Mission Road - Ron Corbett - E-Book

Mission Road E-Book

Ron Corbett

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Beschreibung

Diamanten im Wert von mehreren Millionen Dollar sind aus der De Kirk Mine verschwunden und Gerüchten zufolge sind sie irgendwo abseits der Mission Road vergraben, einem alten Holzfällerpfad außerhalb der Kleinstadt Springfield, knapp oberhalb der nördlichen Wasserscheide. Während die Menschen in die Gegend strömen, provisorische Lager errichten, nach ihrem Ticket für ein leichtes Leben suchen und den "Great Springfield Diamond Hunt" entfesseln, verschwindet ein Student und Detective Frank Yakabuski beginnt seine eigene Suche. Doch als ein bekannter Mörder auftaucht, beginnt das wirkliche Rätsel. Eine tödliche Gefahr bricht über die Stadt herein. Detective Frank Yakabuski muss in diesem rasanten und düsteren dritten Buch der Frank-Yakabuski-Reihe einen Diamantenrausch im 21. Jahrhundert, flüchtige Killer und seinen Vater, einen Polizisten im Ruhestand, unter einen Hut bringen.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DARK PLACES

Ron Corbett

Mission Road

Aus dem kanadischen Englisch von Karen Witthuhn Herausgegeben von Jürgen Ruckh

Polar Verlag

Originaltitel: Mission Road

MISSION ROAD by Ron Corbett. Copyright: © Ron Corbett, 2020

By arrangement with the author. All rights reserved

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025

Aus dem kanadischen Englisch von Karen Witthuhn

Mit einem Nachwort von Günther Grosser © 2024

© 2025 Polar Verlag e. K., Rippoldsauer Str. 2, 70372 Stuttgart

[email protected]

www.polar-verlag.de

Lektorat: Tobias Schumacher-Hernandéz

Korrektorat: Andreas März

Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Richard / Adobe Stock

Autorenfoto: © Julie Oliver

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, DK 8800 Viborg, [email protected]

Printed in Denmark 2025

ISBN: 978-3-910918-16-0 eISBN: 978-3-910918-17-7

Für Millie Patten

Auf die kommenden Abenteuer

Inhalt

Anmerkung des Verfassers

I GELD

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II MORD

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III MISSION

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EPILOG

»Etwas Wirkliches erzählen«

Ein Nachwort von Günther Grosser

Anmerkung des Verfassers:

Dieses Buch ist ein Roman. Alle Figuren und Orte sind frei erfunden. Obwohl die Geschichte in der Region der Northern Divide spielt, sind die hier erwähnten Städte und Siedlungen nicht mit realen zu verwechseln.

I GELD

1

Frank Yakabuski musterte den Mann, der ihm am Küchentisch gegenübersaß, und wusste nicht, was er von ihm halten sollte. Calvin Jayne. Er trug eine graue Trainingshose und ein hochgerutschtes geripptes T-Shirt, dazwischen waren drei winterbleiche Speckrollen und einige feuchte schwarze Haarbüschel sichtbar. Die Wohnung war völlig überheizt. Jayne hatte die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht, und damit war er nicht allein. Der Winter war spät eingezogen, hatte aber sofort unerbittlichen Frost an die Northern Divide gebracht. Selbst die Streufahrzeuge konnten bei der klirrenden Kälte kaum noch fahren, weswegen überall schwarzes Eis lag und es auf dem Highway häufig zu tödlichen Unfällen kam. Genauso häufig wurden morgens auf den Feldern Wildtiere in den Nebelschwaden gesichtet – staksige Elche oder hagere Schwarzbären, aus dem Winterschlaf erwacht und ratlos, was sie tun sollten.

Der Winter stand unter einem schlechten Stern. Der erste Glücksjäger war in der zweiten Februarwoche eingetroffen. Er hieß Jason McAllister, war Masterstudent in Mathematik an der Syracuse University, kam mit einem Direktflug aus Toronto und checkte im Grainger Hotel ein. Weil er in Springfield offensichtlich nichts verloren hatte – weder hatte er die Ausrüstung eines Arbeiters in der Wasserkraftindustrie oder eines Holzfällers bei sich, noch schien er in einem der Sägewerke oder bei einer Spedition Arbeit zu suchen –, fiel er auf.

In den folgenden beiden Tagen wurde McAllister bei Murphy’s Sporting Goods gesehen, wo er Pakete mit Trockennahrung und ein paar Propangasflaschen kaufte, sowie in Stedman’s Department Store, wo er Wollsocken, lange Unterwäsche und mehrere Mützen erstand. Wiederholt nutzte er in der Business Suite im zweiten Stock des Grainger das frei zugängliche WLAN. Die Hotelangestellten erinnerten sich, dass er am Laptop gearbeitet hatte.

Am dritten Tag checkte er aus dem Hotel aus und nahm ein Taxi zur Mission Road, einem westlich der Stadt gelegenen Wanderpfad. Zwei Tage später meldete seine Mutter ihn als vermisst.

Calvin Jayne – achtundvierzig Jahre alt, Fahrer bei Shamrock Taxi, früher in einem Sägewerk beschäftigt – erinnerte sich gut an seinen Fahrgast, und nicht nur, weil McAllister ihm zwanzig Dollar Trinkgeld gegeben hatte. »Ich hab dem Jungen gesagt, dass er verrückt ist, niemand wandert mitten im Winter die Mission Road ab, erst recht nicht in einem Winter wie diesem. Aber der Junge meinte, er hätte letztes Jahr den Mount Robson bestiegen und wüsste, was er tut. Hat er gesagt. Dass er den Robson bestiegen hat.«

»Haben Sie gesehen, wie er sich auf den Weg gemacht hat?«

»Ja. Ich fand das Ganze so verrückt, dass ich gewartet hab, ob er wieder umdreht. An dem Morgen waren mit Windchill minus vierzig oder so.«

»Haben Sie ihn noch lange beobachtet?«

»Bis er nicht mehr zu sehen war.«

»Und dann sind Sie nach Hause gefahren und haben nicht mehr an ihn gedacht?«

»Nein. Ich habe weitergearbeitet.«

Yakabuski sah sich um. Jayne wohnte in einem Wohnblock ohne Fahrstuhl in einer Zweizimmerwohnung. Frau oder Kinder schien er nicht zu haben. Neben der Tür stapelten sich Bierkisten mit Old Milwaukee.

»Meinen Sie nicht, Sie hätten jemanden über den Jungen informieren sollen? Schließlich hatten wir minus vierzig, wie Sie selber sagen.«

»Der Junge wusste ja, wie kalt es war.«

»Er war allein. Er war nicht von hier. Wäre schön gewesen, wenn jemand gewusst hätte, dass er da draußen unterwegs ist. Der Gedanke ist Ihnen nicht gekommen?«

»Wäre schön gewesen? Wollen Sie meine Liste von Wäre-schöngewesen hören, Detective? Es tut mir echt leid, dass der Junge vermisst wird, aber ist das irgendwie meine Schuld? Hab ich was falsch gemacht?«

Yakabuski dachte nach. »Strafbare Fahrlässigkeit? Ich weiß, dass man bei solchem Wetter niemandem dem Strom abstellen darf. Vielleicht darf man auch niemanden einfach so in der Wildnis aussetzen. Hat McAllister Ihnen erzählt, was er bei minus vierzig Grad auf der Mission Road wollte?«

Die Frage schien den Taxifahrer zu überraschen. Seine Augen wurden schmal. »Nein. Er hat nichts erzählt.«

»Was glauben Sie denn, was er dort wollte?«

»Tja … ich hab nicht groß darüber nachgedacht. Er war einfach irgendein Fahrgast, wissen Sie?«

»Sie haben nicht nachgedacht?«

»Damals nicht, nein. Gibt ja Leute, die auf Wintercampen stehen. Was weiß ich denn?«

»Und was denken Sie jetzt?«

Der Taxifahrer warf Yakabuski einen etwas zu langen Blick zu, den Blick eines Mannes, der nicht clever genug war, um seine Absichten zu verbergen. Und der überlegte, wie viel von der Wahrheit er preisgeben wollte. »Tja, nach allem, was ich heute weiß, kann ich’s mir vorstellen, klar.«

»Und was stellen Sie sich vor, Calvin?«

»Der Junge wollte wahrscheinlich nach den verschwundenen Diamanten suchen.«

»Na, sehen Sie. Und haben Sie irgendwem erzählt, was Jason McAllister vielleicht vorhaben könnte?«

Der Taxifahrer wollte etwas sagen, aber Yakabuski brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen. Er hielt die Hand noch einige Sekunden länger hoch, dann sagte er: »Ich werde die Kneipen abklappern. Bei Ihnen tippe ich auf O’Keefe’s, also fange ich dort an. Sie müssten letzten Dienstagabend da gewesen sein. Vielleicht Mittwoch … obwohl ich vermute, dass Sie ganz heiß darauf waren, jemandem davon zu berichten, also Dienstag.«

Dem Taxifahrer war sichtlich unwohl. Er hielt den Kopf in den Händen und gab leise Töne von sich, die vielleicht ein Stöhnen waren, vielleicht sprach er ein Gebet, Yakabuski war nicht sicher. Wenn nicht irgendwo in Springfield verschwundene Diamanten im Wert von über einer Milliarde Dollar versteckt gewesen wären, Calvin Jayne wäre niemals ins Visier der Polizei geraten. Ein Mann, der nie ganz ehrlich war. Nicht kriminell genug, um aufzufallen. Für Menschen wie Jayne waren die Diamanten wie eine Fliegenfalle, allerdings galt das vermutlich für fast jede Art von Gier und hieß nicht viel.

»Holen Sie Ihre Jacke«, sagte Yakabuski, als er einen Entschluss gefasst hatte. »Wir setzen das Gespräch auf dem Revier fort.«

»Sie nehmen mich fest? Aus welchem Grund?«

»Bestimmt nicht dem richtigen, aber mir fällt schon was ein. Haben Sie eine Jacke, Calvin, oder wollen Sie im T-Shirt rausgehen?«

2

Sechs Wochen zuvor hatte in Springfield der größte bewaffnete Raubüberfall aller Zeiten stattgefunden – Rohdiamanten im Wert von eins Komma zwei Milliarden Dollar, aus einem am Springfield International Airport auf der Rollbahn stehenden Frachtflugzeug der De Kirk Mines gestohlen.

Das war eine Woche vor Weihnachten gewesen, und vielen Menschen kam es immer noch wie ein Traum vor. Oder wie ein Ereignis, das gleichzeitig real und irreal war. Für die meisten war Diamantendiebstahl so etwas wie ein Datum in ferner Zukunft. Real – aber so weit weg, dass es schwer vorstellbar war.

Die allgemeine Ungläubigkeit hielt bis in das neue Jahr hinein an. Eine seltsame Ruhe lag über der Stadt, als würden die Menschen abwarten, ob der Juwelenraub sich als eine Art Wintermärchen herausstellen würde, ein glitzernder Stern im Osten, der nicht länger am Himmel stand.

Wann sich das änderte, ließ sich schwer sagen. Als der Groschen fiel und die Menschen verblüfft feststellten, dass die Geschichte wahr war. Dass in Springfield Rohdiamanten im Wert von eins Komma zwei Milliarden Dollar spurlos verschwunden waren, einfach geklaut, und dass die Polizei keine Ahnung hatte, was aus ihnen geworden war.

»Sobald Weihnachten vorbei ist, werden die Leute sich Gedanken über die Diamanten machen, und zwar keine guten«, hatte George Yakabuski seinen Sohn gewarnt.

»Ich weiß.«

»Wenn ihr sie nicht findet, dreht diesen Winter noch die ganze Stadt durch.«

»Wir suchen danach, Dad.«

Yakabuski, Senior Detective bei der Springfield Regional Police, war zu dem Schluss gekommen, dass Diamanten eine Raubermittlung in jeder Hinsicht schwieriger machten. Hätte die Beute aus einem Dutzend van Goghs bestanden, wäre jemand wie McAllister wohl kaum nach Springfield gereist, um danach zu suchen, weil, was sollte man mit einem Dutzend van Goghs auch anfangen? Eine Privatgalerie im Hobbykeller eröffnen? Sie an enge Freunde und Verwandte verschenken?

Das Gleiche galt für Bargeld. Die meisten Menschen würden davon ausgehen, dass die Geldscheine markiert wären und man sie bei dem Versuch, sie auszugeben, erwischen würde, warum also überhaupt danach suchen? Und sie hatten recht. Abgesehen davon würde das schiere Volumen von eins Komma zwei Milliarden Dollar in Scheinen ein logistisches Problem darstellen. Selbst Saddam Hussein hatte nicht so viel Geld mitnehmen können, als sein Sohn am Tag vor Beginn des zweiten Golfkriegs mit einer Panzerbrigade vor die Irakische Zentralbank gerollt war, um in letzter Minute Geld abzuheben.

Aber eine Milliarde Dollar in Diamanten? Das war etwas anderes. Die konnte man in den Kofferraum eines Cadillacs werfen und sich aus dem Staub machen. Man konnte sie im Gartenschuppen lagern. Sie in ein paar FedEx-Kartons an Freunde verschicken. Außerdem waren diese Diamanten nicht geschliffen, und Yakabuski ahnte, dass auch das einen Unterschied machte. Das waren keine Geldscheine oder unschätzbare Kunstwerke. Keine registrierten Goldbarren. Es waren Steine, die jeder hätte finden können, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre und sich am richtigen Felsen den Zeh gestoßen hätte.

In diesem Fall war Eigentumsrecht etwas anderes. Weniger eindeutig. Anfechtbar. »Warum sollten die Diamanten nicht mir gehören? Verdammt, ich habe hart genug gearbeitet.« Bei vielen Menschen reichten ein wenig Vernunftbiegerei und Selbstbetrug aus, um sich diese Frage zu stellen.

Und so war vor etwa zwei Wochen der Groschen gefallen. Da hatte Yakabuski gemerkt, dass die Menschen in der Stadt irgendwie anders wirkten. Ein bisschen verträumter. Gedankenverloren. Das war mitten im Winter nicht ungewöhnlich, aber es fehlte die in dieser Jahreszeit übliche Lethargie. Alle wirkten lebhafter. Aufgedreht. Seit Anfang Februar hatte sich in Cork’s Town ohne erkennbaren Anlass die Zahl der Passanten gut verzehnfacht. Die Leute trieben sich in Scharen im Gebiet der Shiners herum, wohl in der Hoffnung, irgendwas aufzuschnappen, irgendwie Glück zu haben. Bald würde ihnen das nicht mehr reichen.

Er schaute Calvin Jayne an, der hinten in Yakabuskis Jeep hockte und trübselig seine mit Handschellen gefesselten Hände betrachtete.

Vielleicht war es schon jetzt so weit.

3

Yakabuski brachte Jayne in eine Verwahrzelle im Keller des Centretown-Polizeireviers und trug dem Diensthabenden auf, ihn dort sitzen zu lassen, bis er wiederkam und den Papierkram erledigen konnte.

»Wie lautet die Anklage?«, fragte der Sergeant.

»Das sage ich dir, wenn ich wieder da bin.«

»Ich muss irgendwas in den Aufnahmebericht schreiben, Yak. Kannst du mir nicht was sagen?«

»Wie wäre es mit Beihilfe in einem Vermisstenfall?«

»Gibt’s das?«

»Sollte es. Schreib es einfach hin, Barry. Ich kümmere mich heute Nachmittag um den Papierkram.«

Der Sergeant nickte und sparte sich weitere Fragen.

Yakabuski nahm den Aufzug in den zweiten Stock, wo eine Sonderbesprechung in Anwesenheit von zwei Strafvollzugsbeamten stattfand, um das zu diskutieren, was auf dem Revier im Augenblick nur »der Fall« genannt wurde, und alle wussten, was gemeint war. Als Yakabuski eintrat, richtete gerade Inspector Mick Lawrence, Leiter der Ermittlungsabteilung, das Wort an die Anwesenden.

»Wir haben heute Morgen noch mehr zu besprechen als sonst, außerdem haben wir Gäste aus dem Strafvollzug, also fasst euch kurz, wenn ich bitten darf. Wir wollen nicht den ganzen Tag hier rumhocken.«

Auf Lawrences Zeichen hin wurde das Licht gedimmt, und auf der Videoleinwand am Ende des Besprechungsraums erschien ein Schwarz-Weiß-Bild der Frachttür eines Flugzeugs. Lautes Stöhnen ertönte.

»Genau das meine ich, Leute«, sagte Lawrence. »Ich weiß, dass ihr das alles schon kennt. Aber wir fangen noch mal ganz von vorn an. Vielleicht ist heute der Tag, an dem wir den Scheißfall knacken.«

Gelächter erklang, und diesmal mahnte Lawrence nicht zur Ruhe. Yakabuski nahm an, es lag an der Art der Reaktion. Mick Lawrence war Ende fünfzig und hatte blondes Haar, das er lang, aber nicht zu lang trug. Er trug eine Brille mit Drahtgestell, dessen Farbe sich mehrmals die Woche änderte.

»Was Sie hier sehen, ist die Frachttür des De-Kirk-Flugzeugs, aus dem am 17. Dezember, während es auf dem Rollfeld des Springfield International Airports stand, Diamanten im Wert von eins Komma zwei Milliarden Dollar gestohlen wurden.«

Lawrence richtete seine Erklärungen direkt an die beiden Fremden im Raum, die mit ihren grauen Uniformen des Strafvollzugs unter den in Zivil gekleideten Polizisten deutlich herausstachen. Auf der Leinwand öffneten sich die Frachttüren und ein Pilot erschien, einen Rollcontainer vor sich herschiebend. Ein schwarzer Econoline-Van mit abgedeckten Nummernschildern fuhr neben das Flugzeug. Zwei Männer mit Fischermützen und schwarzen Sturmhauben stiegen aus, die Gesichter komplett verborgen. Einer der beiden, dessen lange Haare unter der Sturmhaube hervorhingen, verschwand zusammen mit dem Piloten im Flugzeug. Der andere schob den Container in den Laderaum des Vans.

Der Langhaarige tauchte mit zwei weiteren Containern auf und rollte sie an die Frachttür. Die Männer luden sie in den Van und fuhren davon. Es waren genau zwei Minuten und sechsundfünfzig Sekunden vergangen. Der Pilot war nicht wieder zu sehen.

»Wegen all dem anderen, das in Springfield zum Zeitpunkt des Raubs gerade los war«, sagte Lawrence, der das Video anhielt und ein Zeichen gab, wieder Licht zu machen, »glauben wir, dass die Shiners hinter dem Raubüberfall stecken. Wie Sie wissen, ist diese irische Verbrecherbande schon seit dem neunzehnten Jahrhundert eine Schande für die Stadt, als sie damit anfing, die Siedlercamps am Springfield River zu überfallen. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Fahrer des Wagens um Sean Morrissey handelt, den Boss der Shiners. Die Identität des zweiten Diebs haben wir bisher nicht ermitteln können. Wir vermuten, dass Morrissey gemeinsame Sache gemacht hat mit Gabriel Dumont, einem Métis-Anführer, der in der Nähe von Cape Diamond wohnte, wo De Kirk eine Mine betreibt. Er gehörte zu einer Gruppe, die sich Travellers nennt. Der Pilot war einer von Dumonts Männern, er wurde im Flugzeug getötet und Dumont in der Nacht des Überfalls zu Hause ermordet. Morrissey wurde einen Tag später festgenommen und als Tatzeuge in dreitägigen Gewahrsam genommen. In der Nacht vor seiner geplanten Entlassung hat er in der Zelle den diensthabenden Sergeanten verprügelt und wurde zu achtzehn Monaten Haft verknackt. Bei doppelter Anrechnung der Tage in Gewahrsam und der üblichen Zweidrittel-Reduzierung, die wir in diesem Land Verbrechern schon dafür geben, dass sie überhaupt vor Gericht erscheinen, wird er in zehn Wochen auf Bewährung entlassen. Ist das korrekt, Mr. Gallagher?«

»Ja«, sagte der Ältere der beiden grau Uniformierten. »Das Entlassungsdatum ist der dreißigste April. Dann hat er vier Monate abgesessen.«

»Wie verhält sich Mr. Morrissey in Wentworth bisher?«, fragte Lawrence.

»Er ist erst ein paar Wochen da, bisher gab es keine Zwischenfälle. Das Strafmaß ist so gering, dass er nicht in unsere Programme eingegliedert wird. Ich tippe darauf, dass er die Zeit in aller Ruhe absitzen wird.«

»Besucher?«

»Sein Anwalt Tyler Lawson war zweimal da. Sonst niemand.«

»Darf ich etwas fragen?« Das kam von dem zweiten Vollzugsbeamten, einem viel jüngeren Mann. Er hatte die Hand gehoben.

»Nur zu«, sagte Lawrence.

»Der Angriff auf den Sergeanten in Gewahrsam wirkt beabsichtigt. Morrissey schien dafür sorgen zu wollen, dass er in Haft bleibt. Sehen Sie das auch so?«

»Ja. Wir wissen nicht, ob er improvisiert oder das Ganze schon länger geplant hatte. Und wir wissen auch nicht, warum er es getan hat.«

»Aber Sie glauben, dass Morrissey Dumont ermordet hat?«

»Wir denken, er hat den Mord in Auftrag gegeben. Der Täter heißt Cambino Cortez, er hat sowohl mit Dumont als auch mit Morrissey Geschäfte gemacht. Er stammt aus Mexiko, aus einem kleinen Dorf namens Heroica, nicht weit weg vom Grenzübergang Brownsville in Texas. Das letzte Mal wurde Cortez am Morgen des Raubs in Sioux Falls gesehen.«

»Ist er noch in der Gegend?«

»Wir gehen davon aus.«

Der Vollzugsbeamte lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln zurück. Ein cleverer Bursche, der ein paar clevere Fragen gestellt hatte. Yakabuski wusste, dass weitere folgen würden.

»Und was die Frage angeht, was Morrissey nach dem Raub mit den Diamanten gemacht haben könnte«, fuhr Lawrence fort, »gibt es wohl keine Theorie, die ich noch nicht gehört habe. Heute Morgen kam ein Anruf von einem Journalisten aus Florida, der mit mir über eine mögliche Beteiligung von Außerirdischen reden wollte.«

Alle lachten. Lawrence ließ es auch jetzt wieder durchgehen.

»Ich möchte das Ganze einfacher angehen. Bei jedem Raub folgt man immer der Spur des Geldes, in unserem Fall also dem Econoline Van. Ich übergebe das Wort an Constable Donna Griffin.«

Donna Griffin, eigentlich Streifenpolizistin, war nach dem Diamantencoup ins Ermittlungsteam abgestellt worden. Yakabuski hatte sie gebeten, Computerrecherchen zu erledigen, und sie hatte die bisher besten Hinweise zur Ermittlung beigetragen.

»Für die Kollegen vom Strafvollzug fange ich am Flughafen an«, sagte sie, und wieder wurde es dunkel im Raum. Auf der Leinwand erschien ein Standbild, auf dem der Econoline Van durch das Tor des Frachthangars am Flughafen fuhr. Sie drückte Play, und der Van begann zu rollen.

»Wir haben das Video aus allen Sicherheits-, Überwachungs- und Verkehrskameras zusammengeschnitten, die den Econoline Van in jener Nacht irgendwo in Springfield aufgenommen haben. Er verließ den Flughafen um null Uhr sechsundvierzig, die nächsten acht Minuten und siebenunddreißig Sekunden können wir lückenlos nachvollziehen. Dann fährt er in der Doucet Street in ein Parkhaus. Das hat drei Stockwerke, die nicht einsehbar sind; der Van befindet sich elf Minuten und vierzehn Sekunden lang dort. Hier fährt er weiter.« Sie hielt das Video an, zu sehen war ein Econoline Van von anderer Farbe und mit der Aufschrift für einen Klempnerdienst beim Verlassen des Parkhauses.

»Der Van wurde also blitzschnell umlackiert«, sagte der junge Vollzugsbeamte, diesmal ohne erst die Hand zu heben. »Warum klauen sie nicht einfach einen zweiten und platzieren ihn im Parkhaus?«

»Wir denken, die Diebe wollten das Risiko vermeiden, zufällig in eine Verkehrskontrolle zu geraten«, sagte Griffin. »Der Van war nicht gestohlen. Er war auf einen Mann zugelassen, der vor zwanzig Jahren in Cork’s Town gestorben ist.«

»Super Trick.«

»Genau.«

Griffin drückte Play, und der Van fuhr die Doucet Street entlang. »Die nächsten sechzehn Minuten und dreiundzwanzig Sekunden lang haben wir ihn immer im Blick. Keine einzige Sekunde fehlt. Der Van verlässt das Parkhaus und nimmt den Highway 7 in Richtung Osten. Um ein Uhr zwanzig fährt er an der Ausfahrt Mission Road ab und wird drei Minuten später von einer Überwachungskamera an einer Irving-Tankstelle eingefangen. Das ist dann für die nächsten siebenundvierzig Minuten die letzte Sichtung.«

Sie spulte das Video vor und stoppte es bei einer Aufnahme des Vans in Flammen. Sie drückte Play und sagte: »Um zwei Uhr zehn wurde der brennende Van von einer Kellnerin im O’Keefe’s in einer Seitengasse der Belfast Street entdeckt. Sie hat das Video mit ihrem Handy gemacht. Keine Spur der Diamanten im Van. Keine Spur von Morrissey oder dem zweiten Dieb. Die Forensik hat rein gar nichts gefunden, und das wird sich so bald auch nicht ändern.«

Sie drehte sich um und sah den jungen Vollzugsbeamten an. Es war Zeit für seine nächste clevere Frage.

»Siebenundvierzig Minuten«, sagte er wie auf Stichwort. »In der Zeit kann man in Springfield quasi von einem Ende bis ans andere fahren. Die Diamanten könnten überall sein.«

»Nicht ganz«, sagte Griffin lächelnd. Erst vor ein paar Tagen war sie für das, was gleich auf der Leinwand zu sehen sein würde, mit einem Schulterklopfen belohnt worden.

»Überwachungskameras sagen uns nicht nur, wo sich etwas befindet, sondern auch, wo es sich nicht befindet.« Während sie sprach, erschien auf der Leinwand ein Stadtplan von Springfield. »Wenn man die Orte ausklammert, an denen der Van in den siebenundvierzig Minuten nicht gesehen wurde, und ausrechnet, welche Strecke er gefahren sein könnte, um um zehn nach zwei wieder in der Belfast Street zu sein, bleibt das hier übrig.«

Der Stadtplan verfärbte sich, als würde Tinte durch die Straßen laufen, die Parks und Flüsse füllen, durch Cork’s Town und das French Quarter rinnen und die ganze North Shore auslöschen, bis Sekunden später nur noch dünne weiße Adern sichtbar waren.

»Das sind die Orte, an denen der Van in den fraglichen siebenundvierzig Minuten gewesen sein könnte. Wie Sie sehen, bleiben die untere Hälfte der Albert Street, ein Schotterweg am Springfield River und der größte Teil der Mission Road.«

»Cork’s Town konnten Sie ausschließen?«, fragte der junge Vollzugsbeamte.

»In Cork’s Town gibt es mehr Kameras als in jedem anderen Teil der Stadt.«

»Trotzdem bleibt noch eine Menge übrig.«

»Stimmt«, sagte Lawrence. »Ich übergebe an Senior Detective Frank Yakabuski. Danke, Donna.«

Yakabuski wartete, bis sie sich gesetzt hatte, und beugte sich dann vor, blieb aber sitzen. Er hatte keine Bilder oder Videos. Er sah den jungen Vollzugsbeamten direkt an und sagte: »Wir haben diese Übersicht seit etwa zwei Wochen. Aus verschiedenen ermittlungstaktischen Gründen konzentrieren wir die Suche inzwischen auf die Mission Road.«

»Wieso das?«

»Weil die Suche im Umfeld der Albert Street und des Schotterwegs zu nichts geführt hat. Und weil die Shiners sich an der Mission Road gut auskennen.«

»Wieso glauben Sie, dass Morrissey in den siebenundvierzig Minuten nicht irgendwelche Tricks abgezogen hat? Vielleicht hat er die Diamanten einem Dritten übergeben. Vielleicht sind sie nicht mal mehr in Springfield.«

Yakabuski sah sich den Vollzugsbeamten genau an. Er schätzte ihn auf knapp über dreißig. Vielleicht nicht mal das. An beiden Handgelenken hatte er Stacheldraht tätowiert. Das Haar war so kurz rasiert, dass die Schädelform sichtbar war.

»Weil wir keine weiteren Leichen gefunden haben«, sagte er.

Der Vollzugsbeamte sagte nichts. Yakabuskis Stimme hatte einen anderen Unterton als die von Mick Lawrence, daher fürchtete er sich, eine dumme Frage zu stellen, aber nach einer unbehaglich langen Stille ging ihm auf, dass Yakabuski ihm keine Wahl ließ. Er fragte: »Was meinen Sie damit, Sie haben keine weiteren Leichen gefunden?«

»Ich meine damit, dass nur fünf Leute von dem Raubüberfall wussten. Das ist der innere Kreis des größten bewaffneten Überfalls, den es je gegeben hat. Zwei davon sind tot, zwei weitere verschollen, der fünfte sitzt in der Justizvollzugsanstalt Wentworth. Sonst wusste niemand Bescheid, weil Sean Morrissey nicht gewollt haben würde, dass noch jemand Bescheid wusste.«

»Wie sehr sollen wir Mr. Morrissey im Auge behalten, Detective?«

Das kam von Officer Gallagher. Die erste gute Frage der Strafvollzugsbeamten. Die des Jüngeren waren nur Angeberei gewesen. Diese hier war praktischer Natur: Was bedeutet das für meinen Arbeitstag?

»Höchstwahrscheinlich haben Sie recht, dass Morrissey seine Strafe in aller Ruhe absitzen will«, sagte Yakabuski. »Wenn er rauskommt, stehen wir bereit. Wir tun alles, was bei seiner Entlassung nötig sein sollte, bis hin zum Einsatz von Spezialkräften. Sie müssten sich in der Woche davor mit uns absprechen. Und bitte informieren Sie uns sofort, falls es zu irgendwelchen Zwischenfällen oder Drohungen gegen Mr. Morrissey kommt. Bisher war das nicht der Fall, wenn ich Sie richtig verstanden habe?«

»Stimmt.«

»Er ist im normalen Vollzug?«

»Genau.«

»Und keine Zwischenfälle. Das kann ein gutes Zeichen sein. Kommt uns entgegen. Ist derzeit ungefähr so rar wie Diamanten.«

Diesmal bekam Yakabuski die Lacher, die ein wenig lauter ausfielen als bei Lawrence, was dem Inspector sicher nicht gefiel. Yakabuski war nicht überrascht, dass die Besprechung kurz danach beendet wurde. Lawrence bedankte sich bei allen Anwesenden, »und jetzt los, knackt den Scheißfall«. Lawrence spie den Kraftausdruck aus wie jemand, der nur selten pöbelt, es aber hin und wieder für geraten hält, um als einer der Jungs zu gelten. Das aufgesetzte Fluchen, das man oft von Vorgesetzten hört.

Auf dem Weg nach draußen kam Yakabuski an dem jungen Vollzugsbeamten vorbei, der noch immer den Stadtplan anstarrte. Er stellte sich neben ihn und sagte: »Ja, eine richtige Schatzkarte.«

»Das habe ich nicht gedacht.«

»Klar haben Sie das. Das denkt jeder, der sie zum ersten Mal sieht.«

4

Die Mission Road war eine alte Straße, die entlang des Südhangs der Northern Divide verlief, etwa eine Meile vom Springfield River entfernt. Ihren Namen hatte sie von evangelikalen Mormonen aus Salt Lake City erhalten, die um 1880 in den Norden gezogen waren, mit dem Traum, ein bäuerliches Utopia aufzubauen. Die Provinzregierung überließ ihnen eintausend Acres Land, auf denen sich die ersten zehn Familien niederließen, etwas über einhundert Menschen.

Sowohl die Siedlung als auch die von den Mormonen angelegte Straße erhielten den Namen Mission. Der Springfield River lag so weit entfernt, dass das Klonkern und Zischen der Sägewerke nur in der Ferne zu hören waren, die Schwefeldämpfe der Papiermühlen nur an Tagen mit Ostwind zu riechen waren. Jahrzehntelang gab es zwischen Springfield und der Mormonensiedlung kaum Kontakte.

Das Erste, was die Siedler bauten, war ein Tabernakel aus Scheitholz. Danach kamen Scheunen und Silos, Holzhäuser mit vielen Seitenflügeln, wurde auf hundert Acres für den Verkauf bestimmtes Getreide angebaut – Weizen, Heu, Hanf –, auf weiteren zwanzig Kartoffeln, Rüben und Karotten, die als Wintervorrat in Erdkellern eingelagert wurden. Dank ihrer harten Arbeit, ihres Glaubens und des aus Utah mitgebrachten Vermögens dauerte es mehrere Jahre, bis den Mormonen aufging, dass sie nicht genug ernteten, um überleben zu können.

Sie waren hereingelegt worden, genau wie die anderen Farmer, die sich durch die Aussicht auf staatliche Landzuteilung an die Northern Divide hatten locken lassen. Entsetzt begriffen sie, dass das Land, das sie für so fruchtbar, für ein Gottesgeschenk gehalten hatten, nichts als Täuschung war. Unter einer dünnen Schicht fruchtbarer schwarzer Erde lag felsiger Untergrund aus Granit und Gneis, sodass sich der Boden nach einigen Jahren der Beackerung in feinen Sand verwandelte und davonwehte.

Yakabuski hatte die Farmer nie verstanden, die trotzdem nicht aufgaben. Die Dickköpfe, die über Generationen hinweg weitermachten und sich nie eingestanden, dass man sie an der Nase herumgeführt hatte. Die, die am längsten durchhielten, galten jetzt als Gründerfamilien aller möglichen kleinen Dörfer entlang der Northern Divide. Straßen waren nach ihnen benannt, Messingtafeln erinnerten an sie. Einige waren in Volksbüchern verewigt worden, die man manchmal als Sonderposten vor Hockeystadien oder an Tankstellen finden konnte. In Yakabuskis Augen eine schlechte Entschädigung dafür, dass in den Familien über fünf Generationen nichts als Armut und Mühsal weitervererbt worden waren. Er wusste, dass manche das anders sahen.

Die Mormonen gehörten zu den Dickköpfen. Obwohl ihnen klar war, dass man sie aufs Kreuz gelegt hatte, hielten sie weitere dreißig Jahre durch. Sie beteten im Tabernakel um Regen, Sonne, Torf, was immer sie retten konnte. Und wenn sie nicht beteten, schufteten sie auf ihren Steinfeldern. Am Ende hatten sie das Schlafen und Essen aufgegeben, wälzten sich im Dreck und sprachen in Zungen, lebten in einer Welt aus Fieberwahn und Gottesglauben, aber nicht einmal das konnte sie retten.

1919 kam der Sheriff von Springfield County und zwang sie, das Land zu räumen, wegen Steuerschulden. Da ihnen das Geld fehlte, um die Divide zu verlassen, suchten sich die Männer Jobs in den Sägewerken, wo sie wegen ihrer seltsamen Kleidung verprügelt wurden; die Frauen fanden Arbeit als Küchenmädchen oder Tellerwäscherinnen oder als Huren in Bordellen, die den Shiners gehörten.

Yakabuski fragte sich, warum die Mormonen es trotz all ihrer Gebete nie verstanden hatten. Schlechtes Land bleibt schlechtes Land. Gott überlegt es sich nicht anders.

• • •

Inspector Fraser Newton erwartete Yakabuski auf dem Parkplatz am Startpunkt der Mission Road. In der Nacht war Schnee gefallen, die Fichten waren weiß bestäubt. Leichter Nebel strich über die oberen Zweige, vermischte sich mit den kalten Abgasen der Polizeiwagen im Leerlauf und dem Atem der Menschen, die die Gegend um den Pfad absuchten.

»Hab gehört, ein Junge wird vermisst«, sagte Newton, als sich Yakabuski zu ihm gesellte. Beide stapften mit den Füßen und rieben die behandschuhten Hände.

»Jason McAllister«, erwiderte Yakabuski. »Zweiundzwanzig Jahre alt. Studiert an der Syracuse. Er ist vor einer Woche hergekommen und seitdem nicht mehr gesehen worden.«

»Wir sind seit fünf Tagen hier.«

»Wie weit seid ihr vorangekommen?«

»Noch keine Meile.«

»Habt ihr menschliche Spuren auf dem Pfad gesehen?«

»Jede Menge. Der Pfad wird das ganze Jahr hindurch benutzt. Wenn du mich fragst, muss man verrückt sein, um sich bei solchem Wetter hier rumzutreiben.«

»Habt ihr schon von Anfang an Flatterband gespannt?«

»Ja. Mittlerweile sind die ersten Gaffer da.«

»Was erzählt ihr denen?«

»Seit heute Morgen, dass wir nach deinem vermissten Jungen suchen. Davor, dass wir in einem Mordfall ermitteln.«

»Ganz schön erfinderisch, Newt.«

»Findest du? Meinst du nicht, dass an der Mission Road mit Sicherheit ein paar Leichen rumliegen, Yak?«

Yakabuski gab keine Antwort, aber er verstand Newton. Der Wald hatte sich die alte Bauernsiedlung Mission nicht wieder einverleibt, sie lag etwa zwanzig Meilen vom Beginn des Pfads entfernt und war heutzutage eine Gated Community, hinter deren Zäunen einige der teuersten Villen von Springfield lagen.

Die alte Siedlerstraße selbst, hoch in den Hügeln mit Blick auf Springfield gelegen, hatte sich im Lauf der Zeit noch in mehrfacher Hinsicht als nützlich erwiesen. Die Shiners hatten entlang der Mission Road jahrzehntelang Schnapsbrennereien und Spelunken betrieben. Während beider Weltkriege hatten sich dort Kriegsdienstverweigerer versteckt. Und in den Dreißigerjahren hatten in den Höhlen unweit der Straße Mitglieder der Ma-Racine-Gang gehaust, die von den Mounties gejagt wurden.

Gegen Ende des letzten Jahrtausends hatte man zwanzig Meilen der alten Straße in einen Wander- und Mountainbike-Pfad umgewandelt, doch Newton hatte recht. Wenn die Polizei behauptete, auf dem Pfad einen alten Mord untersuchen zu wollen, belog sie niemanden.

»Und da jetzt tatsächlich jemand vermisst wird, lässt sich die Geschichte noch leichter verkaufen«, fuhr Newton fort, »aber ich rechne trotzdem jederzeit damit, dass bald ein paar Fernsehfritzen auftauchen und nach den Diamanten fragen.«

»Und wie läuft die Suche danach?«

»Nicht gut, Yak. Leider. Die Shiners kennen diese Hügel besser als jeder andere, es gibt also unzählige Stellen, an denen Morrissey die Dinger versteckt haben könnte.«

»Hat Griffin Berechnungen angestellt?«

»Hat sie. Danach hat Morrissey hier oben zwischen vierzehn und sechzehn Minuten Zeit gehabt, höchstens.«

»Und was bleibt dann?«

»Drei Meilen den Pfad runter, wenn die Diamanten direkt am Weg versteckt wurden. Wenn man Zeit und Entfernung zusammennimmt, ergibt das vom Beginn des Pfads aus in jede Richtung eintausendeinhundert Yards.«

Yakabuski blinzelte, als würde er versuchen, das Gebiet vor sich zu sehen. »Also drei Meilen in der Länge, angefangen bei zweitausendzweihundert Yards und endend bei null.«

»Willst du das etwa im Kopf ausrechnen?«

»Zwei Komma drei Quadratmeilen.«

»Manchmal bist du echt ein Freak, weißt du das, Yak? Aber, ja, das ist korrekt.«

Yakabuski hatte immer ein Faible für Zahlen gehabt. Manchmal betrachtete er Mordermittlungen wie ein geometrisches Muster, das es zusammenzufügen galt. Suchte nach der fehlenden Variable. Die sich irgendwo auf dem Pfad da befand.

»Großes Suchgebiet«, sagte er.

»Mit vielen Fragezeichen. Wie sicher sind wir, dass Morrissey überhaupt hier hochgekommen ist?«

»Du willst Sicherheit? In deinem Alter?«

»Das erfüllt mich nicht gerade mit Zuversicht.«

»Was soll ich sagen? Wenn man sich auf der Karte ansieht, wo Morrissey in der Nacht gewesen sein könnte, und auf einen Ort tippen müsste, würde man den hier nehmen. Und jetzt ist ein Junge verschwunden, der das Gleiche gedacht zu haben scheint. Deutet alles darauf hin, dass wir richtigliegen.«

»Tja, vielleicht haben wir ja Glück«, sagte der Inspector, klang aber wenig überzeugt. »Schickst du ein Major-Crimes-Team her, um nach dem Jungen zu suchen?«

»Scheint mir überflüssig. Ihr seid ja schon da. Ich schicke nachher eine Hundestaffel vorbei, das reicht.«

Einen Moment lang schwiegen sie. Es war erst Nachmittag, fühlte sich aber wie früher Abend an; die bleiche Wintersonne versteckte sich hinter dicken Wolken, die Temperatur sank, Auspuffqualm und Atemluft wirbelten in den Waldsaum hinein.

»Also nur die Hunde?«

»Denke schon.«

»Ich wünschte, Diamanten würden riechen.«

»Das tun wir alle, Newt.«

5

Als Yakabuski wieder am Revier ankam, war die Sonne bereits untergegangen. Springfield war am Treffpunkt dreier Flüsse gegründet worden, am Rand des nördlichen Nadelwalds gelegen, und Mitte Februar ging hier die Sonne spät auf und umso früher wieder unter. An den kältesten und trübsten Wintertagen war sie wenig mehr als eine mysteriöse Ahnung. Schummerlicht sorgte dafür, dass die Welt nicht komplett im Dunkel versank.

Die Verwahrzellen befanden sich im Keller des Hauptreviers von Centretown. Anders als der Name vermuten ließ, lag dieser Stadtteil nicht einmal in der Nähe des eigentlichen Stadtzentrums. Die Wohlhabenden von Springfield, die sich vor über einhundertfünfzig Jahren hier angesiedelt hatten, hatten ihn gewählt. Die englischen Holzbarone und schottischen Kaufleute wollten nichts mit den Sägewerken am Fluss zu tun haben und sich nicht mit den dort schuftenden französischen und irischen Arbeitern abgeben müssen, deswegen zogen sie ins Landesinnere und errichteten einen Stadtteil mit hübschen Backsteinhäusern und edlen Läden und gaben ihm einen fiktiven Namen. Wem die Stadt gehört, der kann sich so etwas leisten.

Die Zellen waren zur gleichen Zeit wie Centretown entstanden, das Gebäude darüber war allerdings modern und erst vor zwanzig Jahren errichtet worden. Die Strafverteidiger hatten auf die Baupläne zunächst mit Missmut reagiert, aber als im Erdgeschoss ein Vernehmungsraum angebaut wurde, in dem sie warten konnten, während man ihre Mandanten aus den Zellen holte, beschwerten sie sich nicht länger.

Die Verwahrzellen hatten immer noch nackte Steinwände und Metallgitter und rochen nach einhundertfünfzig Jahren Elend und Verzweiflung, wie Yakabuski fand. Ein schaler Gestank, überwältigend und doch subtil, als wären tausend schlechte kleine Gerüche in irgendeine Ecke gekrochen und verendet. Calvin Jayne saß auf seiner Metallpritsche, stützte den Kopf in die Hände und zwickte sich in die Nase.

»Harter Tag, Calvin?«

Der Taxifahrer ließ die Hände sinken und schaute Yakabuski an. Mit trauriger Stimme sagte er: »Diese Unterkunft kann mit dem Concorde Hotel problemlos mithalten, Detective.«

Yakabuski grinste. Kein schlechter Witz. Er wartete, während der Constable mit einem Schlüssel, der groß genug war, um damit Nägel in die Wand zu hämmern, die Zelle aufschloss, und trat beiseite, als die Gittertür sich quietschend öffnete.

Der Constable ließ sie allein, Yakabuski betrat die Zelle. Wie konnte ein Geruch gleichzeitig schal und überwältigend sein? Das Concorde Motel roch ähnlich, da hatte der Taxifahrer recht.

»In Dorset riecht es besser«, sagte Yakabuski, lehnte sich an die nackte Wand und musterte Jayne. »Aber ich würde einen Kurzbesuch in den Verwahrzellen von Springfield trotzdem vorziehen.«

»Wollen Sie sagen, dass das meine Optionen sind? Der Dorset-Knast oder das hier? Sie haben mir noch nicht mal gesagt, wieso Sie mich festgenommen haben.«

»Sie denken nicht klar. Hatten Sie dieses Problem schon immer?«

»Es gibt also keine Anklage. Sie lassen mich nur schmoren.«

»Calvin, wenn Sie letzten Dienstag an der Mission Road einen Welpen ausgesetzt hätten, könnte ich Sie festnehmen und wegen Tierquälerei und fahrlässiger Unterlassung anzeigen. Glauben Sie, ein Junge ist vor dem Gesetz weniger wert als ein Hund?«

Der Taxifahrer schwieg. Yakabuski schlug ein Bein über das andere, gab mehr Gewicht an die Steinwand ab und fragte sich, ob er irgendwo bequem stehen würde. Er war einen Meter dreiundneunzig groß und wog hundertfünfundzwanzig Kilo. Als junger Mann hatten ihm nackte Steinwände vermutlich nichts ausgemacht, aber damit war es spätestens seit seinem fünfzigsten Geburtstag vor zwei Monaten endgültig vorbei.

»Das ist nicht das Gleiche«, sagte der Taxifahrer schließlich. »Der Junge wusste, was er tat. Ein Junge ist kein Hund.«

»Für manche macht es das schlimmer. Sagen Sie mal, Calvin, halten Sie sich für einen Glückspilz?«

»Was meinen Sie damit?«

»Rein interessehalber.«

»Manchmal, ja.«

»Das ist gut. Weil Sie Glück brauchen werden. Es mag Menschen geben, die nichts dabei finden, dass Sie den Jungen schlechter als ein Tier behandelt haben, aber mit allen anderen werden Sie ganz bestimmt ein Problem bekommen.«

»Das ist unfair. Ich hab den Jungen zur Mission Road gefahren. Hab ihn auf seinen Wunsch hin da abgesetzt. Er hat bezahlt. Mehr war nicht.«

Jayne richtete sich auf und warf dem Detective einen harten Blick zu. Yakabuski wusste, wie er sich in der Verwahrzelle die Zeit vertrieben hatte. Indem er sich einredete, Yakabuski würde mit seinem Besuch im O’Keefe’s bloß bluffen. Und dass der Barmann ihn decken würde. Schließlich hatte er dem im Laufe der Jahre genug Trinkgeld gegeben. In einem Moment halb hysterischer Euphorie hatte Jayne sich wahrscheinlich sogar eingeredet, das Ganze wäre nie passiert.

Aber die Härte verwelkte in Sekundenschnelle. Der Taxifahrer senkte den Blick und sagte mit leiser, resignierter Stimme: »Sie wissen nicht mal, was mit dem Jungen ist. Vielleicht hat er aufgegeben und ist in ein Motel gegangen. Er kann überall sein. Sie wissen es nicht.«

»Calvin, das ist der erste kluge Satz aus Ihrem Mund. Wir wissen es nicht.«

Er sah hoffnungsvoll auf. »Warum bin ich dann hier?«

»Damit ich Ihrem Glück ein bisschen auf die Sprünge helfen kann. Haben Sie nicht gesagt, dass Sie ein Glückspilz sind?«

Jayne sah noch hoffnungsvoller drein. Hoffnungsvoll und beleidigt zugleich. Was zu ihm passte, wie Yakabuski fand.

Er trat auf ihn zu. »Sie müssen Folgendes begreifen, Calvin: Wenn Jason McAllister tot aufgefunden wird und Sie mir nicht geholfen haben, ihn zu finden, stecken Sie in echten Schwierigkeiten. Falls der Junge ermordet wurde, bedeutet das Beihilfe. Falls er erfroren ist, strafbare Fahrlässigkeit. Beides ist ein Verbrechen. Für einen Glückspilz wie Sie dürfte es ein ziemlicher Schock sein, wenn Ihnen klar wird, wie gefickt Sie sind.«

Yakabuski fluchte nicht oft. Wenn er es doch tat, dann im Tonfall eines Mannes, der sich normalerweise im Griff hatte, aber langsam sauer wurde. Er warf dem Taxifahrer den dazu passenden spöttischen Blick zu und wartete ab. Sollte Jayne aus verletztem Stolz und unbedachter Wut heraus die gewünschte Information rausrücken, war ihm das recht. Als klar war, dass der Taxifahrer nichts sagen würde, fuhr er fort. »Aber wenn Sie unsere Ermittlung unterstützen und Jason McAllister tatsächlich in irgendeinem Motel auftauchen sollte, sind Sie ein echter Held, Calvin. Und selbst wenn McAllister tot ist, haben Sie zumindest das Richtige getan, also ist alles gut. Erkennen Sie den Unterschied?«

Jayne hob den Blick. Er nickte.

»Weil das ein großer Unterschied ist.«

»Das sehe ich.«

»Lokalheld oder zehn Jahre Dorset«, sagte Yakabuski. »Größer kann ein Unterschied kaum werden.«

»Was wollen Sie wissen?«

• • •

Yakabuski streckte sich und sah auf die Uhr. Sieben Minuten und zwölf Sekunden. Fast alles, was er dem Taxifahrer gerade erzählt hatte, war frei erfunden, aber solche Pechvögel gingen immer davon aus, dass alles Schlechte sich erfüllte. Und stellten es nicht einmal infrage. Einem Mann wie Calvin Jayne die Karotte der Hoffnung vor die Nase zu halten war so, als würde man einem Säufer die Whiskeyflasche reichen.

Doch als der Taxifahrer bereit war zu reden, wusste Yakabuski nicht recht, was er als Erstes fragen wollte. Jayne starrte immer noch seine Füße an, zwickte sich aber nicht mehr in die Nase. Er hatte sich an den Zellengestank gewöhnt.

»Wie viel haben die Shiners Ihnen für die Information mit dem Jungen gegeben?«

»Ich hab gar nichts bekommen.«

»Worauf hatten Sie denn gehofft?«

»Auf gar nichts.«

»Warum haben Sie es dann getan?«

Die Frage schien Jayne zu überraschen. Er schüttelte ein paarmal den Kopf, legte ihn schief, was wohl sorgfältiges Überlegen ausdrücken sollte, und sagte dann: »Ich wollte nicht abgehängt werden. Verstehen Sie das? Irgendwer wird die Diamanten finden und sehr reich werden. Wieso sollte ich nicht auch mal was abkriegen?« Nach diesen Worten zuckte er die Achseln, sah verlegen drein und senkte erneut den Blick.

Noch so ein Opfer unserer Zeit, dachte Yakabuski. Daran gewöhnt, Dinge zu begehren, die er niemals bekommen würde, sich deswegen immer ein wenig zurückgesetzt zu fühlen, irgendwie betrogen, und dann zu träumen und sich Tricks auszudenken, wie das zu ändern wäre, aber ohne große Anstrengung – so ging es vielen Menschen heutzutage. Erst als Calvin gezwungen wurde, seine Hoffnungen und Träume auszusprechen, begriff er, wie albern sie waren.

»Was haben Sie gedacht würden die Shiners tun, nachdem Sie ihnen von dem Jungen erzählt hatten?«

»Ich hab ganz bestimmt nicht gedacht, dass er verschwinden würde.«

»Das ist Ihnen nie in den Sinn gekommen?«

»Nein, ich schwör’s Ihnen. Als ich ins O’Keefe’s rein bin, hab ich gedacht, sie würden ihn vielleicht verscheuchen. Ihm Angst einjagen, mehr nicht. Und sich vielleicht irgendwann an mich erinnern, wenn Morrissey rauskommt. Mehr hab ich nicht gedacht.«

Yakabuski kreuzte wieder die Beine, streckte den Rücken und dachte darüber nach, was der Taxifahrer gerade gesagt hatte. Überlegte, was daran nicht stimmte. Als er es wusste, sagte er: »Das haben Sie gedacht, als Sie rein sind ins O’Keefe’s. Und was haben Sie gedacht, als Sie wieder raus sind?«

Der Taxifahrer zögerte, und Yakabuski fluchte ein zweites Mal. Er stieß sich von der Wand ab und ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit Jayne zu sein. »Calvin, das ist Ihre letzte Chance. Warum haben Sie beim Verlassen des O’Keefe’s gewusst, dass dem Jungen etwas Schlimmes zustoßen würde?«

»Das konnte ich nicht mit Sicherheit wissen, das war ...«

»Calvin!«

»Schon gut. Aber ich sag Ihnen die Wahrheit. Ich wusste nicht, was dem Jungen zustoßen würde. Ich weiß immer noch nicht, was ihm zugestoßen ist.«

»Warum haben Sie Angst?«

Der Taxifahrer öffnete den Mund, wollte sprechen, hielt inne, senkte den Kopf und sagte: »Wegen dem, was passiert ist, als wir das O’Keefe’s verlassen haben. Der Shiner, zu dem ich da wollte ...«

»Name?«