MISS SHERLOCK HOLMES - Lesley Egan - E-Book

MISS SHERLOCK HOLMES E-Book

Lesley Egan

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Seit neun Jahren arbeitet Miss Williams als Sekretärin im Anwaltsbüro von Jesse Falkenstein. Erst als man sie ermordet auffindet, wird dem Anwalt klar, dass er eine Perle verloren hat. Denn Miss Williams war eine ungewöhnliche Frau mit einem ungewöhnlichen Hobby... Lesley Egan ist eines der Pseudonyme der US-amerikanischen Krimi-Schriftstellerin Elizabeth Linington (* 11. März 1921 in Aurora Kane, Illinois; † 5. April 1988 in Arroyo Grande, Kalifornien). Der Roman MISS SHERLOCK HOLMES erschien erstmals im Jahr 1972; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1974. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Ähnliche


 

 

 

 

Lesley Egan

 

 

Miss Sherlock Holmes

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 161

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

MISS SHERLOCK HOLMES 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Seit neun Jahren arbeitet Miss Williams als Sekretärin im Anwaltsbüro von Jesse Falkenstein. Erst als man sie ermordet auffindet, wird dem Anwalt klar, dass er eine Perle verloren hat. Denn Miss Williams war eine ungewöhnliche Frau mit einem ungewöhnlichen Hobby...

 

Lesley Egan ist eines der Pseudonyme der US-amerikanischen Krimi-Schriftstellerin Elizabeth Linington (* 11. März 1921 in Aurora Kane, Illinois; † 5. April 1988 in Arroyo Grande, Kalifornien). Der Roman Miss Sherlock Holmes erschien erstmals im Jahr 1972; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1974.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   MISS SHERLOCK HOLMES

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Es war halb sechs, und Jesse wollte an diesem grauen Freitag etwas früher Schluss machen, als Miss Williams mit dem Testament Gorman hereinkam. Er setzte sich wieder, um es durchzusehen und rief sie fünf Minuten später zurück.

»Miss Williams«, sagte er behutsam, »Sie haben gleich auf der ersten Seite einen ganzen Absatz ausgelassen.«

»Ach, du meine Güte!« Miss Williams schien den Tränen nahe. »Wirklich? Du meine Güte, wie dumm von mir. Es tut mir schrecklich leid, Mr. Falkenstein...«

»Ja, nun, Sie werden es noch einmal schreiben müssen. Mr. Gorman kommt Montagvormittag, um das Testament zu unterzeichnen.«

Jesse betrachtete Miss Williams mit einiger Verwunderung; als Anwaltssekretärin hatte sie ihre Schwächen, aber sie war eine bemerkenswert tüchtige Schreibkraft. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihr je ein solcher Flüchtigkeitsfehler unterlaufen war.

»Ach, du meine Güte«, sagte Miss Williams zum drittenmal. Auf ihrem langen, ernsten Gesicht, bar aller Schminke, abgesehen von blassrosa Lippenstift, lag ein Ausdruck der Bekümmerung. »Wie lästig! Mir wird nichts anderes übrigbleiben, als heute Abend noch einmal hereinzukommen. Samstag kann ich unmöglich.«

Sie sähe, dachte Jesse wie schon oft, gar nicht übel aus, wenn sie etwas mehr Wert auf ihr Äußeres legen würde. Mit dem dunklen Haar, das in krausen Locken um ihren Kopf lag, und den wasserblauen Augen, die ohne Akzentuierung farblos wirkten, erinnerte sie im Moment allerdings eher an ein trauriges Pony.

»Ich verstehe gar nicht, wie mir das passieren konnte. Und noch dazu auf der ersten Seite. Ich komme eben heute Abend noch einmal herein. Es tut mir wirklich leid, Mr. Falkenstein. Ich fahre nur rasch nach Hause und richte Mutters Essen, und dann komme ich wieder. Morgen geht es unmöglich. Ich muss mit Sally zum Arzt, und dann zum Blumengeschäft wegen der Bestellung für Sonntag und...«

»Solange es nur Montagvormittag fertig ist«, warf Jesse ein.

»Selbstverständlich. Ich schreibe es gleich heute Abend neu«, versicherte Miss Williams.

Jesse ging. Gelegentlich, dachte er, würde er wirklich seinen ganzen Mut zusammenraffen und Miss Williams kündigen müssen. Was er brauchte, war eine Anwaltsgehilfin mit Erfahrung. Er stieg in seinen Ford und fuhr los. Der Himmel war bedrohlich düster. Der Winter war dieses Jahr regnerisch gewesen.

Als er vor dem Haus in der Rockledge Road anhielt, hatte es zu regnen angefangen.

»Schon wieder Regen«, sagte Nell, als er sie küsste. - »Ja, mir geht’s gut. Nur dicker werde ich von Tag zu Tag. Wie ein Nilpferd.« Das Baby sollte im April kommen.

»Ich finde, du siehst wunderbar aus«, versicherte Jesse.

Athelstane, der Riesenhund, saß mit hoffnungsvollem Blick neben dem Ofen, in dem der Braten schmorte.

»Fran hat angerufen. Sie sind gestern zurückgekommen.«

»Oh, gut. Wo?«

»In ihrer Wohnung, bis sie ein Haus gefunden haben. Sie kann es gar nicht erwarten, mit der Suche anzufangen.« Nell lachte.

»Eines muss man Fran lassen: Halbe Sachen macht sie nicht.«

Jesse grinste, während er sich einen Bourbon mit Wasser mixte. Frances, seine Schwester, hatte im vergangenen Monat endlich den Stier bei den Hörnern gepackt und Sergeant Andrew Clock annektiert. Ihre Flitterwochen hatten sie in Hawaii verbracht - drei Wochen. Clock hatte behauptet, er könnte unmöglich so lange Urlaub machen, doch Fran hatte ihm nachdrücklich erklärt, dass er schon seit Jahren keinen richtigen Urlaub mehr gehabt hätte und dass er für die paar Wochen bei der Mordkommission schon zu ersetzen sei.

»Sie kommen Sonntag zum Abendessen, und dein Vater auch. Hör’ mal, Jesse, weißt du schon, was Edgar ihnen geschenkt hat?«, fragte Nell in ehrfürchtigem Ton. »Dieser alte - Gauner.«

Jesse lächelte bei dem Gedanken an den listigen, alten Edgar Walters.

»Was?«

»Ein zwölfteiliges Service aus reinem Silber. Was das gekostet haben muss! Schön, er hat ja das Geld, trotzdem - Fran sagte, sie hätte ihm richtig die Leviten gelesen, aber er entgegnete einfach...«

»Ich kann mir denken, was er gesagt hat, nämlich, dass er es heutzutage für angebracht halte, den Leuten Geschenke zu machen, die sie im Notfall verhökern können.« Jesse lachte.

»Genau. Er ist doch wirklich ein verschrobener Kauz.«

»Hm. Er kann es sich leisten. Ich wünschte«, meinte Jesse gequält, »ich hätte mehr Mut.«

»Wozu?«

»Um Miss Williams zu kündigen. Das arme Ding! Sie muss ihre verwitwete Mutter unterstützen, aber sie wird wirklich von Tag zu Tag verhuschter.«

 

Am Samstagmorgen ging er in die Kanzlei. Gormans Testament lag sauber, und diesmal korrekt abgeschrieben, auf seinem Schreibtisch. Miss Williams hatte ihren Fehler wiedergutgemacht.

Am Sonntagabend kam strahlend das frischgebackene Ehepaar. Fran jammerte, dass sie fünf Pfund zugenommen hätte, und Clock versetzte verliebt, sie wäre vorher sowieso zu dünn gewesen. Der Urlaub in Hawaii war herrlich gewesen, aber es war trotzdem schön, wieder zurück zu sein.

»Zurück in die Tretmühle«, sagte Clock, als Jesse ihm einen Drink reichte. »Ich möchte wissen, ob sie inzwischen diesen Kerl gefasst haben, der die Spirituosengeschäfte unsicher gemacht hat.«

»Warum musste ich ausgerechnet einen Polizeibeamten heiraten«, meinte Fran.

»Die Schöne und das Tier«, sagte Jesse, und Clock meinte mit einem Lächeln: »mehr Wahrheit als Dichtung.«

Einen Schönheitspreis hätte er mit seinem kantigen Kinn und den massigen Schultern gewiss nicht davongetragen. Die kleine, schmale, elegante Frau, die mehr wie ein Mannequin aussah als die Moderedakteurin, die sie war, wirkte neben ihm doppelt zierlich.

»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen«, bemerkte Fran genießerisch, »wie herrlich es ist, stellungslos zu sein. Aber gleich am Montag gehe ich auf die Suche nach einem Haus.«

»Und ich möchte wissen«, sagte Clock, »ob ich meine Wette mit Pete gewonnen habe. Ich habe noch keine Zeitung gesehen. Hat dieser Irre schon jemand umgebracht?«

»Was - oh, das Ungeheuer in der Maske«, meinte Jesse. »Den Namen habe nicht ich erfunden, sondern die Presse. - Nein, ich glaube nicht.«

»Ich gehe jede Wette ein, dass es demnächst passiert«, brummte Clock. »Bis jetzt muss sich nur das Einbruchs-Dezernat mit ihm herumschlagen, aber ich bin überzeugt, dass er früher oder später eine dieser Frauen umbringen wird, und dann landet die Sache in meinem Schoß.«

Das Ungeheuer in der Maske machte seit zwei Monaten Los Angeles unsicher. Ein Dutzend Frauen waren in diesem Zeitraum seine Opfer geworden: durchweg Frauen, die allein in ihren Wohnungen gewesen waren. Seine Verfahrensweise war deprimierend einfach: Er läutete und bedrohte die Frauen mit einer Schusswaffe. Dann zwang er sie, seinen Wagen zu einer abgeschiedenen Stelle zu fahren. Dort hatte er jede von ihnen geschlagen und drei vergewaltigt, um sie anschließend irgendwo in der Stadtmitte aus dem Wagen zu werfen. Zwei hatten ernstliche Verletzungen davongetragen; eine lag noch im Krankenhaus.

Die Frauen unterhielten sich über Häuser und Möbel. Wie vor ihm Jesse hatte Clock nur gegen eine Gegend Einspruch erhoben: San Fernando Valley.

»Das kommt sowieso nicht in Frage, Liebling«, erklärte Fran. »Viel zu weit weg von Jesse und Nell. Wir brauchen etwas hier in der Nähe.«

»Warum?«, fragte Clock.

»Wegen der Babysitterei. Wir für Nell und Jesse, und später natürlich...«

»Du großer Gott«, rief Clock. »Das nenne ich Vorausplanung.«

Er, der jahrelang kein Familienleben gekannt hatte, war froh, eine Familie gefunden zu haben.

 

Am Montagmorgen wanderte Clock mit einiger Verspätung ins Parker Center, mit dem beglückenden Gefühl, endlich wieder zu Hause zu sein. Bevor er Fran kennengelernt hatte, war er mit seiner Arbeit verheiratet gewesen. Im Morddezernat war alles wie immer; es war, als wäre er nie weggewesen. Petrovsky hing am Telefon. Keene und Dale schwitzten über Berichten.

Mantella war gerade auf dem Weg hinaus. Es gab viel zu tun, wie immer.

»Andrew - willkommen zu Hause!« Petrovsky legte auf und strahlte ihn an. »Aber ein bisschen mehr Farbe hätten Sie aus Hawaii schon mitbringen können.«

»Im Januar? Sie haben Illusionen. Also, was liegt vor?«

Clock ging in sein Büro und ließ sich mit einem Aufatmen der Befriedigung hinter seinem Schreibtisch nieder. Mantella und Joe Lopez kamen mit Petrovsky herein.

»Das Übliche«, sagte Lopez. »Unbekannte Leiche in einer Gasse hinter der First Avenue. Ein Selbstmord, der Johnny nicht gefallen will...«

»Genau«, stimmte Mantella ein, »eine nette, junge Frau mit drei Kindern. Jeder, der sie kannte, sagt, Selbstmord sei ausgeschlossen. Sie habe keinen Grund dazu gehabt. Sie hätte niemals so etwas getan.«

»Aber haben Sie Anhaltspunkte dafür, dass etwas nicht stimmt?«

Mantella zuckte die Achseln.

»Nichts. Es war in der Boyd-Street, einer ruhigen Straße - die meisten Leute waren bei der Arbeit. Ich glaube, dass es der Ehemann getan hat. Aber es gibt keine Anhaltspunkte dafür.«

»Abschiedsbrief?«, fragte Clock.

»Eine Art Abschiedsbrief, ja«, warf Petrovsky ein. »Quer über dem Spiegel, mit Lippenstift. Nur: Ich kann nicht mehr. Jeder könnte das geschrieben haben.«

»Komisch ist das schon«, stimmte Clock zu.

»Außerdem«, fuhr Lopez fort, »ein Steckbrief aus Denver. Es handelt sich um einen Gerald Eboe, der wegen Mordes gesucht wird. Er hat früher in Los Angeles gelebt und hat wahrscheinlich Freunde hier. - Und dann haben wir noch Reba Schultz.«

»Ja?« Clock zündete sich eine Zigarette an.

Petrovsky schloss die Augen und lehnte sich zurück. Sein rundes Gesicht mit der kurzen Nase verriet Zorn.

»Siebzehn«, berichtete er. »Wohnung in der Virgil Street. Vater Briefträger. Mutter arbeitet halbtags in einem Kleidergeschäft. Und alle sind sich darin einig, dass Reba ein nettes, anständiges Mädchen ist, gut erzogen und so weiter. Am Samstag kommt Mama von der Arbeit nach Hause und findet Reba mit aufgeschnittenen Pulsadern in ihrem Zimmer. Sie hat auch einen Brief hinterlassen - kein Zweifel daran, dass er von ihr ist. Sie ist schwanger, und in dem Brief steht, dass sie sich zu sehr schämt, um weiterleben zu können. Es wäre im vergangenen November gewesen, als eine Bande junger Leute, die sie nicht kannte, sie auf dem Heimweg von der Schule in ein Auto zerrten und sie vergewaltigten. Nur merkte sie davon nichts, weil man sie vorher zwang, irgendwelche Tabletten zu nehmen, und sie nicht wach war. Als sie zu sich kam, ließen die Burschen sie aussteigen, und sie schämte sich zu sehr, um jemandem von der Sache zu erzählen.«

»Eine Gemeinheit«, knurrte Clock. »Eine Beschreibung der Kerle oder des Wagens hat sie uns wohl nicht hinterlassen?«

»Nichts Genaues«, erwiderte Petrovsky. »Sie schrieb, sie hätte die Jungen nicht gekannt, aber sie hätte sie in der Schule gesehen, und einer heiße Jim.«

»So gut wie gar nichts«, sagte Clock. »Sonst noch etwas?«

»Ich bin gerade auf dem Weg«, erklärte Mantella. »Und diesen Teufel möchte ich wirklich fassen, diesen Knaben, der sich einen Spaß daraus macht, Steine von den Autobahnbrücken herunterfallen zu lassen. Gerade war er wieder am Werk. Eine Frau war auf der Stelle tot. Der Stein schlug durch ihre Windschutzscheibe, und der Wagen kollidierte mit zwei anderen.«

 

Als Jesse am Montagmorgen um neun Uhr in die Kanzlei kam, war sie zu seiner Überraschung abgesperrt und leer. Miss Williams traf stets pünktlich um halb neun ein und hatte die Post schon geöffnet und sortiert, wenn er kam. An diesem Morgen erwartete er Gorman, der. sein Testament unterzeichnen wollte, und um halb elf einen neuen Mandanten; den größten Teil des Nachmittags würde er bei Gericht verbringen müssen. Er war verärgert, als er die Post aus dem Kasten nahm. Das war schon ein starkes Stück, was sich Miss Williams da geleistet hatte.

Er sah gerade die Post durch, als das Telefon läutete. Er hob ab.

»Falkenstein.«

»Oh, Mr. Falkenstein, entschuldigen Sie vielmals«, sagte Miss Williams atemlos, »aber ich kann heute Morgen nicht kommen. Es handelt sich um eine ungeheuer dringliche Angelegenheit, sonst würde mir nie einfallen - aber ich muss es ihr sagen, unbedingt. Ich komme, sobald ich kann. Ich glaube nicht, dass es länger dauern wird als eine Stunde. Es tut mir wirklich leid.«

Jesse nahm Anlauf. »Ich kann von Ihnen erwarten, Miss Williams, dass Sie Ihre vollen acht Stunden arbeiten. Dafür werden Sie bezahlt.«

»Ich weiß, Mr. Falkenstein.« Es klang so, als wäre sie den Tränen nahe. »Es tut mir ja auch wirklich leid, aber ich muss einfach - es ist ungeheuer wichtig, wirklich. Ich komme, sobald ich kann. Sie können sich darauf verlassen. Ich nehme mir doch nie frei, und ich bin nie krank, Mr. Falkenstein. Es tut mir leid, aber ich komme, sobald ich das erledigt habe.«

Danach legte sie auf.

Jesse war in den neun Jahren, in denen Miss Williams als Sekretärin für ihn tätig war, nie so ärgerlich auf sie gewesen. Als er damals das blitzblanke, neue Schild aufgehängt hatte, konnte er sich das Gehalt, das eine ausgebildete Anwaltsgehilfin verlangt hätte, noch nicht leisten, aber jetzt schon. - Er hatte sich wahrscheinlich einfach an die Frau gewöhnt und an ihre Schwächen. Vielleicht tat sie ihm auch leid. Sie gab ja wirklich ihr Bestes. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Er hatte einen festen Mandantenstamm und ein gutes Einkommen. Er konnte sich eine tüchtige Sekretärin leisten, und er brauchte diese auch. Er würde sich eben einen Stoß geben und Miss Williams kündigen müssen.

Es wurde Mittag, und Miss Williams war immer noch nicht erschienen. Jesse fuhr zum Gericht. Als er um vier fertig war, kehrte er nur noch einmal in die Kanzlei zurück, um mit Miss Williams zu sprechen. Er hatte sich in seinen Zorn inzwischen so hineingesteigert, dass er sich durchaus fähig fühlte, Miss Williams ohne Skrupel an die Luft zu setzen.

Doch sie war immer noch nicht da. Die Kanzlei war abgeschlossen. Jesse fluchte, schloss auf und ging hinein: keine Spur davon, dass sie während seiner Abwesenheit dagewesen wäre. Jesse schlug im Telefonverzeichnis ihre Nummer nach und wählte. Er war bereit, ihr gleich per Telefon zu kündigen.

Beim siebenten Läuten fiel ihm ein, dass ihre Mutter an den Rollstuhl gefesselt war und schwer hörte, weshalb sie nie ans Telefon ging.

Er legte auf und fuhr nach Hause.

 

»Aber, Jesse«, sagte Nell, »das ist doch merkwürdig. Sie ist den ganzen Tag nicht in der Kanzlei gewesen? Ich weiß ja, dass sie verhuscht ist, aber so etwas hat sie doch noch nie getan, oder? Selbst, wenn du dich über sie beschwert hast, hast du immer gesagt, sie wäre wenigstens gewissenhaft. Ich möchte wissen...«

»Ja, das muss ich zugeben«, bekannte Jesse, »merkwürdig ist es. Aber ich bin nicht neugierig genug, um zu ihr hinauszufahren und mich zu erkundigen, was los ist. - Vielleicht musste Sally noch einmal zum Arzt.«

Er trank den letzten Schluck seines Bourbon.

»Wer ist Sally?«

»Keine Ahnung.«

Er sollte es erfahren. Um halb neun klingelte das Telefon.

»Falkenstein.«

»Oh, Mr. Falkenstein, hier spricht Mrs. Hulby. Sie kennen mich nicht, aber ich bin eine Nachbarin von Mrs. Williams. Ihre Tochter Margaret arbeitet bei Ihnen, und Mrs. Williams bat mich, Sie anzurufen. Sie macht sich nämlich Sorgen und - äh, macht Margaret heute Überstunden? Sie ruft sonst immer an, wenn sie länger bleibt, oder kommt erst noch einmal nach Hause, um Mrs. Williams ihr Essen zu machen. Aber heute hat sie nichts...«

»Was?« Jesse war bestürzt. »Sie war heute nicht zu Hause, Mrs. Hulby?«

»Aber nein, natürlich nicht. Sie ging zur gewohnten Zeit weg. Sie gibt ihrer Mutter sonst immer Bescheid, wenn sie Überstunden machen muss. Aber bis jetzt hat sie nicht angerufen, und deshalb rief Mrs. Williams mich an, und wir beide...«

»Das ist doch sonderbar«, sagte Jesse. »Ich komme sofort. Ich glaube, es ist besser, wenn ich selbst mit Mrs. Williams spreche. In zwanzig Minuten bin ich bei Ihnen.«

Er holte sein Jackett und sagte Nell Bescheid.

»Aber das ist doch - einfach verschwunden? Ausgeschlossen, Jesse. Das Ganze hat bestimmt eine ganz simple Erklärung.«

»Hoffen wir es«, meinte Jesse.

Miss Williams und ihre verwitwete Mutter wohnten in der Berendo Street in einem kleinen, einstöckigen Mietshaus mit etwa sechzehn Wohnungen. Ein schmaler Fahrtweg führte nach hinten zu einer Reihe von Garagen.

Die Wohnung, der Williams lag im ersten Stock. Als er läutete, bellte drinnen ein Hund. Gleich darauf öffnete sich die Tür.

»Mr. Falkenstein? Ich bin Mrs. Hulby.« Eine unscheinbare Frau mittleren Alters mit ergrauendem Haar und Brille. »Kommen Sie herein. Das ist Mrs. Williams. Margaret ist also heute nicht länger im Büro geblieben? Aber...«

Der Hund bellte wieder, und die beleibte, alte Frau im Rollstuhl sagte: »Still, Sally. Aber wo ist sie denn, Mr. Falkenstein? Wir können gar nicht verstehen...«

Jesse sah Sally an. Sally war ein o-beiniger beige-schwarzer Pekinese mit gewölbter Ringerbrust. Sie funkelte Jesse feindselig an und kam näher, um misstrauisch seine Schuhe zu beschnuppern.

»Sie ist heute überhaupt nicht in die Kanzlei gekommen«, sagte Jesse unumwunden. »Sie rief mich heute Morgen an und sagte, sie hätte etwas Dringendes zu erledigen, würde aber in etwa einer Stunde da sein. Aber sie kam überhaupt nicht.«

»Überhaupt nicht? Ach, du lieber Gott«, rief Mrs. Hulby. »Es wird ihr doch nichts passiert sein.«

»Mrs. Williams, sagte sie Ihnen, dass sie nicht direkt in die Kanzlei fahren wollte? Sagte sie Ihnen, weshalb?«

Mrs. Williams war über siebzig. Ihre hellen blauen Augen blickten ihn ängstlich an, als sie langsam den Kopf schüttelte.

»Sie hat mir kein Wort davon gesagt, Mr. Falkenstein. Sie ging zur gewohnten Zeit, genau wie sonst. Sie spülte das Frühstücksgeschirr, zog sich fürs Büro an und gab mir noch einen Kuss. - Wie? Ja, ich weiß nicht, jetzt, in der Erinnerung scheint es mir, als wäre sie ein bisschen nervös gewesen, aber bei Margaret genügen schon kleine Dinge, um sie aus der Ruhe zu bringen.«

»Wo kann Margaret sein, Mr. Falkenstein?«, fragte Mrs. Hulby. »Was kann sie vorgehabt haben?«

»Das ist eine gute Frage«, meinte Jesse. »Sie hat Ihnen überhaupt nichts mitgeteilt?« Mrs. Williams schüttelte wieder den Kopf. »Würde Sie es Ihnen normalerweise sagen, wenn sie etwas Besonderes vorhätte?«

Mrs. Williams schüttelte immer noch wie benommen den Kopf.

»Wissen Sie, Mr, Falkenstein, mir geht es nicht besonders, ich bin nicht mehr so flink wie früher. Margaret ist ein gutes Kind. Sie kümmert sich rührend um mich. Sicher hätte sie gern geheiratet, ihr eigenes Heim und ihre eigene Familie gehabt, aber sie hatte nie die Gelegenheit dazu. Und trotzdem beklagt sie sich nie. Sie hält große Stücke auf Sie, Mr. Falkenstein - bewundert Sie sehr.«

»Wirklich?« Jesse war überrascht.

»Oh, ja. Und dass Sie mit diesem Kriminalbeamten so befreundet sind. Margaret war hocherfreut, als sie hörte, dass Ihre Schwester ihn geheiratet hat. Sie - aber wo kann sie nur sein? Was kann sie nur vorgehabt haben?«

»Ich glaube«, meinte Jesse, »wir wenden uns am besten an die Polizei.«

Denn Margaret Williams’ Verschwinden war merkwürdig. Sie war eine zuverlässige und gewissenhafte Person, der Typ von Mensch, nach dem man seine Uhr stellen konnte.

Er rief das Vermisstendezernat an.

 

Am folgenden Morgen, er war noch nicht einmal angezogen, läutete das Telefon. Er lief im Pyjama in den Flur hinunter.

»Ja? Falkenstein.«

»Jesse«, sagte Andrew Clock, »wenn ich mich recht erinnere, heißt deine Sekretärin doch Margaret Williams, nicht wahr? Mitte dreißig, mittelgroß, braunes Haar?«

»Ja, was ist denn? Sie...«

»Sie wurde eben tot aufgefunden«, erwiderte Clock. »Offenbar wurde sie überfallen, als sie gestern Abend nach Hause kam. In der Auffahrt vor dem Haus, in dem sie wohnte. Handtasche durchwühlt, Schlag auf den Kopf mit stumpfem Gegenstand. Wir haben eben die Meldung bekommen. Ich fahre jetzt hin. Wenn du...«

»Was?«, rief Jesse, plötzlich hellwach. »Überfallen? Aber, Andrew - ich glaube, das bringe ich der alten Dame am besten selbst bei. Warte auf mich! Ich komme hin.«

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Als Jesse zu dem Haus in der Berendo Street kam, hatte sich schon eine kleine Menschenmenge eingefunden. Die Tote war von Brenda Lightner entdeckt worden, die morgens als erste aus dem Haus zu gehen pflegte. Das Mädchen, berichteten die Streifenbeamten, sei völlig außer sich gewesen und von seinem Vater in die Wohnung gebracht worden.

Clock und Petrovsky waren dabei, den Tatort in Augenschein zu nehmen.

»Mein Gott, Andrew«, sagte Jesse, »wie konnte das passieren?«

»Heutzutage keine Seltenheit. Diese Schurken passen einfach Leute ab, die spät nach Hause kommen. Komisch, dass es ausgerechnet deine Sekretärin sein musste.«