber das ist nicht wahr!« Ségolène war empört. »Wieso behaupten Sie so etwas, Monsieur Lafleur?«

»Damit mehr für mich bleibt«, entgegnete der alte Herr und schnappte sich sofort eines der Törtchen.

Babette schüttelte den Kopf. Sie hatte Georges erst zwei Mal gesehen, aber seine spitze Zunge und seine Lust, alle Menschen, die ihm begegneten, zu provozieren, bereits am eigenen Leib erfahren. Er war über achtzig Jahre alt, ein Grandseigneur, immer picobello gekleidet, trug maßgeschneiderte Anzüge, Seidenkrawatten und rahmengenähte Schuhe, aber sein Benehmen war alles andere als fein.

Marita lächelte nur, schüttelte den Kopf über ihren Schwiegervater in spe und lotste ihre beiden Besucherinnen rasch von der Terrasse.

Es war erst wenige Wochen her, dass sie sich kennengelernt hatten. Die Deutsche hatte sich auf dem Weg vom Flughafen in Nizza nach Grasse verfahren und war vor dem Obst- und Gemüseladen der Familie Babajou gestrandet. Seitdem hatten sie ein paar Mal miteinander zu tun gehabt, und die beiden Frauen hatten sich auf Anhieb gemocht. Marita war Krankenschwester und Babette Altenpflegerin, so hatten sie schon eine Gemeinsamkeit. Marita war aus Deutschland gekommen, um den alten Lafleur zu pflegen, hatte dann aber ihr Herz an dessen Sohn Lucien verloren. Bei einem Treffen hatte Marita schließlich die Babajous zu einem Besuch auf die Domaine de Lafleur eingeladen. Aristide, der Mann von Babette, hatte kein Interesse daran, aber Angélique, ihre Tochter, drängte sie seitdem, die Einladung anzunehmen. Sie hegte eine Leidenschaft für alles, was mit Mode und Kosmetik zu tun hatte, und so waren sie heute hier. Marita wollte ihnen die Plantage zeigen, auf der Rosen und Jasmin für die Kosmetikindustrie angebaut wurden.

»Die Rosenernte ist leider vorüber«, erklärte Marita nun, während sie Babette und Angélique an den Feldern entlangführte. »Auch die Saison für den Jasmin geht zu Ende, wir ernten noch diese Woche, dann ist es vorbei.«

Sie passierten das weitläufige Rosenfeld, das sich in sanften Hügeln abwärtsschwang und erst am Horizont endete, wo man das Meer erahnen konnte, überquerten eine Straße und kamen schließlich zu den Feldern, auf denen der Jasmin noch blühte. Die Pflückerinnen seien bereits gegangen, erklärte Marita, geerntet werde lediglich von Sonnenaufgang bis zum Mittag. Danach sei ein Großteil der ätherischen Öle aus den Blütenblättern in der Hitze verflogen, die Essenz, die daraus gewonnen wurde, würde weniger intensiv.

Trotzdem duftete der Jasmin betörend. Auf dem Feld, das die Größe mehrerer Fußballplätze hatte, wogte ein Meer von winzigen weißen Blüten, die ihren unnachahmlichen Duft verströmten.

Babette und Angélique waren beeindruckt, als Marita ihnen genau erklärte, wie die Ernte vonstattenging. Jede Blüte musste einzeln geerntet werden, ohne Blätter und Stengel. Aus den Milliarden zarter Blüten wurde letztlich eine winzige Menge der Jasmin-Essenz gewonnen, die die Basis der größten Parfums ihrer Zeit darstellte.

Sie gingen wieder zurück zum Landhaus, hinter dem ein flacher Bungalow stand. Hier wurden die Blüten gewogen und destilliert und das kostbare Absolue in kleine Fläschchen gefüllt. Angélique konnte gar nicht genug Informationen bekommen, sie stellte noch eine Frage und noch eine, und Marita gab sich große Mühe, alles zu erklären. Ihr Französisch war nicht besonders flüssig, was die Sache erschwerte.

Nach einer guten Stunde Führung hatten sie sich eine kleine Stärkung verdient. Ségolène servierte Kaffee auf der Terrasse.

Während Angélique von Lucien Lafleur, dem Chef der Domaine und gleichzeitig Parfümeur, noch durch sein Labor geführt wurde, wollte Marita mit Babette ein Wort im Vertrauen sprechen.

»Babette, ich habe einen kleinen Anschlag auf dich vor.«

»Etwas Schlimmes kann es kaum sein. Raus damit.«

Marita suchte nach den richtigen Worten. »Es geht um Georges. Seit ich mich entschlossen habe, hier und mit Lucien zusammen zu bleiben, bin ich nicht mehr als Pflegerin für ihn angestellt. Natürlich kümmere ich mich trotzdem«, beeilte sie sich zu versichern, »aber Lucien möchte, dass wir wieder jemanden dafür beschäftigen.«

»Aber wozu Geld ausgeben, wenn du das machen kannst?« Babette verstand das Problem nicht.

»Lucien möchte, dass ich mich um den Betrieb hier kümmere. Dann hat er freie Zeit, um Parfums zu kreieren. Das macht er nebenbei, aber er hat gute Angebote und möchte das ausbauen. Und ich finde es toll, dass er mir den Betrieb hier zutraut. Zumindest teilweise.«

Babette verstand. »Drei Mal in der Woche. Am Vormittag. Das ginge.« Sie musste nicht lange darüber nachdenken. Regelmäßig nach Grasse zu fahren, in der Gesellschaft von Marita zu sein, das war eine willkommene Abwechslung zu ihrem Arbeitsalltag.

Marita atmete erleichtert auf. »Wunderbar, dann sind wir uns also einig. Du kümmerst dich drei Vormittage um Georges, und ich …«

»Nur über meine Leiche!«

Erschrocken drehten die Frauen sich um. Keine von ihnen hatte bemerkt, dass Lafleur senior hinter ihnen stand und ihr Gespräch mitgehört hatte. Er sah ziemlich verärgert aus.

Aber Babette blieb unbeeindruckt. Dich koche ich auch noch weich, dachte sie, wart’s nur ab.

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1.

Nizza, 2017

Babette musste keinen Blick auf den Wecker werfen, um zu wissen, wie spät es war. Sie erwachte immer um die gleiche Zeit, immer um sechs. Seit Jahren ging das so, sie funktionierte wie ein Uhrwerk. Zwei Stunden zuvor, um vier, klingelte Aristides Wecker. Er musste so früh aufstehen, um im Großmarkt noch die besonders gute Ware zu bekommen. Aristide tat sich im Gegensatz zu ihr sehr schwer mit dem Aufstehen. Er jammerte und stöhnte, es dauerte mithin eine halbe Stunde, bis er sich endlich aus dem Bett wälzte. Dann rollte sich Babette auf seine Seite des Bettes, dorthin, wo das Laken noch die Wärme seines Körpers speicherte, und fiel in einen tiefen zweiten Schlaf. Wenn sie dann von selbst aufwachte, war sie fit und ausgeschlafen.

Babette schlug die Bettdecke beiseite, reckte sich und öffnete die Fensterläden. Helles Sonnenlicht strahlte ihr ins Gesicht, der Himmel, von dem sie einen schmalen Streifen über den gegenüberliegenden Dächern sehen konnte, war leuchtend blau. So blau, wie er seit Wochen beinahe jeden Tag war und wohl noch eine Zeitlang bleiben würde. Es war Hochsommer, die Wärme drückte schon um diese frühe Uhrzeit gnadenlos in das kleine Zimmerchen. Die Terrakottakacheln unter ihren Füßen fühlten sich kühl an, und wenn Babette, so wie sie es in den Sommermonaten immer tat, die Sonne bis zum Abend aussperrte, würden sie es auch bleiben.

Draußen war es fast unerträglich heiß. Ihre französischen Freundinnen stöhnten, dass sie nachts nicht schlafen konnten, sie hielten die nächtliche Hitze nicht aus. Babette jedoch liebte tropische Temperaturen. Sie erinnerten sie an längst vergangene Zeiten, daran, wo sie herkam, sie erinnerten sie an die Sonne Afrikas. In Abidjan, im kleinen Bungalow ihrer Eltern, der nur zwei Zimmer umfasste, in denen sie alle zusammen gewohnt hatten, Mama, Papa und die sechs Geschwister, hatten sie auf dem Boden geschlafen. Eine schlecht gegossene Betonplatte, rauh und hart, aber Babette hatte es nicht anders gekannt. Lediglich ein Baumwolltuch hatte als Unterlage gedient, zugedeckt hatten sie sich mit dünnen Laken. Und so hielten sie es noch heute, Babette und Aristide.

Von der Arbeit her wusste Babette, dass die Franzosen ganz andere Schlafgewohnheiten hatten. Sie schliefen unter einem Leintuch, das rundherum unter der Matratze festgeklemmt war. Darüber eine Wolldecke, die ebenfalls festgesteckt wurde. Man schlief wie in einem Sarg, festgezurrt, es war unmöglich, die Füße unter der straff gespannten Decke zu bewegen. Grausam! Niemals würde Babette auf diese Weise schlafen können. Allerdings war sie heilfroh, dass sie heutzutage statt des Betonfußbodens ein herrlich komfortables Bett ihr Eigen nennen durfte.

Sie schüttelte die Kissen auf und nahm das leichte Seidentuch, mit dem sie und Aristide sich im Sommer bedeckten, um es auf die kleine Wäscheleine vor dem Fenster zum Lüften zu hängen. Die Wäscheleinen waren in der schmalen Gasse kreuz und quer über die Straße gespannt, von einem Haus zum gegenüberliegenden. Dank einer einfachen Mechanik konnte man die Schnüre so zu sich heranziehen, dass man seine Wäsche bis zu den Nachbarn aufhängen konnte. Die Stadtverwaltung von Nizza hatte allerdings darum gebeten, dass die Wäsche nach Möglichkeit in der Hauptsaison nicht den gesamten Tag über den Köpfen der Touristen baumelte, die sich von Mai bis September durch die Gassen quetschten. Babette war mit Leonie, die gegenüber wohnte und mit der sie sich die Wäscheleinen teilte, übereingekommen, wechselweise ihre Wäsche in den frühen Morgen- und späten Abendstunden aufzuhängen.

Kaum hatte Babette sich aus dem Fenster gebeugt, um die Bettdecke über die Leine zu werfen, winkte ihr Leonie von gegenüber freundlich zu. In der einen Hand hielt sie den bol mit Milchkaffee, in der anderen eine Zigarette.

»Salut, Babette!«

»Salut, Leonie! Wie geht’s?«

Leonie zeigte mit der Zigarette nach oben, dorthin, wo der Streifen blauen Himmels hervorblitzte. »Grandes vacances! Wie kann es mir da schlechtgehen?« Dann lachte sie ihr kehliges Raucherlachen.

Babette verabschiedete sich freundlich winkend. Grandes vacances, die großen Ferien, begannen morgen. Achteinhalb Wochen ohne Prüfungen und Tests, Magenschmerzen und Klagen über Lehrer. Während Babette in die kleine Küche ging, den Gasherd anmachte, Kaffeepulver in die Alu-Kanne füllte und eine selbstgebackene Brioche aus dem Brotkorb holte, dachte sie an die anstrengenden Jahre, die hinter ihr lagen. Vier Kinder hatte sie durch die Schule gelotst! Von der École maternelle, der Vorschule für die Kleinsten, an. Hinbringen, abholen, Proviant zurechtmachen, bei schlechten Noten trösten, bei guten eine kleine Belohnung bereithalten.

Jetzt hatte sie nur noch ein Schulkind, Angélique, ihr Nesthäkchen. Rachid hatte das Gymnasium gerade abgeschlossen, er würde nach den Ferien nach Lyon gehen, um Betriebswirtschaft zu studieren. Aristide platzte vor Stolz, Rachid war der Erste in ihrer Familie, der das Gymnasium geschafft hatte. Ein Akademiker! Babettes Mutter hatte ihr am Telefon im Vertrauen erzählt, dass ihr Vater, ein Lehrer, heimlich geweint hatte, als er hörte, dass es einer seiner Enkel zu einer Hochschulbildung bringen würde. Natürlich würde Babettes Vater diese Tränen niemals zugeben, er hatte damals, vor dreißig Jahren, als Babette und Aristide Abidjan in Richtung Frankreich verlassen hatten, keinen Hehl daraus gemacht, dass er ihr Vorhaben für halsbrecherischen Wahnsinn hielt und es zutiefst verdammte. Diese Haltung hatte sich mit den Jahren etwas aufgeweicht, weil seine Tochter und dieser dahergelaufene Schwiegersohn aus dem Norden der Côte d’Ivoire es wider Erwarten doch geschafft hatten, zu überleben – und sogar ganz gut zu überleben! –, aber da ihr Vater Niederlagen nicht zugeben konnte, tat er noch immer so, als wolle er mit dem französischen Ableger der Familie nichts zu tun haben.

Mahmud, Babettes Ältester, hatte vor Jahren eine Lehre als Bankkaufmann gemacht und arbeitete bereits seit längerem im nahe gelegenen Antibes. Er hatte im letzten Jahr geheiratet, ein Mädchen, dessen Eltern aus Algerien stammten. Sie war seine Kollegin in der Bank, und die beiden arbeiteten von früh bis spät. Babette hoffte nun täglich darauf, dass das Telefon klingelte und man ihr die frohe Nachricht überbrachte, dass das erste Enkelkind unterwegs sei. Aber bis jetzt Fehlanzeige.

Moira, ihre Zweitälteste, lebte hier in Nizza, sie war Verkäuferin in einer Boutique. Obwohl schon fünfundzwanzig, war sie noch immer unverheiratet, was Aristide schrecklich beunruhigte. Babette versuchte, ihn zu besänftigen und Verständnis für Moira aufzubringen, schließlich war deren Lebensstil für junge Europäer ganz normal, aber insgeheim wünschte auch sie sich, dass Moira bald in den sicheren Hafen der Ehe einlief.

Babette stand am Herd ihrer Küche, hörte dem Röcheln der Espressokanne zu, und ihre Gedanken galoppierten von den großen Ferien über ihre Kinder zu den Eltern. Mama und Papa, vor mehr als zehn Jahren hatte Babette – oder Behati, wie sie richtig hieß – sie zum letzten Mal gesehen. Mit ihrer Mutter telefonierte sie häufig, mit ihren sechs Geschwistern nur selten. Aber sie schickte natürlich regelmäßig Geld nach Hause, so wie es auch Aristide tat.

Als sie vor fast dreißig Jahren in Nizza angekommen waren, war Babette noch keine achtzehn gewesen und hochschwanger. Sie hatten bei einem Onkel ihres Mannes wohnen dürfen, hier in dieser Straße, und alles war fremd gewesen. Sie hatte sich damals kaum auf die Straße getraut, so seltsam und beängstigend war ihr die Welt der Franzosen erschienen. Sie hatte die Regeln nicht verstanden, die Menschen waren ganz anders miteinander umgegangen, steif und förmlich. Damals hatte sie geglaubt: feindselig, aber in den vielen Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte Babette begriffen, dass die Franzosen ihre Herzlichkeit nur auf andere Art ausdrückten, als sie, die Ivorerin, es gewohnt war. Zum Glück konnte sie die Sprache sprechen, sie war mit Französisch aufgewachsen, alle Menschen von der Côte d’Ivoire sprachen Französisch und mehrere afrikanische Dialekte. Babette fragte sich, wie die Einwanderer hier zurechtkamen, die des Französischen nicht mächtig waren.

Dreißig Jahre. Sie hatten nichts gehabt außer den Kleidern, die sie am Leib trugen, und den Gummilatschen an den Füßen. Flip-Flops sagte man heute dazu, und Babette schüttelte noch immer den Kopf darüber, wie es sein konnte, dass so etwas Mode werden konnte. In Afrika hatten sie sich die Dinger aus alten Gummireifen gebastelt, ein Loch hinein, ein wenig Flachs, Hanf oder Schnur durchgezogen, und fertig war der »Flip-Flop«. Dann watschelte man wie eine Ente und hörte sich auch so an.

Der Kaffee war fertig, und Babette goss sich ihren zusammen mit der warmen Milch in eine Schale. Den Rest hob sie für Angélique auf. Rachid ließ sie schlafen, er hatte es verdient, liegen zu bleiben nach den anstrengenden Schuljahren. Zwar ärgerte sich Aristide, dass der Junge noch im Bett lag, wenn er hochkam, um seinen verdienten Mittagsschlaf zu halten, aber sie ließ ihn sich ärgern, das verpuffte schnell wieder.

Ach, Aristide. Mit einem Lächeln dachte Babette an den jungen Egwuatu, der er einst gewesen war und in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Im August hatten sie Hochzeitstag. Ihren dreißigsten!

Babette wünschte sich insgeheim, dass sie etwas Besonderes machten, nur sie beide, Egwuatu und Behati oder Aristide und Babette, wie sie seit ihrer Ankunft in Frankreich hießen. Sie hatten sich so genannt, weil sie ihr neues Leben auch mit neuen Namen hatten beginnen wollen. Natürlich hoffte sie darauf, dass Aristide sich etwas für sie ausgedacht hatte, einen Restaurantbesuch vielleicht, eine Nacht in einem besonderen Hotel. Das war jedoch wenig wahrscheinlich. Wahrscheinlicher war der übliche Strauß roter Rosen, prachtvoller roter Rosen, für jedes Ehejahr eine. Aristide würde die Rosen bei einem der Händler auf dem Blumen- und Gemüsemarkt verbilligt bekommen, so war es jedes Jahr. Dann gab er ihr einen Kuss, versicherte sie seiner Liebe – und ging wieder an die Arbeit. Keine Spur von Romantik.

Angélique riss ihre Mutter aus den trüben Gedanken. »Guten Morgen, Maman«, murmelte sie und küsste Babette flüchtig auf die Wange. Sie setzte sich auf einen Stuhl, zog die Beine an und das große Schlaf-T-Shirt über die Knie. Dann tunkte sie ihre Brioche in den heißen Kaffee. Dabei fielen ihr fast die Lider wieder zu.

Liebevoll betrachtete Babette ihre Tochter. Siebzehn Jahre alt, ebenso alt, wie sie damals gewesen war. Aber gottlob nicht schwanger und auch weit entfernt davon. Babette dachte an ihre Eltern. Sie hatte ihnen das Herz gebrochen, damals, als sie sich bereit erklärte, sich auf Aristides waghalsigen Plan einzulassen und nach Europa zu gehen. Wenn sie sich jetzt vorstellte, dass Angélique sie verlassen würde, auf einen anderen Kontinent gehen, mit einem fremden Mann, unterm Herzen ein Enkelkind – sie würde zusammenbrechen.

»Was guckst du so?«, erkundigte sich Angélique misstrauisch, der die Blicke ihrer Mutter nicht entgangen waren.

»Nichts. Ich habe an damals gedacht. Als ich so jung war wie du.«

Ihre Tochter rollte genervt mit den Augen. Keines ihrer Kinder wollte die alte Einwanderer-Geschichte noch hören, zu oft hatte Aristide sie heruntergebetet, die Geschichte von den zwei Ivorern, die mit nichts nach Frankreich gekommen waren und sich mit harter Arbeit und Fleiß einen Platz in der Mitte der Gesellschaft erarbeitet hatten. Kaum brachte ein Kind schlechte Noten nach Hause, beeilte sich Babettes Ehemann, die Litanei wieder zum Besten zu geben. Sie selbst war dieser Geschichte schon müde.

»Schon gut, ich sag ja nichts.« Babette tätschelte ihrer Tochter den Arm, dann stand sie auf. »Ich bin die Erste im Bad. Heute ist Georges-Tag.«

 

Georges-Tag. Drei Mal in der Woche war Georges-Tag, und das waren Babette die liebsten Tage. Denn dann setzte sie sich in ihr kleines Auto und fuhr ins Hinterland nach Grasse zur Domaine de Lafleur, aus der überfüllten, quirligen Großstadt in ein duftendes Paradies der Ruhe und Behaglichkeit.

Die Tage auf der Domaine waren Balsam für Babettes Seele! Endlich kam sie mal aus Nizza heraus. Diese Empfindung würden die meisten Franzosen und erst recht alle Touristen als irrwitzig empfinden, schließlich war Nizza das Ziel zahlreicher Träume, aber für Babette war Nizza eben Alltag. Nizza, das war immer Arbeit und selten Vergnügen. Sie besuchte im Auftrag der Agentur, die Pflegekräfte vermittelte, ihre Patienten, und ob sie das in Nizza tat, in den Banlieues von Paris oder in einer langweiligen Kleinstadt, spielte keine Rolle. Sie saß im Auto, fuhr die Adressen ab, kümmerte sich hier, fütterte dort, wusch, wechselte Wäsche und Windeln, tröstete, plauderte oder hielt einfach mal nur eine Hand. In den Mittagsstunden, wenn Aristide sein Nickerchen hielt, an manchen Tagen auch ganztags, half sie im Obstladen. Am Nachmittag waren wieder die Alten dran und am Abend ihre eigenen Kinder. Wäsche, Einkauf, Erledigungen – das lief alles nebenbei. Am Abend stand sie meistens in der Küche und verarbeitete das Obst und Gemüse, das Aristide im Laden nicht mehr verkaufen konnte, zu Marmelade, Kompott, Chutneys oder Pickles. Oder sie saß mit ihrem Mann vor dem Fernseher, stopfte dabei Socken, besserte aus, kürzte einen Saum oder ließ eine Naht aus.

Das war ihr Leben.

Mondäne Côte d’Azur? Davon bekam Babette verdammt wenig mit.

Ganz anders war es bei den Freunden auf der Domaine. Babette kümmerte sich um den alten Georges, ein Gentleman-Schlitzohr, der sich ständig mit ihr herumstritt, tatsächlich aber lieber auf sein linkes Bein als auf sie verzichtet hätte. In den zwei Jahren, in welchen sie seine Pflegerin war, hatte Babette ihn so getriezt, dass er mit Hilfe von Physiotherapie, einem Logopäden und einer Ergotherapeutin wieder in der Lage war, auch für längere Strecken auf den Rollstuhl zu verzichten, und direkt anstatt über einen Computer kommunizieren konnte. Zwar waren all diese Maßnahmen von großem Gezeter und Wehklagen des mittlerweile 87-Jährigen begleitet, aber Babette triumphierte, weil sie genau spürte, wie sehr sich ihr Patient – oder Folteropfer, wie er selbst gesagt hätte – über seine Fortschritte und die damit wiedererlangte Freiheit freute. Er brauchte keine Rundum-Betreuung mehr, kleidete sich alleine an und hatte einen gewissen Bewegungsradius, den er selbständig meisterte. Babette kam, um mit ihm zu trainieren, seine Übungen zu machen, die Medikamentation zu überwachen und natürlich um ihn bei Laune zu halten.

Darüber hinaus aber kam sie, um mit Marita und Ségolène, die den Haushalt der Lafleurs führte, ein Schwätzchen zu halten. Nicht selten fuhr sie danach noch mit Marita nach Grasse, um ins Kino zu gehen, sich in ein Café zu setzen oder ein wenig zu flanieren. In diesen Momenten fühlte Babette sich frei. Es war gestohlene Zeit, anfangs hatte sie ein schlechtes Gewissen gehabt – sollte sie nicht besser umgehend nach Hause fahren, um sich um die Kinder, den Haushalt, den Laden zu kümmern?! Aber peu à peu merkte sie, dass diese Momente ganz ohne lästige Pflichten ihr guttaten, dass sie ihr Energie gaben und vor allem: dass sie niemand vermisste. Die Kinder waren groß, Aristide so sehr mit seinem Geschäft verwachsen, dass sich niemals ein Familienmitglied beklagte, wo sie denn bliebe oder warum sie nicht früher nach Hause kam. Ja, mehr noch: Es schien gar keiner zu bemerken, dass sie sich hier und da eine Stunde oder zwei nur für sich abzwackte. Irgendwann hatte das Gefühl abgenommen, etwas Verbotenes zu tun, und war schließlich ganz verschwunden. Was blieb, waren die Freude und der Genuss.

 

Als sie auf die gekieste Auffahrt der Domaine einbog, kam ihr das Auto von Lucien entgegen. Am Steuer erkannte Babette Marita. Sie hielten nebeneinander an und ließen die Fenster herunter. Maritas freundliches und immer gutgelauntes Gesicht lächelte Babette entgegen. »Guten Morgen, Babette. Ich bin jetzt zwei Stunden weg. Lucien muss nach Paris, und ich fahre ihn zum Flughafen.« Sie warf ihr eine Kusshand zu, Babette antwortete mit erhobenem Daumen und winkte außerdem zu Lucien auf dem Beifahrersitz hinüber, der den Gruß sofort erwiderte.

»Papa ist schon wach und nervt Ségo«, rief er lachend, »beeil dich und befrei sie von der Plage.«

»Mon Dieu!« Babette spielte die Besorgte und gab sofort Gas.

 

»Zu süß!« Georges Lafleur verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Ségolène sah ihn fassungslos an, und als Babette die Küche betrat, wandte sie sich von dem alten Herrn ab und tippte sich an die Stirn.

»Guten Morgen, Babette, bitte probier du doch mal. Der Herr hier«, sie schickte einen giftigen Blick zu Lafleur senior, »hat keine Geschmacksnerven.«

»Meine Geschmacksnerven sind ausgezeichnet, meine Teure. Aber für die feine Dessertküche bist du nun mal nicht gemacht, Ségo. Dir liegt eher das Rustikale. Hasenbraten zum Beispiel.«

Eine typische Georges-Beleidigung, und während Ségolène die Entrüstete gab, konnte Babette sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Georges Lafleur saß in der gemütlichen Landhaus-Küche der Familie in einem eleganten Sommeranzug aus schimmerndem Leinen. Dazu trug er ein weißes Hemd, silberne Manschettenknöpfe, ein seidenes Einstecktuch und helle Segeltuchschuhe. Der Strohhut lag neben ihm auf dem Tisch. Auf die obligatorische Fliege hatte er heute wegen der Hitze verzichtet, das leichte Hemd war am Kragen einen Knopf geöffnet. Dazu umwehte ihn ein Hauch männlich-herben Duftes, eine Kreation seines Sohnes Lucien. Georges Lafleur sah aus wie dem Film Der große Gatsby entsprungen, und Babette dachte sich, dass ihm die Frauen in jungen Jahren reihenweise zu Füßen gelegen haben mussten. Einzig sein oftmals wenig charmantes Verhalten, so wie jetzt Ségo gegenüber, könnte Verehrerinnen verjagt haben.

Vor ihm auf dem Tisch befanden sich seine Kaffeeschale und das halbe Croissant, das immer vom Vortag sein musste, auf gar keinen Fall frisch, damit es beim Eintunken in den heißen Kaffee nicht auseinanderfiel.

Die Küche war erfüllt vom Duft nach Vanille und warmer Milch, der aus dem Topf aufstieg, in dem Ségolène gerade konzentriert und behutsam rührte. Dann nahm sie einen frischen Teelöffel, nahm etwas von der Milch und gab sie Babette zum Kosten.

»Das ist für ein Soufflé, was sagst du?«

Die Masse schmeckte nach frischen Eiern, Milch, Zucker, Vanille, ein wenig Mehl und einer Prise Salz. Es war nichts daran auszusetzen.

»Hervorragend. Aber man könnte ein wenig Lavendel hinzufügen«, regte Babette an, »als Aroma-Kick.«

Ségolène pfiff bewundernd durch die Zähne. »Voilà, du bist ein Genie!«

Dann nahm sie von ihrem Gewürzregal ein winziges Fläschchen mit Lavendelessenz und gab vorsichtig drei Tröpfchen in die Soufflé-Masse. Augenblicklich stieg ein betörender Duft aus dem Topf empor. Die rundliche kleine Haushälterin strahlte und zeigte Babette den hochgereckten Daumen. Diese machte Anstalten, sich zu ihrem Patienten an den Tisch zu setzen, aber der hielt sie auf.

»Machen wir, dass wir wegkommen«, sagte er, »bevor es zu heiß wird. Außerdem mag ich mir dieses Hühnergeplapper nicht länger anhören.«

Ségolène ließ der Einwand ungerührt. »Die Hühner von Gilbert machen mich verrückt«, sagte sie, »sie legen einfach zu viele Eier. Ich weiß schon nicht mehr, wohin damit. Heute Soufflé, morgen Crème brûlée, übermorgen Blancmanger …« Sie lachte so herzlich, dass ihr ganzer kleiner Körper bebte.

Babette half Georges indessen, vom Tisch aufzustehen, und reichte ihm die beiden Walkingstöcke. Ein halbes Jahr hatte es gedauert, bis sie ihn, zuerst mit Engelszungen, dann mit Versprechungen und schließlich mit harschen Drohungen, davon überzeugen konnte, diese zu benutzen. Mittlerweile wollte der alte Herr nicht mehr ohne sie sein. Jetzt nahm er sie entgegen und wackelte, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, aus der Küche.

Babette verweilte noch kurz bei Ségolène. »Wenn du möchtest oder wenn Gilbert möchte, kann ich immer, wenn ich hier bin, Eier mitnehmen und im Laden verkaufen. Die finden reißenden Absatz, möchte ich wetten.«

Ségolène nickte dankbar. »Ich werde es ihm vorschlagen. Aber du weißt ja, wie Gilbert ist …« Sie wiegte den Kopf und rollte mit den Augen, was so viel hieß wie: »Ein bisschen plemplem.«

Hühner waren ein leidiges Thema. Sowohl Aristide als auch Gilbert, der Ehemann von Ségo, hielten welche. Und wenn sich die Ehepaare trafen, gab es zwischen den Männern vor allem ein Thema: das Federvieh! Stundenlang konnte über die Vorzüge verschiedener Rassen, die richtige Fütterung und die maximale Produktivität diskutiert werden. Babette verstand durchaus, warum Georges Lafleur wenig Lust auf dieses Gesprächsthema hatte, es erging ihr nicht anders.

 

Es war acht Uhr am Morgen, und die Sonne begann schon, ihre volle Kraft zu entfalten. Auf dem Rosenfeld, an dem sie mit Georges zusammen im Schneckentempo entlangging, arbeiteten bereits seit zwei Stunden die Pflückerinnen. Sie trugen Tücher um den Kopf geschlungen oder Strohhüte, damit die Hitze ihnen nicht allzu sehr zusetzte. Geerntet wurden die zarten Blüten vom Sonnenaufgang bis zum Mittag, dann, wenn die ätherischen Öle der Blütenblätter am intensivsten waren. Die Pflückerinnen brachen mit schnellen und jahrelang geübten Handbewegungen die Blütenköpfe ab und sammelten sie in den Stoffbeuteln, die sie vor dem Bauch trugen. Waren diese voll, so schütteten sie die Blüten in große Weidenkörbe, welche wiederum regelmäßig von anderen Helfern abtransportiert und zu einem kleinen Gebäude gebracht wurden, wo man die Blüten wog und anschließend umgehend in den Destillierapparat schüttete.

Jeden Morgen, an dem Babette mit Georges diese Runde ging, brachte eine der Frauen dem ehemaligen Chef der Domaine eine frische Rose, damit er an ihr riechen und sich ihrer Qualität versichern konnte. Georges kannte jede der Frauen mit Namen und bedankte sich immer mit formvollendetem Handkuss.

»Sie können so ein Charmeur sein, mein lieber Georges«, meinte Babette lächelnd, während sie dem alten Herren die Rose in seiner Anzugtasche befestigte.

»Jeder, wie er es verdient«, murmelte der Senior verschmitzt. Doch bevor er weiterging, besann er sich kurz, nahm eine Hand von Babette und hauchte auch ihr einen Kuss auf den Handrücken. »Sie wissen doch, dass mein Herz allein Ihnen gehört, meine Schöne.« Babette, die den Senior um mehr als einen Kopf überragte, nickte ihm huldvoll zu, dann folgte sie ihm auf seinem beschwerlichen Weg. So gingen sie jeden Morgen nebeneinanderher, eine stolze, hochaufragende Schwarze mit weichem Hüftschwung und ein alter gebeugter weißer Dandy mit Walkingstöcken.

 

Am Ende des Rosenfeldes, außerhalb der Sichtweite des Landhauses, gab es eine Sitzbank, die von Bäumen beschattet wurde. Hier, neben den Hasen- und Ziegenställen, machten sie jeden Morgen eine Stunde Rast. Meistens saßen sie stumm beieinander, und Georges machte ein Nickerchen, während Babette die Tiere fütterte und streichelte oder einfach nur ihren Gedanken nachhing. So war es auch jetzt. Babette half Georges auf die Bank, dieser zog sein Sakko aus, sie krempelte ihm die Ärmel seines Hemdes hoch, dafür breitete er sein seidenes Einstecktüchlein neben sich auf der Bank aus, damit Babette darauf Platz nehmen konnte. Doch diese beugte sich erst einmal hinunter, um einen der Hasen zwischen den langen Ohren zu kraulen. Sie hörte noch, wie Georges tief und glücklich seufzte, und wusste, dass er nun seine Augen schließen und ein Nickerchen machen würde. Eine gute Viertelstunde war Babette damit beschäftigt, die Hasen mit Karotten zu füttern, für die Ziegen frisches Heu im Gehege zu verteilen und zu prüfen, ob in beiden Ställen noch ausreichend frisches Wasser vorhanden war. Dann nahm sie neben dem schlafenden Georges auf der Bank Platz. Der betörende Duft der Rosen hing schwer in der Luft, durch die Sommerhitze verbreitete er sich noch stärker, und Babette schloss kurz die Augen, um tief einzuatmen und sich für einen Moment voll auf den Genuss des Dufts einzulassen. Eine Amsel sang ihr melodisches Lied in einem der Bäume über ihnen, und Babette dachte, wie sehr sie das Leben liebte, wenn es so schön war wie in diesem Moment.

Sie griff nach der Hand des alten Mannes, die auf der Bank neben ihr ruhte. Sie war schmal und knochig, die Haut dünn wie Pergament, und anders als sonst war sie kalt. Eiskalt. Babette wusste sofort, was das bedeutete. Georges Lafleur schlief nicht. Er war tot.

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2.

Nirwana, später

Wirklich sehr schade, dass ich an dieser schönen Beerdigung nicht teilnehmen kann. Ségolène hat sich selbst übertroffen. Sie ist eine hervorragende Köchin. Was sie alles aufgefahren hat! Soupe au pistou, gefüllte Perlhuhnschenkel und Lammragout. Und natürlich eine herrliche Bouillabaisse, mein Lieblingsgericht.

Und Lucien, mein lieber Junge, hat ein paar edle Tropfen aus dem Keller geholt. Zu Lebzeiten hätte ich sie wegen meiner Alkoholsucht nicht angerührt, nicht anrühren dürfen, aber jetzt, in meinem Zustand?! Wer weiß, ich kenne mich noch nicht damit aus, hier ist auch niemand, den ich fragen könnte. Ist es mir erlaubt, wieder ein Gläschen Roten zu trinken? Oder könnte ich dann rückfällig werden? Oder ist es egal, jetzt und hier? Hm. Was soll’s, an den Wein komme ich sowieso nicht heran. Ich darf zusehen, wie meine Freunde ihn sich hinter die Binde kippen, schau mal einer an, Alexandre, der schenkt sich schon das dritte Glas von dem guten Bordeaux ein. Kriegt den Hals nicht voll, der alte Kerl.

Überhaupt, so viele Gäste … wo kommen denn all diese Leute her? Also wie gesagt, das Essen und den Wein, das lasse ich mir nicht gerne entgehen, auf die vielen Menschen dagegen kann ich gut verzichten. Auch wenn sie alle wegen mir gekommen sind. Wirklich zu traurig, ich hätte mich gut amüsiert. Aber leider ist es nicht möglich, denn der Mensch, der da zu Grabe getragen wird, bin ja ich.

 

Kaum vorstellbar, dass ich da in diesem Holzkasten liegen soll. Zum Glück bekomme ich davon nichts mehr mit. So ein muffiges Ding, tief in der Erde vergraben, und mein schöner Anzug beginnt bald zu verfaulen. Nein danke, da ist es dort schon besser, wo ich jetzt bin. Wo ich bin? Wenn ich das nur wüsste …

Aber das spielt jetzt keine Rolle. Dieser Anzug jedenfalls, den mir Babette, mein lieber Sohn Lucien und dieser furchtbare Bestatter angezogen haben, war einer meiner besten. Von Gieves & Hawkes in der Savile Row, London, maßgeschneidert. Ein Vermögen hat der damals gekostet! Und nun geht er vor die Hunde. Genau wie die rahmengenähten Schuhe von Edward Green. Fünfundzwanzig Jahre habe ich sie getragen, jeden Tag eingefettet und poliert, sie sahen aus wie neu. Ein Jammer.

Um mich selbst ist es dagegen nicht so schade. Was bin ich schon noch?! Ein Haufen maroder Knochen. Siebenundachtzig Jahre alt. Das reicht für ein erfülltes Leben. Genug ist genug, sage ich immer. Es muss ja auch Platz frei werden für die Jugend.

Wie für diesen Rachid zum Beispiel. Ein Pfundskerl! Ein bisschen sehr schwarz vielleicht, aber nun gut, ich bin etwas altmodisch. Besser gesagt: Ich war etwas altmodisch, als ich noch gelebt habe. Jetzt ist mir irgendwie alles egal. Schwarz, weiß, Christ, Muslim, Buddhist – zum Schluss sind wir alle nur eines: ein Haufen modriger Knochen.

Aber zurück zu Rachid. Ein guter Typ, ich mochte ihn gleich, als er seine Mutter das erste Mal auf die Domaine begleitet hat. Der hat das Herz auf dem rechten Fleck. Dabei ist er dennoch kein Langweiler, der Junge. Wie alt mag er sein? Neunzehn, zwanzig? Das beste Alter! Die ganze Welt steht einem offen! Ich hoffe, er macht etwas draus, der Junge. Wenn es nach seinem Vater Aristide ginge, dann sollte er nach dem Studium den Gemüseladen in Nizza übernehmen. Was für ein Schwachsinn! Dafür hat der Junge doch kein Abitur gemacht!

Ich hoffe, Rachid kommt nach Babette. Meiner schönen, stolzen Babette, diesem Drachen. Ja, wenn er nach ihr kommt, dann hat er Mut und Leidenschaft. Ich wünsche mir, dass er in die Welt hinauszieht und sich umsieht und nicht so ein bornierter Esel wird.

 

Komisch, wenn ich so darüber nachdenke, dann war ich damals gar nicht froh, als mein eigener Sohn Lucien in die Fremde gegangen ist. Da war ich selbst wie dieser Aristide Babajou. Ein Esel. Ich hatte mir auch gewünscht, dass Lucien die Domaine de Lafleur übernimmt. Unsere Blumenfelder. Das Familienunternehmen. Stattdessen ist er auf und davon nach Paris! Was habe ich ihn da angebrüllt! Und er mich! Das war nicht unser erster Streit, aber einer unserer heftigsten. Später allerdings wurde es noch schlimmer. Ich habe meinem lieben Lucien schreckliche Dinge zugemutet, aber jetzt bin ich unendlich stolz auf ihn. Wie er da an meinem Grab steht, am Arm seine wundervolle Marita und … ja, tatsächlich! Lucien verdrückt ein Tränchen! Ich sehe, dass es in seinen Augen glitzert. Da muss ich selbst gleich weinen. Ach, das geht wohl nicht mehr. Interessant, man lernt nie aus.

 

Aber wieder zurück zu meiner Beerdigung. Ich bin unendlich dankbar, dass Lucien und ich uns ausgesöhnt haben. Wäre Marita nicht aus Deutschland zu uns gekommen, wäre das vielleicht nie passiert. Nun führen die beiden die Domaine weiter mit größerem Erfolg, als ich es je vermochte. Marita, die Wunderbare, hat ein Händchen für Blumen, aber auch für unsere Angestellten und die Kunden. Es liegt ihr im Blut. Und Lucien hat den Rücken frei für seine Parfums. Ich bin ganz gewiss, dass seine neueste Kreation, aus unserem herrlichen Jasmin gezaubert, ganz groß herauskommen wird. Vielleicht noch ein Hauch mehr Amber und Leder, das würde die Note erden. Aber bitte, was mische ich mich ein? Jetzt ist es zu spät, ich habe offenbar auch meinen Geruchssinn verloren – jedenfalls riecht es hier, wo ich jetzt bin, nach gar nichts. Sehr seltsam, eine Welt ohne Geruch und Geschmack. Ich kann bloß hoffen, dass dies nur eine Zwischenstation ist. Ich gehe lieber in die Hölle, auch wenn es nach Pech und Schwefel stinkt, aber immerhin soll da unten ordentlich was los sein.

Dass Lucien und Marita keine gemeinsamen Kinder haben werden, stimmt mich ein bisschen traurig, dann stirbt die Dynastie der Lafleurs wohl mit Lucien aus. Allerdings: Um mangelndes Leben auf der Domaine muss man sich wohl keine Sorgen machen! Dafür sorgen schon die Enkel von Ségolène, unserer guten Seele. Allein heute, bei der Beerdigung, sehe ich eins, zwei, drei, vier … da war doch noch einer? Ach ja, hat sich hinter einem der Grabsteine versteckt, der kleine Racker.

Jetzt ist Alexandre mit seiner Rede fertig. Schön hast du das gemacht, mein alter Freund und Weggefährte. Aber wer, wenn nicht ein Rechtsanwalt, kann die besten Reden halten? Sogar nach drei Gläschen Bordeaux. Wobei, vielleicht hat er nur wegen der drei Gläser so schön flüssig gesprochen …

Auch Lambert und Frédéric sind da. Meine Poker-Freunde. Wer von ihnen wird der Nächste sein? Sie sind alle nicht mehr die Jüngsten. Macht schnell, Jungs, dann ist mir hier oben nicht so langweilig! Ich nehme an, dass die drei heute die Flasche mit meinem alten Calvados austrinken. Es ist ein ganz besonderes Tröpfchen. Den silbernen Flachmann, in dem ich immer ein Schlückchen davon bei mir führte, trage ich – pardon trug ich – bis zum Schluss. Nur um ab und zu daran zu riechen. Ein herrliches Apfelaroma, mon Dieu! Wie fein. Ja, ich gönne ihn euch, meine Freunde. Ihr wisst einen guten Tropfen zu schätzen. Ich sehe euch an, was in eurem Kopf vorgeht. Wer wird der Nächste sein?, fragt ihr euch. Wenn ich euch doch bloß sagen könnte, dass es gar nicht so schlimm ist!

Aber das verstehen die Lebenden nicht. Sie haben Angst vor dem Tod, das erkenne ich, wenn ich mir die Trauergemeinde so ansehe. Es weinen ja so einige. Hm, ich muss mich wundern. Dabei haben hinter vorgehaltener Hand alle über mich geredet, als sei ich ein verbiesterter Trottel. Aber nun stehen sie hier und weinen.

Was schmeißt Lucien denn da ins Grab? Das muss die kleine Ampulle sein, in der ich das Parfum von Claire aufbewahrt habe. Ach, meine Claire. Ich hatte gehofft, dich nach dem Tod wiederzutreffen. Aber bislang ist hier nur Nebel. Kein anderes Lebewesen weit und breit. Ach nein, ich bin wohl auch kein Lebewesen mehr. Aber was bin ich dann? Nun, es scheint, als müsste ich mich noch ganz schön umgewöhnen.

Jetzt ist Marita an der Reihe, die heult ja wie ein Schlosshund, das arme Ding. Das Mädchen an ihrer Seite muss ihre Tochter Sophie sein. Ich kenne sie nicht besonders gut. Sie war nur einmal auf der Domaine zu Besuch, sie studiert hoch oben im Norden, und ich kann mich nicht gut an sie erinnern. Blass und blond, sehr norddeutsch. Aber wenn ich sie genauer betrachte, ganz ansehnlich.

Und nun Ségo – welche Dramatik! Die arme Ségo, sie kann kaum laufen, ihr lieber Gilbert muss sie stützen. Das habe ich wirklich noch nie gesehen, es rührt mich zutiefst. Ségo wirkt immer so, als sei sie durch nichts zu erschüttern! So breit wie hoch steht sie seit fünfunddreißig Jahren unserem Haushalt vor, sie hat mich mit harter Hand zur Ordnung erzogen und Lucien ebenso. Und nun weint und zittert sie, mein liebes Mädchen. Das erlebt ihr braver Gilbert bestimmt nicht alle Tage.

Und dahinter die ganze Bagage! Ségolène und Gilbert waren fleißig, vier Kinder haben sie in die Welt gesetzt. Und davon haben drei auch schon wieder Kinder. Außer Fabius, dem Jüngsten. Aber Moment: Spannte es da nicht etwas unter dem Kleid seiner Freundin? Tatsächlich! Das fünfte Enkelkind ist im Anmarsch! Ob es wohl schon alle wissen? Hat Fabius deshalb vorhin an den Autos mit seiner Freundin gestritten? Wenn du mich fragst, sieht er ein bisschen angespannt aus. Blass um die Nase. Ich weiß ja nicht, ob das wahre Liebe ist?! Aber ich bin ja nur der Trottel Georges, was zählt schon meine Meinung?

Wer kommt denn da hinter der ganzen Blase von Verbiers angeschlurft? Ist das ein Junge oder ein Mädchen? So ein dünnes Dingelchen. Jetzt guckt es hoch – es ist ein Mädchen! Und sie ist wunderschön, ein Gesicht wie ein Herz, und erst diese Lippen … Aber warum um alles in der Welt trägt sie so grauenvolle Klamotten? Diese Stiefel, solche haben die deutschen Soldaten getragen, als sie damals durch unsere Felder stapften. Und erst die Haare. Wie eine Vogelscheuche. An den Seiten rasiert, wer macht denn so was? Warum tut sie das? Ach so, hm, Pubertät. Natürlich. Wie alt mag sie sein? Vielleicht siebzehn. Was hat sie in der Lippe? Eine Verletzung? Nein, tatsächlich, es ist ein Nagel oder so etwas Ähnliches. Also mir gefällt das nicht. Kein Chic. Es wird höchste Zeit, dass sie da wieder rauskommt, aus dieser Pubertät, das hübsche Dingelchen. Allerdings, was sehe ich denn da … Rachid, der schielt immer zu ihr hinüber. Er lässt sie nicht aus den Augen! Sag bloß, so etwas gefällt ihm? Ich gebe zu, sie ist hübsch, aber dennoch.

Sieh an, er schiebt sich in ihre Nähe. Ich werde das beobachten müssen, das gefällt mir.

Da sind sie auch schon an der Reihe, Erde auf meinen Sarg zu werfen, die Babajous. Aristide, der dicke Glatzkopf. Ich wundere mich, dass er mir kein Obst ins Grab schmeißt, für ihn dreht sich doch die ganze Welt darum! Sein einziges Gesprächsthema! Ach nein, pardon, da gibt es noch die Hühner. Die sind bestimmt genauso wichtig. Ich durfte einmal dabei sein, als er und Gilbert Verbier sich über ihre Hühner, ihr gemeinsames Hobby, unterhalten haben. Cot cot codec, cot cot codec, etwas Langweiligeres habe ich selten erlebt.

Voilà, nun ist Babette an der Reihe. Meine schöne stolze Babette. Nur dank deiner Pflege hat mein Herz noch zwei weitere Jahre geschlagen. Ich hatte eigentlich beschlossen, schon früher abzutreten, aber dann bist du in mein Leben gekommen. Was habe ich mich über dich geärgert! Dieses laute Lachen! Wie du mit mir geschimpft hast, als sei ich ein Kleinkind. Deine Unnachgiebigkeit, mit der du mir die Zigarillos weggenommen hast. Deine Witze, deine zupackende Art, die grazile Schönheit – ach, Babette, ma chère, wäre ich vierzig Jahre jünger gewesen, ich hätte dir einen Antrag gemacht!

Und nun stehst du hier an meinem Grab, am Arm deinen Aristide, hinter dir deine Kinder, und nimmst weinend Abschied. Deine Tränen zu sehen bricht mir das Herz.

Adieu, Babette!