Mister Bennet - Heike Baller - E-Book

Mister Bennet E-Book

Heike Baller

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Beschreibung

Eine Reise in die Welt von Jane Austens "Stolz und Vorurteil" (Pride and Prejudice) Mrs Bennet hat drei ihrer fünf Töchter mehr oder weniger erfolgreich verheiratet. Die mittleren, Mary und Kitty, sind noch in Longbourn, als das Unerwartete geschieht: Mrs Bennet stirbt und hinterlässt ihrem Mann die Aufgabe, zwei junge Frauen allein ins Leben zu begleiten.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

18. Februar

25. Februar

26. Februar

27. Februar

6. März

7. März

8. März

13. März

14. März

16. März

4. April

9. April

12. April

25. April

5. Mai

20. Mai

6. Juni

14. Juni

15. Juli

18. Juli

19. Juli

25. Juli

18. August

19. August

28. Oktober

30. Oktober

4. November

8. Dezember

14. Dezember

19. Dezember

23. Dezember

25. Dezember

31.Dezember

10. Januar

26. Januar

5. Februar

18. Februar

25. Februar

10. Mai

13. Juni

5. Juli

8. Juli

15. August

3. September

12. September

13. September

16. September

30. September

5. Oktober

6. Oktober

15. Oktober

17. Oktober

24. Oktober

15. November

25. Dezember

27. Dezember

15. Januar

29. Januar

31. Januar

27. Februar

23. März

24. März

19. Mai

20. Mai

18. Februar

„Papa! Papa! So wachen Sie doch auf! Papa!“

Marys Stimme durchdrang seinen Traum, und Mr Bennet erwachte.

„Sie müssen zu Mutter kommen, es geht ihr so schlecht – sie hat Krämpfe! Wir bekommen das Fieber nicht herunter, sie glüht förmlich! Sie müssen nach dem Arzt schicken!“

„Ich komme sofort“, antwortete Arthur Bennet, nun hellwach. Er bedeutete Mary mit einer Geste, das Ankleidezimmer zu verlassen. Kaum war sie ins Schlafzimmer geschlüpft, erhob er sich ächzend von dem zu kleinen Sofa, auf dem er seit drei Tagen schlief – denn seine Frau lag mit einer Lungenentzündung im Bett. Die kleine Verkühlung nach einem regnerischen Tag in Meryton hatte sie nicht ernst genommen. Er zog seinen Morgenrock über das verknitterte Hemd und folgte seiner Tochter.

Mit rotglühendem Kopf und offenem Mund lag seine Frau unter dem Betthimmel. Sie stöhnte, warf sich unruhig hin und her. Am erschreckendsten waren jedoch die unregelmäßigen Zuckungen, die ihren Körper verkrampften.

Mrs Hill stand neben einer großen Schüssel mit Wasser und wrang ein Tuch aus.

„Auch die Wadenwickel helfen nicht mehr, Sir – das Fieber steigt ständig“, sagte sie besorgt.

„Hill soll den Arzt, Mr Gregor, holen!“

„Ja, Sir.“

Die Haushälterin lief zur Treppe und rief nach unten: „Hill – hol Mr Gregor, schnell!“

Stiefelschritte erklangen und verklangen, als die Tür ins Schloss fiel. Als Mrs Hill ins Schlafzimmer zurückkam, fand sie Mr Bennet auf einem Stuhl am Bett. Er wies Mary an, mehrere Tücher abwechselnd um die Beine der Mutter zu wickeln. Auch an den Armen sollten kalte Wickel angelegt werden. Zu Mrs Hill sagte er: „Haben Sie auch Wasser zum Trinken bereit?“ Sofort wies sie das Hausmädchen an, ein Glas zu bringen.

„Nein, eine kleine Schüssel ist besser, und ein sauberes Tuch.“

Er bekam beides. Nun tunkte er das Tuch ins Wasser und benetzte damit die Lippen seiner Frau. „Janet, was machst du nur? Trink ein paar Tropfen, komm, trink.“ Mit leiser Stimme sprach er ihr zu und befeuchtete den Mund der Kranken. Zwischendurch hielt er ihre Hand. Mit einem weiteren Tuch kühlte er ihre Stirn. Sein Gesicht war ernst. Die Zeit schlich durch das Zimmer – Janet Bennets Zustand zeigte keine Besserung. Im Gegenteil: Ihr Atem wurde schwerer, ihre Bewegungen schwächer.

„Ruf Kitty.“ Gehorsam lief Mary los und kam kurz darauf mit der verschlafenen Kitty zurück. Die Augen beider Töchter blickten ängstlich zu ihrem Vater. Er spürte ihre Blicke. Langsam schüttelte er den Kopf. „Es geht zu Ende“, flüsterte er. Kitty schluchzte auf, Mary wurde noch blasser. Sie setzten sich an die andere Bettseite und schwiegen. Nur Mrs Bennets Röcheln war zu hören. Mr Bennet hielt ihre Hand. Mrs Hill und Sarah hatten beim Eintritt der Schwestern das Zimmer verlassen. So saßen die drei schweigend am Bett. Marys Lippen bewegten sich stumm. Sie griff vorsichtig nach Mrs Bennets anderer Hand und streichelte sie – erst etwas unbeholfen, doch nach ein paar Minuten fand sie einen Rhythmus. Arthur Bennet wandte den Blick nicht von seiner sterbenden Frau. Immer wieder, mit langen Pausen, flüsterte er: „Janet, Janet, was machst du nur?“ Ihre Bewegungen wurden schwächer, die Atemzüge seltener – bis sie ganz still lag. Ihr Gesicht war nun ganz ruhig geworden und ließ ihre frühere Schönheit erahnen – die hübsche, lebhafte Janet Gardiner, die er vor einem guten Vierteljahrhundert so unbedingt hatte heiraten wollen. Kurz schloss er die Augen und atmete stockend ein und aus. Dann zwang er sich, das Offensichtliche auszusprechen: „Es ist vorüber.“ Er schloss seiner verstorbenen Frau die Lider. Kitty weinte haltlos. Mary erstarrte.

„Ihr wart beide sehr tapfer – die letzten Tage und jetzt. Ich bin euch sehr dankbar.“ Etwas unbeholfen legte er jeder Tochter eine Hand auf die Schulter und nickte bekräftigend.

Erstaunt sah Mary ihren Vater an. Doch bevor sie etwas sagen konnte, erklangen unter dem Fenster Räder und Hufgetrappel. Schritte eilten die Treppe hinauf. Mr Bennet begrüßte Mr Gregor mit einem Nicken, wies dann aber kopfschüttelnd auf die reglose Gestalt.

„Zu spät?“

„Ja“, antwortete Mr Bennet.

25. Februar

Obwohl draußen die winterliche Sonne schien, lag über dem Salon eine düstere Stimmung. Die vier schwarz gekleideten Frauen saßen still auf ihren Stühlen. Jane tupfte sich immer wieder die Augen, ihre Tränen liefen lautlos. Mary hielt ein Gebetbuch in der Hand und las die Texte für den Trauergottesdienst. Kitty starrte ins Leere. Elizabeth knetete ihr Taschentuch, blickte von einer Schwester zur anderen und durchbrach schließlich das Schweigen:

„Wie furchtbar, dass wir hier sitzen und warten müssen, bis alle von der Beisetzung zurückkommen. Warum dürfen Frauen nicht dabei sein, wenn ihre Mutter begraben wird?“

Jane fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und flüsterte: „Aber stell dir vor, wie belastend das wäre.“

„Nicht mehr, als hier tatenlos zu sitzen und zu überlegen, was gerade passiert und wann die anderen zurückkommen.“ Mary nickte zustimmend. Das folgende Schweigen unterbrach Kitty mit einem Seufzer: „Wo Lydia wohl sein mag?“

Elizabeth und Jane tauschten einen Blick. Dann antwortete Lizzy freundlich: „Ja, Kitty, es ist wirklich traurig, dass wir Lydia nicht erreichen konnten – sie war immer Mamas Liebling. Hoffentlich erfahren wir bald, wohin Mr Wickham dieses Mal versetzt wurde.“

Wieder herrschte bedrücktes Schweigen. Noch vor zwei Wochen hatte Janet Bennet diesen Raum mit ihrem stets etwas zu lauten Lachen und ihrer hektischen Betriebsamkeit erfüllt. Wer hätte gedacht, dass sich eine einfache Erkältung bei der so robusten Mutter zu einer Lungenentzündung entwickeln würde? Und dann war alles so schnell gegangen, dass auch die Benachrichtigung, sie sei schwer erkrankt, bei einer Reise von drei Tagen zu spät gekommen war, um sie noch einmal zu sehen und sich zu verabschieden. Jane trauerte ehrlich um die Mutter, die so sehr bestrebt gewesen war, ihren Töchtern eine gute Zukunft zu sichern – bei aller Peinlichkeit, die sie ihren älteren Töchtern damit manchmal bereitet hatte. Doch Gedanken an ihre ekstatischen Ausbrüche bei den Verlobungen ihrer älteren Töchter verbot sie sich – es war alles Fürsorge gewesen. Lizzy und sie hatten es besser getroffen, als je jemand erwartet hätte. Wieder liefen Janes Tränen.

Nach einer Weile klappte Mary ihr Gebetbuch zu. „Nun kann es nicht mehr lange dauern“, meinte sie. Noch während sie sprach, erklang das Rollen von Rädern auf dem Kies der Auffahrt. Mit sichtbarer Anstrengung vermieden sie es, aufzustehen und zum Fenster zu gehen. Doch ihre Ohren verfolgten aufmerksam alle Geräusche, die die Ankunft der Männer ankündigten. Nach quälend langen Minuten öffnete Mrs Hill die Tür und ließ die Herren eintreten. Mr Bennet, flankiert von seinen Schwiegersöhnen Bingley und Darcy, kam herein und nahm in seinem Sessel am Kamin Platz. Darcy stellte sich neben Elizabeths Stuhl. Mr Philips, Sir William und Mr Gregor folgten den anderen in den Raum. Jane wies auf die freien Stühle, und alle setzten sich, Bingley direkt neben sie.

Nach der gedämpften Begrüßung der Frauen trat eine beklommene Stille ein. Wieder war die Leere nach dem Tod der Hausherrin spürbar.

Mr Philips brach mit einem Räuspern das Schweigen: „Eine sehr würdige Abschiedsfeier für meine Schwester, wirklich, sehr würdig.“

Als niemand etwas erwiderte, fuhr er fort, an Jane gewandt: „Meine Frau bedauert sehr, dass sie nicht hier sein kann, doch sie liegt selbst zu Bett – nur ein leichtes Fieber, aber, leider …“ Seine Stimme erstarb.

Jane antwortete leise: „Lieber Onkel, machen Sie sich keine Gedanken – die Tante hat ihre Anteilnahme in den letzten Tagen wirklich gezeigt. Sagen Sie ihr herzlichen Dank für die Zeit, die sie hier verbracht hat, um Mary und Kitty beizustehen.“

Sir William räusperte sich ebenfalls und murmelte, erst fast unverständlich: „Lady Lucas wäre gern gekommen, um Ihnen allen ihre Anteilnahme zu zeigen. Doch unsere Charlotte ist wieder im Kindbett und deshalb weilt sie bei Familie Collins in Kent.“ Dann nestelte er einen Brief aus seiner Tasche, den er Lizzy mit einer Verbeugung überreichte:

„Charlotte sandte mir diesen Brief mit der Bitte, ihn Ihnen zu übergeben, Mrs Darcy. Das Leben, nun, das Leben geht weiter, nicht wahr? Sie bittet Sie, Patin zu sein für die kleine Eliza. Mr Collins“ – er räusperte sich etwas, der Name des Erben von Longbourn belastete ihn sichtlich – „stimmt der Bitte seiner Frau ausdrücklich zu.“

Lizzy nahm den Brief leise dankend entgegen. Das Schweigen lastete noch stärker auf der kleinen Gesellschaft – ein Neugeborenes und eine Tote; das war ein schwer erträglicher Gegensatz für die trauernde Familie.

Mrs Hill stand in der Tür und schaute Mary eindringlich an. Diese blickte ratsuchend zu ihrer ältesten Schwester. Jane erhob sich und sagte: „Im Speisezimmer steht ein Imbiss bereit – wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

Als alle im Speisezimmer versammelt waren und sich am Buffet bedienten, raunte Mary Jane zu: „Danke, dass du für mich eingesprungen bist. Dass nun ich Mama ersetzen soll – ich kann es mir nicht vorstellen.“

Jane lächelte nur.

Als alle den Speisen zusprachen, lösten sich auch die Zungen.

Sir Lucas ergriff als Erster das Wort: „Mrs Bennet war meiner Familie immer eine gute Freundin und in Lucas Lodge stets gern gesehen. Wir werden Ihre Frau schmerzlich vermissen, Mr Bennet.“

Mr Philips schloss nach einer kurzen Pause an: „Meine Frau erzählte mir in den letzten Tagen immer von ihren Erinnerungen an die Kindheit der drei Gardiners – die zwei Schwestern, die ihren älteren Bruder so vergötterten. Janet, später Mrs Bennet, und Agnes,“ – mit einer erklärenden Verbeugung zu Sir Lucas und Mr Gregor – „meine Frau, hatten immer versucht, ihn aus der Ruhe zu bringen, doch er blieb immer der gelassene große Bruder, der ihnen in den kleinen Notsituationen half, die so ein Mädchenleben mit sich brachte. Ja, meine Frau erlebte die gemeinsame Kindheit noch einmal in der Erinnerung. Für sie wird Janet immer die kleine Schwester sein, die sich dann so großartig verheiratete.“

Mr Bennet schaute seinen Schwager ernst an und sagte zögernd: „Ob es so großartig war? Sie hatte doch immer die Sorgen wegen der Zukunft unserer Töchter. Das hat ihr das Leben erschwert.“

Schweigen folgte dieser ersten Wortmeldung Mr Bennets.

„Ob Onkel und Tante Gardiner inzwischen die Nachricht bekommen haben?“, fragte Lizzy niemanden im Besonderen nach einer Pause.

Jane seufzte. Bingley schaute Lizzy zweifelnd an.

„Ich weiß nicht, wie lange die Post nach Paris braucht“, meinte er dann. „Und selbst wenn sie die Nachricht erhalten haben, könnten sie frühestens vier Tage später hier sein.“

Lizzy nickte. „Es ist zu traurig, dass die beiden nicht da sein können.“

Nun legte Darcy seine Hand leicht auf Lizzys Schulter.

„Die Reise war lange geplant – und schließlich ist es keine reine Vergnügungsreise. Dein Onkel hat Großes vor in dieser schwierigen Zeit, wenn ich ihn richtig verstanden habe.“

Als Erster verabschiedete sich Mr Gregor von der Trauergesellschaft. Sir William folgte ihm bald. Nun war die Familie unter sich.

Mr Bennet wandte sich an seine ältesten Töchter: „Es ist so gut, dass ihr gekommen seid, Jane, Lizzy – vielen Dank.“

„Aber Papa“, rief Jane, „das ist doch selbstverständlich.“

„Ja, ja, trotzdem tut es gut …“

Sie schaute ihren Vater von der Seite an. Er sah müde aus, die blassen Wangen wirkten eingefallen, als wäre er in den letzten Tagen um einige Jahre gealtert. Sein Blick schweifte immer wieder in die Ferne. Wirkte er nicht etwas verloren? Eine so gravierende Veränderung – da konnte auch der gelassenste Mann überwältigt sein. Vorsichtig begann sie: „Wie geht es denn hier nun weiter, Papa? Wollt ihr nicht alle erst einmal nach Franton Abbey zu Besuch kommen?“

Ihr Vater erwiderte: „Nein, Kind, für mich ist mein Platz hier. Es gibt doch eine Menge zu bedenken. Aber du hast recht, wir brauchen alle ein wenig Erholung.“

Er schaute seine beiden jüngeren Töchter an: „Kitty, Mary, ihr solltet mit Jane und Bingley fahren. Ich komme hier gut allein zurecht und werde mich um vieles kümmern müssen.“

Kittys Augen begannen zu leuchten. „Oh, Papa – wirklich?“, hauchte sie. Mary sah ihren Vater ernst an. Er erwiderte ihren Blick und antwortete auf die unausgesprochene Frage: „Fahrt ihr ruhig mit Jane und Bingley. Ihr habt eine harte Zeit hinter euch und solltet euch etwas davon erholen. Ich werde genug zu tun haben.“

Lizzy fiel ein: „Wenn wir von Klein-Elizas Taufe zurück sind, kommen wir auch nach Franton Abbey – sicher gibt es dann einiges zu erzählen.“ Lizzys sonst so üblicher Mutwille blitzte kurz auf.

Darcy lächelte seine Frau liebevoll an und ergänzte: „Wir kommen dann zu dritt, denn Georgiana wird uns sicher gern begleiten. Sie liebt die Abbey. Das ist für euch sicher auch schön, jemanden in eurem Alter da zu haben. Georgiana wird es auch genießen, da sie so selten junge Frauen in ihrem Alter trifft.“

„Gerade auch, wenn wir sie wegen der Taufe in Hunsforth schon wieder allein lassen müssen.“

„Sehr gut“, sagte Mr Bennet, nun schon etwas aufgeräumter als die letzten Tage, „das ist eine sehr gute Idee. Schaut euch um und genießt die Annehmlichkeiten bei euren Schwestern.“

Kitty und Mary tauschten einen Blick. Die gemeinsame Pflege der kranken Mutter hatte die beiden so unterschiedlichen Frauen einander nähergebracht. Sie nickten sich zu. Kitty wandte sich an Jane und Lizzy und sagte mit einem Hauch ihrer gewohnten Lebhaftigkeit: „Vielen, vielen Dank für die Einladung.“

Mr Philips hatte dem Gespräch schweigend gelauscht.

„Nun, das wird eure Tante freuen, dass ihr eine Weile zu euren Schwestern geht. Wenn ich nach Hause komme, werde ich es ihr gleich erzählen.“

26. Februar

Dem ruhigen Tag der Beisetzung folgte Betriebsamkeit. Lizzy und Darcy wollten direkt von Longbourn nach Hunsforth reisen. Außerdem brauchten Mary und Kitty die Unterstützung der älteren Schwestern, um ihre Reise vorzubereiten – sie waren es nicht gewohnt, für längere Zeit von zu Hause weg zu sein. Mrs Hill und sie hatten direkt nach dem Tod der Mutter je zwei ihrer Kleider schwarz eingefärbt. Nun galt es, die Garderobe auszuwählen, die passend war und mit einem schwarzen Band als Trauerkleidung gelten konnte. Beim Lunch saßen die vier Schwestern etwas erschöpft beieinander.

„Mutter hätte sicher einiges an meiner Auswahl auszusetzen gehabt“, bemerkte Mary, die sich nur selten mit ihrem Aussehen befasst hatte.

„Du hast eine sehr angemessene Auswahl getroffen, Mary.“

Jane wollte die auf diesem Gebiet so unsichere Schwester aufmuntern, doch Kitty machte die gute Absicht fast wieder zunichte, indem sie einwarf: „Für Mary ist es so viel einfacher – sie trägt doch sowieso eher gedeckte Farben. Du solltest lieber mich bewundern, dass ich überhaupt etwas gefunden habe, ohne dass ein weiteres Kleid schwarz eingefärbt werden musste.“

Lizzy lächelte über die Plänkelei und wechselte dann das Thema: „Habt ihr darüber nachgedacht, wie lange ihr bei Jane zu Besuch sein wollt?“

„Nein, Lizzy, von Zeiten hat hier noch niemand gesprochen.“

„Ihr seid so lange willkommen, wie es euch bei uns gefällt – das können gern mehrere Wochen oder auch zwei Monate sein, besonders, wenn nun das Frühjahr beginnt und es wirklich sehr hübsch bei uns ist.“

„Was Papa wohl dazu meint?“ Mary schaute nachdenklich ihre Schwestern an. „Meint ihr, ihm ist es gleichgültig, wie lange wir weg sein werden?“

„Das werden wir dann herausfinden. Denn nach der Abbey ist euer Besuch in Pemberley dran, nicht vergessen!“

Mr Bennet war währenddessen ins Zimmer gekommen.

„Bleibt ihr so lange bei euren Schwestern, wie es euch gefällt. Nicht, weil ich euch nicht hier haben wollte, Gott bewahre. Sondern weil ihr zu wenig aus Longbourn und Meryton weggekommen seid. Obwohl die Einladungen von Bingleys und Darcys doch immer bestanden – eurer Mutter lag nichts an weiten Reisen und nahm von euch das Gleiche an.“

Als sie nun nachdenklich ihren Lunch beendeten, brachte Mrs Hill einen Brief an Jane – von Lydia. Jane öffnete ihn, überflog rasch den Inhalt und steckte ihn in ihre Tasche. Lizzy warf ihr einen fragenden Blick zu, den Jane mit einem leichten Kopfschütteln beantwortete. Mr Bennets Blick wanderte von einer zur anderen Tochter.

„Nun, Lydia wird sich nicht mit schriftstellerischem Ruhm bekleckst haben, wenn sie schreibt“, merkte er an, erhob sich etwas schwerfällig und ging in seine Bibliothek.

Mary und Kitty waren ebenfalls neugierig, und Jane nahm alle drei Schwestern mit in das Gästezimmer, das sie mit Bingley bewohnte. Sie las ihnen mit stockender Stimme den Brief der jüngsten Schwester vor:

„Liebste Jane, vielen Dank, dass du mich über den Tod unserer Mutter informiert hast. Leider musste der Brief eine Zeit hinter uns herreisen, da Wickham und ich auf dem Weg zu seinem neuen Posten sind – es verschlägt uns wieder nach Norden. Puuh, ich kann mir Schöneres vorstellen. Wie konnte unsere Mutter nur so schnell sterben – sie war doch immer so gesund …? Ich verstehe das nicht. Bitte sage unserem Vater, wie leid es mir tut, dass wir nicht zur Trauerfeier kommen können. Ab Anfang März darf Wickham seinen Dienst wieder aufnehmen. Es ist ein neues Regiment und wir kennen dort niemanden. Ich hoffe, es wird ein paar Bälle geben. Deine Lydia.“

„Das ist Lydia, oder?“, fragte Elizabeth niemanden im Besonderen. „Bälle, wenn sie Trauer um unsere Mutter trägt.“

„Ob sie wirklich Trauer trägt?“, murmelte Kitty.

Jane schaute sie entsetzt an. „Natürlich! Sie war Mutters Liebling.“

„Aber wenn sie doch ernsthaft an Bälle denkt …?“ Kittys Stimme klang zögerlich.

„Auch wenn ich hoffe, dass sie weiß, was sich gehört: Wenn sie an einem Ort ist, an dem niemand sie kennt und nichts vom Tod ihrer Mutter bekannt ist – ja, es fällt mir schwer, aber ich halte es für möglich, dass sie diese Tatsache einfach verschweigt.“

Nach Lizzys Worten fiel keiner Schwester eine Erwiderung ein, denn es klang nur zu sehr nach ihrer vergnügungssüchtigen Schwester.

„Bei ihrer Flucht vor vier Jahren hat sie auch nur an die momentane Befriedigung ihrer Wünsche gedacht – Abenteuer, Flirt, Schabernack. Kein Gedanke an die Konsequenzen, weder für sich noch für andere!“

„Lizzy, das ist geschehen und wir können es nicht ändern. Sie ist unsere Schwester, auch wenn sie mit fünfzehn Jahren Schande über sich gebracht hat – sie war doch ein dummes Kind.“

„Und ist es offensichtlich immer noch. Mama hat ihr alles durchgehen lassen – und hat diese erste Ehe ihrer Töchter gefeiert, wo es doch sinnvoll gewesen wäre, das möglichst diskret zu behandeln.“

„Diskretion war Mamas Sache nicht, das weißt du.“

„Wohl wahr … Und Wickham ist bestimmt nicht geeignet, Lydia Anstand beizubringen.“

„Warum wird Wickham so oft versetzt?“

„Das möchte ich lieber gar nicht wissen, Kitty.“

„Sie scheinen aber nur Posten im Norden zu bekommen. Besteht denn nicht die Möglichkeit, dass es sie auch mal nach Süden verschlägt?“

„Eher nicht, Mary, eher nicht.“

„Wieso bist du da so sicher?“

„Nun, Darcy hat durchaus einen gewissen Einfluss, weißt du.“ Es war Lizzy sichtlich unangenehm, das so klar auszusprechen.

„Aha, er will Wickham auch nicht in der Nähe haben …“

„Kein Wunder, oder? Schließlich kennt er ihn von Grund auf. Die Vernarrtheit seines Vaters in den hübschen Sohn seines Stewards hat mehr Nähe zwischen den beiden hergestellt als Darcy lieb sein konnte. Er sagt, dass Wickham schon als kleiner Junge gelogen hat, dass sich die Balken bogen. Immer zum eigenen Vorteil – um Strafen abzuwenden zum Beispiel. Dass andere darunter zu leiden hatten, war ihm egal. Als es um ein zerbrochenes Fenster ging, erhielt der Sohn des Kutschers unverdient Prügel. Und wenn Darcy seinem Vater die Wahrheit sagen wollte, bekam er zu hören, er sei illoyal und solle sich schämen. Ab einem gewissen Zeitpunkt hat er nichts mehr gesagt.“

„Ganz schön hart. Trotzdem hat er ihm und Lydia damals nach der Flucht geholfen. So, dass Mama meinte, sie habe endlich eine Tochter ehrbar verheiratet.“

„Mama hat einfach die Flucht der beiden aus ihrem Gedächtnis gestrichen – es war ja alles gut ausgegangen. Weshalb Darcy geholfen hat? Weil er ein schlechtes Gewissen gegenüber unserer Familie hatte. Hätte er offen über den Charakter Wickhams gesprochen, wäre es vielleicht nicht passiert. Aber wer weiß – Lydia hätte sich davon nicht zurückhalten lassen, befürchte ich.“

„Ach Lizzy, lass die alten Geschichten ruhen. Mama ist doch vor Sorge um unsere Zukunft fast umgekommen – und nicht zu Unrecht. Wäre Papa gestorben, bevor auch nur eine von uns verheiratet gewesen wäre …“

„Dann säßen wir auf der Straße, ja. Cousin Collins hätte zwar die christliche Nächstenliebe im Mund geführt, aber keinen Platz für uns in Longbourn gefunden.“

„Arme Mama. Sie hatte es nicht leicht – sie hat den Grund für diese Erbschaftsregelung nie verstanden. Und sie hatte Angst um uns.“

27. Februar

Bingleys Diener befestigten die Reisetruhen am Wagen, während Mary und Kitty nervös zuschauten. Ob alles Platz fand? Endlich war der Wagen abfahrbereit. Mr Bennet erschien in der Tür und verabschiedete, ungewohnt liebevoll, seine Töchter und gab seinem Schwiegersohn den Ratschlag, sich von den Frauen nicht auf dem Kopf herumtanzen zu lassen. Dann ging die Reise los. Kitty und Mary winkten aus dem Fenster, bis das letzte Fitzelchen von Longbourn verschwunden war. Bingley half ihnen, die Fenster wieder zu schließen. Seine Frau hatte er zuvor in Decken gehüllt und ihr einen heißen Stein unter die Füße gelegt. Sie lächelte ihn dankbar an. Als die beiden jüngeren Frauen nun endgültig ihre Plätze gefunden hatten, wies er sie auf weitere Decken und Heizsteine hin. Folgsam nahmen sie die Bequemlichkeiten an, schauten aber unentwegt aus dem Fenster. In den letzten zwei Jahren waren sie zwar einmal nach Franton Abbey gekommen, aber Reisen waren für sie noch immer ungewohnt und aufregend.

„Wir werden in Market Harborough Station für einen Lunch machen. In Northampton und Derby werden wir übernachten“, kündigte Bingley an. „Sollte es Jane zwischendurch übel werden, wird es weitere Pausen geben.“

Mary und Kitty nickten. Wenn sie auch nur wenig gereist waren, wussten sie doch, dass ihre älteste Schwester nicht zu Reisekrankheit neigte. Andererseits war sie in delikaten Umständen. Wer konnte wissen, wie sich das auswirkte? Doch Jane lächelte ihren Mann und ihre Schwestern an: „Lieber Charles, die Pause zum Lunch ist wunderbar, aber mehr Pausen werden nicht nötig sein.“

Er musterte seine Frau besorgt. „Übernimm dich nur nicht, Jane.“ Sie schüttelte, immer noch lächelnd, den Kopf. Kitty wandte ihre Aufmerksamkeit der vorüberziehenden Landschaft zu. Nach und nach legte sie ihre Zurückhaltung ab und befragte Bingley zu den Orten, die sie durchfuhren oder von Weitem an Glockentürmen erspähen konnten. Er war auf der Suche nach einem schönen Heim viel in der Gegend herumgekommen und konnte befriedigende Auskunft geben.

Mary hatte sich ein Buch mitgenommen, das aufgeschlagen auf ihrem Schoß lag, doch sie blätterte nur selten um. Ihre Gedanken waren in Longbourn, beim Vater. Plötzlich fragte sie: „Jane, hattest du den Eindruck, dass Vater sich verändert hat?“

„Nun, er ist noch stiller geworden, meine ich“, antwortete Jane zögernd „aber das halte ich für verständlich nach dem Verlust seiner Frau.“

Bingley nickte zustimmend. Doch bevor er etwas sagen konnte, warf Mary ein: „Er benimmt sich uns, Kitty und mir, gegenüber anders als früher.“ Kitty wandte den Blick von den Hügeln draußen, sah Mary an und meinte dann nachdenklich: „Er ist, ja, freundlicher. Er kritisiert uns nicht mehr ständig.“

„Genau. Nach Mutters Tod, also unmittelbar danach, hat er uns sogar gelobt.“

Jane beugte sich nach vorn und legte beiden Schwestern eine Hand aufs Knie. „Nach allem, was ihr geschrieben habt und was er geschrieben hat, habt ihr das auch mehr als verdient. Ihr habt unsere Mutter aufopferungsvoll gepflegt, als sich ihre Erkältung zu einer Lungenentzündung entwickelte. Und das habt ihr gut gemacht.“

„Nun, Mrs Hill hatte wirklich ihren Anteil“, schränkte Mary das Lob ein. „Sie hat auch viel mehr Erfahrung als wir.“ Jane erwiderte: „Ihr habt es ihr ja nicht völlig überlassen. Ihr habt treu Nachtwache gehalten und auch tagsüber bei ihr gewacht und sie unterstützt.“

„Ja, aber das ist unsere Pflicht. Sie ist – ach! – sie war doch unsere Mutter!“

Wieder lächelte Jane. Eine ganze Weile fuhren sie schweigend durch die immer unvertrauter werdende Landschaft. Jane ließ sich entspannt von der guten Federung der Kutsche wiegen und schlief hin und wieder kurz ein. Bingley beobachtete seine Frau zwischendurch ängstlich. Mary schaffte es, ein paar Seiten zu lesen, und Kitty hing ihren Gedanken nach, während die Landschaft vorüberzog.

Der Lunch im Gasthof belebte die Geister der Reisenden. Ähnlich angenehm verliefen auch die weiteren Reisetage und am dritten Tag erreichten sie Franton Abbey, den Wohnsitz, den Bingley zwei Jahre zuvor erworben hatte. Seine Schwestern, Caroline Bingley und Louisa Hurst, waren begeistert und verbrachten viel Zeit bei dem jungen Ehepaar. Da Mrs Hurst seit drei Monaten Mutter eines kleinen Mr Hurst war, weilten sie und ihr Mann in ihrem eigenen Haus in London. Doch Caroline Bingley hatte sich von der häuslichen Idylle dort losgerissen, um ihrer „süßen Jane“ nach dem Verlust der Mutter beizustehen. Sie empfing Bruder und Schwägerin mit liebevoller Aufmerksamkeit, doch glitt ein Schimmer von Erstaunen über ihr Gesicht, als die jüngeren Schwestern aus der Kutsche stiegen. Mary sah es wohl. Kitty war mit Umherschauen beschäftigt.

„In einer Stunde wird das Dinner serviert, bis dahin können Sie sich etwas ausruhen“, verkündete Caroline, ganz Hausfrau.

„Und du erst recht, meine Liebe“, ergänzte Bingley. Fürsorglich führte er seine Frau ins Haus. Caroline Bingley lächelte die Schwestern höflich an und wandte sich dann an die Haushälterin: „Mrs Goddard, bitte führen Sie doch Mrs Bingleys Schwestern in die Gastzimmer.“ Damit ging sie ins Haus.

Knicksend forderte die ältere Frau die beiden Mädchen auf, ihr zu folgen. Über breite Treppen führte sie sie in den ersten Stock und öffnete zwei nebeneinanderliegende Zimmer. In jedem war bereits ein Mädchen damit befasst, die Reisetruhen auszuräumen. Die Zimmer waren hell und freundlich eingerichtet, ein wärmendes Feuer brannte im Kamin und daneben stand ein Waschtisch mit warmem Wasser in hübsch verzierten Krügen. Mary schaute sich erfreut um – alles atmete Behaglichkeit.

„Wenn Sie etwas benötigen, Miss, läuten Sie.“

„Ja, vielen Dank, aber im Moment benötigen wir keine Hilfe.“

Inzwischen waren alle Kleider in Schrank und Kommode verstaut und Mrs Goddard verließ mit dem Dienstmädchen das Zimmer. Mary ließ sich aufseufzend auf ihr Bett fallen. Gleich darauf klopfte es an ihrer Tür und Kitty kam herein.

„Was soll ich denn zum Dinner anziehen?“

„Das einfache schwarze Kleid.“

„Hilfst du mir dabei?“

„Ja, ich komme gleich zu dir.“

Kitty verschwand wieder und Mary genoss es, ein paar Minuten still zu liegen. Dann raffte sie sich auf, wechselte das staubige Reisekleid mit dem schwarzen fürs Dinner, machte sich frisch und ging zu Kitty. Die kämpfte mit den Knöpfen ihres Kleides und nahm dankbar Marys Hilfe an.

„Und wo findet das Dinner statt? Ich brauche wohl eine Weile, um mich in der Abbey wieder zurechtzufinden.“

„Erst gehen wir ja in den Salon. Wenn wir die Haupttreppe nehmen, müsste der Salon links sein – aber sicher werden Mrs oder Mr Goddard in der Nähe sein“, meinte Mary beruhigend. Als die beiden jungen Frauen die Treppe hinuntergingen, stand tatsächlich der Butler in der Halle und leitete sie freundlich zum Salon – der auf der rechten Seite der Treppe lag. Im Salon saß nur Caroline Bingley, die beim Eintritt der beiden Schwestern sitzen blieb. Sie wies mit der Hand auf zwei Stühle und sagte: „Nehmen Sie doch Platz. Haben Sie sich von der Reise schon erholt?“ Sie hielt ein leichtes Geplauder aufrecht, bis Bingley und Jane eintraten.

Nach dem Dinner saßen alle fünf noch eine Weile im Salon, aber Jane wollte früh zu Bett nach der Reise und ihre Schwestern folgten gern ihrem Beispiel.

6. März

Die erste Woche war verstrichen – Mary und Kitty hatten sich in Franton Abbey eingelebt und genossen den Park, denn eine frühe Frühlingssonne hatte die Wege getrocknet und erstes Grün hervorgelockt. Mary suchte auch oft die Bibliothek auf; allerdings wurde sie hier nicht so fündig wie bei ihrem Vater. Bingley gestand zerknirscht: „Ich muss mich mehr um die Bibliothek kümmern, du hast ja Recht – aber es kommt mir immer etwas dazwischen, verstehst du?“

Mary lächelte, denn sie sah, wie sehr Bingley sich bemühte, sich als Besitzer des alten Hauses zu bewähren. Er besprach sich täglich mit seinem Verwalter, ritt die Besitzung ab und fällte schwerwiegende Entscheidungen. Auch Jane war sehr beschäftigt – einen so großen Haushalt zu führen, verlangte ihr einiges ab, auch wenn Mrs Goddard ihr mit Rat und Tat half. Sie hatte bereits bei den Vorbesitzern gearbeitet, kannte das Haus mit seinen Eigenheiten genau und wusste, wann der Lavendel für die Wäscheschränke geerntet wurde, welche Vorräte wie gelagert werden mussten und was an Leinenzeug in der Leinenkammer lagerte. Im Moment hatte sie ein sorgsames Auge auf ihre junge Herrin und betonte immer wieder, dass es mit der Arbeit nicht so weit her sei. Mrs Bingley solle lieber eine Pause einlegen oder einen vorsichtigen Gang durch den kahlen Staudengarten machen. Aber nicht vergessen: Warm anziehen, die Frühlingssonne sei tückisch.

Beide Bingleys versuchten, Mary und Kitty einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen, überlegten sich Zerstreuungen, die mit der Trauerzeit vereinbar waren. Doch Gesellschaftsabende oder gar Tanzveranstaltungen waren nun wirklich nicht möglich. Und die Nachbarschaft weilte noch in der Stadt. So war die Hausgemeinschaft großenteils auf sich selbst angewiesen. Mary hatte einige Bücher aus ihres Vaters Bibliothek mitgenommen, nutzte die Gelegenheit, im Musikzimmer Klavier zu üben und war im Großen und Ganzen zufrieden. Kitty hatte längere Phasen der Langeweile und vertrieb sich die Zeit mit alten Zeitschriftenbänden. Caroline Bingley unterhielt sich mit beiden Schwestern, wenn sie sich im Salon begegneten, war aber sonst offenbar sehr beschäftigt. „Wenn ich auch keine Ahnung habe, was sie hier im Haus ihres Bruders zu tun haben könnte“, murmelte Mary Kitty zu, als sie wieder einmal eine eilige Caroline an sich vorbeihuschen sahen, mit einem flüchtigen Nicken für die beiden Gäste.

„Ich komme bald um vor Langeweile“, murrte Kitty, die ihre Schwester auf dem Weg ins Musikzimmer begleitete.

„Dann such dir doch was, das dich interessiert. Was hast du denn immer gern gemacht?“

„Weiß ich nicht – ich hatte mit Lydia immer so viel zu schwatzen und zu lachen, da brauchte ich nichts anderes.“

„Na, gestritten habt ihr auch aber ganz heftig“, erinnerte sich Mary.

„Ja, aber …“ Kitty seufzte schwer.

„Als du klein warst und neue Sachen gelernt hast – lesen, schreiben, malen, singen, tanzen und was sonst noch. Was hat dir da Spaß gemacht?“

Kitty schaute aus dem Fenster. „Malen“, sagte sie dann.

„Dann fang doch damit wieder an, vielleicht macht es dir jetzt ja auch noch Freude.“

„Aber …“

„Frag Jane, ob sie Malsachen für dich hat – irgendwo in diesem Haus wird es bestimmt was geben.“

„Ach ich weiß nicht. Dass ich es als Kind gern gemacht habe, muss doch heute nichts mehr heißen …“ Etwas mürrisch saß Kitty am Fenster. „Wäre nur Lizzy schon hier. Ich bin so neugierig, was sie über die Taufe zu erzählen hat. Bestimmt hat Cousin Collins Erhebendes zur Taufe seiner Tochter zu sagen – zum Lob Lady Catherines, natürlich.“

„Was bist du frech, Kitty. Cousin Collins ist eben sehr dankbar seiner Gönnerin gegenüber. Das ist nicht das Schlechteste.“

„Ich weiß nicht – er ist nur gegenüber Höhergestellten so devot. Ob er es Lizzy verübelt, dass sie ihn abgewiesen und stattdessen den Neffen seiner Patronin geheiratet hat?“

„Das ist sehr wahrscheinlich. Aber er wird es sich nicht anmerken lassen.“

„Zumindest wird er es versuchen …“

Mary musste lachen – Kitty war wirklich eine scharfe Beobachterin. Dann wandte sie sich wieder der Etüde mit fünf Vorzeichen zu, die sie seit einigen Tagen schon fast verbissen übte.

Kitty saß immer noch müßig am Fenster und ließ ihre Blicke über die Anlagen schweifen, über die gepflegten, noch kahlen Beete nahe am Haus bis hin zu einem Übergang des Gartens in Landschaft. Dort standen zwei Buch flankierend im Übergangsbereich mit dem schmalen Pfad, ihre Kronen verwoben zu einem Netz. Wie filigran dieses Netz über den mächtigen Stämmen schwebte …

Völlig überraschend für Mary sprang sie dann auf und lief aus dem Zimmer. Sie suchte und fand ihre älteste Schwester im Raum der Haushälterin. Eigentlich wollte Jane mit ihr die Vorräte an eingemachtem Gemüse besprechen, doch Mrs Goddard bestand darauf, erst eine Tasse Tee zu trinken und drängte die werdende Mutter, ihre Füße hochzulegen. So saß Jane, als Kitty dazukam, im bequemen Lehnstuhl der Haushälterin, die Füße auf einen gepolsterten Hocker drapiert und trank Tee, während Mrs Goddard ihr erklärte, dass sie sich um nichts kümmern müsse.

„Kitty – suchst du mich?“

Jane wollte aufstehen, doch Mrs Goddard drückte sie sanft in den Stuhl zurück.

„Ach Jane, hast du irgendwo Farben oder Stifte zum Malen, und Papier?“

Mrs Goddard nickte entschieden, klingelte, und bevor Jane überhaupt antworten konnte, stand Emily, das jüngste Hausmädchen, im Raum.

„Hol doch bitte aus dem grünen Schlafzimmer im alten Flügel die braune Korbtasche, die im Schrank steht“, wies Mrs Goddard sie an. Nachdem Emily gegangen war, wandte sie sich an Jane und sagte: „Lady Melisande, die früher bei der alten Herrschaft oft zu Besuch war, war eine Malerin. Ihre Sachen hat sie beim letzten Besuch hiergelassen. Nun ist die arme Seele schon ein paar Jahre nicht mehr unter uns und die Sachen stehen immer noch in ihrem alten Zimmer. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Miss Catherine, können Sie schauen, was davon noch zu verwenden ist. Das Papier ist von guter Qualität und die Stifte werden sicher auch noch zu benutzen sein. Wie es mit den anderen Farben aussieht, das müssen Sie dann sehen.“

„Oh“, brachte Kitty hervor. „Das klingt sehr gut. Ich möchte sowieso erst einmal mit Zeichnungen anfangen – ich habe lange nicht mehr gemalt.“

Jane lächelte. „Schön, dass du wieder malen willst – ich fand deine Arbeiten früher sehr hübsch.“

Kitty errötete. Emily kehrte zurück und brachte eine altmodische Korbtasche mit. Sie knickste und sagte dann schüchtern:

„Ich habe die Tasche erst einmal gründlich abgestaubt.“

„Sehr gut“, lobte Mrs Goddard und entließ das Mädchen. Jane überlegte kurz und schlug dann vor: „Du kannst ja im grünen Salon deine Malecke aufbauen, Kitty. Da hast du gutes Licht und einen schönen Ausblick.“

„Sehe ich da auch die beiden Buchen am Anfang der Wildnis?“

„Ja“, bestätigte Mrs Goddard.

„Danke!“ Kitty verließ beschwingt den Raum und suchte den grünen Salon auf. Dort schob sie einen kleinen Tisch in die Nähe des Fensters und begann, die Korbtasche auszupacken. Sie fand Papierblätter in verschiedenen Größen, eine Schachtel mit Wasserfarben, einen Kasten mit Farbdöschen und eine Rolle, in der verschiedene Rötel- und Farbstifte eingesteckt waren. Auch eine Unterlage aus Leder tauchte aus den Tiefen der Tasche auf. Kitty räumte die Farbdöschen wieder in die Tasche, wählte ein kleines Blatt und legte es auf die Unterlage. Sie nahm alle Stifte nacheinander aus der Rolle und probierte mit ihnen herum. Am besten gefielen ihr einige Rötelstifte. Die anderen packte sie sorgfältig zurück in die Rolle, nahm nun ein mittelgroßes Blatt Papier und begann, die Aussicht auf die mächtigen Buchen zu zeichnen. Noch einmal musste sie in die Rolle greifen – für Lichteffekte brauchte sie die Weißkreide. Versunken zeichnete sie weiter und bemerkte nicht, dass jemand den Raum betreten hatte. Vorsichtig trat Jane an ihre Schwester heran und blickte ihr über die Schulter. Der Schatten, den sie dabei warf, weckte Kitty aus ihrer Versunkenheit. Sie blickte unruhig auf und lächelte, als sie Jane erkannte.

„Ich bin so sehr aus der Übung. Aber das Papier ist großartig. Und auch die Stifte gefallen mir sehr gut. Wie schön, dass Mrs Goddard sich der Sachen erinnert hat.“

„Ja, und wie schön, dass du eine Beschäftigung gefunden hast, die dir so gefällt, dass du nicht mitbekommst, was um dich herum passiert.“

„Mary hat mich darauf gebracht – ich bin vor Langeweile heute Morgen bald umgekommen …“

Jane ließ sich seufzend auf einem Sessel am großen Tisch nieder. „Langsam wird es beschwerlich“, meinte sie und strich über ihren Bauch.

„Wie lange dauert es denn noch?“, wollte Kitty wissen.

„Ach, noch mindestens einen Monat.“ Jane stöhnte leise. „Ich wollte, es wäre schneller vorbei – ich fühle mich so unbeholfen.“ Kitty nickte; sie hatte beobachtet, dass Jane ihre Anmut im Gang verloren hatte.

„Nun“ setzte Jane hinzu, „ändern kann ich da nichts – also muss ich guter Laune bleiben.“ Sie lächelte ihre Schwester an und erhob sich mit etwas Mühe. „Bist du so weit mit deiner Zeichnung, dass du sie für eine Weile liegen lassen kannst, um mit mir im Staudengarten zu spazieren? Mrs Goddard hat mir dringend frische Luft verordnet und meint, jetzt um die Mittagszeit sei es am angenehmsten draußen.“

Kitty begann schon während Jane noch sprach, die Stifte in die Rolle zu räumen und das Blatt vorsichtig in eine Mappe zu schieben, die ebenfalls in der Korbtasche steckte. „Ich begleite dich gern. Vielleicht kannst du mir ja auch ein paar schöne Ausblicke zeigen.“

Die beiden Schwestern verließen das Haus und promenierten zwischen den noch kahlen Stauden. Jane zeigte Kitty einen kleinen, ummauerten Garten, der sehr pittoresk angelegt war. „Vielleicht passt das auch für dich zum Malen?“

„Oh ja, er ist sehr hübsch. Und wenn die Rosen darin blühen, sicher noch schöner.“ Unter dem Fenster des Musikzimmers hörten sie wieder und wieder eine schwierige Passage – Mary übte noch immer. „Mary hat wirklich Ausdauer“, kommentierte Kitty. Jane stimmte zu und bemerkte dann: „Sie ist so streng sich selbst gegenüber. Ich finde, die Passage klingt jetzt schon besser als eben, aber sie will es perfekt machen.“ Als sie nach einer knappen Stunde wieder ins Haus zurückkehrten, lag in der Halle ein Brief für Jane.

„Von Lizzy“, rief sie erfreut. „Sie sind aus Kent zurück und wollen morgen hier eintreffen – zusammen mit Georgiana!“ Jane läutete und ließ Mrs Goddard kommen. „Bitte bereiten Sie die Gastzimmer für Familie Darcy vor. Alle drei kommen morgen für ein paar Tage“, ordnete sie an.

Deutlich beschwingter als vor dem Spaziergang ließ sich Jane mit Kitty zu einem Mittagsimbiss nieder. Auch Mary stieß dazu und freute sich, als sie von dem bevorstehenden Besuch erfuhr.

„Nur vor Georgiana ist mir ein bisschen bang“, gab sie zu. „Sie muss ja auf dem Klavier ein sehr großes Talent sein.“

„Du musst doch keinen Wettstreit daraus machen – Georgiana hatte jahrelang den bestmöglichen Unterricht, ja, auch jetzt kommt Mr Willis einmal im Monat nach Pemberley und überwacht ihre Fortschritte. Das ist mit deiner Situation überhaupt nicht zu vergleichen. Ich denke eher, dass Georgiana Respekt vor deinem unermüdlichen Üben haben wird, ohne, dass ein Lehrer hinter dir steht.“ Mary war nicht überzeugt, nickte aber zu Janes Worten.

Caroline Bingley betrat den Raum und setzte sich mit einem flüchtigen Nicken gegenüber Kitty und Mary an den Tisch. Sie hörte den Schwestern eine Weile zu und wandte sich dann an Jane:c „Mrs Goddard sagte mir, die Darcys kommen. Stimmt das?“ Jane nickte zur Antwort.

„Das ist ja schön, aber meinst du nicht, liebe Jane, du solltest dich mehr schonen? So viel Besuch auf einmal, in deiner Situation – meine Schwester Hurst hat sich dergleichen ab Oktober verbeten. Nur ich durfte bei ihr sein.“

„Nun, ihr seid ja auch nur zwei Schwestern – wir sind fünf“, erwiderte Jane mit einem Lächeln.

Bei dem Wort „nur“ zuckte Caroline zusammen, fasste sich aber rasch und antwortete: „Wie schön, dass du mich mit dazu zählst.“

Kitty blickte auf: „Wieso Miss Bingley? Wir sind fünf Schwestern: Jane, Lizzy, Mary, Lydia und ich.“

Caroline schwieg. Jane ergänzte freundlich: „Fünf Schwestern, ja, und jede hat das Recht, die anderen zu besuchen und zu bleiben, solang es ihr gefällt. So wie du als Louisas Schwester das bei Louisa ja auch tust.“

Da sie ihre Mahlzeit beendet hatte, erhob sie sich direkt nach ihren Worten und verließ das Zimmer mit der Bemerkung: „Nach Mrs Goddards strengen Regeln muss ich jetzt ein Weilchen ruhen. Wir sehen uns später.“

Nachdem Jane das Zimmer verlassen hatte, herrschte am Tisch Schweigen. Kitty unterbrach es mit der Frage an Mary: „Hast du diese eine Passage nun gemeistert, die dir so viele Schwierigkeiten machte?“

Mary schüttelte den Kopf.

„Dann sollten Sie sie vielleicht einmal von Georgiana Darcy gespielt hören, Miss Mary“, schaltete sich Caroline ins Gespräch ein. „Ihr zuzuhören, ist immer ein Genuss und für Adepten des Klavierspiels bestimmt sehr lehrreich.“

Ohne ihr Fleisch angerührt zu haben, erhob sie sich und verließ mit einem kurzen Nicken den Raum. Mary und Kitty schauten sich an. Sie enthielten sich eines gesprochenen Kommentars und beendeten schweigend den Lunch. Danach gingen sie in Marys Zimmer.

„Irgendwann zerreiße ich Caroline Bingley! Warum nur bringt sie mich immer so in Wut?“

„Weil sie so herablassend ist – ich bin so froh, dass Jane nichts über meine Zeichnerei gesagt hat, dann hätte ich sicher auch Georgiana Darcy als Vorbild vorgehalten bekommen. Was kann Darcys Schwester eigentlich nicht?“

„Hast du Zeichensachen gefunden? Das ist schön – ich bin gespannt, was du dir als Motiv ausgesucht hast. Und ja, Miss Bingley fühlt sich uns nach wie vor überlegen. Ich habe keine Ahnung warum? Hast du sie schon mal Klavier spielen oder singen gehört?“

„Ja, auf Netherfields, zusammen mit ihrer Schwester. Ganz ordentlich, aber bei weitem nichts Besonderes.“

„Immerhin muss man ihr zugutehalten, dass sie nie ihre eigenen Talente herausstreicht.“

„Vermutlich, weil sie weiß, dass sie keine hat“, fiel Kitty kichernd ein. Mary musste lachen.

„Vielleicht, ja. Aber sie zieht immer jemanden heran, der gerade nicht da ist. Am liebsten Georgiana Darcy. Schon damals in Netherfields pries sie sie über alle Maßen.“

„Ich hatte immer den Eindruck, dass sie gern ihren Bruder mit Georgiana Darcy verheiratet sehen wollte. Und vermutlich mit dem Ziel, durch die dann noch größere Nähe selbst Mrs Darcy zu werden. Das war ziemlich offensichtlich.“ Mary nickte – im Rückblick fand sie die Erklärung sehr einleuchtend, war Miss Bingley doch damals Darcy kaum von der Seite gewichen.

„Der Plan ist ja nun gar nicht aufgegangen. Aber sag mal, hast du eine Vorstellung, wann die drei kommen werden?“

„Wahrscheinlich kurz nach der Mittagszeit.“

„Ich freue mich auf Lizzy.“

Kitty nickte. Mary befragte sie nun zu den Malutensilien und ließ sich die Ecke im grünen Salon zeigen. Die Skizze der beiden Buchen gefiel ihr gut.

Nach dem Dinner saßen die Bingleys und Bennets im Salon und ergingen sich in Vermutungen, wann die Gäste am nächsten Tag zu erwarten waren und welche Zerstreuungen man ihnen bieten konnte. Caroline Bingley wollte Jane alle Mühe und Plage abnehmen, wie sie betonte, doch Jane meinte, sie sei durchaus in der Lage, sich um ihre Gäste zu kümmern.