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Für lange Zeit wurde in unserer Gesellschaft der Begriff "Mission" wie ein Unwort behandelt. Als gläubiger Mensch tat man gut daran, es im Zusammenhang mit Kirche und Christentum möglichst gar nicht zu verwenden. Aber die Atmosphäre ändert sich. Die Frage lautet nicht mehr "ob", sondern "wie" öffentlich über Glaubensfragen gesprochen wird. Und es geht um Inhalte. Was beinhaltet die "Gute Botschaft" des christlichen Glaubens und welche Art von Kirchen braucht es, um diese Botschaft glaubhaft und stimmig zu verkündigen?
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Einleitung
I.
Grundlegende Weichenstellungen
Der Zustand der Welt
Der Ort des Besseren
Die Richtung der Zeit
Die Art des Weges
Die Akteure des Geschehens
Erste Konturen festhalten
II.
Ein Ziel vor Augen
Unglückliche Engführungen
Das missverstandene Reich
Jesus und das Reich Gottes
Das Reich Gottes als umfassender Schalom
Gott, Mensch und Welt
Die Welt als Kontext
Was ist der Mensch?
Kirche als Avantgarde
III.
Drei Kernaktivitäten von Kirche
Kerygma - Schöner glauben
Koinonia - Wahrer lieben
Diakonia - Besser hoffen
Das Zeitalter des Geistes
Echo sein
IV.
Fünf elementare Praktiken
Abendmahl - Nahrung für alle
Taufe - eine neue Menschheit
Fülle - Kooperation und Partizipation
Redefreiheit - aufeinander hören
Binden und Lösen - gemeinsame Werte
Von klein zu groß denken
Zum Wohle der Welt
V.
Weitere Denkrichtungen
Gesund glauben
Theologie des Weges
Schwache Ontologie
Vom Judentum lernen
Komplexe Befreiung
Friedensethik
Dynamische Grenzen
Öffentlicher Raum
Urbanität, ja bitte
Schwärmender Christus
VI.
Konkrete Herausforderungen
Religiöse Entgiftung
Praktizierter Glaube
Dialogisch leben
Mobile Aktionsteams
Leitung ohne Amt
Transparentes Lernen
Am Vorne ausgerichtet
Heilsame Verunsicherung
Literaturverzeichnis
Weitere Veröffentlichungen
Der Begriff „Mission“ löst bei mir sehr gemischte Gefühle aus. Das hat verschiedene Gründe. Ich bin in einem christlichen Umfeld aufgewachsen. Als Kind und auch noch als Teenager war ich sehr verschlossen. Die Vorstellung, anderen eine „gute Nachricht“ weitergeben zu sollen, hat mich gleichermaßen überfordert wie bedroht. Auch noch Jahre später gab ich mir alle Mühe, aber immer begleitete mich das Empfinden, der „Missionsauftrag“ gehöre eher zu den unangenehmen Seiten einer christlichen Existenz. Später im Theologiestudium und dann als junger Pastor beschäftigte ich mich ausgiebig mit verschiedenen Methoden der Verkündigung und des Gemeindeaufbaus. Mir schien, dass meine innere Abwehr gegenüber Missionstätigkeiten darin begründet lag, mit teilweise abstoßenden Formen und einem unangenehmen, aufdringlichen Auftreten in Berührung gekommen zu sein. Durch einen anderen Stil würde ich endlich Zugang zum Thema „Mission“ bekommen, so hoffte ich.
Jahre später wurde mir klar, dass es nicht allein der Stil, sondern in noch stärkerem Maße die Inhalte waren, die mir Mühe machten. Wenn ich ehrlich war, fühlte ich mich häufig wie ein religiöser Vertreter, der ein nicht wirklich funktionsfähiges Produkt verkaufen sollte: Es ging um einen liebenden und gerechten Gott, eine Beziehung zu ihm, um Sünde, die uns von ihm trennt, um Jesus, der uns vergibt und erlöst, und um einen Weg der beständigen Lebensveränderung. So weit so gut. Alles nicht falsch. Aber immer betraf es nur das Heil des Einzelnen. Das Ganze hatte einen Beigeschmack von frommen Egoismus. Wichtige Fragen blieben unbeantwortet: Weshalb wurden „erlöste Einzelpersonen“ nicht zwingend zu gesellschaftlichen Akteuren, die sich für eine heilere und gerechtere Welt engagierten? Warum entstanden durch diese Botschaft nicht automatisch vitale, innovative und kulturintegrierte christliche Gemeinschaften, die das Gemeinwesen zum Guten prägten? Langsam dämmerte mir, dass es mit den Inhalten zusammen hing.
Die nun folgenden Ausführungen sind eine Zwischenbilanz nach einer gut zehnjährigen theologischen Reise. Auf der Suche nach einem komplexeren Evangelium - der guten Nachricht Gottes an uns Menschen - begann für mich die Botschaft der Bibel in einer nie vorher gekannten Weise zu leuchten. Heute scheint es mir so: Sich inmitten der großen Missionsgeschichte Gottes zu befinden, ist das Beste, was einem passieren kann.
Bremen, September 2016Jens Stangenberg
Für lange Zeit wurde in unserer Gesellschaft der Begriff „Mission“ wie ein Unwort behandelt. Als gläubiger Mensch tat man gut daran, es im Zusammenhang mit Kirche und Christentum möglichst gar nicht zu verwenden. Man wollte nicht zu der Art von Religionsanhängern gehören, die übergriffig agieren und andere aufdringlich missionieren. Durchaus zu Recht haben Kritiker darauf hingewiesen, dass Religionen mit ihrem jeweiligen Absolutheitsanspruch zu Machtmissbrauch und Manipulation neigen. Mir ist bewusst: Wenn ich dennoch das Wort „Mission“ verwenden möchte, setzte ich mich erneut dem Verdacht aus, anderen „die Wahrheit“ aufdrängen zu wollen. Versuchen wir es trotzdem.
Um einen neuen Zugang zum Begriff „Mission“ zu bekommen, hilft mir folgende Überlegung: Mission meint vom Wortsinn „ziehen lassen, abschicken“. Wenn jemand missioniert wird, bedeutet dieses also, dass er oder sie gesandt wird. Nun kann man fragen: Wer ist der Sender und wer der Gesandte? Antwort: Zu Beginn wird Christus in die Welt gesandt. Dieser überträgt die Sendung auf seine ersten Schüler, die Apostel. Das Ergebnis: Gott sendet, und die Kirche ist die Gesandte. Letztendlich heißt das: Nicht „die Welt“, sondern „die Kirche“ wird missioniert. „Die Welt“ ist nicht der Adressat, sondern die Begünstigte aufgrund der Missionierung der Kirche. So verstanden geht es nicht darum, „Ungläubige“ zu missionieren, sondern sich selbst als Jesus-Nachfolger senden zu lassen, damit andere dadurch gesegnet und gefördert werden. Was aber ist der Inhalt der Sendung? Was ist „drin im Paket“ und in welcher Haltung soll es „der Welt“ überbracht werden?
Bei den weiteren Überlegungen geht es um eine inhaltliche Verortung. Alle praktischen Anwendungsfragen wie Struktur, Methodik oder kirchliche Programme werden nicht oder nur am Rande thematisiert. Sie sollen an dieser Stelle zweitrangig sein. Wir konzentrieren uns ganz auf die Frage nach dem Was: Was sind inhaltliche Ankerpunkte? Was ist sinnvoll, öffentlich vertreten zu werden? Letztendlich: Was verstehen Christinnen und Christen als ihre Botschaft? Der klassische theologische Begriff für dieses Themenfeld ist „Mission“.
Beginnen wir mit dem Versuch, uns inmitten von verschiedenen Weltverständnissen zu orientieren. Dabei geht es nicht allein um Unterschiede zu anderen Religionen, sondern auch um Klärungen innerhalb der christlichen Strömungen. Kurz gesagt: Nicht in allem, wo „christlich“ drauf steht, ist auch Christliches drin. Genau diese Behauptung muss genauer ausgeführt werden.
In einem ersten Gedankengang verschaffen wir uns einen Überblick über zentrale Weichenstellungen: Wie wird der Zustand der Welt beurteilt? Wo wird eine bessere Welt vermutet und wie können wir dorthin gelangen? Wer sind die Akteure in der Dramaturgie? Je nachdem, wie wir jede dieser Fragen beantworten, kommen wir zu grundverschiedenen Ergebnissen.
Wie wird die aktuelle Verfassung unserer Welt eingeschätzt? Ist die Welt - trotz aller Krisen - prinzipiell gut, so wie sie ist, oder gibt es eine Differenz in Hinblick auf einen möglichen besseren Zustand? Dieser kleine Unterschied hat weitreichende Konsequenzen:
Wenn wir davon ausgehen, dass die Welt um uns herum, so wie wir sie vorfinden, an sich gut ist, besteht unsere Aufgabe wesentlich darin, diese Ansicht anzunehmen und uns darauf einzustellen. Krisen werden dann derart gedeutet, dass wir asynchron, also unstimmig in einer an sich guten Welt leben.
Wenn wir dagegen davon überzeugt sind, dass sich die Welt um uns herum nicht in einem Idealzustand befindet, haben wir eine Differenz vor Augen. Diese Abweichung in Bezug auf einen besseren Zustand kann entweder ein passives, resigniertes oder gar zynisches Verhalten hervorbringen oder aber anspornen, sich für Veränderung zu engagieren.
Möglich wäre auch, unsere Außenwelt als Illusion oder als Erscheinung zu verstehen. In diesem Fall müsste man „außen“ eher in Anführungsstrichen schreiben, weil es kein wirkliches Außen ist. Bei der sichtbaren Welt hat man es dann nie mit „dem Realen“ zu tun.
Mit diesen drei Varianten befinden wir uns in grundlegend unterschiedlichen religiösen Ansichten und Handlungsempfehlungen in Bezug auf unsere Welt. Im Fall (a) wird die Welt als etwas eigenständig Gutes, Ewiges und dem Menschen Vorgeordnetes verstanden, das wir verehren und in das wir uns bestmöglich einfügen sollten. Bei (b) geht man davon aus, dass die Welt einen Defekt hat, der nicht als gegeben hingenommen werden muss, sondern durch Engagement verändert werden kann. Bei (c) dagegen strebt man danach, die Welt in Gelassenheit zu ertragen und sich nicht von ihrer Begrenztheit gefangen nehmen zu lassen. Je nach Grundannahme entsteht Anbetung, Aktion oder eine Art von Vermeidung.
Nach christlichem Verständnis ist unsere Welt aktuell nicht so, wie sie ursprünglich von Gott gedacht war. Es gibt einen Schaden, eine Abweichung, einen Riss - wie auch immer man das nennen mag. Die klassisch theologische Sprache nennt es „gefallen“, gewissermaßen ist die Welt vom „Tisch“ gerollt, auf den Boden gefallen und hat Risse bekommen.
Gleich zu Beginn der Bibel wird die Natur als „Schöpfung“ dargestellt. Sie ist demnach in sich nicht göttlich (Variante a), aber auch nicht bloß eine flüchtige Erscheinung (Variante c). Wir leben in einem realen Kosmos, der als Ganzes aus dem Gleichgewicht geraten ist (Variante b). Nach biblischer Offenbarung gelten die ersten Menschen als Ursache für diese verhängnisvolle Entwicklung. Seitdem taumelt die Welt und alle Lebewesen sind unentrinnbar davon betroffen.
All das soll nicht zu Passivität und Apathie führen. Im Gegenteil: Die Aufgabe von uns Menschen besteht darin, sich als Betroffene von Gott zurecht bringen zu lassen und sich gegen den entstandenen Schaden und für eine bessere Welt zu engagieren. Auch wenn daraus viele Anschlussfragen entstehen, gilt es zunächst einmal festzuhalten:
Christinnen und Christen verstehen die sichtbare Welt als eine geschaffene, endliche und vom Ursprung her schöne Welt. Sie ist weder göttlich unantastbar noch eine Sinnestäuschung. Es ist wert, sie zu erforschen, von ihr zu lernen und sie zu gestalten. Als einzelner Mensch sind wir jeden Tag aktiv an diesem Prozess beteiligt.
Wenn wir davon ausgehen, dass die bestehende Welt nicht ihrer ursprünglichen Version entspricht, schließt sich die Frage an, wo der „bessere Zustand“ zu finden ist. Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Varianten:
Man könnte „das Bessere“ im verloren gegangenen Paradies vermuten. Demnach würden wir aufgrund des Glaubens an die Erlösung in Christus den „Sündenfall“ rückgängig machen können. Eine solche Rückwärtsorientiertheit wird gespeist von einer Sehnsucht nach der anfänglichen Harmonie der Schöpfung. Der gegenwärtige Weltzustand erscheint dann als ein „Nichtmehr“ oder als ein Abfall vom Ursprünglichen. Alles Neue entfremdet uns demnach noch weiter von unseren Wurzeln.
Auf der anderen Seite wäre es möglich, in der Zukunft nach „dem Besseren“ Ausschau zu halten. Alle Energie konzentriert sich dann darauf, Zukunftsvisionen zu entwerfen. Ist die bessere Welt eine Art „Utopia“? Dieses Verständnis bringt uns in ein Grundgefühl des „Noch-nicht“. Jeder Tag würde uns demnach einer „besseren Welt“ näher bringen. Geschieht das automatisch?
Möglich wäre auch, sich die „bessere Welt“ als eine Art Parallelwelt vorzustellen. Dann werden Begriffe wie Diesseits und Jenseits als Ausdruck zweier verschiedener Orte verwendet, wobei das sogenannte Diesseits, das Sichtbare, nur als eine vorläufige Version eines leuchtenden Jenseits, des Unsichtbaren, verstanden würde.
Des Weiteren lässt sich die Suche nach einer „besseren Welt“ auch in das Innere des Menschen verlagern. Wenn alles Äußere als Erscheinung oder Vorläufigkeit zu vernachlässigen ist, könnte der Zugang zum ewig Guten im Innern liegen. Die Konzentration liegt dann auf einer „spirituellen Reise nach innen“.
Als Letztes sei noch erwähnt, dass im Laufe der Geschichte vielfach die „bessere Welt“ auch geographisch auf der Erdoberfläche gedacht wurde. Man versteht dann eine Stadt oder einen Landstrich als Prototyp für eine „ideale Gesellschaft“. In diesem Fall werden religiöse Vorstellungen zu politischen Konzepten und Aktionsplänen.
Betrachten wir die Frage nach dem „Ort“ der besseren Welt aus christlicher Perspektive, scheint es um „den Himmel“ zu gehen. Wo ist aber der Himmel verortet? In der Zukunft oder in einer Parallelwelt? Oder gibt es möglicherweise sogar den „Himmel auf Erden“?
Biblisch gesprochen geht es im Spezielleren um das „Reich Gottes“. Dieser schillernde, missverständliche und oft missbrauchte Begriff war vielfach Kristallisationspunkt für unterschiedliche Visionen für „das Bessere“. Eine christliche Gemeinschaft muss für sich reflektieren, was sie darunter versteht und wie sie sich dazu verhält. Darauf werden wir im Nachfolgenden immer wieder zurückkommen.
An dieser Stelle wollen wir zunächst einmal festhalten: Die in der Bibel beschriebene Geschichte beginnt in einem Garten, dem Garten Eden, und endet in einer Stadt, dem neuen Jerusalem. Egal wie symbolhaft die einzelnen Begriffe zu deuten sind, lässt sich erkennen: Es gibt kein Zurück zum Ursprung. Das Bessere ist zukünftig, es liegt im Neuen, aber nicht plump verstanden als lineare Entwicklung, sondern gewissermaßen auf einer dem Sichtbaren überlagerten Ebene. Weder ist das Reich Gottes ein diesseitig lokalisierbarer Ort, noch ist es so jenseitig oder innerlich, dass es keinen Bezug zu unserer sichtbaren Welt hätte. Genau an den Fragen, wo und wie sich das Reich Gottes mit der vorhandenen Welt überlagert, sie durchdringt oder sich in ihr manifestiert, entstehen die vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Handlungsentwürfe, über die sich eine christliche Gemeinschaft in transparenter Weise klar werden sollte.
Das Ausschauhalten nach einer „besseren Welt“ verbindet sich mit dem Thema Hoffnung. Glaube ohne Hoffnung verkommt zu einer religiösen Richtigkeit. Hoffnung, wenn sie nicht nur nebelhaft vage sein soll, hat das „Dort“ des Besseren vor Augen. Hieraus leitet sich der Fokus unseres Strebens ab. Aber auf welche Weise können wir überhaupt reflektiert von einem „Vorne“, von einem „Dort“, sprechen?
Aus physikalischer Sicht stehen wir vor einem Geheimnis: Zeit hat eine Richtung.1 Wenn ein Trinkglas auf den Boden fällt, splittert es auseinander. Niemand hat bisher gesehen, dass sich in umgekehrter Reihenfolge aus Glassplittern automatisch ein Trinkglas zusammensetzt. Wenn wir also in einer gerichteten Zeit leben, wohin bewegen wir uns? Was ist der Verlauf der Geschichte? Es gibt zwei grundverschiedene Denkvarianten:
Möglicherweise befinden wir uns in einer gigantischen Kreisbewegung, sodass wir am Ende immer wieder am Anfang ankommen. Leben wir in ewiger Wiederholung? Damit wäre jegliche Vorwärtsbewegung zugleich auch ein Streben zurück zum Ursprung. Ebenfalls wäre alles Zukünftige nur eine Variation der Vergangenheit. Wer von einem Kreislauf her denkt, steht der Vorstellung von einem letzten Ziel skeptisch gegenüber. Der Bewegung an sich kommt dann mehr Bedeutung zu als dem Streben nach etwas Besserem.
Dem entgegen steht die Idee des Fortschritts. Es ist ein Voran-Schreiten, weg von etwas Altem. Man lässt etwas hinter sich. Die Zukunft ist dann nicht nur ein Variieren von bereits Geschehenem, sondern bietet etwas qualitativ Neues. Eine echte Zukunft ist offen und unbestimmt. Mit jedem Tag geschieht etwas, was es in dieser Form und Kombination noch nicht gegeben hat. Menschen sind dann nicht Marionetten in einem vorgegebenen Plan, sondern haben - in begrenztem Maße - schöpferische Gestaltungskraft.
Neben diesen beiden Basis-Varianten gibt es Kombinationen: Man stelle sich "Zeit" beispielsweise als spiralförmige Helix vor, bei der sich eine Kreisbewegung gleichzeitig in eine Richtung entwickelt. Im Verlauf der Zeit schraubt sich die Welt demnach zu höheren Gestaltungen empor. Letztendlich ist dieses aber auch nur eine komplexere Version von Variante (b), der Idee des Fortschreitens.
Mit der Deutung von Raum und Zeit, kosmischer Ordnung und Geschichte, befinden wir uns in einem der elementarsten Themenkomplexe. Ursprünglich in einem mythischen Weltbild verwurzelt, wurde das kreisförmige Zeitverständnis durch den Einfluss des Judentums mithilfe seines zielorientierten Geschichtsverständnisses aufgebrochen. Der christliche Glaube nahm diese Weltdeutung auf. In Verlängerung dazu wurde das sogenannte christliche Abendland geprägt. Im ausgehenden Mittelalter wurde dann die Kirche mit ihrer Deutungshoheit schrittweise entmachtet. In diesem Zusammenhang gab es einen Rückgriff auf die griechische Philosophie und damit eine Reaktivierung des „ewigen Kreislaufes“. Diese Mischung aus christlichem und griechischem Gedankengut führte zu vielfältigen Verschränkungen, Überlagerungen und Widersprüchlichkeiten inmitten unseres modernen Zeitempfindens.2
Was ist eine genuin christliche Ansicht und was eine Überlagerung aus altgriechischer Philosophie? Wie schon bei der vorangegangenen Frage nach dem „Ort des Besseren“ angedeutet, leitet uns die Bibel zu einem fortschreitenden Geschichtsverständnis an. Schon in der Tradition des Judentums wurde ein statisch mythologisches Raumverständnis verzeitlicht. Die Welt wurde nicht so sehr als ein in sich statisch geordneter Raum, sondern vielmehr als in fortschreitender Dynamik gedacht. Das Schicksal, das Fatum oder die ewige Weltordnung war damit kein Gefängnis und auch kein Verhängnis mehr, sondern hatte eine Öffnung zu einer echten Zukunft.
Fassen wir kurz zusammen: Nach christlicher Überzeugung ergibt es Sinn, nach einer besseren Welt Ausschau zu halten und aktiv zu hoffen. Aus einem "Dort" entsteht eine Richtung und die Vorstellung von einem dorthin führenden Weg. Wie gestaltet sich aber dieser Weg? Schauen wir zunächst einmal wieder auf säkulare Denkvarianten.
Das aktuell verbreitete Muster ist das einer
Evolution
. Diese Ansicht geht davon aus, dass alles bereits im Keim angelegt ist und sich aus einem Ursprung heraus entwickelt. Ein evolutionistisches Verständnis denkt von einem absoluten Anfang und einer fortlaufenden Entfaltung. Alles geschieht nach einer inneren Veranlagung in Reaktion auf Umweltbedingungen.
Anders die Vorstellung von einer
Revolution
. Hierbei geht es um bewusst herbei geführte Abbrüche gegenüber dem Vergangenen. Revolutionen gestalten sich in Form von Krisen, Einbrüchen, Umbrüchen oder - im politischen Kontext - gewaltbereiten Aufständen. Die Vergangenheit dient nur als Material, von dem man sich abgrenzen will. Der eigentliche Bezugspunkt ist eine idealere Zukunft.
Als drittes lässt sich der Weg zum Besseren als
Reform
verstehen. Reformen zerstören nicht das Bestehende, sondern gestalten es in verträglichen Schritten neu, reorganisieren es, schaffen veränderte Zuordnungen und versuchen, sich damit einer idealeren Zukunft anzunähern.
Ein unscheinbar viertes Muster könnte
Modulation
genannt werden. Es ist zum Verwechseln ähnlich mit dem einer Reform. Nach innerer Überzeugung geht es aber davon aus, dass das ewig Vorhandene permanent in seiner Erscheinungsform variiert wird. Es ist eine Art andauernde Verwandlung. Das Neue ist dann nur eine veränderte Wahrnehmung des Bestehenden.
Was sind aus christlicher Sicht die Schritte auf dem Weg zum Besseren? Führen wir uns kurz vor Augen, welche Antworten im Verlauf der Kirchengeschichte in Bezug auf „den Weg zum Reich Gottes“ gegeben wurden:3
Wer an das Reich Gottes als ein
apokalyptisches Hereinbrechen
einer neuen Zeit glaubt, lebt entweder in einer begeisterten Erwartung oder abwartend distanziert, je nachdem ob nach seinem Verständnis der Hereinbruch des Neuen unmittelbar bevorsteht und sich durch eigene Handlungen sogar beschleunigen lässt, oder ob mit dem „Kommen des Reiches Gottes“ erst in einer fernen, unbestimmten Zukunft zu rechnen ist.
Wer das Reich Gottes als eine
innerlich-mystische Größe
versteht, zieht sich tendenziell aus gesellschaftlichen Belangen zurück und versucht, eine Art „innere Erleuchtung“ zu erlangen. Hieraus ergibt sich ein eher privates, unpolitisches Christentum, welches nach persönlichen Erlebnissen und Gotteserfahrungen strebt.
Wer das Reich Gottes als etwas
vollständig Jenseitiges
deutet, wird diese Welt mehr oder weniger geringschätzig behandeln: Entweder er verhält sich passiv und konzentriert sich darauf, ein abgeschiedenes, moralisch korrektes Leben zu führen, um bestmöglich auf den Himmel vorbereitet zu sein, oder er neigt dazu, die irdischen Ressourcen auszubeuten, weil die Welt nach seiner Ansicht „sowieso“ vergeht.
Wer den Ort des Reiches Gottes mit der
organisierten Kirche
auf Erden gleichsetzt, wird die Ausbreitung der Kirche vorantreiben. Die Kirche gilt dann als sichtbares Volk Gottes und Trägerin des Neuen. Solche Ansichten waren häufig mit einem Streben nach kultureller und politischer Macht verbunden mit dem Ziel, dass ganze Kulturen christianisiert werden sollten.
Jesus vergleicht das Entstehen des Neuen mit einem Geburtsprozess. Nach seiner Botschaft liegt die Welt in Wehen.4 Damit wird zum Ausdruck gebracht: Es gibt keine lineare Entwicklung zum Guten. Alles Neue kommt durch Schmerzprozesse „zur Welt“. Aber es kommt unaufhaltsam. Wir sind mit unserem Hoffen und Erleiden Teil in diesem Geschehen.
Kann das Bessere aktiv herbeigeführt werden oder ist es ein Geschehen, bei dem wir die Empfänger sind? Halten wir die Welt für reparierbar oder sollten wir uns auf eine abwartende Position beschränken, bis Gott eingreift? Wer ist das Subjekt einer möglichen Veränderung zum Besseren? Schauen wir uns die Varianten an:
Weitverbreitet ist die Vorstellung von einer
steuernden Außenmacht
, der wir unterworfen sind. Dafür gibt es viele Bezeichnungen: das Schicksal, die Sterne, der Lauf der Dinge, der Wille der Götter oder das Weltgesetz. Immer läuft es darauf hinaus, dass es einen verborgenen Masterplan gibt, dem wir mehr oder weniger unterliegen. Irritierenderweise hat sich diese Schicksalsgläubigkeit auch im christlichen Gewand fortgeschrieben, obwohl die Betonung aus dem Judentum heraus gerade die Öffnung der Zukunft und die Befreiung vom Schicksal war. Wenn aber "Vorherbestimmung" derart verstanden wird, dass alle zukünftigen Handlungen bereits unverrückbar determiniert sind, unterscheidet sich diese Weltsicht nahezu nicht mehr von außerchristlicher Schicksalsgläubigkeit.
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Nur das Vokabular ist ein anderes.
Als Abgrenzung von einer „Unterwerfung unter die Götter“ wurde die
Bedeutung des Menschen
hervorgehoben. Dieses führte zur Emanzipation von alles kontrollierenden Religionen.
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