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Sie flogen Besen an Besen. Anne saß gerade, mit flatterndem Wolltuch; krumm hockte die Großmutter, wieder mit wehendem Haar, die Ähnlichkeit zwischen ihnen war unverkennbar. Bringst du mich dorthin, wo du mein Spiegelbild getroffen hast? Die Alte lachte auf. Stell dir das nicht so einfach vor, rief sie. Wenn du es nicht allein findest, kannst du’s niemals festhalten. Sah's selbst nur für Sekunden. Dann zersprang es in tausend Scherben. Die wirst du suchen müssen. Und zusammenfügen. Aber das wird dir nicht gelingen, wenn du nichts anderes suchst als dies. Verstehst du? Nein, Großmutter. Wer nur sich selbst sucht, wird wenig finden, am wenigsten: sich selbst. Die Wolkendecke unter ihnen hatte sich gelichtet, wurde ein dünner Schleier, verflog gänzlich, und verloren blitzten die Erdenlichter durch die Dunkelheit ... Der poetische Reiz dieses in sensibler Sprache geschriebenen Romans liegt in der Verfremdung und zugleich Doppelung der beiden Hauptfiguren. Anne Bremer, Lehrerin, wird sich endlich der Fehleinschätzung ihrer Schüler durch die zur Wahrhaftigkeit mahnende innere Stimme bewusst: Die Hexe Barbara verkörpert Annes zweites Ich, als die zweite Seite ihres Gewissens - Barbara in Anne, zwei und doch eins ... Auch Annes Großmutter vermag erst als Hexe Debitrice zu erkennen, dass sie niemals auch nur den Versuch unternahm, zu handeln, wie sie es selbst für gut und richtig hielt. Für Anne Bremer war es ein langer Weg, selbstbewusst „ich" zu sagen. In die Wiedergabe dieses Bildes floss ein großer Erfahrungsschatz der Autorin mit ein. Der kritische, immer noch sehr aktuelle Roman, erschien erstmals 1984 im Buchverlag Der Morgen Berlin.
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2013
Elke Nagel (Willkomm)
Hexensommer
Roman
ISBN 978-3-86394-203-8 (E-Book)
Das Buch erschien erstmals 1984 im Buchverlag Der Morgen Berlin.
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
Liebe Tina,
hab Dank für die vielen Karten und Briete. Deine Befürchtungen sind grundlos, mein Schweigen hatte nichts Schlimmes zu bedeuten. Im Gegenteil: Ich habe gearbeitet. Endlich habe ich mich überwinden können, diese Seiten wieder in die Hand zu nehmen - zugegeben: sehr widerstrebend, denn sie waren nicht nur in die Hand zu nehmen, sondern vor allem zu lesen und zu bearbeiten.
Deine immer wiederkehrende Frage, wann ich Dir endlich etwas zu lesen schicke, ist damit beantwortet: Hier hast Du das erste Kapitel. Weitere sechs werden nach und nach folgen, aber ich hab keine Ahnung, wie lange es dauern wird. Ich streiche und streiche, schreibe über und unter, hoffentlich findest Du Dich zurecht ...
Und nun werde ich warten - auf ein Zeichen von Dir, eine Reaktion, eine Meinung ... Du darfst mich getrost kritisieren, ich bitte sogar darum. Möglich, besser, wahrscheinlich, dass ich manches noch immer zu einseitig sehe, dass ich mich noch nicht herausgeschrieben habe aus dieser Enge, in der ich so lange, viel zu lange gelebt hatte. An einem darfst Du aber nicht zweifeln, Tina: Ich musste dies alles aufschreiben. Um frei davon zu werden. Um zu verstehen, was da in mir, mit mir, um mich her geschehen war.
Du willst wissen, wie’s mir geht. Ich glaube, recht gut, dank dieser Arbeit, die mir sehr geholfen hat, wieder auf die Beine zu kommen, und natürlich in erster Linie dank den Ärzten, die inzwischen sehr zufrieden sind - mit mir und meinem „rebellischen Herzen“. Noch einmal wird man mich in diesem Sanatorium nicht treffen, jedenfalls hab ich mir das fest vorgenommen. Du brauchst nicht skeptisch zu sein, Tina, Du weißt doch: Wenn die Lubahnsche sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann hat sie das schließlich auch bewerkstelligt, nicht? Also - keine Rede von „Zauberberg-Gefahren", wie Du das nennst! Jaja, vor einem Jahr waren sie nicht von der Hand zu weisen, ich weiß doch. Es fiel mir auf, als ich jetzt dieses erste Kapitel korrigierte ... Übrigens habe ich nicht jeden Hinweis auf meine damalige Verfassung „ausgemerzt". Denn ich will, dass man bemerkt, wie fließend die Grenzen sein können zwischen Erregung und Verwirrung - tatsächlicher Verwirrung, die die Sicht verstellt und unfähig macht zu gerechtem Denken.
Vielleicht bekommst Du das zweite Kapitel schon in vierzehn Tagen!
Sei herzlich gegrüßt von Deiner Anne
Noch eine Stunde bis Mitternacht.
Deutlich war der Frau bewusst: Über dem Strohdach der kleinen Hütte hing ein blasser Vollmond, von grauen Wolken eingerahmt; mäßiger Seewind strich durch Kiefern und Fichten; hinterm Wald redete, unhörbar für sie, das Meer wie seit Jahrtausenden, und sie saß in dieser Hütte, vor dem kalten Kamin.
Anne Bremer. Schmales, ein wenig kantiges Gesicht. Ratloser Blick: aufgestört, noch nicht zur Flucht bereit. Das Haar, schwer, rostbraun, lag über Schultern und Rücken, glänzte kupfern. Der Vollmond erhellte den Raum nicht, er verzauberte ihn: trügerische Unwirklichkeit.
Im Nebenraum schlief der Junge, sie hatte ihn vor ein paar Minuten noch mal zugedeckt und betrachtet; jetzt dachte sie nicht an ihn, obwohl sie von allen Menschen, die ihr nahestanden, dieses Kind vielleicht am meisten liebte.
Noch eine Stunde bis Mitternacht, dachte sie. Und legte die Hände gegeneinander, als wollte sie diese Stunde festhalten. Wie lange weiß ich es schon? Ahnte ich's nicht schon vor drei Tagen, dass mir der Boden unter den Füßen verloren gegangen ist?
Vor drei Tagen ..., am Montag, am ersten Tag der Lehrerweiterbildung. Verworrener Tag. Verwirrender Tag, ich will ihn zurückholen, aber ich sehe nichts als diese Treppe ...
Breite, geschwungene Treppe mit weißem Geländer. Weinroter Teppich, der die Schritte dämpft. Wortfetzen, Lachen, halbe und ganze Sätze verknäulten sich zu einem fröhlichen bunten Ball, Feierabend-Ball, Ferienvorfreude-Ball: noch eine Woche Weiterbildung, eine Klassenfahrt und dann: Urlaub!
Sie wollte Gerhard Schütt auf diesen seltsamen Ball aufmerksam machen, aber es fiel ihr rechtzeitig ein, dass er sie nur verständnislos lächelnd ansehen würde. Oder ungehalten. Er ließ sich noch nie gern unterbrechen, wenn er redete. Dass sie kaum zuhörte, entging ihm. Seine Worte glitten an ihr ab. Hin und wieder erreichte eins ihr Bewusstsein und blieb haften, zusammenhanglos. Dabei sprach er von ihr. Sprach von dem Referat, das sie gerade gehalten hatte. Und von seinem Referat, das den Vormittag ausgefüllt hatte. Dessentwegen er hierher gereist war, in die „Provinz". Von seiner Hochschule. Die doch einmal auch meine gewesen ist? fragte sie sich ungläubig. Aber wie lange ist das her ... Hinter sieben Bergen ...
Anne! rief er plötzlich. Ist dir nicht gut? Du kamst mir reichlich nervös vor bei deinem Referat. So ein Schuljahresende ist kein Zuckerlecken, jaja ... Bist du gesund? Und deine Familie, wie steht's da? Arnold soll stellvertretender Schulrat sein, hab ich gehört.
Er hat noch immer die Angewohnheit, Fragen zu stellen, ohne Antworten zu erwarten, dachte sie. Und entgegnete widerwillig: Das Schuljahresende kann dich schaffen, Schütt. Vor allem, wenn man die Abiturklasse hatte. Das kannst du schwer nachfühlen. Auf deiner Insel.
Na, na, na! Er setzte sofort die beleidigte Miene des zu Unrecht Angegriffenen, des Unterschätzten auf. Wir haben auch unsere Probleme. Und können seltener auf so messbare Erfolge zurückblicken wie ihr an der Basis.
Er sagt tatsächlich: an der Basis, dachte sie erschrocken.
Ihr dagegen, schwärmte er, fantastisch, was du heute ausgeführt hast! Du solltest eine Pädagogische Lesung schreiben. Du musst doch glücklich sein über solche Ergebnisse, was? Warum schreibst du nicht darüber? Was meinst du, wie du damit groß ankommen könntest!
Er nickte befriedigt, während sie sagte, genau das sei vorgesehen, dies sei heute sozusagen der Extrakt gewesen. Nickte und wiederholte: Damit wirst du ganz groß ankommen.
Ja - wo denn? Wo werde ich ankommen? Wo will ich ankommen?
Doch während sie das noch dachte, spürte sie schon ein angenehmes Gefühl der Zufriedenheit. Und erschrak. Mit diesem wohltuenden Gefühl hatte sie Minuten zuvor dem Applaus und Ralf Menzels Geflüster gelauscht: Hervorragend sei sie gewesen, Eindruck habe sie gemacht, endlich höre man beim Bezirk, was im Kreis Walden im Rollen sei ...
Sie dachte: Stolz war ich da, wie immer, wenn man mich lobt. Vor allem: wenn er mich lobt, Ralf Menzel, mein Direktor. Und war mir doch selten so deutlich bewusst, wie fragwürdig all diese Reden sind ...
Denn während sie über die „Anerziehung sozialistischer Verhaltensweisen bei Jugendlichen der Oberstufe” gesprochen hatte, am Beispiel der diesjährigen Abiturienten, war diese Vorstellung über sie hergefallen, sie stehe neben sich, höre sich selbst zu, ungläubig und kühl, voll bitteren Spottes. Und sie hatte Großmutters Stimme im Ohr gehabt, und Großmutter hatte gesagt: Schwindel, Kindchen, du machst dir doch was vor!
Und nun? fragte sie sich bestürzt. Nun bade ich mich wieder in Lobsprüchen. In Schütts Lobsprüchen. Was ist denn mit mir los?
Da standen sie im Foyer vor dem Spiegel. Hoher, schmaler Spiegel mit barockem Goldrahmen. Er zeigte ein merkwürdiges Bild; sie ertappte sich dabei, dass sie es in Gedanken auf die erste Seite der Zeitung setzte und eine Bildunterschrift formulierte: „Abgekämpfte Pädagogen schreiten zuversichtlich treppab."
Ganz oben im Bild, am Bogen der Treppe noch: die Kollegen, arg im Gedränge. Reni Maidorf erkennt sie, die kleine, runde, sie hält den blassen Toni Richter am Ellbogen und redet auf ihn ein, aber man hat nicht den Eindruck, dass er, schwitzend und müde blinzelnd, auch nur eines ihrer Worte aufnimmt. Dann schiebt sich der Chef zwischen die beiden, Ralf Menzel. Und Anne denkt in panischem Schrecken: Er will mich doch nicht einholen? Nicht doch, Ralf Menzel, ich will jetzt nichts hören, ich müsste aussprechen, was Großmutter mir geflüstert hat, müsste es dir ins Gesicht schreien: Wir sind nicht halb so gut, wie ich es gerade behauptet habe, und wer weiß das besser als wir beide, Ralf Menzel! Schau dich doch um: Hinter dir schieben sich zwei die Treppe hinunter, ein verstecktes Lächeln auf den müden Gesichtern, unser bärtiger Olaf Radinsky und der mürrisch-lustige Max Karsten, sie sprechen nicht miteinander, aber ihr Lächeln gleicht sich, ist das nicht merkwürdig? Vielleicht bedeutet es das gleiche. Beispielsweise könnte es doch heißen: Hat die Kollegin Bremer aber ein Fass aufgemacht mit ihrer Musterklasse, nun sind wir endlich groß da, ist der Chef groß da, wird er wohl bald Verdienter Lehrer werden. Er oder die Anne Bremer ... Ob sie das denken? Oder sagt sich Max Karsten gar: Schwindel, Schwindel? Aber nein. Er denkt höchstens: Meine Klasse war nicht besser und nicht schlechter als die 12 b, hätte auch solchen Wind machen können, Unsinn, das fehlte noch, wir sollten mehr tun und weniger schwätzen ... Und Olaf? Was Radinsky denken könnte, weiß ich nicht. Undurchsichtig, dieser Junge ..., verschanzt sich hinter seinem Bart und seinem seltsamen Lächeln ...
Plötzlich, groß im Bild, alles andere verdeckend: Gerhard Schütt, Studienkollege einst, nun promovierter Pädagoge. Im dunklen Anzug, mit nervös zuckenden Augenlidern.
Da dachte sie: Aber er geht doch neben mir. Nein? Wo bin denn ich in diesem goldgerahmten Lehrerspiegelbild?
Sie starrte den Spiegel an. Und begriff - es war ein dumpfer, heftiger Schmerz: Ich habe kein Spiegelbild.
Da schrie sie auf. Und der Spiegel drehte sich vor ihren Augen.
Als sie zu sich kam, wusste sie sofort: Ich liege auf dem Boden. Vor dem Spiegel. Der mich nicht spiegeln will. Sie hörte Bruchstücke von Sätzen: Diese Hitze ... Schuljahresschluss ... Referat ... Herz ... Kreislauf ...
Schwindel, Kindchen, Schwindel ...
Aber Großmutter, was redest du nur, dachte sie. Eines steht jetzt fest: Ich bin nicht vorhanden. Denn ich habe kein Spiegelbild. Bin wesenlos ... „Meine ganze Seele sträubt sich gegen das Wesenlose“ - Hölderlin. Was ist nur mit mir geschehen, Großmutter?
Anne, meine Güte, hast du mich erschreckt! Gerhards Stimme. Ist dir besser? Willst du dich irgendwo hinlegen? Bist du denn nicht gesund?
Er fragte noch mehr. Aber sie schwieg. Setzte sich langsam auf, Rücken gegen den Spiegel, um sie herum: die Kollegen. Reni Maidorf mit erschrockenen großen Augen. Olaf Radinsky, bleich und verstört, an seinem Bart zupfend. Ralf Menzel griff nach ihren Händen. Anne, rief er leise. Die Berührung tat ihr wohl, sie weinte plötzlich und wusste nicht, weshalb. Lass nur, murmelte sie und stand auf, es geht schon wieder. Aber sie ließen sie nicht. Die Bluse, rief Reni, mach doch den Knopf auf, es ist zu heiß! Ob er einen Arzt holen solle, fragte Ralf Menzel, oder Arnold anrufen. Sie wehrte erschrocken ab. Es ist wirklich vorbei, sagte sie, Arnold ist heute beim Bezirksschulrat, wir sind verabredet, ich fahre dann mit ihm zurück. Lasst mich in Ruhe, ich will jetzt in die Stadt.
Das klang schroff, und nicht einmal Reni Maidorf versuchte sie zurückzuhalten.
Gerhard Schütt, der verlegen abseitsgestanden hatte, kam wieder auf sie zu, schüttelte ihr die Hand. Grüße an Arnold, sagte er, gute Besserung und weiterhin viel Erfolg, Anne.
Sie unterdrückte ein Lachen, das ihr plötzlich in der Kehle steckte, schluckte es hinunter und ließ ihren Mund reden. Denn nun verabschiedeten sie sich mit den üblichen, nichtssagenden Sätzen: Hab mich sehr gefreut, dich zu treffen, nach so vielen Jahren, vielleicht sieht man sich mal wieder, wäre schön ...
Wäre schön, wäre schön, murmelte sie völlig sinnlos vor sich hin. Da war sie schon eingetaucht in die staub- und lärmgesättigte Julihitze. Zähe Masse aus Geräuschen und Gerüchen. Die schließt mich ein, dachte sie, die lastet auf mir, die wird mich zu Boden drücken ..., wäre schön, wäre schön ...
Mühsam, qualvoll langsam setzte sie Fuß vor Fuß. Alles um sie her erschien ihr unwirklich, gespenstisch: Fahrzeuge, lärmende, stinkende - gefährliche Ungeheuer von fernen Planeten; die Häuser entlang der Straße schwebten im blendenden Nachmittagslicht, als wollten sie sich augenblicklich in ein Nichts auflösen; mit den hektischen, lächerlichen Bewegungen von Figuren in einer Zeitrafferaufnahme hasteten Menschen über Straßen und Gehwege. Unwirklich und fremd. Unwirklich vor allem: sie selbst.
Ich? Nicht doch, nicht doch, dachte sie. Ich bin nicht vorhanden. Spieglein, Spieglein an der Wand ..., was ist das, was in uns lügt?
Zehn Minuten später erreichte sie die Straßenkreuzung in der Altstadt, über die sich der nachmittägliche Berufsverkehr ergoss, gebremst und wieder entfesselt durch rote, gelbe und grüne Signale. Sie stand vor dem Fußgängerüberweg, weil die hastende Menge vor ihr erstarrt war, blickte zu dem dreistöckigen Amtsgebäude auf der anderen Straßenseite hinüber, las mechanisch die weißen Buchstaben, die dort von einem roten Transparent leuchteten. Sie fügten sich zu bekannten Wörtern, die Wörter zu einem ebenso bekannten Satz, der zum Ausdruck brachte, was niemand ernsthaft bezweifelte; Anne vergaß augenblicklich, was sie gelesen hatte. Als die Ampel ein laufendes grünes Männlein zeigte, wurde sie im Sog der vor ihr Gehenden auf die Straße geschwemmt. Und plötzlich blieb sie stehen, der Fußgängerstrom flutete rechts und links an ihr vorbei, so stand sie einen Moment wie ein Pfahl in einem Fluss und dann für Minuten ganz allein auf der Straße, denn sie stand noch, als das grüne Männlein verschwunden und statt seiner das rote aufgeleuchtet war, sie studierte die Schrift, und sie las den Satz: DIE SICH VERLIERENDEN LÄSST ALLES LOS.
Ein Wagen fuhr langsam an und bremste vor ihren Füßen. Der Gegenverkehr setzte sich in Bewegung. Ein Lastzug hielt haarscharf neben ihr, der verschwitzte Fahrer in grünem Turnhemd beugte sich gestikulierend aus seiner Kabine. Nervöses Hupen ...
Verlieren, dachte sie, die sich Verlierenden ... vorhanden also doch? Aber verloren. Und sie formulierte mit der Beharrlichkeit und Ruhe von Betrunkenen oder Schlafwandlern: Ich habe mich verloren. Stand noch immer reglos, starrte auf diese Schrift, gebannt. Fragte sich nicht, in welchen Zusammenhang der Satz gehörte, zweifelte aber keine Sekunde an dem Verfasser: Rilke, dachte sie.
Aus den Autos schoben sich Köpfe, auf den Gehwegen stockte der Fußgängerstrom. Die Blicke der Menschen folgten dem Blick der starrenden Frau. Das Transparent wurde gelesen, das bisher kaum jemand beachtet hatte. Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Na ja, gewiss doch.
Und dann rief jemand Annes Namen. Eine tiefe Frauenstimme. Anne zuckte zusammen. Löste die Augen von der Schrift. Fragte ungläubig: Tina? Du? Das ist doch nicht möglich. Aber heute ist wohl alles möglich.
Komm, sagte die Frau. Martina Lenz. Sie nahm Anne beim Arm, zog sie behutsam, aber zielstrebig von der Straße. Anne wehrte sich nicht. Sie bemerkte nichts von den teilnahmsvollen Blicken der Umstehenden.
Bist du Tina?
Wer sonst.
Sie gingen eingehakt, Schritt für Schritt, schweigend. Bogen in eine ruhige, schattige Seitenstraße ein, die vor einem parkähnlichen Platz endete, da setzten sie sich auf eine Bank.
Anne verspürte eine ihr unbekannte, wohltuende Mattigkeit, schloss die Augen. Wahrscheinlich ist das tatsächlich Tina, dachte sie.
Martina brach das Schweigen. Hab heute Nachmittag lange überlegen müssen, sagte sie. Bist du's, oder bist du's nicht? Konnte es einfach nicht glauben, verstehst du? Am Ende wurd ich noch aufgehalten, von meinem zukünftigen Direktor übrigens. Und dann warst du verschwunden. Aber den Gerhard Schütt hab ich noch gesprochen, der hat mir erzählt ..., da bin ich losgerannt, um dich zu suchen. Was sagst du denn dazu, dass ausgerechnet unser Gerdchen promoviert hat? - Hörst du mir nicht zu?
Doch, doch, murmelte Anne wie abwesend. Sie dachte: Wie kommt denn Martina hierher? Im Grunde dachte sie aber ganz anderes: Nun wird sich gleich alles aufklären, Verlorenes kann man doch wiederfinden, man muss nur danach suchen! Mit Bedacht.
Ja, Großmutter, flüsterte sie, denn sie glaubte, Großmutters Stimme gehört zu haben.
Tina blickte sie aufmerksam an. Komm, sagte sie, was ist los mit dir? Wie geht es deiner Großmutter?
Sie ist lange tot. Zum ersten Mal schaute Anne die Frau neben sich wirklich an. Alt ist sie geworden, dachte sie. Und etwas Fremdes ist in diesem Gesicht, etwas Hartes. Eineinhalb Jahrzehnte haben wir uns nicht gesehen ...
Aber sie stellte keine Fragen. Nicht einmal der übliche, unverbindliche Satz „Wie geht es dir?” kam ihr in den Sinn.
Wunderst du dich nicht, fragte Martina, dass wir uns heute plötzlich treffen? Nach so vielen Jahren ...
Anne schüttelte den Kopf. Es gebe Seltsameres, gerade heute, sagte sie. Und erstarrte. Zeigte zum Himmel hinauf. Sieh doch! rief sie, dort! Hast du's nicht gesehen?
Nein, sagte Martina. Was soll ich gesehen haben?
Sie flog dort. Über den Dächern. Auf einem Strauchbesen. Und ich sagte noch eben, sie sei lange tot.
Anne sprang auf. Sie müsse sofort gehen, sagte sie, denn sie fürchte, die Großmutter könne sich, des Suchens überdrüssig, wieder zurückziehen. Sie müsse aber unbedingt mit ihr sprechen, noch heute.
Martina, Unruhe und Besorgnis nur schlecht verbergend, erklärte sachlich - und sie zog Anne mit Nachdruck auf die Bank zurück -: Wenn sie tatsächlich durch die Luft fliegen kann, deine Großmutter, dann wird es ihr nicht schwerfallen, dich zu entdecken, wo auch immer du dich versteckst.
Anne beruhigte sich augenblicklich. Nun wurde ihr vollends bewusst, mit wem sie sprach. Martina Lenz. Irgendwann in ihrem Leben hatte es eine Tina Lenz gegeben. Immer war sie ein Stück weiter, diese Tina, wusste ein bisschen mehr als ich, dachte Anne. Aber immer konnte man mit ihr reden, über alles ... Warum ist sie mir jetzt so fremd? Doch ich werde ihr alles sagen, denn es ist Tina.
Und sie redete.
Als Anne erschöpft schwieg, unruhiger als zuvor, fragte Tina: Du hältst also dein Referat für unwahr?
Anne nickte. Obwohl jede Einzelheit der Wahrheit entspricht, sagte sie.
Das ist aber ein Widerspruch, wandte Martina ein, woher käme dann die Unwahrheit?
Durch die Auswahl der Beispiele, sagte Anne nach kurzem Überlegen. Durch das, was verschwiegen wurde. Seit wann ich mir darüber im Klaren bin? Wahrscheinlich schon lange. Nur habe ich es bisher ausgezeichnet verstanden, mich selbst zu belügen. Bis heute. Aber heute ... Sie stockte. Martina wartete ohne ein Zeichen der Ungeduld. Heut ist wohl irgendwas passiert, sagte Anne unsicher. Vielleicht das Referat, vielleicht Gerhard Schütt? War auch sein Gerede nur Fassadenputzerei, Selbstzweck? Und er weiß es nicht? Oder tut, als wisse er's nicht? Warum ..., warum siehst du mich so an?
Da muss noch etwas anderes gewesen sein, sagte Martina. Etwas, das du jetzt vergessen hast. Vergessen wolltest. Vielleicht gestern? Heute Morgen?
Annes Augen verengten sich, sie blickte Martina voll Furcht und Abwehr an, aber die hatte schon an das gerührt, woran Anne nicht denken wollte, was in keinem Zusammenhang stehen durfte mit diesem ganz verworrenen Tag. Doch im Grunde wusste sie, dass ein Zusammenhang bestand, ob sie ihn sehen wollte oder nicht.
Als Arnold, ihr Mann, heute früh den Inhalt des Telefongesprächs wiedergegeben hatte, früh um sieben Uhr zehn, kurz bevor sie Till in den Kindergarten bringen wollte, da hatte er besorgt hinzugefügt, sie habe keine Veranlassung, auch nur das Geringste an ihrer Pädagogischen Lesung zu ändern oder gar an ihrem Referat heute; zum Glück sei diese fatale und bedauernswerte Sache Wochen nach dem Abitur geschehen, nach der Schulzeit also. Eigentlich hätte man sie, Anne Bremer, gar nicht so übereilt und in aller Herrgottsfrühe zu benachrichtigen brauchen, sie sei doch überhaupt nicht mehr zuständig für diese Schüler.
Zum Glück. Er hat tatsächlich gesagt: zum Glück.
Und was, fragte Tina geduldig, was ist da geschehen, nach dem Abitur und nach der Schulzeit?
Eine meiner Schülerinnen, sagte Anne, die vor ein paar Wochen das Abitur bestanden hat, mit guten Ergebnissen übrigens, hat sich gestern Abend das Leben genommen.
Sie ist tot?
Vierzig Minuten vor Mitternacht.
Anne, in der Hütte vor dem Kamin, in dem kein Feuer brannte, begann zu frieren. Sie stand auf und streifte das Sommerkleid ab, zog Hose und Pullover an. Saß dann wieder reglos, Blick zum Fenster, Hände im Schoß.
Wenn ich nur wüsste, dachte sie, was eigentlich geschehen war. Auf diesem Transparent stand: Die sich Verlierenden lässt alles los. Das ist doch erstaunlich. Vielleicht war Tina die einzige, die mich nicht für verrückt hielt.
Man muss aufhören, sich selbst zu belügen, Lubahnsche.
Bei dieser Anrede war Anne zusammengezuckt. War erschrocken, vor Freude. Eben hab ich dich wiedererkannt, sagte sie.
Tina lachte leise. Ein warmes, ernstes Lachen. Sehen wir uns wieder, Anne?
Da endlich fiel Anne ein, zu fragen: Wie kommst du hierher? Seit wann bist du bei uns im Bezirk? Wie geht es dir?
Tina unterbrach sie. Das willst du jetzt doch gar nicht wissen. Ich ziehe in vierzehn Tagen hierher. Arbeite ab September am Institut für Lehrerbildung.
Sie hatten noch keinen Weißt-du-noch-Satz gesprochen. Sie trennten sich vor dem Café, in dem Anne mit Arnold verabredet war. Schon Minuten später war Anne sich nicht mehr sicher, ob sie Tina überhaupt getroffen hatte. Es erschien ihr unwirklich, wie alles um sie her, wie sie sich selbst.
Arnold kam bald. Er sah müde aus. Verdammte Sitzungen, sagte er, sagte es ohne Zorn. Und sofort: Ralf Menzel habe eben mit ihm gesprochen. Über Annes ... Er stockte. Sagte dann: Schwächeanfall, Herzanfall, Nerven.
Ach, sagte Anne.
Arnold war eingetreten, wie er immer in einen Raum eintritt: Er zieht den Kopf ein wenig ein, als fürchte er, gegen die Türfassung zu stoßen - keine unbegründete Befürchtung, wenn man einsfünfundachtzig groß ist -, nimmt hastig die Sonnenbrille ab, die er auch im Winter trägt und schaut sich schnell und gründlich um. Obgleich Anne das länger als ein Jahrzehnt bekannt war, dachte sie entsetzt: Was will dieser fremde Mensch?
Später, im Auto, betrachtete sie ihn aus den Augenwinkeln, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Ein nahezu klassisches Profil, dachte sie. Hohe, leicht fliehende Stirn. Die Nase gerade und schmal. Falten unter den Augen. Ein sanftes Kinn. Längeres Haar stände ihm gut, und ein Bart ... Wohin fahre ich mit diesem sehr selbstbewussten Mann? Mit diesem fremden Mann ...
Wer bist du? fragte sie lautlos. - Arnold Bremer. Schließlich kennen wir uns seit siebzehn Jahren, nicht wahr? - Wirklich? Kann sein, ja. Aber ich weiß nichts von dir. Wer also bist du? - Merkwürdige Frage. Dein Mann doch wohl. Und das seit vierzehn Jahren. - Jaja. Aber was besagt das denn? Allein diese Formulierungen: Mein Mann. Meine Frau. Wie unzutreffend, falls da Liebe im Spiel ist. Und wie entlarvend, falls sie fehlt. Wer bist du? - Vater deiner, unserer Kinder. - Ja. Ein gewissenhafter, gelegentlich strenger Vater. Mehr weiß ich nicht von dir. - Natürlich weißt du mehr. Stellvertreter des Kreisschulrats bin ich auch. - So, bist du das. Na schön. Skrupellos? - Was fällt dir ein? Ich? - Nein, nein, natürlich nicht. Aber: zweifellos, nicht wahr? Bist du angekommen? - Was willst du nur? Angekommen ... Unsinn. Wenn die Partei mich ... - Verstehe, ja. Und das, siehst du, das lieb ich an dir. Schon immer, noch immer. Aber begreifst du, dass ich nichts von dir weiß? So gut wie nichts. Und du weißt nichts von mir.
- Aber wir leben seit vierzehn Jahren miteinander, Anne.
- Möglich. Nein. Nebeneinander, nur nebeneinander, Arnold.
Der Motor surrte gleichmäßig und einschläfernd. Plötzlich brach Anne das drückende Schweigen. Kennst du das? fragte sie. „Die sich Verlierenden lässt alles los." Rilke.
Weiß nicht mehr, sagte er. Rilke hab ich vor vielen Jahren gelesen, kurz vorm Staatsexamen, bin nicht mit ihm zurechtgekommen. Ja, ihr beide, Tina und du, ihr habt damals solche Sachen gelesen, habt euch dafür begeistert, Rilke, Hölderlin, Lenau, daran erinnere ich mich gut. Später hattet ihr die Strähne mit der westdeutschen Moderne. Enzensberger, Böll. Danach - oder davor - kamen Saint- Exupéry, Romain Rollland. Immerfort habt ihr diese Sachen gelesen, die in keiner Prüfung verlangt wurden. Zum Glück habt ihr das getan? Na, meinetwegen. Hat ja auch niemand was dagegen gesagt, oder? Und wie kommst du heute auf Rilke?
Sie erzählte alles, genau der Reihe nach. Er blickte unentwegt auf die Fahrbahn, unterbrach sie mit keinem Wort. Sagte auch nichts, als sie schwieg. Stell dir vor, fügte sie hinzu, Tina wird ab September im Bezirk arbeiten, am Pädagogischen Institut.
Weißt du, sagte er, Ralf Menzel hat mich vorhin angerufen, hat mir erzählt ... ich sagte es bereits. Und wir haben auch gleich die notwendigen Maßnahmen besprochen. Dabei ahnte ich gar nicht, welches Ausmaß ..., na ja, pass auf.
Es stellte sich heraus, dass er detaillierte Pläne vorzuschlagen hatte. Bei dem Weiterbildungskurs sei nicht viel zu versäumen, sagte er, und Olaf Radinsky werde jemand anderen für seine Klassenfahrt finden, das brauche nicht ihre Sorge zu sein, sie habe ab sofort Urlaub. Und er werde noch heute Schwager Jens anrufen, um zu erkunden, ob die Hütte frei sei. Den Kleinen würde sie mitnehmen, zu ihrem Geburtstag komme er mit Marion nach. Und nach dem Urlaub müsse sie dann sofort zum Arzt. Das Herz, es sei doch das Herz, nicht wahr?
Ja, sagte sie, sicher, das Herz.
Sie dachte: Habe ich mich nicht wochenlang darauf vorbereitet, mit Olaf Radinsky und seiner Zehnten nach Sassnitz zu fahren? Hatte ich mir nicht vorgenommen, das undeutbare Lächeln zu ergründen, mit dem der Bärtige meine zaghaften Kontaktversuche abzuwehren pflegt? Und mit dem seine Schüler mich abfahren lassen, wenn ich mit ihnen diskutieren will ... Bei dieser Klassenfahrt wollte ich sie endlich kennenlernen, mit ihnen ins Gespräch kommen. Trotzdem habe ich nun nichts für und nichts gegen Arnolds Vorschläge? Sie sind vernünftig ... sie sind zweckmäßig ...
Plötzlich begriff sie, dass es nicht eigentlich Vorschläge, sondern Vorschriften waren; es kam ihr in den Sinn, dass sie sich recht wenig eigene Entscheidungsfreiheit bewahrt hatte; ich lasse mit mir geschehen, dachte sie ebenso erstaunt wie erschrocken. Lasse ich mich gar bevormunden? Könnte ich mich nicht wehren? Auflehnen?
Sie war weit entfernt davon, sich aufzulehnen. Aber sie kreiste in Gedanken das Wort „wesenlos” ein und suchte hinter seinen Sinn zu kommen, und sie ahnte, ohne es formulieren zu können, dass die Unfähigkeit zur Selbstbehauptung entscheidend mit diesem Sinn zu tun haben musste.
Sie schaute aus dem Fenster; verkohlte Baumstümpfe zogen vorbei, vor Tagen hatte hier der Wald gebrannt. Ein Gefühl von Überdruss und Ekel breitete sich in ihr aus, sie glaubte, nie mehr lachen und nicht mehr weinen zu können, ertrinken zu müssen in einem Meer aus Unlust.
Dann schrak sie zusammen, denn knapp über den toten Bäumen sah sie die Großmutter fliegen. Ernsthaft und krummrückig saß sie auf ihrem Besen aus Birkenreisig; im Wind flatterte ihr graues Haar, und als Anne sich aus dem Fenster lehnte, löste die Alte eine Hand vom Besen und winkte; das runde, welke Gesicht faltete sich zu einem knappen Lächeln, dann blickte sie wieder streng geradeaus.
Du solltest dich nicht aus dem Fenster lehnen, sagte Arnold.
Anne zog gehorsam den Kopf ein. Erst am Ortseingang von Walden verlor sie die Alte aus den Augen. Unruhig spähte sie zu den hohen Pappeln hinauf. die hier die Straße säumten, suchte mit den Augen die Antennenwälder der Altstadt ab, die flachen Dächer der Neubauten am östlichen Stadtrand, dem sie entgegenfuhren; sie ist uns vorausgeflogen, dachte Anne, sie wird vor der Barlachstraße 13 auf uns warten.
Sie öffnete die Tür, noch bevor Arnold den Motor abgestellt hatte. Langsam, langsam! rief er mehr erstaunt als tadelnd. Der Kleine ist bei Lisa Singer, ich hol ihn gleich.
Da war Anne schon ausgestiegen, starrte zum Dach des fünfstöckigen, vieltürigen Hauses empor. Die Großmutter lehnte an der Fernsehantenne, den Besen hielt sie in der Hand und winkte mit ihm. Anne hob den Arm.
Wem winkst du? fragte Arnold.
Ja, wem? Vielleicht dem Haus?
Er zuckte mit den Schultern und schloss das Auto ab. Ich geh dann also, sagte er.
Anne stürmte durch die Haustür, Treppen hinauf. fünfter Stock, schloss ungeduldig an der Wohnungstür, natürlich klemmte das Schloss, ihre Hände wurden heiß und feucht. Sie lief in die Küche, schrie in den Luftschacht: Großmutter?
Ein heiseres Lachen antwortete. Dann Großmutters raue Stimme, unverkennbar auch der norddeutsche Klang: Na, Deern, bist du endlich so weit?
Anne begann zu zittern vor Erregung. Wo kommst du denn her? fragte sie atemlos.
Vom Blocksberg, Deern. Die Alte kicherte. Hab dein Spiegelbild getroffen. Dachte: Wirst mich wohl brauchen. Nu heul nicht, Deern. Warum heulst du denn?
Ich weiß doch nicht !
Anne befürchtete, jemand könnte die Alte dort oben entdecken und die Feuerwehr verständigen. Niemand sieht die Hexen, beruhigte die Großmutter sie. Die erkennen sich nur gegenseitig.
Sie sprach noch mehr solcher dunklen, geheimnisvollen Sätze. Es lebt ein Stück von mir in dir, drum siehst du mich, sagte sie. Bist wesenlos und hexenfern, sagte sie. Wirst zur Hexe oder zu einem Nichts.
Großmutter! schrie Anne verzweifelt. Wie find ich mein Spiegelbild wieder?
Fliegen, fliegen, fliegen! schallte es zurück.
Anne erschrak. War sie fort? Sie lief auf den Balkon, da sah sie die Alte: Auf ihrem Strauchbesen ritt sie über eine blauschwarze Wolkenwand, sie rief etwas. Ans Meer, ans Meer, verstand Anne, Vollmond über dem Wasser ...
Und Anne erkannte das Kleid: das dunkelgrüne Kattunkleid mit den winzigen roten Rosen. Das hat Großmutter in jenem Sommer getragen, dachte sie, als sie mit mir an der Steilküste stand und auf die Gewitterwolken im Osten wies: Das ist kein Gewitter, Deern, uns' Rostock brennt da ...
Arnold kam mit dem Jungen, der Kleine stellte sich neben Anne. Was guckst du denn da? fragte er.
Hörst du nicht, Till?
Er reckte sich auf die Zehenspitzen und lauschte. Dann stellte er fest: Der Wind saust.
Ja, die Ostsee wird hohe Wellen haben, mit weißen Schaumkämmen. Wollen wir morgen an die Ostsee fahren?
Er jauchzte auf. Im selben Augenblick begann es zu donnern, im Zimmer hinter ihnen klirrten die Weingläser in der Vitrine. Es regnete noch nicht; über die blauschwarze Wolkenwand zuckte ein Blitz. Anne schloss geblendet die Augen. Sie hatte auf dem Blitz eine Hexe reiten sehen. Da war sie wieder! rief sie und ging ins Zimmer zurück, denn der Regen hatte plötzlich und sehr heftig eingesetzt.
Wer? fragten Vater und Sohn gleichzeitig.
Die Hexe, versuchte sie zu erklären, über den Wolken, also, ich meine natürlich ...
Während Till sie staunend anstarrte, murmelte Arnold unwillig: Lass das doch, mein Gott, was soll das nur.
Till fand die Sprache schnell wieder. Die Hexe, fragte er eifrig und ein wenig misstrauisch, wie sah sie aus, Mutti?
Eigentlich sah sie aus wie meine Großmutter, Till. Aber du musst nun schlafen, ja?
Er widersprach nicht, er schlief sogar schnell ein.
Später, Anne las Marions Kartengruß aus dem Ferienlager, sagte Arnold: Ich hab vorhin mit Jens telefoniert, die Hütte ist frei, du kannst übermorgen fahren. Möglich, dass Conny in den nächsten Tagen dort auftaucht, dann sollen wir sofort Jens oder Sylvia benachrichtigen.
Wieso das?
Du kennst doch deine Nichte, sagte er. Es weiß wieder einmal niemand, wo sie sich gerade aufhält. Meine Tochter dürfte das nicht sein!
Und wenn deine Tochter einmal so wird? Was tust du dann?
Ach was, sagte er ärgerlich, Marion ist doch ganz anders. Zum Glück.
Anne behielt für sich, was sie dachte: Ob es wirklich ein Glück für unsere Tochter ist, dass sie sehr viel weniger Eigensinn besitzt als diese Cornelia? Eigener Sinn ...
Sie studierte den Kalender und beschloss, schon am kommenden Morgen zu fahren. Unsinn! rief Arnold, warum so überstürzt?
Weil übermorgen schon Vollmond ist.
Er blickte sie irritiert an und wurde ärgerlich, weil sie nicht darauf achtete. Du fährst übermorgen, sagte er. Wann willst du sonst packen?
Natürlich jetzt.
Er ging schweigend ins Bad und bald danach ins Schlafzimmer. Sie begann zu packen. Als der Koffer im Flur stand, verschlossen und verschnürt, setzte sie sich erschöpft und befriedigt daneben. Minuten später war sie eingeschlafen. Im Traum stand sie in einem menschenleeren, unendlich langen Korridor, an dessen Wänden hingen Spiegel, ein Spiegel neben dem anderen, goldrahmengeschmückt, hoch und schmal; sie stand und starrte, bewegte sich dann langsam vorwärts, an ihren Füßen schienen zentnerschwere Gewichte zu hängen. Sie erreichte den ersten Spiegel, aber noch bevor sie hineingeschaut hatte, wusste sie: Ich werde nicht darin sein. Wer dann? Auch das wusste sie, wollte es aber nicht wahrhaben, sie tat, als wäre sie neugierig auf das Gesicht, das sie nun gleich anblicken würde. Mühsam wandte sie den Kopf. Schaute in den Spiegel. Erkannte Ralf Menzel, der saß auf seinem Stuhl im Direktorzimmer, er hatte die Brille abgenommen und sah Anne mit so viel Traurigkeit an, dass ihr - im Traum - die Tränen kamen. Sein Gesicht war so nah vor ihr, dass sie jede Falte erkennen konnte und jedes Härchen; unwillkürlich hob sie die Hände, um dem Mann das dunkle, wirre Haar aus der Stirn zu streichen, die Hände stießen gegen hartes, kaltes Glas. Da wusste sie, dass sie träumte; ich will aufwachen, dachte sie, aufwachen - aber sie schleppte sich weiter durch den langen schmalen Gang. Ein neuer Spiegel. Und nun war sie wirklich überrascht und tief erschrocken, den hintergründig lächelnden Olaf Radinsky darin zu finden, dessen dunkle Augen sie spöttisch musterten und der ihr verschwörerisch zuzwinkerte. Als hätte er mich durchschaut, dachte sie. Und schlug wütend auf den Spiegel ein. Da verschwand das Bild. Verstört, voll von Furcht, begann sie zu laufen, lief von Spiegel zu Spiegel, glaubte hier Reni Maidorf zu erkennen und dort Arnold. Der Gang nahm kein Ende, endlos die Zahl der Spiegel, und in jedem Spiegel war ein Gesicht, und nie war es ihr Gesicht.
Als sie erwachte, fühlte sie sich wie zerschlagen. Der Fußboden war hart und der Koffer, auf den sie ihren Kopf gelegt hatte, nicht weniger. Unschlüssig blickte sie zur Uhr. Vier, dachte sie, das lohnt nicht mehr. Also Wohnung aufräumen, Frühstück machen.
Was ist nur in dich gefahren? fragte Arnold später. Schläfst auf dem Flur? Oder was?
Keine Ahnung, sagte sie. Muss wohl eingeschlafen sein.
Er beherrschte sich nur mühsam; im Stillen gab sie zu: Er hat ja recht.
Und dann dieser übereilte Aufbruch, rief er, einiges hättest du doch hier noch zu regeln.
Sie zuckte schweigend mit den Schultern. Es schien ihr unwesentlich zu sein, was sie „zu regeln“ gehabt hätte. In Wahrheit hatte sie aber Scheu davor. Denn mit Menzel wäre zu sprechen gewesen und mit Radinsky.
Olaf wird jemanden finden für diese Klassenfahrt, jemanden vom Elternaktiv, sagte sie. Und Menzel weiß ohnehin Bescheid. Im Grunde ist man doch erschreckend entbehrlich, nicht wahr?
Arnold schwieg. Till aß unlustig. Fahren wir nun endlich an die Ostsee? quengelte er.
Jäh durchfuhr sie Freude: auf die See, auf alles, was vor ihr lag, obwohl sie gar nicht wusste, was es sein würde.
Arnold, nach einem Blick auf die Uhr, verabschiedete sich hastig; mit Erleichterung hörte sie die Wohnungstür ins Schloss fallen. Die verhallenden Schritte im Treppenflur. Den anspringenden Motor des Autos. Beeil dich nur, Till, sagte sie, dann fahren wir. Aber du schläfst wohl noch?
Ach, sagte er, ich bin ganz bitter munter! Ich hab von einer Hexe geträumt.
So? Wie sah sie denn aus?
Wie du, sagte er ernsthaft, genau wie du, Mutti.
Sie versuchte zu lachen, es gelang ihr nicht. Und sie dachte: Ich fürchte mich ebenso sehr davor, wie ich mich danach sehne. Mehr zu sich selbst als zu ihm sagte sie: Und ich hab von entsetzlich vielen Spiegeln geträumt.
Er schaute sie aufmerksam an. Von Spiegeln? Auch vom Schneewittchenspiegel?
Vielleicht. Ja, sicher, auch von dem.
Und die alte Königin, fragte er eifrig, war sie eine Hexe? Oder warum war sie so böse?
Welche alte Königin denn?
Na, die von Schneewittchen! rief er ungeduldig, die Stiefmutter.
Ach so. Sie war eitel und neidisch, Till.
Aber sie war doch eine Hexe? beharrte er.
Ich weiß nicht.
Sind Hexen immer böse?
Nein.
Dann gibt es auch gute Hexen.
Nein.
Also sind sie doch immer böse.
Sie wurde unsicher, sagte schließlich: Eine Hexe ist nicht gut, am wenigsten sich selbst. Sie ist auch nicht böse. Sie ist nur anders. Aber die alte Königin war sehr böse. Und darum zersprang der Spiegel in Tausend und aber Tausend Scherben, als sie starb. Und die Scherben ...
Wieder stockte sie und überlegte. Doch Till schaute ihr so gespannt ins Gesicht, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als den Satz zu beenden. Diese Scherben, erzählte sie entschlossen weiter, darf niemand wieder zusammenfügen, sie müssen zerstreut bleiben in allen vier Winden, weil sonst. Vielleicht ...
... die alte Königin wieder lebendig würde? ergänzte er aufgeregt. Sie nickte. Aber ein paar von diesen Scherben, spann sie ihren Gedanken weiter, winzige Splitterchen, sind vielen Menschen in die Augen gesprungen, und dann haben sie sich in die Herzen gebohrt, und dort haben sie ein wenig von der Bosheit, dem Neid und der Eitelkeit der alten Königin eingepflanzt. Und wer das nicht bemerkt, wer das Splitterchen nicht herausholt aus seinem Herzen, der ...
Die Geschichte endete nicht ganz so, wie sie sich's vorgestellt hatte, doch Till ergänzte sofort: Dem macht das Glassplitterchen das ganze Herz kaputt, dann ist er ein herzloser Mensch. Jetzt haben wir aber viele Märchen vermengt, Mutti!
Viele? fragte sie verblüfft.
Er nickte und nahm seine Finger. Schneewittchen. Und Die Schneekönigin. Und, ein bisschen: Das kalte Herz. Drei!
Was du nicht alles weißt! Ihr Erstaunen war nicht gespielt. Höchste Zeit, dachte sie, dieses Kind kennenzulernen.
Der Zug war nicht überfüllt. Anne hatte den Kopf zurückgelegt und die Augen geschlossen, sie lauschte den Fahrgeräuschen, suchte nach Melodie und Rhythmus des Eilzuges. Till, am Fenster, war ganz und gar beschäftigt mit Staunen und Vorfreude, er rührte sich kaum. Und Anne wusste aus Erfahrung, dass er auch nach zwei Stunden mit dem Staunen noch nicht fertig sein würde. Sie stand auf und ging hinaus auf den Gang.
Sie liebte es, in den langen Gängen von Zügen zu stehen, selbst wenn diese, wie heute, nicht leer waren. Am Nebenfenster hielt ein hochgewachsener Junge sein Mädchen an den Schultern; das Mädchen mochte sehr klein sein, denn er verdeckte es fast. Harald und Petra, dachte Anne erschrocken. Sekundenlang war sie versucht, in ihr Abteil zurückzuschleichen, die Vorhänge zuzuziehen. Sie schalt sich aber einen Feigling und blieb, schaute aus dem Fenster.
Harald, mein Guter, dachte sie, ich fürchte mich nun vor deinen Fragen. Dich wollte ich jetzt am wenigsten treffen ... Diesen Jungen, über den in der neunten Klasse manch einer lächelte, weil er mit dem dritten und vierten Fall nicht immer zurechtkam, aber der es ihnen dann bald zeigte: all denen mit den gebildeten Eltern und gefüllten Bücherschränken, mit eisernem Fleiß zeigte er es ihnen, und mit Gewissenhaftigkeit und Gerechtigkeitssinn. Und ich stärkte ihm den Rücken, von Anfang an, sodass er mir vieles von den Augen ablas ... Manchmal warst du mir unheimlich, Junge, da hatte ich das Gefühl, du könntest meine Gedanken lesen, besonders jene, die ich vor mir selbst zu verbergen suchte. Ob du dich an die Wochen erinnerst, in denen wir mit Frank Nowak diskutierten? Über Franks Probleme und Fragen, im Klassenaufsatz niedergeschrieben ... Immer bist du mit jedem Querkopf hart ins Gericht gegangen. Das kam dir zu, als FDJ-Sekretär. Aber du hättest es auch ohne dieses Amt getan. Als es um den »Fall Nowak” ging, bliebst du eines Tages nach dem Unterricht hinter den anderen zurück. Schautest mich forschend an, fragtest: Ist das überhaupt richtig, Frau Bremer, was wir mit Fränki machen? Wir treiben ihn doch in die Enge, ich weiß nicht ... Ich wusste auch nicht, Harald, weiß es bis heute nicht. Hatte ein ungutes Gefühl, auch das bis heute. Übrigens gesteh ich's mir jetzt zum ersten Mal ein ... Warum? Warum sich an diese alten Geschichten erinnern, wem soll das nützen. Wichtig ist, dass du das Abitur mit Auszeichnung bestanden hast und Mathematik studieren wirst. Deine Petra hat ihr Teil daran. Sie glaubte an dich - mindestens so sehr wie ich. Und das hattest du am nötigsten: das Vertrauen anderer zu dir. Nötiger als den Nachhilfeunterricht in Orthografie und Grammatik ... Eigenartig - auch das gestehe ich mir heute zum ersten Mal ein -: Deine Petra kenne ich kaum, habe mich nie sehr für sie interessiert. War ich etwa eifersüchtig auf sie, ganz tief innen, ganz heimlich? Unsinn. Nein, nein, auszuschließen ist das nicht. Wie vertieft ihr ineinander seid, so vertieft, dass ihr mich noch immer nicht bemerkt habt ...
Sie klappte ihr Feuerzeug auf. Harald wandte den Kopf, rief überrascht: Frau Bremer!
Stehn Sie da schon lange? fragte Petra. Sie war rot geworden und strich sich die dunkelblonden Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Ziemlich lange, sagte Anne lächelnd. Ihr habt aneinander genug, nicht wahr? Ich muss auch wieder ins Abteil, mein Junge könnte mich vermissen.
Sie rauchte hastig und war wirklich willens, sofort zu Till zurückzugehen. Sie mochte mit niemandem sprechen, schon gar nicht mit diesen beiden. Und sie wusste, worüber gesprochen werden musste, wenn sie hier stehen blieb.
Was ..., was sagen Sie nun zu Ulrike? stieß Petra hervor, als befürchtete sie, Anne könnte gehen, noch bevor sie die Zigarette zu Ende geraucht hätte. Petras Augen, von ähnlicher Farbe wie ihr Haar, blickten sehr wach, es war darin Ratlosigkeit zu lesen, aber auch Furcht. Anne ertrug diesen Blick nicht, er war schlimmer als die Frage. Nun wollen sie von mir eine Erklärung, dachte sie. Eine eindeutige Erklärung. Die ihnen ihre Welt wieder geraderückt. Als könnten Erklärungen etwas an Tatsachen ändern. Wie bequem wir uns manches einrichten. Klären, systematisieren, ordnen. Gesetzmäßigkeiten und Regeln. Ausnahmen, die natürlich die Regel bestätigen. Was in die vorgegebenen Fächer nicht passt, fällt dazwischen. Aber ich muss jetzt etwas sagen. Bin ich ihnen je eine Antwort schuldig geblieben?
Ich hab Ulrike ja nie besonders gemocht, sagte da Petra, aber ...
Wer hat sie schon besonders gemocht, unterbrach Harald, es fiel schließlich kaum auf, ob sie da war oder fehlte.
Jaja, sagte Petra bedrückt, vielleicht hätte man sie inzwischen schon vergessen, wenn sie das nicht ... Ihre Mutter kann einem leid tun. Kann sein, sie wird noch vor Gericht gestellt.
Warum? fragte Anne erschrocken.
Rike ist in der Apotheke am Giftschrank gewesen, ihre Mutter hatte den Schlüssel stecken gelassen. Wussten Sie das nicht? Die ganze Stadt sprach gestern davon.
Nein, sagte Anne, ich wusste es nicht.
Warum hat sie das getan, fragte Harald, was meinen Sie, Frau Bremer?
Ich weiß es nicht, sagte Anne.
Petra sagte: Rike hat Streit mit ihrem Freund gehabt, er hat mit ihr Schluss gemacht, es war ja ihr erster Freund, eigentlich ist alles ganz klar ...
Quatsch, rief Harald, nichts ist klar. Rike war immer so ein Einzelgänger. Im letzten Jahr, da hat sie sich wenigstens nirgends mehr ausgeschlossen. Das hatten wir immerhin erreicht. Wir waren doch ein echtes Kollektiv, nicht wahr, Frau Bremer? Wir hatten doch alle Außenseiter einbezogen, am Ende ...
Anne horchte auf den Klang seiner Stimme. Stolz, Rechtfertigung, Zweifel. Kollektiv und Außenseiter. Wer hat ihnen das beigebracht? Ich? Ja, ich ... Was soll ich ihnen nun sagen? Kann ich denn in wenigen Minuten nachholen, was ich in vier Jahren versäumt habe? Schon deshalb kann ich es nicht: Ich weiß nicht, was ich versäumt habe. Ich weiß nicht, was mit Rike Gösch geschehen ist. Weiß nicht mehr als diese beiden. Nicht allzu viel mehr, korrigierte sie sich, denn Harald hatte gemurmelt: Ich versteh grundsätzlich nicht, dass sich ein Mensch freiwillig das Leben nehmen kann.
