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Hochmotiviert startet Julika nach ihrem Uniabschluss ins Arbeitsleben. Doch auf ihre anfängliche Begeisterung folgt schon bald Ernüchterung: Ihre Stelle ist bei Weitem nicht so interessant wie erwartet, und der Büroalltag geht ihr bald gehörig auf die Nerven. Als Neubuddhistin versucht sie brav, die spirituellen Unterweisungen, die sie von ihrem Meditationslehrer erhält, auf ihren Arbeitsalltag anzuwenden, doch auf ihrem Weg durch den skurrilen Büroalltag stellen sich immer mehr Fragen: Kann man inmitten von Druckern, Kopierern und nervigen Kollegen wirklich den Weg des Buddha gehen und Erleuchtung finden? Oder wäre es doch besser gewesen, sieben Jahre nach Tibet zu gehen? Julika pendelt hin und her zwischen Büro und Buddhismus, Erleuchtung und Karriere, und verliebt sich auf diesem Weg langsam in ihren charismatischen Guru – was ganz neue Probleme mit sich bringt ...
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Daniela Pielke
Mit Buddha im Büro
Bekenntnisse einer Teilzeitbuddhistin
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Zitat
Anmerkung der Autorin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Epilog
Anhang
Impressum neobooks
Story-truth is sometimes truer than happening-truth.
Tim O' Brien
Alle Namen, Begebenheiten und Orte sind von der Autorin frei erfunden. Wer dennoch glaubt, sich oder andere zu erkennen, hat wahrscheinlich recht, denn Gmooh ist überall.
Als ich nach meinem brotlosen Studium der Ethnologie einen Job bei einer Austauschorganisation bekam, freute ich mich riesig. Ich freute mich vor allem, weil alle um mich herum sich freuten. Mein Vater freute sich, dass ich nun auch endlich in die Rentenkasse einzahlen würde. Meine Mutter freute sich, dass ich allen gezeigt hatte, dass man auch mit einem bizarren Studiengang einen Job findet. Und meine Geschwister freuten sich, dass ich nun endlich auch arbeiten würde.
Es war das Jahr 2006. Mein Studium in Berlin war zu Ende, und hohe Arbeitslosenquoten bestimmten die Zeitungsmeldungen. Ein Großteil meiner Freunde musste Berlin verlassen und zog einem Job hinterher. Sie lebten jetzt in langweiligen Städten mit hohen Mieten, die fast ihr gesamtes Gehalt verschlangen und fragten sich, was an dieser Rechnung nicht stimmte. Und auch ich hatte nun endlich eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Seit neun Monaten war ich auf Arbeitssuche, davon die letzten sechs Monate Hartz-IV-Empfängerin. Ich wollte mich endlich in einer Stelle einbringen, die mir sinnvoll erschien. Und ich musste endlich arbeiten, sonst würde ich noch an der menschenfeindlichen Bürokratie des Jobcenters zugrunde gehen. Jedes Mal musste ich meinem Fallmanager aufs Neue erklären, dass mein Job als Nachhilfelehrerin nur half, mich zu beschäftigen, nicht aber, mich zu finanzieren. Ich verbrachte doppelt so viel Stunden damit, ihm vorzurechnen, wie viel ich als Nachhilfelehrerin arbeitete und verdiente wie ich Nachhilfe gab. In der Summe war ich vollzeitbeschäftigt, bekam aber trotzdem Hartz-IV-Gehalt.
Das Vorstellungsgespräch fand im allgemeinen Besprechungszimmer von Gmoohstatt. Als erstes fand ich heraus, dass Gmooh wie Gmuuu ausgesprochen wird und nicht, wie ich vermutet hatte, wie Gmoo. Unweigerlich musste ich an muhende Kühe denken. Während ich mit den Leitern der Abteilungen Marketing und Au pair meinen Lebenslauf besprach, leuchtete hinter ihnen in großer roter Schrift der Satz: Ein gerader Weg führt immer nur ans Ziel. Innerlich konterte ich mit einem chinesischen Sprichwort: Umwege erweitern die Ortskenntnis. Bereits da hätte ich erkennen müssen, dass Gmooh und mein kleines Ich-Universum nicht ganz kompatibel waren.
Wieder zu Hause, grübelte ich über das Gespräch nach. Es hatte sich herausgestellt, dass die Beratung der Au-pair-Interessenten hauptsächlich per Telefon stattfand. Nur wenige kamen persönlich ins Büro. An der Universität hatte ich die letzten Jahre im Sprachenzentrum Studenten beraten, und es hatte mir Spaß gemacht. Würde ich an telefonischen Beratungsgesprächen ebenfalls Freude haben? Irgendwie hatte ich die Abteilungsleiterin mit ihrem perfekten Dutt unsympathisch gefunden. Sie hatte zwar freundlich gesprochen, aber kühl und reserviert gewirkt. Das Gehalt war bescheiden und die Arbeitszeiten starr. Dennoch sagte ich zu, als die Einladung zur zweiten Bewerbungsrunde kam.
Dieses Mal sollte das komplette Team anwesend sein, damit ich sie und sie mich kennenlernen konnten. Umringt von elf Gmoohlern saß ich wieder im gleichen Raum, wiederholte meinen Werdegang und beantwortete Standardfragen zu meiner Person und zu meinen vermeintlichen Stärken und Schwächen. Die Firma bestand aus elf Personen, die in vier Teams arbeiteten und dem Chef. Die zukünftigen Kollegen waren größtenteils weiblich und alle um die Dreißig. Lediglich die Gründungsmitglieder hatten die Vierzig schon überschritten und gehörten zum sogenannten Ältestenrat, der als Fünferrunde wöchentlich tagte, wie mir erklärt wurde. Der Chef befand sich noch in einem wichtigen Telefonat mit der amerikanischen Mutterorganisation, und als er endlich eintraf, musste ich meinen Lebenslauf zum dritten Mal herunterbeten.
Die Verzweiflung, die einen überkommen kann, wenn man lange Zeit mit dem Jobcenter zu tun hat, brachte mich dazu, in diesem alles entscheidenden Gespräch zu lügen. Die letzte Frage lautete: „Unsere Firma macht jedes Jahr beim Fünf-mal-fünf-Kilometer-Teamstaffellauf mit. Würden Sie dort auch mitlaufen?“ Die Gmoohler schauten mich mit großen Augen an.
Laufen war für mich die langweiligste und anstrengendste Sportart, die ich mir vorstellen konnte. Ich flanierte lieber. Trotzdem antwortete ich tapfer: „Nun, Laufen gehört zwar nicht zu meinen Königsdisziplinen, doch ich würde das Team natürlich auch hier sehr gerne unterstützen.“
„Das ist schön, denn wir haben jedes Jahr Probleme, die Damenstaffel zu besetzen“, meinte die fröhlich und sportlich aussehende Fragestellerin, die sich als Cindy vorgestellt hatte. Die anderen Frauen im Raum lächelten mir gequält zu. Ich lächelte breit zurück, um meine Notlüge zu vertuschen.
Ein paar Tage später, ich schlenderte gerade durch den Schlosspark Charlottenburg, klingelte mein Handy.
„Wir würden Sie gerne haben“, sagte Claudia Schneider, die Frau mit dem Dutt. Ich wusste, was gemeint war und spürte Unbehagen. Meine Tage im Park waren gezählt. Dennoch hörte ich mich sagen: „Großartig, ich freue mich! Wann sollen wir den Vertrag machen?“
Da ich sowieso in der Nähe des Büros war, ging ich gleich vorbei und unterschrieb. Meine Eile sollte mich wahrscheinlich davon abhalten, es mir noch einmal anders zu überlegen.
„Dann genießen Sie noch die letzten Tage in Freiheit!“, sagte sie zum Abschied. Ich lachte und ahnte nicht, wie oft ich noch an ihre Worte denken sollte.
Zwei Wochen später fing ich als Kundenberaterin im Au-pair-Team an.
Es waren die Wochen, in denen in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft stattfand und die rückblickend als Sommermärchen bezeichnet wurden, als ich schwitzend auf einem alten Bürostuhl saß und von meiner Vorgängerin Miriam eingearbeitet wurde. Auf ihrem Oberarm prangte ein riesiges Tattoo – das Portrait einer Frau mit langer schwarzer Mähne, die ihr ähnlich sah. Ich fühlte mich von der Frau auf dem Oberarm beobachtet, so gestochen scharf wirkten ihre Augen. Während Miriam mit ihren langen, schwarz lackierten Nägeln in die Tastatur hämmerte und mir die Datenbank erklärte, bewegte sich ihr linker Oberarm so, dass es schien, als zwinkere mir das Tattoo im Schreibrhythmus zu.
„Warum hörst du schon nach einem Jahr auf?“, fragte ich neugierig.
„Mich zieht es wieder nach England. Ich will dort studieren.“ Dann fügte sie noch schnell hinzu: „Das ist ein guter Job! Keine Angst.“
Die Art, wie sie das fast entschuldigend sagte, machte mich misstrauisch.
Mein Team bestand aus Claudia und mir. Die Arbeitsteilung war klar: Sie sagte mir, was ich zu tun hatte und ich tat, was sie sagte. Immer, wenn eine Aufgabe interessant zu werden drohte, übernahm sie. Dabei wurde sie nicht müde zu betonen, dass sie, bevor Miriam gekommen war, alles selbst gemacht hatte, von der ersten Beratung über den Bewerbungsprozess und die Vermittlung bis hin zur Betreuung der Au pairs im Ausland.
„Wieso hast du dann Verstärkung bekommen?“, fragte ich.
„Na, weil es für einen einfach zu viel war! Ich will damit nur sagen, dass ich das hier früher alles allein gemacht habe“, sagte sie mit ihrer hohen Stimme.
Die Aufgaben eines Kundenberaters waren klar umrissen, und so brauchte ich nichts weiter zu tun, als mich der vorgegebenen Form anzupassen. Den ganzen Tag verbrachte ich damit, vielen jungen Frauen und ein paar wenigen jungen Männern Fragen zu Au-pair-Aufenthalten und zum Ausfüllen der Bewerbungsunterlagen zu beantworten. Die Idee, als Brückenbauerin zu fungieren, die Menschen den Weg von Deutschland in ihre Zukunft als Au pair ebnet, gefiel mir. Gmooh hatte in der Stellenanzeige damit geworben, junge Menschen bei der Verwirklichung ihres Auslandstraums zu unterstützen, sie sorgfältig zu beraten und umfassend zu betreuen. Das war eine Mission, die mich ansprach. Die Stellenausschreibung versprach zudem eine abwechslungsreiche und herausfordernde Tätigkeit in einem jungen, dynamischen Team. Das klang nach einer tollen Stelle.
Die ersten Wochen machten mir die Beratungen Spaß. Jeden Tag telefonierte ich mit auslandsbegeisterten, aufgeschlossenen Menschen in ganz Deutschland. Es kostete mich zunächst etwas Überwindung, bei fremden Leuten einfach zu Hause anzurufen. Doch sie hatten sich ja bei uns beworben und warteten auf eine Rückmeldung, sodass ich meine Unsicherheit schnell überwand. Ich freute mich über das monatliche Gehalt, die Krankenversicherung und die Freude darüber, dass sich meine Eltern unbändig freuten. Und darüber, dass ich auf die leidige Frage meiner Umwelt: „Uuund? Was machst du jetzt nach deinem Studium?“ endlich eine Antwort geben konnte.
Mein anfänglicher Idealismus und meine Begeisterung begannen allerdings zu bröckeln, als ich merkte, dass die Fragen der Interessenten sich irgendwann wiederholten: „Kann ich mir die Region aussuchen, in der ich Au pair werden will?“ „Kann ich mich zusammen mit einer Freundin bewerben?“ „Bekommen meine Eltern weiter Kindergeld?“ „Welche Voraussetzungen brauche ich?“
Für den E-Mail-Verkehr legte ich mir für solche Fragen nach kurzer Zeit eine Sammlung von fertigen Textbausteinen an. Auch am Telefon hatte ich bald Standardantworten parat, die mich beim Abspulen selbst langweilten. Die Herausforderung lag nun nicht mehr in den Antworten selbst, sondern darin, die sich ständig wiederholenden Fragen geduldig zu beantworten. Außerdem musste ich mich höllisch konzentrieren, damit ich Lisa Maier aus Hannover nicht mit Lara Mayer aus Braunschweig verwechselte, so ähnlich waren die jungen Stimmen und ihre Anliegen. Und bei Gmooh waren wir stolz darauf, dass unsere Teilnehmer keine bloßen Nummern waren, sondern echte Menschen mit echten Namen.
Der Höhepunkt meiner Arbeit waren ausgefallene Fragen: „Wenn mich meine Freunde aus Deutschland in den USA besuchen wollen, zahlen dann die Gasteltern den Flug?“, „Gibt es eine Möglichkeit, als Pferde-Au-pair in die USA zu gehen? Von mir aus Pferde und Kinder, ich habe beides sehr gern!“ „Kann ich meinen Hund mit in die USA nehmen?“ Ein männlicher Au-pair-Anwärter wollte sich in den USA gar gleich einem Profi-Footballteam anschließen, und eine Au-pair-Bewerberin sorgte für allgemeine Heiterkeit, indem sie in ihrer Bewerbung bei Allergien angab: „Ich esse unregelmäßig und bin eitel.“
Abgesehen von diesen Kuriositäten hatte ich das Gefühl, langsam, aber sicher vor Langeweile einzugehen wie die Tulpen auf meinem vernachlässigten Balkon. Dieses Gefühl war mir durch meinen eigenen Au-pair-Aufenthalt in den USA vertraut. Damals hatte ich, aufgeblasen mit hochtheoretischem Abiturwissen, als Au pair in irgendeinem Kaff in New Jersey auf einem weißen Plüschteppich gesessen und den ganzen Tag mit einer Zweijährigen gespielt. Wir durften das Haus nie verlassen, weil ihre Eltern panische Angst davor hatten, dass das Mädchen entführt werden könnte. Ich hatte noch nie davon gehört, dass Kinder unscheinbarer Mittelschichtsfamilien mit durchschnittlichem Einkommen in New Jersey ein bevorzugtes Ziel von Entführungen wären, aber diese Logik konnte die Angst der Eltern nicht schmälern. Am Ende des Jahres sprach das Mädchen Englisch mit deutschem Akzent, und mein englisches Vokabular war auf den Sprachumfang einer Dreijährigen geschrumpft. Jetzt saß ich nach langen Jahren Studium und intensiver geistiger Arbeit in einem Großraumbüro und musste mit anhören, welche Typen bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany's Next Topmodel“ rausgeflogen oder weitergekommen waren. Warum man für diese Stelle einen Universitätsabschluss brauchte, blieb mir ein Rätsel.
Ging ich abends nach Hause, fühlte ich mich ausgelaugt. Entweder warf ich mich direkt ins Bett, oder ich schaltete den Fernseher ein und ließ mich berieseln. Wenn ich dann den einen oder anderen Werbespot, der im Büro Gesprächsthema gewesen war, wiedererkannte, freute ich mich. So zogen die Tage dahin, und ich baute geistig langsam ab.
In der Mittagspause flüchtete ich in den kleinen Park in der Nähe und versuchte, mich geistig rege zu halten, indem ich Bücher spiritueller Frauen las, etwa das von der Engländerin Tenzin Palmo, die mehrere Jahre in einer Höhle im Himalaja meditiert hatte. Ich fragte mich, ob ich allein in einer Höhle vielleicht besser aufgehoben wäre als bei Gmooh.
Von außen betrachtet, schien die Stelle für mich perfekt zu sein, und mein Umfeld wurde nicht müde mich zu beglückwünschen, wie gut ich es getroffen hätte. Niemand ahnte, was für eine frustrierende Zeit ich hatte. Und in meiner neuen Position als Kundenberaterin behielt ich das auch für mich.
Seit meiner eigenen Au-pair-Zeit waren zehn Jahre vergangen, und es kam mir vor wie eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ich jetzt in der Au-pair-Vermittlung arbeitete. Während ich die Au pairs durch den Bewerbungsprozess lotste, wünschte ich, sie würden es besser haben als ich damals. Ich arbeitete täglich von neun bis sechs und durfte das Büro nur während meiner einstündigen Mittagspause verlassen. Mein Vertrag mit Gmooh lief über ein Jahr.
Nichts wäre naheliegender gewesen, als zu kündigen. Nichts lag mir ferner. Ich diagnostizierte mir selbst eine Gemütsstörung, die man auch als Durchziehermentalität bezeichnen könnte. Wie lange würde es diesmal dauern, bis ich mir selbst einen Gefallen tat und mich aus diesem selbstgewählten Kerker befreite? Während ich darüber nachdachte, stand Claudia plötzlich neben mir und machte mir Vorhaltungen, dass ich heute erst um Punkt neun ins Büro gekommen sei und um diese Zeit nicht schon arbeitsbereit am Schreibtisch gesessen hätte. Abends hingegen achtete niemand darauf, ob wir Kundenberater pünktlich aus dem Büro kamen, denn wenn wir endlich gehen konnten, hatte Claudia schon lange ihren Stift fallen gelassen.
Schon die ersten Wochen hatten gezeigt, dass die Arbeit bei weitem nicht so interessant war wie die Stellenanzeige hatte vermuten lassen. Die Marketingabteilung von Gmooh hatte hervorragende Arbeit geleistet. Anfangs rebellierte ich noch gegen die monotone Arbeit und das leere Gerede, doch nach ein paar Wochen schien es, als gewöhnte ich mich allmählich an die Bürorituale und Hierarchien und nahm widerwillig (oder vielleicht auch nur erschöpft) meinen Platz darin ein. Dabei hatte ich nie zu den Menschen gehören wollen, die nur am Wochenende aufblühten und deren Dasein sich in zwei Geisteszustände einteilen ließ: das Schwelgen im letzten Urlaub und das Sehnen nach dem nächsten. Innerhalb kürzester Zeit war ich selbst so geworden: Ich schwelgte in Erinnerungen an mein Leben vor Gmooh und sehnte mich nach einem Leben danach. Einem glücklichen, erfüllten Leben, in dem ich einer Arbeit nachging, bei der ich meine Talente und Fähigkeiten wirklich einbringen konnte.
Einmal traf ich in der U-Bahn Norbert aus dem Sportverein. Er war um die fünfzig, arbeitete bei einer Bank und fragte mich, ob ich abends zum Aikidotraining kommen würde.
„Nein, ich kann mich nicht aufraffen. Mein neuer Job strengt mich so an. Ich muss mich erst mal ausruhen.“
Norbert schaute mich mitleidig an. „Was machst du denn jetzt?“
„Ich arbeite bei Gmooh. Das ist so eine Austauschorganisation.“
„Und was hast du davor gemacht?“, fragte er interessiert.
„Studiert.“
Norbert brach in schallendes Gelächter aus, klopfte mir auf die Schulter und meinte freundschaftlich: „Du wirst dich schon noch an das Arbeitsleben gewöhnen.“ Als er zwei Stationen später ausstieg, lachte er noch immer.
Missmutig ging ich zu meinem buddhistischen Lehrer, einem Lama1, den ich während meines Studiums vor zwei Jahren kennengelernt und der mich schon durch verschiedene Lebensphasen begleitet hatte. Als jemand, der mich besser kannte als viele meiner Freunde, würde er bestimmt Verständnis für meine Not haben.
„Der Buddha hatte doch recht, als er sagte, dass das Leben Leiden ist“, sagte ich, als ich keuchend in der kleinen Kreuzberger Dachgeschosswohnung ankam, wo er seine Schüler empfing. In der Luft hing der Geruch von Räucherstäbchen und teurem After Shave.
„Hallo, Julika. Schön, dich zu sehen. Komm erst mal in Ruhe an.“
„Hallo, Lama Semky“, sagte ich völlig aus der Puste.
Da es außer einer Matratze und ein paar Bücherregalen in seinem Zimmer keinerlei Möbel gab, setzten wir uns im Schneidersitz auf den abgewetzten blauen Teppich. Mit ruhigen Bewegungen schenkte er jedem von uns eine Schale mit undefinierbarem Kräutertee ein.
„Soso, erst leidest du, weil du keinen Job hast. Und nun hast du einen Job und leidest wieder.“ Er lachte so herzlich, dass sein Bauch bebte.
Wenn ich den ganzen Tag nur im Lotossitz auf dem Kissen herumsitzen würde, wäre ich auch entspannt und heiter. Was weiß er schon von der zermürbenden Arbeitswelt, dachte ich empört.
„Ich sitze von neun bis sechs vor meinem PC und habe schon Rückenschmerzen! Nur wenn ich aufstehe, um aufs Klo zu gehen oder zum Kopierer, bekomme ich etwas Bewegung. Jeden Tag mache ich dasselbe. Alles wiederholt sich. Es fühlt sich an wie ein endloser, langweiliger Daseinskreislauf. Meinte der Buddha das, als er von Samsara2 sprach?“
Mein Lama lachte. „Ja, was du erlebst, ist in der Tat Samsara. Aber du weißt ja, Samsara und Nirvana3 sind nicht voneinander getrennt.“ Er hatte ein ansteckendes Lachen. Irgendetwas in mir wusste, dass er recht hatte, auch wenn ich nicht genau verstand, was er meinte. „Ich könnte mir auch nicht vorstellen, vierzig Stunden in einem Büro am Computer zu arbeiten. Aber betrachte es als Steilwand, als Training. Dadurch wirst du viele Qualitäten entwickeln, die dir auf deinem weiteren Weg hilfreich sein werden.“
„Welche Qualitäten meinst du? Alle Kandidaten sämtlicher Folgen von Deutschland sucht den Superstar zu kennen?“ Wir lachten wieder.
„Du lernst Disziplin durch frühes Aufstehen. Kein Rumtütteln mehr. Du lernst das vielfältige Leiden der Wesen kennen, und dadurch können Mitgefühl und Weisheit wachsen. Schau sie dir genau an, deine Kollegen, wie viel Leid sie hinter ihren Masken tragen. Wenn du das erkennst, wirst du auch dein eigenes Leid besser verstehen und andere später besser unterstützen können.“
„Aber was ist, wenn das der falsche Gipfel für mich ist? Ich besteige hier gerade den Gmooh-Gipfel, und wenn ich oben bin, merke ich, dass mein eigentlicher Gipfel ganz woanders steht?“
Bei diesem Gedanken wurde mir ganz schlecht. Ich hasste es, meine Energie für falsche Dinge zu verschwenden.
Mein Lama schaute mich mit wissendem Blick an. „Keine Sorge, Julika. Das ist der richtige Gipfel. Nur Mut! Und vergiss nicht: Der Weg beginnt immer da, wo man gerade ist.“
Während seine Worte in meinen Geist sickerten, ließ ich mich von seinen wohlgeformten muskulösen Oberarmen ablenken. Er war aus meiner Perspektive schon ziemlich alt, Mitte fünfzig, doch er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung und einen durchtrainierten Körper. Irgendwie wirkten alle buddhistischen Lehrer, die ich kannte, unverschämt frisch und viel jünger, als sie tatsächlich waren. So, als würde durch das Meditieren nicht nur der Geist geklärt und gereinigt, sondern auch die Haut konserviert. Eigentlich eine günstige Alternative zu Botox und Schönheitsoperationen, doch das schien sich noch nicht herumgesprochen zu haben.
Bevor Lama Semky als buddhistischer Lehrer den Dharma4 zu lehren begonnen hatte, hatte er ein bürgerliches Leben geführt: Er war Sport- und Biologielehrer gewesen. Dann begegnete er einem großen Meditationsmeister, machte zwei traditionelle Drei-Jahres-Retreats, ließ sich zum buddhistischen Mönch ordinieren und reiste nun durch Deutschland und hielt Vorträge und Seminare. Offenbar konnte er von diesen Einnahmen auf Spendenbasis gut leben. Er war kein gewöhnlicher buddhistischer Lama, das heißt, er wirkte zumindest nicht so, wie ich mir einen vorgestellt hatte. In meiner Vorstellung lebten buddhistische Mönche fernab der Welt in ärmlichen Verhältnissen und sahen aus wie Imitate des Dalai Lama. Lama Semky sah aus wie James Dean ausgesehen hätte, wäre er in die Fünfziger gekommen. Er war modebewusst und trug die vorgeschriebenen dunkelroten und gelben Roben elegant drapiert um seinen Körper. Er hatte ein neues Handy, einen teuren Laptop und allerlei technische Gimmicks, die ich weder kannte noch verstand. Dies alles waren Geschenke seiner Schüler, die ihre Dankbarkeit und Hingabe ausdrücken wollten.
Unsere erste Begegnung hatte ein paar Jahre zuvor in einer Altbauwohnung in Kreuzberg stattgefunden, wo er ein Wochenendseminar mit dem Titel Liebe und Mitgefühl gegeben hatte. Meine Freundin Tina, zu diesem Zeitpunkt gerade Buddhistin geworden, hatte mich mit leuchtenden Augen überredet, diesen inspirierenden Lama einmal kennenzulernen.
„Wie spricht man denn so einen Lama an?“, fragte ich ehrfürchtig.
„Das ist alles ganz locker. Alle duzen ihn, und du wirst sehen, er ist extrem lässig.“
Als ich ihn sah, war ich sofort in seinem Bann. Diese strahlenden, klaren Augen, dieser offene, interessierte Blick und diese humorvolle Art trafen mich mitten ins Herz. Wir verstanden uns auf Anhieb und lachten über dieselben Dinge. Als er das nächste Mal in Berlin war, nahm ich bei ihm die buddhistischen Zufluchtsgelübde5. Und nun saß ich regelmäßig in seiner Dachgeschosswohnung und führte stundenlange Gespräche mit ihm – nicht nur über den Buddhismus, sondern über alle Themen, die uns interessierten. Ob das ein normales Lehrer-Schüler-Verhältnis war, vermochte ich nicht zu sagen, da mir der Vergleich fehlte.
„Der Weg beginnt immer da, wo man gerade ist.“
Seine Worte hallten in mir nach, als ich in der U-Bahn saß. Um zu beginnen, wo man ist, muss man erst mal wissen, wo man ist, dachte ich. Wo war ich bei Gmooh gelandet?
Gmooh war ein Acronym für „Get me out of here“. Der Name war Programm, denn Gmooh vermittelte jährlich Hunderte von Menschen in alle Welt. Wenn man einen Gmoohler fragte, was Gmooh eigentlich tat, sagte er gern mit breitem Grinsen: „Menschenhandel!“ Um dem verdutzten Fragesteller dann zu erklären, dass dieser natürlich auf Freiwilligkeit basiere.
Jeden Morgen schritt ich unter den wachsamen Augen ehrwürdiger Stuckfiguren die mit rotem Teppich ausgelegte Treppe hinauf in den sechsten Stock eines Gründerzeithauses. Dabei hatte ich das Gefühl, vom Berlin meiner Gegenwart durch das 19. Jahrhundert zu einem völlig neuen Ort vorzudringen, der mit meinem Raum- und Zeitverständnis nichts zu tun hatte und wo eine mir unbekannte Mentalität und Kultur herrschte.
Alle Büroräume bei Gmooh trugen die Namen von Kontinenten und Städten und waren in bunten Farben gestrichen: Raum Afrika, Raum Europa, Raum Ozeanien … Es gab zwei große Programme: Au pair und Schüleraustausch. Daneben gab es noch kleine Programme, die in der allgemeinen Wahrnehmung aber nur eine untergeordnete Rolle spielten. Bei Gmooh sprach man nicht von Abteilungen, sondern von Teams: Das Au-pair-Team vermittelte Au pairs und das Schüleraustausch-Team Austauschschüler. Und beide Teams standen miteinander in ständigem Wettkampf.
Claudia war die Teamleiterin des Au-pair-Teams, wobei Duo-Leiterin es wohl besser getroffen hätte. Elisabeth war die Teamleiterin des Schüleraustausch-Teams und für die beiden Kundenberater Emelie und Erik verantwortlich. Sie saß mit ihren zwei Assistenten im Raum Afrika, und während sie mit den Eltern der Austauschschüler telefonierte, drehte sie mit dem Zeigefinger Spiralen in ihre silberfarbenen Locken und lachte ihr tiefes, rauchiges Lachen, das so gar nicht zu ihrer feinen Silhouette und ihrem betont gesunden Lebensstil zu passen schien.
An je einer Zimmerwand hing ein großes Bild, das den betreffenden Kontinent oder die Stadt charakterisierte, und ein Sprichwort, das in irgendeiner Form mit Reisen zu tun hatte: Zwei Wege trennten sich im Wald. Ich wählte den weniger Ausgetretenen. Und das machte den Unterschied.
Die bunten Farben und lockeren Sprüche machten gute Laune. Umso stärker war der Kontrast zu dem Büroraum, in dem ich saß. Er war nüchtern weiß. Er entsprach keinem Kontinent, nicht einmal ein Städtename war für ihn abgefallen. Zwischen all den bunten Räumen um mich herum wirkte er wie eine gähnend leere Wüste. War die Farbe ausgegangen? Hatte es keinen aufmunternden Sinnspruch mehr für uns gegeben? Dabei war unser Raum von allen Räumen mit fünf Mitarbeitern am dichtesten besiedelt.
Hieß es „Die Besprechung findet heute in Europa statt“, musste ich anfangs immer nachfragen, wo das war. Denn neben Europa gab es noch andere Besprechungsräume wie Ozeanien oder das kleine Zimmer Robinson Crusoe. Und jedes Mal kam mir die Frage lächerlich vor, denn außerhalb von Gmooh wusste ich sehr wohl, wo im Universum ich positioniert war. Doch im Mikrokosmos Gmooh konnte man das schon mal vergessen. Da Geografie nicht gerade meine Stärke war, hatte ich in meinem inneren Lexikon eine vergleichbar einfache Dreiteilung gefunden: Ich teilte die Raumzonen gemäß ihrer Mentalitätsunterschiede ein. Der weiße Raum ohne Namen war gleich links von der Eingangshalle, und in meinem inneren Lexikon hieß er Holt-mich-hier-raus-Raum. Die Insassen darin brüteten über der Frage: „Wie schaffe ich es, auf einem Kontinent anzukommen, der außerhalb von Gmooh liegt?“ Das war der Raum, in dem ich nun vierzig Stunden die Woche vegetierte. In gewisser Weise war es ironisch, dass ausgerechnet die Kolleginnen in diesem farb-, namen- und mottolosen Raum das Firmenmotto Get me out of here am meisten verinnerlicht hatten.
Direkt neben unserem Büro lag der Raum des Schüleraustausch-Teams. Ich nannte ihn innerlich We are the Champions. Obwohl die Schüleraustausch-Programme im Vergleich zum Au-pair-Programm teuer waren, war die Nachfrage groß. Entweder wollten die Jugendlichen weg von ihren Alten oder die Eltern brauchten dringend eine Erholungspause von ihrem aufmüpfigen Nachwuchs. Auch in den Austauschländern wurden die Austauschschüler mit offenen Armen empfangen. Wieso man sich freiwillig einen pubertierenden Teenager aus dem Ausland ins Haus holte, blieb mir ein Rätsel, und ich bewunderte die Eltern für ihren Großmut und ihren Idealismus. Das Programm boomte und die Erträge ebenso. Diese Tatsache pumpte enormes Selbstbewusstsein in die Venen des Schüleraustausch-Teams, und ständig herrschte dort eine euphorische Stimmung wie nach einem gewonnenen Fußballspiel. Wir anderen Teams dagegen fühlten uns als Ersatzteams, die nur selten aufs Spielfeld gelassen wurden.
Von diesen beiden Räumen gelangte man über das sogenannte Berliner Zimmer durch einen langen Flur, von mir der Kanal genannt, in den hinteren, nördlichen Teil des Büros. Wann immer ich den Kanal passierte, hatte ich das Gefühl, an seinem Ende in eine andere Dimension einzutreten. Die Menschen, die hier arbeiteten, erkannte man an ihren entspannten Gesichtszügen und an ihrer Lässigkeit – Merkmale, die am südlichen Ende gänzlich fehlten.
Hatte man den Kanal durchquert, kam man nach Asien
