Mit dem Herzen sehen - Ilze Ķezbere-Härle - E-Book

Mit dem Herzen sehen E-Book

Ilze Ķezbere-Härle

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Beschreibung

Der klug aufgebaute und sehr anregende Band enthält 40 Predigten aus der Praxis für die Praxis vom 1. Advent bis zum Ewigkeitssonntag, die man auch als Lesepredigten verwenden kann. Passende Schriftlesungen und Lieder sind ihnen beigegeben. Außerdem hat Wilfried Härle in der ihm eigenen überlegten und sehr verständlichen Art eine kurze Anleitung zur Erarbeitung biblischer Predigten angefügt. Das gemeinsame Anliegen des Theologenehepaars ist es, die christliche Botschaft vor allem den Menschen verständlich und einladend nahezubringen, die den Zugang zu ihr noch nicht gefunden oder irgendwann verloren haben.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Wilfried Härle

Ilze Ķezbere-Härle

Mit dem Herzen sehen

Predigten für das ganze Kirchenjahr

Mit einer kurzen Anleitung zur Erarbeitung von Predigten über biblische Texte

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.dnb.de> abrufbar.

© 2015 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Kai-Michael Gustmann

Coverbild: Reformationsaltar, Lucas Cranach d.Ä. und d.J., Stadtkirche

St. Marien Wittenberg, Predella: Die evangelische Predigt (Ausschnitt)

Satz: Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig

ISBN 978-3-374-04401-6

www.eva-leipzig.de

Einleitung

Oft bin ich gefragt worden, ob man meine Predigten nicht auch in schriftlicher Fassung bekommen könne, sei es als Predigtmanuskripte, sei es in einem ganzen Predigtband. Von dringenden Fällen abgesehen, habe ich das immer abgelehnt, weil ich meine Predigten zwar gründlich schriftlich vorbereite, dann aber ganz frei halte. Und dabei entstehen sie erst in ihrer endgültigen Fassung – gewissermaßen im Austausch mit der Gemeinde. Wenn ich dann auf Bitten hin doch gelegentlich den Versuch unternommen habe, nachträglich die tatsächlich gehaltene Predigt in Schriftform zu bringen, fand ich das immer unbefriedigend. Die schriftliche Fassung wirkte auf mich wie eine Röntgenaufnahme im Vergleich zu einer Fotografie.

Das hat sich aber – ich weiß selbst nicht genau, wodurch – in den zurückliegenden Jahren allmählich verändert. Ohne dass ich auf den freien Predigtvortrag verzichten muss(te), bekamen die schriftlichen Fassungen immer größere Ähnlichkeit zum gesprochenen Wort. Und damit verlor ich nach und nach die Hemmung, meine schriftlichen Predigten aus der Hand zu geben. Und dasselbe gilt für die Predigten meiner Ehefrau. In unserer jetzigen (neben)beruflichen Tätigkeit als Seelsorger an zwei Seniorenwohnstiften des Augustinum in Stuttgart ist das ein großer Gewinn. So können wir unsere Predigtmanuskripte an Bewohner weitergeben, die aus gesundheitlichen Gründen nicht am Gottesdienst teilnehmen können oder die das Gehörte gerne noch einmal in Ruhe nachlesen möchten. Deshalb widmen wir diesen Predigtband den Bewohnern unserer Wohnstifte sowie den Mitarbeitern und den Direktoren, Petra Hellenthal und Markus Burgmeier, die unsere Arbeit als Seelsorger stets tatkräftig unterstützen.

Der Band ist vor allem für Personen gedacht, die sich intensiver mit der biblischen Überlieferung und dem christlichen Glauben beschäftigen möchten oder die gelegentlich oder regelmäßig Lesepredigten zu halten haben und dafür geeignete Texte suchen. Und selbst Pfarrer(innen) kommen immer wieder einmal in die Lage, dass sie – z.B. wegen eines Krankheitsfalles – ganz kurzfristig einspringen und einen kompletten Gottesdienst halten müssen, auf den sie sich nicht in Ruhe vorbereiten konnten. Dafür sollten sie dann in diesem Band alle Texte, die sie benötigen – abgesehen von den Gebeten – gebrauchsfertig vorfinden. Das bedeutet auch, dass allen hier veröffentlichten Predigten passende Gesangbuchlieder, Wochenpsalmen und Schriftlesungen beigefügt sind.

Das hat überdies den Vorteil, dass Menschen für sich allein oder im Familienkreis nicht nur eine Predigt lesen, sondern auch den Gottesdienst aus der Ferne mitfeiern können. Dem dienen auch die jeweils angegebenen beiden Schriftlesungen. Für die evangelische Kirche, die sich selbst als „Kirche des Wortes“ versteht, wäre es ein Gewinn, wenn wieder in jedem Gottesdienst ein alttestamentlicher Text, eine neutestamentliche Epistel und ein Evangelientext zu Gehör kämen. Das könnten wir von der römisch-katholischen Kirche lernen.

Über die genannten Verwendungszwecke hinaus kann ich mir gut vorstellen, dass Prediger(innen), die sich mit einem bestimmten Text oder Fest des Kirchenjahres schwer tun, hier Anregungen finden können, die sie mehr oder weniger (un)verändert in einer eigenen Predigt verarbeiten oder als eigene Predigten übernehmen. Mit der Veröffentlichung dieses Bandes sind die darin enthaltenen Predigten insofern zum Allgemeingut geworden, als sie ungehemmt benutzt werden können und sollen. Alle Predigten und Gottesdienstelemente wurden in der Praxis erprobt und bieten insofern eine gewisse „Gewähr“.

Die meisten Predigten entstanden in diesem Jahrhundert. Davon macht nur eine Predigt eine deutliche Ausnahme. Bei der Vorbereitung dieses Bandes fand ich die Predigt wieder, die ich vor mehr als 50 Jahren als meine erste Predigt im Theologiestudium verfertigt und eingereicht hatte. Und da ich mich mit ihr – zu meiner eigenen Überraschung – noch gut identifizieren kann, habe ich sie mit in diesen Band aufgenommen. An einem altertümlichen Wort, das mehrfach in ihr vorkommt, erkennt man, dass sie schon vor langer Zeit entstanden sein muss.

Dieser Predigtband ist in zweierlei Hinsicht eine Gemeinschaftsarbeit zwischen meiner Ehefrau, Dr.Ilze K¸ ezbere-Härle, und mir. Zum einen haben wir fast alle Predigten während ihrer Entstehung miteinander besprochen und waren wechselseitig unsere ersten Predigthörer. Zum anderen stammen vier Predigten ganz von meiner Frau, und zwar die Predigten zu Silvester, Epiphanias, Gründonnerstag und Karfreitag („Teure Gnade“). Angesichts des Anteils am Gesamtumfang bezeichnet sie diese vier Predigten gerne als ihren „Zehnten“.

In den Predigten kommen häufig Klammerzeichen vor. Meist umschließen sie Bibelstellen oder knappe Literaturangaben, die der Information dienen, aber im Gottesdienst nicht vorgelesen werden sollten. Gelegentlich stehen in den Klammern auch kurze Textstücke, auf die man beim Vorlesen verzichten kann, wenn man das möchte, ohne dass dadurch der Sinnzusammenhang gestört wird oder verloren geht.

Das Verzeichnis der Bibelstellen dient dazu, einerseits die Predigttexte anhand der fettgedruckten Stellenangaben „auf einen Blick“ zu finden und andererseits auch solche Bibelstellen zu entdecken, die in Predigten vorkommen, ohne dass sie selbst Predigttexte oder Teile davon sind.

Verlegerisch ist die Veröffentlichung von Predigtbänden im Allgemeinen ein Risiko. Dass die Evangelische Verlagsanstalt dieses Risiko ohne zu zögern eingegangen ist, verdanken wir Frau Dr.Annette Weidhas. Von ihr stammt auch die Idee, dem Predigtband eine kurze Anleitung zur Erarbeitung von Predigten über biblische Texte beizufügen. Ich habe diese Anregung gerne aufgenommen, weil damit einerseits unsere eigene Arbeitsmethode durchsichtig wird und andererseits vielleicht ein kleiner Beitrag dazu geleistet werden kann, auch Menschen, die kein Theologiestudium absolviert haben oder deren Studium schon weit zurück liegt, zur Schriftauslegung zu ermutigen. Diese sollten sich vom Zutrauen in den Reichtum der biblischen Botschaft und in die Ergiebigkeit des Wortlauts der biblischen Texte inspirieren lassen.

Zu danken haben wir als Autoren zusammen mit dem Verlag für die Bereitschaft mehrerer Landeskirchen bzw. Dekanate und des Augustinum, München, durch Mindestabnahmen einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit dieses publizistischen Vorhabens zu leisten. Dafür sei namentlich (in alphabetischer Reihenfolge) gedankt: Frau Dr.Christiane Braungart, Herrn Vizepräsident Dr.Friedrich Hauschildt, Herrn Pfarrer Randolf Herrmann, Herrn OKR Dr.Matthias Kreplin, Herrn Schuldekan Herbert Kumpf, Herrn Prof.Dr.Markus Rückert, Herrn Dekan Klaus Schlicke, Frau Pfarrerin Irene Silbermann, Herrn Dekan Hans Stiegler, Herrn OKR Dr.Eberhard Stock und Herrn Dekan Volker Teich.

Danken möchten meine Frau und ich ferner Frau Pfarrerin Iris Habersack, die – wie schon bei einem früheren Anlass – die Last des Korrekturlesens mit uns geteilt hat. Damit sind auch diesem Buch ihr genauer Blick und ihr Urteilsvermögen zugute gekommen.

Der Titel dieses Predigtbandes („Mit dem Herzen sehen“) kommt sinngemäß in mehreren Predigten vor (S.103, 179f. u. 314). Er hat seine Wurzeln sowohl in den „erleuchteten Augen des Herzens“, von denen in Epheser 1,18 die Rede ist, als auch in der ebenso wahren wie schönen Aussage des Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Und beides passt gut zu der grundlegenden alttestamentlichen Aussage aus 1. Samuel 16,7: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“

Die zunehmende digitale Kommunikation in unserer Lebenswelt ist für ein solches Sehen mit dem Herzen nicht unbedingt förderlich. Deshalb sollten viele Möglichkeiten geboten werden, es neu zu entdecken und einzuüben. Predigten über biblische Texte bieten dafür eine gute Hilfe.

Ostfildern, Pfingsten 2015

Wilfried Härle

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Einleitung

Der sanftmütige König

(Erster Advent und Palmsonntag: Mt 21,1–11)

Gott ante portas

(Zweiter Advent: Offb 3,20)

Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen

(Dritter Advent: Joh 3,22 f.26–31)

Grund zur Freude

(Vierter Advent: Phil 4,4–7)

Wie kamen Ochs und Esel an die Krippe?

(Heiliger Abend: Jes 1,2 f.)

Wenn aus Knechten Kinder werden

(Erster Weihnachtstag: Gal 4,4–7)

Gottes Herzensabdruck

(Zweiter Weihnachtstag: Hebr 1,1–4)

Wer kennt Gott?

(1. Sonntag nach Weihnachten: 1Joh 4,1–3a.6b–11)

Auf der Schwelle

(Silvester: Der du die Zeit in Händen hast, EG 64,1–6)

Annehmen und Aufnehmen

(Neujahr: Röm 15,7)

Sternstunden

(Epiphanias: Mt 2,1–12)

Gott von hinten sehen

(2. Sonntag nach Epiphanias: 2Mose 33,17b–23)

Gerechtigkeit oder Güte?

(Septuagesimä: Mt 20,1–15)

„Automatisch“

(Sexagesimä: Mk 4,26–29)

Prüfung bestanden

(Invokavit: Mt 4,1–11)

Ersterben, nicht absterben

(Lätare und Karfreitag: Joh 12,20–26)

Bin ich’s?

(Gründonnerstag: Mk 14,17–26)

Teure Gnade

(Karfreitag: 2Kor 5,14b–21)

Auferstehung als Erhöhung

(Ostersonntag: 1Kor 15,20–28)

Am Brotbrechen erkannt

(Ostermontag: Lk 24,13–35)

Der gläubige Thomas

(Quasimodogeniti: Joh 20,19 f.24–29)

Der unbekannte Gott

(Jubilate: Apg 17,16–34)

Ein sanftes Joch

(Kantate: Mt 11,25–30)

Im Namen Jesu beten

(Rogate: Joh 16,23b–27)

Himmelfahrtsbotschaften

(Christi Himmelfahrt: Mt 28,16–20)

Abschied der dritten Art

(Exaudi: Joh 15,26–16,4)

Durchs Herz

(Pfingsten: Apg 2,22 f.32 f.36–39)

Die Dreieinigkeit Gottes verstehen

(Trinitatis: Mt 16,13–17)

Hirten und Erntehelfer gesucht

(1. Sonntag nach Trinitatis: Mt 9,35–10,1.5–7)

Selber schuld?

(3. Sonntag nach Trinitatis: Hes 18,1–4.21–24.30–32)

Wo können wir Gott begegnen?

(6. Sonntag nach Trinitatis: Ps 139,1–18.23–24)

Vom Ort zur Art der Anbetung

(10. Sonntag nach Trinitatis [Israelsonntag] oder Pfingstmontag: Joh 4,19–26)

Die drei Bestimmungen des Menschen

(15. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 2,4b–9.15–25)

Reich sein bei Gott

(Erntedankfest: Lk 12,13–21)

Den Jerusalemsberg ganz hinunter

(Erntedankfest: Luthers Auslegung des 1. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus)

Alle Heiligen

(Reformationstag und Allerheiligen: 1Kor 4,1–5)

Die Geistes-Gabe

(Buß- und Bettag: Lk 11,9–13)

Scheiden, nicht schneiden!

(Ewigkeitssonntag und Sexagesimä: Hebr 4,9–13)

Ein Gott der Lebenden

(Gedenktag der Entschlafenen: Mk 12,18–27)

Amen

Kurze Anleitung zur Erarbeitung von Predigten über biblische Texte

Verzeichnis der Bibelstellen

Die Autoren

Weitere Bücher

Fußnoten

ERSTER ADVENT UND PALMSONNTAG

Der sanftmütige König

Predigttext: Matthäus 21,1–11

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa.

Liebe Gemeinde,

mit der Erzählung von Jesu Einzug in Jerusalem nach dem Matthäusevangelium beginnt die Adventszeit. Mit derselben Erzählung nach dem Johannesevangelium (Joh 12,12–19) wird aber auch am Palmsonntag die Karwoche beginnen. Das empfinden viele Menschen, denen das bewusst wird, als eine enorme Spannung, ja geradezu als einen Widerspruch. Worauf sollen wir denn durch diese Erzählung eingestimmt und vorbereitet werden – auf die Geburt Jesu, auf sein Kommen in die Welt und damit auf die große Freude von Weihnachten oder auf die Passion Jesu, auf sein Leiden und Sterben und auf die damit verbundene Trauer und Klage?

Die liturgische Ordnung der Predigttexte entzieht sich diesem „Entweder/​Oder“, weil sie darauf aufmerksam machen will, dass zwischen beidem, zwischen Krippe und Kreuz, ein tiefer innerer Zusammenhang besteht, der uns leicht aus dem Blick zu geraten droht. Das zeigt sich auch daran, dass wir oft die Adventszeit wie eine vorgezogene Weihnachtszeit empfinden und begehen. Den wenigsten Menschen ist es bewusst, dass die Adventszeit (ebenso wie die Passionszeit) eine Buß- und Fastenzeit ist. Die Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem stellt uns vor die Herausforderung, diesen Zusammenhang zu bedenken.

Der Schlüssel zum Verstehen dieses Zusammenhangs liegt in einer Eigenart dieser Erzählung, die in den Evangelien geradezu einmalig ist: Jesus setzt sich in Szene, er verschafft sich einen öffentlichen Auftritt. Und wir bekommen als Leser und Hörer durch einen Blick hinter die Kulissen Anteil daran, wie Jesus den Einzug in die Hauptstadt bewusst vorbereitet. Jesus benutzt dabei zwei Stellen aus dem Alten Testament, also aus der damaligen Bibel, um das „Drehbuch“ für diesen Auftritt zu entwerfen.

Er greift erstens zurück auf die Szene, in der der sterbende Erzvater Jakob einst seinen Sohn und Haupterben Juda segnete (1. Mose 49,10f.) und sagte: „Es wird das Zepter nicht von Juda weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis dass der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen. Er wird seinen Esel an den Weinstock binden und seiner Eselin Füllen an die edle Rebe.“ Dieses Segensmotiv aus der Erzvätergeschichte nimmt unsere Erzählung dort auf, wo Jesus zwei seiner Jünger in das Dorf vorausschickt, um eine angebundene Eselin und ihr Füllen loszubinden und sie zu Jesus zu bringen. Jesus will diese beiden Tiere für seinen Einzug benutzen. Das heißt: Das, was Jakob im Juda-Segen von dem verheißenen messianischen König sagt, nimmt Jesus für sich in Anspruch, indem er diese Tiere losbinden und zu sich bringen lässt, um auf ihnen nach Jerusalem einzureiten.

Und fast noch deutlicher ist in unserem Predigttext zweitens die Anspielung auf die Weissagung aus dem Propheten Sacharja, die wir vorhin in der alttestamentlichen Schriftlesung gehört haben: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ Matthäus hat diese Weissagung in die Erzählung eingefügt und dazu ausdrücklich bemerkt, das sei geschehen, damit jenes Prophetenwort erfüllt würde. Er nimmt das so wörtlich, dass man den Eindruck bekommen muss, Jesus reite auf beiden Tieren, der Eselin und dem Füllen zugleich, was man sich nur schwer vorstellen kann. Aber so kann man die alttestamentliche Textvorlage missverstehen.

Gerade solche Details zeigen: Hier existiert ein „Drehbuch“, und zwar das von dem lange erwarteten, nun endlich kommenden Messias, der die Kampfwagen und Rosse fremder Mächte aus Jerusalem hinauswirft, die Kriegsbogen zerbricht und Frieden bringt für alle Völker. Anhand dieses Drehbuchs inszeniert Jesus seinen Einzug in Jerusalem, und die Menschen verstehen offenbar sofort, was hier „gespielt“ wird – auch ohne Worte. Sie reißen sich die Kleider vom Leib, hauen Zweige von den Bäumen, breiten das alles wie einen (roten) Teppich vor Jesus aus und schreien in Sprechchören: „Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.“ Indem sie ihn den „Sohn Davids“ nennen, der im Namen Gottes kommt, ist klar: Sie haben verstanden, dass der, der hier so einzieht, als der Messias kommt. Wenn das nicht Grund zur Aufregung und zum Jubel ist!? Matthäus schreibt: die ganze Stadt sei in Erregung geraten, und er verwendet dafür das Wort, mit dem man Erdbeben beschreibt, das heißt: die Stadt bebte und erzitterte.

Aber umso mehr fällt das andere, das Spannungsvolle auf: Der Messias kommt – nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel oder sogar Eselsfüllen. Zu einem Angriff gegen die militärische Macht der Römer sind diese Tiere jedenfalls gänzlich ungeeignet. Wahrscheinlich gelingt damit noch nicht einmal eine ordentliche Flucht – besonders wenn man das Störrische dieser Tiere mit in Betracht zieht. Eine Bedrohung geht von ihnen jedenfalls nicht aus.

Und wo sind die Truppen dieses Messias? Wo ist sein Hofstaat? Wo ist sein Gefolge? Sollen das die Fischer aus Galiläa sein, die ihn begleiten? Will er mit denen die militärische Weltmacht Rom vertreiben und den Frieden bringen? Gehört dazu nicht ein ganz anderer Herr und König als der galiläische Zimmermann, von dem es heißt, er sei „sanftmütig“?

Wenn man das so auf sich wirken lässt, stellt sich irgendwann die Frage: Ist dieser ganze Einzug nicht vielleicht eine Parodie auf die jüdische Messiashoffung? Sollen die alttestamentlichen Weissagungen durch diesen „bettel König“, wie Luther ihn genannt hat, nicht geradezu lächerlich gemacht werden? Und ist es nicht tatsächlich Hohn und Spott – auch gemessen an der heutigen Situation im Nahen und Mittleren Osten, in der wir Tag für Tag brutale Morde, Attentate und Gewaltexzesse vorgeführt bekommen –, wenn einer auf einem Esel daherkommt und den Völkern so Frieden bringen will? Ist das nicht ein lächerliches oder gar ein lästerliches Schauspiel?

„Er hat Gott gelästert“, wird es wenige Tage später beim Prozess Jesu heißen. Damit ist dann das Todesurteil über ihn gesprochen. Und die, die eben noch begeistert „Hosianna“ geschrien haben, schreien nun „Kreuzige ihn!“ Unversehens ist aus der begeisterten Prozession ein tödlich endender Prozess geworden.

Die Soldaten werden dabei mit Jesus ihr Messias-Spiel treiben, indem sie den, der eben noch mit Geißeln die Händler und Wechsler aus dem Tempel trieb, selber blutig geißeln, indem sie ihm als Königsschmuck einen Purpurmantel umlegen und eine Dornenkrone aufsetzen und ihn raten lassen: „Wer war es, der dich schlug?“ Der als Friedenskönig nach biblischer Verheißung einzog, wird zum Spottkönig, den die Soldaten demütigen, indem sie ihn als der Juden König grüßen. Er, der anderen geholfen hat, kann sich selbst nicht helfen und stirbt mit dem Schrei nach Gott am Kreuz. Hat Jesus die alttestamentliche Weissagung parodiert, und ist dann aus dem Spiel bitterer, tödlicher Ernst geworden?

Im Gegenteil! Er hat die alttestamentliche Weissagung vom Friedenskönig ernst genommen, so ernst, dass er sie buchstäblich auf sich bezogen hat. Darin bestand seine angebliche „Gotteslästerung“, die ihn das Leben kostete.

In unserem Predigttext schneiden sich zwei Linien, die beide Jesu Leben von Anfang an charakterisieren und bestimmen und ein Kreuz bilden: Die eine Linie wird dargestellt durch den Königstitel, den ihm schon die Weisen aus dem Morgenland zum Schrecken von Herodes und ganz Jerusalem zusprachen: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ (Mt 2,2f.) Und am Ende wird über seinem Kreuz auf Anordnung von Pilatus stehen: „Dies ist Jesus, der Juden König“. (Mt 27,37) Wie ein senkrecht aufgerichtetes Zeichen begleitet dieser Königstitel das Leben Jesu vom Anfang bis zum Ende, obwohl an ihm doch so wenig Königliches nach menschlichen Maßstäben wahrzunehmen ist.

Und dann gibt es da die andere, die dazu quer verlaufende Linie, für die im Lukasevangelium die Krippe steht, und die Matthäus mit einem Wort bezeichnet, das er besonders liebt: „sanftmütig“. So sagt Jesus in seiner anrührenden Einladung an die Mühseligen und Beladenen: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; kommt her zu mir, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Mt 11,28f.). Und darum preist Jesus in der Bergpredigt die Sanftmütigen. Sie sind selig, „denn sie werden das Erdreich besitzen“ (Mt 5,5).

Diese beiden Linien: die Königslinie und die Linie der Sanftmut schneiden sich in der Erzählung vom Einzug in Jerusalem: „Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig.“ Und sie bilden miteinander das Kreuz, an dem der sanftmütige König der Juden wenige Tage später hingerichtet werden wird. Spannungsvoll und paradox ist das allemal, aber gerade deshalb eine tiefe Wahrheit. Es waren und sind letztlich immer wieder die sanftmütigen Könige, die unsere Welt zum Besseren verändert haben, auch wenn man manchmal lange darauf warten musste.

Von Stalin wird der Spruch überliefert: „Wie viele Bataillone hat der Papst?“ Man kann sich das dröhnende Lachen gut vorstellen, das diese rhetorische Frage unter den Generälen Stalins ausgelöst haben wird. Aber die Macht, für die ein Papst wie Johannes PaulII. einstand, brauchte keine Bataillone, sondern den Mut und die Überzeugungskraft des befreienden Wortes, das die Wahrheit spricht, und dem konnte auch ein bis an die Zähne bewaffneter Kommunismus nicht widerstehen.

Das Warten, das zum Advent gehört, lohnt sich. Denn: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“

Lieder: EG 1,1–5; EG 13,1–3 oder EG 14,1.2.5; EG 9,1–3.5; EG 421

Wochenpsalm: 24

Schriftlesungen: Sacharja 9,8–10 und Römer 13,8–12

ZWEITER ADVENT

Gott ante portas

„… ante portas“ / ​„vor den Toren“ – dieser Ruf, liebe Gemeinde, verheißt normalerweise nichts Gutes – egal, ob damit, wie im alten Rom, der nordafrikanische Heerführer Hannibal mit seinen Truppen gemeint war, der die Tore Roms berannte, oder ob damit – scheinbar heiter – Loriots „Papa“ angekündigt wird, der wegen seiner absurden Sparsucht in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wird und nun gegen die häuslichen Türen anrückt. Bedrohlich war und ist beides – jedenfalls für die Betroffenen, amüsant allenfalls für die Zuschauer.

„Gott ante portas“ – klingt das auch bedrohlich oder eher einladend und neugierig machend? Das hängt wohl davon ab, ob ein Mensch mit dem Wort „Gott“ überhaupt noch etwas, und wenn ja, etwas Positives verbindet und anfangen kann. Manche Menschen haben wohl gar kein Interesse mehr an diesem ungebetenen Gast. Und für die anderen hängt es wohl von ihrem Gottesbild und ihrer Gottesbeziehung ab, was der Gedanke an einen solchen Besuch bei ihnen auslöst. Beschleicht uns da eher das Gefühl, bedrängt und bevormundet zu werden, oder Freude, wie das der Fall ist, wenn wir das Anklopfen eines Gastes hören, den wir sehnlich erwarten? Dazu hören wir als Predigttext aus der Offenbarung des Johannes im 3. Kapitel Vers 20:

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.

Das klingt nicht schlecht: „Ich werde hineingehen und das Mahl mit ihm halten und er mit mir.“ Also ein gemeinsames Essen, ein richtiggehendes Festmahl wird angekündigt für den Fall, dass die Tür geöffnet wird und dem Anklopfenden Einlass gewährt wird. Und es wird auch klar, wer hier spricht und seinen Besuch ankündigt: Es ist der auferstandene Christus, der vor der Türe steht und anklopft. Und hinter der Tür befindet sich offensichtlich die Gemeinde von Laodizea, an die diese Botschaft gerichtet ist. Dass ihr etwas so Positives, Erfreuliches angekündigt wird, ist erstaunlich; denn im Anfangsteil dieses Sendschreibens hat diese Gemeinde ein ganz negatives, geradezu vernichtendes Zeugnis ausgestellt bekommen: Sie sei weder warm noch kalt, sondern lau, und darum werde Christus sie – es klingt fast angeekelt – ausspeien aus seinem Munde. Und noch etwas anderes wird ihr vorgehalten: Sie denke viel zu hoch von sich selber, halte sich für satt und reich, sei der Meinung, nichts zu brauchen, in Wirklichkeit sei sie jedoch elend und jämmerlich, arm, blind und bloß. Selbstgefällige Scheinchristen mit nichts dahinter, so werden die Mitglieder der Gemeinde aus Laodizea beurteilt, und vor deren Tür steht Christus, klopft an und begehrt Einlass!?

Wenn jemand, der so über mich denkt, bei mir anklopft, dann erwarte ich nichts Gutes. Aber der Christus, der hier vor der Tür steht, kündigt eine gemeinsame festliche Mahlzeit an, wenn er nur hereingelassen wird. Das ist schon ein überraschendes Szenario.

Aber unüblich ist auch, dass Christus im Bild eines Anklopfenden dargestellt wird, d.h. als einer, der weder durch verschlossene Türen hindurchgeht noch sie mit einem Zauberspruch oder gar mit Gewalt öffnet, sondern vor verschlossenen Türen stehen bleibt, anklopft und darauf wartet und hofft, dass Menschen die Tür öffnen und ihn einlassen. Dieses ausdrucksstarke Bild hat Maler vergangener Jahrhunderte immer wieder dazu veranlasst, diese Szene im Stile ihrer Zeit ins Bild zu setzen.

Was ist so bemerkenswert an diesem Bild vom anklopfenden Christus, durch den Gott selbst zum Menschen kommt?

Erstens: Wer vor einer Türe stehen bleibt und anklopft, ergreift die Initiative und gibt zu erkennen, dass er gerne eingelassen werden möchte. Er geht weder an der geschlossenen Türe vorbei noch bleibt er still und tatenlos vor ihr stehen, vielleicht in der Hoffnung, dass die Türe zufällig von selbst geöffnet wird, sondern er signalisiert von sich aus Interesse an einer Begegnung. Der Anklopfende gibt ein deutliches Zeichen dafür, dass er Kontakt sucht und Kontakt aufnehmen will. Die Initiative beim Anklopfen geht von dem aus, der vor der Türe steht, nicht von dem, der sich hinter der Türe aufhält. – Und so kommt Gott! Es ist ihm nicht gleichgültig, ob es zur Begegnung und Gemeinschaft zwischen ihm und uns kommt. Er möchte zu uns kommen.

Zweitens: Wer vor einer Türe stehen bleibt und anklopft, weiß entweder, dass die Türe sich nur von innen öffnen lässt und er deswegen gar keine andere Chance hat, hineinzukommen, oder er beachtet eine elementare Regel der Höflichkeit: Er respektiert den Lebensraum oder den Hausfrieden eines anderen Menschen, tritt nicht ein, ohne aufgefordert zu sein. Wer anklopft, anerkennt, dass er kein Recht dazu hat, in das Leben – in den Lebensraum oder in das Innenleben – eines anderen Menschen ohne dessen Erlaubnis einzudringen. Wer anklopft, achtet diese Lebensbereiche, will den anderen Menschen nicht stören, nicht in Verlegenheit bringen oder überrumpeln. – Und so kommt Gott! Anklopfend, d.h. er kommt nicht gegen unseren Willen. Er möchte nur Gemeinschaft mit uns haben, wenn wir dazu auch „Ja“ sagen.

Drittens: Wer vor einer Türe stehen bleibt und anklopft, muss unter Umständen warten, vielleicht sogar lange. Es gibt zwar auch ein rüdes Anklopfen, eher ein Trommeln oder Schlagen gegen Türen, wie bei einer Festnahme, einer Razzia oder einem Überfall. Aber von einem solchen Gott und von einem solchen Anklopfen ist hier nicht die Rede. Dieses Klopfen ist nicht der Auftakt zum Aufbrechen der Tür, sondern ist der Beginn des Wartens, ob da jemand hört und öffnet. Es könnte doch sein, dass gar niemand da ist hinter der Tür oder dass die Person nicht hört oder nicht aufmachen will. Das kennen wir, wenn wir in einem Amt, einer Behörde, einer Klinik vor eine Tür geraten mit dem Schild: „Bitte anklopfen und warten. Erst nach Aufforderung eintreten.“ Und da klopft man dann und hört vielleicht Stimmen oder auch Gelächter hinter der Tür, aber noch lange kein „Herein!“. Je nach Temperament und Einstellung wird man geduldig weiterwarten, noch einmal vernehmlicher klopfen oder schließlich doch den Kopf durch die Türe stecken und fragen, wann es denn endlich weitergehe. Und die Reaktionen darauf können auch sehr unterschiedlich ausfallen. Dieses Wartenmüssen vor Türen empfinden viele Menschen als ärgerlich, ja geradezu als demütigend. Sie fühlen sich abhängig und klein gemacht. – Und so kommt Gott! Er kommt in der Rolle des Bittstellers, der eintreten möchte, aber geduldig wartet, bis er eingelassen wird.

Viertens: Wer vor einer Tür stehen bleibt und anklopft, nimmt die Möglichkeit in Kauf, ausgeschlossen zu bleiben, keinen Zutritt zu bekommen, abgewiesen zu werden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich das erste Mal an der Tür zum Kinderzimmer unserer beiden ältesten Kinder, die noch im Vorschulalter waren, anklopfte. Da war so etwas wie ein stolzes Erstaunen in ihrem Gesicht: „Sind wir jetzt schon so groß, dass wir selbst darüber entscheiden können, ob unser Vater in unser Zimmer kommen darf oder nicht!?“ Das gibt ein gutes Gefühl, wenn es wirklich ernst gemeint und kein bloßes Spiel ist, das nur so lange gespielt wird, wie die Erwachsenen mit einem „Herein!“ sicher rechnen dürfen. Wer im Ernst anklopft und nicht nur spielt, muss mit der Möglichkeit rechnen, dass er ausgeschlossen bleibt, vielleicht für immer. – Und so kommt Gott! Er verschafft sich nicht mit Gewalt Zutritt, sondern nimmt es hin und erträgt es, ausgeschlossen zu werden und ausgeschlossen zu bleiben. Ist das nicht ein schwächlicher, ohnmächtiger, geradezu lächerlicher Gott? „Draußen vor der Tür“, so hat der 26-jährige Wolfgang Borchert, der an Leib und Seele todkrank aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, diese Situation anhand der Gestalt des Russlandheimkehrers Beckmann eindrucksvoll beschrieben. Und Borchert wagt es, in diesem Stück Gott selbst auftreten zu lassen, einen ohnmächtigen, hilflosen Gott, der weinerlich darüber klagt, dass seine Kinder ihn nicht hören. „Auch Gott steht draußen, und keiner macht ihm mehr eine Tür auf“, sagt Beckmann und wendet sich damit enttäuscht von Gott ab und dem Tod zu.

„Wie kann Gott das zulassen?“ – „Wenn es einen Gott gäbe, wie könnte er zulassen, dass es in unserer Welt so zugeht?“ Ich habe den Eindruck, dass das – von gedankenlosen Redensarten abgesehen – die häufigste Form ist, in der heute nach Gott gefragt wird. Das haben wir alle schon oft gehört, vielleicht manchmal selbst gesagt, jedenfalls aber gedacht. Ein allmächtiger, gütiger, gerechter Gott müsste doch endlich einmal auf den Tisch hauen, Ordnung schaffen, Gut und Böse angemessen belohnen und bestrafen, dürfte sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen.

Aber ein Gott, der vor der Tür steht, der anklopft und wartet, weil er nur dann zu uns kommen will – oder kommen kann? –, wenn er in Freiheit eingelassen und aufgenommen wird, den empfinden viele Menschen als eine schwache, lächerliche, vielleicht sogar verachtenswerte Gestalt. Mit einem solchen Gott können sie nicht viel anfangen, weil er ihrem Gottesbild nicht entspricht, sondern geradezu widerspricht.

Aber kennen wir das nicht aus unseren besten Erfahrungen, dass uns gerade Zuneigung und Liebe dann und deshalb so tief in unserem Herzen erreichen, wenn und weil sie freiwillig gegeben werden und nur in Freiheit gegeben und empfangen werden können?

Dieser Predigttext lädt dazu ein, manches mitgebrachte Bild von Gott in Frage zu stellen. Wenn schon in wichtigen zwischenmenschlichen Beziehungen gilt, dass das nichts wert ist, was wir uns mit Drohung erzwingen, mit List aneignen oder mit Gewalt nehmen – wie könnte es da in der grundlegendsten, das Leben tragenden Beziehung zu Gott und in Gottes Beziehung zu uns anders sein?

Dass Gott uns nicht besiegen, sondern dass er uns gewinnen will, das sagt mehr über das Wesen Gottes aus, als man vielleicht auf den ersten Blick erkennt. Es lässt einen Blick in das Herz Gottes tun. So ist der Gott, der zu uns kommen will. Er steht vor der Tür, klopft an und wartet, dass wir ihm auftun.

Ich glaube übrigens, dass unter uns viele sind, die das Anklopfen schon gehört, die Tür geöffnet und das Mahl mit Christus gefeiert haben und die deshalb auch wissen, dass die Kosten für dieses Festmahl nicht wir zu tragen haben.

Vor einiger Zeit nahm ein junger Mann, der intellektuell stark behindert war, an einer Abendmahlsfeier teil. Als der Pfarrer ihm die Oblate reichen wollte, zögerte er, sie anzunehmen und fragte den Pfarrer: „Was kostet das?“ Der Pfarrer gab dem jungen Mann eine wunderbare Antwort. Er sagte nicht: Das kostet nichts, oder: Das ist umsonst. Er sagte stattdessen: „Das ist schon bezahlt.“

Das gilt für jedes Abendmahl, das Christus mit uns feiert: Es ist schon bezahlt. Wir sind eingeladen.

Lieder: EG 11,1–4; EG 10,1–4; EG 392,1–4; EG 1,5

Wochenpsalm: 80

Schriftlesungen: Hosea 11,1–11 und Markus 9,33–37

DRITTER ADVENT

Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen

Liebe Gemeinde,

die merkwürdige Gestalt Johannes des Täufers, der am Rand der Wüste von Heuschrecken und wildem Honig lebt, begegnet uns im Lauf des Kirchenjahres gleich zweimal: zum Johannisfest mitten im Jahr, an der Sommersonnenwende, und im Advent, kurz vor Weihnachten. Beide Male gedenken wir seiner als des größten Propheten an der Grenze vom Alten zum Neuen Bund und als des Vorläufers und Wegbereiters Jesu. Das hat die Vorstellung geweckt, dass der Täufer Jesus vorangeht, und dass Jesus sein Wirken erst beginnt, nachdem der Täufer seines beendet hat. Das klingt nach einem friedlichen Nacheinander, frei von Konflikt und Konkurrenz.

Aber dieses Bild ist ergänzungsbedürftig. Wir gehen im Allgemeinen davon aus, dass die Jünger des Täufers nach dem Auftreten Jesu zu ihm überwechselten. Aber das stimmt zumindest nicht für alle; denn dazu passt schon nicht der Bericht aus Apostelgeschichte 19,1–7 (den wir vorhin als Schriftlesung gehört haben), dass Paulus auf seiner Missionsreise in Ephesus auf eine Gemeinde stieß, die nur die Taufe des Johannes kannte. Johannes hat offenbar weitergewirkt. Und wer eine aktuelle Statistik der Weltreligionen betrachtet, stößt dort auf die Mandäer, eine vor allem im Irak existierende Religionsgemeinschaft mit etwa 60.000 bis 80.000 Mitgliedern, die sich auch heute noch als Jünger Johannes des Täufers verstehen und dessen Taufe praktizieren. Das Wirken des Täufers ist also bis heute noch nicht an sein Ende gekommen.

Aber schon den Evangelien können wir entnehmen, dass es zwischen den Anhängern Johannes des Täufers und den Anhängern Jesu nicht nur einen friedlichen Übergang, sondern auch Rivalitäten und Konflikte gab. Etwas davon spiegelt unser heutiger Predigttext aus Johannes 3,22–23 und 26–31 wider:

Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte. Johannes aber taufte auch noch in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen. … Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm. Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen.

An diesem Text, liebe Gemeinde, wird erkennbar, was der Auslöser für die Auseinandersetzungen zwischen den Jüngern Johannes des Täufers und den Jüngern Jesu war: Johannes und Jesus taufen beide, aber der Täufer hat damit angefangen, Jesus kam erst später. Und beide sind mit ihren Taufen erfolgreich. Von Johannes heißt es: „sie kamen und ließen sich taufen“. Und von Jesus heißt es sogar: „er tauft, und jedermann kommt zu ihm“. So erzählen es die Jünger des Täufers ihrem Meister, und an der Übertreibung („jedermann kommt zu ihm“) merkt man, dass damit auch Konkurrenzneid geschürt wird. Wer ist erfolgreicher: der Täufer, der zuerst kam und dessen Kennzeichen die Taufe im Jordan war, oder Jesus, der erst später auftrat und den Taufritus übernahm? Damit ist eine Rivalität angesagt, wie wir sie aus vielen Lebenszusammenhängen (auch innerhalb der Kirchen) kennen, und die jeweiligen Anhänger verstärken diese Rivalitäten häufig noch. Man möchte schließlich zur erfolgreicheren Seite gehören.

Und wenn wir noch das heranziehen, was wir aus Lukas 1,36 erfahren, dass nämlich die Mütter von Johannes und Jesus, Elisabeth und Maria, miteinander verwandt waren, dann könnte man das leicht auch als einen Familienkonflikt verstehen.

Aber Johannes spielt da nicht mit. Er macht weder sein „Urheberrecht“ geltend, noch empört er sich über den, der ihm alles nachmacht und ihm dabei den Rang abläuft. Johannes wirkt erstaunlich gelassen und souverän. Erklärt sich das aus seinem sanftmütigen, duldsamen Naturell?

Nach allem, was wir von ihm wissen, war er weder duldsam, noch besonders sanftmütig. Als die Bevölkerung von Jerusalem zu ihm kommt, um sich taufen zu lassen, begrüßt er sie nicht wie ein freundlicher Pfarrer, der sich darüber freut, dass so viele gekommen sind, sondern er beschimpft sie als „Otterngezücht“ bzw. als „Schlangenbrut“ (Lk 3,7). Und dem König Herodes sagt er ins Angesicht, was er davon hält, dass der seinem Bruder die Frau Herodias ausgespannt hat: „Es ist nicht recht, dass du die Frau deines Bruders hast.“ (Mk 6,18) Und das hat den Täufer dann bekanntlich ja sogar den Kopf gekostet. Nein, an Mut und Konfliktbereitschaft hat es ihm wahrlich nicht gefehlt, aber mit Jesus rivalisiert und konkurriert er nicht. Warum tut er das nicht?

Johannes selbst hat vier Antworten auf diese Frage gegeben, die untereinander zusammenhängen. Diese Antworten können für uns Hilfen sein, um ihn zu verstehen und um Konflikte und Rivalitäten, wie wir sie auch vielfach kennen, zu überwinden:

Seine erste Antwort heißt: „Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ (Joh 3,27) Damit anerkennt Johannes, dass es sich bei dem, was ihm und was Jesus als Auftrag, Fähigkeit und Erfolg gegeben ist, um – unterschiedliche – Gaben Gottes handelt. Wenn wir unsere Fähigkeiten so betrachten, können wir mit den Unterschieden besser umgehen, als wenn wir sie uns selbst – als unsere Leistungen und Verdienste – zuschreiben.

Die zweite Antwort des Täufers lautet: Ich taufe mit Wasser als Zeichen der Buße, er aber tauft mit dem Heiligen Geist (Joh 1,26 und 33). Und das ist ein grundlegender Unterschied. Zwar taufen auch Jesus und seine Jünger mit Wasser, aber sie geben mit ihrer Taufe zugleich etwas, was der Täufer offenbar nicht geben kann: den Geist Gottes, durch den ein Mensch so verändert wird, dass er zum Kind Gottes wird.

Die dritte Antwort des Täufers begründet, warum Jesus das kann, was dem Täufer nicht möglich ist: Jesus ist der Christus, also der Messias. Der Täufer ist nicht der Christus, sondern nur sein Wegbereiter (Joh 3,28), und damit unterscheidet er sich von dem, auf dessen Kommen er vorbereitet. Und er fügt dafür noch ein besonders schönes, anrührendes Bild an: Er vergleicht Jesus mit dem Bräutigam, der die Braut hat, und sich selbst – nicht mit dem unterlegenen Rivalen um die Braut, sondern – mit dem Freund des Bräutigams, der dabei steht und sich mit ihm freut (V. 29).

Und dann gibt Johannes noch eine vierte, die tiefste Antwort: „Wer von der Erde ist, der … redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen.“ (V. 31) Damit verweist der Täufer auf den unterschiedlichen Ursprung, die unterschiedliche Herkunft des Gottessohnes Jesus und des Priestersohnes Johannes, der zwar auch einen göttlichen Auftrag hat, aber nicht den Auftrag, als der Sohn Gottes in dieser Welt das Wesen Gottes zu verkörpern.

Wenn man diese vier Antworten des Täufers gehört hat und auf sich wirken lässt, dann überrascht nicht, welche Folgerung Johannes daraus zieht. Er sagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (V. 30)

Viele von uns kennen vermutlich die eindrucksvollen Bilder des Isenheimer Altars im Elsässischen Colmar, die Mattias Grünewaldt gemalt hat. Und wer einmal auf diesen Altarbildern Johannes den Täufer mit seinem überlangen Zeigefinger gesehen hat, der auf den Gekreuzigten verweist, der wird dieses Bild und die – auf Lateinisch – dazu geschriebenen Worte nicht mehr vergessen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Das ist ein beeindruckender, großer Satz, der sich nicht von selbst versteht.

Gewiss, es kommt auch bei uns gelegentlich, nach Weihnachten sogar häufig vor, dass wir sagen: „Ich muss abnehmen“, aber dann orientieren wir uns an unserem Körpergewicht oder -umfang und vergleichen ihn mit unserer Wunschvorstellung oder unserem Idealgewicht. Aber damit meinen wir nicht, dass unsere Bedeutung im Vergleich zu anderen abnehmen sollte. Das fällt den allermeisten Menschen ausgesprochen schwer. Aber es kann für unsere Beziehungen eine heilsame, befreiende Wirkung haben.

Und gerade das ist die besondere Botschaft dieses Mannes, dessen Gedenktag, der Johannistag mitten im Jahr, zwar der längste Tag ist, aber auch der, von dem ab die Tage kürzer werden. Und am Ende dieser Phase der immer kürzer werdenden Tage und der immer länger werdenden Nächte feiern wir Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu, von dem es im Gesangbuch heißt: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig – und nicht endlos – sein.“ (EG 56) Vom längsten, hellsten Tag geht es hinab zur längsten, dunkelsten Nacht. Und dort erst findet das Christfest statt, das Fest der Geburt des Sohnes Gottes, und von da ab nimmt das Licht wieder zu. Jesus Christus steht für diesen Aufstieg. Johannes der Täufer steht für den Abstieg, für das, was abnehmen muss, weil es an sein begrenztes Ziel gekommen ist.

Macht er sich damit nicht zu klein? Oder ist das gar einer der Fälle, über die Friedrich Nietzsche gespöttelt hat: „Wer sich selbst erniedrigt, der will erhöht werden“? Von solcher falschen Bescheidenheit kann ich in den neutestamentlichen Berichten über den Täufer keine Spur erkennen. Aber ich sehe auch nicht, dass der Täufer sich damit zu klein macht. Im Gegenteil: Er weiß, dass er zwar von Gott zu einem ganz wichtigen Amt und Dienst berufen ist, der Vorläufer und Wegbereiter des Messias zu sein. Aber er weiß auch, dass er nicht selbst der von Gott kommende und gesandte Messias ist. Das weiß er nicht nur, das anerkennt er auch. Und er erliegt nicht der Versuchung, selbst Messias spielen zu wollen, sondern er tut das, was er kann und was ihm aufgetragen ist.

Wer das für selbstverständlich hält, kennt – glaube ich – uns Menschen im Allgemeinen und kennt vielleicht auch sich selbst nicht sehr gut. Es gibt in uns ein Bedürfnis, einen Drang nach Geltung und Anerkennung, der umso größer wird, je weniger er gestillt und befriedigt wird. Und darum sind die meisten Menschen (auch in der Kirche!) nicht frei von Geltungssucht. Dass uns das füreinander nicht sympathischer macht, wissen wir wahrscheinlich, weil wir es ja an anderen immer wieder unangenehm erleben. Und vielleicht wissen wir es sogar von uns selbst und leiden darunter. Damit ist es zwar noch nicht überwunden, aber immerhin: Ein Anfang ist damit gemacht.

Bei Johannes dem Täufer, so wie wir ihn aus den neutestamentlichen Berichten kennenlernen, ist nicht nur ein Anfang gemacht. Er hat in der Begegnung mit Jesus Christus sein Maß gefunden und angenommen. Deshalb muss er mit dem Messias nicht rivalisieren und muss nicht selbst den Bräutigam spielen, der er nicht ist, sondern er gehört als Freund zum Bräutigam und kann sich darum mit ihm freuen. Er hat in der Begegnung mit Jesus Christus seinen Platz und Auftrag als Wegbereiter und Vorläufer Jesu gefunden und angenommen.

Der Täufer wird mir in dieser Hinsicht immer beeindruckender, je öfter ich mich mit ihm beschäftige. Macht es nicht sogar die Größe und die bleibende Bedeutung des Täufers auch für uns Christen aus, dass er zwar zum Alten Bund gehört, der auf das Kommen Jesu nur vorbereiten, es aber nicht vorwegnehmen kann und will? Wer so demütig ist, ist wahrhaft groß. Und deshalb können und wollen wir uns im Advent und am Johannistag mit großem Respekt vor Johannes dem Täufer verneigen und von ihm lernen.

Lieder: EG 12,1–4; EG 10,1–4; EGWü 680,1–4 („Brich herein, süßer Schein“); EG 141,1.3–6

Wochenpsalm: 85

Schriftlesungen: Jesaja 40,1–8 und 1. Petrus 1,8–12 oder Apostelgeschichte 19,1–7

VIERTER ADVENT

Grund zur Freude

Predigttext: Philipper 4,4–7

Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorget nichts! Sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden! Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!

Liebe Gemeinde,

Christen leben in dem Spannungsfeld zwischen dem ersten Advent Jesu Christi in Bethlehem und seinem letzten Advent am Ende der Zeiten. Deswegen hat es einen guten Sinn, wenn wir uns in der Vorbereitungszeit auf Weihnachten auch etwas davon sagen lassen, wie wir uns auf das letzte Kommen Jesu Christi vorbereiten können. Dass der Herr nahe ist, wie der Apostel Paulus in unserem Predigttext schreibt, ist – egal ob man die Worte eher im zeitlichen oder im räumlichen Sinn versteht – eine Verheißung, die unser Lebensgefühl und unsere Lebensführung bestimmen und prägen will.

Wie unser Leben aussehen kann und soll, wenn wir in dem Spannungsfeld des gekommenen und des wiederkommenden Jesus Christus stehen, davon will uns unser Text etwas sagen.

Als der Engel des Herrn den Hirten auf dem Felde die Geburt des Heilandes verkündigte, waren seine ersten Worte: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ (Lk 2,10) So ist immer, wo das Evangelium gepredigt wird – ausgesprochen oder unausgesprochen – das erste Wort: „Freut euch!“ So beginnt auch unser Predigttext: „Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch!“ Wo Menschen das Evangelium von Jesus Christus hören und ihm glauben, da brauchen sie sich nicht mehr zu fürchten und müssen nicht mehr trauern, sondern dürfen sich freuen. Es geht also nicht darum, dass uns Freude befohlen wird – das kann niemand erfolgreich machen, auch kein Apostel – sondern uns wird gesagt, dass wir Grund haben, uns zu freuen, uns also freuen dürfen, und zwar „in dem Herrn“. In diesen drei Worten wird uns gesagt: Ihr seid durch die Taufe und den Glauben mit Christus verbunden, ja in Christus. Er hat euer Leben in Ordnung gebracht. Das ist Grund zur Freude.

Aber der Mann, der diese Worte schreibt, hat an sich keinen Grund, sich zu freuen. Er sitzt im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, der mit Freispruch oder Todesurteil enden kann. Die Gemeinde in Philippi erleidet ebenfalls Verfolgungen um ihres Glaubens willen. Und trotzdem schreibt Paulus gerade an diese Gemeinde den Brief, in dem so viel von Freude die Rede ist, wie in keinem anderen seiner Briefe. Das tut er nicht, weil er sich über die drohend bevorstehende Hinrichtung freuen würde, oder weil er wollte, dass sich die Gemeinde über ihre Verfolgungen freuen soll, sondern weil er aus einer Freude lebt und seine Gemeinde auf diese eine Freude hinweisen will, die auch in Not und Leid, Verfolgung und Tod nicht vergeht, weil sie ihren Grund in Christus Jesus hat.

Nun können wir auch das Wort „allewege“ richtig verstehen, auf das wir gewöhnlich zuerst schauen mit der Frage: Wer kann das schon – sich immer und überall freuen? Damit ist nicht so etwas gemeint, wie die uns aus der Operette „Das Land des Lächelns“ bekannte Devise des Ostasiaten: „Immer nur lächeln und immer vergnügt“. Denn wo diese Devise praktiziert wird, da geht das nur um den Preis: „und niemals zeigen sein wahres Gesicht“, und „wie’s da drin aussieht, geht niemand was an.“ Christliche Freude ist geradezu das Gegenteil dieser Haltung, weil sie den Menschen nicht zur Verstellung und zum Heucheln verleitet, sondern Leid und Tränen ernst nimmt und dennoch so stark ist, dass sie den Menschen in seinem Kummer nicht versinken und verzweifeln lässt. Sie ist wie ein grundlegendes positives Lebensgefühl, weil sie aus der Verbindung zu Gott kommt, die uns Jesus Christus verkündigt und gebracht hat.

Diese Ausrichtung auf Jesus Christus hat aber auch Konsequenzen für das Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen. In unserem Abschnitt ist davon die Rede, dass die „Lindigkeit“ der Christen allen Menschen kundwerden soll. Was ist damit gemeint? Das griechische Wort, das an dieser Stelle im Urtext steht (to epieikes), ist schwer mit einem deutschen Begriff wiederzugeben, und das Wort „Lindigkeit“, das Luther hier verwendet, ist heute nicht mehr gebräuchlich und kaum noch verständlich – allenfalls als Adjektiv in Verbindung mit dem Substantiv „Lüftchen“.

Was meint Paulus mit dieser Aussage? Der Begriff stammt aus der Rechtssprache und bezeichnet die Tatsache, dass ein Mensch freiwillig auf die Durchsetzung seines Rechtsanspruches verzichtet. Für unser praktisches Verhalten gegenüber den Mitmenschen bedeutet das, dass wir in den kleinen und großen Konflikten unseres Alltags nicht auf unser Recht pochen, sondern zum Nachgeben, zum Einlenken und zum Suchen von Kompromissen bereit sein sollen. Vielleicht haben wir Angst, dass wir dann rettungslos unter die Räder kommen oder dass man uns für dumm verkauft. Das kann tatsächlich passieren. Aber wir haben vielleicht auch schon mehr als einmal erlebt, dass Nachgiebigkeit nicht nur mit Rücksichtslosigkeit oder mit Spott quittiert wird, sondern dass sie eine neue Atmosphäre schafft; dass die anderen stutzig werden und merken, dass unser Zusammenleben viel harmonischer wäre, wenn nicht jeder stur auf seinem Recht – oder was er dafür hält – beharrt, sondern dem anderen entgegenkommt, ihn respektiert und ihm vielleicht sogar Recht gibt. Merken wir, dass es auch bei der Nachgiebigkeit nicht um etwas geht, was uns im Befehlston abverlangt wird, sondern dass wir hier eine Möglichkeit gezeigt bekommen, wie wir dem anderen im Sinne der Bergpredigt entgegenkommen können, ohne dass wir und er fortgesetzt über unser dickes Ich stolpern müssen, kurz: dass wir nachgiebige Liebe üben können und dürfen.