Das Mirakel von Bernsdorf - Elke Nagel (Willkomm) - E-Book
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Das Mirakel von Bernsdorf E-Book

Elke Nagel (Willkomm)

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Beschreibung

Sie erkennen ihn nicht auf den ersten Blick, die von Bernsdorfs, als Michel Marten, Offizier der Armee Bonapartes, am Weihnachtsabend 1807 ihren Salon betritt. Vor Jahren war er der Gefährte der Bernsdorfkinder, er, der Enkel des Dorfpfarrers und illegitime Sohn des Barons. Er entfloh jedoch der Perspektive, Dorfschulmeister zu werden, und schlug sich auf den Spuren seines „eigentlichen" Vaters Heinrich Marten an der Seite der französischen Jakobiner durch. Er erlebte alle Höhen und Tiefen der Revolution, folgte Heinrich Marten aber nicht unter die Anhänger Babeufs, weil er ahnte, dass sich die Hoffnung auf das Bonheur Commune - das Glück des Volkes - nicht erfüllen würde. Er leidet unter seiner Inkonsequenz, vor allem, als er in seiner Heimat alte Freunde wiedertrifft, darunter Henriette von Bülow, die er liebte und die sich wie er von der Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit begeistern ließ. Sie, jetzt die Frau eines geachteten preußischen Beamten, sieht durch Michels Erscheinen ihre Hoffnung auf Veränderungen neu belebt. Michel gewinnt das Vertrauen seiner Landsleute, als er bereit ist, für ihre Interessen gegenüber dem Baron einzustehen. Doch an der Spitze der Bauernerhebung macht er sich eines Vergehens gegen Befehle seines Generals schuldig, und alle wissen, dass nur ein Wunder ihn vor dem Tod retten kann. Der spannende, sehr gut recherchierte historische Roman erschien erstmals 1977 im Verlag Neues Leben Berlin.

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Impressum

Elke Nagel (Willkomm)

Das Mirakel von Bernsdorf

Historischer Roman

ISBN 978-3-86394-274-8 (E-Book)

Das Buch erschien erstmals 1977 im Verlag Neues Leben Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Vorspann

Eintragung im Kirchenbuch zu Bernsdorf (Königreich Preußen) vom 27. 12. 1807:

Ein Wunder ließ Gott geschehen in einer wunderarmen Zeit. Am heutigen 27. Dezember des Jahres 1807 geschah an uns allen und besonders an dem hierselbst anno 1773 geborenen Michael Jakob Mathias Marten ein Wunder Gottes.

Besagter Marten, der auf Befehl der französischen Militärbehörde am heutigen Abend acht Uhr durch Erschießen vom Leben zum Tode gebracht werden sollte, wurde am heutigen Vormittag, während die Gemeinde vollzählig in der Kirche versammelt war und von Gott ein Wunder erflehte, von einem Engel gen Himmel getragen, derart, dass in der fest verschlossenen Kammer nichts von ihm zurückblieb als seine Kleider und Stiefel, die in der gleichen Anordnung, wie er sie getragen, auf dem Strohsack liegend vorgefunden wurden. Der Herr hat uns ein Zeichen gegeben, ein sichtbares Zeichen. Wir werden uns seiner Gnade würdig erweisen. Amen.

Pfarrer zu Bernsdorf, Emanuel Kienast

1. Kapitel

1

Die Glocke. Hörst du, Jean-Pierre? Das ist sie. Etwas zu blechern, ich weiß. Aber sie ist es, meine Glocke, meine Kirche - was soll das, Jean-Pierre, Bruderherz, ich bin aufgeregt wie selten, ich rede, scheint mir, deutsch und hab doch all die Jahre nur französisch gesprochen, sogar gedacht ... Nein, dies ist nicht Bernsdorf, sondern Alt-Grödern. Gehört aber zum Besitz derer von Bernsdorf. Komm schneller, Bruderherz. Dieser Hügel nur trennt Alt-Grödern von Bernsdorf. Von da oben kann ich dir zeigen, was ich dir schon oft beschrieben habe, komm!

Weißt du, was ich mir jetzt vorstelle? Michel Marten, der einst aus Bernsdorf fortlief, heimlich und bei Nacht, kommt als Offizier der Grande Armee zurück, und - da lässt der gnädige Herr von Bernsdorf die Kirchenglocken ziehen. Gut, was? Warum die Glocke läutet? Es ist doch Weihnachtsabend, Bruderherz. Jetzt kommen sie dort, hinter jenem Hügel, von der Christvesper. Sie gehen in ihre Katen. Und essen. Etwas Besonderes, lange Aufgespartes. Manchmal reicht’s sogar zum Sattwerden. Und der Küster geht mit den Schulkindern umsingen, durchs Dorf, zum Schloss ... Mein Gott, Jean-Pierre, wie lange ist das her, dass ich dort die Glocke läutete. Den Blasebalg trat. Umsingen ging. Die Orgel spielte ...

Welcher Teufel hat mich nur geritten, heute mit dir hierher zu kommen? Heimweh? Ja, da hast du wohl recht. Denn dieser Leutnant Bertrand, der dort letzte Woche ertrunken ist - ob verunglückt, ob nicht verunglückt -, ich sage dir, Jean-Pierre, das interessiert mich nicht im geringsten. Du musst es aufklären, deine Sache - bitte schön. Und ich, davon habe ich unseren General überzeugt, ich muss dir – als Ortskundiger, nicht wahr? - unbedingt helfen... Zum Teufel, worauf habe ich mich eingelassen! Hab nicht bedacht, dass diese Glocke bimmeln wird, das ist es. Was ist schon Besonderes daran, warum erregt es mich ... Aber recht kräftig wird dort am Strang gezogen, scheint mir ...

So, mon ami, nun müssen wir anhalten. Da. Das ist Bernsdorf. Siehst du - um die Kirche herum das Dorf. Pfarrhaus, Schulhaus. Der Teich. Die Trauerweiden. Die Tagelöhnerkaten. Fast keine Bauernhöfe, nein, Gutsdorf eines Barons, verstehst du nicht? Leibeigene, ein paar Büdner, vier Bauern, und auch die sind arme Schlucker. Wer weiß, ob’s noch vier sind. Und dort der Park, siehst du? Und das Schloss. Hofeinfahrt, hintere Seite, dem Dorf zugekehrt: preußischer Edelmannsstil. Dagegen die Vorderfront, Parkseite: Kleinsanssouci. Mit Terrassen, Freitreppe, Orangerie, Puttenskulpturen. Dann die gestutzten Bäume, die abgezirkelten Wege. Aber der untere Teil des Parks, bis hinunter zum See - das ist ein Paradies, Jean-Pierre! So verwildert! Und der See ... Natürlich ist er für das Dorf verboten. Aber denk nicht, wir hätten dort nicht gebadet, schwimmen gelernt, Fische gefangen sogar!

Jean-Pierre Carnette, Offizier der Grande Armee, nickte und unterbrach den Redestrom des Freundes nicht. Er wusste, der redete sich das jahrelang aufgestaute Heimweh von der Seele, und er, Jean-Pierre, vergaß beim Zuhören das eigene Heimweh nach der Tischlerei des Vaters in Paris, nach dem Geruch frischer Bügelwäsche in Mutters Plättstube. Denn er sah nun den Freund, ein halb nacktes, schmutziges Kerlchen von acht Jahren, mager und behänd, mit dieser zu großen Nase und mit dem Helm aus strähnigen, ganz glatten, weißblonden Haaren.

Anscheinend ausgerissen ist dieser Bursche, denn er sichert wie ein flüchtiges Wild, bevor er sich aus den schützenden Zweigen der Trauerweide herausschiebt und hastig auf das Fliedergebüsch an der Schlossmauer zuläuft. Von dort aus späht er noch einmal zur Schule zurück, und da kein Verfolger in Sicht ist, geht er langsam und ohne besondere Vorsicht an der hohen Schlossmauer entlang zum See hinunter. Denn wenn Küster Jakob Marten, der Großvater, bis jetzt noch nicht gemerkt hat, dass er aus dem Fenster geklettert und „in die Welt“ gelaufen ist, dann ist er wieder einmal so sehr in seine Lektüre vertieft: - in Lessing oder Rousseau oder Forster oder Herder -, dass er das Verschwinden des Enkels frühestens gegen Mittag bemerken wird. Und petzen - das tun die übrigen Schüler nicht. Obwohl sie Michel Marten oft hänseln, wegen dieser großen Nase. Aber nicht nur ihn, ähnliche Nasen sind in Bernsdorf nicht selten. Zum Verpetzen ist das kein Grund.

Die Schlossmauer ist hoch, unendlich hoch für einen kleinen Jungen. Lang ist sie auch, aber keinesfalls unendlich. Wo sie aufhört, fängt der See an, der verbotene. Er ist hier schwer zugänglich: dichtes Gestrüpp, Sumpf, Schilf. Doch das stört einen eigensinnigen Michel Marten ganz und gar nicht. Er kauert schon nach kurzer Zeit auf einem ins Wasser gestürzten Baum im Wald aus Schilf und ist am Ziel seiner Wünsche: Durch den schwankenden grünen Vorhang kann er spähen, ungesehen, und sein Blick umfasst einen Teil des Sees und die breite, schilffreie Badestelle der Herrschaftskinder, derer von Bernsdorf, auch den Uferstreifen davor, planiert, geharkt sogar.

Nichts rührt sich heute hinter den hohen Parkbäumen. Er verbirgt seine Enttäuschung vor sich selbst. Bin ich denn hier, um die aus dem Schloss zu sehen? Wollte doch zum See, heraus aus der langweiligen, dunklen Schulstube ...

In dem Ofenwinkel dieser Schulstube sitzt er schon seit reichlich vier Jahren, ohne bis vor einem Jahr eigentlich Schüler zu sein, während der Großvater sich mit den fast dreißig Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren abplagt, sich wenig um den Enkel in seinem Winkel kümmert, oft auch nicht um die anderen Kinder, denn er hat immer zu lesen oder Noten zu schreiben ... Der Enkel hat gelernt, was es hier zu lernen gibt, er bekämpft die Langeweile. Nach der Schule, abends, sonntags - da gibt es freilich noch mehr zu lernen und anderes, weit Schöneres als Bibelverse und Gesangbuchstrophen. Da kann man dem Großvater mit einhundertsiebenundneunzig Fragen kommen, und er wird genau ebenso viele Antworten wissen, wird von Forsters Weltreisen erzählen und von Lessings Schauspiel „Nathan der Weise“ und immer wieder von den wunderschönen Kantaten des Johann Sebastian Bach, die er in Leipzig gehört hat, und nicht nur gehört - mitgesungen hat er, der Großvater Marten, als Thomasschüler ...

Michel Marten, auf seinem Baumstamm, baumelt mit den Beinen im seichten Wasser, blinzelt durch Schilfhalme und Sonnenwogen auf den See, zu den Wildenten und Wasserhühnern hin, die sich um ihn nicht kümmern, verfolgt mit den Augen eine grünlich glitzernde Libelle. Und gar nicht lange dauert es, da spielt er in Gedanken Cembalo, alle Etüden, Präludien und Toccaten, die bisher auf seinem Programm stehen. Und dann, kühn geworden, berauscht von der nur ihm hörbaren Musik, versucht er sich an der Orgel, und mit Stücken gar, die er noch keineswegs beherrscht, die er noch nicht einmal probieren durfte, aber er hat sie gehört, oft, wenn der Großvater sie spielte, und hat ihm auf die Finger gesehen. Obwohl er eigentlich den Blasebalg zu treten hat, wenn Großvater übt. Er tut das auch, nicht sehr gern, aber er tut’s. Wenn irgend möglich, sucht er sich aber seinen Freund, den August Lemke, schenkt ihm eine Glasperle oder einen Nagel oder ein Stück Schnur; August betrachtet den Lohn kritisch, nickt zufrieden und steigt hinter Michel zur Orgel hinauf. Und für Michel Marten beginnt ein Fest. Er steht neben dem Großvater, sieht abwechselnd auf dessen Hände und Füße und auf die Noten, steht da mit halb offenem Mund und ineinander verkrampften Händen, saugt die Musik in sich ein und bekommt nie genug von ihr; es kommt vor, dass er am ganzen Körper zu zittern beginnt, ohne es zu merken, dass er, wenn die Orgel schweigt, in krampfartiges Schluchzen ausbricht und lange nicht zu beruhigen ist. Fantasie und Fuge g-Moll, Johann Sebastian Bach. Was ist dir, Junge, sagt Jakob Marten erschrocken. Nichts, Großvater. Darf ich’s probieren?

Er darf nicht. Seit einem Jahr spielt er erst auf der Orgel. Da soll man noch nicht nach den Sternen greifen.

Jetzt aber, allein im Schilf, beginnt er die g-Moll-Phantasie, ohne Rücksicht darauf, dass seine Hände noch viel zu klein dafür sind und er schon am Anfangsakkord scheitern müsste.

Doch da hört er Stimmen aus dem Park und beendet sein lautloses Spiel sofort mit einer gewichtigen Kadenz in Dur.

Heraus treten, gemessenen Schritts, der Prädikant Janke mit den beiden ältesten Junkern, dem zwölfjährigen Friedrich und dem neunjährigen Herrmann; sie sind in ein Gespräch vertieft, von dem Michel nichts verstehen kann. Aber er hat keine Zeit, sich lange darüber zu ärgern, denn nun sieht er die Kinderfrau Halina Piotrowska, und zu seiner Verblüffung hält sie nicht nur den achtjährigen Joachim an der Hand, sondern außer ihm ein dunkelhaariges, zierliches Mädchen. Wer das wohl sein mag, denkt Michel neugierig, und es gefällt ihm sehr, wie widerspenstig die Kleine (die ist höchstens fünf!) an der Hand der Kinderfrau läuft, wie sie sich schließlich losreißt und mit lautem Freudenschrei auf den See zueilt. Henriette! rufen fünf Stimmen hinter ihr. Und Michel wünscht inbrünstig, sie solle doch ins Wasser laufen, weit, zu weit, damit er, der schon sicher und ausdauernd schwimmt, sie retten könne ...

Natürlich geschieht nichts dergleichen. Henriette macht einen Fußbreit vor dem Wasser halt, betrachtet staunend, betroffen die leicht gekräuselte, sonnenbestrahlte Fläche (unendlich groß für sie, für Michel schon nicht mehr), lässt sich auf keine Weise, durch Geschimpfe und Gewalt nicht, mit Zureden und Locken nicht, von der Stelle bringen. Da nimmt Halina sie auf den Arm und geht, Joachim an der Hand, in den Park zurück.

Noch lange hört Michel das empörte, aufsässige Geschrei des Mädchens. Er schürzt verächtlich die Lippen (wie kann man sich nur so gehen lassen!). Aber er ist sehr befriedigt über diese Aufsässigkeit.

Und noch jetzt, so viele Jahre später, fühlte er beim Erzählen diese Befriedigung, und er sagte: Fast glaub ich, Jean-Pierre, ich liebte sie schon damals. Kann das sein?

Jean-Pierre lachte leise auf. Möglich, bei dir ist so was sicher möglich, sagte er.

Die Glocke, sagte Michel. Ist sie schon lange ruhig? Seltsam, ich habe es nicht gemerkt. Habe sie immerfort gehört.

2

Hinter den letzten, scheppernden Ton der Kirchenglocke setzte der Baron einen Schlusspunkt: eisenbeschlagener Knotenstock auf den Fliesen der Diele, der lehnte dann in der Ecke, knorrig und gewichtig, sichtbar jedem Eintretenden.

Mit leisem, pfeifendem Geräusch flog das Gesangbuch auf die Konsole, begleitet von einem wehmütig-vorwurfsvollen Blick der Baronin, den der alte Herr übersah. Ächzend sank er in den grüngepolsterten Lehnstuhl, streckte Tadeusz Piotrowski die Füße entgegen, der zog - schweigend, beflissen, mit undurchdringlicher Miene - die Stiefel von den mageren Greisenbeinen.

Türen schlugen, ein paar Takte Klaviermusik klangen auf, brachen unvermittelt ab, als hätte nur jemand im Vorbeigehen das Klavier begrüßt; Gänsebratenduft zog durch die Räume, vielversprechend, dachte Wilhelm von Bernsdorf, noch immer im Lehnstuhl ausgestreckt, in Hauspantoffeln jetzt, bestickten, weiter oben aber in preußischer Generalsuniform, behängt mit Orden und Ehrenzeichen, mit wuchtigen Schulterstücken beladen, der Bauch, leicht verfettet, wölbte sich und verursachte einige unmilitärische Falten im schneeweißen Rock; das Gesicht zerfurcht (rüstiger Siebziger), weißgrauer Schnauzbart unter der übergroßen, gebogenen Nase, über dem verkniffenen Mund; das Kinn glatt rasiert und spitz, energisch vorgestreckt; die Augen eigensinnig und sehr blau, hinter Tränensäcken und starken Jochbögen verschanzt; spärliches Haar, weiß-grau; die Perücke (weiß, mit Zopf) lag inzwischen neben dem Gesangbuch auf der Konsole.

Ihm war behaglich.

Er schloss genüsslich die Augen und lehnte den Kopf an, die Füße weit von sich gestreckt, die blau geäderten Hände mit den langen, dürren Fingern über dem Bauch gefaltet.

Diese Behaglichkeit würde ein flüchtiges Gefühl sein, und er ahnte das, horchte auf die Geräusche des Hauses (Tellerklappern, leise Stimmen aus dem Terrassenzimmer, neuerlich ein paar Takte Musik, dann die volle, dunkle Stimme Joachims, Friedrichs Diskant, Henriettes Lachen), und er dachte: Übermorgen siebzig Jahre. Werden alle angekrochen kommen. Hofrat schon da, verfluchter Schleimscheißer, erschlichener Adel. Und Hamburger Pfeffersack wird kommen, der Suhrbier. Und sein missratenes Früchtchen, dieser Andreas Suhrbier. Dieser Jakobiner. Ein Jakobiner unter meinem Dach. Unglaublich. Das verzeiht ER mir nie.

Widerwillig öffnete er die Augen, Scham überfiel ihn wie seit Jahren, wenn er der angeheirateten Verwandtschaft gedachte. Und wie immer in solchen Augenblicken suchte er IHM Rechenschaft zu geben. SEIN Bildnis, lebensgroß, hing in der Diele, dem Lehnstuhl gegenüber, es zeigte IHN stehend, mit verkniffenem Mund und klugen, kalten Augen.

Eure Majestät, dachte der Baron gequält, Herrmann, mein Zweitgeborener, hat mir das angetan, ist sonst der beste von meinen Söhnen, einziger Militär (der Irrtum, den gerade abwesenden der Söhne für den besten zu halten, widerfuhr dem Baron nicht zum ersten Mal), aber diese Heirat, mein Gott, dabei stellte ich vor Heirat doch Bedingung, besagtes Subjekt ist zu enterben, wurde enterbt, ja, wie kommt Verbrecher trotzdem in mein Haus, morgen spätestens wird er da sein, die Zeiten brachten es mit sich, die Zeiten, es gibt Unbegreifliches, Eure Majestät ...

Woraus ersichtlich ist, dass dieser Baron an keinen Herrgott denkt, wenn er mit IHM redet. Sondern an sein Idol. An Friedrich II. Dessen „Soldatenkatechismus“ ist die Bibel dieses alten Herrn, des Generals a. D. Wilhelm von Bernsdorf, Sieger im Siebenjährigen Krieg, wenn auch nicht einziger und hauptsächlicher Sieger, wie er manchmal glaubt.

Schuldbedrückt wandte er den Blick ab von SEINEM Bild.

Die Stimmen im Zimmer waren lauter geworden. Bataillone zum Kampf angetreten, dachte er grimmig, denn Friedrichs Stimme, sonst weich, wie geölt, klang schrill und hoch, zu verstehen war nichts, wird Lanze für Großen Kaiser brechen, für diesen Emporkömmling Bonaparte, dachte der Baron, voll von Hass auf seinen Ältesten. Joachims wohltönender Bariton, hart jetzt, voll Leidenschaft. Leider kein Soldat, dachte der Baron. Aber Franzosenfresser. Ähnelt mir wohl am meisten. (Es ist gut, dass er das noch nie in Gegenwart von Dorothea ausgesprochen hat, seiner Frau, der Baronin. Sie würde möglicherweise - was durchaus nicht zu ihr passt und also schwer vorstellbar ist - in schallendes Gelächter ausbrechen.)

Wo nur Herrmann bleibt, dachte er, Herrmann - da zerschlug der Gong seine Gedanken, die Streitstimmen im Zimmer verstummten, Henriettes Lachen wieder, ächzend stand der alte Herr auf und ging ins Speisezimmer. Dort reckte eine Gans ihre Keulen in die bratendufterfüllte Luft, und plötzlich war sein Behagen wieder vollständig, seine Seele ungetrübt, nichts sah er als diese knusprig-braunen Keulen.

Ein beschwörender Blick Dorotheas bannte ihn aber hinter seinen Stuhl. Schweigend, mit gefalteten Händen und gesenkten Köpfen, verharrten alle vor ihren Tellern, während die Baronin, füllig, schwarz gekleidet, ein Tischgebet murmelte, dessen Worte niemand verstand, weil niemand auf sie hörte. Nur das „Amen“ verstanden alle, „gesegnete Mahlzeit“ dann noch und etwas von „Gottesgabe in diesen schweren Zeiten“, aber das ging schon im Stühlerücken und Tellerklappern unter und im dröhnenden „Na, denn woll’n wir mal!“ des Barons.

Halina Piotrowska, dreiundfünfzigjährig, klein, blond, huschte lautlos um den Tisch, reichte das Brot herum, balancierte die schwere Schüssel, in der das Sauerkraut dampfte, in der linken Hand, während sie die Teller füllte; sie reichte dem Baron die Bratenplatte und verschwand lautlos, von niemandem bemerkt, wie es schien.

Doch kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, da sagte Henriette - laut und aggressiv sagte sie es und schaute aus ihren braunen Augen dabei harmlos-naiv in die Runde: Wenigstens am Weihnachtsabend hätte Halina doch mit uns zusammen essen können, findet ihr nicht?

Zusammenzuckte die Baronin, hauchte entsetzt: Henriette, du vergisst dich!

Und Hofrat Joseph von Janke, sommersprossig, kupferfarbig das schüttere Haar, sehr groß, sehr voll im Fleisch, neben ihr sitzend, da er ihr angetraut ist seit nunmehr vierzehn Jahren - Janke raunte sanft tadelnd: Aber, Henriette!

Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu, in dem er - nicht zu Unrecht - abgrundtiefe Verachtung las.

Der Baron knurrte nur in sich hinein, Gänsekeule zwischen den Zähnen, aber dies Knurren klang aufgebracht.

Aufgebracht war auch der Blick, den der weißblonde, hagere Friedrich, ältester Bernsdorfjunker, Erbe des Bernsdorfgutes und der Bernsdorfschen Besitzungen im Polnischen (bei Bromberg) seiner Cousine zuschleuderte wie einen Fehdehandschuh, aber sie nahm ihn lächelnd auf, sodass er, entwaffnet, sich mit großer Aufmerksamkeit seinem Stück Gänsebraten widmete.

Weil aber auch Joachim ihr nicht beisprang, nicht einmal aufsah von seinem Teller, da sagte sie - und sah ihn dabei an, ihren Lieblingsvetter: Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen - verlang ich zu viel, in diesem Hause zu viel, ja?

Und nun Blitz und Donner auf einen Schlag, und alle erstarrten, denn der alte Herr, kauend, schlug die Faust auf den Tisch, brüllte mit vollem Mund: Ruhe im Glied, Kruzitürken, Himmelsakra, jetzt wird Essen gefasst, in diesem Hause, jawohl!

Dorothea schickte einen verzweifelten Blick über den Tisch, ihre grünen Augen in dem weißen, schwammigen Gesicht suchten Joseph von Janke, den Hofrat. Der tat beschäftigt, war es auch, mit Messer und Gabel und Gänsebrust, und erst, als er seinen Teller leer gegessen, sauber getunkt hatte mit einem Stück Brot, hob er den Kopf, nickte ihr Hilfe versprechend zu, stand auf, klopfte an sein Glas, begann leise und friedfertig zu reden, als wäre hier nicht vor Kurzem gebrüllt worden mit vollem Mund.

Meine Freunde, sagte er. Ein ereignisreiches Jahr neigt sich seinem Ende zu, und nicht Streit und Krieg, sondern Friede und Versöhnung stehen an diesem Ende. Jawohl, Frieden auf Erden. Und allen Menschen ein Wohlgefallen. Aber in einem weiteren, höheren Sinn. Herrmann von Bernsdorf, der verdienstvolle Sohn dieses Hauses, mit dessen Eintreffen wir täglich, ja stündlich rechnen, weilt vielleicht noch jetzt an den historischen Stätten dieses historischen Jahres - bei ihm übrigens mein Sohn Wilhelm (mein Sohn, dachte Henriette zornig) -, und ich sage nur: Memel, Tilsit, Königsberg. Und, meine Freunde, wir alle denken dann mit Genugtuung an das, was sich dort vor wenigen Wochen ereignet hat. Wir gedenken vor allem des glorreichen Augenblicks an jenem fünfundzwanzigsten Juni dieses Jahres, da die beiden Größten dieser Welt, Napoleon und Alexander (die Größten, dachte Henriette erbittert, größer als Napoleon und Alexander - niemand, nicht Goethe, nicht Schiller, nicht Fichte, Beethoven, ach du mein Gott ...), sich in der Mitte des Grenzflusses trafen, in einem Pavillon, auf einem Floß, sonnenüberstrahlt, fürwahr, ein einzigartiger Augenblick, und sie reichten sich die Bruderhand. Und einbezogen in diesen Bund wurde zu Tilsit am neunten Juli auch unser ruhmreicher König von Preußen. Friedrich Wilhelm III., (der Trottel, dachte Henriette) und unsere strahlende junge Königin, die holdselige Luise, die so standhaft und mutig dem genialen Kaiser gegenübergetreten ist. (Wer weiß, womit sie ihn umgarnt hat, aber Magdeburg hat er sich trotzdem nicht abhandeln lassen, dachte Henriette.) Sodass also dieses Jahr zu Ende geht in Frieden und Eintracht. Und auf dass auch in diesem Hause, meine Freunde, stets Frieden und Eintracht herrschen mögen, und auf dass unsere teure Königsfamilie bald aus der Verbannung zurückkehren darf in ihr heimatliches Berlin (unser Dämel sitzt in Memel, dachte Halina, die eben hereingekommen war und den Tisch abzudecken begann), darauf, liebe Freunde, lasst uns unsere Gläser erheben!

Ein dankbarer Blick Dorotheas belohnte Janke für die Anstrengung, Henriettes ironisches Lächeln nahm er nicht zur Kenntnis.

Während sie den Wein auf der Zunge zergehen ließen, setzten in der Diele die Kinderstimmen ein: „Es ist ein’ Ros’ entsprungen aus einer Wurzel zart.“

„Wie uns die Alten sungen ...“ Und das jetzt, nach dieser unerträglichen Tischrede. Henriette stützte den Kopf in die Hände und starrte in ihr Weinglas. Zwar hörte sie, wie unsauber die Kinder sangen - einstimmig-vielstimmig -, und der raue Bass des Kantors, dieses holzbeinigen Feldwebels Johannes Rietz, bildete eine so hässliche Dissonanz zu den hellen Kinderstimmen, dass Henriette wie fröstelnd die Schultern hochzog. Aber da war schon die Gegenwart von ihr abgefallen. Da war sie schon keine zweiunddreißigjährige Frau mehr, deren fast fünfzigjähriger Mann Karriere gemacht hatte und weiterhin zu machen gesonnen war, in deren dunkelbraunem Haar zwei weiße Fäden schimmerten (sie hatte sie noch nicht entdeckt), unter deren Augen - bei genauem Hinsehen - die ersten Fältchen nisteten.

3

„Und hat ein Blümlein bracht ...“ Henriette kaut aufgeregt an dem Ende ihres linken Zopfes. Sie reckt sich auf die Zehenspitzen, um über Friedrich hinwegsehen zu können. Aber es hilft nichts. Da nimmt sie ihre Ellenbogen zu Hilfe und schiebt sich zwischen die Bernsdorfjunker. „Mitten im kalten Winter ...“ Nun endlich sieht sie durch die geöffnete Stubentür auf die Diele, sieht die Kinder stehen, streng ausgerichtet, mit frostroten Gesichtern, aufmerksame Augen hängen am Kantor (der alte Marten ist das nun aber, Jakob Marten), er bewegt die Hände, bewegt auch die Lippen, singt aber nicht. Im sauberen, dreistimmigen Satz bringen die Kinder die Strophe zu Ende: „Wohl zu der halben Nacht.“

Henriette atmet aus, hörbar, begeistert, es klingt wie ein neidisches Seufzen.

„Das Röslein, das ich meine ...“ Henriette schließt die Augen, es kommt ihr vor, als falle sie in einen weichen, unendlichen Abgrund. Sie lächelt dabei. Sie weiß nicht, was da mit ihr geschieht. Sie ist sechs Jahre alt. In eine warme Geborgenheit wird sie getragen von einer einzelnen, klaren Kinderstimme, die sich über einem dreistimmigen Summchor erhebt. „Mitten im kalten Winter.“

Plötzlich reißt sie die Augen weit auf, denn jetzt erst wird ihr bewusst, dass dort jemand singt, wer ist das, wer bist du, es gibt dich also ... Und ebenso betroffen denkt sie (auch deshalb wird sie diesen Augenblick niemals vergessen): Und mich gibt es. Ich bin ich. Und sie weiß keineswegs, welche große Entdeckung ihr damit gelungen ist, eine Entdeckung, die manch einer erst in sehr späten Jahren macht. Und manch einer niemals.

Wenig später aber wird ihr bewusst, dass der kleine Sänger, dessen Stimme nun wieder im Chor der übrigen aufgeht, sie ansieht. Sie nimmt rasch und verwirrt das Zopfende aus dem Mund, wirft es hinter sich, steht gerader als vorher, weniger unbefangen, weniger eingefangen von diesem Lied, das nun zu Ende ist. Sie mustert Michel Marten interessiert, aber mit Abstand (kein Gedanke mehr wie: Es gibt dich also), betrachtet verstimmt die weißblonden Haare, die an den ältesten der Vettern, an Friedrich, erinnern, den sie nicht mag, betrachtet auch die Nase, die denen der meisten Bernsdorfs ähnelt. Sieht die verwaschene, geflickte Hose, das saubere, ausgewachsene Hemd, das unter einem abgeschabten Jäckchen weiß hervorleuchtet. Mitten im kalten Winter, denkt sie, obwohl jetzt ein anderes Lied gesungen wird, von Hirten und Engeln und Christuskind.

Er hat dort einen sehr guten Sänger unter seinen Kindern, Herr Kantor, wessen Sohn ist das? fragt die Baronin.

Sie bemerkt nicht das kurze, verlegene Räuspern Jakob Martens, nickt gnädig und anscheinend gleichmütig, als er „Es ist mein Enkel und der des Herrn Pfarrer“ gesagt hat. Aber sie hat es plötzlich eilig, die Mohnstriezel und die kleinen Beutelchen mit den Geschenken unter die Kinder verteilen zu lassen. Danke auch schön, gnä’ Frau, vielen Dank auch, Frau Baronin, danke, gnä’ Frau - und das dreißigmal, Diener, Knickse, Holzschuhgeklapper auf der Diele, auf der Treppe, auf dem frostharten Hof.

Prädikant Joseph Janke, Hofmeister, während er die Bernsdorfjunker und das Henriettchen vor dem Flügel postiert (denn nun hat die Familienvorstellung zu beginnen, Nummer vier des Weihnachtsabendzeremoniells nach Kirchgang, Essen und Dorfkindersingen), Janke bettelt mit devotem Lächeln und kleinen Räuspern um die Aufmerksamkeit Dorotheas. Die übersieht das eine ganze Weile, hat zu tun damit, die Erregung niederzuhalten, in die sie zum Erstaunen Henriettes plötzlich geraten ist. Sie meidet nicht nur Jankes Blicke, sondern auch die des Barons, der schweigend, zeitweise schläfrig im Lehnstuhl sitzt, neben dem früchtebehängten, kerzenbestückten Birkenbaum. Henriette betrachtet verwundert und neugierig die Tante, die aus dem Fenster sieht, in den dämmrigen Abend, in die verwirrten Äste der alten Baumriesen hinter der Terrasse. Als sie sich schließlich umwendet, ist ihr Gesicht wie immer: sehr hell, voll, noch nicht schwammig, die grünlichen Augen verträumt, ein wenig gelangweilt, ein wenig blasiert, noch nicht ganz ohne Hoffnung.

Sie sieht Janke ermunternd an, da wagt er die Bemerkung: Dieser Enkel des Marten und des Schulz, gnädige Frau Baronin, dieser Michel Marten, ist ein äußerst begabtes Kind, das schon sehr ordentlich Klavier und Orgel zu spielen imstande ist, besser liest, schreibt und rechnet als die meisten der Schulabgänger ...

Weil sie den Enkel noch nebenbei unterrichten werden, die beiden Alten, unterbricht Dorothea den Hauslehrer feindselig.

Gewiss, stimmt der sofort zu, natürlich, das werden sie, und er schweigt fortan über dieses Thema. Denkt vielleicht ab und zu daran, während er seine Zöglinge sich auf dem Klavier produzieren lässt und sie Weihnachtsgedichte hersagen und Henriette „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ singt. Sie sieht den Baron dabei an, der finster vor sich hinblickt. Wahrscheinlich denkt er, vom Himmel komme sie nun gerade nicht her, diese Göre. Hat mir noch gefehlt, ein Mädchen, hab genug an drei Jungen, verdammte Bülowsche Verwandtschaft, erst Soldatenausbildung des Großen Königs bekritteln, Denkschrift an Friedrich schreiben, dann auf Geschriebenem bestehen, in Spandau eingelocht werden oder in Küstrin, weiß der Teufel, mir das Gör aufhalsen, keine Mutter, Vater auf Festung, Dorotheas Verwandtschaft das, könnte keinem Bernsdorf passieren ...

Henriettchen singt, mit hauchender Stimme, zaghaft, denn sie erinnert sich zu genau an „Das Röslein, das ich meine ...“

Sie fühlt sich seit diesem Weihnachtsfest geborgener in der Bernsdorffamilie, in die sie aus ihr unerklärlichen Gründen geraten ist. Unerklärlich auch die Ursache für dies neue Gefühl, das sie nicht zu benennen wüsste, über das sie auch keinesfalls nachdenkt; bewusst wird ihr allein eine anhaltende, beglückende Heiterkeit.

4

Jetzt war sie weit entfernt von solcher Heiterkeit.

Auf einen Wink der Baronin hatte Halina die Stubentür geöffnet, sie sahen die Kinder vor dem stelzfüßigen Kantor stehen, Henriette dachte: Zerlumpt und ausgehungert ... mitten im kalten Winter ..., und Tante wird keine Mohnstriezel verteilen und keine Geschenkpaketchen ...

Sie war ins Jetzt zurückgekehrt, aber diese Wirklichkeit schien ihr ein Traum zu sein, einer der unsinnigen, quälenden Träume, aus denen man nicht herauszufinden fürchtet. Sie horchte dem Holzschuhgeklapper nach, heiß vor Scham (trockene Brotstückchen in den Händen der Kinder); reglos auf ihrem Stuhl sitzend, ließ sie diesen Traum an sich vorbeiziehen, lieferte sich ihm aus, wehrlos, widerstandslos.

Die Familie, von Janke ins Nebenzimmer dirigiert, „zwanglos“ gruppiert um den Birkenbaum und den Flügel; drei Kerzen flackern zwischen den grünen Blättchen (drei nur, die schweren Zeiten, ja, seufzt Dorothea); unter der Birke die Geschenke.

Für jeden etwas. Kleinigkeiten nur. Die schweren Zeiten, ja.- Das war wieder Dorothea. Und auch dies: Ein gesundes Weihnachtsfest dann, meine Lieben, Frieden und Eintracht, wie der Joseph gerade so schön gesagt hat, ja. - Nun das Abgeküsse. Ich werde aufstehen müssen. - Komm doch, meine Liebe! - Das war dieser Janke, Gott, ja - mein Mann ...

Willenlos stand Henriette auf, ließ sich küssen, küsste wieder, begriff keineswegs, was für sie dort unter der Birke lag, was Janke ihr in die Hand drückte, welches Buch Joachim ihr zusteckte, heimlich, wie’s ihr vorkam. Küsste noch den Onkel, den alten Herrn, der als einziger nicht aufgestanden war, in seinem Lehnstuhl saß - mürrisch, aber anscheinend gerührt -, setzte sich wieder und war immer noch nicht aufgewacht. Sie hörte Dorothea nach dem Gesinde rufen.

Ein Schal für Tadeusz Piotrowski. - Danke, Frau Baronin, sagte er. Mehr nicht.

Ein wollenes Tuch für Halina. - Dank auch vielmals, gnä’ Frau. - Ein getragener Rock (schwarz, noch gut erhalten) für Maria Piotrowska. Ein leises „Danke, gnä’ Frau Baronin“, kaum zu verstehen. Maria, zwanzigjährig, klein, zierlich und hell wie ihre Mutter, knickste tief vor Baron und Baronin, die Augen fest auf die Erde gerichtet; das Gesicht, gerötet, wurde dunkelrot, als der Baron ihr gnädig (lüstern, denkt Henriette) Wangen, Hals und Nacken tätschelte.

In diesem Moment warf Henriette den Traum von sich. Erschrocken, befremdet entdeckte sie die Widerstandslosigkeit in sich, für wenige Sekunden nur erblickte sie diesen gefährlichen Feind der Seele, denn solcherart Entdeckungen haben die wunderbare Folge, dass das Entdeckte im Augenblick des Erkennens sich verflüchtigt, Erinnerung wird, und Auflehnung tritt an seine Stelle.

Sie stand auf und ging hinaus, wartete die „Bescherung“ von Kutscher, Köchin, Küchenmädchen, Stallmägden und Pferdeknechten nicht ab (die Kleinigkeiten würden immer kleiner werden), ignorierte mit verächtlichem Lächeln sowohl die erstaunten Blicke des alten Herrn und des Lieblingsvetters Joachim als auch die tadelnden der Tante, des Ehemanns, des ältesten Vetters.

Sie lief hinauf in ihr Zimmer (obwohl sie seit Langem mit Janke in Berlin wohnte, Behrenstraße, hatte sie ihr Zimmer im Bernsdorfschen Schloss nicht hergegeben), suchte in ihren Sachen, fand schnell, woran sie gedacht hatte: ihr bestes, weißseidenes Kleid. Legte es zusammen, lief wieder hinunter, fand noch alles wie gehabt, stellte sich mit strahlendem, unwiderstehlichem Lächeln vor Maria Piotrowska, sagte: Da, Kleine. Damit du übermorgen noch viel schöner aussiehst als jetzt. Und küsste sie.

Maria allerdings, Maria war mehr erschrocken als erfreut. Wegen dieses „übermorgen“. Weil doch der Baron noch gar nichts wusste. Nichts wissen sollte. Und weil es so ein unglaublich schönes Kleid war ...

Die Tür schloss sich hinter Kutscher, Mägden, Knechten, Köchin, hinter dem Leibburschen Tadeusz Piotrowski, der Zofe, Kinderfrau a. D., Serviererin, Vorsteherin des Gesindes (Mädchen für alles) Halina Piotrowska und hinter dem Stubenmädchen Maria Piotrowska, das demnächst Maria Lemke heißen will.

Würde nun peinliches Schweigen über die spärlich beleuchtete Birke fallen? Oder erbitterter Streit? Ach, Henriette, dass du es nicht lassen kannst ...

Aber Joachim spielt den Retter aus der Not, sitzt schon am Flügel, hämmert mit zornigem, aufgewühltem Gesicht die c-Moll-Fantasie des Johann Sebastian Bach, seine rechte Hand schlägt die Triller wie Alarmsignale. Ihm gegenüber steht Henriette, die Ellenbogen auf den Flügel, den Kopf in die Hände gestützt, sie sehen sich an. Kennst du das noch, fragt Joachim mit den Augen, und sie bestätigt ebenso: Ja, wie sollte ich nicht, spielte es oft genug, hörte es oft genug, von ihm gespielt, meinem Liebsten, oft genug, um es nicht zu vergessen. Doch wer weiß, vielleicht hätte ich’s auch dann nicht vergessen, wenn ich’s nur an diesem einen Tag gehört hätte, als wir Kinder waren ...

Weißt du noch, Henriettchen, damals erfuhren wir, dass es nicht nur den Carl Philipp Emanuel Bach gibt, sondern auch den Johann Sebastian gegeben hat ...

Ich weiß, Joachim ...

Sie nimmt endlich das Buch, das sie vorhin auf den Flügel geschoben hatte, unter einen Notenberg. Er, spielend, beobachtet sie, bestätigt ihre unausgesprochene Frage mit den Augen: Ja, Henriette, das ist endlich mein Buch, dahinein hab ich mich gerettet nach ihrem Tod, und nun geb ich’s dir, oder brauchst du es nicht mehr, hast du ihren Tod schon verwunden, vergessen?

Sie lässt seinen Blick los, blättert in dem Buch, Gedichte; sie liest, und als sie ihn wieder ansieht, verschwimmt ihr sein Gesicht hinter einem Schleier aus Tränen. Da sieht er auf seine Hände, als könnte er sonst die Fantasie nicht zu Ende bringen. Und sie hat das Buch wieder unter die Noten geschoben, hastig, als brenne es ihr in der Hand.

Außer Henriette klatschten alle, als Joachim aufstand.

Ja, die Musik! sagte die Baronin mit verträumtem Augenaufschlag. Henriette dachte erbittert: Ach, Tante. Das hätten Sie damals nicht gesagt, da hatte es Sie getroffen. Inzwischen haben Sie sich in Ihre Unverwundbarkeit gerettet, in diese leere Höhle, in der keine Blumen blühen, nicht einmal weiße, geschweige denn blaue ...

Der alte Herr indessen setzte seine Pfeife in Brand, langstielige Porzellanpfeife (die Bilder, bunt und zierlich, die den Pfeifenkopf schmückten, illustrierten verschiedene Punkte des preußischen Exerzierreglements). Ach was, Musik, sagte er, Pfeife zwischen den Zähnen, preußische Armeemusik, das ist Musik. Und Kompositionen König Friedrichs.

Aber Friedrich liebte doch die Musik, Onkel, auch diese!

Selbstredend würdigte der Baron die Nichte keines Wortes und Blickes (Weibergeschwätz !), wandte sich schroff mit dem ganzen Oberkörper in die entgegengesetzte Richtung, wodurch er sich mit seinem ältesten Sohn konfrontierte, dem gelangweilt vor sich hindösenden Friedrich. Vor dem Essen Streit gehabt, sagte der Baron, worum ging's?

Ach, mein Gott, dachte Henriette, nun geht das sicher wieder von vorn los: Das Genie Napoleon - der Tyrann Napoleon. Sieh an, genauso formuliert Friedrich das umstrittene Thema. Unsinn, brummte der Baron, weder Genie noch Tyrann, zu viel Ehre für den Emporkömmling, den Rebellenkaiser!

Es ist eine unbedingte Notwendigkeit für das kleine, besiegte Preußen, sich vor der Macht dieses Kaisers zu beugen, dozierte Janke mit sanfter Stimme, er ist die einzige Macht der Welt, die unsere polnischen Besitzungen vor der Unersättlichkeit des russischen Zaren schützen kann ...

Papperlapapp, unterbrach ihn der Baron, können uns selber schützen, ruiniert uns doch mit idiotischer Kontinentalsperre, das sieht ein Säugling ein, mit England muss man Handel treiben, aber nicht England schneiden, Blödsinn, so was, wir werden Getreideüberschuss haben, wohin damit, he?

Ach, das Getreide, sagte da Joachim. Als ginge es nur um Getreide, und er ist auch kein Rebellenkaiser, er ist ein Verräter an den heiligen Idealen der Neufranken, und der Tilsiter Frieden ist eine Schande für Preußen und ganz Deutschland, wir brauchen ein Bündnis gegen den Eroberer, nicht mit ihm, sind wir denn Franzosen, sind wir nicht Deutsche?

Blödsinn, knurrte der Baron, Deutsche? Scheißdreck. Preußen sind wir, fertig.

Joachim schüttelte den Kopf. Nein, Vater, sagte er, da könnt Ihr sagen, was Ihr wollt, ich bin zuerst einmal Deutscher.

Sieh da, unser Studierter, unser Dichter, höhnte Friedrich mit öliger Stimme, er hat entdeckt, dass er Deutscher ist, hat dir das dein hochverehrter Herr Fichte beigebracht, ja? Mit seinen aufrührerischen Reden? Eine Fata Morgana ist das - Deutschland. Und selbst als solche nur denkbar im Schutz Napoleons. Und meinst du denn, unser weiser König hat sich nichts dabei gedacht, als er den Frieden mit Napoleon abschloss? Willst du klüger sein als ein König aus dem Hause Hohenzollern, ja?

Ja, sagte Joachim. Sagte es spöttisch, unterließ die hitzige Rede, mit der er eben noch die „Fata Morgana“ widerlegen wollte. Fügte nur noch hinzu: „Sapere aude. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, Kant, Imanuel, verehrter Bruder. Doch um es zu beherzigen, bedarf es zunächst des Verstandes, mein Lieber. Kannst du mir folgen?

Er wird gleich platzen vor Ärger, dachte Henriette, während sie belustigt ihren Vetter Friedrich betrachtete, dessen blasses, knochiges Gesicht plötzlich rot gefleckt war, der vor Erregung zu stammeln begann und doch keinen vollständigen Satz entgegnen konnte, sodass Janke ihm mit wohlgesetzten Worten zu Hilfe eilte.

Da kehrte sie den Streitenden den Rücken, hörte nicht mehr auf ihre Reden, denn all das, was hier verhandelt wurde, schien ihr unentwirrbar verstrickt, aussichtslos verdunkelt, selbst ihr Vetter Joachim, wie er da stand und sich erhitzte, war ihr fremd, auch ihn begriff sie nicht. Aber morgen wird sie ihn fragen, warum er „zuerst einmal Deutscher“ ist. Warum nicht zuerst einmal Mensch, Joachim? Morgen.

Sie sah in den dunklen Park hinaus. Da hatte sie den alarmierenden Triller der Bachfantasie wieder im Ohr, gespielt jetzt weniger zornig, von Kinderhänden gespielt: Michel Marten, zehnjährig, vor dem Bernsdorfschen Flügel sitzend, im Sommer nach jenem Weihnachtsfest, das Henriette vor Kurzem gegenwärtiger gewesen war als das gegenwärtige.

5

Sie spielt mit den Vettern haschen. Durch den Park hinunter zum See wie die wilde Jagd. Herrmann ist nicht einzuholen, sosehr sich Joachim und Henriette auch anstrengen. Und Friedrich, der Älteste zwar, aber sehr behäbig, bleibt weit zurück.

Gemessenen Schritts folgt Joseph Janke, der junge Hauslehrer, ein Buch in der Hand, ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Die Kinder spüren seine Zufriedenheit, spüren, dass er sie heute nicht stören wird beim Herumtollen, nicht mit lateinischen Exerzitien, nicht mit französischer Konversation; der Zusammenhang zwischen seiner zeitweiligen Ungefährlichkeit und der Ausfahrt von Baron und Baronin ist ihnen unklar, wäre ihnen gleichgültig.

Auch Halina wird sie nicht belästigen, nicht einmal beaufsichtigen. Sie spielt mit ihrem einjährigen Adam, ruft ihn mit fremd klingenden Kosenamen, bittet ihn mit liebevollem zweisprachigen Gestammel um Verzeihung für alle vergangenen und noch bevorstehenden Einsamkeiten. Und Adam kräht glücklich. Man hört sein Krähen im Park nicht.

Man hört ein Aufklatschen und einen Aufschrei, beides aus dem Schilf.

Die Bernsdorfjunker und das Henriettchen stehen erschrocken still, starren zum See. Prädikant Janke fährt von der Bank hoch, auf die er sich gerade gesetzt hat. Das Buch noch in der Hand, läuft er mit Schuhen ins Wasser, kommt, ein triefendes, sich sträubendes Bündel im Arm, zurück, sorgfältig bemüht, das Buch nicht zu verderben. Es fällt ihm dann doch aus der Hand, als er seinen Fund absetzt - ohne ihn loszulassen freilich -, es blättert auf: ein Werk Emanuel Swedenborgs, des Mystikers aus Schweden.

Bist du nicht der Marten-Michael?

Nicken. Schniefen.

Und was hast du zu suchen, dort, im Schilf?

Schweigen.

Kannst du nicht reden?

Ich kann.

Und willst nicht sagen, was du zu suchen hattest im Schilf?

Nein. Das heißt - doch. Nichts hatte ich dort zu suchen.

Aha!

Das klingt drohend - trotzdem: Janke ist ratlos. Denn was soll er tun? Den Jungen durchprügeln. Das täte der Baron. Mit seinem Knotenstock. Eigenhändig. Also wird er, Joseph Janke, es nicht tun. Aber es wird sich nicht verheimlichen lassen, dass hier jemand eingedrungen war, man wird sich rechtfertigen müssen ...

Er sieht seine Zöglinge an; Neugierde, Schadenfreude, ein wenig hochmütige Herablassung.

Frierst du? Bist du aber nass! sagt Henriette.

Er muss sich umziehen, sagt Joachim.

Man erkältet sich sonst, ergänzt Herrmann.

Michel Marten lächelt überlegen.

Selber schuld, sagt Friedrich. Was hat er auch hier zu suchen!

Na, wiederholt er Jankes Frage, was hattest du hier zu suchen?

Sagte ich schon. Nichts.

Mein Vater wird dich durchprügeln, droht Friedrich stolz.

Herrmann, erschrocken: Soll er schnell fortgehen, ja, Janke?

Denkst wohl, ich hab Angst? trumpft Michel auf.

Ha, hast seinen Knotenstock noch nicht gesehen!

Hab ich doch! Zuletzt gestern in der Kirche.

Da warst du gar nicht, sagt Joachim. Wir waren alle da, aber du nicht.

Die drei anderen nicken.

Michel Marten lacht. Weil ihr mich nicht gesehen habt, war ich also nicht da. Seid ihr aber klug!

Gib nicht so an, sagt Herrmann beleidigt. Natürlich sind wir klüger als du. Du könntest nun endlich verschwinden.

Wollen wir ihn verhauen? fragt Friedrich, seine Augen glitzern plötzlich böse.

Er ist kleiner, sagt Herrmann verächtlich, großmütig.

Michel reckt sich, um größer zu scheinen. Wenn ihr mich schon nicht gesehen habt in der Kirche - gehört habt ihr mich.

Wieso? fragt Henriette neugierig.

Wieso? äfft er sie wütend nach, weil ich gespielt habe.

Jawohl, die Orgel gespielt, schreit er, stampft sogar mit dem Fuß auf, denn sie lachen, außer Henriette und Prädikant Janke lachen alle.

Herrmann, plötzlich ernst und würdig, sagt: Nun hör aber mit den Angebereien auf, sonst setzt es doch noch was. Gespielt hat natürlich dein Großvater, meine Mutter hat gesagt, es war sehr, sehr schön, und dein Großvater ist ein Meister. Aber du bist ein Angeber.

Wetten, dass ich es war?

Sie lachen wieder.

Was willst du denn verwetten, du dummer Kerl, sagt Friedrich, vielleicht deine jämmerliche Hose? Oder das ludrige Hemd? Oder hättest du sonst noch was anzubieten?

Michel wird weiß. Seine Finger krampfen sich zusammen, ohne dass er es merkt, aber alle sehen die kleinen, nassen Fäuste, gleich werden sie Friedrich ins Gesicht fahren.

Du bist gemein, Friedrich, ruft Henriette empört. Gemein, echot Joachim, sogar Herrmann nickt, widerwillig zwar, aber er nickt, und Michels Fäuste fahren nicht in Friedrichs Gesicht.

Soll er doch beweisen, was er behauptet, sagt Herrmann spöttisch. O ja, er soll uns vorspielen, ruft Henriette und hüpft von einem Bein aufs andere, jetzt gleich soll er spielen!

Alle sehen sie Janke an.

Janke zweifelt nicht daran, dass Michel Marten beweisen könnte, was er behauptet hat. Janke weiß, dass gestern nicht der alte Marten, sondern sein Enkel die Orgel gespielt hat. Er könnte das einfach sagen. Hätte es längst sagen können.

Die Kinder begreifen sein Zögern nicht. Ungeduldig wiederholt Henriette: Jetzt gleich soll er spielen, ja? Jetzt gleich, so kommt doch!

Da nickt Janke, widerstrebend nickt er, und doch ist Erleichterung in seinen runden Augen und sogar Freude. Oder ist es Furcht?

Die Kinder geraten in Bewegung, wollen den schmutzigen, nassen Eindringling zum Schloss ziehen.

Das geht nun freilich nicht. Janke schickt ihn nach Hause, durch das Schilf zurück. Nachher, sagt er, kommst du, gewaschen und umgezogen, durch den Haupteingang ins Schloss, verstanden?

Und wenn man mich fortjagt?

Halina wird dich am Hoftor erwarten.

Janke dreht sich plötzlich um, nimmt Henriette an die Hand, geht eilig mit ihr in den Park, zum Schloss. Die Bernsdorfjunker folgen. Jankes Abgang gleicht einer Flucht. Ganz in Gedanken versunken, steigt er die Freitreppe hinauf, Henriette hüpft auf einem Bein von Stufe zu Stufe, Janke vergisst, sie deswegen zu tadeln.

Henriette ist erregt. Sie hat „Das Röslein, das ich meine“ nicht vergessen. Gleich wird er kommen, denkt sie. Wie lange braucht er, um sich zu waschen und umzuziehen?

Die Zeit läuft im Schneckengang. Was tut er so lange, denkt Henriette. Sie hat es sich später, viel später, ganz genau von ihm erzählen lassen.

Michel Marten trottet zum Schulhaus. Verdächtige Ruhe herrscht dort. Sollte der Nachmittagsunterricht schon zu Ende sein?

Nirgends eine Spur von Großvater Marten. Michel versucht, die schwere Truhe zu öffnen, dort liegt seine gute Hose und das weiße Hemd. Es gelingt ihm nicht.

Und wenn er einfach nicht wieder ins Schloss geht?

Ausgeschlossen. Ganz unmöglich.

Also den Großvater suchen. Im Stall, bei Ziege, Schaf und Schwein. Im Garten. Auf dem Kartoffelacker. Im Bienenhaus. Letzte Möglichkeit: bei Großvater Schulz. Denn Michel hat zwar weder Vater noch Mutter, noch Großmutter, dafür aber zwei Großväter. Zusammenhänge sind ihm unklar. Großvater Schulz - das ist der Pfarrer Mathias Schulz, Großvater Martens Freund seit vielen, vielen Jahren, viel mehr weiß Michel nicht darüber. Nur noch, dass sie als Kinder beim Johann Sebastian Bach in die Schule gegangen sind und im Thomanerchor gesungen haben. Und dass Großvater Schulz immer „ein bisschen mehr Glück“ gehabt hat als Großvater Marten, weshalb er studieren durfte und Pfarrer werden (Glück hatte mit Geld zu tun, in diesem Fall zumindest), während Großvater Marten nicht Musiker werden konnte, aber „eigentlich sehr, sehr froh“ war, dass sein alter Freund ihn hierher nach Bernsdorf geholt hat, wo er Lehrer und Küster und Bauer und Tierarzt und Bienenzüchter ist und des Nachts in seinem Zimmer sitzt und Noten zu Papier bringt oder Bücher liest. Und dann gab es noch ein Unglück, dass beide Großväter gleichermaßen und wohl auch gleichzeitig betroffen hat und dass irgendwie mit ihm, Michel Marten, zusammenhängt, über das er aber nichts Genaues erfahren konnte. Und schließlich ist da noch ein Geheimnis, das die beiden verwitweten Alten miteinander haben, denn sie hocken häufig im Pfarrhaus hinter verriegelten Türen und verhängten Fenstern zusammen, und beim Spähen durchs Schlüsselloch hat Michel allerlei Merkwürdigkeiten erblickt: blaue Vorhänge, brennende Kerzen, unerklärliche Geräte, die neben einer Bibel und einem Hammer angeordnet waren, und seltsames Gemurmel hat er vernommen, und Prädikant Janke ist nach einem rhythmischen Klopfen an der Tür eingelassen worden. (Michel hat sich hastig in der Küche versteckt.) Am nächsten Tag ist er in das betreffende Zimmer eingedrungen, hat aber nichts, gar nichts Bemerkenswertes entdecken können, sogar die Leuchter waren verschwunden ...

Nun läuft er also zum Pfarrhaus hinüber; ohne sich aufzuhalten, ohne nachzudenken, stürmt er ins Wohnzimmer und - prallt zurück. Im ersten Augenblick, so erzählte er es später Henriette, sah ich nichts als die Kerzen und das hellblaue Tischtuch. Dann die beiden Alten, wie sie mich entsetzt anstarrten, denn sie hatten ja vergessen, die Tür zu verriegeln. Auf dem Tisch lag die Bibel. Daneben ein Hammer. Das übrige wusste ich damals nicht zu benennen: Winkelmaß, Zirkel, Senkblei, eben alle diese Symbole, die bei den Freimaurern üblich sind. Denn in eine Freimaurerloge war ich hineingeraten, eine Zweimannloge, stell dir das vor! Mit Janke standen sie sich nicht mehr zum besten, der redete schon zu viel von Stein und Weisen und Lebenselexier, vom Goldmachen und Geisterbeschwören, das war nichts für meine Großväter. Oder vielmehr: das war für sie wie das rote Tuch für den Stier, verstehst du? Sie haben sich später redliche Mühe gegeben, mir das zu verleiden, ihre Schuld war es gewiss nicht, dass ich Janke und Kienast auf den Leim gegangen bin. Wessen Schuld denn? Meine natürlich, Henriette! Oder soll ich sagen: die Schuld meiner Neugier? Und meiner Ungeduld? Ist es nicht ein verlockender Gedanke: Du findest den Stein der Weisen, und plötzlich hast du alles, was du brauchst, weißt auf alle Fragen eine Antwort, eine endgültige, unbestreitbar richtige Antwort? Die absolute Wahrheit, hinter der nichts mehr zu suchen ist? Das war für mich so verlockend, dass ich Lessing und Herder und Voltaire - kurz, die ganze Aufklärung darüber vergaß, die meine beiden Alten mir beigebracht hatten, einfach vergaß, Henriette. Für lange, lange Zeit. Wie ein Rausch war das. Und sogar das gefiel mir - dieser Rausch, dieses Geheimnisvolle, diese Aufregungen. Auch an der Freimaurerei meiner Großväter hatten mich von Anfang an die geheimnisvollen Riten und Symbole am meisten fasziniert. Die beiden hielten zwar keine Verbindung mehr zur Großen Landesloge in Berlin; ihr Leitspruch war Lessings Satz, dass Loge sich zur Freimaurerei verhalte wie Kirche zum Glauben: Sie hielten viel von Freimaurerei und Glauben, wenig oder gar nichts von Loge und Kirche. Und trotzdem spielten sie gern mit den freimaurerischen Riten und Formeln und Symbolen; so ein bisschen Theater brauchten sie eben für ihr seelisches Gleichgewicht.

Und da war ich ihnen nun hineingeplatzt. Ihre entsetzten Gesichter bezogen sich nicht nur auf mein Eindringen. Sie hatten einen Brief vor sich liegen, und sie weinten. Wirklich, sie weinten. Am meisten Großvater Marten, den schüttelte es richtig vor Weinen. Großvater Schulz, der knochendürre, bleiche Mann, hatte nur noch ein paar Tränen auf seinem schwarzen Schnauzbart sitzen. Und redete mit mir. Ich sei nun einmal da, sie hätten vor Aufregung vergessen, die Tür zu verschließen, das alles seien Freimaurersymbole, und ich brauche keine Angst davor zu haben - hatte ich auch gar nicht -, und der Brief sei aus Hamburg, von ihrem gemeinsamen Freund Karl-Ernst Suhrbier, und Lessing sei tot, schon seit dem Februar. So lange schon, wir hatten April oder Anfang Mai. Suhrbier hatte nicht gleich geschrieben, oder die Post war irgendwo hängen geblieben, wie üblich, jedenfalls erschütterte die beiden anscheinend am meisten, dass Lessing schon bald ein Vierteljahr tot war und sie in ihrem abgelegenen Nest es nicht eher erfahren hatten. Sie hatten also den Brief vor sich und ein paar Lessingbände und noch eine Menge handbeschriebener Blätter, und sie hießen mich sitzen und lasen aus diesen Blättern, vorher sagten sie mir, es seien Äußerungen Lessings über die Freimaurerei, von Freunden abgeschrieben, unter Freunden von Hand zu Hand gereicht. Ich verstand fast nichts. Ich rutschte ungeduldig auf meinem Stuhl hin und her. Ich war schließlich sehr in Eile. Aber plötzlich horchte ich auf. Da las Großvater Schulz - später hab ich’s auswendig gelernt, Henriette! -: „Zum Besten der Menschheit kann niemand beitragen, der nicht aus sich selbst macht, was aus ihm werden kann und soll, Herder.“ Ich klapperte inzwischen mit den Zähnen, denn ich war noch immer ziemlich nass, und zähneklappernd rief ich: Wenn das wahr ist, muss ich mich jetzt aber gleich umziehen und aufs Schloss. Ich soll vorspielen. Und so, wie ich jetzt friere, kann ich morgen erfroren sein.

Da hättest du die Alten sehen sollen! Wie sie ihr Zeug liegen ließen und um mich rum waren. Sie kamen gar nicht auf die Idee, zu schimpfen wegen der nassen Sachen. Oder auch nur zu fragen, wie ich denn ins Wasser gekommen war. Großvater Marten vor allem, der mümmelte immer vor sich hin: Jaja, aus dir soll was Bessres werden als aus unsereinem! Sodass ich schließlich sagte: Großvater, wenn ich so gut spielen könnte wie Sie, wär ich wohl ganz zufrieden, warum was Bessres, und all die Noten, die Sie schon aufs Papier geschrieben haben! Ach Junge, Junge, jammerte er, was nützt das alles, hab doch den Kontrapunkt nicht studiert, wird doch nichts, kann doch nichts ... aber du, du wirst lernen, Junge - und so fort, mir wurde ganz schwindlig. Da fiel mir ein: Ich hatte mit keinem Wort erwähnt, dass die Einladung nur von Janke und den Kindern kam, dass ich Baron und Baronin selbst hatte fortfahren sehen. Jetzt tat es mir leid, das nachzutragen, sie wären zu sehr enttäuscht gewesen, meine beiden Alten. Und du weißt ja - es war unnötige Besorgnis.

Halina bringt ihn ins Terrassenzimmer; seine Haare sind noch nass.

Er setzt sich an den Flügel, spielt ohne Zögern und fehlerlos alle Choräle des gestrigen Sonntags herunter.

Na ja, sagt Friedrich bedächtig, ganz schön. Aber Klavier und Orgel ist doch wohl ein kleiner Unterschied.

Das ärgert Michel. Da schlägt er den Triller aus der c-Moll-Fantasie an. Bricht ab, sieht alle mit überlegenem Lächeln an, spielt die ganze Fantasie, nicht fehlerfrei, ihn stört jeder Schnitzer, aber sie merken nichts, das sieht er, sie stehen stumm vor Bewunderung.

Niemand hört Dorothea hereinkommen. Sie sitzt nun auf dem Lehnstuhl, die Hände im Schoß, den Blick unverwandt auf das spielende Kind gerichtet, Tränen in den Augen.

Als er fertig ist, sagt sie: Bestell deinem Großvater, du kannst ab morgen jeden Nachmittag aufs Schloss kommen, wenn Henriette und Joachim Unterricht haben, und kannst mit ihnen lernen. Und nun geh.

Aber der Herr Baron ...? fragt Janke zögernd.

Lass Er das meine Sorge sein, sagt sie ruhig.

6

Henriette zuckte zusammen, als Joachim ihr den Arm um die Schultern legte. Wo warst du? fragte er leise.

Sie lächelte schwach. Weit fort, sagte sie. Diese ewige Sehnsucht nach rückwärts. Man darf ihr wohl nicht nachgeben. Sie ist sicher gefährlich ...

Ich weiß nicht, sagte er nachdenklich. Vielleicht ist sie gut? Wie schön und groß und wohlgeordnet war das deutsche Reich unter einem Friedrich Barbarossa, Henriette. Vielleicht ist es gut, sich danach zu sehnen?

Sie sah ihn verständnislos an. Nun reden sogar wir beide aneinander vorbei, dachte sie traurig.

Katholisch müsste man werden, sagte er scheinbar ohne Zusammenhang.

Bist du verrückt? rief sie erschrocken.

Wieso verrückt, Henriette?

Da klopfte es. Tadeusz Piotrowski steckte seinen grauen Kopf vorsichtig zur Tür herein. Zwei französische Offiziere, wenn’s gestattet ist, sagte er, leicht stotternd vor Aufregung, sie sind vor Kurzem eingetroffen, als Ersatz für diesen ertrunkenen Leutnant, wollen den gnädigen Herrschaften ihre Aufwartung machen, wenn’s gestattet ist, wollen sich anscheinend auch hier einquartieren, wenn’s gestattet ist.

Aber wer hat hier zu gestatten, ist wohl die Frage ...

Jedenfalls dachte Michel Marten das, als er nun hinter Jean-Pierre ins Zimmer trat. Die Herrschaften gestatten? fragte Jean-Pierre freundlich und in vorschriftsmäßiger Haltung, Leutnant Carnette, Leutnant Marten (er spricht Michels Namen französisch aus), der Einquartierung in Bernsdorf zubeordert, man wird uns doch im Schloss beherbergen?

Sein breiter Rücken verdeckt mich fast ganz, dachte Michel, das ist gut. Dazu diese Dämmerbeleuchtung. Wie eilfertig Friedrich aufgesprungen ist und sich vorstellt mit sämtlichen Titeln und Ämtern (Baron Friedrich von Bernsdorf, Geheimer Oberfinanzrat, königlicher Kabinettsminister, zurzeit beurlaubt), weit hat er’s gebracht, fürwahr, aber wie seine Augen flackern, wie unsicher er ist ... Und so sieht also Joseph Janke heute aus. Von Janke, bitte. Hofrat, Kabinettssekretär. Auch zurzeit beurlaubt. Das kupferbraune Haar gelichtet. (Die alte Perücke wird er jetzt praktisch finden und wird ihr nachtrauern. Aber man geht mit der Zeit, wenn man von Janke heißt.) Und feist ist er geworden. Beflissenheit in allen Knopflöchern. Und in den Augen, vor allem in den Augen. Groß und rund und blau, wie sie sind, erinnern sie am ehesten an Knöpfe, immer noch. Als ich diese Knöpfe zum ersten Mal dicht vor mir hatte (war das ein Schreck, das kalte Wasser, ich hatte so schön geträumt auf meinem Baumstamm), da schienen sie mir vertrauenerweckend. Da war etwas Bekanntes in ihnen. Wie lange das her ist ...

Er hat mich ebenso wenig erkannt wie Friedrich. Oder tun sie nur so? Der Baron steht nicht einmal auf. Natürlich. Verbirgt auch nicht die Feindseligkeit, sie steht ihm im Gesicht geschrieben. Gut, also unterlassen wir die Begrüßung. Nur zwei hatten es eilig damit. Aber zwei Maulwürfe. Was hattest du eigentlich anderes erwartet, Michel Marten? Was anderes als dies verlegene, feindselige oder unterwürfige Schweigen? Offene Arme? Freundschaft? Hoffnung? Das alles hast du auch im übrigen Preußen vergebens gesucht, Michel Marten.

Er stand noch immer im Schatten des breitschultrigen Jean-Pierre, er hatte Henriette noch gar nicht gesehen, die ihn hier am meisten anging.