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Böhmen, spätes Mittelalter: Jan fiebert dem Tag entgegen, an dem er endlich die Klosterschule verlassen und seinen Vater suchen kann, der als einer der führenden hussitischen Kämpfer in einem Burgverlies gefangen gehalten wird. Jan will ihn befreien. Zusammen mit seinem Freund Henning flieht er aus dem Kloster und schließt sich dem Heer der Hussiten an, das von Monat zu Monat erstarkt, bis es die Burg zu erstürmen vermag. Jan ist dabei; als einer der Ersten sucht er nach dem versteckten Verlies. Kann er den Vater noch retten? Eine spannende Geschichte aus den ersten Jahren der Hussitenkriege in Böhmen. Das Buch erschien erstmals 1973 im Verlag Neues Leben Berlin in der Reihe „Spannend erzählt“ und wurde in der DDR als Ergänzungsliteratur zum Geschichtsunterricht angeboten. INHALT: Die Flamme von Konstanz Reif zum Schnitt Der Fenstersturz Der Weinstock und die Ziegenböcke Als die Posaunen zum dritten Mal riefen Um Leben und Tod Das verwunschene Schloss LESEPROBE: Hellwach, träumte Henning von dichtem kastanienbraunem Haar, das in der Sonne rötlich schimmerte, von braunen, abwesend blickenden Augen. Ich bin ihr gar nicht so gleichgültig, wie es aussieht, dachte er. Jan hat mir’s doch gesagt. Und ich hab’s selbst schon gemerkt, dass sie mich manchmal ansieht, als wolle sie auftauchen aus ihrem Dämmern. Sie kommt nicht drüber weg, sagt Jan. Ob sie wirklich von einem Geist besessen ist? Oder ob sie einen Racheplan ausdenkt? Er hielt das letzte durchaus für wahrscheinlich, obwohl er wusste, dass die Erwachsenen an einen bösen Geist glaubten, von dem Libusa besessen sei. Plötzlich schreckte Henning auf aus seinem Wachtraum. Da! Die Tür des Kriz-Hauses hatte sich geöffnet, schwacher Lichtschein fiel heraus, jemand trat auf die Straße. Finsternis dann. Undurchdringliche. Der dort herausgekommen war, ging ohne Laterne, ging allein. Beides, so dachte Henning, beides ist verdächtig. Denn normalerweise wird dem Besucher eines reichen Hauses heimgeleuchtet, von einem Diener. Man müsste wissen, wer das dort ist, dachte Henning. Schwere Schritte; vergeblich bemüht sich da ein Beleibter, leise aufzutreten. Die Schritte kommen näher ... Henning hielt den Atem an und starrte in die Dunkelheit. Aber erst als er die Schritte sich nähern hörte, sah er die Umrisse eines Menschen, der tatsächlich recht beleibt war und der ihm bekannt vorkam, schrecklich bekannt!
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2013
Elke Nagel (Willkomm)
Mit Feuer und Schwert
Erzählung aus der Zeit der Hussitenbewegung
ISBN 978-3-86394-200-7 (E-Book)
Das Buch erschien erstmals 1973 als Band 114 in der Reihe "Spannend erzählt" des Verlages Neues Leben Berlin.
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
Der Junge hetzte durch den Wald, so schnell es das dichte Gestrüpp und seine noch kurzen Beine zuließen. Er hatte seinen Verfolgern einiges voraus: Klein und wendig, ausdauernd, gewöhnt an vielerlei Strapazen, bekannt mit fast jedem Fleckchen dieses Waldes, vergrößerte er seinen Vorsprung von Minute zu Minute. Während die Reitknechte von gestürzten Baumriesen aufgehalten wurden und, einen Durchgang suchend, nach rechts und nach links ritten, erreichte Jan „seinen“ Baum, konnte ihn ungesehen ersteigen und sich in der dichten Krone niederlassen. Es gab hier eine Astgabelung, wie Jan sie sonst noch nirgendwo gefunden hatte, obwohl er vertraut war mit den Kronen vieler Bäume in der Nähe seines südböhmischen Heimatdorfes. Sie war stark und breit auseinandergebogen, sodass ein leichter Bub wie Jan, zwölf Jahre alt, bequem darauf sitzen konnte, angelehnt an ein dichtes Gewirr von Ästen und Blättern. Hoch aufgerichtet aber konnte er ein gut Teil des Waldes überblicken, ohne selbst gesehen zu werden.
Als er sich in Sicherheit wusste und ausruhen konnte, überfiel den Jungen plötzlich eine große Mutlosigkeit. Ihn bekamen sie nun nicht mehr. Nein, ihn nicht - aber den Vater! Hatten sie den Vater schon?
Weil sie darauf vorbereitet waren, hatten sie die Männer, die ihnen im Hohlweg auflauerten, zwar frühzeitig bemerkt, aber doch nicht zeitig genug! Der Vater war zur linken Seite den Hang hinauf geflohen, er, Jan, zur rechten. So hatten sie es für diesen Fall ausgemacht, vorher, als der Vater dem Jungen die mögliche Gefahr erklärte.
Denn der Vater war gewarnt worden, heute Mittag auf dem Markt in Sezimovo Ústi. Eier, Leinen und Wolle hatten sie verkauft, einen Teil der eingenommenen Groschen wieder für Salz ausgegeben. Da war ein Mann zwischen sie getreten, hatte dem Vater etwas ins Ohr geflüstert, war sofort wieder in der Menge verschwunden. Der Vater hatte kurz, laut und grimmig aufgelacht. Dann waren sie in die enge, winklige Gasse gegangen, in der Simon wohnte, bei dem sie Martinek treffen wollten.
Jan hatte den Mann auf dem Markt - er war klein und bucklig gewesen, mit einem jungen, guten Gesicht - schnell wieder vergessen über dem, was sie bei Simon, dem Schmied, von Martinek, dem Wanderprediger, erfuhren; denn der brachte aus Prag die Nachricht vom Tod des Magisters Jan Hus mit.
Der Scheiterhaufen, den die Kardinäle des Konstanzer Konzils ihrem verhassten Gegner angezündet hatten, war vor vierzehn Tagen niedergebrannt, die Asche des „hartnäckigen Ketzers“ in den Rhein gestreut worden, um jedes Andenken an ihn auszulöschen.
Aber an diesem Julinachmittag des Jahres 1415, in der kleinen südböhmischen Stadt Sezimovo Ústi, im Holzhäuschen eines seiner armen Bürger, brannte die Flamme von Konstanz weiter.
Sie brannte in Franticek, den man den Albigenser nannte, denn er glaubte, ein Nachkomme jener kühnen Aufrührer zu sein, die vor zwei Jahrhunderten in Südfrankreich gegen Mönche und Pfaffen gekämpft hatten. Sie brannte in Jan, Franticeks Sohn, den seine Freunde „Kleiner Magister“ nannten, weil er klug und redegewandt war und bei ihren Spielen immer Magister Jan Hus sein durfte, seit sie diesen vor zwei Sommern hatten predigen hören vor der Burg Kozi Hradec. Sie brannte auch in dem Schmied Simon, dem Freund aller Armen und Geschundenen, aller Ketzer und aller Aufrührer. Und hell loderte die Flamme des Konstanzer Scheiterhaufens in Martinek, der als Wanderprediger durch das Land zog, weil ihm das Geld fehlte, mit dem er sich hätte eine Pfarrstelle kaufen können. Seinen Predigten lauschten schon seit zwei Jahren Hunderte von Menschen Südböhmens, trafen sich auf freiem Feld oder auf verborgenen Plätzen tief im Wald, denn der Pan, Herr Oldrich von Rozmberk, auch der Abt des St.-Stephan-Klosters, sie schickten Bewaffnete, die Menge auseinanderzujagen.
Martinek, in der Hütte des Simon, sagte mit leiser, vor Erregung heiserer Stimme zu den beiden Männern und dem Jungen: „Sie haben ihn verbrannt, aber er hat die Wahrheit nicht geleugnet. Sie glaubten, sie könnten auch die Wahrheit verbrennen. Dabei sind es nicht Hunderte, sondern viele Tausende, die so denken wie er. Wie könnten sie da die Wahrheit verbrennen? Und überhaupt - sie lässt sich gar nicht verbrennen, die Wahrheit!“
Später, auf dem Heimweg, fragte Jan: „Sag, Vater, sie haben ihn verbrannt, weil er ein Ketzer war. Müssten sie uns da nicht auch verbrennen?“
„Warum?“
„Wer anderes glaubt oder lehrt, als die Kirche vorschreibt, den heißen sie einen Ketzer. Auch wir glauben anderes, gehen nicht mehr zum Pfarrer in die Kirche, sondern halten selbst Gottesdienst, dort hinten im Wald. Und anders als der Pfarrer sprecht ihr dort - Martinek oder du oder wer immer predigt!“
„Recht hast du, Junge“, sagte der Vater, „halb Böhmen ist heute ketzerisch, und ein Lob ist’s für jeden, den man Ketzer nennt! Aber können sie halb Böhmen verbrennen? Und wenn sie’s täten, Junge - es wäre ihr Ende! Wir glauben nicht mehr an die Unfehlbarkeit ihrer Päpste und Pfaffen, an ihre heuchlerischen Reden. Und auch daran glauben wir nicht mehr, Jan, dass unser Elend von Gott gewollt ist und so bleiben muss für alle Zeiten!“
Sie hatten die Stadt hinter sich gelassen und wanderten nordwärts. Der Weg führte durch Wälder und über gerodetes Land, auf dem das Korn schon reifte, über flache Hügel und durch sanft abfallende Täler. Zur Linken schimmerte ab und an die Luznice als silbernes Band durch das Grün der Bäume und Wiesen; zur Rechten grüßte auf einer Anhöhe Kozi Hradec, Zuflucht des Magisters Hus, als der Bann des Papstes ihn vor drei Jahren aus Prag vertrieben hatte.
Franticek nahm Jan bei der Schulter und zeigte zur Burg hinauf. „Weißt du noch, Jan, wie der Magister Hus dort oben unter der Linde gepredigt hat? Wenn ein Bischof ein sündiges Leben führt, hat er gesagt, und ein Laie lebt sündenfrei, dann ist der Laie größer vor Gott als der Bischof, auch wenn’s nur eine einfache Frau wär oder ein armes Bäuerlein. Dafür haben sie unseren Magister verbrannt, mein Junge, weil sie Angst haben vor solchen Worten, Angst, nichts als Angst!“ Der Weg war ausgefahren von den Bauernkarren, den Herrschaftswagen, den großen Frachtwagen der Kaufleute, die von Prag nach Wien und von Wien nach Prag fuhren, war zertreten von unzähligen Bundschuhen, Reitknechtstiefeln, Pferdehufen. Er folgte dem Lauf der Luznice bis zu der Stelle, wo der Fluss in scharfem Bogen nach Westen abbiegt, der Moldau entgegen. Ein kleiner Bach schlängelte sich hier um eine bewaldete Anhöhe; Franticek hockte sich nieder, schöpfte mit den Händen das reine Quellwasser und stillte seinen Durst. Jan tat es dem Vater nach. Im Grase sitzend dann, blickten sie zu der Anhöhe empor, die im Süden als Felsenzunge steil ins Land abfiel. Die Ruinen einer Burg ragten dort oben in den wolkenlosen Sommerhimmel, einer Burg, die Oldrich von Rozmberk einst zerstören ließ, nachdem er den Burgherrn Ludvik in einer blutigen Fehde besiegt hatte. Ritter Ludvik, verarmt, verschuldet, besiegt, vertrieben, Rache brütend nun, war Franticek und Jan kein Unbekannter; beide dachten sie an den Einödhof, zwei Wegstunden von ihrem Dorf entfernt, an die Bande der Vertriebenen und Entrechteten, die dort hauste, während sie rastend zur Burgruine emporsahen.
Hier war es auch, wo Franticek den Jungen auf das Abenteuer vorbereitete, das sie vielleicht noch heute zu bestehen hätten. „Auf dem Markt heute Mittag“, sagte er bedächtig, „das war Hanko, der Tischler von der Burg Pfibenice. Wir haben auf der Burg viele Freunde, viele Ohren, die für uns lauschen. Hanko hat mir zugeflüstert, der Pan Oldrich selbst, gestern von Prag gekommen, hätte zusammen mit dem Burgvogt beschlossen, mich zu beseitigen! Und so, dass niemand weiß, wer’s getan hat! Wann sie es versuchen wollen, wusste Hanko nicht. Möglich also, dass sie uns heute auf dem Heimweg abfangen werden. Im Wald natürlich. Es wäre sinnlos, den Weg zu meiden, quer durch den Wald zu laufen; wir wären vor Mitternacht nicht zu Hause, könnten uns verirren ... Und was würde es auch nützen! Der Pan könnte seinen Plan bei anderer Gelegenheit ausführen. Aber siehst du, mein Junge, wie schlau er ist? Er hält mich gewiss für den gefährlichsten Aufrührer im Dorf, aber er fürchtet auch die Rache der anderen. Und vor allem wird er jetzt in Sorge sein, dass wir über den Tod des Magisters Hus aufgebracht sind ...“
„Aber, Vater, Martinek sagte doch, dass auch viele Herren zornig darüber sind und ein Schreiben nach Konstanz schicken wollen?“
Der Vater sah eine Weile schweigend vor sich hin. „Ja, siehst du, Jan“, sagte er dann langsam, „das ist es eben. Martinek glaubt auch, dass die Herren jetzt etwas unternehmen werden. Dass sie aufstehen werden wider die Pfaffen und Prälaten, diese Ausgeburten der Hölle! Viele der Herren waren Freunde des Magisters. Und sie haben Einfluss beim König Wenzel, sagt Martinek. Sie könnten den König gewinnen, und der würde dann die Gerechtigkeit in Böhmen durchsetzen, der Kirche Macht und Reichtum nehmen. Kann man’s glauben? Ich glaub’s nicht, schon gar nicht seit heute!“
Der Vater hatte Jan erklärt, was zu tun sei: Getrennt wollten sie zu entkommen versuchen. Er hatte Jan das Geld und das Salz gegeben - Jan band sich das Beutelchen um den Hals und das Säckchen auf den Rücken - und die Weisung, alles daranzusetzen, sich in Sicherheit zu bringen. Bei Anbruch der Dunkelheit wollten sie sich treffen, „bei den anderen, an der bekannten Stelle.“ Martinek werde kommen, wisse er jetzt.
Als der Junge, hoch in der schaukelnden Baumkrone sitzend, mit seinen Gedanken hier angekommen war, erschrak er sehr. Der Vater hatte ihm Geld und Salz gegeben. Dies Geld war das einzige, was sie besaßen, und zu Hause gab es kein Salz mehr. Der Vater hatte also sehr damit gerechnet, dass sie ihn fangen könnten! Sein starker, kluger, fast immer lustiger Vater - hatte er nicht gehofft, sich retten zu können?
Es dunkelte. Jan spähte in die Richtung, in der er die Burg wusste; das Herz schlug ihm bis zum Hals, und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Wenn sie den Vater fangen, dachte er, wenn sie ihn fangen, was soll dann werden? Seine Gedanken stürzten wild durcheinander; fast wäre er in der Verwirrung aus dem Versteck gefallen. Und dieser Schreck brachte wieder Ordnung in seinen Kopf. Das Salz und das Geld und ich, dachte er ganz ruhig, das sind drei. Und in Sicherheit. Vater ist der Vierte. Der Wichtigste. Der Beste. Wenn er wirklich nicht entkommen ist - wozu bin ich’s? Ich werde ihm also helfen. Ich werde ihn befreien. Ja, das werde ich, so wahr ich hier sitze mit dem Salz und dem Geld!
Jan kletterte von seinem Baum hinunter, gewandt wie eine Wildkatze und immer noch leise und vorsichtig sichernd, obgleich er genau wusste, dass die Verfolger den Rückweg angetreten hatten.
Es war jetzt fast dunkel, und bis zum Treffpunkt, einer Lichtung südlich des Dorfes, hatte er noch eine gute Stunde zu laufen.
Burg Pfibenice war eine von vielen festen Burgen, die Oldrich von Rozmberk in Südböhmen besaß. Nicht umsonst nannte man ihn „König von Südböhmen“!
Hunderte von Dörfern waren ihm untertan und viele Tausend Bauern zu Zins und Fron verpflichtet. In jahrzehntelangen Kämpfen hatten Oldrich und seine Vorfahren diesen Besitz zusammengescharrt, in Kämpfen gegen kleinere Herren und gegen Vladiken, wie die niederen Adligen genannt wurden, in Kämpfen auch gegen Klöster, in Sonderheit gegen Zlatá Koruna, das an Macht und Reichtum den Rozmberks kaum nachstand. Und Oldrich hatte die feste Absicht, es nicht dabei bewenden zu lassen! Zu viele Dörfer gab es noch in Südböhmen, die dem Kloster gehörten oder kleinen Rittern; sogar in seinen Dörfern gab es hier und da noch Bauern, die nicht ihm, sondern anderen untertan waren. Und die „Kerle“, seine Hörigen, hatten noch viel zu viel Land! Für diesen Acker, das Rustikaland, zahlten sie zwar und fronten. Aber was übrig blieb von der Ernte, nachdem auch die Kirche ihren Teil hatte, gehörte ihnen. Viel blieb nicht übrig, Oldrich wusste das. Aber er wusste auch: Fiel das Land wieder an ihn, beim Tod eines Bauern ohne Erben zum Beispiel, war es Dominikaland, Herrenland, wurde von den landlosen Bauern bewirtschaftet, denen man nicht viel Lohn zu zahlen brauchte, oder vom Gesinde seiner Burgen. Und dann gehörte der Ertrag ihm ganz! Auch wenn ein Bauer bestraft wurde, wegen Aufruhr oder anderer Vergehen, konnte man sich sein Land nehmen. Allerdings geschah das dann nicht ganz zu Recht; als oberster Richter für den größten Teil Südböhmens kannte Oldrich von Rozmberk sich recht gut aus in Recht und Gesetz. Aber das Recht war letzten Endes immer auf der Seite der Mächtigen - diese Lebensweisheit hatten ihm Vater und Großvater schon vererbt, als er noch der Amme am Rockzipfel hing.
Der Juliabend war schwül und der Himmel bedeckt; es dunkelte früher als sonst. Oldrich schickte einen Knecht nach Fackeln. Er machte keine Anstalten schlafen zu gehen, was dem Burgvogt Zbynek sehr missfiel, denn der war müde. Die Fackeln, in verrußten Haltern an der Wand befestigt, erleuchteten den großen Raum nur mäßig; undeutlich traten die Umrisse von Bänken, Stühlen, Kisten und Truhen aus dem Halbdunkel hervor, ahnte man das verwirrende Muster eines orientalischen Wandteppichs. Oldrich und sein Vogt saßen einander schweigend bei einem Krug Wein gegenüber, hingen ihren Gedanken nach.
Zbynek, ehemals Ritter auf Hasko, hatte mit seiner kleinen, den Rozmberks verschuldeten Besitzung einst seine Schulden bezahlt, bevor Oldrich sie mit Gewalt einholen konnte, hatte sich dann zum Burgvogt von Pribenice machen lassen, mit einem Jahreseinkommen, von dem seine vielköpfige Familie auf Hasko besser leben konnte als zuvor. Zwar erfuhr Oldrich nicht von allem, was Zbynek für sich beiseiteschaffte, wollte es wohl auch nicht wissen, denn er schätzte die Härte, füchsische Schläue und gierige Betriebsamkeit, mit der sein Beamter auf Pribenice die Abgaben und Leistungen von den Bauern eintrieb, das leibeigene Gesinde im Zaum hielt, die Zahl der Lohnarbeiter vergrößerte, den Rozmberkschen Reichtum mehrte. Immer wenn Oldrich nach Pribenice kam, hatte Zbynek Vorschläge zu machen, die zu durchdenken und meist auch in die Tat umzusetzen sich lohnte: Hier konnte die Fron, dort die Abgabe erhöht werden; ein Bauer hatte dies, ein anderer jenes Verdächtige, Strafbare gesagt oder getan, wofür eine Sühne zu zahlen man ihn verurteilen konnte. Sogar wenn einem armen Ritter das Wasser bis zum Halse stand, sodass man ihm den „Gnadenstoß“ versetzen konnte, meldete Zbynek von Hasko es seinem Herrn.
Nichts Erstaunliches war also daran, dass er gestern den Vorschlag gemacht hatte, man solle den Bauern Franticek wegen aufrührerischer Reden und offener Ketzerei vor Gericht stellen. Eine Viertelhufe Land besaß Franticek zwar nur und ein Pferd, aber sein Acker lag eingezwängt in Dominikaland, störte lange schon. Noch mehr aber störte dieser Kerl, der kein Hehl daraus machte, ein Ketzer zu sein. Ausgezeichnet konnte man ihn sich vorstellen als Anführer eines kommenden Aufruhrs! Musste man da nicht vorbeugen?
Nun machte jedoch die Nachricht, die er aus Prag mitbrachte, dergleichen Vorhaben leider völlig unmöglich: Magister Jan Hus in Konstanz verbrannt! Hus - der Abgott dieses ohnehin ketzerischen Volkes! Und wenn man nun, öffentlich ... Nein, das hieße, den Aufruhr, der sowieso kommen konnte, ganz sicherlich hervorrufen. Die heiligen Väter des Konstanzer Konzils und der eitle, machtgierige König Sigmund hatten mit diesem Konstanzer Scheiterhaufen eine Dummheit begangen, die größer nicht sein konnte! Das aufsässige Volk würde noch aufsässiger, die Lehre des Magisters noch bekannter werden, in Böhmen und wer weiß wo noch! Dabei war einiges, was der Hus gesagt hatte, so übel nicht. Wenn er den Reichtum der Kirche verdammt hatte oder die Vorrechte der Deutschen im Lande, konnte auch er, Oldrich von Rozmberk, ihm seine Sympathie nicht versagen. Brauchten die Bauern nicht mehr der Kirche zu zahlen, konnten sie ihm das Doppelte zahlen! Und Geld, Geld - was war wichtiger? Eine Schande, dass diese Pfaffen und Mönche, aber auch die Pfeffersäcke in den Städten, die deutschen Patrizier, dass sie alle mehr Geld hatten, üppiger leben konnten als ein böhmischer Pan, ein Herr vom hohen Adel! Säkularisierung der Kirchengüter forderten die Anhänger des toten Magisters - für ihn hieß das natürlich: Kloster Zlatá Koruna mit seinen gewaltigen Ländereien wird Besitz derer von Rozmberk. Und damit hätte er beinahe ganz Südböhmen in der Hand.
Plötzlich, während Oldrich tiefsinnig in die blakende Fackel starrte, versunken in den berauschenden Traum von Reichtum und unumschränkter Macht, hatte er eine Vision. Er sah sich, den ungekrönten König von Südböhmen, angetan mit Königsgewändern, den Krönungsweg zur Prager Burg hinaufschreiten ...
Um wie vieles besser passte doch die sagenhafte, diademgeschmückte böhmische Königskrone zu seinem schwarzen Haar und dichten schwarzen Schnauzbart, zu seinem altböhmischen Adelswappen, als zu diesen Lothringern! Wenn König Wenzel starb, dieser träge Feigling, der schon mit den Kerkern des hohen Adels Bekanntschaft gemacht hatte - sogar mit einem Rozmberkschen! -, sollte dann etwa sein Bruder König von Böhmen werden, der rothaarige Saufbold, der vergnügungssüchtige, unberechenbare Geck - Sigmund, römischer und ungarischer König?
Seufzend riss Oldrich sich los von dem verlockenden Traum, kehrte mit seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Einen Bauernaufruhr, dachte er, muss man verhindern. Denn das Pack, im Zorn über den Tod des Magisters Hus und in blindem Eifer für seine Lehre, würde nicht nur die Kirche und die Deutschen berauben. Er dachte an den Bauern, den man ihm bald bringen musste: beseitigen - gewiss, aber so, dass kein Funke in ein Pulverfass fliegen kann ...
„Sie kommen“, sagte da Zbynek.
Gepolter im Burghof, Pferdewiehern, raue Stimmen der Reitknechte. Oldrich erhob sich und trat ans Fenster; die Fackel tauchte seine hohe Gestalt, bekleidet mit derbem Lederwams, in ein rötliches Licht.
Franticek hielt den Kopf gesenkt und atmete hastig. Er war hinter den Pferden hergelaufen, den Burgberg hinauf. Dann sah er auf, erblickte den Pan und glaubte den Leibhaftigen zu sehen. Er erschrak. Hier gab es keine Gnade. Zbynek daneben, hager und fast kahlköpfig, grinste satanisch über das Erschrecken des Bauern.
„Du bist Franticek und nennst dich den Albigenser?“, fragte Oldrich von Rozmberk.
„Man nennt mich so“, antwortete Franticek, noch immer schwer atmend.
„Warum?“
Franticek schwieg. Was sollte er auch dem Pan erzählen von seinen Vorfahren - mehr als hundert Jahre musste es schon her sein, dass sie aus Frankreich geflohen waren, geschlagen, aber den Aufruhr im Herzen, den sie vererbten an Kinder und Kindeskinder!
„Dann werde ich es dir sagen: weil du ein gottverdammter Aufrührer bist, du dreckiger Saukerl. Und deshalb wirst du auch heute und hier dein elendes bisschen Leben aushauchen, kein Hahn wird nach dir krähen, denn niemand weiß, wo du bist, ist dir das klar?“
Franticek sagte nichts. Es war ihm durchaus nicht: klar, denn er wusste, dass Jan entkommen war. Die beiden Reitknechte, die den Jungen verfolgt hatten, waren vor dem Aufstieg zur Burg wieder zu den anderen gestoßen. „Ist uns entwischt, der kleine Teufel, verdammt“, hatte einer geflucht. Aber Franticek schwieg, aus Furcht, dem Jungen auch jetzt noch schaden zu können. Wer weiß, wozu der Pan imstande war. Und Oldrich wusste wohl noch nichts von Jans geglückter Flucht.
„Höre, Kerl“, sagte Oldrich, „du kannst auch am Leben bleiben. Dann nämlich, wenn du in Zukunft die Bauern deines Dorfes von Aufruhr und Ketzerei abhältst mit dem Einfluss, den du auf sie haben sollst. Wenn du dafür sorgst, dass sie pünktlich zahlen und fronen und wieder zu dem von Gott und der Obrigkeit eingesetzten Pfarrer zu Predigt, Beichte und Abendmahl gehen. Sagst du mir das zu, lass ich dich wieder laufen. Ja, ich gebe dir noch eine Viertelhufe Land zu deiner dazu und erlass dir den Handdienst.“
Oldrich hatte während dieser Rede lässig auf der Tischkante gesessen und zum Fenster hinausgesehen. Als er sich jetzt wieder dem Bauern zuwandte, stieg ihm das Blut zu Kopf, und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Denn Franticek sah mitleidig lächelnd auf den Pan.
„Da ich also heute sterben muss“, sagte Franticek, und es war ihm eine ungeheure Befriedigung, was er jetzt sagen durfte, zum ersten Mal im Leben sagen konnte, „und sterben muss ich, denn ich bin kein Hundsfott und nicht so gewissenlos wie manche hohe und allerhöchste Herren, da möchte ich dir noch etwas sagen, Oldrich ...“
Hier hatte der Pan seine Fassung zurückgewonnen, und er herrschte den Bauern an: „Was unterstehst du dich, Kerl, wie redest du mich an? Noch habe ich nicht beschlossen, welchen Tod du sterben sollst - du tätest besser, mich um einen leichten Tod zu bitten!“
„Tod ist Tod, und bitten tu ich dich nicht, und anrede ich dich wie du mich, nur höflicher. Du solltest dich nicht noch mehr versündigen, indem du einem zum Tode Verurteilten seinen letzten Willen verwehrst. Sagen will ich dir aber dies: Ob du mich tötest oder leben lässt, ob du Hunderte meinesgleichen tötest oder leben lässt - auch diese Burg wird von meinesgleichen berannt und genommen werden. Eure Burgen werden heller brennen als der Scheiterhaufen von Konstanz, den euresgleichen angezündet! Es wird die Zeit kommen, wo der arme Mann der Herr ist, denn ...“
Weiter kam Franticek nicht. Dass er überhaupt so weit gekommen war in seiner Rede, die er mit Leidenschaft, aber überlegen und voll sicherer Ruhe vorgebracht hatte, lag nur daran, dass Oldrich zum ersten Mal in seinem Leben einen Bauern reden hörte und die aufsteigende Wut in ihm eine Weile durch ein großes Erstaunen zurückgehalten wurde - Erstaunen darüber, dass ein Bauer so reden konnte.
Franticek kam dadurch wieder zu Bewusstsein, dass er sehr fror. Er betastete sein geschwollenes, blutverschmiertes Gesicht, stöhnte laut, als er die Nase berührte, und unterließ das Tasten. Er versuchte sich zurechtzufinden: Stein unter ihm, vor ihm, hinter ihm und über ihm. Strohschütte. Winziger Lichtschein von oben, mehr zu ahnen als zu sehen. Er war im Verlies des Burgturms. Wieso lebte er noch? Aber gleichgültig, auf jeden Fall hatte er nicht mehr lange zu leben. Und der Junge war frei! Das erfüllte Franticek mit wilder Genugtuung. Er hatte es gewusst, dass sie Jan nicht einholen würden! Sein Junge, dieser jedenfalls, war aus ganz besonderem Holz geschnitzt. Acht Kindern hatte seine Zdena das Leben geschenkt, beinah in jedem Jahr kam eins, seit sie zusammen lebten. Fast jedes zweite Jahr war auch eins wieder gestorben - hatte den ersten Winter nicht überstanden oder das Abstillen. Sie sahen es jedes Mal voraus, wenn eins nicht groß werden konnte. Denn die schon bei der Geburt klein und schwach waren, erlebten das zweite Jahr nicht. Der Jan - auch das war so ein winziges Kerlchen; Zdena sah ihn traurig an, als er gewickelt neben ihr lag, und sagte: „Wir dürfen ihn nicht Jan nennen, Frantek! Die kleine tote Jana wird ihn nachholen!“ Aber er, Franticek, weniger abergläubisch als die meisten seiner Mitmenschen, bestand auf dem Namen. Denn es war in dem Jahr, als er zum ersten Mal den Magister Jan aus Husinec hatte predigen hören. Und Jan, der Kleine, trotzte den Gefahren der Umwelt - dem ersten, besonders kalten Winter, in dem sieben Kinder und neun Alte im Dorf starben; er trotzte den kargen Rationen, den ersten Krankheiten; er überstand auch den zweiten, noch strengeren Winter, in dem Franticek und Zdena die zweite Tochter begruben. Da wussten die Eltern: Der Junge hat einen guten Stern, und sie fürchteten nicht mehr um ihn. Zwar wurde Jan nie besonders groß und kräftig. Dafür war er aber zäh, voll Ausdauer, schnell und klug. Früher als sein älterer Bruder Karel begriff er, was um ihn herum vorging. Bald machte ihm niemand mehr die erste Stelle unter den Dorfkindern streitig, wenn es um heimliche, verbotene, gefährliche Dinge ging. Sogar Karel ordnete sich ihm unter, beschützte ihn auch, wenn’s nötig war, mit seinen kräftigen Armen und harten Fäusten. Kleiner Magister nannten sie Janek! Und lernen sollte er, das hatte Franticek sich fest vorgenommen. Das hatte er mit Martinek schon lange besprochen. Der hatte dem Jungen dies und das beigebracht - etwas Lesen und Schreiben vor allem. Der würde ihm weiterhelfen ...
Franticek bedachte sein Leben während dieser Nacht, in der er nicht schlief. Er dachte an die Dorfgemeinde, die sich - mit Ausnahme der drei Hufebauern und des Schulzen - schon vor einigen Jahren zu einer Waldensersekte zusammengeschlossen hatte, sich in einem sicheren Versteck tief im Wald traf. Heute war so ein Tag ... Ketzer waren sie, die Waldenser, jedenfalls in den Augen der Kirche. Denn sie lehnten Gotteshäuser und kirchlichen Prunk ab, spotteten des Papstes, forschten selber in der Bibel, verlangten die völlige Armut der Priester, wie es einst der Mönch Thomas Waldus gepredigt hatte, nach dem sie sich Waldenser nannten. Seit zwei Jahren, seit Martinek häufig bei den Pribenicern predigte, ging auch Franticek wieder gern zu den heimlichen Gottesdiensten. Vorher gab es etwas, worüber er mit seinen Dorfgenossen und den wandernden Waldenserpredigern nicht einig werden konnte. Die sagten: Wir müssen dulden; wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen; wir wollen keine Gewalt, damit auch uns keiner Gewalt antue. Und Franticek stritt sich mit ihnen oder schwieg unzufrieden und grübelte. Dann kam Martinek. Der war ein Schüler von Jan Hus und wollte wie dieser einiges ändern in der Welt - das gefiel Franticek. Er war eben ein Aufrührer, da hatte der Pan schon recht! Auch den Hus hörten sie predigen, unter der Linde vor Kozi Hradec, den Magister Jan aus Husinec, dem Franticek schon vor Jahren einmal gelauscht hatte. Und in ihnen wuchs die Hoffnung, dass doch etwas zu ändern sei in dieser Welt ...
Wenn Franticek auch erbittert, nahezu verzweifelt darüber war, dass sein Leben schon zu Ende sein sollte - er hatte noch sehr viel vorgehabt und ahnte, dass es bald Wichtiges zu tun geben könnte, auch für ihn -, so erfüllte ihn doch eine große Ruhe. Jetzt, dachte er, jetzt werden sie aufwachen und einsehen: Gegen Gewalt hilft nur Gewalt! Er fand einen alten Nagel in seiner Hose und machte sich daran, die wenigen Kenntnisse, die er von Martinek erworben hatte, einzukratzen in die Mauer aus uralten, großen, fest gefügten Steinen.
„Ist uns entwischt, der kleine Teufel, verdammt“, fluchte einer der beiden Reitknechte, die an der Weggabelung wieder zu den zwei anderen stießen.
Es dunkelte. Links neben ihnen ragte der unbewaldete Berg mit der Burg Pribenice auf, schwarz gegen einen rötlich grauen Himmel. Der Weg schlängelte sich nach oben, lief zuletzt in Serpentinen um den Berg herum; man erkannte ihn noch als helles Band, gesäumt von niedrigem dunklem Gestrüpp. Rechts dichtes Gebüsch, an den Wald gelehnt, ein sumpfiger Bruch. Geradezu führte der Weg aus dem Wald heraus: einige Meilen weite Rodefläche, bebautes Land, Dorf Pribenice am Fuß der Burg, untertäniges Dorf derer von Rozmberk.
„Ist auch niemand zu sehen vom Bauernpack?“, flüsterte einer der Reitknechte, der Weisung des Vogtes gedenkend: Es darf keine Zeugen geben, und wenn, dann sind sie zu beseitigen. Die vier, den gefesselten Bauern zwischen sich, spähten den Weg ins Dorf hinunter.
Als sie zur Burg hinaufritten, den Gefangenen am Strick hinter sich her zerrend, spürten sie die Blicke der drei Jungen nicht, die hier, im Gebüsch versteckt, ihre halblauten Reden belauscht und den gefesselten Bauern gesehen hatten.
„Können wir nicht ...?“ Ales, der jüngste, tollkühn, hockte wie vor einem Wettlauf, bereit zum Aufschnellen. Aber von zwei Seiten wurde er gehalten, und: „Pst, nicht von der Stelle!“, zischte Vilem, der Freund. Selbst Karel, der soeben seinen Vater gesehen hatte, gefesselt und keuchend, am Strick wie ein Stück Vieh, hielt den Hitzkopf Ales zurück. „Wo ist Jan?“, flüsterte er. Seine Augen blickten ratlos unter der hellen Haarmähne hervor. Ales - pechschwarze Haare und braun gebrannt wie sie alle - betastete verlegen und angestrengt nachdenkend sein Hemd, das unglaublich zerrissen und viel zu groß war. Er hatte es von seinem Bruder Antek geerbt.
Vilem - er war der stärkste unter den Jungen des Dorfes und im Wettlauf nur von Jan zu schlagen -, Vilem entschied schließlich: „Ihr bleibt hier. Wenn ihr noch etwas Verdächtiges bemerkt, kommt einer mir nach, verstanden?“ Die beiden nickten.
Vilem kroch aus dem Gestrüpp und lief ins Dorf. Die Hütten standen wie ausgestorben. Ein paar sehr Alte saßen vor den Türen. Selbst am Teich, gegenüber der kleinen Holzkirche, herrschte schon Ruhe; Gänse und Enten lagen als großer, schmutzig weißer Fleck am Ufer. Vilem lief ohne Aufenthalt zum anderen Ende des Dorfes und über die Felder dem Wald zu.
Nach einer halben Stunde hatte er, heftig atmend und das Gesicht von Zweigen zerkratzt, den Anfang des Pfades erreicht, der nur den Eingeweihten bekannt war. Gebückt und langsam musste man ihn passieren, so wenig Spuren wie möglich hinterlassend. Er führte tief in den Wald, an gestürzten, überwachsenen Baumriesen vorbei in ein Tal, wo sich an der Quelle eines Baches eine Lichtung ausbreitete, grasbewachsen und mit kleinen Büschen bestanden, eine große Eiche in der Mitte. Hier war schon seit Jahren der heimliche Versammlungsort der Ketzergemeinde, sorgfältig bewacht durch einen Doppelkreis von Posten - Aufgabe der älteren Kinder und jungen Männer -, die noch immer einen Annäherungsversuch herrschaftlicher Leute rechtzeitig gemeldet hatten. Bis die schwer bewaffneten Reitknechte sich dann durch das Dickicht gequält hatten, der Schleichwege unkundig und behindert von den Pferden und den Waffen, war niemand mehr auf dem Platz, und nichts deutete dort auf eine Menschenansammlung hin als das frisch zertretene Gras.
Einmal war ein Stoß Bewaffneter von Pribenice bis hierher vorgedrungen; der Schulze oder einer der Hufebauern musste sie auf die Spur gehetzt haben. Die Reitknechte hatten das heruntergetretene Gras betrachtet und waren wieder umgekehrt, die Entdeckung des Ortes zu melden. Unterwegs jedoch, als sie sich mühsam einen Weg durch das dichte Unterholz bahnten, brach plötzlich von allen Seiten ein schreckliches Unwetter über sie herein: Mit großem Geschrei stürzten sich Bewaffnete von wildem Aussehen auf die Überraschten; Spieße und Hellebarden, Säbel und auch Dreschflegel und Morgensterne taten ein kurzes, blutiges Werk, und nur zwei der Rozmberkschen Knechte kamen mit dem Leben davon. In ihren Erzählungen wurde die kleine Gruppe der Bewaffneten zu einer halben Armee, die Lumpen und Bundschuhe - nur fünf, sechs Ritterrüstungen waren darunter gewesen - zu Lederkollern, Harnischen und Reitstiefeln. Seither wagten sich keine Herrenknechte mehr in den Wald, und die Herren wussten nicht, was sie mehr fürchten sollten: die aufrührerischen Ketzergottesdienste der Bauern oder die bewaffnete Schar vertriebener Ritter, entflohener Bauern, Tagelöhner, Vagabunden und Bettler, die mit den Bauern gemeinsame Sache machten. Der Einäugige, unter dessen Führung die bewaffnete Gruppe sich sogar bis dicht vor Burg Pribenice gewagt und mehrmals kleinere Rozmberksche Besitzungen in Schutt und Asche, gelegt hatte, dieser „Mordskerl“, wie die Bauern ihn liebevoll nannten, der war allerdings schon lange verschollen. Steht im Dienst des Königs in Prag, sagten die einen. Kämpft hoch im Norden mit den Polen gegen den deutschen Ordensstaat, wollten die anderen wissen. Aber Ritter Ludvik, dem die wilden Gesellen jetzt folgten, hatte sich bisher auch als Freund der Bauern erwiesen. Brauchte doch auch er oft genug die Hilfe der Bauern - wenn Truppen der Herren ihn allzu sehr bedrängten oder wenn ein harter Winter dafür sorgte, dass man im Einödhof, dem Stammquartier der Bande, nichts mehr zu beißen hatte.
Als Vilem, keuchend und schweißnass, am Anfang des versteckten Pfades angekommen war, pfiff er leise: kurz-lang-kurz. Dann wartete er, an einen Baum gelehnt, den Schweiß mit den Händen im Gesicht verreibend. Vilem war stämmig und groß - für sechzehn hielt ihn jeder, der nicht wusste, dass er erst vierzehn Jahre alt war.
Ein Rascheln im Gebüsch war zu hören; die Zweige wurden auseinandergebogen, und ein pechschwarzer Haarschopf kam zum Vorschein, gefolgt von einem dunkelbraunen, kräftigen Jungenkörper, der nur mit einer Hose bekleidet war. Das war Antek, der Bruder des kleinen Ales.
Vilem berichtete, Antek nickte, wies dem Jüngeren seinen Platz an und verschwand schnell und fast lautlos auf dem Pfad, der zur Waldlichtung führte.
Sie standen Kopf an Kopf, so dicht, dass sie einander mit den Armen berührten. Zdena fühlte sich geborgen in dieser Menge. Müdigkeit und Kraft, Verzweiflung und Hoffnung zugleich strömten von den Menschen aus. Alle hatten sie heute bis zur Erschöpfung gearbeitet, auf Herrenland und auf eigenem, das auch kein eigenes war, denn man musste zinsen und fronen dafür. Aber keiner hatte den langen, gefahrvollen Weg in den Wald gescheut.
Heute war nicht nur die Pribenicer Gemeinde versammelt. Zdena erblickte ihre Verwandten und Bekannten aus dem Nachbardorf, sah auch viele, die ihr fremd waren. „Klosterleute“, sagte Großmutter Ludmila. Die Leibeigenen und Hörigen des St.-Stephan-Klosters, Ketzer auch sie seit Langem, versammelten sich sonst in den von Felsen durchzogenen Wäldern an der südlichen Luznice. Etwas Besonderes muss es geben, dachte Zdena, dass heute so viele Menschen hier sind!
Martinek tauchte wie immer ganz zuletzt auf und aus einer Richtung, aus der man ihn am wenigsten erwartet hätte. Er trug heute Schwertgurt und Kettenhandschuhe, neben ihm stand ein bewaffneter Ritter mit zwei Knappen -plötzlich lag auf allen Gesichtern gespannte Erwartung. „Wo Franticek nur bleibt mit den Jungen?“, flüsterte Zdena. Großmutter Ludmila sah der Schwiegertochter in das schmale, sonnverbrannte Gesicht mit jener Mischung aus Eifersucht und Liebe, die sie Zdena gegenüber stets empfand. Absolut nicht einverstanden gewesen war sie damals mit ihrem Franticek, als er dieses zierliche, stille Mädchen ins Haus brachte, das so ganz anders war als er, der laute, fröhliche Draufgänger. Anders auch als sie selber, die resolute, starke Ludmila, auf die sogar die Männer hörten, der noch vor Kurzem ein Zentnersack nicht zu schwer war! Als sie jedoch sah, wie dieses schmale Mädchen keinesfalls vom nächsten Sturm umgeblasen wurde, sondern ein Kind nach dem anderen zur Welt brachte, vier von den Würmchen wieder begraben musste, dabei in Haus, Hof und Garten wirtschaftete und kaum je eine Klage über die Lippen brachte, da erkannte sie, was ihr Frantek gefunden hatte. Bald liebte sie die Schwiegertochter wie ihre eigenen Kinder. Nur wenn sie sah, wie ihr wilder, ruheloser Sohn in der Nähe dieser Frau still und zahm wie ein Lamm wurde, spürte sie etwas wie Eifersucht.
Zdena hatte keine Antwort erwartet auf ihre Frage. Sie strich ihrer Jüngsten, der drallen, dreijährigen Eva, durch die Haare. Die Kleine wollte schlafen und verkroch sich schließlich in den weiten Röcken der Großmutter, die sich ins Gras gesetzt hatte wie die meisten der älteren. Aus Furcht vor der Rache der Pans ließ niemand die Kleinen im Dorf zurück. Die älteren Kinder saßen noch hellwach und starrten gleich den Erwachsenen auf die Eiche, unter der Martinek mit dem fremden Ritter leise Worte wechselte. Der schwarze Antek stand daneben, hatte ihnen etwas zugeflüstert.
Zdena setzte sich neben ihre älteste Tochter Libusa, die mit ihrem schmalen Gesicht, umrahmt von dichtem kastanienbraunem Haar, der Mutter erstaunlich ähnlich sah.
„Sieh, Mutter, der Antek!“, wisperte Libusa und schmiegte sich an die Mutter. Libusa ist erst elf, dachte Zdena, aber sie hat schon gemerkt, dass der Antek nach ihr schielt.
„Magst ihn? Bist noch zu klein!“
„Ich? Den? Überhaupt nicht!“, behauptete Libusa und warf ihre Zöpfe nach hinten.
Antek hatte doch Wache, denkt Zdena. Martinek sieht erregt aus. Was hat Antek gemeldet? Martinek klettert jetzt auf die Erhöhung, die sie aus Holz geschichtet haben. Sofort ist es still. Wovor habe ich eigentlich Furcht? Er beginnt tschechisch zu beten, nicht lateinisch. Niemand wird hier solche unverständlichen Worte sprechen wie der Pfarrer in der Kirche! Was sagt er? Den Magister Jan Hus haben die Pfaffen verbrannt? Aber das ist doch unmöglich! Um mich herum springen die auf, die gesessen haben. Meine Libusa weint. Der fremde Ritter, der sich Mikulas nennt, erzählt etwas. Was sagt er? Wie seine Freunde den Magister Hus sterben sahen. Wie die Henker ihn zum Scheiterhaufen führten, im Büßerhemd, die hohe Papiermütze auf dem Kopf. Er hat nicht gebettelt, hat nicht das Wahre für falsch erklärt, wie sie es von ihm verlangten. Aber Angst - hatte er denn keine Angst? Und wollte er nicht leben? Warum sieht Martinek fortwährend zu mir her? Er hebt sein Schwert in die Höhe. Ja, er hat recht - Gott will nicht, dass wir so elend leben müssen, dass der Magister Hus so grauenvoll sterben musste, und der Franticek - was sagt er da von meinem Franticek? Warum sehen mich alle an? Warum brüllen sie? Warum schreit Großmutter Ludmila wie ein verwundetes Tier? Das kann doch alles nicht wahr sein ... Das würde Gott doch gar nicht zulassen ... Und da steht plötzlich mein Jan, mein kleiner Jan, ich bin doch hier, ich muss nach vorn zu meinem Jan, alle machen mir Platz, was ist nur mit Franticek ...
Jan sah seine Mutter durch die Menge zu ihm vorstürzen, man machte ihr eine Gasse, er flog ihr in die Arme. „Sie waren hinter mir, Mama, aber sie haben mich nicht erwischt! Hier ist das Geld! Und das Salz auch. Und der Vater lässt alle grüßen.“
Die Unruhe in der Menge wuchs. Hier und da wurden Stimmen laut, dass man vor die Burg ziehen sollte und Franticek befreien. Ein alter, ausgemergelter schwarzhaariger Tagelöhner mit hitzigen Augen und heiserer Stimme überschrie alle anderen. Er brüllte unentwegt: „Rache für Hus! Rache für Franticek!“
Martinek stand, im Innersten aufgewühlt, vor den erregten Menschen. Waren das dieselben, die noch vor zwei Jahren gesagt hatten: Es steht geschrieben, wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen? Der Prediger hob sein Schwert in die Höhe, Ruhe fordernd. Er wartete. Langsam verebbte das Geschrei. Wenn ich sie nicht zurückhalte, dachte er, dann war alles umsonst; dann werde ich mit ihnen ziehen, und noch heute wird mein Leben zu Ende sein. Und das der meisten, die hier stehen.
Endlich war es still.
„Nach Rache schreit ihr“, begann Martinek mit fester Stimme, „und ich sage jetzt nicht zu euch: Es steht geschrieben, die Rache ist mein, spricht der Herr! Denn der Herr wird sich Werkzeuge für seine Rache suchen, und er wird euch auserwählen, auf dass ihr die Diener des Teufels aus dieser Welt vertreibt und dem Herrn sein Reich errichtet.“ Brausende Zustimmung antwortete dem Prediger. Wieder hob er sein Schwert, die Menschen verstummten.
„Soll der Herr aber die Werkzeuge seiner Rache morgen früh erschlagen vor der Burg Pribenice liegen sehen?“, fuhr er fort, eindringlich und leidenschaftlich. „Wisst ihr nicht, dass die Diener des Satans stark sind, mächtig und grausam wie der Leibhaftige selbst? Wollt ihr sie mit bloßen Händen erwürgen, mit Holzstöcken erschlagen, ihre Burgen mit euren Fäusten brechen? Einen schlechten Dienst leistet ihr dann dem Herrn, und schlecht wird die Rache gelingen!“ Die Menge, eben noch bereit, dem Redner in den Kampf zu folgen, stand betreten. Martinek atmete auf.
„Wenn die Zeit gekommen ist“, verkündete er mit weittragender Stimme, „dann werden die Posaunen des Allmächtigen euch rufen, und dann müssen sie euch bereit finden, das Schlechte auszutilgen mit Feuer und Schwert und dem Herrn sein Reich zu errichten. Aber hütet euch vor übereiltem Kampf, allein und schlecht gerüstet! Tausende, viele Tausende gibt es in diesem Land, die darben wie ihr, die nach Rache schreien wie ihr, die vom Herrn auserwählt sind wie ihr. Nur gemeinsam sind sie, sind wir mächtig! Aber denkt daran, wenn ihr die Ernte eingebracht habt und sich fremde Hände danach ausstrecken, an denen kein Staub klebt und kein Schweiß - wir füttern sie nicht länger, die Satansbrut, mit unserer Hände Arbeit!“
Martinek verstand es, seine Zuhörer mit Worten zu bannen. Schweigend sahen sie zu ihm auf. Selbst der ausgemergelte Tagelöhner, der vorher am lautesten nach Rache gerufen hatte, stand ruhig, finster, mit geballten Fäusten. Er war der Vater von Antek und Ales, wurde wegen seiner schwarzen Haare nur „Zigeuner“ genannt, obgleich er keiner war und Petr hieß. Grimmig nickte er, als Martinek die Abgaben und Dienste aufzählte, die für den Pan und die Kirche zu leisten sind, sodass den Bauern nichts bleibt als ein Hungerleben bei Erbsen und Brot. „Und uns armen Hunden“, raunte er Antek zu, „uns landlosen Tagelöhnern und den Leibeigenen, uns bleibt noch weniger als das!“
„Und wie behandeln euch eure Herren, die doch von eurer Arbeit leben?“, rief da Martinek. „Schlechter als ihre Hunde! Sie nennen euch Kuhbauern, Bauernlümmel, Dummköpfe, Tölpel, Pack, elende Kerle, Saukerle, sie lassen euch in der Hitze schmachten und sitzen lachend im Kühlen; sie schicken euch im strengsten Frost auf Hasenhatz, dabei haben die meisten von euch nur das eine Hemd auf dem Leib, nichts sonst! Aber der Herr hat auch euch nach seinem Angesicht geschaffen, und ehrlicher und ehrenwerter und größer vor Gott seid ihr als die Herren. Und wenn die Pfaffen euch auf das bessere Leben im Jenseits vertrösten, dann sollt ihr ihnen nicht glauben, denn aus ihnen spricht der Teufel, nicht Gott!“
Und Martinek erklärte den lauschenden Menschen, wie die Pfaffen und Mönche, die Äbte, Kardinäle und Päpste - wie die gesamte Kirche, die sich eine heilige, christliche Kirche nennt, den Lehren des Christentums zuwiderhandele. Alle ihre hohen Würdenträger gierten nur nach Macht und Reichtum, scheuten um der Macht und des Reichtums willen keine Sünde, keine Grausamkeit.
„Nicht nur um Rache darf es uns gehen“, schloß Martinek, „sondern vor allem um eine gerechte Welt, in der eure Kinder nicht Hungers sterben und ihre Väter nicht von den Herren erschlagen werden!“
Die Menge hatte sich verlaufen. Zdena stand wie betäubt noch an derselben Stelle. Sie fühlte Libusas Hand in der ihren und Jans Haarschopf an ihrem Arm, Großmutters Hand auf der Schulter - und fühlte das alles auch nicht, war ganz allein, begriff alles und gar nichts. Martinek, der mit dem fremden Ritter gesprochen hatte - dann war dieser plötzlich verschwunden mit seinen Knappen -, Martinek trat zu der kleinen Gruppe, die allein auf der Lichtung zurückgeblieben war. Da erst erwachte Zdena aus ihrer Starre.
„Und wir lassen ihn allein dort oben?“
Das war keine Frage, es war ein Vorwurf.
„Weil wir müssen“, entgegnete Martinek leise. „Glaub mir, Mutter Zdena, wenn es einen Weg gibt, Franticek zu helfen, wird er gegangen werden. Kommt jetzt.“
Er nahm der Alten die schlafende Eva ab und ging ihnen voraus in das Dickicht.
Es herrschte schon Ruhe im Dorf. In Franticeks Hütte - eine fensterlose Lehmhütte, aus einem Raum bestehend wie die meisten des Dorfes - saß Karel auf der Bank und sah ihnen ungeduldig entgegen. Während Großmutter Ludmila die Glut im Herd schürte und den Wasserkessel aufhing, legte Zdena die schlafende Kleine auf einen der drei Strohsäcke. Das Licht des aufflackernden Herdfeuers ließ die wenigen Gegenstände erkennen, die die Wohnungseinrichtung ausmachten: den Herd mit Topfen und Krügen darüber, eine große Kiste, Tisch und Bank, ein paar Stühle, drei Strohsäcke.
Sie setzten sich um den Tisch, Großmutter Ludmila goss Kräutertee in Tonkrüge.
„Hört zu“, sagte Martinek, „es ist um Jan. Der Pan will keinen Zeugen, und es könnte für Jan gefährlich werden, wenn er hierbleibt.“ Zdena erblasste, sagte aber nichts.
„Franticeks Wille ist es seit Langem“, fuhr Martinek fort, „dass Jan lernen soll. Schon im Frühjahr habe ich deswegen im Sankt-Stephankloster mit einem Bruder gesprochen, der unser Freund ist. In die äußere Schule nehmen sie Jan, wenn unser Bruder sich dafür einsetzt. Ich werde den Jungen deshalb noch vor Sonnenaufgang aus dem Dorf und ins Kloster bringen.“
Die beiden Frauen seufzten, widersprachen aber nicht.
Jan sah den Prediger erschrocken an. Dass alles gut und richtig war, was Martinek sagte und tat, daran zweifelte er keinen Augenblick. Aber er sollte in wenigen Stunden Mutter, Großmutter, Geschwister und Freunde verlassen ... „Muss ich - muss ich dann Mönch werden, Martinek?“
Der schüttelte den Kopf. „Nicht doch, Jan! Es ist die äußere Schule. Die Weltgeistlichen werden dort ausgebildet. Nur in der inneren Schule lernen die späteren Ordensgeistlichen, die Mönche. Morgen haben wir noch genug Zeit, darüber zu reden. Geh nun schlafen!“ Noch lange lagen die Menschen wach in der kleinen Hütte, übermüdet, in Sorge um den Vater auf der Burg.
Lebte er noch?
Wird es gelingen, ihn zu befreien?
Und wenn es ihnen nicht gelingt, grübelte Jan, dann werde ich es tun. Wozu sonst bin ich den Reitknechten entkommen? Nur ins Kloster muss ich erst ...
Als Jan endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war, sah er im Traum einen Mönch mit den Gesichtszügen des Burggrafen Zbynek, der hielt ein schwarzes Kreuz in der Hand und schrie mit knarrender Stimme: „Komm nur, du kleiner Teufel, komm ins Kloster, ich werde dich hiermit erschlagen, wie ich deinen Vater erschlagen habe!“ Jan wollte schreien, aber kein Ton kam aus seiner Kehle. Da wollte er fortlaufen, aber wenn er es auch sonst mit einem trabenden Pferd aufnahm, er kam nicht von der Stelle. Schon berührte ihn der Mönch-Vogt mit dem Kreuz, da erwachte er, in Schweiß gebadet. Es war aber die Mutter, die ihn berührt hatte, um ihn zu wecken. Er sah ihr bekümmertes Gesicht über sich, die Tränen in ihren Augen. Da bezwang er die Angst vor dem Kloster, die ihm die Kehle zuschnüren wollte. Er schlang die Arme um den Hals der Mutter und flüsterte ihr ins Ohr: „Pass nur auf, Mutter, nun werde ich wirklich ein Magister, und dann komm ich wieder und bring dir ... Was soll ich dir dann mitbringen, Mama?“ Zdena lächelte unter Tränen und sagte: „Komm nur bald wieder, Janek!“
Martinek stand schon in der Tür und blickte ungeduldig nach Osten. Sie löffelten hastig Hirsebrei aus einer großen Schüssel. - Die aufgehende Sonne sah zwei Wanderer aus dem großen Waldgebiet westlich der Luznice heraustreten - groß, hager und kräftig der eine, nicht viel über zwanzig Jahre alt; klein und braun gebrannt der andere, zwei Schritte musste er machen, wenn der Große einmal die Füße setzte. Sie rasteten an derselben Stelle, an der Stunden zuvor Franticek und Jan gesessen hatten. An einer Furt wateten sie durch den Fluss und wandten sich nach Süden.
Die Straße war ein schier unergründlicher Morast: Tagelang hatte der Novemberregen in sie hineingetrommelt. Jetzt trieb ein steifer Wind die Wolken auseinander, wirbelte Blätter und Äste durch die Luft, bauschte den Mantel des einsamen Wanderers.
